1961 plagte sich Anthony Provenzano mit einem aufmüpfigen Schatzmeister der Transportarbeitergewerkschaft herum. Anthony Castellito arbeitete für den Teamster-Ortsverein von Union City, den Provenzano als seine persönliche Melkkuh betrachtete. Castellito war ein kleingeistiges Gewerkschaftsarschloch durch und durch, wie »Tony Pro« meinte. Der Typ funkte ständig dazwischen, meldete Bedenken an und versaute damit die einträglichen Geschäfte, die Provenzano über den Laden abwickelte. Castellito musste verschwinden.

Nachdem der Streit sich zunehmend hochgeschaukelt hatte, unterbreitete Anthony Provenzano seinem Kontrahenten ein Friedensangebot. Er lud Anthony Castellito zu einem Treffen ein, bei dem man die Meinungsverschiedenheiten ein für alle Mal ausräumen könne. Ein Gespräch unter Männern. Castellito willigte ein. Als er jedoch an dem verabredeten Treffpunkt im Norden des Bundesstaates New York eintraf, erwartete ihn dort statt Provenzano ein kleiner Hanswurst mit Brille. Castelitto reagierte unwirsch. Er verlangte, den Chef zu sehen.

Auftragskiller Salvatore Briguglio

Dass er den vermeintlichen Hanswurst schwer unterschätzt hatte, dürfte Castellito wohl nicht mehr aufgegangen sein. Denn kurz darauf hatte ihn Salvatore Briguglio, wie der kleine Mann hieß, in die ewigen Jagdgründe befördert. »Sally Bugs« Briguglio sah vielleicht auf den ersten Blick harmlos aus, aber der Kredithai verdingte sich nebenbei als Auftragskiller der Mafia.

Briguglio ließ Castellitos Leiche spurlos verschwinden. Seine Familie meldete ihn als vermisst. Die Polizei hatte von Anfang an Anthony Provenzano im Verdacht, den lästigen Mitarbeiter beseitigt zu haben. Aber Provenzano konnte ein wasserdichtes Alibi vorweisen. Zum Zeitpunkt des Verschwindens von Castellito weilte er in Florida und sah den Fischen beim Sterben zu. Die Staatsanwaltschaft erhob angesichts der Beweislage keine Anklage.

Dieser Mord lieferte Provenzano quasi das Drehbuch für die Beseitigung von Jimmy Hoffa: keine Leiche, keine Anklage. Aber obwohl Anthony Provenzano ein einflussreicher Mafia-Capo war, konnte er Jimmy Hoffa nicht einfach so umbringen lassen. Er brauchte das Einverständnis der Bosse. Zwar war Hoffa kein Mitglied der Familie und damit sozusagen Freiwild nach dem Verständnis der Cosa Nostra. Aber es konnte ja noch den einen oder anderen Mafiapaten geben, bei dem Hoffa nach wie vor ein Stein im Brett hatte. Doch für die Dons hatte der Ex-Gewerkschaftsboss seinen Nutzen verloren. Und einigen war er zudem in der Vergangenheit empfindlich auf die Zehen gestiegen.

Mafiapate Russell Bufalino

So wie zum Beispiel Russell Bufalino, dem Paten des kleinen, aber sehr einflussreichen Syndikats im nordöstlichen Pennsylvania. Bufalino befehligte gerade mal über 30 Mafiamitglieder. Sein Einflussgebiet umfasste vorwiegend Kleinstädte im Staatendreieck von Pennsylvania, New York und New Jersey. Aber Russell Bufalino war bestens vernetzt mit dem Syndikat in Buffalo und der mächtigen Bonnano-Familie in New York. Jimmy Hoffa hatte es sich 1967 mit Bufalino verscherzt. Genauer gesagt mit dessen Cousin William Bufalino, der das Detroiter Scheinbüro der Gewerkschaft im Auftrag der Mafia führte. Und einem Mafiaboss pisste man nicht ungestraft ans Bein, wie Hoffa acht Jahre später lernen musste.

