Bei einem Familienausflug verschwindet 1912 der 4-jährige Bobby Dunbar. Acht Monate später greift die Polizei einen Mann in Begleitung eines Jungen auf, in dem die Dunbars ihren Sohn wiedererkennen. Der Junge kehrt zur Familie zurück, der Mann kommt in Haft. Eine DNA-Analyse gibt dem Fall jedoch 2004 eine neue Wendung.

Ausflug zum See

Percy Dunbar führte einen Einzelhandel in der Kleinstadt Opelousas im US-Bundesstaat Louisiana und war mit Lela Celeste „Lessie“ Whitley verheiratet. Das Paar hatte zwei Söhne: Den zweijährigen John Alonzo und seinen älteren, am 23. Mai 1908 geborenen Bruder Robert Clarence, den jeder nur „Bobby“ nannte. Am 23. August 1912 unternahm die Familie Dunbar einen Tagesausflug an den knapp 50 Kilometer entfernt gelegenen Swayze Lake.

Es finden sich unterschiedliche Angaben dazu, was die Familie an diesem Tag genau unternahm. Einige Quellen behaupten, die Familie wäre zum Angeln auf den See hinausgefahren. Andere Quellen berichten, die Dunbars seien am Ufer geblieben und hätten lediglich im See geplanscht. Vielleicht fand auch beides statt: Der Vater angelte, während die Mutter mit den beiden Kleinkindern im Wasser spielte.

Wie auch immer: Bobby Dunbar war plötzlich verschwunden. Die Eltern Percy und Lessie Dunbar suchten zunächst auf eigene Faust die nähere Umgebung ab, ohne eine Spur ihres Jungen zu finden. Sie verständigten schließlich die Behörden.

Jede Menge Alligatoren

Der See lag in einem ausgedehnten Sumpfgebiet mit dichtem Unterholz. Hier lebte eine Vielzahl an Alligatoren. Die Polizei hielt es für plausibel, dass sich Bobby unbemerkt von seinen Eltern entfernt hatte und einem der Raubtiere zum Opfer gefallen war. Mehrere verständigte Helfer erlegten deshalb zahlreiche Alligatoren, die sie in der näheren Umgebung antrafen. Anschließend untersuchten sie den Mageninhalt der Tiere. Ohne Ergebnis.

Zudem warfen sie Dynamit in den See. Falls der Junge ertrunken war, würden die Druckwellen den Leichnam des Jungen an die Oberfläche treiben. Auch dieser Versuch blieb ohne Erfolg.

Die Behörden mussten nun zumindest die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass jemand Bobby Dunbar entführt hatte. Die örtliche Polizei und die Staatspolizei setzten eine landesweite Fahndung nach dem Jungen in Gang.

Der umherziehende Klavierstimmer

Im April 1913, acht Monate nach dem spurlosen Verschwinden von Bobby Dunbar, überprüften Polizisten im Nachbarstaat Mississippi einen umherziehenden Handwerker. In seiner Begleitung hielt sich ein etwa fünf Jahre alter Junge auf. Den Beamten war die Beschreibung des vermissten Kindes aus Louisiana bekannt. Offenbar entdeckten sie Ähnlichkeiten mit dem kindlichen Begleiter des Tagelöhners. Denn sie nahmen den Mann vorläufig fest, um die Identität zu klären.

Der Verhaftete hieß William Cantwell Walters und war 1862 im Bundesstaat North Carolina geboren worden. Er verdiente hauptsächlich sein Geld, indem er Orgeln und Klaviere stimmte, gegebenenfalls auch reparierte. Zu diesem Zweck reiste er bereits geraume Zeit durchs Land.

Walters behauptete, der Name des Jungen laute Charles Bruce Anderson. Das Kind sei unehelich zur Welt gekommen. Die leibliche Mutter namens Julia Anderson habe ihm freiwillig das Sorgerecht übertragen, da sie sich als Alleinerziehende nicht imstande sah, für den Jungen zu sorgen.

