Harvey Glatman: Der Glamour Girl Slayer

Harvey Glatman, auch als »Lonely Hearts Killer« oder »Glamour Girl Slayer« bekannt, war vermutlich der erste Serienmörder, der seine Verbrechen in allen Einzelheiten mit einer Fotokamera dokumentierte. Nicht nur deshalb wirkt der hochintelligente Glatman wie der Prototyp bekannterer Serienverbrecher wie Ted Bundy, Jeffrey Dahmer und Edmund Kemper.

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Ein seltsames Kind

Was machen Eltern, wenn sie ihren vierjährigen Jungen keuchend, mit hochrotem Kopf in seinem Kinderzimmer vorfinden, während um seinen Penis eine Schnur gewickelt ist, deren anderes Ende in einer Schublade klemmt, und der Filius sich weit zurückgelehnt hat, sodass die Schnur voll angespannt ist?

Der als Disziplinfanatiker bekannte Albert Glatman hatte zwei Antworten auf dieses Problem parat: Zunächst mal verabreichte er seinem Sohn Harvey eine tüchtige Tracht Prügel mit dem Gürtel. Dann erklärte er ihm wortreich, dass man sich Akne und andere unschöne Gebrechen einfange, wenn man »da unten an sich herumspiele«.

Harveys Mutter Ophelia Glatman hingegen suchte ärztlichen Rat. Das seltsame Verhalten ihres Sohnes war ihr unerklärlich. Nun spielt die Geschichte um Harvey Glatman nicht in der Gegenwart, in der es in New York vermutlich mehr Psychologen als Bäckereien gibt. Sondern in der Bronx des Jahres 1931. Ophelia Glatman blieb nur der Gang zum Hausarzt.

Der Doktor beruhigte die verstörte Mutter. Das sei eine vorübergehende Phase, typisch für Kinder in diesem Alter. Das würde sich ganz von alleine »herauswachsen«. Sie dürfe bloß nicht den Fehler machen, den Vorfällen allzu viel Beachtung zu schenken. Wenn der Junge merke, dass er dadurch Aufmerksamkeit erregen könne, würde ihn das motivieren, damit fortzufahren. Ophelia und Albert Glatman hielten sich in den kommenden Jahren an den ärztlichen Rat. Er schien zu fruchten.

Harvey Murray Glatman, ihr seltsames und einziges Kind, das am 10. Dezember 1927 zur Welt gekommen war, blühte regelrecht auf, als er auf die Schule kam. Der Junge war hochbegabt. Die Außenwelt nahm ihn als wissbegierig, fleißig, brav, wenn auch als schüchtern und außergewöhnlich still wahr. Von dem, was in der Wohnung der Glatmans zuweilen vor sich ging, ahnte niemand etwas. Und die Eltern schauten tapfer weg, wenn der Junge sich mal wieder eigenartig benahm, so wie es ihnen der Arzt geraten hatte.

Geschockte Eltern

Als Harvey Glatman 1939 auf die Junior High School wechselte, zog die Familie aus dem schmutzigen und lauten New York in das damals noch beschauliche Denver um. Dem Jungen schien die Luftveränderung zu bekommen. Er brachte weiterhin exzellente Noten nach Hause, die Lehrer lobten ihn über den grünen Klee.

Eines Abends jedoch kehrten die Eltern vom Einkaufen in die Wohnung zurück und bemerkten am stark geschwollenen Hals ihres Sohnes verdächtige rote Striemen. Sie stellten Harvey zur Rede. Der Junge erzählte kleinlaut, was er dieses Mal angestellt hatte.

Er hatte sich in der Badewanne eine Schlinge um den Hals gelegt und das lose Ende des Seils um ein Wasserrohr gewickelt. Während er mit der einen Hand masturbiert hatte, hatte er mit der anderen an dem Seil gezogen. Mit anderen Worten: Der frühreife 11-Jährige hatte mit autoerotischer Asphyxie herumexperimentiert.

Die geschockten Eltern vertrauten dieses Mal nicht dem Urteil eines Hausarztes, sondern suchten einen der wenigen Psychiater in Denver auf. Seine Diagnose unterschied sich allerdings kaum von der seines Kollegen in New York. Er schob das Verhalten des Jungen auf die einsetzende Pubertät und die überschüssigen Hormone. Kein Grund zur Sorge.

Backenhörnchen

Tatsächlich bemerkten die Eltern in den nächsten Jahren bei ihrem Sohn keine Verhaltensauffälligkeiten mehr. Das lag aber einzig darin begründet, dass Harvey Glatman seine Aktivitäten besser zu tarnen verstand. Nach der für ihn demütigenden Erfahrung war er peinlichst darauf bedacht, sich nie mehr erwischen zu lassen.

In Wahrheit entwickelte er in dieser Phase seinen Erfahrungsschatz immer weiter, wie er später gestand. Das Fesseln und Strangulieren war alsbald ein Fetisch für ihn, der untrennbar mit Glatmans Sexualität verknüpft bleiben sollte.

Der extrem schüchterne Harvey Glatman hatte nie viele Freunde besessen. Aber im Alter von zwölf Jahren begannen ihn seine Mitschüler auf der Junior High School komplett auszugrenzen. Zum einen war er als Streber verschrien.

