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Bobby Dunbar – der Junge, den es zweimal gab

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Bei einem Familienausflug verschwindet 1912 der 4-jährige Bobby Dunbar. Acht Monate später greift die Polizei einen Mann in Begleitung eines Jungen auf, in dem die Dunbars ihren Sohn wiedererkennen. Der Junge kehrt zur Familie zurück, der Mann kommt in Haft. Eine DNA-Analyse gibt dem Fall jedoch 2004 eine neue Wendung.

Ausflug zum See

Percy Dunbar führte einen Einzelhandel in der Kleinstadt Opelousas im US-Bundesstaat Louisiana und war mit Lela Celeste „Lessie“ Whitley verheiratet. Das Paar hatte zwei Söhne: Den zweijährigen John Alonzo und seinen älteren, am 23. Mai 1908 geborenen Bruder Robert Clarence, den jeder nur „Bobby“ nannte. Am 23. August 1912 unternahm die Familie Dunbar einen Tagesausflug an den knapp 50 Kilometer entfernt gelegenen Swayze Lake.

Es finden sich unterschiedliche Angaben dazu, was die Familie an diesem Tag genau unternahm. Einige Quellen behaupten, die Familie wäre zum Angeln auf den See hinausgefahren. Andere Quellen berichten, die Dunbars seien am Ufer geblieben und hätten lediglich im See geplanscht. Vielleicht fand auch beides statt: Der Vater angelte, während die Mutter mit den beiden Kleinkindern im Wasser spielte.

Wie auch immer: Bobby Dunbar war plötzlich verschwunden. Die Eltern Percy und Lessie Dunbar suchten zunächst auf eigene Faust die nähere Umgebung ab, ohne eine Spur ihres Jungen zu finden. Sie verständigten schließlich die Behörden.

Jede Menge Alligatoren

Der See lag in einem ausgedehnten Sumpfgebiet mit dichtem Unterholz. Hier lebte eine Vielzahl an Alligatoren. Die Polizei hielt es für plausibel, dass sich Bobby unbemerkt von seinen Eltern entfernt hatte und einem der Raubtiere zum Opfer gefallen war. Mehrere verständigte Helfer erlegten deshalb zahlreiche Alligatoren, die sie in der näheren Umgebung antrafen. Anschließend untersuchten sie den Mageninhalt der Tiere. Ohne Ergebnis.

Zudem warfen sie Dynamit in den See. Falls der Junge ertrunken war, würden die Druckwellen den Leichnam des Jungen an die Oberfläche treiben. Auch dieser Versuch blieb ohne Erfolg.

Die Behörden mussten nun zumindest die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass jemand Bobby Dunbar entführt hatte. Die örtliche Polizei und die Staatspolizei setzten eine landesweite Fahndung nach dem Jungen in Gang.

Der umherziehende Klavierstimmer

Im April 1913, acht Monate nach dem spurlosen Verschwinden von Bobby Dunbar, überprüften Polizisten im Nachbarstaat Mississippi einen umherziehenden Handwerker. In seiner Begleitung hielt sich ein etwa fünf Jahre alter Junge auf. Den Beamten war die Beschreibung des vermissten Kindes aus Louisiana bekannt. Offenbar entdeckten sie Ähnlichkeiten mit dem kindlichen Begleiter des Tagelöhners. Denn sie nahmen den Mann vorläufig fest, um die Identität zu klären.

Der Verhaftete hieß William Cantwell Walters und war 1862 im Bundesstaat North Carolina geboren worden. Er verdiente hauptsächlich sein Geld, indem er Orgeln und Klaviere stimmte, gegebenenfalls auch reparierte. Zu diesem Zweck reiste er bereits geraume Zeit durchs Land.

Walters behauptete, der Name des Jungen laute Charles Bruce Anderson. Das Kind sei unehelich zur Welt gekommen. Die leibliche Mutter namens Julia Anderson habe ihm freiwillig das Sorgerecht übertragen, da sie sich als Alleinerziehende nicht imstande sah, für den Jungen zu sorgen.

Widersprüchliche Beschreibungen

Die Beamten blieben misstrauisch. Sie verständigten die Kollegen in Louisiana und ließen die Familie Dunbar kommen. Auch die Presse erschien zahlreich. Das rätselhafte Verschwinden des Dunbar-Jungen hatte viele Leser berührt. Die Anwesenheit der Medien war einerseits ein Pluspunkt, weil die Reporter die Begegnung zwischen dem aufgegriffenen Kind und seinen vermeintlichen Angehörigen ausführlich dokumentierten. Andererseits widersprechen sich die Artikel zuweilen in wichtigen Details. Man kann also aus dem Rückblick nicht sagen, was exakt passiert ist.

Ein Artikel zitierte zum Beispiel Lessie Dunbar sinngemäß so, dass sie bei der ersten Begegnung unsicher gewesen sei, ob es sich wirklich um ihren Sohn handelte. Er habe nur geweint, als sie sich ihm genähert habe. Ein anderer Zeitungsbericht beschrieb das genaue Gegenteil: Der Junge habe sie sogleich umarmt und „Mama“ gerufen.

Ähnlich widersprüchliche Beschreibungen folgten für das Verhalten von Bobbys jüngerem Bruder John Alonzo. In einer Zeitung hieß es, er habe ihn nicht wiedererkannt. Das nächste Blatt behauptete, er habe ihn sofort mit Namen angesprochen und den Bruder geküsst.

Erst am nächsten Tag stimmten die Beobachtungen überein. Lessie Dunbar trat vor die Presse und verkündete, sie sei sich mittlerweile sicher, dass es ihr Sohn sei. Sie habe den Jungen am Morgen gebadet. Dabei habe sie Muttermale und Narben wiedererkannt.

