Alfred Packer: Der Menschenfresser von Colorado

Im November 1873 machte das Gerücht die Runde, man sei auf gewaltige Goldvorkommen in der Gegend um Breckenridge (Colorado) gestoßen. Die Geschichte besaß insofern Glaubwürdigkeit, weil man in diesem Gebiet bereits seit 1859 erfolgreich nach Gold schürfte. Die betreffende Stelle befand sich westlich der Großstadt Denver, unweit des bekannten Skiorts Aspen im San-Juan-Gebirge, einem Teil der Rocky Mountains.

Inhaltsverzeichnis

Goldfieber

Die Nachricht verbreitete sich bis in den Bingham Canyon nahe Salt Lake City (Utah). Auch dort gab es Erzminen, die Gold, Silber, Blei und vor allem Kupfer förderten. Zwanzig Erzschürfer, die mit ihrer Ausbeute unzufrieden waren, beschlossen spontan, die Chance beim Schopf zu packen und ins rund 750 Kilometer entfernte Breckenridge aufzubrechen.

Die Männer kannten sich untereinander kaum. Sie waren eine reine Zweckgemeinschaft. Ihnen war auch bewusst, dass vor ihnen eine gefährliche Reise lag, angesichts des beginnenden Winters und der schwer zu bewältigenden Gebirgspassage. Dieses Risiko nahmen sie bewusst in Kauf, weil sie hofften, sich so vor allen anderen Konkurrenten die besten Parzellen sichern zu können.

Nutzloser Ballast mit Ortskenntnissen

Laut George Tracy, einem Mitglied der Expedition, traf man nach 40 Kilometern nahe Provo (Utah) auf einen Mann, der sich ihnen als Alfred Packer vorstellte. Als er vom Ziel ihrer Reise hörte, wollte er sich der Gruppe sofort anschließen. Aber der 31-jährige Packer führte weder Geld noch passende Ausrüstung mit sich. Er wäre nur nutzloser Ballast gewesen.

Der Fremde spürte die Vorbehalte gegen seine Person. Er behauptete, er sei selbst Erzschürfer und könne ihnen zudem als Führer dienen. Er kenne sich in dem fraglichen Gebiet im San-Juan-Gebirge hervorragend aus. Das änderte die Lage. Keiner der Expeditionsteilnehmer verfügte über genauere Ortskenntnisse in Colorado. Es machte also Sinn, den Mann mitzunehmen.

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Alfred Packer [By Unknown authorColorado State Archives: The Alferd Packer Collection, Public Domain, Link]

Auf dem Mormonen-Pfad

Doch sie hatten sich schwer getäuscht. Im Verlaufe des Trips gewannen sie zunehmend den Eindruck, Packer habe hinsichtlich seiner Ortskenntnisse geschwindelt. Als Führer war er auf jeden Fall nicht zu gebrauchen. Stattdessen war er faul und unbelehrbar. Er geriet ständig in Streit mit Frank Miller, einem der Schürfer.

Und er war gierig auf ihre Vorräte. Es war ihm nicht einmal peinlich, um Essen förmlich zu betteln. Zum Nahrungserwerb konnte er selbst nichts beitragen, weil er lediglich mit einem Revolver bewaffnet war, aber kein Gewehr mit sich führte.

Die Gruppe kam kaum voran. Sie folgte dem Mormon Trail, der zu dieser Jahreszeit bereits zugeschneit war. Der Wegverlauf war häufig nicht mehr zu erkennen. Die Pferde und Fuhrwerke blieben wieder und wieder stecken. Die Männer navigierten nur noch mit dem Kompass und irrten durch die weiße Winterlandschaft. Die Vorräte gingen rasch zur Neige. Sie mussten auf das Pferdefutter zurückgreifen. Und bald würden sie die Pferde selbst schlachten müssen.

Häuptling Ouray

In dieser schwierigen Situation stießen sie am 21. Januar 1874 auf ein Lager des Häuptlings Ouray nahe Montrose im nordwestlichen Teil des Bundesstaates Colorado. Ouray führte den Stamm der Uncompahgre aus dem Volk der Ute an. Der Hunger obsiegte über die Sorgen der Männer, wie der Stamm auf ihr Erscheinen reagieren würde.