Zum anderen nahmen die Kinder sein Äußeres zum Anlass, um ihn zur Zielscheibe ihres Spotts zu machen. Glatman hatte große abstehende Ohren, einen im Verhältnis dazu zu klein geratenen Kopf und Hasenzähne. Zudem litt er in diesem Alter unter heftiger Akne. Die Mitschüler verhöhnten ihn als »Backenhörnchen«.

Der Serieneinbrecher

Harvey Glatman driftete zunehmend in eine gefährliche Parallelwelt ab, in der er die vermeintlichen Glücksgefühle erlebte, die ihm in der Realität verwehrt blieben. Nach Schulende rannte er nach Hause und spielte auf dem Speicher mit seinen Seilen herum. Doch der Kick ließ nach. Er hielt nach neuen Reizen Ausschau. Er fand sie, als er in fremde Wohnungen einbrach – der Beginn seiner kriminellen Aktivitäten.

Bei den Einbrüchen ging es ihm nicht in erster Linie um die Beute. Er griff sich einfach, was herumlag. Ihn erregte vielmehr die Tatsache, dass er in die Intimsphäre eines anderen Menschen eindrang. Dann fiel ihm bei einem seiner Raubzüge eine Pistole in die Hände.

Damit war die nächste Eskalationsstufe erreicht. Die Waffe verlieh ihm plötzlich ungewohnte Macht. Ab diesem Zeitpunkt verübte er keine wahllosen Einbrüche mehr. Nun suchte er sich seine Opfer gezielt aus. Denn er führte anderes im Schilde.

Wenn er eine Frau auf den Straßen von Denver sah, die ihm gefiel, folgte er ihr. Sobald er wusste, wo sie wohnte, spähte er das Haus aus. Lebte die Frau allein? Wann kam sie gewöhnlich nach Hause? Wie konnte er sich Zugang zur Wohnung verschaffen? Dann stieg er durch ein Fenster ein, kletterte die Feuerleiter hoch oder knackte die Hintertür. War Glatman in das Apartment gelangt, wartete er die Rückkehr der Mieterin ab.

Werkzeuge der Macht

Sobald sie die Wohnung betrat, hielt er sie mit gezückter Pistole in Schach. Er zwang die überrumpelte Frau ins Schlafzimmer, wo er sie knebelte und fesselte. Er benutzte dazu ein Seil, das er bei allen seinen Einbrüchen in der Jackentasche mit sich führte.

Vorläufig genügte es Glatman, die Frauen zu befummeln, während er sich selbst befriedigte. Zu einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung kam es in dieser Phase noch nicht. Manchmal verlangte er von den Frauen, dass sie sich neben ihn legten. Dann sollten sie so tun, als ob seine Gegenwart sie erregte.

Harvey Glatman empfand die Überfälle einerseits als Genugtuung für die Demütigungen, denen er sich in der Schule ausgesetzt sah. Gleichaltrigen Mädchen oder gar erwachsenen Frauen sich so zu nähern, wie er sich seinen Opfern genähert hatte, war ihm bisher undenkbar erschienen.

In der Schule fing er sofort an zu stottern und lief rot an, sobald ihm ein Mädchen begegnete. Dort war er nur der Trottel, der Versager, über den alle Witze rissen. Die Pistole und das Seil hatten die Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehrt. Mittels dieser Werkzeuge war er nun in der Position des Überlegenen. Niemand lachte ihn mehr aus. Jeder tat, was er verlangte.

Das Seil war andererseits schon längere Zeit fester Bestandteil von Glatmans Sexualität gewesen. Aber zuvor hatte er nur sich selbst gefesselt und stranguliert. Mit den Überfällen auf die Frauen hatte Glatman eine Grenze überschritten. Das Seil bot ihm die Möglichkeit, einen anderen Menschen zu kontrollieren – eine Erfahrung, die ihn sexuell stark erregte.

Er malte sich in seinen Fantasien detailliert aus, welche Dinge er mit seinen wehrlosen Opfern anstellen konnte. Diese Gewaltfantasien prägten fortan sein Verhältnis zu Frauen. Für Glatman namenlose, austauschbare Objekte, die für ihn nur dann eine Bedeutung besaßen, wenn sie ihm hilflos ausgeliefert waren. An anderweitigen Beziehungen zu Frauen hatte er keinerlei Interesse.

Geübter Lügner

Die ersten Übergriffe auf Frauen verübte Harvey Glatman im Alter von 16 Jahren, als er die High School besuchte. Die Verbrechen blieben unentdeckt. Vermutlich empfanden die betroffenen Frauen zu viel Scham, um zur Polizei zu gehen. Vielleicht redeten sie sich auch ein, dass nicht wirklich etwas passiert sei. Die Behörden von Denver hatten zumindest keinen blassen Schimmer, dass ein jugendlicher Serientäter reihenweise Frauen in ihrer Stadt missbrauchte.