Im Januar 1976 verfasste das FBI ein Memo, in dem die Personen, die bei der Ermordung Jimmy Hoffas mitgewirkt hatten, eindeutig benannt wurden. Neben Russell Bufalino und Anthony Provenzano tauchte da zum Beispiel erneut der Name Salvatore Briguglio auf. Dem brauchte Provenzano nicht lange zu erklären, wie die Sache ablaufen sollte. Außerdem waren »Tony Jack« Giacalone, Chuckie O‘Brien, die Gebrüder Stephan und Thomas Andretta sowie Frank Sheeran mit von der Partie. Die Zeitung »Detroit Free Press« druckte das 56-seitige Memo im Juni 2006 ab. Die Ermittlungsbehörden sind bis heute überzeugt, dass dieser Bericht der Wahrheit am nächsten kommt.

Ralph Picardo und Frank Sheeran packen aus

Das FBI verdankte sein Wissen über das Mordkomplott vor allen Dingen einem Informanten, der sich bereits 1975 an die Ermittlungsbehörden gewandt hatte. Ralph Picardo saß seit Mai 1975 im Knast, weil er einen Kredithai getötet hatte. Picardo war offiziell Funktionär der Transportarbeitergewerkschaft in New Jersey, in Wahrheit aber langjähriger Fahrer von Anthony Provenzano. Ralph Picardo war definitiv ein Insider. Nun erhoffte er sich einen Strafnachlass, wenn er gegen seinen ehemaligen Boss auspackte.

Kurz vor seinem Tod brach zudem ein Beteiligter an der Verschwörung sein Schweigen. Frank Sheeran war einst die rechte Hand von Jimmy Hoffa gewesen und beseitigte in dessen Auftrag unangenehme Probleme. Nach der Inhaftierung Hoffas wechselte Sheeran die Seiten und arbeitete für Russell Bufalino. Nun sollte er das Problem Hoffa beseitigen. Sheeran war Co-Autor eines Buchs und schilderte darin detailliert, was sich an diesem 30. Juli 1975 zugetragen hatte.

Die Falle wird aufgestellt

Laut Picardo und Sheeran hatte sich zunächst Anthony Giacalone bei Hoffa gemeldet. Er habe gute Nachrichten, habe »Tony Jack« gesagt. Anthony Provenzano sei bereit, den Streit beizulegen. Giacalone schlug Hoffa vor, dass beide sich mit Provenzano im »Machus Red Fox« treffen sollten, um dort das Kriegsbeil endgültig zu begraben. Jimmy Hoffa war in dem Restaurant Stammgast und schöpfte folglich keinen Verdacht, als Giacalone das Lokal als Treffpunkt vorschlug.

Die Verschwörer hätten sich dann ein Haus in Detroit auf der Beaverland Street ausgeguckt, in dem sie Hoffa umbringen wollten. Die Andretta-Brüder hätten das Haus mit Linoleum-Boden ausgelegt. Ihr Job sei es gewesen, den Tatort zu säubern und die Leiche verschwinden zu lassen. Sie hätten sich so lange im Haus verstecken sollen, bis Hoffa dort aufgetaucht sei.

Chuckie O‘Brien habe man derweil vorgeschickt, um Jimmy Hoffa in die Falle zu locken. Chuckie habe bis zum Schluss keine Ahnung gehabt, was eigentlich Sache gewesen sei, meinte Frank Sheeran. Sheeran sei ebenfalls mit zum Restaurant hinausgefahren, denn Hoffa habe sowohl ihm als auch Chuckie O‘Brien blind vertraut. Zusätzlich habe noch Salvatore Briguglio im Auto gesessen. Der habe den Aufpasser gespielt, damit Sheeran nicht in letzter Sekunde noch das schlechte Gewissen packte.

