Charles Whitman: Der Tower-Sniper von Austin

Der 1. August 1966 fiel auf einen Montag. Um 11:47 Uhr verließen die 18-jährige Claire Wilson und ihr gleichaltriger Freund Thomas Eckman das Gebäude der Studentenvereinigung der University of Texas in Austin (U.T.). Sie kamen aus dem „Chuck Wagon“, der Cafeteria und dem zentralen Treffpunkt des Campus.

Claire, die im achten Monat schwanger war, trug ein schlichtes Umstandskleid mit einem breiten weißen Kragen. Thomas hatte den typischen Look dieser Jahre: schwarze Hornbrille, ein kurzärmeliges Karohemd und helle Hosen. Ein schmaler Schnurrbart war sein einziges modisches Zugeständnis, das ihn vom damaligen Mainstream abhob.

Das Paar hatte erst am Nachmittag seine nächsten Vorlesungen. Sie waren auf dem Weg zu ihrem Auto, das unweit des Campus parkte, um die Parkuhr nachzufüllen. Danach wollten sie zu ihren Freunden ins „Chuck Wagon“ zurückkehren.

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Hauptgebäude der University of Texas, 1966

Inhaltsverzeichnis

Mitten ins Herz

Die Temperaturen stiegen an diesem Montag auf fast 38 Grad Celsius. Die beiden schlenderten Händchen haltend auf die South Mall, eine zementierte Fläche südlich des Hauptgebäudes, und traten in gleißendes Sonnenlicht. Thomas machte sich Sorgen um seine hochschwangere Freundin angesichts der Hitze.

Er erkundigte sich, ob sie genug gegessen habe. Claire antwortete ihm, dass sie am Morgen ein Glas Orangensaft getrunken habe. Alles sei in Ordnung. Die Uhr am Campus-Turm zeigte 11.48 Uhr an. Ein lauter Knall ertönte. Im selben Augenblick traf ein Schuss Claire Wilson in den Unterleib und ließ sie sofort auf den Gehweg stürzen.

Thomas Eckman starrte sie ungläubig an. „Schatz, was ist los?“, fragte er und streckte die Hand nach ihr aus. Es waren seine letzten Worte. Ein zweiter Schuss traf Eckman in die Schulter, drang durch das Muskelgewebe bis in sein Herz vor. Er brach neben Claire zusammen und begrub sie teilweise unter sich.

Thomas Eckman, 1965

Wie ein Stromschlag

Sie schrie auf. Später schilderte Claire Wilson ihre Empfindungen in diesem Moment. Sie habe zunächst keinen Schmerz verspürt. Es habe sich eher angefühlt wie ein Stromschlag. Bei ihrem Freund habe sie kein Lebenszeichen mehr wahrnehmen können. Die junge Frau ahnte, dass er tot war oder im Sterben lag.

Sie spürte zudem instinktiv, dass sie auch ihr Kind verloren hatte. Im achten Monat bewegte sich der Fötus normalerweise merklich und häufig. Nach dem Einschlag der Kugel, die den Schädel des ungeborenen Kindes zertrümmert hatte, rührte er sich nicht mehr.

Ein Mann in einem grauen Anzug passierte die Stelle. „Bitte“, rief Claire ihm zu, „holen Sie einen Arzt, bitte!“ Der Passant starrte sie nur missbilligend an. „Stehen Sie auf“, sagte er im Vorbeigehen, „was glauben Sie eigentlich, was Sie da tun?“ Er hielt die Szene für irgendeine Protestform gegen den Vietnamkrieg, und ließ die Schwerverletzte links liegen.

Robert Boyer

Das Fadenkreuz des Schützen richtete sich nun auf einen Mann, der nur wenige Meter von Claire Wilson und Tom Eckman entfernt nach Süden in Richtung der Treppen bei der Jeff-Davis-Statue ging. Es war der 33-jährige Dr. Robert Hamilton Boyer, ein Physiker.

Boyer hatte im Vorjahr angewandte Mathematik an der University of Texas gelehrt und war von einem Lehrauftrag aus Mexiko zurückgekehrt. Jetzt bereitete er sich darauf vor, eine Stelle im englischen Liverpool anzutreten. Dort warteten seine schwangere Frau und zwei Kinder bereits auf ihn.

Er war rund zehn Minuten zuvor, um 11:40 Uhr, auf dem Campus eingetroffen, um einige Angelegenheiten im Hauptgebäude zu erledigen. Um 12:30 Uhr war er zum Mittagessen mit einem Kollegen verabredet. Ob Boyer jener Mann war, der Claire Wilsons Hilferufe kurz zuvor ignoriert hatte, ließ sich nie klären. Doch die Beschreibung der Kleidung – grauer Anzug und Krawatte – stimmte überein.

Um 11:49 Uhr fiel der nächste Schuss. Das Projektil schlug in Boyers unteren Rumpf ein und zerfetzte eine Niere. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn die Stufen der Terrasse hinunter.

Der Professor war das erste Opfer an diesem Tag, das in den folgenden Minuten von Umstehenden aus der Gefahrenzone geborgen werden konnte. Sie brachten ihn in das nahe gelegene Brackenridge Hospital, wo er um 12.12 Uhr ankam. Kurze Zeit darauf erlag er jedoch seiner Schussverletzung.

Robert Boyer

David Gunby

Der nächste, der ins Visier des Attentäters geriet, war David Gunby. Der 23-jährige Student der Elektrotechnik aus Dallas trug Bermuda-Shorts und ein Sporthemd. Nur Augenblicke zuvor hatte er die Bibliothek verlassen, dann aber bemerkt, dass er dort ein Lehrbuch vergessen hatte. Ein unbedeutendes Detail, das in diesem Moment jedoch über Leben und Tod entscheiden sollte. Gunby kehrte um, um das Buch zu holen, und überquerte dabei die obere Terrasse der South Mall, direkt unterhalb des Campus-Turms.

Ein Projektil schlug in Gunbys linken Oberarm ein, drang in den Oberkörper ein, durchschlug den Dünndarm und verteilte Geschosssplitter in seiner Niere. Man lieferte ihn später ebenfalls ins Brackenridge Hospital ein, wo die Chirurgen während der Notoperation eine überraschende Entdeckung machten: Gunby besaß von Geburt an nur eine einzige funktionierende Niere, und genau diese war durch den Schuss schwer beschädigt worden.

David Gunby

Das letzte Opfer

Obwohl David Gunby das Attentat überlebte, blieb er für den Rest seines Lebens von dem Ereignis gezeichnet. Er litt zeitlebens unter chronischen Schmerzen. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich über die Jahrzehnte so massiv, dass er bettlägerig wurde und auf Dialyse angewiesen war.

Im November 2001 setzte er die Behandlung ab und starb eine Woche später im Alter von 58 Jahren. Die Behörden stuften seinen Tod offiziell als Tötungsdelikt ein, was ihn formell betrachtet zum letzten Todesopfer des Amoklaufs in Austin macht.

Devereaux Huffman

Der nächste Schuss an diesem Vormittag traf Devereaux Maitland Huffman, einen 31-jährigen Doktoranden der Psychologie. Huffman trug einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte, da er zuvor selbst eine Lehrveranstaltung geleitet hatte. Er hatte just das Psychologiegebäude verlassen und überquerte die South Mall.

Die Kugel traf Huffman im rechten Arm und in der Brust. Der Armknochen brach unter der Wucht des Aufpralls, die Eintrittswunde begann stark zu bluten. Huffman reagierte geistesgegenwärtig: Er ließ sich unmittelbar neben einigen Büschen auf der oberen Terrasse zu Boden fallen und stellte sich tot, um keine weiteren Schüsse auf sich zu ziehen.

Seine Verletzungen waren nicht unmittelbar lebensbedrohlich. Doch er verharrte in dieser Position für mehr als eine halbe Stunde, ohne sich zu regen. Während dieser Zeit verlor er etwa einen Liter Blut.

Charlotte Darehshori

Die Sekretärin Charlotte Darehshori arbeitete erst seit einem Monat in einem Büro im Hauptgebäude der Universität, dem Campus-Turm. Sie blickte aus einem Fenster und sah drei Personen reglos auf dem Boden liegen. Der Raum verfügt über eine Klimaanlage. Die Fenster waren fest verschlossen. Das Geräusch der Schüsse hatte sie bis dato nicht gehört.

Sie überlegte nicht lange. Diese Menschen benötigten augenscheinlich Hilfe. Sie lief nach draußen. Als sie fast den ersten Körper erreicht hatte – entweder Gunby oder Huffman –, hörte und sah sie, wie neben ihr eine Kugel einschlug. Den Schützen vermutete sie instinktiv auf der Turmspitze.

Sie flüchtete zum nächstgelegenen Objekt, das ihr Schutz versprach: ein massiver Betonsockel, der einen großen Fahnenmast hielt. Der Betonblock war etwa 60 Zentimeter hoch, und die darauf aufsetzende Metallbasis bot zusätzliche Deckung. Darehshori kauerte sich an der Südseite des Mastes nieder, außerhalb des Sichtfeldes des Turms. Sie zog ihre Beine eng an den Körper. Dort verharrte sie für die nächsten 90 Minuten. Ein Foto, das ein UPI-Fotograf von ihr schoss, wurde später zu einem der ikonischen Bilder dieses Tages.

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Charlotte Darehshori versteckt sich hinter dem Sockel der Statue, 1.8.1966

Der erste Anruf bei der Polizei

Der erste Anruf zu dem Attentat auf dem Universitätsgelände erreichte das Austin Police Department (APD) etwa um diese Zeit. Das Protokoll vermerkt, dass der Geschichtsprofessor Michael Hall bei der Polizei um 11:52 Uhr Hilfe anforderte.

Er hatte zuvor einen lauten Knall gehört und war nach draußen gegangen, um nachzusehen. Dort sah er einen Körper in einer Blutlache liegen – vermutlich Gunby oder Huffman. Zudem bemerkte er einen weiteren Studenten, der sich scheinbar verängstigt hinter einem Baum versteckte und zum Turm hinaufstarrte. Er rannte umgehend zu einem Telefon.

