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Mit diesem Wissen fahndete die Polizei ab dem 5. Januar 1991 konkret nach Wuornos. Sie hielt sich vermutlich noch im Bundesstaat Florida auf, sodass sich die Fahndung zunächst auf dieses Gebiet konzentrierte. Am Abend des 8. Januar meldeten die Beamten Mike Joyner und Dick Martin, die Verdächtige in einer Bar in Port Orange gesichtet zu haben. Beide Polizisten waren für eine Undercover-Operation im Drogenmilieu abgestellt und konnten sich in der Kneipe aufhalten, ohne Verdacht zu erregen.

Die Sonderkommission beschloss daher, Aileen Wuornos nicht unmittelbar zu verhaften. Joyner und Martin sollten stattdessen versuchen, mit der Frau in Kontakt zu kommen. Möglicherweise plauderte sie etwas aus, was sich später vor Gericht gegen sie verwenden ließ. Außerdem fehlte von der zweiten Verdächtigen zu diesem Zeitpunkt noch jede Spur. Eventuell konnte man mit der Observation zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Doch bevor sich noch Joyner und Martin der Frau nähern konnten, betraten plötzlich Beamte der örtlichen Polizei den Laden und nahmen Wuornos mit. Man hatte versäumt, die Kollegen über die verdeckte Operation in Kenntnis zu setzen. Joyner rief den Kommandoposten der SOKO an, den man im „Pirate’s Cove Motel“ aufgeschlagen hatte. Von dort aus informierte man die zuständige Polizeiwache in Port Orange, um die sofortige Freilassung der Frau zu erreichen. Aileen Wuornos kehrte daraufhin in die Bar zurück.

Joyner und Martin verwickelten die Verdächtige anschließend in ein Gespräch und spendierten ihr ein paar Drinks. Gegen 22.00 Uhr verließ Wuornos die Kneipe. Wieder kam es zu einer unvorhergesehenen Begegnung mit der Polizei. Dieses Mal entdeckten zwei Beamte des Florida Department of Law Enforcement die Frau, als sie die Ridgewood Avenue entlangging. Sie folgten ihr langsam im Auto.

Last Resort

Dem Observationsteam fiel das Polizeifahrzeug auf. Die Meldung erreichte die SOKO rechtzeitig, um eine weitere Verhaftung zu verhindern. So konnte Wuornos ungehindert ihr Ziel erreichen, die Bar „Last Resort“. Joyner und Martin folgten ihr dorthin, schmissen weitere Runden, konnten Wuornos letztlich aber keine relevanten Informationen entlocken. Gegen Mitternacht zogen die beiden Undercover-Polizisten schließlich ab. Wuornos schlief ihren Rausch auf einem ausrangierten Pkw-Rücksitz aus, der im „Last Resort“ als Bestuhlung diente.

Am nächsten Nachmittag unternahmen Joyner und Martin einen weiteren Anlauf. Dieses Mal waren sie verkabelt, um das Gespräch mit der Verdächtigen aufzuzeichnen. Sie trafen Wuornos erneut im „Last Resort“. Dort bekamen sie mit, dass im Laufe des Abends vor der Bar ein Barbecue stattfinden sollte. Ein Haufen Biker würde zum Grillen erscheinen. Das bedeutete potenziellen Ärger, wenn es zur Verhaftung kommen sollte.

Die SOKO überdachte ihre Strategie. Die beiden Undercover-Beamten sollten Wuornos aus dem Laden bringen, bevor die Rocker erschienen. Draußen vor der Bar warteten Polizisten des Volusia County Sheriff Department und nahmen die Frau offiziell fest.

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By RustyClark (hottnfunkyradio.com) from merritt usland FLA – The Last Resort / Port Orange, FL, CC BY 2.0, Link

Die zweite Frau

Die Beamten nannten der Verhafteten keinen Grund für die Festnahme. Auch die Medien wurden vorläufig nicht unterrichtet. Die Behörden hatten guten Grund, so vorzugehen. Denn noch fehlte jede Spur von der Tatwaffe und von der möglichen Komplizin Tyria Moore.