Kurz nach halb drei seien sie dann auf dem Parkplatz vor dem Restaurant eingetroffen. Hoffa sei reichlich sauer gewesen, habe sich aber beruhigt, sobald er Sheeran und O‘Brien gesehen habe. Die beiden hätten ihm dann erklärt, dass Giacalone und Provenzano es wegen eines Termins in Detroit nicht rechtzeitig geschafft hätten, aber dort auf ihn warten würden. Sie habe man losgeschickt, Hoffa Bescheid zu geben und hinzubringen. Jimmy Hoffa habe ihnen die Geschichte abgekauft und sei arglos in den Wagen eingestiegen.

Dass Jimmy Hoffa tatsächlich in jenem Mercury Marquis Brougham gesessen hatte, den sich Chuckie O’Brien am 30. Juli 1975 von Giacalones Sohn ausgeliehen hatte, konnte das FBI 2001 definitiv nachweisen. In dem Fahrzeug hatte man 1975 unter anderem eine Haarsträhne gefunden. Diese unterzog man einem DNA-Vergleich mit Haaren von Jimmy Hoffa. Die Familie hatte glücklicherweise eine Haarbürste aufbewahrt, die Hoffa benutzt hatte. Ergebnis der DNA-Analyse: Volltreffer. Die Haare waren identisch.

Die Falle schnappt zu

Als sie vor dem präparierten Haus in der Beaverland Street angekommen seien, seien nur er – Frank Sheeran – und Hoffa ausgestiegen. »Sally Bugs« Briguglio und Chuckie O‘Brien seien sofort weitergefahren. Er und Hoffa seien dann zur Haustür hineingegangen und hätten den Eingangsflur betreten. Niemand sei zu sehen gewesen. Aus keinem der angrenzenden Räume sei ein Laut zu vernehmen gewesen. In dem Moment sei Jimmy Hoffa klar geworden, was die Stunde geschlagen habe.

Hoffa sei zurück zur Tür gestürmt. Da habe Frank Sheeran schon die Waffe in Händen gehalten und die Andretta-Brüder seien ebenfalls mit gezückten Pistolen aus ihren Verstecken hervorgekommen. Wer die tödlichen Schüsse genau abgegeben hatte, darüber schwieg sich Frank Sheeran aus. Laut seiner Schilderung hätten zwei Kugeln Jimmy Hoffa hinterrücks in den Kopf getroffen, als er schon den Türknauf in Händen gehalten habe.

Was dann mit der Leiche passiert sei, wisse er nur vom Hörensagen, so Frank Sheeran. Denn er habe sich sofort anschließend zum Flughafen begeben, um sich schnellstens ein Alibi zu besorgen, weit weg vom Tatort. Russell Bufalino habe ihm später erzählt, dass man Hoffas Leiche zu einer Müllpresse gebracht habe. Oder zu einem Krematorium, so genau wisse er das nicht mehr.

Am 4. Dezember 1975 erhob die Staatsanwaltschaft auf Grundlage der Aussage von Ralph Picardo Anklage vor einer Grand Jury gegen Anthony Provenzano, Frank Sheeran, Salvatore Briguglio und die anderen Mitverschwörer. Jeder der Beschuldigten berief sich auf den fünften Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten und verweigerte die Aussage. Nach Ansicht der Grand Jury lagen nicht genügend Beweise vor, um ein Verfahren eröffnen zu können. Die Klage wurde abgewiesen. Die Staatsanwaltschaft unternahm keinen weiteren Anlauf. So ist der Fall Jimmy Hoffa bis heute offiziell ungeklärt.

Das weitere Schicksal der Verschwörer

Dennoch mussten die Beteiligten am Komplott auf gewisse Art und Weise für die Tat büßen. Das Schicksal meinte es nicht allzu gut mit ihnen. Zunächst stellte das FBI das berüchtigte Gewerkschaftsbüro 560 in Union City auf den Kopf und machte den Laden schließlich dicht. Ein herber Schlag für Anthony Provenzano, der sich an die stetig sprudelnden Einnahmen gewöhnt hatte. Für ihn kam es noch schlimmer. Denn 1978 erhob man offiziell Anklage gegen ihn wegen des Mordes an Anthony Castellito, 17 Jahre nach dem Verbrechen.

