Am 8. Januar 1934 umstellten Agenten des FBI eine Wohnung in Chicago, die sich im Gebäude 3920 North Pine Grove befand. Sie hatten ein Tipp bekommen, dass sich dort einige Mitglieder der Barker-Gang verschanzt hatten.

Es folgte ein kurzer Schusswechsel, bei dem der Bankräuber Russell Gibson getötet wurde. Die übrigen Bewohner des Apartments ergaben sich schließlich den Beamten: Arthur »Doc« Barker, zwei Frauen und ein gewisser Byron Bolton.

Barker Gang - Arthur Barker

Arthur „Doc“ Barker

Das Ende der Barker-Gang

Bolton war den Behörden bisher unbekannt, aber offensichtlich in kriminelle Machenschaften verstrickt. Während »Doc« Barker im Verhör eisern schwieg, redete Bolton wie ein Wasserfall. Bolton war früher einmal MG-Schütze bei der Marine gewesen und hatte später Geschäfte mit den Egan‘s Rats gemacht. Danach arbeitete er als Hausdiener und Handlanger für den Chicagoer Auftragskiller Fred Goetz alias George »Schrotflinte« Ziegler.

Byron Bolton

Byron „Monty“ Bolton

Bolton war in viele Verbrechen der Barker-Gang eingeweiht gewesen. Er verriet den FBI-Agenten sogar das aktuelle Versteck der noch flüchtigen Bandenmitglieder. Dort stöberte man eine Woche später tatsächlich Freddie und Ma Barker auf. Sie starben im Kugelhagel der Polizei.

Das FBI mauert

Zur Überraschung der FBI-Agenten endeten Boltons Geständnisse jedoch nicht an dieser Stelle. Er behauptete nämlich, dass ihm auch Details über die Hintergründe des Valentinstag-Massakers bekannt seien. Er selber habe daran zusammen mit Goetz, Fred Burke und verschiedenen anderen Personen mitgewirkt.

Das FBI war in diesem Fall nicht zuständig, was Grund genug für die Agenten war, die Informationen zurückzuhalten. J. Edgar Hoover lag zur damaligen Zeit mit so etwa allen Strafverfolgungsbehörden des Landes im Clinch. Der ehrgeizige Hoover wollte das FBI als führende Bundespolizei etablieren, der sich alle Behörden unterzuordnen hatten. Wenn die Polizei von Chicago einen Fall lösen wollte, sollte sie gefälligst selber Ermittlungen anstellen.

Doch irgendwie fanden Details aus Boltons Geständnis dennoch den Weg an die Öffentlichkeit. Eine Zeitung aus Chicago behauptete, das Valentinstag-Massaker sei weitestgehend gelöst, aber das FBI halte sein Wissen darüber unter Verschluss.

Planungen in der Jagdhütte

Aus den Puzzleteilen, die nach und nach bekannt wurden, ließ sich folgendes Bild zusammensetzen. Bolton hatte ausgesagt, dass der Plan zur Ermordung von »Bugs« Moran im Oktober oder November 1928 entstanden sei. Damals hätten sich mehrere Personen in einem Privathaus in Couderay (Wisconsin) versammelt, das Fred Goetz gehörte.

Fred Goetz

Fred Goetz alias George „Shotgun“ Ziegler

Zu den anwesenden Verschwörern zählten angeblich Al Capone, Frank Nitti, Fred Burke, Louis Campagna, Gus Winkler, William Pacelli, Daniel Serritella sowie Goetz und Bolton selbst. Die Männer hätten in dem Haus knapp drei Wochen verbracht und das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Zwischen dem eifrigen Pläneschmieden gingen die Ganoven ausgiebig jagen und fischen.

Byron Bolton behauptete, man habe ihn und Jimmy Moran als Kundschafter eingeteilt. Sie sollten die Garage von »S.M.C. Cartage« im Auge behalten. Es war verabredet, dass Bolton im »Circus Café« anrufen sollte, sobald Moran auf der Bildfläche auftauchte. Bedauerlicherweise sei ihm dabei eine Verwechslung unterlaufen, die ihm selber beinahe das Leben gekostet habe, als Capone davon erfuhr. Nur das Einschreiten von Fred Goetz habe ihn vor dem rasenden Capone bewahrt.