Widersprüchliche Beschreibungen

Die Beamten blieben misstrauisch. Sie verständigten die Kollegen in Louisiana und ließen die Familie Dunbar kommen. Auch die Presse erschien zahlreich. Das rätselhafte Verschwinden des Dunbar-Jungen hatte viele Leser berührt. Die Anwesenheit der Medien war einerseits ein Pluspunkt, weil die Reporter die Begegnung zwischen dem aufgegriffenen Kind und seinen vermeintlichen Angehörigen ausführlich dokumentierten. Andererseits widersprechen sich die Artikel zuweilen in wichtigen Details. Man kann also aus dem Rückblick nicht sagen, was exakt passiert ist.

Ein Artikel zitierte zum Beispiel Lessie Dunbar sinngemäß so, dass sie bei der ersten Begegnung unsicher gewesen sei, ob es sich wirklich um ihren Sohn handelte. Er habe nur geweint, als sie sich ihm genähert habe. Ein anderer Zeitungsbericht beschrieb das genaue Gegenteil: Der Junge habe sie sogleich umarmt und „Mama“ gerufen.

Ähnlich widersprüchliche Beschreibungen folgten für das Verhalten von Bobbys jüngerem Bruder John Alonzo. In einer Zeitung hieß es, er habe ihn nicht wiedererkannt. Das nächste Blatt behauptete, er habe ihn sofort mit Namen angesprochen und den Bruder geküsst.

Erst am nächsten Tag stimmten die Beobachtungen überein. Lessie Dunbar trat vor die Presse und verkündete, sie sei sich mittlerweile sicher, dass es ihr Sohn sei. Sie habe den Jungen am Morgen gebadet. Dabei habe sie Muttermale und Narben wiedererkannt.

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By The Day Book – LOC, Public Domain, Link

Links: Bild des echten Bobby Dunbar. Rechts: Der in Mississippi aufgegriffene Junge

Eine zweite Mutter

Wenig später traf Julia Anderson in Mississippi ein. Sie war eigens aus North Carolina angereist, um William Walters zu entlasten. Die Geschichte, die Walters der Polizei erzählt habe, stimme. Der Junge, der ihn begleitet habe, sei tatsächlich ihr Sohn Charles Bruce Anderson gewesen. Sie selbst sei unverheiratet und arbeite für die Familie Walters als Ackergehilfin. Sie habe William Walters auch erlaubt, den Jungen vorübergehend an sich zu nehmen. Er habe ihr gesagt, dass er seine Schwester für zwei Tage besuchen wolle.

Dieses letzte Detail der Aussage weckte aber neues Misstrauen gegenüber Walters. Denn die Erlaubnis hatte Julia Anderson im Februar 1912 erteilt – also 18 Monate, bevor die Polizei ihn in Gewahrsam nahm. Zwischen zwei Tagen und 18 Monaten liegt eine gewaltige Kluft. Warum kam ein erwachsener Mann auf die Idee, solange mit einem Kind herumzureisen? Und weshalb hatte die leibliche Mutter bisher nicht die Polizei eingeschaltet?

Die Beamten führten der vorgeblichen Mutter in einer Gegenüberstellung fünf Jungen im gleichen Alter vor. Sie deutete auf eines der Kinder und fragte die Beamten, ob das der Junge sei, den sie aufgegriffen hatten. Die Frau erhielt keine Antwort. Sie äußerte, sie glaube, das sei ihr Sohn. Sie sei sich aber nicht sicher. Bei dem Jungen handelte es sich in der Tat um den vermeintlichen Bobby Dunbar. Aus seiner Reaktion ließ nichts darauf schließen, dass er Julia Anderson wiedererkannt hatte.

Moralisch fragwürdig

Erst am folgenden Tag zeigte sich Julia Anderson fest davon überzeugt, ihrem Sohn Charles Bruce begegnet zu sein, nachdem sie den Jungen am Morgen ankleiden durfte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich jedoch bereits herumgesprochen, dass sie ihn nicht auf Anhieb identifizieren konnte. Die Zweifel wuchsen, nachdem die Presse über das Vorleben der Frau berichtete.