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By The Day Book – LOC, Public Domain, Link

Links: Bild des echten Bobby Dunbar. Rechts: Der in Mississippi aufgegriffene Junge

Eine zweite Mutter

Wenig später traf Julia Anderson in Mississippi ein. Sie war eigens aus North Carolina angereist, um William Walters zu entlasten. Die Geschichte, die Walters der Polizei erzählt habe, stimme. Der Junge, der ihn begleitet habe, sei tatsächlich ihr Sohn Charles Bruce Anderson gewesen. Sie selbst sei unverheiratet und arbeite für die Familie Walters als Ackergehilfin. Sie habe William Walters auch erlaubt, den Jungen vorübergehend an sich zu nehmen. Er habe ihr gesagt, dass er seine Schwester für zwei Tage besuchen wolle.

Dieses letzte Detail der Aussage weckte aber neues Misstrauen gegenüber Walters. Denn die Erlaubnis hatte Julia Anderson im Februar 1912 erteilt – also 18 Monate, bevor die Polizei ihn in Gewahrsam nahm. Zwischen zwei Tagen und 18 Monaten liegt eine gewaltige Kluft. Warum kam ein erwachsener Mann auf die Idee, solange mit einem Kind herumzureisen? Und weshalb hatte die leibliche Mutter bisher nicht die Polizei eingeschaltet?

Die Beamten führten der vorgeblichen Mutter in einer Gegenüberstellung fünf Jungen im gleichen Alter vor. Sie deutete auf eines der Kinder und fragte die Beamten, ob das der Junge sei, den sie aufgegriffen hatten. Die Frau erhielt keine Antwort. Sie äußerte, sie glaube, das sei ihr Sohn. Sie sei sich aber nicht sicher. Bei dem Jungen handelte es sich in der Tat um den vermeintlichen Bobby Dunbar. Aus seiner Reaktion ließ nichts darauf schließen, dass er Julia Anderson wiedererkannt hatte.

Moralisch fragwürdig

Erst am folgenden Tag zeigte sich Julia Anderson fest davon überzeugt, ihrem Sohn Charles Bruce begegnet zu sein, nachdem sie den Jungen am Morgen ankleiden durfte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich jedoch bereits herumgesprochen, dass sie ihn nicht auf Anhieb identifizieren konnte. Die Zweifel wuchsen, nachdem die Presse über das Vorleben der Frau berichtete.

Julia Anderson hatte drei uneheliche Kinder geboren, von denen zwei allerdings zu diesem Zeitpunkt schon verstorben waren. In den Augen der damaligen Öffentlichkeit führte die Frau damit einen moralisch fragwürdigen Lebenswandel. Aus dieser Perspektive ließ sich Julia Anderson leicht unterstellen, sie nehme es mit der Wahrheit vielleicht ebenso wenig genau wie mit ihrer Männerwahl und der Ehe.

Im Prinzip ähnelte die Situation, mit der sich die Polizei konfrontiert sah, dem zentralen Konflikt im „Kaukasischen Kreidekreis“ von Bertolt Brecht. Wer war die leibliche Mutter des Kindes? Wie ließ sich die Mutterschaft zweifelsfrei feststellen?

Der DNA-Beweis war noch in weiter Ferne. Die Polizisten mussten auf Grundlage der Aussagen und der persönlichen Eindrücke entscheiden, wer hier die Wahrheit sagte. Die Behörden übergaben schließlich das Kind an die Dunbars, die mit ihm nach Opelousas zurückkehrten, wo man spontan eine Parade zu Ehren des heimgekehrten Sohnes veranstaltete.

Bobby Dunbar (1913).jpg
By Unknownhttp://www.thisamericanlife.org/Radio_Image.aspx?episode=352, Public Domain, Link

Vorne links der Junge, der unter dem Namen Bobby Dunbar aufwuchs

William Walters unter Anklage

Julia Anderson fehlte das Geld, um die Entscheidung vor Gericht anzufechten zu können. Stattdessen musste sich nun William Walters in einem Prozess wegen Kindesentführung verantworten. Neben Julia Anderson, die erneut zu seinen Gunsten aussagte, waren seine einzigen Unterstützer Mitglieder der kleinen Gemeinde Poplarville in Mississippi.

Walters hatte sich in der Ortschaft in den Monaten zuvor längere Zeit aufgehalten. Mehrere dort ansässige Zeugen bekräftigten vor Gericht, dass sie ihn mit dem Jungen bereits vor dem 23. August 1912 – der Tag, an dem Bobby Dunbar verschwand – gesehen hatten.

Trotz dieser Aussagen gelangte das Gericht zu der Überzeugung, dass es sich bei dem Kind tatsächlich um Bobby Dunbar handelte und sich Walters insofern der Entführung schuldig gemacht hatte. Der Richter verurteilte den Mann zu einer langjährigen Gefängnisstrafe, von der er aber lediglich zwei Jahre absitzen musste.

Kein Interesse

Walters Anwalt hatte Berufung gegen das Urteil eingelegt und mit seiner Klage Erfolg. Sein Mandant erhielt das Recht auf einen neuen Prozess. Inzwischen war jedoch Gras über die Sache gewachsen. Der Fall beschäftigte nicht länger die Öffentlichkeit.

Zudem wollten die Behörden vermeiden, dass der Junge aufgrund eines möglicherweise anderen Prozessausgangs seiner jetzigen Familie entrissen wurde. Die Staatsanwaltschaft verzichtete daher auf eine erneute Anklageerhebung und entließ William Walters stattdessen in die Freiheit.

Angeblich führte Walters nach einer Freilassung ein unstetes Leben und zog häufig um. Er verstarb am 7. April 1945 im Pueblo County im Bundesstaat Colorado. Walters hatte aus einer Ehe, die 1885 geschlossen wurde, insgesamt vier Kinder. Laut dem US-Census von 1900 lebte die Familie gemeinsam in Flomoton (Florida).