Glaubwürdigkeit

Etwas Glaubwürdigkeit bekam die Geschichte durch zwei Details. Claude Maddox und das »Circus Café« waren bereits zu einem früheren Zeitpunkt in den Fokus der Ermittlungen geraten. Der falsche Frank Rogers, der die Garage für das Fluchtfahrzeug angemietet hatte, hatte die Anschrift des Cafés als Wohnadresse angegeben. Zum anderen hatte die Polizei in dem Zimmer, in dem sich wahrscheinlich der Spähposten der Täter befunden hatte, tatsächlich einen Brief sichergestellt, der an einen Byron Bolton adressiert war.

Bolton wusste nicht mit hundertprozentiger Sicherheit zu sagen, wer letzten Endes beim Überfallteam dabei gewesen war. Er mutmaßte, dass die Gruppe aus Fred Burke, Gus Winkler, Fred Goetz, Bob Carey, Raymond »Crane Neck« Nugent und Claude Maddox bestanden hatte. Vier von ihnen waren die Schützen gewesen und zwei die Fluchtfahrer.

American Boys - Gus Winkler

Gus Winkler

Bolton behauptete, er habe nur den Haupteingang des Lagerhauses überblicken können. Dort habe eine Cadillac-Limousine angehalten, der nur Männer in Zivilkleidung entstiegen seien. Diese Beobachtung passte zu anderen Zeugenaussagen, die gesehen haben wollten, wie sich die uniformierten Täter dem Gebäude von hinten angenähert hatten.

Ihren Wagen hätten sie in einer Seitengasse geparkt. Tatsächlich hatte die Polizei einige Tage nach dem Verbrechen eine Limousine der Marke Peerless in Maywood aufgefunden. In Wageninnern entdeckten sie ein Adressbuch, dass dem Mordopfer Albert Weinshenker gehörte. Besitzer des Hauses, vor dem die Peerless-Limousine abgestellt war, war Claude Maddox.

Laut Bolton seien die Killer davon ausgegangen, dass sich in dem Lagerhaus nur Moran und zwei oder drei seiner Leute aufhielten. Doch plötzlich hätten sie sich mit sieben Mann konfrontiert gesehen. Da hätten sie kurz entschlossen alle anwesenden Personen getötet, um keine Zeugen zu hinterlassen.

Damit blieb nach wie vor ein Rätsel, warum Moran so viele seiner Männer am Valentinstag zum Lagerhaus bestellt hatte. Denn offensichtlich wich dies vom ursprünglichen Plan der Täter ab.

Die »American Boys«

Alvin Karpis, Mitglied der Barker-Gang, bestätigte später in Teilen die Aussagen von Bolton. Karpis hatte zusammen mit Al Capone mehrere Jahre in Alcatraz gesessen. Capone persönlich habe ihm erzählt, dass Fred Goetz das Valentinstag-Massaker geplant habe.

Alvin Karpis

Alvin Karpis
Foto © FBI

Außerdem habe er sich einmal mit Raymond »Crane Neck« Nugent unterhalten, der ihm gesteckt habe, dass die Täter einer Gruppe namens »American Boys« angehörten. Die »American Boys« seien eine geheime Killer-Truppe des Chicago Outfit gewesen, denen Capone wöchentlich 2.000 Dollar plus Spesen gezahlt habe.

Raymond Nugent

Raymond „Crane Neck“ Nugent

Über die Existenz der »American Boys« wusste man aus den Memoiren von Georgette Winkler, der Witwe von Gus Winkler. Georgette Winkler hatte dort enthüllt, dass ihr Mann und seine Freunde Teil dieser Spezialeinheit gewesen seien, die für Capone hoch riskante Aufträge erledigt hätten. Der Gangsterboss habe ihnen angeblich blind vertraut und ihnen selbst den Namen »American Boys« verpasst.

Trotz der Aussage von Byron Bolton unternahm weder das FBI noch eine andere Ermittlungsbehörde etwas in diesem Fall. Das lag unter anderem daran, dass praktisch alle Männer, die Bolton bezichtigt hatte, 1935 bereits verstorben waren. Die einzige Ausnahme waren Fred Burke und Claude Maddox, der zwar von der Polizei in Chicago vernommen wurde, aber ohne jedes Ergebnis. Bis heute streiten jedoch die Historiker darüber, ob Byron Bolton die Wahrheit gesagt hat.

 

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(4) Die Enthüllungen von Byron Bolton was last modified: Februar 20th, 2018 by Richard Deis