Julia Anderson hatte drei uneheliche Kinder geboren, von denen zwei allerdings zu diesem Zeitpunkt schon verstorben waren. In den Augen der damaligen Öffentlichkeit führte die Frau damit einen moralisch fragwürdigen Lebenswandel. Aus dieser Perspektive ließ sich Julia Anderson leicht unterstellen, sie nehme es mit der Wahrheit vielleicht ebenso wenig genau wie mit ihrer Männerwahl und der Ehe.

Im Prinzip ähnelte die Situation, mit der sich die Polizei konfrontiert sah, dem zentralen Konflikt im „Kaukasischen Kreidekreis“ von Bertolt Brecht. Wer war die leibliche Mutter des Kindes? Wie ließ sich die Mutterschaft zweifelsfrei feststellen?

Der DNA-Beweis war noch in weiter Ferne. Die Polizisten mussten auf Grundlage der Aussagen und der persönlichen Eindrücke entscheiden, wer hier die Wahrheit sagte. Die Behörden übergaben schließlich das Kind an die Dunbars, die mit ihm nach Opelousas zurückkehrten, wo man spontan eine Parade zu Ehren des heimgekehrten Sohnes veranstaltete.

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By Unknownhttp://www.thisamericanlife.org/Radio_Image.aspx?episode=352, Public Domain, Link

Vorne links der Junge, der unter dem Namen Bobby Dunbar aufwuchs

William Walters unter Anklage

Julia Anderson fehlte das Geld, um die Entscheidung vor Gericht anzufechten zu können. Stattdessen musste sich nun William Walters in einem Prozess wegen Kindesentführung verantworten. Neben Julia Anderson, die erneut zu seinen Gunsten aussagte, waren seine einzigen Unterstützer Mitglieder der kleinen Gemeinde Poplarville in Mississippi.

Walters hatte sich in der Ortschaft in den Monaten zuvor längere Zeit aufgehalten. Mehrere dort ansässige Zeugen bekräftigten vor Gericht, dass sie ihn mit dem Jungen bereits vor dem 23. August 1912 – der Tag, an dem Bobby Dunbar verschwand – gesehen hatten.

Trotz dieser Aussagen gelangte das Gericht zu der Überzeugung, dass es sich bei dem Kind tatsächlich um Bobby Dunbar handelte und sich Walters insofern der Entführung schuldig gemacht hatte. Der Richter verurteilte den Mann zu einer langjährigen Gefängnisstrafe, von der er aber lediglich zwei Jahre absitzen musste.

Kein Interesse

Walters Anwalt hatte Berufung gegen das Urteil eingelegt und mit seiner Klage Erfolg. Sein Mandant erhielt das Recht auf einen neuen Prozess. Inzwischen war jedoch Gras über die Sache gewachsen. Der Fall beschäftigte nicht länger die Öffentlichkeit.

Zudem wollten die Behörden vermeiden, dass der Junge aufgrund eines möglicherweise anderen Prozessausgangs seiner jetzigen Familie entrissen wurde. Die Staatsanwaltschaft verzichtete daher auf eine erneute Anklageerhebung und entließ William Walters stattdessen in die Freiheit.

Angeblich führte Walters nach einer Freilassung ein unstetes Leben und zog häufig um. Er verstarb am 7. April 1945 im Pueblo County im Bundesstaat Colorado. Walters hatte aus einer Ehe, die 1885 geschlossen wurde, insgesamt vier Kinder. Laut dem US-Census von 1900 lebte die Familie gemeinsam in Flomoton (Florida).

Zehn Jahre später, im US-Census von 1910, ist nur noch Walters Ehefrau Mary Alice Burch mit den beiden jüngsten Kindern aufgeführt, wohnhaft im Montgomery County (Georgia), ihrem Geburtsort. Gemäß den Angaben der Volkszählung war sie zu diesem Zeitpunkt immer noch verheiratet. Warum Walters seine Familie verließ und ob er nach seiner Haftentlassung zu ihr zurückkehrte bzw. mit ihr in Kontakt stand, entzieht sich meiner Kenntnis. Seine Frau verstarb jedenfalls rund drei Jahre nach seiner Freilassung.