Harvey Glatman war inzwischen ein geübter Lügner. Seine Seilspiele auf dem Dachboden hatte er bereits erfolgreich vor seinen Eltern verbergen können. Als er ihnen nun erklären musste, warum er häufiger verspätet aus der Schule zurückkehrte, hatte er sich vorab die passende Antwort zurechtgelegt. Er habe einige freiwillige Kurse an seiner High School belegt.

Die Eltern gaben sich mit der Antwort zufrieden. Endlich fand der Junge Anschluss und nahm mehr an sozialen Aktivitäten teil. Sie sahen keinen Grund, ihm zu misstrauen. Schließlich brachte er ja nach wie vor gute Noten nach Hause.

Der ertappte Einbrecher

Doch am 18. Mai 1945 fielen seine Eltern aus allen Wolken. An diesem Tag brach Harvey Glatman in die Wohnung einer gewissen Elma Hamum in der Vrain Street ein. Glatman war nachlässig. Er bemerkte den Streifenpolizisten nicht, der ihn misstrauisch beäugte und beobachtete, wie Glatman durch ein Fenster einstieg. Der Polizist durchsuchte den ertappten Einbrecher und entdeckte ein Seil und eine Pistole in seiner Tasche.

Harvey Murray Glatman
Harvey Glatman

Auf der Wache musste sich Glatman erstmals einem Verhör unterziehen. Er verlor die Nerven. Er wollte hier nur raus. Er musste ihnen etwas anbieten. Also gestand er seine Einbrüche, ließ jedoch die Übergriffe auf die Frauen unerwähnt. Die Beamten gaben sich damit zufrieden, obwohl das Seil und die Pistole eigentlich darauf hinwiesen, dass der Bursche noch anderes als Diebstahl im Schilde geführt hatte. Glatmans Eltern brachten die Kaution auf, sodass Harvey bis zum Prozess auf freiem Fuß blieb.

Die tickende Zeitbombe

Doch Harvey Glatman hatte seine Lektion nicht gelernt. Nur einen Monat nach seiner Festnahme – das Verfahren wegen Einbruchs war noch nicht eröffnet worden – entführte Glatman eine junge Frau. Er zwang Norene Laurel mit vorgehaltener Pistole auf offener Straße, in seinen Wagen einzusteigen. Dort fesselte er sie und fuhr mit ihr zum Sunshine Canyon außerhalb von Denver.

Glatman blieb seinem bisherigen Tatverhalten treu. Er vergewaltigte die Frau zwar nicht, begrapschte sie aber hemmungslos und befriedigte sich währenddessen selbst. Anschließend kehrte er nach Denver zurück und ließ sein Opfer laufen.

Norene Laurel begab sich schnurstracks zur Polizei und erstattete Anzeige. Die Beamten zeigten ihr Fotos aus der Verbrecherkartei, darunter auch einen druckfrischen Porträtabzug eines 17-jährigen Einbrechers namens Harvey Glatman. Norene Laurel zögerte keine Sekunde. Dieser Typ mit dem kleinen Kopf, den Riesenohren und den Hasenzähnen war nicht zu verwechseln.

Die Polizei verhaftete Glatman erneut. Dieses Mal gewährte der Richter keine Kaution. Harvey Glatman verblieb bis zum Prozesstermin in Untersuchungshaft. Im November 1945 verurteilte ihn das Gericht zu einer Haftstrafe von einem Jahr, die er im Staatsgefängnis von Colorado zu verbüßen hatte.

Davon saß Glatman acht Monate ab, bevor die Behörden ihn wegen guter Führung entließen. Der Serieneinbrecher mit den sexuellen Gewaltfantasien erwies sich im Gefängnisalltag als Musterknabe. Er ordnete sich unter, verhielt sich stets höflich und korrekt gegenüber dem Wachpersonal und ging jedem Konflikt aus dem Weg. Verhaltensweisen, die das Vollzugsystem zu schätzen wusste. Am 27. Juli 1946 war Harvey Glatman wieder ein freier Mann.

Draußen erwartete ihn seine Mutter, die ihn umgehend zum Psychologen schleppte. Ophelia Glatman war klar, dass sie handeln musste. Der Junge war eine tickende Zeitbombe, auch wenn die Behörden das noch nicht wahrhaben wollten. Der Arzt behauptete, dass Glatman extreme Angst vor Frauen zeige. Dies sei der tiefere Grund für sein kriminelles Verhalten.

Der Psychiater schien ein Anhänger der Schocktherapie zu sein. Denn als Behandlungsmethode schlug er vor, den Jungen bewusst in Kontakt mit dem anderen Geschlecht zu bringen. Harvey Glatman sollte zum Beispiel an Tanzkursen teilnehmen, um seine Ängste und Unsicherheiten zu überwinden.

Glatman hörte aufmerksam zu. Er besuchte in der Folge tatsächlich Tanzkurse und einschlägige Musiklokale. Aber er hatte gänzlich anderes im Sinn als der Arzt. Er sah darin eine clevere Möglichkeit, ungestört potenzielle Opfer zu studieren und anzusprechen.