Sie hatten Glück. Teile des Ute-Volkes befanden sich damals tatsächlich in einem gewaltsamen Konflikt mit Siedlern und Armee. Nicht so der Uncompaghre-Stamm. Häuptling Ouray hatte sich zeit seines Lebens für eine friedliche Koexistenz mit den Weißen eingesetzt. Dementsprechend empfing er die hungernden und durchfrorenen Gäste.

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Häuptling Ouray und Frau, 1880

Er versorgte die 21 Männer mit Essen und Unterkünften. Als er von ihren Plänen erfuhr, die sie in seine Gegend geführt hatten, riet er ihnen eindringlich davon ab, die Reise sofort fortzusetzen. In dieser Jahreszeit seien die Gebirgspässe viel zu gefährlich. Der Schnee bleibe dort so hoch liegen, dass die Männer darin völlig versinken würden. Er riet ihnen, bis zum Frühjahr zu warten. Bis dahin seien sie selbstverständlich seine Gäste. Der Stamm würde seine Vorräte mit ihnen teilen.

Ungeduldig

Ein Teil ließ sich überzeugen. Doch Anfang Februar wurden elf Erzsucher ungeduldig. Sie wollten vor allen anderen zu den Minen gelangen und sich die besten Schürfplätze sichern, obwohl die Schneefälle noch andauerten. Ouray merkte, dass sich die Männer von ihrem Vorhaben nicht abbringen ließen. Er schilderte ihnen detailliert, wie sie die Berge am besten umgehen konnten, um zur Indianeragentur Los Piños zu gelangen, die sich in der Nähe der Minen befand. Er gab ihnen zudem Proviant mit.

Alfred Packer behauptete jedoch, er kenne einen kürzeren Weg, der direkt durch die Berge führe. Die Schürfer waren sich uneins. George „California“ Noon, Frank „Butcher“ Miller, James Humphrey, Israel Swan und Shannon Wilson Bell schlossen sich Packer an und verließen am 9. Februar 1874 das Lager.

Eine fünfköpfige Gruppe um Oliver D. Loutsenhizer verließ sich lieber auf die Empfehlung von Häuptling Ouray. Die Männer folgten bei schlechtem Wetter und eisigen Temperaturen größtenteils dem Lauf des Gunnison River. Doch obwohl sie am Fluss blieben, gingen ihnen die Vorräte aus, bevor sie ihr Ziel erreichen konnten. Die Männer waren dem Hungertod schon nahe, als Kuhhirten sie nahe der Gemeinde Gunnison fanden. Sie nahmen die Männer mit in ihr Lager, wo sie bis Ende April verblieben.

Verschollen

Vor der Packer-Gruppe lagen rund 120 Kilometer Fußmarsch. Die Goldschürfer hatten keine Schneeschuhe im Gepäck und trugen keine zweckmäßige Kleidung, die sie gegen die eisige Kälte in den Bergen geschützt hätte. Sie führten lediglich zwei Gewehre, eine Pistole, etwas Munition, ein paar Messer, ein Beil und einige wenige Streichhölzer (jedoch keinen Feuerstein) mit sich.

Aber das Schlimmste war: Ihre Lebensmittelvorräte reichten noch nicht einmal für 14 Tage. Und diese Menge würden sie mindestens benötigen, um die Wegstrecke zu bewältigen – vorausgesetzt, sie konnten den Schnee und die Berge tatsächlich bezwingen.

Es vergingen mehr als zwei Monate, ohne dass man vom Verbleib der zweiten Gruppe etwas erfuhr. Dann torkelte am 16. April 1874 ein Mann über einen noch zugefrorenen See, die Füße in zerrissene Lumpen gepackt, auf die Indianeragentur Los Piños zu. Als er dort eintraf, bat er um Essen und Unterkunft.

Schneeblind

Der Fremde trug ein Gewehr bei sich, ein Messer, einen Tornister und eine Kaffeekanne aus Stahl. Die Leute, die sich in der Agentur aufhielten, halfen ihm an den Tisch und stellten ihm etwas zu essen hin. Nach einigen Bissen erbrach er aber alles wieder. Er habe lange gehungert. Seine Verdauung habe sich umgestellt, entschuldigte sich der Mann. Er heiße Alfred Packer.