Zehn Jahre später, im US-Census von 1910, ist nur noch Walters Ehefrau Mary Alice Burch mit den beiden jüngsten Kindern aufgeführt, wohnhaft im Montgomery County (Georgia), ihrem Geburtsort. Gemäß den Angaben der Volkszählung war sie zu diesem Zeitpunkt immer noch verheiratet. Warum Walters seine Familie verließ und ob er nach seiner Haftentlassung zu ihr zurückkehrte bzw. mit ihr in Kontakt stand, entzieht sich meiner Kenntnis. Seine Frau verstarb jedenfalls rund drei Jahre nach seiner Freilassung.

Neuanfang

Für Julia Anderson hingegen nahm das Leben durch den Prozess noch eine positive Wende. Während der Verhandlung hatte sie die Einwohner von Poplarville kennengelernt. Die Menschen luden sie ein, sich in ihrem Ort niederzulassen und dort eine neue Existenz aufzubauen. Julia Anderson folgte der Einladung, heiratete schließlich und brachte weitere sieben Kinder zur Welt. Ihren Nachfahren zufolge wurde sie eine fromme Christin, half bei der Gründung einer Kirche und diente der kleinen Gemeinde als Krankenschwester und Hebamme.

Doch obwohl sie laut ihren Kinder ein glückliches Leben in Poplarville führte, beklagte sie noch häufig den Verlust ihres Sohnes Charles Bruce. Ihrem Empfinden nach hatte die Familie Dunbar ihr das Kind geraubt.

Bobbys Enkeltochter

Bobby Dunbar wiederum heiratete in den 1930er Jahren, wurde Vater von vier Kindern und verstarb am 8. März 1966 im Alter von 57 Jahren in Houston (Texas). Nach seinem Tod stellte seine Enkeltochter Margaret Dunbar Cutright eigene Nachforschungen an, was sich damals in den Jahren 1912 und 1913 tatsächlich zugetragen hatte.

Sie durchforstete Zeitungsberichte, befragte die Kinder von Julia Anderson und untersuchte die Notizen und Beweismittel, die Walters Verteidiger dem Gericht vorgelegt hatte. Ursprünglich hatte Margaret Cutright vor, den endgültigen Nachweis zu führen, dass es sich bei ihrem Großvater tatsächlich um den „echten“ Bobby Dunbar gehandelt hatte. Doch es sollte ganz anders kommen.

So erzählten ihr die Kinder von Julia Anderson zum Beispiel von einer Begegnung, die Mitte der 1940er Jahre stattfand. Damals hätte sie ein Mann angesprochen und anschließend länger mit der Familie unterhalten, der starke Ähnlichkeit mit einem Foto des erwachsenen Bobby Dunbar aufwies. Auch ein Sohn von Bobby Dunbar konnte sich an die Begebenheit erinnern. Während einer Reise habe die Dunbar-Familie Poplarville durchquert. Der Vater habe gesagt: „Hier wohnen die Leute, von denen sie mich geholt haben.“ Er habe angehalten und sich kurz mit der Anderson-Familie unterhalten.

Ein DNA-Test bringt Gewissheit

Ein Reporter, der für die Nachrichtenagentur Associated Press arbeitete, bekam Wind von der Geschichte. Er überredete 2004 zwei Söhne der Gebrüder Alonzo und Bobby Dunbar zu einem DNA-Test. Das Testergebnis fiel eindeutig aus. Die vermeintlichen Cousins waren nicht miteinander verwandt. Bei dem 1966 verstorbenen und 1913 seinen „Eltern“ zugesprochenen Bobby Dunbar hatte es sich aller Voraussicht nach um Charles Bruce Anderson gehandelt.

Im März 2008 äußerte Margaret Cutright in der Dokumentation „This American Life“ die Vermutung, dass der echte Bobby wohl 1912 am Swayze Lake einem Alligator zum Opfer gefallen war, so wie es die Polizisten ursprünglich gemutmaßt hatten. Für die Familie Anderson stellte die Recherche eine späte Genugtuung dar. Julia Anderson hatte die Wahrheit gesagt. Die Reaktion der Nachfahren von „Bobby Dunbar“ fiel hingegen gespalten aus. Viele von ihnen fühlten sich nach wie vor der Dunbar-Familie zugehörig. Aus ihrer Sicht hatte die Verwandte Margaret Cutright völlig unnötig ein Fass aufgemacht, das längst als fest versiegelt galt.

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John List – Blutbad im Herrenhaus

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John Emil List, Nachfahre streng religiöser Einwanderer aus Franken, tötet Mutter, Frau und seine drei Kinder. Der Buchhalter begründet das Massaker mit Angst um das Seelenheil seiner Familie. Er selbst entzieht sich aber der Verantwortung und taucht zwei Jahrzehnte unter, bevor ihm die Polizei endlich auf die Spur kommt.

Seit einem Monat brannte ununterbrochen das Licht in „Breeze Knoll“, einem viktorianischen Herrenhaus in Westfield, New Jersey. Die dreistöckige Villa mit 19 Zimmern in der 431 Hillside Avenue galt als das teuerste Gebäude in der Nachbarschaft. Der Prachtbau verfügte gar über einen eigenen Tanzsaal.

Doch die Bewohner des Hauses, die Familie List, waren angeblich bereits seit längerem nach North Carolina verreist. Ab und an hielt ein fremder Wagen in der Auffahrt, war aber nach kurzer Zeit wieder verschwunden. Warum brannte also Tag und Nacht das Licht, fragte sich eine Nachbarin, ohne dass man die Bewohner zu Gesicht bekam?

Eine düstere Prophezeiung

Der fremde Wagen in der Auffahrt, den die Nachbarin beobachtet hatte, gehörte Ed Illiano. Der Leiter eines Theaterkurses unterrichtete Patricia List, die 16-jährige Tochter des Hauses. Patricia hatte vor einigen Wochen eine seltsame Bemerkung geäußert. Ihr Vater würde Illiano vielleicht in naher Zukunft kontaktieren. Er würde behaupten, Patricia könne nicht zum Kurs erscheinen, weil die Familie eine längere Urlaubsreise antrete. Falls das passiere, solle Illiano sogleich die Polizei verständigen. Der Lehrer hatte die kuriose Bemerkung zunächst nicht ernst genommen.