Am 10. Januar konnte die Polizei schließlich auch Moore ausfindig machen. Sie war inzwischen bei ihrer Schwester in Pittston (Pennsylvania) untergeschlüpft. Zwei Beamte der SOKO – Jerry Thompson und Bruce Munster – flogen nach Pennsylvania, um sie dort zu vernehmen.

Sie verlasen der Frau zwar ihre Rechte, legten ihr aber zunächst keine Verbrechen zur Last. Mit anderen Worten: Man vernahm sie nicht als Beschuldigte, sondern als Zeugin. Sie sollte jedoch unter Eid aussagen.

Unterdrückte Geständnisse

Tyria Moore gab an, sie habe bereits Verdacht geschöpft, als ihre Freundin Aileen „Lee“ Wuornos eines Tages einen Wagen mitbrachte, der ihr nicht gehörte. Lee habe ihr gegenüber geäußert, dass sie an diesem Tag einen Mann umgebracht habe. Dabei musste es sich um Richard Mallory, das erste Mordopfer, gehandelt haben, wie die weiteren Recherchen ergaben.

Doch sie habe ihre Lebensgefährtin sogleich unterbrochen, wie Tyria Moore beteuerte: „Ich sagte ihr, dass ich nichts darüber wissen wolle. Und jedes Mal, wenn sie danach nach Hause kam und eine weitere Andeutung machte, habe ich ihr gesagt, ich will nichts davon wissen.“

Sie gab zu, dass sie geahnt habe, dass Wuornos weitere Verbrechen begangen habe. Aber sie habe ihre Befürchtungen verdrängt und alles getan, um nicht zur Mitwisserin zu werden. Je mehr sie tatsächliche Kenntnis von den Verbrechen gehabt hätte, umso mehr hätte sie sich gedrängt gefühlt, die Behörden zu informieren.

Und das wollte sie nicht. Sie wollte ihre Freundin nicht verlieren. Außerdem hatte Moore Angst vor ihrer Partnerin: „Sie hat mir zwar immer versichert, sie würde mir niemals wehtun. Aber man konnte ihr nicht trauen. Also wusste ich nicht, wie sie reagieren würde, falls ich zur Polizei ging.“

Eine Falle

Am nächsten Tag begleitete Tyria Moore die Beamten Munster und Thompson zurück nach Florida, um sie bei den weiteren Ermittlungen zu unterstützen. Ein Geständnis von Wuornos würde die Anklage praktisch wasserdicht machen. Die Polizisten erläuterten der Zeugin während des Flugs, wie sie dazu vorgehen wollten.

Sie würden Moore in einem Motel in Daytona einquartieren. Von dort sollte sie Kontakt zu Wuornos im Gefängnis aufnehmen. Die Telefongespräche würden aufgezeichnet werden. Sie sollte ihrer Freundin erzählen, dass sie Geld von der Mutter bekommen habe und nun den Rest ihrer Sachen in Florida abholen wolle.

Moore sollte Wuornos darüber hinaus mitteilen, dass die Ermittler auch ihre Familie befragt hätten. Offensichtlich wolle die Polizei Wuornos die ungeklärten Morde in Florida anhängen. Außerdem solle sie ihrer Lebensgefährtin einreden, dass sie nichtsdestotrotz von ihrer Unschuld überzeugt sei. Munster und Thompson hofften, dass Wuornos dann am Telefon ein Geständnis ablegen würde.

Der erste Anruf erfolgte am 14. Januar. Als Moore auf die Morde zu sprechen kam, beruhigte Wuornos sie: „Die haben mich nur wegen dieser Waffengeschichte aus 1986 und einem Knöllchen eingebuchtet. Und ich sag dir was. Ich lese Zeitung. Da werde ich mit keinem Wort als eine der Verdächtigen erwähnt.“

Wuornos war jedoch misstrauisch. Sie konnte zwar nichts von der Falle wissen, die ihr die Polizei mithilfe von Tyria Moore stellte. Aber sie ging einfach davon aus, dass die Gefängnisleitung jedes Telefonat überwachen würde. Also benutzte sie scheinbar unverdächtige Umschreibungen in ihren Gesprächen mit Moore.