Man reichte ihm Whiskey. Nach ein paar Schlucken berichtete Packer, was ihm widerfahren war. Er erzählte von Utah und der Reise in die Berge. Von Häuptling Ouray. Und schließlich auch von den Ereignissen der letzten beiden Monate. Er behauptete, schneeblind geworden zu sein.

Seine Gruppe habe ihn daraufhin zurückgelassen, weil sie aufgrund ihrer geringen Vorräte nicht hätten warten können, bis er wieder genesen sei. Sie hätten ihm ein Gewehr dagelassen und seien verschwunden. Eigentlich sei er davon ausgegangen, dass sie Hilfe schicken würden, sobald sie eine Siedlung erreicht hätten.

Doch es sei niemand gekommen. Wo seine Kameraden abgeblieben seien, vermochte er nicht zu sagen. Er habe sich von Wurzeln und Rosenknospen ernährt, um zu überleben. Als es zu tauen begann, habe er sich zur Agentur durchgeschlagen.

Die Zuhörer wollten die Geschichte nicht so recht glauben. Dieser Packer sah nicht wie einer aus, der dem Hungertod ins finstere Antlitz geblickt hatte. Sein Gesicht wirkte eher gedunsen. Auf den Rippen hatte er noch reichlich Fleisch. Die echten Hungerleider, die ihnen in der Vergangenheit begegnet waren, waren nur noch ausgezehrte, klapprige Skelette mit Haut gewesen.

Packer lässt es krachen

Packer behauptete, er habe kein Geld. Deshalb verkaufte er sein Winchester-Gewehr an Major Downer, den Friedensrichter in der Indianeragentur, der ihm dafür 10 Dollar gab. Er verweilte insgesamt zehn Tage in der Agentur, um sich zu erholen. Dann kündigte er an, in seine Heimat Pennsylvania zurückkehren zu wollen. Die notwendigen Vorräte dazu wollte er sich in der benachbarten Stadt Saguache besorgen.

In Saguache nahm er sich ein Zimmer in Dolan’s Saloon. Der Eigentümer Larry Dolan erzählte später, er habe während seines Aufenthalts bei ihm rund 100 Dollar hingeblättert. Einmal habe er sogar angeboten, ihm 300 Dollar zu leihen. Im Gemischtwarenladen von Otto Mears habe er in der Zeit weitere 78 Dollar ausgegeben. Zudem behaupteten Zeugen, sie hätten bei Packer mehrere unterschiedliche Geldbörsen bemerkt. Woher hatte er plötzlich so viel Geld? Hatte er nicht gesagt, er sei vollkommen abgebrannt, als er aus der Wildnis zurückgekehrt war?

Packer ließ sich fast täglich im Saloon vollaufen. Wenn er betrunken war, erzählte er über die zwei Monate in den Bergen. Jedes Mal, so schien es, bot er eine andere Version seiner Geschichte feil. Oft genug widersprach sich seine Darstellung der Ereignisse. Bald begannen die Leute über ihn zu reden. Band er ihnen nur einen Bären auf? War er bloß ein Aufschneider? Was war mit den anderen fünf Männern geschehen? Weshalb blieben sie verschwunden? Verheimlichte er ihnen etwas?

Begegnung mit Preston Nutter

Preston Nutter hatte den Winter im Lager von Häuptling Ouray verbracht. Er kam mit zwei weiteren Mitgliedern der ursprünglichen Expedition nach Saguache und traf Packer in Dolan’s Saloon. Er fragte ihn, wo die fünf anderen Männer aus seiner Gruppe abgeblieben seien.

Dieses Mal erzählte Packer, er habe sich auf der Reise nasse Füße geholt. Bei den Minusgraden sei das lebensgefährlich gewesen. Er habe daher ein Feuer gemacht, um sich aufzuwärmen. Die anderen hätten aber nicht auf ihn warten wollen. Swan habe ihm ein Gewehr dagelassen. Dann seien sie davongezogen.

Kurz darauf habe ein Schneesturm eingesetzt, der ihn in seinem provisorischen Lager festhielt. Die Kameraden seien nie zurückgekehrt. Sie hatten ihn, so seine Mutmaßung, einfach aufgegeben. Seine Überlebenschancen seien ja praktisch gleich null gewesen. Er sei jedoch auf eigene Faust losgezogen, habe sich hauptsächlich von Rosenknospen und ab und an einem Eichhörnchen ernährt, das er schießen konnte.