Unmittelbar darauf verständigte die Einsatzzentrale des APD den ersten Beamten per Funk: Officer Houston McCoy aus der Einheit 219. Er war der Erste, der gerufen wurde, und er sollte einer der Personen sein, die den Amoklauf später beenden würden.

Adrian und Brenda Littlefield

Adrian und Brenda Littlefield waren ein junges Ehepaar im Alter von 19 und 17 Jahren. Er war angehender Prediger für die United Pentecostal Church. Seine Frau arbeitete auf dem Campus der Universität. Wie viele andere Angestellte war Brenda an diesem Tag zum Gelände gekommen, um ihren Gehaltsscheck am Monatsersten abzuholen.

Die beiden entfernten sich vom Hauptgebäude und befanden sich etwa 25 Meter östlich vom Turm. Der Täter feuerte dreimal kurz hintereinander auf das Paar. Er traf Adrian in den Rücken; das Projektil drang bis in seinen Bauchraum vor. Brenda erwischte eine Kugel in der linken Hüfte.

Die Verletzung der jungen Frau war leicht, Adrians Wunde hingegen erwies sich als lebensgefährlich. Es sollte eine halbe Stunde dauern, bis Hilfskräfte ihn sicher evakuieren und in das Brackenridge Hospital einliefern konnten.

Thomas Ashton

Thomas Ashton war 22 Jahre alt und stammte aus Redlands in Kalifornien. Er gehörte zu einer Gruppe von 27 Freiwilligen des Friedenscorps, die am 20. Juni in Austin eingetroffen waren, um sich an der Universität auf ihren Auslandseinsatz vorzubereiten. Ashton sollte in den Iran entsandt werden, um dort Englisch zu unterrichten. Das Land galt unter der Herrschaft des Schahs damals noch als befreundeter Staat der USA. Seine Abreise war für den 14. September geplant.

Seine Unterrichtsstunde war beendet. Er hatte sich mit anderen Mitgliedern des Friedenscorps zum Mittagessen in der Studentenvereinigung verabredet. Zu diesem Zeitpunkt hielt er sich jedoch noch auf dem Dach des Rechenzentrums der Universität auf, vermutlich um sich dort mit einer jungen Frau zu treffen.

Er hörte Schüsse und blickte nach Westen, um die Lage auf dem höher gelegenen Teil des Campus zu sondieren. In diesem Moment durchdrang ein Projektil die linke Seite seiner Brust, nahe seinem Herzen. Der Schuss tötete ihn nicht sofort. Doch Thomas Ashton erlag seinen schweren Verletzungen wenig später im Krankenhaus. Die Ärzte stellten seinen Tod um 13:35 Uhr an diesem 1. August fest.

Thomas Ashton

Nancy Harvey und Ellen Evganides

Fast zeitgleich gerieten Nancy Harvey und Ellen Evganides unter Beschuss. Die beiden jungen Frauen waren Angestellte der Universität und arbeiteten im Hauptgebäude. Wie Claire Wilson war auch die 21-jährige Nancy Harvey schwanger, in ihrem Fall im fünften Monat.

Unmittelbar bevor die beiden das Gebäude verließen, stürmte ein Sicherheitsbeamter der Universität an ihnen vorbei. Als sie ins Freie traten, fielen die Schüsse, die das Ehepaar Littlefield trafen. Der Wachmann hatte die Geräusche ebenfalls gehört, vermutete den Ursprung aber fälschlicherweise im Inneren des Turmgebäudes. Er überzeugte die beiden Frauen, es sei sicherer, nach draußen zu gehen. Daraufhin verließen sie den Turm in Richtung Westen und „Drag“, um dort ihre Mittagspause zu verbringen.

Die beiden Frauen hatten sich inzwischen etwa 100 Meter vom Hauptgebäude entfernt. Plötzlich rief jemand: „Hey, ihr solltet nicht hier draußen rumlaufen!“ Verwirrt schauten sie in die Richtung des Rufers. In diesem Augenblick feuerte der Täter. Ein Projektil traf Nancy Harvey in der Hüfte. Ein zweiter Schuss verfehlte sein Ziel zwar, prallte aber vom Pflaster ab. Der Querschläger bohrte sich ins linke Bein der 26-jährigen Ellen Evganides.

Keine der beiden Frauen stürzte zu Boden. Stattdessen humpelten sie gemeinsam zu einem schützenden Durchgang zwischen dem Gebäude der Studentenvereinigung und dem Akademischen Zentrum. Ellen Evganides rannte weiter und flüchtete in die Studentenvereinigung.

Dolores Ortega, John Allen und Bill Helmer

Genau dieses Haus war das nächste Ziel des Attentäters unmittelbar nach dem Angriff auf Harvey und Evganides. Das Fenster im Treppenhaus stand offen, und von seiner Warte aus konnte er vermutlich die 30-jährige Studentin Dolores Ortega erkennen, die sich an der rechten Seite des Fensterrahmens aufhielt. Drei weitere Personen – die Studenten John Scott Allen und Bill Helmer sowie eine andere Kommilitonin – waren ebenfalls in dem Raum und beobachteten das Geschehen aus vermeintlich sicherer Position.

Bill Helmer war zuvor im Freien gewesen, als die Schießerei begann. Er hatte den Schützen gesehen und zunächst noch gedacht: „Da oben turnt irgendein Bekloppter mit einem Gewehr herum. Der wird sich damit einen Haufen Ärger einhandeln.“ Erst als er andere schreien hörte, begriff er den Ernst der Lage.

Er hatte versucht, einen Studenten auf dem Gehweg nahe dem Littlefield-Attentat zu warnen, der aber nur verwirrt stehen blieb, bis der Täter das Feuer auf ihn eröffnete. Helmer flüchtete daraufhin in die Studentenvereinigung und suchte das Fenster im Treppenhaus auf, das einen vermeintlich sicheren Blick auf den Turm bot.

12 Uhr Mittag

Von dort aus konnten sie den Schützen beobachten. Er lehnte sich über die Brüstung der Aussichtsplattform nahe der Turmspitze. Er zielte, feuerte, kippte die Waffe kurz an, um den Verschluss zu betätigen, und ging dann seelenruhig zu einem anderen Punkt der Balustrade, um das Manöver zu wiederholen.

Just in diesem Moment schlug die Turmuhr zu Mittag. Das Glockenspiel eröffnete mit 16 hohen Tönen. Nach dem letzten Ton folgte eine lange Pause von exakt 23 Sekunden, bevor der Hammer ausholte und in stattlichem Tempo zwölfmal gegen die dreieinhalb Tonnen schwere Glocke schlug.

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Turmspitze der Universität Austin während des Attentats am 1.8.1966. Die Aussichtsplattform (siehe Pfeil unter der Uhr) ist genau genommen ein Umlauf, der an allen Seiten des Turms entlangführt

Sekunden nachdem das Echo des letzten Glockenschlags verstarb, feuerte der Attentäter durch das offene Fenster, hinter dem die vier Studenten standen. Die Kugel schlug in das Fensterglas direkt neben Dolores Ortegas Gesicht ein und füllte das Treppenhaus augenblicklich mit Glassplittern, Holzsplittern, Geschossfragmenten und Betonstaub. Alle vier warfen sich zu Boden.

Dolores lag flach auf dem Rücken, hielt sich die Hände vors Gesicht und schrie. Helmer erzählte später, dass er ab diesem Moment begriff, dass der Schütze auf dem Turm ein Profi sein musste. Seine routinierte Art im Umgang mit den Waffen und die Präzision seiner Schüsse – alles sprach dafür, dass es sich nicht um irgendeinen durchgeknallten Sonntagsjäger handelte.

Rasiermesserscharf

Er kroch auf Händen und Knien zu Dolores, doch seine linke Hand rutschte im Blut weg. Es stammte vom rechten Unterarm von John Scott Allen. Der Blutschwall schoss in rhythmischen Stößen etwa sieben Zentimeter hoch aus der Wunde. Helmer schrie nach einem Taschentuch.

Allen zog mit seinem gesunden Arm eines aus seiner Gesäßtasche und reichte es ihm, woraufhin Helmer es als Druckverband benutzte. Dolores Ortega hatte Trümmersplitter in den Augen und Schnittwunden durch das Glas erlitten, war aber ansonsten unverletzt.

Später, als Helmer sich im Waschraum im Keller das Blut abwusch, entdeckte er an seinem Hals eine Wunde, die so aussah, als hätte er sich beim Rasieren geschnitten. Darin steckte ein winziges Stück des Kupfermantels des Projektils.

Oscar Royvela und Irma Garcia

Ein weiteres Paar zog die Aufmerksamkeit des Scharfschützen auf sich: Oscar Royvela, ein 21-jähriger Student aus Bolivien, und seine gleichaltrige Freundin Irma Garcia aus Harlingen. Oscar besuchte die U.T. in Austin im Rahmen eines Stipendiums für ausländische Studierende. Er hatte sich unter 40 Universitäten für die University of Texas entschieden, weil sie kostengünstig war und ein exzellentes Ingenieurstudium anbot.

Die beiden hatten sich an jenem Mittag zum Essen getroffen. Als sie die Schüsse hörten, traten sie ins Freie, um nachzuschauen, woher der Lärm kam. Sie standen zwischen dem Hogg Auditorium und dem Biologielabor, als eine erste Kugel in ihrer unmittelbaren Nähe einschlug.

Oscar schilderte die dramatischen Sekunden später so: „Ich griff Irmas Hand und sagte: ‚Lass uns rennen!‘ In diesem Moment wurde sie getroffen. Ihr Fleisch öffnete sich wie eine Blume. Ihr Rücken wurde aufgerissen. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Also warf ich mich zu Boden.“

Oscar flehte Umstehende an, Irma zu helfen. Doch niemand wagte sich aus der Deckung. Er war auf sich allein gestellt. Sobald er wieder aufstand, traf ihn selbst ein Projektil in den Rücken. Die Kugel verfehlte knapp seine Lunge, brach zwei Rippen und durchschlug seinen linken Arm. Er erbrach sofort Blut.