Luftveränderung

Ophelia Glatman war zudem der Überzeugung, dass ihrem Sohn eine Luftveränderung guttun würde. In Denver war Harvey Glatman als verschlagener Einbrecher und Triebtäter gebrandmarkt. Sie begleitete ihn in seine Geburtsstadt New York, besorgte ihm eine Bleibe und blieb die ersten Wochen bei ihm. Sie beschaffte ihm außerdem Arbeit in einer Fernsehreparaturwerkstatt.

Glatman hatte bereits im Gefängnis erste Erfahrungen in diesem Job gesammelt. Als Ophelia Glatman überzeugt war, dass der Junge nun für sich alleine sorgen könnte, kehrte sie zurück zu ihrem Mann nach Denver.

Harvey Glatman hatte geduldig die Abreise seiner Mutter abgewartet. Jetzt konnte er seine Freiheit endlich in seinem Sinne genießen. Sobald Mami verschwunden war, trieb er sich auf den Straßen von New York herum und begaffte die jungen Frauen. Der Aufenthalt im Knast hatte Glatman ein Stück weit schlauer gemacht, allerdings nicht im Sinne einer Resozialisation.

Er hatte gelernt, dass der Gebrauch einer echten Knarre automatisch eine lange Haftstrafe nach sich zog. Doch eine Pistole war fester Bestandteil seines Modus Operandi. Ihm fiel keine andere Möglichkeit ein, seine Opfer zu überwältigen. Also besorgte sich Harvey Glatman eine billige Spielzeugpistole. Hauptsache, sie ähnelte auf den ersten Blick einer echten Waffe.

Zusätzlich steckte er ein Taschenmesser und natürlich das Seil aus bestem Hanf ein. Es ging nichts über ein echtes Hanfseil, das niemals verrutschte, fand Glatman. Da konnte dieser neumodische Nylonkram nicht mithalten.

Am 17. August 1946 schlug Harvey Glatman gegen Mitternacht erneut zu. Er hielt das Liebespaar Thomas Staro und Doris Thorn mitten auf dem Bürgersteig an, zückte eine Pistole und zwang sie, unter den Schatten von ein paar Bäumen zu treten. Das Liebespaar beschrieb den Täter später wie folgt: Knapp 1,80 Meter groß. Etwa 70 kg schwer. Große, abstehende Ohren. Vernarbtes Gesicht. Ungekämmtes Haar. Hornbrille.

Glatman entwendete Staros Brieftasche aus dessen Hosentasche, band ihm die Beine zusammen und verlangte von ihm, sich in den Grasstreifen unter den Bäumen zu legen. Dann wandte sich Glatman Doris Thorn zu. Er ließ seine Hände über ihren Körper wandern. Er begrapschte ihre Brüste. Die junge Frau spürte den Pistolenlauf, der sich in ihren Bauch drückte, und wagte nichts zu sagen.

Harvey Glatman war so gefangen vom Anblick der Frau, dass er nicht bemerkte, wie sich Thomas Staro seine Fesseln abstreifte und auf Zehenspitzen von hinten heranschlich. Trotz des überraschenden Angriffs gelang es Glatman, sein Taschenmesser aus der Hose zu ziehen. Er versetzte Staro einen Stich in die Schulter. Die Verletzung war zwar nicht lebensgefährlich, doch der geschockte Staro ließ den Übeltäter daraufhin entkommen. Glatman hetzte zum Bahnhof und verließ mit dem ersten Zug die Stadt. Sein Ziel: Albany im Norden des Staates New York.

Albany

Denver, Yonkers, Albany – im Prinzip war Glatman einerlei, wohin es ihn verschlug. Eine Stadt war wie die andere, solange sich dort genügend junge Frauen aufhielten. Harvey Glatman mietete sich nach seiner Ankunft in Albany eine neue Wohnung in der Commercial Street an. Er verbrachte die ersten Tage damit, wie schon in Yonkers, durch die Straßen seiner neuen Heimat zu streifen und alles und jeden zu beäugen.

Am 22. August 1946, nur vier Tage nach seiner Ankunft in Albany, verübte Glatman seinen nächsten Überfall. Auf der Main Avenue hatte er die Krankenschwester Florence Hayden erblickt. Sie kam von der Arbeit und war alleine unterwegs. Es war inzwischen Mitternacht, die Straßen praktisch menschenleer.

Glatman näherte sich Florence Hayden von hinten und griff nach ihrer Handtasche. Die Krankenschwester klammerte sich instinktiv an die Tasche. Glatman nutzte die Finte, um Florence Hayden in einen angrenzenden Hinterhof zu schubsen. Er drückte ihr die Mündung seiner Pistole in die Seite. Er befahl ihr, sich ruhig zu verhalten und auf den Boden zu legen. Dann kramte er das Seil hervor.

Doch Florence Hayden war nicht so leicht einzuschüchtern, wie sich Glatman das vorgestellt hatte. Gegenüber der Polizei beschrieb sie die Szene folgendermaßen: »Ich sah, wie er beide Hände benutzen musste, um mir das Seil umzubinden. Er hatte die Pistole beiseitegelegt. Also rollte ich mich herum und trat ihn so hart, wie ich konnte. Und dann schrie ich. Ich brüllte die ganze Nachbarschaft zusammen. Das jagte dem Typen eine Heidenangst ein. Mann, der Kerl hatte plötzlich noch mehr Fracksausen als ich selbst.«

Doppelschlag

Glatman flüchtete erneut. Aber dieses Mal wechselte er nicht die Stadt. Bereits am nächsten Abend begab er sich wieder auf die Jagd. Er hielt auf der Hollywood Avenue Ausschau nach Opfern. Jede Frau, die er an diesem Abend sah, war in männlicher Begleitung. Seit seiner Begegnung mit Thomas Straro waren Pärchen für Glatman Tabu.

