Jimmy Hoffa wurde 1913 in Brazil, Indiana, geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitete als Bergmann und verstarb an einer Lungenkrankheit, als Jimmy Hoffa noch ein Kind war, woraufhin die übrige Familie 1924 nach Detroit zog. Hoffa ging mit 14 Jahren von der Schule ab und suchte sich eine Arbeit. Die Familie war auf den Verdienst angewiesen. Interessanterweise war Hoffa jedoch niemals in seinem Leben als Lastkraftfahrer tätig, obwohl sein Name immer in einem Atemzug mit der Transportarbeitergewerkschaft genannt werden sollte. Von Hause aus war Jimmy Hoffa eigentlich Lagerarbeiter bei einer Lebensmittelkette.

Hoffa legte sich schon als junger Mann mit seinem Arbeitgeber an. Er beschwerte sich wegen der schlechten Arbeitsbedingungen und des Lohndumpings, mit dem sein Boss die Not vieler Arbeiter ausnutzte. Hoffa ließ sich nicht durch Drohungen einschüchtern und blieb in seinen Forderungen hart. 1932, mit 19 Jahren, organisierte Jimmy Hoffa seinen ersten erfolgreichen Streik. Vor allen Dingen scharrte er seine Kollegen, von den viele beträchtlich älter waren als er, hinter sich. Der toughe Junge war der geborene Anführer. Das fiel auch den Gewerkschaftlern in Detroit auf. Als es der Kroger Food Company, für die Hoffa arbeitete, 1936 endlich gelungen war, den aufmüpfigen Angestellten rauszuschmeißen, bot ihm die Transportarbeitergewerkschaft prompt einen neuen Job an.

Jimmy Hoffa, der gewiefte Taktiker

In der Transportarbeitergewerkschaft organisierten sich Fernfahrer und Lagerarbeiter. In den 1930ern und 1940 formte Jimmy Hoffa diese Organisation zu einer der größten und einflussreichsten Gewerkschaften im ganzen Land – trotz massiver Widerstände von Arbeitgeberseite und deren Verbündeten in der Politik. Die Teamsters, wie sich die Gewerkschaft in den USA nannte, verzeichneten unter Hoffas Führung insbesondere im Mittleren Westen gewaltige Zuwachsraten. 1933, bei seinem Eintritt in die Gewerkschaft, gab es 75.000 Mitglieder. Bis 1951 hatte Hoffa diese Zahl auf 1 Million Transportarbeiter gesteigert.

Hoffa hatte durchaus ein plausibles Motiv für die Mitgliederwerbung. Denn die Gewerkschaft zahlte ihm kein monatliches Gehalt. Er bekam stattdessen Prämien für neu angeworbene Mitglieder. Hoffa überzeugte die Arbeiter, indem er mutig voranschritt. Allein 1933, seinem ersten Jahr als Gewerkschaftsfunktionär, wurde er 24 Mal von bezahlten Streikbrechern oder Polizisten zusammengeschlagen. Doch Hoffa kehrte immer wieder zurück. Legendär ist zum Beispiel die Geschichte, als er innerhalb eines einzigen Streiktages 18 Mal von der Polizei verhaftet wurde. Und 18 Mal begab er sich nach seiner Freilassung sofort wieder zu den Streikposten zurück. Der Mann hatte unbestritten Stehvermögen, Courage und Charisma. Das kam bei den Arbeitern an.

Jimmy Hoffa verdankte seinen Aufstieg jedoch vor allen Dingen der Tatsache, dass er ein gewiefter Taktiker war. Bevor Hoffa auf der Bildfläche erschien, war der Generalstreik das bevorzugte Mittel im Arbeitskampf. Ein Generalstreik kam aber nicht nur die Unternehmer, sondern auch die Arbeiter teuer zu stehen. Denn von irgendetwas mussten sie leben und die Gelder aus der Streikkasse reichten nur für einen begrenzten Zeitraum. Meistens saßen die Unternehmer die Streiks einfach aus und zwangen die Arbeitnehmerschaft in die Knie.