In diesem kritischen Moment eilte ein junger, bärtiger Mann herbei. Er packte nacheinander Irma und Oscar bei den Füßen und schleifte sie ohne Umschweife aus dem Schussfeld hinter eine sichere Deckung.

7 Minuten purer Terror

Der Täter wechselte erneut seine Position. Sein nächstes Schussfeld war die Guadalupe Street, der „Drag“, der den Campus im Westen begrenzte. Der Drag war eine belebte Einkaufsstraße mit vielen Fußgängern und Autofahrern. Ihnen war die Gefahr, in der sie schwebten, zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Bisher hatte sich das Geschehen mehr oder weniger auf das Zentrum des Universitätsgeländes erstreckt. Nun gerieten auch die Ränder ins Visier des Amokschützen.

Späteren Augenzeugenberichten ist zu entnehmen, wie groß die Verwirrung rund um den Campus in den ersten Minuten des Anschlags war. Ein Teil der Anwesenden hatte schon begriffen, dass auf dem Turm ein oder mehrere Scharfschützen lauerten. Andere Passanten vernahmen ebenfalls die Geräusche, ordneten sie aber sonstigen Ursachen zu.

Die einen glaubten, es handele sich um Lärm von einer Baustelle in der Nähe. Oder um Fehlzündungen eines Autos. Oder um den Streich einer Studentenverbindung. Oder oder. Diese Wahrnehmung sollte sich als fataler Fehlschluss entpuppen. Denn es brachen nun zwischen 23rd und 24th Street die tödlichsten sieben Minuten dieses Tages an.

Alex Hernandez

Das erste Ziel war der 17-jährige Alex Hernandez. Er war das älteste von elf Kindern und verdiente Geld für seine Familie, indem er den Austin American-Statesman verkaufte. Normalerweise war er nicht am Drag unterwegs, doch an diesem Tag vertrat er einen Jungen, der im Urlaub war.

Alex hatte seinen elfjährigen Cousin, der ihn auf seiner Tour begleitete, auf den Gepäckträger des Fahrrads steigen lassen. Die Tasche mit den Zeitungen hatten sie sich über beide Schultern gehängt, um das Gewicht besser zu verteilen, was sie aber faktisch aneinanderband.

Eine Kugel schlug in Alex’ Hüfte ein, zerfetzte den oberen Teil seines Beines, zertrümmerte den Oberschenkelknochen und trat schließlich im Sitz des Fahrrades wieder aus. Die Wucht des Einschlags schleuderte beide Jungen vom kippenden Rad auf das Pflaster.

Alex blieb liegen, ohne sich bewegen zu können. Sein kleiner Cousin versuchte, ihm zu helfen, doch Alex murmelte nur: „Du kannst mir nicht helfen, geh und versteck dich“, bevor er das Bewusstsein verlor. Passanten rannten schließlich vor, zogen den Jungen von der Straße in einen schattigen Bereich gegenüber der University Co-op, dem zentralen Buch- und Plattenladen des Drags, und brachten ihn so aus der Schusslinie.

Karen Griffith

Der Täter konzentrierte sich auf den Bereich nahe der Ecke 24th Street und Guadalupe. Der dichte Verkehr und das geschäftige Treiben auf den Gehwegen dämpften das Geräusch der Schüsse ab. Sie wurden zwar wahrgenommen, aber zunächst nicht als unmittelbare Bedrohung eingestuft.

Das nächste Opfer war die 17-jährige Karen Griffith. Sie stand kurz vor ihrem Abschlussjahr an der Lanier High School. Sie schritt ahnungslos Richtung Norden, als eine Kugel in ihre Schulter und Brust einschlug. Das Projektil zertrümmerte ihren rechten Lungenflügel und verletzte den linken schwer. Im Brackenridge Hospital entfernten Chirurgen die Überreste der getroffenen Lunge und kämpften verzweifelt um ihr Leben. Sie hielt eine Woche lang durch und starb am 8. August als letztes der Opfer unmittelbar nach dem Anschlagstag.

Karen Griffith

Thomas Karr

Der 24-jährige Thomas Karr ließ zu diesem Zeitpunkt eine Vorlesung ausfallen. Der ehemalige Militärangehörige aus Spur, Texas, galt als Musterschüler am Arlington State College und besuchte die University in Austin nur für das Sommersemester. Er hatte die ganze Nacht wegen einer anstehenden Spanischprüfung gelernt und bewegte sich auf de Drag in südlicher Richtung, um zu seiner Wohnung in der 28th Street zu gelangen.

Karr beobachtete, wie Karen Griffith getroffen zusammenbrach. Er eilte sofort zu ihr, um zu helfen. Ein nachvollziehbarer Impuls, der aber fatale Folgen in diesem Moment hatte. Eine Kugel traf ihn an der linken Rückenseite, durchschlug die Wirbelsäule, passierte seinen Körper und trat auf der rechten Seite wieder aus. Karr stürzte sofort zu Boden. Die Verletzung war massiv. Er überlebte zwar den Transport ins Krankenhaus, verstarb aber um 13:10 Uhr während der Notoperation.

Thomas Karr

Harry Walchuk

Harry Walchuk war ein 38-jähriger Navy-Veteran und Vater von sechs Kindern. Im zivilen Leben arbeitete er als Politiklehrer am Alpena Community College in Michigan. Zwölf Jahre zuvor hatte er seinen Abschluss an der U.T. gemacht und war nun für seine Promotion nach Austin zurückgekehrt. Den Vormittag hatte er in der Bibliothek verbracht. Jetzt befand er sich auf dem Drag, um in einem der Lokale zu Mittag zu essen.

Walchuk hielt an einem Zeitungsstand auf dem Bürgersteig an. Er fragte nach einem Magazin, das der Verkäufer jedoch nicht vorrätig hatte. Er trug ein weißes Hemd und hatte eine Tabakspfeife im Mund. Walchuk hörte die Schüsse, die Karen Griffith und Thomas Karr trafen. Er drehte sich in deren Richtung und sah die Körper zu Boden sinken.

Die nächste Kugel schlug in Walchuks Brust ein und drang in einem steilen Winkel nach unten in den Körper ein. Auf seinem weißen Hemd breitete sich augenblicklich ein roter Blutfleck aus. Noch bevor er zu Boden sackte, fiel seine Pfeife auf das Pflaster und erzeugte dabei ein helles Klackern. Dieses Geräusch war so markant, dass sich später mehrere Augenzeugen ausdrücklich daran erinnerten.

Der Treffer erwies sich als verheerend. Er zerfetzte Walchuks Lunge, sein Herz, den Magen und die Milz. Harry Walchuk starb noch am Tatort. Der Schütze hatte damit binnen Sekunden drei Leben ausgelöscht – eine Serie, die er an diesem Tag kein zweites Mal wiederholen sollte.

Harry Walchuk

David Mattson, Roland Ehlke und Tom Herman

David Mattson, Roland Ehlke und Tom Herman waren drei weitere Freiwillige des Friedenskorps. Sie hatten sich auf dem Drag mit dem tödlich verwundeten Thomas Ashton verabredet, ohne zu ahnen, dass ihr Freund bereits im Sterben lag. Sie suchten gleichfalls nach einem Lokal zum Mittagessen. Wie Ashton wollten sie in sechs Wochen in den Iran aufbrechen. Mattson stammte aus Minneapolis, Ehlke aus Milwaukee.

Möglicherweise nahm der Scharfschütze das Trio ins Visier, in der Hoffnung, alle drei mit einem einzelnen Schuss zu treffen. Teilweise gelang ihm dieses Vorhaben: Sein Projektil zerfetzte Mattsons rechtes Handgelenk und traf Ehlke am rechten Arm sowie an beiden Beinen. Tom Herman blieb als Einziger unverletzt.

Glassplitter

Die Gruppe befand sich unmittelbar vor dem Juwelierladen Sheftall’s. Die getroffenen jungen Männer humpelten und krochen auf die offene Ladentür zu. Ein 64-jähriger Angestellter namens Homer Kelley kam nach draußen, um ihnen hinein zu helfen. Der Täter nahm daraufhin das Geschäft unter Beschuss.

Mindestens zwei Kugeln durchschlugen die große Glastür. Obwohl die Glasscheibe als Ganzes nicht zerbrach, lösten sich messerscharfe Splitter, die fast so gefährlich wie die Kugeln selbst waren. Eine dieser Glasscherben traf den Verkäufer Kelley am Bein.

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Einschussloch in einem Schaufenster auf dem Drag. Im Hintergrund der Uni-Turm

Trotz seiner drei Wunden bestand Roland Ehlke später darauf, den Laden wieder zu verlassen, um anderen Verletzten auf dem Gehweg zu helfen. Dabei wurde er erneut ins Visier genommen und am rechten Arm getroffen. Ehlke führte damit eine traurige Statistik an. Er war das einzige Opfer, das an diesem Tag zweimal angeschossen wurde, sowie die Person mit den meisten Einzelwunden.

Allen Crum

Etwa zu dieser Zeit mischte sich einer der späteren Protagonisten aktiv in das Geschehen ein. Allen Crum arbeitete für die University Co-op, war also Zivilist, blickte aber auf eine lange Militärkarriere zurück. Er war im Zweiten Weltkrieg als 18-jähriger Heckschütze einer B-25 in die Air Force eingetreten und hatte dort 22 Jahre gedient. Am Ende seiner Laufbahn hatte er sich bis zum Master Sergeant hochgearbeitet, was in etwa dem Rang eines Hauptfeldwebels entsprach.

Zuerst hielt Crum den Tumult auf dem Drag für eine Schlägerei und wollte die Straße überqueren, um dazwischenzugehen. Dann hörte er die Schüsse. Er schrie die umstehenden Menschen an, sie sollten in Deckung gehen.

Er näherte sich alsdann dem verletzten Zeitungsjungen Alex Hernandez und wies an, den Teenager in einen sicheren Bereich nahe dem Eingang der West Mall zu bringen. Er zeigte einigen Studenten, wie sie die Blutung des Jungen stoppen konnten – eine Maßnahme, die Hernandez vermutlich das Leben rettete. Danach rannte er zurück zur Co-op.