Männer wehrten sich. Männer waren stärker als er. Männer konnten ihm gefährlich werden. Er würde die Finger von Pärchen lassen. Sein Plan konnte nur funktionieren, wenn er eine einzelne Frau in seine Gewalt bekam. Er zwang sich zur Geduld.

Dann schlenderten Evelyn Berge und Beverly Goldstein die Hollywood Avenue hinab. Kein Mann in ihrer Begleitung. Aber sie waren zu zweit. Glatman pfiff auf seine »Prinzipien«. Er folgte ihnen. Hinter der nächsten Straßenecke fuchtelte er mit seiner Spielzeugpistole vor den Gesichtern der Frauen herum. Erst forderte er ihre Geldbörsen. Dann wollte er sie fesseln. Glatman kam ins Stottern. Glatman lief rot an. Glatman nahm seine Beine in die Hände und sah zu, dass er davonkam. Zwei Frauen waren einfach zu viel für ihn.

Jagd auf Harvey Glatman

Bisher waren Glatmans Verbrechen in Albany noch glimpflich ausgegangen. Für die Polizei waren solche Raubüberfälle eigentlich Routinekram. Doch als Polizeichef James Kirwin hörte, dass ein Typ binnen eines Tages zweimal Frauen mit einer Pistole bedroht hatte und sie hatte fesseln wollen, läuteten bei ihm alle Alarmglocken.

Die Beschreibungen des Täters, die Hayden, Berge und Goldstein geliefert hatten, stimmten überein. Das nächste Mal würde er mit seiner Masche möglicherweise Erfolg haben und die Frau vergewaltigen. Wenn er dann auf den Geschmack gekommen wäre, würde es nicht mehr lange dauern, bis weitere Opfer folgten.

Police Commissioner James Kirwin räumte dem Fall höchste Priorität ein. Alle verfügbaren Polizeikräfte von Albany jagten nun Harvey Glatman. Es dauerte bloß zwei Tage, bis er ihnen ins Netz ging. Zwei Streifenbeamten fiel ein Mann auf, der einer Frau auf der Western Avenue folgte. Der Verdächtige entsprach exakt der Täterbeschreibung: Abstehende Ohren, kleines Gesicht, vorstehende Zähne, Hornbrille. Sie hielten den Mann an und durchsuchten seine Taschen. Sie fanden eine Spielzeugpistole, ein Taschenmesser und ein aufgewickeltes Seil.

Auf der Wache nahmen ihn die Beamten in die Mangel und drohten ihm Schläge an. Es waren die 1940er. Niemand scherte sich darum, wenn die Polizisten aus einem dringend Tatverdächtigen ein Geständnis herausprügelten. Glatman wusste das. Er hatte Angst. Er gestand die Überfälle in Albany und Yonkers.

Daraufhin verlangte die Polizei von Yonkers, dass der Gefangene zu ihnen überstellt wurde. Schließlich wog der Tatvorwurf der Körperverletzung mit einer Stichwaffe schwerer als die Verbrechen, die sich Glatman in Albany zuschulden kommen ließ. Möglicherweise konnte man ihm auch einen versuchten Mord anhängen.

Harte Strafe

Doch die Behörden in Albany weigerten sich, Glatman auszuliefern. Yonkers hatte ihn einmal entkommen lassen. Die Polizei in Albany hatte ihn aus dem Verkehr gezogen. Sie würden ihm auch den Prozess machen. Vier Tage nach der Festnahme erfolgte die Anklageerhebung. Inzwischen hatte der zuständige Staatsanwalt in Erfahrung gebracht, dass Glatman in Colorado kein unbeschriebenes Blatt war. Glatman sah sich nun plötzlich einer langjährigen Gefängnisstrafe gegenüber.

Ophelia und Albert Glatman waren schockiert, als sie die Neuigkeiten hörten. Sie hatten ernsthaft geglaubt, dass sich ihr Sohn gebessert habe und ein braves, gesetzestreues Leben in Yonkers führe. Ophelia eilte an die Ostküste und bat um Gnade für ihren Sohn. Ihre Tränen ließen Richter Earl Gallup kalt. Glatman war zum Tatzeitpunkt noch keine 21 Jahre und damit noch nicht volljährig. Gallup musste ihn nach dem Jugendstrafrecht aburteilen.

Wenn man diesen Umstand in Betracht zieht, war die Strafe, die der Richter im Oktober verhängte, verhältnismäßig hart. Er verurteilte Glatman zu fünf bis zehn Jahren Haft. Die erste Zeit würde er in der Erziehungsanstalt Elmira absitzen müssen, nach seinem 21. Geburtstag sollte er in den Hochsicherheitsknast Sing Sing verlegt werden.