Am 9. November 1971 erhielt er jedoch tatsächlich ein solches Entschuldigungsschreiben von John List, dem Vater seiner Schülerin. Die Familie müsse sich um seine schwer kranke Schwiegermutter in North Carolina kümmern. Patricia könne daher nicht zum Unterricht erscheinen. Am folgenden Tag war Illiano zum Anwesen der Lists gefahren.

Als er das voll erleuchtete Anwesen sah, war er jedoch gleich wieder umgekehrt. Scheinbar war mit der Familie alles in Ordnung. Doch als sich Patricia in den darauffolgenden Wochen nicht mehr bei ihm meldete, beschlichen ihn erneut Zweifel. Er kehrte mehrfach zum List-Haus in der Hillside Avenue zurück. Aber sein Klingeln an der Haustür blieb jedes Mal unbeantwortet.

Am 7. Dezember 1971 beschlossen Illiano und die Nachbarin fast zeitgleich, aber unabhängig voneinander, die Polizei einzuschalten. Irgendetwas in „Breeze Knoll“ stimmte nicht. Die herbeigerufenen Beamten klingelten, klopften und riefen nach den Bewohnern. Doch niemand meldete sich. Sie gingen um das Haus herum und entdeckten ein unverschlossenes Fenster, durch das sie sich Zutritt zum Hausinneren verschafften.

Vier Leichen im Tanzsaal

Den Beamten fiel zunächst auf, dass das Gebäude scheinbar unbeheizt war. Im Innern war es annähernd so kalt wie draußen. Aus den Lautsprechern der Haussprechanlage tönte unablässig Kirchenmusik. Ansonsten machte das Haus einen verlassenen Eindruck. Die Polizisten bewegten sich vom Esszimmer in die Küche.

Dort bemerkten sie mehrere dunkle Flecken an der Wand. Verwischte Schlieren auf dem schachbrettartigen Linoleumboden. Vollgesogene Handtücher und Zeitungen im Mülleimer. Den Polizisten schwante Übles. Bei der inzwischen getrockneten Flüssigkeit handelte es sich wahrscheinlich um Blut. Jemand hatte versucht, eine große Blutlache aufzuwischen, war aber kläglich gescheitert. Zudem waren Wände und Möbel mit etlichen Kerben versehen, die verdächtig nach Einschusslöchern aussahen.

Die Spuren am Boden führten in die Eingangshalle des Hauses. Dort schoss den Beamten ein scharfer Verwesungsgeruch in die Nase. Sie folgten dem Gestank, der einem angrenzenden Raum entströmte. Sie öffneten die Tür. Das Zimmer war sehr groß und sollte scheinbar einen Tanzsaal darstellen. In einer Saalecke, gleich neben einem kleinen Tisch, lagen vier Leichen. Bei drei Opfern handelte es sich um Teenager – ein Mädchen, zwei Jungen -, die parallel nebeneinander jeweils auf einem Schlafsack lagen. Oberhalb der Köpfe der Kinder lag die Leiche einer erwachsenen Frau quer zu den übrigen Opfern.

Die Abstellkammer

Die Beamten forderten Verstärkung an. Weitere Polizisten rückten an, darunter auch der Gerichtsmediziner des Union County. Die Gesichter der Toten waren jeweils mit einem Geschirrtuch verhüllt. Die blutigen Schleifspuren sprachen dafür, dass keiner von ihnen in diesem Raum starb. Die Körper waren aufgebläht und von Maden übersät. Sie lagen hier offensichtlich bereits seit längerer Zeit.

Die erwachsene Frau war augenscheinlich infolge einer Schussverletzung an der linken Kopfseite gestorben. Ihre Arme waren stark mit Blut bedeckt. Das Nachthemd war bis über den aufgedunsenen Bauch hochgeschoben, ihre Oberschenkel freigelegt. Auch die übrigen Opfer wiesen allesamt Schusswunden auf, trugen jedoch normale Straßenkleidung. Bei zwei Jugendlichen waren die Mäntel sogar noch geschlossen.

Beim dritten Kind war die Winterjacke geöffnet. Am Oberkörper und Kopf waren etliche Schusswunden zu erkennen. Außerdem hatte der Junge Verletzungen davongetragen, die den Gerichtsmediziner auf einen heftigen Kampf schließen ließen. Die anderen Opfer waren durch einen einzelnen Schuss gestorben.

Andere Beamte durchsuchten das Gebäude nach weiteren Opfer. Sie wurden im ausgebauten Dachgeschoss fündig. In einem schmalen Abstellraum neben einer Küche lag eine ältere Frau mit dem Rücken auf dem Boden, die Beine weit gespreizt, die Unterschenkel unter dem übrigen Körper eingeklemmt. Die seltsam verdrehten Beine deuteten darauf hin, dass sie zunächst auf die Knie gesunken und dann rückwärts umgekippt war. Als die Polizisten ihr das Tuch vom Gesicht zogen, bemerkten sie eine Schusswunde über dem linken Auge.

Ein Familiendrama

Die Beamten baten einen Arzt, der in der Nachbarschaft wohnte, die Opfer zu identifizieren. Die drei toten Teenager waren Patricia List (16) sowie ihre Brüder John Jr. (15) und Frederick (13). Bei der erwachsenen Frau neben ihnen handelte es sich um ihre Mutter Helen List (45). Die Tote im Dachgeschoss war zweifelsfrei Helens Schwiegermutter Alma List (85), die dort eine eigene Wohnung bezogen hatte. Nur ein Familienmitglied befand sich nicht unter den Opfern: Hausherr und Familienvater John Emil List (46). Damit hatte die Polizei gleichzeitig einen dringend Tatverdächtigen. Doch die Suche nach ihm sollte sich schwieriger gestalten als zunächst gedacht.