Neuanfang

Für Julia Anderson hingegen nahm das Leben durch den Prozess noch eine positive Wende. Während der Verhandlung hatte sie die Einwohner von Poplarville kennengelernt. Die Menschen luden sie ein, sich in ihrem Ort niederzulassen und dort eine neue Existenz aufzubauen. Julia Anderson folgte der Einladung, heiratete schließlich und brachte weitere sieben Kinder zur Welt. Ihren Nachfahren zufolge wurde sie eine fromme Christin, half bei der Gründung einer Kirche und diente der kleinen Gemeinde als Krankenschwester und Hebamme.

Doch obwohl sie laut ihren Kinder ein glückliches Leben in Poplarville führte, beklagte sie noch häufig den Verlust ihres Sohnes Charles Bruce. Ihrem Empfinden nach hatte die Familie Dunbar ihr das Kind geraubt.

Bobbys Enkeltochter

Bobby Dunbar wiederum heiratete in den 1930er Jahren, wurde Vater von vier Kindern und verstarb am 8. März 1966 im Alter von 57 Jahren in Houston (Texas). Nach seinem Tod stellte seine Enkeltochter Margaret Dunbar Cutright eigene Nachforschungen an, was sich damals in den Jahren 1912 und 1913 tatsächlich zugetragen hatte.

Sie durchforstete Zeitungsberichte, befragte die Kinder von Julia Anderson und untersuchte die Notizen und Beweismittel, die Walters Verteidiger dem Gericht vorgelegt hatte. Ursprünglich hatte Margaret Cutright vor, den endgültigen Nachweis zu führen, dass es sich bei ihrem Großvater tatsächlich um den „echten“ Bobby Dunbar gehandelt hatte. Doch es sollte ganz anders kommen.

So erzählten ihr die Kinder von Julia Anderson zum Beispiel von einer Begegnung, die Mitte der 1940er Jahre stattfand. Damals hätte sie ein Mann angesprochen und anschließend länger mit der Familie unterhalten, der starke Ähnlichkeit mit einem Foto des erwachsenen Bobby Dunbar aufwies. Auch ein Sohn von Bobby Dunbar konnte sich an die Begebenheit erinnern. Während einer Reise habe die Dunbar-Familie Poplarville durchquert. Der Vater habe gesagt: „Hier wohnen die Leute, von denen sie mich geholt haben.“ Er habe angehalten und sich kurz mit der Anderson-Familie unterhalten.

Ein DNA-Test bringt Gewissheit

Ein Reporter, der für die Nachrichtenagentur Associated Press arbeitete, bekam Wind von der Geschichte. Er überredete 2004 zwei Söhne der Gebrüder Alonzo und Bobby Dunbar zu einem DNA-Test. Das Testergebnis fiel eindeutig aus. Die vermeintlichen Cousins waren nicht miteinander verwandt. Bei dem 1966 verstorbenen und 1913 seinen „Eltern“ zugesprochenen Bobby Dunbar hatte es sich aller Voraussicht nach um Charles Bruce Anderson gehandelt.

Im März 2008 äußerte Margaret Cutright in der Dokumentation „This American Life“ die Vermutung, dass der echte Bobby wohl 1912 am Swayze Lake einem Alligator zum Opfer gefallen war, so wie es die Polizisten ursprünglich gemutmaßt hatten. Für die Familie Anderson stellte die Recherche eine späte Genugtuung dar. Julia Anderson hatte die Wahrheit gesagt. Die Reaktion der Nachfahren von „Bobby Dunbar“ fiel hingegen gespalten aus. Viele von ihnen fühlten sich nach wie vor der Dunbar-Familie zugehörig. Aus ihrer Sicht hatte die Verwandte Margaret Cutright völlig unnötig ein Fass aufgemacht, das längst als fest versiegelt galt.

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