Der Staatsanwaltschaft war es gelungen, Salvatore Briguglio zum Reden zu bringen. Der Junge hatte inzwischen so viel auf dem Kerbholz, dass er sich über jeden Deal mit den Ermittlungsbehörden freuen konnte. Briguglio plapperte aus, wie die Sache mit Castellito genau gelaufen war. Und er klärte auch auf, was mit dessen Leiche geschehen war. Er selbst habe sein Opfer zurück nach New Jersey verfrachtet und die Leiche dort in einem Häcksler zerstückelt.

Nachdem Anthony Provenzano damals aus dem Florida-Urlaub zurückgekehrt sei, habe er seinen Killer belohnt, indem er ihn zum Nachfolger des verschwundenen Anthony Castellito ernannt habe. »Sally Bugs« hatte nie zuvor ein Gewerkschaftsamt ausgeübt und hatte keinen blassen Schimmer von dem Job. Aber im Gewerkschaftsbüro 560 war das auch nicht wirklich wichtig.

Natürlich bekam Provenzano Wind davon, dass »Sally Bugs« gesungen hatte. Die Spielregeln der Mafia waren jedem Teilnehmer bekannt. Salvatore Briguglio starb auf der Mulberry Street inmitten des New Yorker Stadtteils Little Italy. Er wurde von zwei unbekannten Schützen am helllichten Tag auf offener Straße kaltblütig hingerichtet. Dieses Mal musste niemand nach der Leiche suchen. Anthony Provenzano nutzte es aber wenig, den Kronzeugen der Anklage ausgeschaltet zu haben. Die Geschworenen verknackten ihn wegen des Mordes an Castellito zu einer langjährigen Haftstrafe. »Tony Pro« verstarb zehn Jahre später im Alter von 81 Jahren im Gefängnis.

Anthony Giacalone wurde wegen Steuerhinterziehung zu zehn Jahren Haft verurteilt. Als man ihn entließ, hatte er gleich eine neue Klage am Hals. Dieses Mal erwartete ihn ein Verfahren wegen bandenmäßiger Schutzgelderpressung. Bevor der Fall jedoch vor Gericht verhandelt werden konnte, starb Giacalone.

Auch Chuckie O‘Brien, der – wissentlich oder unwissentlich – seinen Freund und Ziehvater Jimmy Hoffa in die Falle gelockt hatte, musste Ende der 1970er ins Gefängnis. Allerdings handelte es sich um ein kleineres Vergehen (er hatte in einem Kreditantrag falsche Angaben gemacht) und er kam mit einer geringen Haftstrafe davon. O‘Brien zog nach Florida um. Vorstand Frank Fitzsimmons höchstpersönlich hatte ihm dort einen Job bei der Teamster-Gewerkschaft zugeschustert.

Aber 1990 war es für Chuckie O‘Brien mit der Funktionärskarriere vorbei. Wegen seiner öffentlich gewordenen Verbindungen zur Mafia war er nicht mehr tragbar. Danach ging es mit ihm gesundheitlich bergab. O‘Brien erkrankte an Krebs und musste insgesamt vier Herzoperationen über sich ergehen lassen. Angeblich lebt er aber immer noch in Boca Raton, Florida.

Chuckie O‘Brien bestreitet nach wie vor, dass er Jimmy Hoffa am 30. Juli 1975 überhaupt getroffen habe. Und mit Sicherheit habe er nichts mit dem Verschwinden seines Freundes zu tun, für das nach Ansicht von O‘Brien ohnehin nicht die Mafia, sondern die Regierung der Vereinigten Staaten verantwortlich sei.

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(5) Ein tödlicher Plot was last modified: Februar 21st, 2018 by Richard Deis