In einem Raum, der offensichtlich als Arbeitszimmer diente, machten die Ermittler eine weitere wichtige Entdeckung. Auf einem Sekretär lagen mehrere Briefe, die an unterschiedliche Personen adressiert waren, alle auf den 9. November 1971 datiert. Es handelte sich um Kopien von Entschuldigungsschreiben, wie sie List beispielsweise an den Leiter des Theaterkurses, Ed Illiano, verschickt hatte.

Ein loses Blatt enthielt zudem konkrete Anweisungen, wo man den Schlüssel für den Sekretär finden konnte. Die Beamten öffneten den Schrank. In der obersten Schublade waren zwei Pistolen verstaut: eine 9-mm-Halbautomatik der Marke Steyr und ein Colt-Revolver Kaliber .22. Dazu die passende Munition.

In einer weiteren Schublade lagerte ein großer Briefumschlag, der an Eugene A. Rehwinkel adressiert war. Er war Pfarrer der Kirchengemeinde, der die Familie List angehörte. In dem Brief äußerte sich List ausführlich dazu, was am 9. November in „Breeze Knoll“ vorgefallen war. Es war ein Tatgeständnis.

Der Sekretär enthielt darüber hinaus Scheckbücher, Sparbücher, Versicherungspolicen und Steuerunterlagen. Es gab auch eine Art Haushaltsbuch, in dem John List penibel seinen Schuldenstand aufgeführt hatte. Außerdem fünf kürzere Schreiben, adressiert u.a. an seinen Arbeitgeber, in denen er sich auch zu den Gründen für das Verbrechen äußerte.

Rekonstruktion der Ereignisse

Zusammen mit den zahlreichen Spuren im Haus konnten die Ermittler sich dadurch ein präzises Bild machen, wie die Bluttat im Einzelnen abgelaufen war. Offenbar hatte John List das Verbrechen bereits längere Zeit im Voraus geplant. Er hatte pünktlich zum 10. November die tägliche Belieferung mit Zeitung, Milch und Post abbestellt, ohne dass seine Familie davon etwas ahnte.

Die Kinder verließen am Morgen wie üblich das Haus, um zur Schule zu gehen. List begab sich in sein Arbeitszimmer im ersten Stock und wartete zunächst ab. Er hörte, wie seine Frau die Treppe hinunterging, um in der Küche zu frühstücken. Er folgte ihr leise.

Helen List trug noch ihr rotes Satin-Nachthemd und einen Bademantel. Sie saß auf einem Küchenstuhl, aß einen Toast und blickte zum Fenster hinaus. Ihr Mann näherte sich unbemerkt von hinten, zielte mit der Steyr-Halbautomatik auf ihren Kopf und drückte aus einem halben Meter Entfernung ohne Vorwarnung ab.

Vielleicht traf er sie nicht gleich mit dem ersten Schuss. Die Spurensicherung pulte mehrere Projektile aus der Wand hinter dem Tisch. Ein Querschläger war bis in den Nebenraum geprallt. Möglicherweise war John List bei seinem ersten Mord aber auch so nervös, dass er unnötigerweise weitere Patronen abfeuerte, obwohl seine Frau bereits tot war.

Denn Helen List starb, als sie noch auf dem Stuhl saß. Sie schlug mit dem Kopf auf den Tisch, fiel auf den Boden und war sofort tot. Der Pathologe fand später einen Bissen Toastbrot, der noch in ihrem Rachen steckte.

Geröstete Toastscheiben

List ließ seine Frau auf dem Küchenboden zurück. Er stieg die hintere Treppe hinauf in den dritten Stock. Ohne anzuklopfen, betrat er die Wohnung seiner Mutter. Er überraschte sie in der Küche. Sie hielt einen Teller in der Hand und wartete darauf, dass der Toaster die gerösteten Brotscheiben ausspuckte. Sie fragte ihn, was der Lärm zu bedeuten hatte, den sie aus dem Erdgeschoss gehört hatte. Statt einer Antwort schoss ihr Sohn ihr aus nächster Nähe ins Gesicht.

Die Polizei fand zwei weitere Projektile in der Küchenwand. Vermutlich hatte List auch hier in einer Art Reflex weiter gefeuert, als er seine Mutter bereits getroffen hatte. Ursprünglich wollte er die Leiche seiner Mutter ins Erdgeschoss tragen. Doch sie war zu schwer für ihn.

Er legte sie auf einen Teppichläufer und zog diesen in die Abstellkammer der Küche. Anschließend wischte er mit einem Küchentuch und einer angefeuchteten Zeitung über den Boden, um die Blutlache zu beseitigen.

List ging danach nach unten und schleifte seine Frau an den Füßen von der Küche durch die Eingangshalle in den Tanzsaal. Er hinterließ dabei eine 12 Meter lange Blutspur am Boden. Er holte mehrere Schlafsäcke, die den Kindern gehörten, und breitete sie nebeneinander aus. Auf einen der Schlafsäcke rollte er die Leiche seiner Frau. Er bedeckte ihren Kopf mit einem Küchentuch. Zu diesem Zeitpunkt erkannte er, dass seine eigene Kleidung über und über mit Blut verunreinigt war.

Er ging in das Schlafzimmer seiner Frau, setzte sich auf das ungemachte Bett und wischte sich die blutverschmierten Hände am Laken ab. Dann suchte er das Bad auf, übergab sich und hinterließ einen blutigen Handflächenabdruck auf dem Toilettendeckel. Er duschte, zog sich einen frischen Anzug sowie eine Krawatte an. Die schmutzigen Kleidungsgegenstände und blutbespritzten Schuhe warf er im Schlafzimmer auf einen Haufen.