Hoffa hingegen setzte darauf, gezielt Druck auszuüben auf einzelne Unternehmen. Wenn die Lagerarbeiter und die Lieferanten streikten, brach bei den meisten Betrieben die komplette Produktion zusammen. Bestreikte man nur ein einziges Unternehmen, konnte die Streikkasse problemlos den entgangenen Lohn ausgleichen. Selbst wenn es hart auf hart kam und der Boss partout nicht nachgeben wollte, konnten die Arbeiter den Streik locker Monate, wenn nicht sogar Jahre durchhalten.

Irgendwann zwang Jimmy Hoffa so jeden Unternehmer an den Verhandlungstisch. Und dann wurde es für die Widerspenstigen teuer. Die anderen Unternehmen ließ Hoffa derweil in Ruhe. Er drohte ihnen lediglich damit, dass bei ihnen bald ähnliche Zustände herrschen könnten. Das reichte meist schon, um auch dort die Forderungen der Gewerkschaft durchzusetzen.

Las Vegas mit den Pensionsgeldern der Arbeiter erbaut

Führte diese Methode nicht zum Erfolg, konnte Hoffa eine zweite Trumpfkarte ausspielen: die Mafia. Die Mafia hatte spätestens seit den 1920ern ihre Schlägertrupps den Unternehmern zur Verfügung gestellt – gegen üppige Bezahlung selbstverständlich. Die Schläger knüppelten gnadenlos jeden Streikposten zusammen, karrten arbeitslose Streikbrecher heran und schüchterten die Gewerkschaftsfunktionäre ein. Mit Streik war dann bald Essig.

Aber Hoffa kam ein schlauer Einfall, wie er die Mafia auf die Seite der Gewerkschaften ziehen konnte. Dem organisierten Verbrechen ging es einzig und allein darum, Geld zu verdienen. Solange die Mafiosi ihren Schnitt machten, war ihnen komplett egal, auf wessen Seite sie agierten. Jimmy Hoffa zeigte den Verbrechenssyndikaten auf, wie sie in Kooperation mit der Gewerkschaft sehr viel mehr Geld verdienen konnten.

Die hohen Mitgliederzahlen bescherten der Transportarbeitergewerkschaft nicht nur üppige Mitgliederbeiträge. In Ermangelung einer staatlichen Rentenversicherung bot die Gewerkschaft ihren Mitgliedern auch an, Gelder in einen Pensionsfonds einzuzahlen. Jimmy Hoffa versprach den Gewerkschaftsmitgliedern, die Gelder gewinnbringend anzulegen, sodass für jeden Einzahler am Ende eines langen Arbeitslebens eine hübsche Rendite dabei heraussprang. Hoffa war der Hüter eines Milliardenvermögens.

Wie er das Geld investierte, blieb lange Zeit Hoffas Geheimnis. Er vergab zum Beispiel Darlehen an dubiose Typen wie Morris »Moe« Dalitz. Der Mann war praktizierender Gangster und einst Mitglied der berüchtigten »Purple Gang« in Detroit. Bekannt wurde Dalitz, weil er maßgeblich am Aufbau von Las Vegas beteiligt war – im Auftrag der Mafia. So wurden die berühmten Kasinohotels »Desert Inn« und »Stardust« mit Mitteln aus dem Pensionsfonds der Teamster-Gewerkschaft finanziert, während die Gewinne aus den Einnahmen bei den Syndikaten in Chicago und Miami landeten.

Star Dust, Las Vegas Quelle: Basketballer 0789, en.wikipedia.org

Star Dust, Las Vegas
Quelle: Basketballer 0789, en.wikipedia.org

Eine Hand wäscht die andere

Natürlich fielen bei all diesen Geschäften auch immer ein paar Krümel für Hoffa selber ab. Jimmy Hoffa revanchierte sich, indem er seinen Mafiakumpanen persönliche Gefallen erwies. 1949 bestreikte die Transportarbeitergewerkschaft beispielsweise Wäschereien in Detroit. An etlichen dieser Unternehmen war jedoch Moe Dalitz beteiligt. Er bat Hoffa, zu intervenieren, was dieser auch tat. Im Gegenzug erhielt Hoffa von den betroffenen Wäschereien einen hübschen Batzen Geld, den man als Darlehen deklarierte.