Unbefriedigend

Nutter empfand die Erklärungen unbefriedigend. Packer sah gut genährt aus. Es wollte ihm nicht in den Kopf, warum fünf Bergleute, die sich in Colorado nicht auskannten, ausgerechnet ihren Führer zurücklassen sollten. Das kam doch unter diesen Bedingungen fast einem Selbstmord gleich.

Preston Nutter fand es auch merkwürdig, dass Israel Swan Packer einfach sein Gewehr überlassen hatte und ihm alles Gute gewünscht haben sollte. Sie hatten damit schließlich nur noch eine weitere Langwaffe zur Jagd. Würde man so etwas machen, wenn das schiere Überleben davon abhing?

Wo war außerdem Packers Revolver abgeblieben, den er noch getragen hatte, als er Ourays Lager verlassen hatte? Woher kam das viele Bargeld? Als er sich ihnen anschloss, war er noch komplett blank gewesen. Nutter bemerkte auch, dass Packer ein Jagdmesser bei sich führte, das einst Frank „Butcher“ Miller gehört hatte. Nutter fragte Packer, wie er an das Messer gekommen sei. Packer erklärte, Miller habe es in einem Baum stecken lassen und es dort vergessen.

Nutter glaubte ihm kein Wort seiner Geschichte und sagte es ihm auf den Kopf zu. Der Streit schaukelte sich hoch. Beleidigungen flogen hin und her. Am Ende äußerte Nutter, dass er dafür sorgen würde, dass man Packer hängen würde für das, was er den anderen angetan habe.

Kurz darauf traf die Gruppe um Oliver Loutsenhizer in der Indianeragentur Los Piños ein. Der Leiter der Agentur, General Charles Adams, begrüßte die Überlebenden und erzählte ihnen vom Schicksal ihres Kameraden Alfred Packer.

Loutsenhizer konnte nicht glauben, was er da zu hören bekam. Er hielt es für undenkbar, dass die fünf Verschollenen einen Mann zurückgelassen hätten, egal wie bedrohlich die Lage auch gewesen sein mochte.

Loutsenhizer bat Adams, Packer unter einem Vorwand in die Agentur zu locken, damit man ihn dort eingehender befragen könnte. Wie wäre es, wenn man ihn bitten würde, eine Suchexpedition nach den vermissten Männern anzuführen? Diese Bitte konnte er kaum ausschlagen, wenn er sich nicht verdächtig machen wollte. General Adams ließ sich von dem Vorschlag überzeugen und entsandte einen Boten nach Saguache, der Packer dort noch kurz vor seiner geplanten Abreise nach Pennsylvania erwischte.

Neue Erkenntnisse

Der Kurier, der Packer zurück in die Indianeragentur begleitete, hatte auch Preston Nutter kennengelernt. Der erzählte ihm brühwarm vom neuen Reichtum Packers. Dass er sich unter anderem auch ein Pferd und einen Sattel gekauft hatte. Und dass er sich im Besitz von Gegenständen befand, die wohl ursprünglich den verschollenen Expeditionsmitgliedern gehörten.

Als General Adams von diesen Details erfuhr, stellte er Packer zur Rede. Dieser wiederholte seine Aussage, die er auch bei der ersten Befragung durch Adams abgegeben hatte. Er zeigte sich erstaunt und zugleich besorgt, dass man bisher noch nichts vom Schicksal der vermissten fünf Kameraden in Erfahrung gebrachte hatte.

Loutsenhizer wollte wissen, woher Packers plötzlicher Reichtum kam. Packer gab an, dass er in Saguache ein privates Darlehen aufgenommen habe. General Adams bot an, einen Mann in die Stadt zu schicken, um den Kreditgeber zu befragen. Wenn dies der Wahrheit entspräche, habe Packer doch bestimmt nichts dagegen. Packer zögerte kurz, erklärte sich dann aber einverstanden.

Der entsandte Bote benötigte nicht lange. Doch was er zu berichten hatte, schürte dass Misstrauen gegenüber Packers Erzählungen. Er habe mehrere Zeugen gesprochen. Sie alle hätten übereinstimmend berichtet, dass Packer bereits mit viel Bargeld in Saguache eingetroffen sei. Zudem hätten sie beobachtet, dass sich mehrere Geldbörsen in seinem Besitz befanden. Niemand aus der Stadt habe ihm Geld geliehen.