Dort informierte er die Kunden über die Lage und legte ihnen nahe, sich von den Fenstern fernzuhalten. Crum begab sich anschließend zur Kreuzung Guadalupe und 23rd Street, um den Verkehr vom Drag wegzuleiten. Nachdem er andere dazu gebracht hatte, diese Aufgabe zu übernehmen, suchte er ein Telefon auf. Er versuchte vergeblich, seine Frau anzurufen, um ihr zu versichern, dass er in Sicherheit sei.

Aber hätte dies überhaupt der Wahrheit entsprochen? Denn zu jenem Zeitpunkt hatte er bereits den Entschluss gefasst, sich bis zum Turm vorzukämpfen, um den Täter auszuschalten. Der Weg dorthin mitten durch die Todeszone sollte ihn rund eine Stunde kosten.

Paul Sonntag, Claudia Rutt und Carla Wheeler

Der Schütze hatte derweil nach wie vor den Drag im Visier und zielte auf die unmittelbare Umgebung des University Co-op, also dem Laden, für den Allen Crum arbeitete. Paul Sonntag, 18 Jahre alt, seine Partnerin Claudia Rutt und ihre gemeinsame Freundin Carla Sue Wheeler hatten sich vor dem Geschäft zufällig auf dem Gehweg getroffen.

Paul und Claudia, beide frischgebackene Absolventen der Austin High School, hatten den Vormittag damit verbracht, Besorgungen zu erledigen. Er hatte einen Gehaltscheck abgeholt, sie eine Polio-Impfung erhalten. Nun wollten sie vor dem Mittagessen noch in der University Co-op nach Schallplatten stöbern.

Paul war ein talentierter Schwimmer, Surfer und begeisterter Fan der „Beach Boys“. Sein Großvater war der Nachrichtendirektor Paul Bolton vom lokalen TV-Sender KTBC – eine Verbindung, die dem Fall später eine tragische Note verleihen sollte. Bolton erfuhr mitten in einer Liveübertragung aus dem Fernsehstudio, dass sein Enkel unter den Opfern war, und reagierte entsprechend geschockt. Claudia, Pauls Freundin, träumte davon, ein Studium als Balletttänzerin aufnehmen zu können.

In Deckung

Als die Schüsse auf dem Drag fielen, hielten die drei Freunde die Geräusche zunächst für Fehlzündungen von Autos. Erst als sie einen verletzten Jungen auf der Straße sahen und weitere Projektile in ihrer Nähe einschlugen, begriffen sie, in welcher Gefahr sie schwebten. Sie hechteten hinter eine hölzerne Baubarriere am Straßenrand. Ein Student rief aus einer Ladentür: „Jemand schießt vom Turm!“

Paul wollte sich vergewissern und öffnete eine kleine Tür in der Barrikade. Er lugte nach oben zum Aussichtsdeck des Turms. „Carla, komm her“, sagte er zu seiner Freundin Wheeler, „ich kann ihn sehen. Da ist wirklich -“ Es waren seine letzten Worte. Eine Kugel traf ihn direkt in den Mund. Paul Sonntag war sofort tot.

Claudia sah, wie ihr Freund zusammenbrach. Sie wollte zu ihm eilen. Carla Sue Wheeler versuchte noch, sie zurückzuhalten und nach ihr zu greifen. In diesem Moment feuerte der Täter erneut. Das Projektil durchschlug Carlas Hand, verletzte drei ihrer Finger schwer und riss eine Wunde mitten in die Brust von Claudia Rutt.

Die drei Freunde stürzten dicht beieinander zu Boden. Für Paul kam jede Hilfe zu spät. Claudia wurde ins Brackenridge Hospital eingeliefert, wo sie jedoch kurz darauf verstarb. Carla Sue Wheeler, eine begabte Pianistin, überlebte schwer verletzt hinter der Barrikade.

Claudia Rutt & Paul Sonntag

Clif Drummond und Bob Higley

Zwei weitere Studenten, Clif Drummond und Bob Higley, hatten aus einem Büro im zweiten Stock der Studentenvereinigung beobachtet, wie Paul Sonntag und Claudia Rutt von den Schüssen niedergestreckt wurden. Drummond, ein Pharmaziestudent, war der Präsident der Studentenschaft, Higley seine rechte Hand. Erster griff sich instinktiv einen weißen Laborkittel, der an der Tür hing, um ihn als Verbandsmaterial zu nutzen. Beide stürmten nach draußen.

Auf der Treppe bemerkte Drummond, dass seine neuen Slipper mit Ledersohlen, die er erst vor Kurzem in der Co-op gekauft hatte, zum Rennen denkbar ungeeignet waren. Er streifte sie ab und rannte barfuß auf den Drag hinaus. Draußen sahen die beiden Paul Sonntag am Boden liegen.

Ausgetrickst

Sie bewegten sich im Zickzack, Drummond voran. Der Attentäter bemerkte die Helfer. Mehrere Kugeln schlugen in den von der Mittagsglut flirrenden Asphalt ein. Drummond hechtete zwischen zwei parkende Autos.

Higley rettete in diesem Moment ein Geistesblitz das Leben. Er vermutete, dass der Schütze genau darauf wartete, dass er seinem Freund in die Lücke folgen würde, wie er später erzählte. Stattdessen schlug Higley einen Haken und rutschte bäuchlings über die Motorhaube eines der Autos. Der Attentäter war verärgert, dass sein Ziel entkommen war, wie seine Reaktion vermuten ließ. Er feuerte in schneller Folge drei Schüsse in einen Stapel roter Ziegelsteine auf dem Bürgersteig, was niemanden gefährdete.

Drummond und Higley erreichten schließlich den leblosen Körper von Paul Sonntag und bemerkten die klaffende Wunde im Mundbereich. Higley hoffte, der Student könne noch am Leben sein. Doch Drummond wies auf die blau verfärbten Fingernägel des Jungen hin. Die Blaufärbung und das Fehlen eines Pulses waren für ihn deutliche Anzeichen, dass jede Hilfe zu spät kam.

Plötzlich raste ein Chevrolet-Kombi ohne Markierungen oder Sirene um die Ecke der 24th Street auf den Drag und kam mit quietschenden Reifen zum Stehen. Der Fahrer, ein Zivilist, sprang heraus, öffnete das Heck und rief: „Bringt ihn hier rein!“ Drummond und Higley hievten den Körper in den Wagen. Während dieser ein bis zwei Minuten waren sie ohne Deckung. Doch der Täter hatte zu diesem Zeitpunkt bereits von ihnen abgelassen und sich anderen Zielen zugewandt. Der Fahrer schlug die Tür zu und raste davon.

Mut im Chaos

Um die Situation während der ersten Viertelstunde des Amoklaufs zu begreifen, sollte man sich folgenden Umstand vergegenwärtigen: Der Täter operierte von einem stark erhöhten Standpunkt aus und hatte einen Radius von 500 Yards (knapp 460 Meter) unter Beschuss. Inmitten einer amerikanischen Großstadt, an einem normalen Werktag. Vermutlich hielten sich Tausende Menschen in der Gefahrenzone auf.

Bis so viele Personen auf einem so großen Areal begreifen, dass sie in akuter Gefahr schweben, vergehen etliche Minuten. Klar: Wir schreiben das Jahr 1966. Smartphone und Internet sind noch nicht erfunden. Aber auch die modernen Kommunikationsmittel hätten wenig am anfänglichen Chaos, der Unübersichtlichkeit, der Ahnungslosigkeit geändert.

Sobald mehr und mehr Menschen begriffen, was vonstattenging, suchten sie verständlicherweise Deckung und brachten sich in Sicherheit. Viele verharrten dort, bis der Amoklauf vorüber war. Doch es gab eben auch etliche Personen wie Drummond und Higley, die in dieser Phase bereit waren, ihr Leben zu riskieren, um Opfern zu helfen.

Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel dafür war Rita Jones. Claire Wilson, das erste Opfer der Schüsse vom Turm, lag nach wie vor schwer verletzt auf dem brennend heißen Asphalt der South Mall. Jones rannte zu ihr und legte sich trotz der Lebensgefahr, in der sie sich damit begab, direkt neben Claire. Sie sprach unaufhörlich mit der Frau, um sie bei Bewusstsein zu halten, und erfragte ihre Personalien sowie ihre Blutgruppe. Sie blieb über eine Stunde lang an Claires Seite, bis Rettungskräfte die Verletzte schließlich bergen konnten.

Auch jenseits des direkten Schussfeldes formierte sich erste zivile Hilfe. David Orton, ein Bestatter des Cook Funeral Home, nutzte seinen freien Tag, um mit einem der Wagen seines Arbeitgebers zum Campus zu eilen. Er manövrierte das Fahrzeug unter Beschuss über das Gelände, um Verletzte aufzunehmen. So hatte er beispielsweise mit Hilfe von Drummond und Higley den Körper von Paul Sonntag ins Krankenhaus verfrachtet.

Billy Speed

Mittlerweile zeigte die Turmuhr 12:07 Uhr an. Das siebenminütige Sperrfeuer auf den Drag hatte insgesamt zehn Opfer gefordert. Fünf Menschenleben waren ausgelöscht. Der Attentäter entschied sich für einen Stellungswechsel. Er nahm nun wieder die Südseite des Turms unter Beschuss, wo er um 11.48 Uhr die ersten Schüsse abgefeuert hatte.

Dort versuchten Helfer gerade, die ersten Opfer des Vormittags zu versorgen. Auch Polizeikräfte waren zu diesem Zeitpunkt vor Ort eingetroffen. Die Polizei suchte nach einem Weg, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten.

Einer von ihnen war der 23-jährige Polizist Billy Speed. Der ehemalige Fallschirmjäger war seit 13 Monaten im Dienst, verheiratet und Vater einer einjährigen Tochter. Den ganzen Vormittag über hatte ihn eine düstere Vorahnung geplagt.