Sobald Glatman einsaß, wickelte der Musterhäftling wieder alle um den Finger. Er widmete sich jeder Arbeit und Aufgabe, die man ihm übertrug, mit Feuereifer. Zudem ergaben psychologische Tests, dass Glatman einen IQ zwischen 130 und 140 besaß. Nach nur zwei Jahren Haft in Elmira und acht Monaten in Sing Sing entließ man den vermeintlich hochbegabten Glatman vorzeitig auf Bewährung, obwohl ihn das Gericht zu einer Mindeststrafe von fünf Jahren verurteilt hatte.

Bewährungszeit

Die Entlassung erfolgte unter strengen Auflagen. Harvey Glatman musste sich in die Obhut seiner Mutter begeben und zudem regelmäßig nachweisen, dass er einer geregelten Arbeit nachging. Die folgenden viereinhalb Jahre stand er unter Aufsicht des Gerichts und eines ihm zugeteilten Bewährungshelfers, der ihn kontrollierte.

Aus den Berichten des Bewährungshelfers ging hervor, dass Glatman Probleme hatte, dauerhaft einen Job zu behalten. Dennoch gelang es ihm immer wieder, eine neue Stelle zu ergattern. Da er ansonsten nicht kriminell in Erscheinung trat, rettete ihn dieser Eifer vor einer Rückkehr in den Knast.

Bis zum Tod seines Vaters lebte Glatman in der elterlichen Wohnung. Danach häuften sich die Streitereien mit seiner Mutter. Als der Bewährungshelfer davon erfuhr, erlaubte er Glatman, eine eigene Wohnung in Denver zu beziehen. Im September 1956 lief die Bewährungsfrist schließlich ab. Glatman war wieder ein freier Mann.

Nur wenige Monate später kehrte er Denver den Rücken. Im Januar 1957 ließ er sich in Los Angeles nieder – weit weg von Mutter Ophelia, einem Bewährungshelfer und jedem anderen Menschen, der ihm vorschreiben wollte, was er zu tun und zu lassen hatte.

Die lange Zeit des Wartens – seit seinem letzten Übergriff waren inzwischen sieben Jahre vergangen – hatte Harvey Glatman genutzt, um seinen Modus Operandi zu überdenken. Glatman erschien seine bisherige Methode, die Frauen auf offener Straße zu attackieren, als zu riskant. Sein jüngstes Hobby, das Fotografieren, brachte ihn auf die Idee, wie er sich viel leichter und unauffälliger potenziellen Opfern nähern konnte.

In Los Angeles legte sich Harvey Glatman ein Pseudonym zu und kontaktierte einschlägige Modelagenturen. Er gab sich als professioneller Fotograf aus, der im Auftrag der seinerzeit höchst erfolgreichen True-Crime-Magazine wirke. Die Auftraggeber würden von ihm verlangen, auch Bondagefotografien anzufertigen. Die Leser der Magazine ständen nun mal auf gefesselte Frauen.

Die Agenturinhaber und Models wussten, was gespielt wurde. Viele dieser »professionellen Fotografen« waren in Wahrheit schräge Vögel, die die Nacktfotos für den Eigenbedarf produzierten. Den Frauen war es egal, solange sie ihre Gage bekamen. Die meisten von ihnen träumten vergeblich von einer Karriere in Hollywood und mussten auf irgendeine Art und Weise die teuren Lebenshaltungskosten in Los Angeles bestreiten.

Auch Harvey Glatman kostete sein Hobby einiges an Geld. Er hatte sich eine neue Rolleicord mit einem Zoomobjektiv von Schneider Xenar zugelegt, dazu einiges an Zubehör. Um sich das kostspielige »Hobby« leisten zu können, arbeitete Glatman tagsüber wieder in einer Fernsehreparaturwerkstatt. In den ersten Monaten engagierte er die Frauen tatsächlich nur, um Fotos zu schießen. Es kam zu keinem Missbrauch. Glatman wollte sich mit der Situation vertraut machen, mögliche Risiken erkennen und seine Rolle perfektionieren.

Judith Ann Dull

Das sollte sich im August 1957 ändern. Er hatte über eine Agentur die Telefonnummer der 19-jährigen Judith Dull erhalten. Die junge Frau lebte in Scheidung und stritt mit ihrem Ex-Mann um das Sorgerecht für das gemeinsame Kind. Judith Dull benötigte dringend Geld, um ihren Anwalt zu bezahlen. Sie sagte Glatman am Telefon zu, der zum vereinbarten Zeitpunkt bei dem Model in der Sweetzer Avenue auftauchte.

Glatman schaute sich skeptisch in der Wohnung um, monierte die Lichtverhältnisse und die Dekoration. Er schlug vor, die Aufnahmen in seinem Studio durchzuführen. Dort hätte er Scheinwerfer. Sie fuhren zu seinem »Studio«, das sich als eine verratzte Junggesellenbude entpuppte. Das Fotoshooting lief zunächst wie ein gewöhnlicher Modelauftrag ab.