Ein wenig Gartenarbeit

Nun rief er im Büro an und ließ seinem Chef ausrichten, dass er zu einem anberaumten Treffen nicht erscheinen könne. Er müsse zu seiner Schwiegermutter in North Carolina fahren, die schwer erkrankt sei. Er wisse nicht, wann er wieder zur Verfügung stehe. Die Schwiegermutter war tatsächlich erkrankt. Eigentlich hatte sie geplant, Anfang November ihre Tochter und Enkelkinder zu besuchen. Sie wäre ihrem Schwiegersohn vermutlich ebenfalls zum Opfer gefallen.

John List musste nun auf die Rückkehr der Kinder warten. Er setzte sich in sein Arbeitszimmer und verfasste die Entschuldigungsschreiben an Schulen, Sportvereine etc., die das plötzliche Verschwinden der Familie vertuschen sollten. Um sich die übrige Wartezeit zu vertreiben, ging er in den Garten. Dort harkte er in Anzug und Krawatte Laub zusammen. Eine Nachbarin beobachtete ihn dabei. Doch er tat so, als würde er die Frau nicht bemerken.

Dann stärkte er sich mit einem Mittagsmahl. Das Massaker war noch lange nicht beendet. Gemäß seinem Plan sollten an diesem Tag noch drei weitere Opfer den Tod finden – seine eigenen Kinder.

weiter zu —> (2) Fünf Morde für das Seelenheil

Weitere Kapitel zum Fall John List 

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Die Entführung von Charles Lindbergh Jr.

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Das „Verbrechen des Jahrhunderts“ titelte die US-Presse, als Entführer das Kind des Nationalhelden Charles Lindbergh in einer kalten Märznacht 1932 raubten und töteten. Erst Jahre später konnte die Polizei einen Tatverdächtigen ermitteln: Bruno Richard Hauptmann, illegaler Einwanderer aus Deutschland. Bis heute gibt es jedoch Zweifel, ob Hauptmann der (Allein-)Täter war.

Um 19.30 Uhr am 1. März 1932 brachte das Kindermädchen Betty Gow den 20 Monate alten Charles A. Lindbergh Jr., erstgeborener Sohn des berühmten Luftfahrtpioniers, zu Bett. Um 22.00 Uhr begab sich die Amme erneut in das Kinderzimmer, um nach dem schlafenden Jungen zu schauen. Die Krippe war leer. Sie suchte nach der Mutter. Anne Morrow Lindbergh hatte gerade ein Bad genommen. Der Junge war nicht bei ihr.

Der mutmaßliche Zeitpunkt der Kindesentführung ließ sich später noch genauer eingrenzen. Zwischen 21.00 und 21.30 Uhr hielt sich Charles Lindbergh in der Bibliothek auf, die sich genau unter dem Kinderzimmer befand. Er bemerkte ein Geräusch, das er in der Küche verortete. Dort stand an diesem Abend eine vollbepackte Holzkiste herum. Für Lindbergh hörte es sich in diesem Moment so an, als sei eine der Kistenlatten unter dem Druck auseinandergebrochen, wie er später bei der polizeilichen Befragung aussagte.

Nachdem das Kindermädchen Lindbergh vom Verschwinden seines Sohnes unterrichtet hatte, eilte er umgehend in das Kinderzimmer. Er sah die leere Krippe. Und einen Briefumschlag, der auf dem Fensterbrett lag. Manche Quellen behaupten, er habe den Umschlag sofort geöffnet. Anderen Quellen zufolge ließ er den Brief zunächst unberührt liegen.

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Charles Lindbergh Jr.

Charles Lindbergh rannte anschließend ins Erdgeschoss, schnappte sich sein Springfield-Gewehr und verließ gemeinsam mit dem Butler Olly Whateley das Haus. Die beiden Männer suchten in der kalten, regnerischen Nacht das Anwesen nach Hinweisen ab, was mit dem Kind geschehen war. Unter dem Fenster des Kinderzimmers entdeckten sie die Schlafdecke des Babys. Außerdem zwei tiefe Abdrücke im regendurchweichten Boden, die von einer Leiter herrühren konnten.

H. Norman Schwarzkopf

Der Butler verständigte zunächst die nächstgelegene Polizeistation in der Gemeinde Hopewell. Wenige Minuten später rief Charles Lindbergh die Staatspolizei von New Jersey an. Schließlich auch seinen Freund und Anwalt Henry Breckinridge. Innerhalb von zwanzig Minuten trafen die ersten Polizisten am Anwesen der Lindberghs ein. Es war schnell klar, dass die Staatspolizei für die weiteren Ermittlungen verantwortlich war. Das Kommando hatte H. Norman Schwarzkopf inne.

Wer sich noch an den ersten Golfkrieg von 1991 erinnert („Operation Desert Storm“) , wird dieser Name vermutlich bekannt vorkommen. Damaliger Oberbefehlshaber der US-amerikanischen Streitkräfte war eine gewisser H. Norman Schwarzkopf Jr. – der Sohn des besagten Polizeichefs von New Jersey. Und wie der Sohn war auch der Vater von Hause aus ein Militär, der während des Ersten Weltkriegs gedient hatte. Nach dem Krieg hatte man den 26-jährigen Schwarzkopf zum ersten Leiter der Staatspolizei von New Jersey ernannt.

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By Walter Albertin, World Telegram staff photographer – Library of Congress. New York World-Telegram & Sun Collection. http://hdl.loc.gov/loc.pnp/cph.3c15940, Public Domain, Link

Herbert Norman Schwarzkopf

Spurensuche

Die Beamten der Staatspolizei untersuchten den Außenbereich. Sie fanden Fußabdrücke auf dem matschigen Boden unter dem Fenster. Sie versäumten es jedoch, die Spuren zu vermessen oder Gipsabdrücke zu nehmen. Zudem waren, wie bereits erwähnt, tiefe Eindrücke im Boden zu erkennen, die vermutlich von einer Leiter stammten. Außerdem sammelte ein Polizist in unmittelbarer Nähe einen Holzmeißel auf. In weniger als hundert Metern Entfernung entdeckte man schließlich die Leiter. Sie bestand aus drei Teilen. Der untere Abschnitt – der breiteste – war zerbrochen. Auf einem unbefestigten Feldweg, der am Anwesen vorbeiführte, stießen die Beamten auf frische Reifenspuren eines Pkws.