Er hatte Arbeitskollegen gegenüber geäußert, dass er den Polizeidienst quittieren müsse, bevor „etwas Schlimmes“ passiere. Tatsächlich hatte er sich laut Aussage eines Kollegen fest vorgenommen, noch am selben Abend nach seiner Schicht seine Kündigung einzureichen, um wieder das College zu besuchen.

Als der Notruf einging, war Speed mit der Aufnahme eines kleinen Verkehrsunfalls beschäftigt. Ohne genaue Anweisungen zu erhalten, fuhr er zum Campus und parkte in der Nähe des Littlefield-Brunnens, der sich im südwestlichen Bereich des Unigeländes befand.

Hinter der Mauer

Er arbeitete sich im Schutz der Bäume und Skulpturen nach Norden in Richtung Turm vor, bis er eine Mauer hinter der Statue von Jefferson Davis direkt an der South Mall erreichte. Dort traf er auf seinen Kollegen Jerry Culp, einen Fernsehreporter namens Phil Miller und mehrere Zivilisten, die hier Deckung gesucht hatten.

Die Mauer an der Davis-Statue war über zwei Meter hoch, gekrönt von Betonbalustraden mit 10 bis 15 Zentimeter breiten Lücken. Culp und Speed hatten nur Schrotflinten und Revolver – auf diese Distanz wirkungslos. Um den Schützen auszuschalten, mussten sie näher heran.

Die Polizisten fühlten sich hinter der massiven Mauer sicher und standen auf, sodass ihre Gesichter auf Höhe der Balustrade waren, um das Aussichtsdeck zu beobachten. Ein erster Schuss des Scharfschützen schlug in der Mauerkrone ein und ließ Betonsplitter aufspritzen. Die Gruppe duckte sich weg.

Billy Speed war für den Täter durch die schmale Öffnung der Betonsäulen offensichtlich immer noch sichtbar. Denn das nächste Projektil passierte die enge Lücke und traf Speed in die rechte Schulter, von wo es in seine Brust eindrang. Er brach zusammen.

Seine Kollegen Still und Culp zogen ihn aus der Schusslinie. Speed war bewusstlos, sein Hemd war sofort blutdurchtränkt. Eine Krankenschwester eilte herbei, und eine Studentin namens Judith Parsons tränkte ihren Unterrock mit Wasser, um ihn auf Speeds Stirn zu legen. Doch alle Bemühungen blieben vergeblich. Billy Speed wurde bei der Ankunft im Krankenhaus für tot erklärt.

Billy Speed

Roy Schmidt

Nach der Tötung von Billy Speed legte der Attentäter eine kurze Pause ein. Etwa fünf Minuten lang feuerte er keinen einzigen Schuss ab, bevor er gegen 12:14 Uhr wieder in Erscheinung trat.

Sein nächstes Ziel war der 29-jährige Roy Dell Schmidt. Der Elektriker war seit 1954 bei der Stadt Austin angestellt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Solon McCown hatte er zu Mittag gegessen, als beide um 12:05 Uhr einen Einsatzbefehl erhielten. Sie fuhren zum Campus und bemerkten den Aufruhr. Zunächst vermuteten sie einen Brand. Sie parkten ihren Wagen.

Ein weiterer städtischer Angestellter vor Ort, Don Carlson, klärte sie über die tatsächliche Lage auf und warnte sie, sofort Deckung zu suchen. Die drei Männer kauerten einen Moment lang hinter einem Chevrolet und besprachen die Situation. Dann stand Schmidt auf und sagte sinngemäß etwas in der Art: „Ist schon okay. Wir sind hier außer Reichweite“. Und ja, sie waren rund 450 Meter vom Turm entfernt. Auf diese Distanz hätten sie allem Ermessen nach sicher sein sollen.

Doch sie waren es nicht. Der Schuss, der Roy Dell Schmidt tötete, war der zweitweiteste Treffer an diesem Tag. Schmidt griff sich an den Unterleib und schrie: „Ich bin getroffen! Ich bin getroffen!“, bevor er zusammenbrach. Ein Streifenpolizist namens Jim Cooney versuchte, zu ihm vorzudringen, wurde aber vom Schützen unter ständigem Beschuss zurückgehalten. Als ein Krankenwagen Schmidt schließlich ins Brackenridge Hospital bringen konnte, erklärten die Ärzte ihn bereits nach der Ankunft für tot.

Der Schuss auf den Elektriker fiel gegen 12:18 Uhr, 30 Minuten nach Beginn des Amoklaufs. Dieser Moment markierte einen Wendepunkt. Roy Dell Schmidt sollte das letzte getötete Opfer an diesem Tag sein. Denn ab diesem Zeitpunkt änderte sich die Dynamik der Situation grundlegend.

Roy Dell Schmidt

Wild West auf dem Campus

Der Schütze auf dem Turm war ab nun nicht mehr die einzige Person auf dem Campus, der die nötige Feuerkraft besaß. Unten hatte sich inzwischen schlagkräftige Gegenwehr formiert– nicht nur durch die Polizei, sondern durch bewaffnete Bürger. In Texas gehörte der Umgang mit dem Jagdgewehr für viele junge Männer zum Alltag. Die vielleicht einmalige Gelegenheit, straffrei auf einen waschechten Bösewicht zu ballern, nahmen sie nur allzu gerne wahr.

Es war später von „Cowboy-Atmosphäre“ und „Wild-West in Austin“ die Rede. Beispielsweise stürmte ein junger Mann mit einem Jagdgewehr ins San Jacinto Café, kaufte dort hastig ein Sechserpack Bier und rannte hinaus, um sich dem Schusswechsel anzuschließen.

Clif Drummond erinnerte sich an Studenten, die sich mit ihren Gewehren hinter Telefonmasten verschanzten und unaufhörlich das Feuer auf den Turm erwiderten. Während viele nur Kleinkalibergewehre besaßen, hallte gelegentlich der donnernde Knall einer „Elefantenbüchse“ über den Campus. Es herrschte ein massiver Überschuss an Testosteron und Adrenalin. Schätzungen von Augenzeugen zufolge schossen mehrere Dutzend Zivilisten gleichzeitig auf die Spitze des Turms.

Die Rolle der bewaffneten Bürger ist bis heute umstritten geblieben. In der Rückschau werden sie häufig wie ein schießwütiger und blutrünstiger Haufen dargestellt, der das Recht an diesem Tag in die eigenen Hände nahm. Aber vielleicht tut man ihnen damit unrecht. Denn möglicherweise wurde ihr Handeln durch ein folgenschweres Missverständnis ausgelöst.

Der Polizeichef von Austin hatte die Radiosender gebeten, Bürger mit leistungsstarken Gewehren und Zielfernrohren aufzufordern, ihre Waffen der Polizei zur Verfügung zu stellen. Viele Menschen, die den Aufruf im Radio verfolgten, verstanden ihn aber anders, nämlich dass die Behörde um bewaffnete Unterstützung seitens der Zivilbevölkerung bat.

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Schütze visiert den Turm an, 1.8.1966

Mittel zum Zweck

Und natürlich war das wilde, unkontrollierte Herumgeballere brandgefährlich. Das Hauptgebäude hatte 27 Stockwerke. Auf allen Etagen arbeiteten Menschen oder hatten sich mittlerweile aufgrund der Gefahr in ihren Büros verbarrikadiert. Was, wenn einer der freiwilligen Helfer sein Zielwasser vergessen hatte und versehentlich in eines der Bürofenster schoss? Kurzum: Aus Polizeisicht entfaltete sich am Boden gerade ein Albtraum. Doch der Albtraum erfüllt am Ende seinen Zweck.

Denn so riskant die vielen unkoordinierten Schützen am Boden auch waren, zwangen sie den Scharfschützen dazu, Deckung zu suchen. Er konnte sich nicht mehr ungehindert über die Brüstung lehnen, um in aller Ruhe Ziele auszuwählen. Stattdessen war er gezwungen, durch die zwölf Regenabflussrinnen am Boden der Brüstung zu schießen.

Dies waren nur schmale Öffnungen, die ihm zwar Schutz boten, sein Sichtfeld aber auf einen engen, etwa 30 Grad breiten Ausschnitt begrenzte. Das erklärt, warum der Amoklauf den Großteil seiner Opfer in den ersten dreißig Minuten forderte, nämlich bevor die Gegenwehr einsetzte.

Robert Heard

Gegen 12.20 Uhr stellte der Täter fest, dass die Ziele auf der Süd- und Westseite aufgrund der massiven Gegenwehr und der Flucht der Passanten spärlich wurden. Keiner seiner Schüsse aus den Abflussrinnen hatte in den letzten Minuten getroffen. Er verlegte seine Position daraufhin an die Nordseite und die Nordwestecke des Turms, um nach neuen Opfern Ausschau zu halten.

Robert Heard, ein erfahrener Reporter der Nachrichtenagentur Associated Press, war gemeinsam mit seinem Kollegen Ernie Stromberger auf den Campus geeilt. Gegen 12:15 Uhr beobachteten sie zwei Beamte der Highway Patrol, die den Turm stürmen wollten. Die Polizisten machten ihre Schrotflinten bereit. Eine Bewaffnung, die unmissverständlich klarmachte, dass sie den Nahkampf mit dem Schützen suchten.

Heard und Stromberger witterten eine exklusive Story und beschlossen, den Beamten zu folgen. Doch Heard war gehandicapt. Seit einer Knieoperation im vergangenen Juni bewegte er sich langsamer als gewohnt. Die Polizisten überquerten die 24th Street. Stromberger ging an der Rückseite des Instituts für Biologie in Deckung, welche vom Turm nicht einsehbar war. Heard setzte ihm mit einigen Sekunden Verzögerung nach.

Nur wenige Meter vor dem rettenden Ziel streckte ein Projektil Heard nieder. „Ich hatte mein Training bei den Marines vergessen“, erinnerte er sich später, „ich war nicht im Zickzack gelaufen.“ Der Einschlag fühlte sich an, als hätte ihn jemand mit einem Ziegelstein an der Schulter getroffen. Er taumelte einige Schritte weit und brach mitten auf der Straße zusammen.