Johnny Dio

Die Mafia profitierte auch anderweitig von der Verbindung zu Jimmy Hoffa. Johnny Dio, ein Mitglieder der New Yorker Lucchese-Familie, hatte einen perfiden Plan ausgeheckt, den er mit Unterstützung der Gewerkschaft in die Tat umsetzen konnte. Johnny Dio eröffnete mehrere Textilfabriken. Vorab schmierte er die entscheidenden Gewerkschaftsfunktionäre und sicherte sich damit Sondervereinbarungen zu. Dank dieser Vereinbarungen war er nicht mehr an die üblichen Tarifverträge gebunden und konnte Einwanderer beschäftigen, die nicht gewerkschaftlich organisiert waren und für einen Hungerlohn arbeiteten. Damit unterbot er jeden Mitbewerber auf dem Markt. Das Modell wurde von anderen Mafiamitgliedern vielfach kopiert.

Anthony Corallo

Ein enger Partner von Johnny Dio war Anthony »Tony Ducks« Corallo. Den hübschen Spitznamen »Ducks« verdankte er nicht etwa der Tatsache, dass er eine besondere Vorliebe für Enten oder Donald Duck hegte. Anthony Corallo war ein Meister darin, sich aus jedem Gerichtsverfahren, das man gegen ihn eröffnete, herauszuwinden. »Tony Ducks« duckte sich immer noch rechtzeitig weg, wenn die Schlinge sich schon um seinen Hals gelegt hatte.

Anthony Corallo hatte eine weitere zündende Idee, wie die Mafia Kapital aus dem Zusammenwirken mit den Gewerkschaften ziehen konnte. Mit Jimmy Hoffas Segen eröffnete die Cosa Nostra in New York sechs Gewerkschaftsbüros, die letztlich nur auf dem Papier existierten. Die Büros hatten keine zahlenden Mitglieder, dafür jede Menge »Funktionäre«. Diese Jobs wurden an Mafiamitglieder vergeben. Netter Nebeneffekt: Die Pöstchen dienten den Gangstern als legale Fassade, wenn das Finanzamt mal nachfragte, wie man eigentlich seinen Lebensunterhalt finanzierte.

Jimmy Hoffa - Anthony Corallo

Anthony „Ducks“ Corallo

Aber Tony »Ducks« Corallo hatte noch eine andere Gaunerei im Sinn. Mit ihren Ausweisen von der Teamster-Gewerkschaft bekam die Mafia Kontrolle über den gesamten Frachtgutbereich an den New Yorker Flughäfen. Die Cosa Nostra konnte nun ungehindert stehlen, was ihr Herz begehrte. Hoffa erwartete als Gegenleistung, dass die Mafia ihn bei allen Gewerkschaftswahlen unterstützte. Das tat sie, indem sie Exklusivkonzerte mit Frank Sinatra und anderen Showgrößen organisierte, Gewerkschaftsmitglieder nach Las Vegas einlud oder die stimmberechtigten Arbeiter direkt mit Geld bestach.

Jimmy Hoffa hatte die Transportarbeitergewerkschaft in eine durch und durch korrupte Organisation verwandelt. Denn ähnliche Deals wie in New York hatte er auch mit den Syndikaten in Chicago, Detroit, Pittsburgh, Cleveland, Minneapolis und St. Louis am Laufen. Der Betrug nahm irgendwann solche Dimensionen an, dass er sich kaum noch vertuschen ließ und für jeden Insider ein offenes Geheimnis war. Das sollte Jimmy Hoffa zum Verhängnis werden.

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(2) Jimmy Hoffa und die Mafia was last modified: Februar 21st, 2018 by Richard Deis