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Das Kinderzimmer und die Leiter

Inzwischen war auch Lindberghs Freund und Anwalt Henry C. Breckinridge eingetroffen. Zudem der Spurenexperte der Polizei von New Jersey, Frank Kelly. Der Tross zog in das Kinderzimmer weiter. Kelly staubte den Umschlag auf dem Fensterbrett, den Lindbergh zuvor bemerkt hatte, auf Fingerabdrücke ab, ebenso andere Bereiche im Raum. Kelly fand nur einen einzigen Abdruck auf dem Umschlag, der allerdings so verwischt war, dass er nicht zu einer Identifizierung taugte.

Später untersuchte Kelly den Raum auch noch nach Schuhabdrücken. Angesichts der Witterung war es sehr wahrscheinlich, dass die Entführer das Zimmer mit verdreckten Profilen betraten. Aber sie hatten keine verräterischen Spuren hinterlassen. Die Polizei mutmaßte, dass die Täter Handschuhe getragen und irgendeine Form von Stulpen über die Schuhe gezogen hatten. Möglicherweise hatten sie nur ein Stück Stoff um die Treter gewickelt. Auf jeden Fall waren sie planvoll vorgegangen.

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Innenansicht Kinderzimmer

Das Erpresserschreiben

Dann schlitzte Kelly den Umschlag mit einem Taschenmesser auf. Er entnahm dem Kuvert ein einzelnes gefaltetes Blatt Papier, auf dem sich ebenfalls keinerlei Fingerabdrücke feststellen ließen. Der Brief war mit blauer Tinte geschrieben worden und enthielt viele Rechtschreib- und Grammatikfehler. Der Text lautete:

„Sehr geehrte Herr!

Halten Sie 50.000 $ bereit, davon 25.000$ in 20-Dollar-Scheinen und 15.000$ in 10-Dollar-Scheinen und 10.000$ in 5-Dollar-Scheinen. Nach 2-4 Tagen werden wir Sie darüber informieren, wohin Sie das Geld liefern sollen.

Wir warnen Sie, irgendetwas publik zu machen oder die Polizei einzuschalten. Das Kind ist in guter Obhut. Kennzeichen für alle Briefe sind die Signatur und 3 Löcher.“

Lindbergh Kidnapping Note.jpg
By Lindbergh Kidnapper – www.fbi.gov, Public Domain, Link

Das Entführungsschreiben

Die besagte Signatur sollte wohl als eindeutiges Erkennungsmerkmal für den zukünftigen Schriftverkehr mit den Entführern dienen. Sie sah wie folgt aus: In der rechten unteren Ecke des Blattes befanden sich zwei einander überlappende Kreise mit einem Durchmesser von jeweils etwa 2,5 Zentimeter. Der Bereich, in dem sich die Kreise überschnitten, war rot eingefärbt. In die Signatur waren drei kreisrunde Löcher eingestanzt, darunter eines mitten in der roten Färbung.

Lindbergh Kidnapping Note Signature.png
By SGT141Own work, CC0, Link

Die Signatur

Das Verbrechen des Jahrhunderts

So viel stand bereits kurz nach dem Verbrechen fest: Der oder die Kidnapper waren reichlich naiv anzunehmen, die Entführung des Lindbergh-Babys ließe sich geheim halten. Innerhalb weniger Stunden bevölkerten Dutzende Reporter das abgeschiedene Lindbergh-Anwesen. Am Morgen trampelten neugierige Gaffer über das Grundstück und vernichteten alle Spuren, die noch nicht gesichert waren. Und am nächsten Tag war die Nachricht einmal um den Erdball gegangen.

Es war das „Verbrechen des Jahrhunderts“, wie die Zeitungen titelten. Das lag natürlich weniger an der Straftat an sich, sondern am Status der Eltern. Charles Lindbergh war es fünf Jahre zuvor gelungen, im Mai 1927, als erster Mensch den Atlantik alleine in einem Flugzeug zu überqueren. Der Nonstop-Flug von New York nach Paris schrieb Weltgeschichte. Lindbergh war in den USA seitdem ein Nationalheld und weit über die Landesgrenzen hinaus eine Berühmtheit.

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Nationalheld Charles Lindbergh

Auch Lindberghs Frau Anne Morrow entstammte einer prominenten US-amerikanischen Familie. Ihr kurz zuvor verstorbener Vater Dwight Morrow war seit 1913 Teilhaber der bekannten Investmentbank J.P. Morgan gewesen, was ihn zu Lebzeiten zu einem der reichsten Menschen im Bundesstaat New Jersey machte. Außerdem war er für sein Land als Botschafter in Mexiko tätig gewesen und ein Jahr vor seinem Tod zum US-Senator gewählt worden. Der Schauplatz des Verbrechens, das knapp 160 Hektar umfassende Anwesen nahe Hopewell, hatte die Frau von Charles Lindbergh in die Ehe eingebracht.

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Anne Morrow und Charles Lindbergh

Wer hat das Kommando?

Den Lindberghs mangelte es also weder an Geld noch an Einfluss. Und sie ließen sich ungern von anderen Menschen sagen, wo es lang ging. Das bekam auch der Chefermittler H. Norman Schwarzkopf rasch zu spüren. Er durfte zwar in Lindberghs großer Garage, in der drei Wagen Platz fanden, einen Kommandoposten einrichten, für den er zusätzliche Telefonanschlüsse verlegen ließ. Doch Schwarzkopf blieb vorerst lediglich Dirigent des Chaos, das durch das gesteigerte öffentliche Interesse entstanden war. Eine Art überqualifizierter Schülerlotse, wenn man so will.