Die Kugel hatte seinen linken Arm knapp unterhalb des Gelenks zertrümmert. Die Gliedmaße hing schlaff zur Seite. Auf seinem weißen Hemd breitete sich rasend schnell ein dunkler Fleck aus. Heard versuchte, sich auf dem Asphalt aufzurichten. Augenzeugen aus dem Biologiegebäude brüllten: „Bleib liegen! Bleib liegen!“ Augenblicke später rannten mehrere Studenten – deren Identität Heard nie erfahren sollte – unter Lebensgefahr auf die Straße hinaus und schleiften den schwer verletzten Reporter hinter das Heck eines geparkten Studebakers.

Polizisten in der Nähe erhaschten in diesem Moment einen Blick auf den Täter. Er suchte das Gelände mit seinem Fernglas ab. Er trug ein weißes Stirnband, wie nun deutlich zu erkennen war. Die Beamten eröffneten das Feuer. Der Mann duckte sich weg und verschwand kurzzeitig, um seine Position an der Nordwestecke des Turms zu verändern.

Billy Snowden

Mehr als 450 Meter nordwestlich des Turms war das Geschehen auf dem Campus nur noch ein fernes Spektakel, das man sich im Fernsehen anschaute. Im A&E Barbershop an der Guadalupe Street saß der 35-jährige Billy Snowden, ein Basketballtrainer, auf einem Frisierstuhl. Das Fernsehgerät zeigte die Live-Berichterstattung über das Attentat, das sich einen halben Kilometer entfernt abspielte. Am Ende siegte die menschliche Neugier über die Vorsicht. Gemeinsam mit seinem Friseur trat Snowden an die Tür, um einen Blick auf die ferne Silhouette des Turms zu werfen.

Drei Häuserblöcke trennten sie von der Aussichtsplattform. Eine Distanz, die jeder Logik nach Sicherheit bot. „Zuerst dachten wir, es sei besser, drinnen zu bleiben“, erinnerte sich Snowden später, „aber dann entschieden wir, dass wir zu weit weg seien, um getroffen zu werden.“ Er hielt die Tür halb offen, den Blick starr in Richtung Campus gerichtet. Der Friseur stand direkt neben ihm.

Es war der weiteste Schuss, den der Täter an diesem Tag abgeben sollte. Das Projektil schlug in Snowdens linke Schulter ein. Der Treffer war verheerend: Die Kugel zerstörte drei Nervenstränge und hinterließ eine dauerhafte Taubheit in seinem Arm. Snowden überlebte jedoch.

Lana Phillips, Sandra Wilson, Janet Paulos und Abdul Khashab

An der Ecke 24th Street und Guadalupe, direkt vor dem Modegeschäft Rae Ann’s, hatte sich eine Gruppe von etwa einem Dutzend Menschen angesammelt. Sie reckten die Hälse und starrten nach oben, in der Hoffnung, einen Blick auf den Schützen zu erhaschen – ohne zu ahnen, dass dieser sie bereits im Visier hatte.

In dieser Gruppe standen Lana Phillips, eine 21-jährige Musikstudentin, die in dem Kleiderladen jobbte, und Sandra Wilson. Ebenfalls dazu gehörten der 25-jährige Abdul Khashab, ein irakischer Chemiestudent, und seine Verlobte Janet Paulos. Die Hochzeit der beiden war bereits geplant und sollte in weniger als einem Monat stattfinden.

Dann war erneut Schussfeuer zu hören. Vom Turm her ratterten die Schüsse so schnell hintereinander, dass sie fast wie das Stakkato eines Maschinengewehrs wirkten. Drei Menschen brachen sofort zusammen, die übrigen stoben in Panik auseinander. Für einen Moment setzte das Feuer aus. Im nächsten Augenblick folgte eine zweite Salve auf jene, die sich nicht schnell genug Deckung begeben hatten.

Die erste Schussgarbe traf Lana Phillips in die Schulter, Abdul Khashab in Ellbogen und Hüfte und Janet Paulos mitten in die Brust. Die zweite Salve verletzte Sandra Wilson schwer. Die Kugel durchschlug ihren Arm, drang in die Lunge ein und streifte das Rückenmark.

Ein Kamerateam hielt die Folgen dieser Attacke auf Film fest. Als die Schüsse in die Menge einschlugen, brach unter den Passanten – zumeist junge Männer in weißen Hemden und dunklen Hosen – Panik aus. Kurz bevor sie aus dem Bildausschnitt verschwanden, war am Ende der Schlange ein Student zu sehen. Er zuckte plötzlich zusammen und griff sich an den Rücken. Offenbar wurde er von einem Querschläger oder umherfliegenden Betonstücken getroffen.

Lana Phillips äußerte sich später zu der Situation und was ihr in den Momenten vor dem Anschlag durch den Kopf gegangen war. Es war bezeichnend für die Fehleinschätzung vieler an diesem Tag. Sie habe keine Angst gehabt, bis sie getroffen worden sei. Sie habe den Turm beobachtet und gesehen, wie Menschen erschossen wurden, ohne zu glauben, selbst in Reichweite zu sein.

Zudem habe sie hinter anderen gestanden und angenommen, dass diese zuerst getroffen würden. Ein fataler Irrtum, wie die Realität zeigte. Khashab und Paulos ließen sich im Übrigen trotz ihrer Verletzungen nicht von ihrem Hochzeitsvorhaben abbringen, auch wenn der Bräutigam seinen rechten Arm in einer Schlinge tragen musste.

Katastrophenplan

Zu diesem Zeitpunkt glich das nahe gelegene Brackenridge Hospital bereits einem Kriegslazarett. Um 12.15 Uhr aktivierte der Krankenhausverwalter den Katastrophenplan. Alle verfügbaren Krankenschwestern und Schwesternschülerinnen kamen ins Haus. Zusätzlich meldeten sich 58 Ärzte, vom Chirurgen bis zum Hautarzt, zum Dienst. Die sechs Bestattungsunternehmen der Stadt stellten ihre Wagen bereit und erweiterten so die Transportkapazitäten.

Vor dem einzigen Eingang der Notaufnahme stauten sich die Krankenwagen rasch. Das Personal kam mit der Aufnahme kaum nach. Viele Opfer litten neben Schussverletzungen auch an schweren Verbrennungen ersten und zweiten Grades. Sie hatten mehr als eine halbe Stunde ungeschützt auf dem von der texanischen Mittagssonne aufgeheizten Beton gelegen.

Der Platz in der Notaufnahme reichte bald nicht mehr aus. Das Personal reservierte deshalb einen Raum für jene, denen niemand mehr helfen konnte. Dort lagen die Toten auf dem Boden, Schulter an Schulter, mit nur schmalen Gängen dazwischen. Viele Opfer kamen ohne Brieftasche oder Ausweis ins Krankenhaus, was ihre Identifizierung erschwerte.

Vor den Türen spielten sich verzweifelte Szenen ab. Angehörige drängten ins Gebäude und suchten Bett für Bett und Trage für Trage nach vertrauten Gesichtern. Schließlich errichtete die Polizei Barrikaden, um die Menge zurückzuhalten.

Morris Hohmann

Gegen 12.30 Uhr verließen Morris Hohmann und sein Assistent Turner Bratton das Krankenhaus und steuerten mit ihrem Krankenwagen erneut den Drag an. Sie hielten direkt vor Sheftall’s Jewelry Store, jenem Ort, an dem zwanzig Minuten zuvor die Freiwilligen des Friedenskorps unter Beschuss geraten waren.

Der Juwelierladen hatte sich inzwischen in ein improvisiertes Lazarett verwandelt. Im Inneren bot sich ein Bild der Verwüstung: Einschusslöcher klafften in der Eingangstür. Der Teppich war von Projektilen zerfetzt. Und eine breite Blutspur markierte den Weg, auf dem einer der Verletzten über den Boden geschleift worden war.

Sieben Verwundete harrten im Laden aus, darunter David Matson, Roland Ehlke und der Angestellte Homer Kelley. Obwohl das Geschäft mitten im Schussfeld lag, zögerte Hohmann nicht. Er rannte hinein, um die Evakuierung zu koordinieren. Da die Vorderseite des Ladens unter ständigem Feuer lag, entschied er, den Krankenwagen zum Hintereingang in die Gasse umzuleiten.

Hohmann lief im Schutz des Fahrzeugs mit, als Bratton den Wagen in die 23rd Street steuerte. Doch als das Auto abbog, verlor er vorübergehend seine Deckung. Der Attentäter auf dem Turm nutzte umgehend die Gelegenheit und feuerte einen Schuss ab. Die Kugel schlug in Hohmanns rechten Oberschenkel ein.

Der verletzte Rettungssanitäter rollte sich geistesgegenwärtig unter ein parkendes Auto. Er sah, wie das Blut stoßweise auf den Asphalt pumpte. Hohmann riss den Gürtel seiner Hose ab und legte sich selbst einen Druckverband an. In seiner Angst zog er das Leder so fest, dass das Bein gefährlich anschwoll. Doch er konnte die Blutung stoppen. Was folgte, war eine quälende Geduldsprobe. Hohmann lag fast zwanzig Minuten lang unter dem Fahrzeug.

In unmittelbarer Nähe, hinter derselben Baubarriere, an der Sonntag und Rutt gestorben waren, suchten die Bauarbeiter Bill Davis und Phil Ward Deckung. Hohmann konnte hören, wie die beiden heftig darüber stritten, wer von ihnen das Risiko eingehen sollte, ihn in Sicherheit zu ziehen. Schließlich siegte die Zivilcourage: Sie zogen ihn aus der Schusslinie.

Trotz seiner schweren Verletzung bestand Hohmann darauf, zu seinem eigenen – bereits voll besetzten – Krankenwagen zu humpeln. Morris Hohmann galt als eines der letzten Opfer, die der Attentäter an diesem Tag direkt traf. Im Brackenridge Hospital retteten ihm später acht Liter Spenderblut das Leben.