Streifen getrockneten Menschenfleischs

Während General Adams sich noch mit der Gruppe um Loutsenhizer über das weitere Vorgehen beriet, trafen zwei Angehörige des Ute-Stammes in der Indianeragentur ein. Sie seien auf der Jagd gewesen. Dabei hätten sie auf einem Hügel in der Nähe der Stadt Menschenfleisch gefunden. Fleisch von „weißen Männern“. Zum Beweis hielten sie Streifen getrockneten Menschenfleischs in Händen.

Den Berichten zufolge fiel Packer daraufhin in Ohnmacht. Als er wieder zu Sinnen kam, bettelte er um Gnade. Er schwor, ein umfassendes Geständnis abzulegen. Dieses eröffnete er mit der Bemerkung: „Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Menschen gezwungen waren, sich gegenseitig aufzuessen.“

Das erste Geständnis

Herman Lauter arbeitete für die Agentur. Er protokollierte das Geständnis, das Alfred Packer am 8. Mai 1874 ablegte und zum Abschluss mittels Unterschrift bestätigte. Packer behauptete, seine Gruppe habe das Lager von Häuptling Ouray mit einem Vorrat an Lebensmitteln für 14 Tage verlassen. Doch das unwegsame Gelände, die widrigen Witterungsbedingungen und der damit einhergehende höhere Energieverbrauch hätten dafür gesorgt, dass die Vorräte bereits viel früher aufgebraucht waren.

Angesichts der extremen Kälte hätten sie keine Wildtiere gesichtet. Die Bäche und Seen seien zugefroren gewesen, angeln nicht möglich gewesen. Ihr Nahrungsangebot beschränkte sich in den nächsten Tagen auf Kiefernharz, Rosenknospen und einige wenige Wurzeln, die genießbar waren. Der Hunger nahm immer mehr zu. Die Männer hätten sich gegenseitig beäugt, „auf beunruhigende Weise“, wie es Packer ausdrückte.

Er habe dann ihr notdürftiges Lager verlassen, um nach trockenem Brennholz zu suchen. Als er zurückgekehrt sei, hätten vier Männer aus der Gruppe um den toten Israel Swan herumgestanden. Swan sei mit einem Beil erschlagen worden. Die anderen hätten begonnen, den Leichnam zu zerlegen. Er habe sich ihnen dann angeschlossen. Bei der Leiche hätten sie zudem mehrere tausend Dollar gefunden, die sie untereinander aufgeteilt hätten.

Gemeinsame Sache

Sie hätten dann gemeinsam die essbaren Teile von Swans Körper verzehrt. Er selbst habe zudem Swans Gewehr an sich genommen. In den nächsten beiden Tagen sei ihnen jedoch erneut kein Jagdglück vergönnt gewesen, sodass sie erneut hungern mussten.

Er, Noon, Humphrey und Bell hätten sich dann heimlich abgesprochen, Frank Miller zu töten. Miller sei ein untersetzter Typ gewesen, „mit noch etwas mehr Fleisch auf den Rippen“. Ein Beilhieb habe ihn niedergestreckt, als er sich gerade nach Feuerholz bückte.

Anschließend hätten ihn seine Kameraden „geschlachtet“ und gegessen. Packer behauptete, bei dieser Gelegenheit in den Besitz von Millers Messer gekommen zu sein. Zudem habe man seinen Anteil an Swans Barschaft unter den übrigen vier aufgeteilt.

Die verbliebenen Männer hätten sich wieder in Bewegung gesetzt. Doch der Winter in den Rocky Mountains sei unerbittlich gewesen. Sie seien kaum vorangekommen, hätten fast nichts sehen können vor lauter Schnee und peitschendem Wind. Als Nächstes hätte Humphrey dran glauben müssen, dann Noon. Schließlich seien nur noch Bell und er übrig geblieben, so Packer.

Der Pakt

Sie hätten sich beim Namen des Allmächtigen geschworen, sich niemals zu töten und aufzuessen. Beide hätten zu diesem Zeitpunkt jeweils ein Gewehr und mehrere Tausend Dollar aus Swans Besitz besessen. Sie seien zuversichtlich gewesen, zu zweit mit dem kleinen Angebot an Wild, das sich ab und an zeigte, über die Runden zu kommen.