Während der folgenden Wochen hatten Lindbergh und sein Anwalt Breckinbridge das Heft des Handelns inne. Sie hörten sich zwar Schwarzkopfs Vorschläge an. Aber sie entschieden letztlich, wie weiter vorzugehen war. Die Polizei war somit aus den Verhandlungen mit den Entführern komplett ausgeschlossen. Schwarzkopf konnte lediglich darauf hinweisen, dass etwaige Zugeständnisse an die Entführer seitens Lindbergh – etwa die Zusicherung von Straffreiheit – rechtlich keinerlei Relevanz besaßen.

So verstrich die Zeit zwischen Anfang März und Anfang Mai 1932, ohne dass die Polizei wirkliche Ermittlungen anstellte – obwohl inzwischen auch andere nationale Behörden wie das Bureau of Investigation (das spätere FBI), das US-Justizministerium, die Küstenwache, das Zollamt und die Einreisebehörde (das heutige Ministerium für Innere Sicherheit) ihre volle Unterstützung auf Geheiß von Präsident Herbert Hoover zugesagt hatten.

Am 4. März traf bei den Lindberghs eine zweite Lösegeldforderung ein, abgestempelt im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn. Der Verfasser des Briefes beschimpfte darin Lindbergh, weil er die Polizei verständigt hatte. Er verlangte deshalb nun 70.000 statt der ursprünglichen 50.000 US-Dollar. Der Brief war mit der gleichen Signatur versehen wie das erste Schreiben und galt daher als authentisch. Nur einen Tag später erhielt Lindberghs Anwalt Breckinridge eine Nachricht mit nahezu identischem Inhalt. Konkrete Anweisungen für eine Übergabe des Lösegeldes fehlten in beiden Schreiben.

Gaston Bullock Means

Dieser Leerlauf lockte einige dubiose Figuren auf den Plan, die das schnelle Geld witterten. Der erste Trittbrettfahrer betrat am 4. März die Bildfläche, als die zweite Lösegeldforderung eintraf. Gaston Bullock Means hatte mehrere einflussreiche Persönlichkeiten in New York und Washington kontaktiert. Er erzählte ihnen, die Entführer hätten ihn ursprünglich für die Lindbergh-Entführung anheuern wollen. Er habe sich aber geweigert. Doch nun könne er dank seines Insider-Wissens nützlich machen.

Means war ein ehemaliger FBI-Agent, der seit seiner Entlassung 1924 mehrfach wegen Betrugs mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Er hatte bereits eine Gefängnisstrafe abgesessen. Evalyn Walsh McLean, Tochter eines der reichsten Männer der Welt und Gattin des Verlegers der „Washington Post“, glaubte ihm seine Geschichte. Sie wollte den Lindberghs auf eigene Faust helfen.

Means behauptete, dass er den Anführer der Entführer-Bande nur unter seinem Spitznamen „Der Fuchs“ kenne. Der Mann verlange 100.000 US-Dollar für die Herausgabe des Babys. Zudem bestehe er darauf, das Kind an einen katholischen Priester zu übergeben, nachdem er das Lösegeld erhalten habe. Evalyn McLean stellte die geforderte Summe bereit und bat Pater J. Francis Hurley um Unterstützung. Außerdem zahlte sie Means 3.500 US-Dollar an Spesen, die er für seine „Auslagen“ und Bemühungen reklamierte.

Allein, es geschah nichts. Weder meldeten sich die Entführer, noch tauchte das Lindbergh-Baby auf. McLean forderte schließlich ihr Geld zurück. Doch Means beteuerte weiterhin, den gesamten Betrag einem Mitglied der Kidnapper-Bande ausgehändigt zu haben. Die Angelegenheit ging vor Gericht. Der Richter verurteilte Means und einen Komplizen zu einer langjährigen Haftstrafe.

Mickey Rosner und Al Capone

Der zweite Schwindler wandte sich direkt an Lindbergh und seinen Anwalt. Mickey Rosner verfügte nach eigener Aussage über hervorragende Kontakte zum organisierten Verbrechen, das seiner Einschätzung zufolge hinter der Entführung steckte. Rosner war tatsächlich als Schwarzbrenner in Erscheinung getreten.

1931 war noch der sogenannte „Probition-Act“ in Kraft, der in den USA Herstellung und Verkauf von Alkohol unter Strafe stellte. Die Mafia hatte sich an dieser Entwicklung dumm und dämlich verdient. Die kriminellen Syndikate der damaligen Zeit waren aber auch bekannt dafür, wohlhabende Personen zu entführen, um hohe Lösegelder zu erpressen.

Lindbergh und Breckinridge hielten Rosners Ausführungen offensichtlich für glaubwürdig genug, um ihm 2.500 US-Dollar für seine Vermittlerdienste zu zahlen. Schließlich schaltete sich sogar der berüchtigte Gangsterboss Al Capone aus Chicago höchstpersönlich ein, den man gerade wegen Steuerhinterziehung hinter Gittern gebracht hatte. Sollte es Lindbergh gelingen, so Capones Angebot, ihm zwei Wochen lang Freigang zu verschaffen, könne er die Hintermänner ausfindig machen und die Freigabe des Babys erreichen.

Doch so weit reichte auch Lindberghs Einfluss nicht. Elmer Irey von der US-Steuerbehörde IRS, der die langwierigen und schwierigen Ermittlungen gegen Capone koordiniert hatte, sah gar nicht ein, dass man dem einstigen „Staatsfeind Nr. 1“ eine Möglichkeit zur Flucht einräumen sollte. Mickey Rosner ging dennoch im Haus der Lindberghs ein und aus – zumindest solange, bis die weiteren Ereignisse zeigten, dass er vollkommen nutzlos für die Klärung des Falls war.

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