Unterstützung aus der Luft

Die Einsatzleitung der Polizei diskutierte derweil alternative Herangehensweisen, um den Schützen zu stoppen. So kam die Idee auf, einen Hubschrauber zu entsenden, aus dem Polizisten den Mann auf dem Turm erschießen konnten. Zu riskant, war die einhellige Meinung. Sie hatten es hier nicht mit einem Hobbyschützen zu tun. Die Besatzung würde sich in Lebensgefahr begeben. Ein Absturz des Helikopters könnte zu weiteren Opfern am Boden führen.

Damit war der Gedanke, Unterstützung aus der Luft anzufordern, aber noch nicht vom Tisch. Ein Kleinflugzeug könnte aus sicherer Entfernung operieren. Ein gezielter Beschuss des Turms war aus dieser Distanz zwar fraglich. Doch die Polizei würde zumindest erfahren, ob sie es mit einem oder mehreren Attentätern zu tun hatten. Denn diese Frage war nach wie vor ungeklärt. Außerdem würde das Manöver die Aufmerksamkeit des Schützen erregen. Und so lange er in den Himmel starrte, konnte er keine weiteren Personen am Boden erschießen, so das Kalkül.

Jim Boutwell, ein Deputy Sheriff aus Williamson County und erfahrener Fluglehrer, erhielt gemeinsam mit APD-Lieutenant Marion Lee grünes Licht. In einer kleinen Champion Citabria stiegen sie auf knapp 400 Meter Höhe und näherten sich dem Campus. Sie umkreisten den Turm und konnten den Täter auf dem Deck ausmachen. Er war allein. So viel stand nun fest.

Lee legte sein Gewehr zwar versuchsweise auf den Turm an. Die Hitze über der Stadt erzeugte jedoch eine Thermik, die das leichte Flugzeug ununterbrochen hüpfen ließ. Der Polizist wagte schließlich keinen Schuss. Das Risiko, unschuldige Zivilisten am Boden zu treffen, war bei dem ruckligen Flug zu hoch.

Der Täter auf dem Campus-Turm hatte dieses Problem nicht. Er feuerte mindestens zweimal auf die Maschine. Die Projektile durchschlugen die dünne Stoffbespannung der Citabria, ohne allerdings die Insassen oder den Motor zu treffen. Boutwell drehte daraufhin ab, blieb jedoch in Sichtweite.

Offizielle Zahlen

Die Belagerung des Turms dauerte inzwischen eine Stunde. Der Täter stand unter Dauerbeschuss, sobald sich an der Brüstung auch nur ein Schatten zeigte. Gezielte Schüsse waren unter diesen Bedingungen kaum noch möglich. Dennoch konnte nicht ausgeschlossen werden, dass er weiterhin Menschen verletzte.

Offizielle Berichte nannten oft 31 oder 32 Verwundete. Diese Zahlen markierten jedoch vermutlich nur die Untergrenze. Sie erfassten vor allem jene, die in den Polizeiakten auftauchten, meist nach einer Behandlung in den Krankenhäusern Brackenridge, St. David’s oder Seton.

Hinzu kamen zahlreiche Personen mit leichten Verletzungen durch Glassplitter oder kleine Projektilfragmente. Sie ließen sich kurz versorgen und verschwanden im Chaos des Nachmittags, bevor die Polizei sie befragen konnte. Ihre Namen fanden sich, wenn überhaupt, nur als flüchtige Einträge in den Aufnahmebüchern der Kliniken.

Dazu kamen jene, die zwar sichtbar getroffen wurden, wie der unbekannte Mann auf der besagten Filmaufnahme, aber nie ärztliche Hilfe suchten. Für die Geschichtsschreibung blieben sie damit unsichtbar.

Der Weg in den Turm

Gegen 12.30 Uhr funkte die Einsatzleitung der Austin Police Department einen dringenden Aufruf an alle verfügbaren Beamten: Freiwillige sollten sich sofort am Hauptquartier der Universitäts-Polizei nahe der San Jacinto Street melden. Inzwischen war klar geworden, dass Whitman vom Turm aus das gesamte Gelände kontrollierte. Ein direkter Vorstoß über den offenen Campus hätte weitere Tote bedeutet.

Officer Houston McCoy gehörte zu den ersten Polizisten, die am Gebäude der University Police eintrafen. Dort stellte Sergeant A. Y. Barr hastig einen kleinen Stoßtrupp zusammen. Kurz darauf erschienen auch Phillip Conner, George Shepard, Milton Shoquist und Harold Moe im Streifenwagen.

Keiner von ihnen verfügte über geeignete Langwaffen. Zwar hatten die Beamten versucht, in der Waffenkammer der Polizei bessere Ausrüstung zu finden. Doch außer einer Tränengaskanone und einer alten Maschinenpistole, für die es nicht einmal Munition gab, stand praktisch nichts Brauchbares zur Verfügung.

Schließlich entschieden die Männer, dass Schrotflinten für den Kampf im Turm am besten geeignet waren. Doch nur McCoy besaß eine solche Waffe. Er hatte lediglich vier Patronen mit grobem Schrot im Gürtel. Auf kurze Distanz konnte diese Munition verheerenden Schaden anrichten. Dafür musste er jedoch erst einmal freie Schussbahn auf den Täter haben, und genau das war das größte Problem.

Eine hastige Suche in den Streifenwagen brachte keine weiteren Patronen zutage. Damit gab es kein Zurück mehr. Unter Führung von Sergeant A. Y. Barr machte sich die sechsköpfige Gruppe auf den Weg zu den Versorgungstunneln. Sie sollten sie verborgen unter dem Campus direkt in das Herz des Turms führen.

Eine zweite Gruppe formiert sich

Während McCoy und seine Gruppe sich durch die Tunnel näherten, bahnten sich andere ihren Weg durch das oberirdische Chaos. Officer Jerry Day war auf Streife, als ihn die Funksprüche erreichten. Er parkte in einer Gasse westlich der Guadalupe Street und erkannte das Ausmaß des Attentats: Drei Männer versuchten verzweifelt, einer jungen Frau mit einem Brustschuss zu helfen. Day zögerte nicht. Er rannte über den Drag, schlängelte sich durch die Universitätsgebäude und betrat den Turm durch den Südeingang.

Dort traf er auf Allen Crum. Der Abteilungsleiter der University Co-op war allein und unbewaffnet gekommen. Day wollte das Angebot des Zivilisten, ihn zu begleiten, zunächst ablehnen. Doch Crum war kein gewöhnlicher Verkäufer, sondern Militärveteran. Als er Day trocken sagte, er könne jemanden brauchen, der ihm „den Rücken freihält“, gab der Officer nach.

Im Inneren stieß W. A. „Dub“ Cowan zu ihnen. Er war ein Beamter des Department of Public Safety, trug Zivil und hatte ein Gewehr bei sich. Glücklicherweise erkannte Day ihn instinktiv als Gesetzeshüter. Ein bewaffneter Zivilist im Turm hätte in diesem Moment leicht für den Schützen gehalten werden können.

Da Cowan eine Dienstpistole bei sich führte, gab er sein Gewehr an Crum weiter. Es war eine alte Selbstladebüchse vom Kaliber .30, ein Remington-Modell, das bis 1950 gebaut worden war und unter Polizisten als verlässlich galt. Das Magazin fasste nur fünf Schuss. Crum musste also genau abwägen, wann er die Waffe einsetzte. Viele Gelegenheiten würde er nicht haben.

Die drei Männer nahmen den Aufzug in den 26. Stock. Das 27. Stockwerk mieden sie bewusst. Möglicherweise hatte sich der Täter wegen des Dauerbeschusses durch Zivilisten inzwischen in das Innere des Gebäudes zurückgezogen. Im 26. Stock trafen sie auf einen weiteren Polizisten: Ramiro Martinez.

Martinez hatte an diesem Tag frei. Er bereitete zu Hause gerade das Mittagessen vor, als er die Nachrichten hörte. Nach einem Anruf im Revier sprang er in seinen Privatwagen. Sein Weg über den Campus glich einem Hindernislauf zwischen den Gebäuden. Bevor er den Südeingang des Turms erreichte, sah er auf der Mall sechs leblose Körper liegen.

Wie surreal die Lage vor Ort war, erlebte Martinez an der Türschwelle des Hauptgebäudes. Dort stand ein junger Mann mit einem Klemmbrett und notierte seelenruhig die Namen der Eintretenden. Niemand wusste, warum. Wahrscheinlich war er ein Fahrstuhlführer, der an seinem gewohnten Protokoll festhielt, während um ihn herum Menschen starben.

Oben im 26. Stock forderte Cowan über ein Telefon weitere Verstärkung an. Die Leitung blieb tot. Damit standen die vier Männer – drei Gesetzeshüter und ein bewaffneter Zivilist – am Fuß der letzten Treppen, die zum Zentrum des Gemetzels führten und schienen auf sich allein gestellt.

Im Tunnel

Gegen 13:15 Uhr erreichte die Gruppe um Sergeant Barr die Kühltürme der Universität. Dort wartete William Wilcox auf sie. Ohne große Worte übernahm er die Führung. Die Polizisten kannten weder seinen Namen noch seinen Job. Für sie blieb er jahrelang nur „der Tunnel-Mann“. Er führte sie in die Eingeweide des Campus.

Die Versorgungstunnel waren stickig, heiß und ein Labyrinth aus abzweigenden Gängen, die Dutzende Gebäude versorgten. Ohne Wilcox’ Führung wären die Männer dort unten verloren gewesen. Schließlich erreichten sie einen Lastenaufzug. Wilcox erklärte knapp, dass dieser sie in den 5. Stock des Turms bringen würde. Die sechs Männer drängten sich in die enge Kabine und ließen das unterirdische Labyrinth hinter sich.

Weitere Opfer: Familie Gabour

Martinez, Crum und Day suchten derweil im 26. Stock nach Personen, die sich vor dem Täter versteckt hatten. Sie prüften eine Tür nach der anderen, bis sie vor einem verschlossenen Büro stehen blieben. Martinez klopfte laut und gab sich als Polizist zu erkennen.

In Raum 2608 hatten sich zwei Nonnen und etwa zehn weitere Personen hinter schweren Möbeln verschanzt. Der Polizist hörte, wie Aktenschränke verrückt wurden. Dann öffnete sich die Tür. Martinez schickte die Gruppe zum Aufzug.