Drei Tage lang setzten sich die Anrufe fort. Moore schnitt immer wieder das Thema Morde an. Wuornos versuchte sie zu beruhigen: „Wenn die Bullen nicht locker lassen, liefer ihnen einfach, was sie hören wollen. Ich werde dich decken, weil du unschuldig bist. Ich werde nicht zulassen, dass sie dich ins Gefängnis stecken. Falls ich dazu auspacken muss, werde ich es tun.“ Und so kam es auch.

Das Geständnis

Die Ermittler begriffen Wuornos‘ Worte als Einladung, sie jetzt endlich mit den Mordvorwürfen zu konfrontieren. Am 16. Januar legte Aileen Wournos im Zuge dieses Verhörs ein umfassendes Geständnis ab.

Zunächst stellte sie klar, dass Moore an keinem der Morde beteiligt gewesen sei. Darüber hinaus betonte sie nachdrücklich, dass auch sie selbst keine Schuld im eigentlichen Sinne treffe. Denn sie habe sich ausschließlich selbst verteidigt. Jedes spätere Opfer habe sie zunächst tätlich angegriffen, um sie mutmaßlich zu vergewaltigen oder zu töten.

Doch ihre Schilderung der Tatumstände veränderte sich mit der Zeit. Die verhörenden Beamten gewannen den Eindruck, als würde sie ihre Erzählung weiterspinnen und mit zusätzlichen Details ausschmücken, während sie darüber sprach. Sobald Wuornos das Gefühl hatte, sie habe sich irgendwie mit einer Bemerkung möglicherweise selbst belastet, revidierte sie diesen Teil des Geständnisses und erzählte ihn später neu.

Der Pflichtverteidiger Michael O’Neill riet seiner Mandatin zwar, zu schweigen: „Ist Ihnen eigentlich klar, dass diese Typen Polizisten sind?“ Wuornos antwortete nur: „Ich weiß. Und sie wollen mich hängen sehen. Aber das ist schon in Ordnung. Denn vielleicht habe ich es auch verdient. Ich möchte das einfach hinter mich bringen.“

Im Scheinwerferlicht

Infolge der spektakulären Enthüllungen wurden allen Verfahrensbeteiligten lukrative Buch- und Filmangebote unterbreitet, darunter natürlich auch solche, die sich direkt an die Beschuldigte Aileen Wuornos richteten. Wuornos schien alsbald zu glauben, dass sie Millionen mit ihrer Geschichte verdienen könne. Ihr war allerdings nicht klar, dass der Bundesstaat Florida in der Vergangenheit ein Gesetz erlassen hatte, dass Straftätern untersagte, irgendeinen Profit aus ihren kriminellen Handlungen zu ziehen.

Aber neben dem Geld gab es ja auch noch den vermeintlichen „Ruhm“. Wuornos war plötzlich Thema Nummer eins in allen regionalen und nationalen Medien. Sie genoss die Aufmerksamkeit und redete mit allen, die ihr zuhörten, einschließlich der Mitarbeiter des Bezirksgefängnisses von Volusia. Mit jedem Gespräch verfeinerte sie ihre Erzählung und rückte sich jedes Mal in ein besseres Licht.

Vor diesem Hintergrund gab es auch berechtigte Zweifel an Details, die Aileen Wuornos über ihre Kindheit und Jugend geäußert hatte. Mehrere Autoren haben deshalb in der Vergangenheit auch mit Verwandten und Bekannten der Familie gesprochen, um ihre Behauptungen zu überprüfen. Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass sich nicht jede Angabe verifizieren ließ, aber Wuornos alles andere als eine normale Kindheit durchlebte, wie immer man „normal“ auch konkret definieren will.

 

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