Glatman platzierte seine Scheinwerfer und schoss ein paar Fotos. Dann wickelte Glatman das unerfahrene Fotomodel mit seiner einstudierten Räuberpistole ein. Sein Auftraggeber verlange von ihm Fesselbilder für das Titelbild eines auflagenstarken Magazins. So ein Bild könne sie über Nacht berühmt machen. Sei sie bereit, mitzumachen? Judith Dull willigte ein, setzte sich auf einen Stuhl und ließ sich von Glatman die Hände und Beine fesseln.

Dieser knipste noch einige weitere Fotos, bevor er plötzlich eine Pistole der Marke Browning zückte. Neben dem Wetter einer der Vorteile, wenn man in Kalifornien lebte. 1957 musste sich der Käufer einer Schusswaffe weder ausweisen noch irgendwelche Formulare ausfüllen. Es gab keine Überprüfung, ob der Kunde vielleicht über ein Vorstrafenregister verfügte. Das Einzige, was die Waffenhändler interessierte, war Bargeld.

Judith Dull musste in diesem Augenblick gedämmert haben, dass sie einen schweren Fehler begangen hatte. Glatman löste mit vorgehaltener Waffe ihre Handfesseln und zwang sie, sich zu entkleiden. Judith Dull war ihrem Peiniger nun hilflos ausgeliefert. Glatman gab Anweisungen. Er hatte die volle Kontrolle. Glatman erniedrigte sein Opfer. Schließlich vergewaltigte er Judith Dull mehrfach in den nächsten Stunden. Während der gesamten Zeit schoss Glatman weitere Fotos und dokumentierte jede Phase des Verbrechens.

Als es vorüber war, zwang er Judith Dull, sich neben ihn auf die Wohnzimmercouch zu setzen. Glatman wollte Ehepaar spielen. Er schaute sich seine Lieblingssendungen im Fernsehen an: Sitcoms. »Nur noch eine Folge«, versprach er Dull. Danach würde er sie nach Hause fahren. Aber das war gelogen.

Glatman hatte eine weitere Lehre aus seinen vergangenen Verbrechen gezogen: Er würde nie mehr Zeugen zurücklassen. In den Wochen zuvor hatte er in der Wüste östlich von Los Angeles nach geeigneten Plätzen Ausschau gehalten, an denen er seine Opfer verschwinden lassen konnte, ohne dass sie jemand entdecken würde.

Als die Sendung vorbei war, fuhr er mit Judith Dull zu einem Ort namens Thousand Palms hinaus. Hinter der Ortschaft bog er in die Wüste ab. Dort schoss er weitere Fotos von Judtih Dull, vergewaltigte die junge Mutter ein weiteres Mal und legte ihr schließlich eine Schlinge um den Hals. Das andere Ende des Seils band er um ihre Knöchel. Er zog so lange am Seil, bis er die Frau erdrosselt hatte.

Der Trophäensammler

Glatmans mörderisches Ritual war damit noch nicht beendet. Nun brachte er die Leiche in jede Position, die er sich zuvor in seinen Fantasien ausgemalt hatte. Erneut fertigte Glatman Fotos an. Später sollte ihm diese Besessenheit zum Verhängnis werden, was nicht ohne Ironie war. Einerseits verwendete er viel Mühe darauf, keine Zeugen und Spuren zu hinterlassen. Er kundschaftete geeignete Verstecke aus, die mehrere Fahrtstunden von Los Angeles entfernt lagen. Er tötete skrupellos Menschen, die ihm gefährlich werden konnten.

Andererseits behielt er unzählige Fotos als Erinnerungsstücke in seinem Besitz. Souvenirs, die ihn vor Gericht schwerstens belasten sollten. Andere Serienmörder wie Ted Bundy, Jeffrey Dahmer, Edmund Kemper oder Rodney Alcala verhielten sich später ähnlich.

Das Dokumentieren der Taten, der Besitz von Trophäen und die Dinge, die sie ihren Opfern nach dem Mord antaten, waren in der Regel wichtiger als alles, was vor dem Töten geschah. Für Harvey Glatman beinhalteten die Fotografien die vollständige Kontrolle über seine Opfer. Ihre Leichname konnte er nicht behalten. Aber die Erinnerung daran, wie ihre Körper ihm schutzlos ausgeliefert waren, konnte er durch die Bilder ständig neu beleben.

Shirley Bridgeford und Ruth Mercado

Im folgenden Jahr tötete Harvey Glatman zwei weitere Frauen nach dem gleichen Muster. Im März 1958 traf er im »Lonely Hearts Club«, einem Tanzschuppen für Singles, Shirley Bridgeford. Er stellte sich ihr unter dem Falschnamen George Williams vor und lud sie zum Essen ein. Sie besuchten ein Restaurant in Oceanside.

Anschließend schlug er Shirley Bridgeford vor, in die Vallecito Mountains zu fahren, um das Stadtpanorama zu genießen. Dort angekommen bedrohte er sie mit seiner Browning Automatik. Er vergewaltigte sie und machte Fotos von ihr. Nachdem er sie getötet hatte, wiederholte er das Ritual, das er mit Judith Dull durchgezogen hatte. Sein nächstes Opfer, die 24-jährige Ruth Mercado, lernte er erneut über einen angeblichen Fotoauftrag kennen.