Und sie hätten sich geschworen, niemals darüber zu sprechen, dass sie angesichts der Umstände zu Kannibalen geworden seien. Niemand würde verstehen, dass ihr Vorgehen überlebensnotwendig gewesen sei. Stattdessen würden sie den Leuten erzählen, dass ihre vier Kameraden den widrigen Witterungsbedingungen zum Opfer gefallen seien.

Doch der Friede währte nur wenige Tage, in denen sie sich von Wurzeln und einem Hasen, den sie erlegen konnten, ernährten. Erschöpft errichteten sie ein Lager an einem großen See, dessen Ufer mit Hemlocktannen dicht bewachsen war. Nach mehreren Tagen sei Bell plötzlich ausgerastet und habe geschrieen, dass er es nicht mehr länger aushalten könne.

Vollgeschlagen

Er habe Packer gesagt, dass einer von beiden nun sterben müsse, damit wenigstens einer noch eine Überlebenschance habe. Bell habe sich eine Flinte geschnappt und sei auf Packer zugestürmt. Er habe ihm mit dem Gewehr den Schädel einschlagen wollen, doch er habe dem Hieb rechtzeitig abwehren können. Packer habe den Augenblick genutzt, sich das Beil genommen und den Angreifer am Kopf getroffen.

Er habe den Toten dann zerlegt und alles über dem Feuer gebraten, was ihm essbar erschien. Er habe sich im Lager den Bauch regelrecht vollgeschlagen, dann den Rest als Proviant eingepackt. Schließlich habe er sich wieder auf den Weg begeben, auch wenn er nicht so recht wusste, wo er sich genau befand. Und natürlich habe er zuvor Bells Taschen geplündert und dessen Beuteanteil eingesteckt.

Nach einer Weile habe er einen Hügel erklommen, von dem aus er die Indianeragentur erkennen konnte. Er habe dort die Fleischstücke, die er noch bei sich führte, einfach weggeschmissen und gehofft, dass sich Wildtiere darüber hermachen würden. Es sei ihm jedoch schwergefallen, dies zu tun. Denn er müsse zugeben, dass ihm das Menschenfleisch gemundet habe und insbesondere die Bruststücke „vorzüglich“ geschmeckt hätten.

Loutsenhizer und die anderen Mitglieder der Expedition glaubten Packer kein Wort. Bell sei zum Beispiel jemand gewesen, der bereitwillig sein Leben für andere geopfert hätte, wenn es die Situation erfordert hätte. So jemand würde doch in einer Notlage nicht plötzlich losziehen und Menschen abschlachten.

Ein Suchtrupp wird entsandt

General Adams beschloss, einen Suchtrupp zusammenzustellen. Vielleicht würde man sich mehr Klarheit verschaffen, sobald man endlich die Leichen gefunden hätte. Er fragte die beiden Ute-Stammesmitglieder, ob sie einen See kennen würden, der Packers Beschreibung entsprach. Sie beschrieben eine Stelle, die etwa 80 Kilometer von der Agentur entfernt lag.

Herman Lauter führte den Suchtrupp an. Er bestand neben fünf Goldschürfern aus Utah aus mehreren Mitarbeitern der Agentur sowie Alfred Packer, der die Gruppe durch die Berge geleiten sollte. Nach zwei Wochen erreichten sie Lake Fork am Gunnison River. Dort vermuteten die Ute das fragliche Lager.

Doch Packer behauptete, er erkenne die Gegend nicht wieder. Loutsenhizer beschimpfte ihn daraufhin als Lügner und Mörder. Er verlangte, dass man den Mann direkt am nächsten Baum aufknüpfe. Vorläufig blieb Packer aber auf freiem Fuß.

Der Suchtrupp konnte keine Spur der Vermissten finden und kehrte schließlich um. Auf dem Rückweg unternahm Packer dann einen Mordanschlag auf Lauter. Irgendwie war es ihm gelungen, ein großes Messer in seiner Kleidung zu verstecken, mit dem er nun den Anführer angriff. Die übrigen Männer konnten ihn jedoch überwältigen.

Neues Geständnis

Als General Adams von dem Attentat hörte, ließ er Packer nach Saguache bringen und dort ins Gefängnis sperren. Bisher hatte er Packers Schilderungen noch Glauben schenken wollen. Doch der scheinbar unmotivierte Angriff auf seinen Angestellten Lauter warf ein anderes Licht auf die Vorfälle.

Während der Inhaftierung revidierte Alfred Packer sein Geständnis. Er behauptete nun, seine Gruppe sei in einen schweren Schneesturm geraten. Eine Orientierung im Gelände sei nicht mehr möglich und die Vorräte rasch aufgebraucht gewesen. Sie hätten kein Wild entdecken können, auch das Angeln sei unmöglich gewesen.

Ihnen seien zudem die Streichhölzer ausgegangen. Sie hätten sich beholfen, indem sie Holzkohleglut in einer Kaffeekanne aus Stahl transportiert hätten. Am Ende hätten sie aus Verzweiflung ihre Schuhe über dem Feuer geröstet und versucht das Leder zu essen.

Schutz in einer Senke

Das sei der Punkt gewesen, an dem die Männer einen Pakt geschlossen hätten. Wenn einer von ihnen an Hunger versterben würde, dürften die anderen seine Leiche verspeisen. Sie seien weitergezogen, hätten aber praktisch keine weitere Nahrung gefunden. Nach mehreren Tagen sei Israel Swan zusammengebrochen, die anderen ebenfalls völlig erschöpft gewesen.

Sie hätten Schutz in einer Senke nahe einem See gesucht, die von Kiefern umstanden war. Kurz darauf sei Swan an Hunger und Kälte gestorben. Sie hätten gemeinsam seinen Leichnam verspeist. Das sei etwa zehn Tage nach dem Aufbruch aus dem Lager der Ute geschehen.

Vier oder fünf Tage später sei James Humphrey erfroren, dessen Leiche den anderen ebenfalls als Nahrung gedient habe. Packer behauptete, bei dieser Gelegenheit eine Geldbörse mit 133 Dollar in Humphreys Kleidung entdeckt zu haben, die er heimlich an sich genommen habe.

Erschossen

Einige Zeit später sei er Holz sammeln gegangen. Als er zurückgekehrt sei, habe Frank Miller tot dagelegen. Die anderen beiden hätten behauptet, es sei ein Unfall gewesen. Miller wurde auch gegessen. Dann habe Shannon Bell George Noon erschossen, dieses Mal in voller Absicht, um an sein Fleisch zu gelangen.

Packer blieb bei seiner ursprünglichen Version, dass er und Bell eine Art Waffenstillstand vereinbart hätten, den Bell jedoch gebrochen habe, als er ihn mit einem Gewehr angriff. Doch er habe ausweichen können, der Schaft sei gegen einen Baumstamm gekracht und die Flinte zerstört worden. Da habe er Bell mit seinem Revolver erschossen. In seinem ersten Geständnis hatte er noch angegeben, Bell mit dem Beil erschlagen zu haben.

Kapitelübersicht zum Fall Alfred Packer

  1. Kapitel 1: Expedition und Verschwinden
  2. Kapitel 2: Fünf Leichen in den Rocky Mountains
  3. Kapitel 3: Prozess, Verurteilung und Wahrheit

3 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Erstellung dieser Seite und die intensive Recherche in den einzelnen Fällen! Mit Ihrer Arbeit haben Sie eine einzigartige website im deutschsprachigen Raum erstellt, welche ich bereits seit Jahren verfolge und mich über jeden neuen Beitrag mit Spannung freue!

  2. Guten Tag Herr Deis,
    ich lese Ihre Geschichten unglaublich gerne, jedoch gibt es seit jetzt mehr als 3 jahren keine neuen mehr 🙁
    Ich wollte daher mal fragen ob demnächst noch neue erscheinen werden oder man anderswo (abgesehen von Ihren Büchern) Geschichten von Ihnen lesen kann?

    Grüße Tom:)

  3. Hallo, ich hoffe es geht Ihnen gut. Ich muss ehrlich sagen, so komisch das auch klingen mag, da es hier um Mordfälle geht, vermisse ich Ihre Artikel dennoch sehr. Ich schaue immer mal wieder hier vorbei und bin jedesmal traurig. Aber ich hoffe, dass wir noch neues von Ihnen lesen dürfen.

    Freundliche Grüße! Lola:)

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