Die Polizei ahnte weder Zusammenhänge zwischen dem Verschwinden der drei Frauen, noch geriet Glatman in den Fokus der Ermittlungen. Wie vielen anderen Serienmördern wurde Glatman schließlich seine zunehmende Besessenheit und Gier zum Verhängnis.

Er wollte andere Menschen kontrollieren und dennoch entglitt ihm mit jedem Verbrechen mehr und mehr die Kontrolle über sich selbst. Die Abstände zwischen den Taten wurden immer kürzer. Der erste Mord geschah im August 1957. Bis zum zweiten Verbrechen verstrichen noch sieben Monate. Bereits drei Monate später tötete er Ruth Mercado. Bis zu seiner vierten Tat verging lediglich ein Monat.

Lorraine Vigil

Im Juli 1958 wandte sich Harvey Glatman an die Modelagentur »Diane Studio«. Eigentlich hatte er geplant, die Inhaberin der Agentur für ein Fotoshooting zu engagieren und anschließend zu töten. Aber die Frau reagierte misstrauisch auf sein Angebot. Sie schlug Glatman stattdessen vor, eines ihrer Models für den Job anzuheuern. Sie empfahl ihm Lorraine Vigil, die noch ganz neu und »unverbraucht« in dem Geschäft sei.

Glatman schluckte den Köder. Er dachte, er habe mit dem unerfahrenen Frischling leichtes Spiel. Ein Trugschluss, wie Glatman bemerkte, als er Lorraine Vigil mit seiner Waffe bedrohte. Statt in Todesangst zu erstarren, flüchtete sie zur Tür hinaus. Auf ihrer Flucht begegnete sie zufällig zwei Streifenbeamten, die Harvey Glatman umgehend in Gewahrsam nahmen.

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Wie zuvor war Glatman dem Druck im Verhör, den die Kriminalbeamten auf ihn ausübten, nicht gewachsen. Er gestand drei Morde und erzählte den Polizisten zudem von seiner »Werkzeugkiste«. Dabei handelte es sich um einen Kasten, in dem er unter anderem die Fotografien aufbewahrte, die er von seinen Opfern geschossen hatte. Die Beamten fanden die »Werkzeugkiste« in Glatmans Wohnung. Glatman verriet der Polizei schließlich auch, wo er die Leichen seiner Opfer versteckt hatte. Damit hatten die Ermittler alle Beweise in Händen, die sie benötigten, um Harvey Glatman wegen dreifachen Mordes anzuklagen.

Der Prozess

Während des Prozesses entschuldigte sich Glatmans inzwischen 69-jährige Mutter Ophelia für die Verbrechen ihres Sohnes. Sie konnte sich sein Verhalten nicht erklären und beschrieb ihn als »krank«. Auf dieser angeblichen Unzurechnungsfähigkeit basierte auch die Strategie von Glatmans Strafverteidiger Willard Whittinghill. Angesichts der Beweislage erübrigten sich andere juristische Manöver.

Doch die psychiatrischen Gutachter waren der Ansicht, dass Harvey Glatman keinesfalls unter einer Psychose litt. Er war in vollem Umfang verantwortlich für sein Handeln. Das Gericht sprach Glatman wegen mehrfachen Mordes aus niederen Beweggründen schuldig und verurteilte ihn zum Tode.

Das Urteil sollte in der »Lounge« vollstreckt werden, wie man die Gaskammer des Staatsgefängnisses von San Quentin zynischerweise nannte. Am 18. September 1959, um Punkt 10 Uhr morgens, öffnete der Henker das Ventil und setzte damit das tödliche Zyanidgas frei. Harvey Glatman verstarb zwölf Minuten später.

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Opfer

  • 1939-1944: Glatman bricht in Wohnungen von alleinstehenden Frauen ein. Teilweise belästigt er die Bewohnerinnen sexuell. Unklar ist, ob er einige der Frauen vergewaltigte. Keiner der Fälle kam jemals zur Anzeige.
  • 18. Mai 1945: Elma Hamum (versuchte Vergewaltigung, versuchter Raub)
  • 18. Juni 1945: Noreen Laurel (Entführung und sexuelle Belästigung)
  • August 1946: Thomas Staro und Doris Thorn (Raub und sexuelle Belästigung)
  • August 1946: Florence Hayden (versuchte Vergewaltigung)
  • August 1946: Evelyn Berge und Beverly Goldsten (versuchte Vergewaltigung)
  • August 1957: Judith Ann Dull (19) (Entführung, Vergewaltigung, Mord)
  • März 1958: Shirley Ann Bridgeford (24) (Entführung, Vergewaltigung, Mord)
  • Juni 1958: Ruth Rita Mercado (24) (Entführung, Vergewaltigung, Mord)
  • Juli 1958: Lorraine Vigil (Entführung und versuchter Mord)

Harvey Glatman steht außerdem im Verdacht, 1954 in Boulder (Colorado) die 18-jährige Dorothy Gay Howard getötet zu haben, deren Leiche erst 2009 identifiziert werden konnte.

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Überblick zum Fall Gary Heidnik

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