In diesem Moment taumelte ein Mann auf die Polizisten zu. In den Händen hielt er blutverschmierte weiße Frauenschuhe. Er stieß hervor, dort draußen sei ein Kerl, der seine ganze Familie ausgelöscht habe. Er brauche eine Waffe, um ihn zu töten.

Jerry Day trat neben Martinez und redete beruhigend auf den verzweifelten Mann ein. Er versprach ihm, die Polizei werde sich um seine Familie kümmern, und drängte ihn zum Aufzug. Doch der Fremde, der sich wenig später als Michael Joseph Gabour identifizierte, war nicht mehr mit vernünftigen Worten zu erreichen.

Er wurde handgreiflich und packte nach den Dienstwaffen der Polizisten. Ein gefährliches Gerangel entbrannte. Day bekam Gabour zu fassen, eskortierte ihn zum Fahrstuhl und schob ihn mit dem notwendigen Nachdruck in den Lift, damit der Mann sich endlich aus der Gefahrenzone begab.

Martinez und Crum sicherten derweil die Treppe zum 27. Stock und bewegten sich vorsichtig nach oben. Als sie über den obersten Treppenabsatz blickten, bot sich ihnen ein Bild purer Gewalt. Der 15-jährige Mark Gabour, tot, starrte sie mit weit aufgerissenen Augen, die Zunge geschwollen und hervortretend.

Mark Gabour

Hinter ihm lag Mary Gabour in einer großen Blutlache. Halb auf ihr drauf ihr zweiter Sohn, schwer verletzt, aber bei Bewusstsein. Er winkte den Polizisten zu. Dahinter noch die Tante Marguerite Lamport. Sie war offenbar wie Mark tot. Die Familie musste dem Attentäter begegnet sein, als er sich Zugang zum Observationsdeck verschafft hatte. Das bedeutete, sie lagen hier schon anderthalb Stunden in ihrem Blut und bangten um ihr Leben.

Marguerite Lampour

Martinez kniete sich neben Mike nieder. Der Junge presste hervor, der Mann sei draußen auf dem Gang. Er bat sie, seine Mutter an den Rand des Raums zu bewegen, damit sie nicht noch einmal von möglichen Querschlägern und Fehlschüssen getroffen werde. Die beiden schoben Mary Gabour und dann Mike zur Seite.

Edna Townsley

Die beiden Männer blickten den letzten Aufgang hinauf. Dort oben thronte ein Schreibtisch, dessen Beine gefährlich nah an der obersten Stufe standen. Daneben klemmte ein weißer Metalleimer in der Lücke zwischen Holz und Wand. Der Täter hatte eine improvisierte Barrikade errichtet.

Martinez und Crum schoben das schwere Möbelstück vor sich her und nutzten es als hölzernen Schild, falls der Schütze im Türrahmen auftauchen sollte. Doch oben blieb es still. Sie drangen in den Empfangsbereich vor. Am Boden sahen sie eine Spur aus Blut. Sie folgten der roten Fährte bis zum Sofa und fanden dort Edna Townsley. Die verletzte Frau atmete noch.

Durch mehrere Fenster konnten sie einen Blick auf den äußeren Umgang erhaschen. Vom Schützen war nichts zu sehen. Durch das Glas erkannten sie nur ein Trümmerfeld: Schutt, leere Patronenhülsen, verstreute Lebensmittel und andere Ausrüstungsgegenstände des Täters.

Duell am Fahrstuhl

In diesem Moment hielt sich die Gruppe um Houston McCoy noch im 5. Stock auf. Dort stießen sie auf Frank Holder, einen Ingenieur der Otis Elevator Company. Holder war ursprünglich damit beschäftigt, die Aufzüge zu warten. Sobald die Schüsse fielen, übernahm er die Rolle des Fahrstuhllotsen. Er bediente die manuelle Steuerung und fuhr die Beamten hinauf in den 26. Stock.

Dort angekommen öffneten sich die Türen des Aufzugs. McCoy, der nicht wusste, was ihn oben erwarten würde, hatte seine Schrotflinte entsichert und auf den Türspalt gerichtet. Auf der anderen Seite stand Jerry Day, der nicht mit Verstärkung von unten gerechnet hatte. Er hielt seinen Dienst-Revolver im Anschlag und zielte auf die sich öffnende Tür. Die Männer behielten glücklicherweise die Nerven. Statt zu feuern, senkten beide die Waffen.

Day stellte Dub Cowan vor und fragte die Gruppe nach Michael Gabour. McCoy war unten ein grauhaariger Mann mit glasigem, seltsam abwesendem Blick aufgefallen, der unter Schock zu stehen schien. Day schilderte kurz die Situation, die sie ein Stockwerk über ihnen vorgefunden hatten.

Die Männer berieten sich kurz. Sollten sie zuerst die Verletzten bergen oder den Schützen ausschalten? Sie entschieden, zunächst die beiden Überlebenden, Mike und Mary Gabour, zu evakuieren. Die Beamten nahmen den Aufgang zum 27. Stock. Das Blut hatte sich überall ausgebreitet und machte den Boden rutschig wie eine Schlittschuhbahn. Sie trugen die beiden Schwerverletzten zum Aufzug.

McCoy fragte Aufzugmann Frank Holder, ob es eine Möglichkeit gäbe, mit dem Aufzug noch über die Aussichtsplattform zu gelangen. McCoy hatte sich überlegt, dass er seine Chancen verbessern könnte, wenn er den Schützen von einer erhöhten Position angreifen würde.

Holder bejahte. Dennoch war der Plan riskant: McCoy müsste durch eine Luke in der Decke auf das Dach des Aufzugs klettern. Holder würde ihn dann weiter nach oben fahren. An dieser Stelle konnte er den Schacht oberhalb der Turmuhren verlassen. Das Kalkül setzte voraus, dass sich dort kein zweiter Schütze versteckt hielt. In dem Fall wäre McCoy erledigt.

Für McCoy klang der Plan stabil genug. Was er in diesem Moment noch nicht wusste: Ramiro Martinez und Allen Crum waren bis zum eigentlichen Tatort vorgedrungen. Sie näherten sich gerade der Tür an der Südostseite des Empfangsraums, die auf das Außendeck führte. Es war eine schwere Holztür mit acht Glaseinsätzen. Martinez und Crum spähten hindurch, konnten den Schützen jedoch nicht sehen.

Vordringen auf den Umgang

Was sie stattdessen erblickten, war eine Sackkarre, die von der Seite des Umgangs fest unter der Klinke verkeilt worden war. Die Tür ging nach außen auf. Martinez drückte dagegen. Sie hielt stand. Er stieß ein zweites Mal heftiger zu; die Karre wippte kurz zurück und schlug dann mit einem lauten, scheppernden Poltern wieder gegen das Holz.

Unten im 27. Stock hörte McCoy den Lärm. Sofort riss er die Schrotflinte hoch, richtete sie die Treppe hinauf und entsicherte sie. Jerry Day reagierte geistesgegenwärtig und informierte ihn hastig über Martinez und Crum. McCoy gab später offen zu, dass es ein Segen gewesen sei, dass die beiden nicht in diesem Moment den Aufgang herabgekommen waren. Er hätte sie ohne Zögern erschossen.

Sein Plan, über das Dach des Aufzugs nach oben zu gelangen, war in diesem Moment hinfällig geworden. McCoy stieg die letzten Stufen hoch und wies Day hastig an, die ihnen folgenden Kollegen unbedingt über den bewaffneten Zivilisten in Kenntnis zu setzen. Allen Crum sollte nicht im Eifer des Gefechts wegen seiner Kleidung über den Haufen geschossen werden, weil man ihn für den Täter hielt.

Im Halbdunkel des Raums trafen sich die Blicke von McCoy und Martinez. Kein Wort fiel. Jerry Day übernahm die Sicherung des Westfensters. Martinez stemmte sich mit aller Kraft gegen die Tür. Durch den Stoß gab die von außen verkeilte Sackkarre endlich nach. Sie kippte um und schlug mit einem metallischen Knallen auf den Betonboden des Aussichtsdecks. Die Tür schwang auf.

Martinez trat hinaus in die gleißende Mittagshitze. Crum wandte sich kurz zu McCoy um und folgte Martinez ins Ungewisse. McCoy blieb keine Wahl; er zog nach. Draußen presste sich Martinez gegen die Wand. Die Tür führte auf den Umgang im Süden des Turms. Von hier musste der Täter die ersten Schüsse abgegeben haben.

Die Polizisten sicherten den Gang erst einmal in westlicher Richtung. Der Bereich war sauber. Der Ausgang lag direkt an der Südostecke des Gebäudes. Martinez musste sich nur ein Stück vorlehnen, um die gesamte Ostseite des Turms zu überblicken. Nichts. Kein Schütze.

Martinez und Crum verharrten einen Moment in Deckung und warteten, ob der Lärm den Attentäter anlocken würde. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Von unten hallte das Donnern von Dutzenden Gewehre herauf. In dieser Kakofonie aus Einschlägen und Querschlägern bereiteten sich die Männer auf die letzten Meter vor.

Die Rollen auf dem Aussichtsdeck waren klar verteilt. Crum richtete sein Gewehr nach Westen, um den südlichen Umgang zu sichern. Martinez wandte sich zum Ostgang. Er begab sich auf alle viere und schob sich Zentimeter um Zentimeter flach auf dem Beton vorwärts. Houston McCoy folgte ihm dicht auf den Fersen. Im Empfangsbereich hatte Phillip Conner inzwischen Jerry Days Position am Fenster übernommen, sodass Day nach außen trat und Crum bei der Sicherung des südlichen Umgangs unterstützte.

Martinez signalisierte McCoy mit einer Handbewegung, unten zu bleiben. McCoy dachte jedoch nicht daran zu kriechen. Er lehnte den Rücken gegen die Innenwand, beugte die Knie und schob die Füße seitlich vor. Die Schrotflinte hielt er direkt über dem Kopf des Kollegen.

Später erinnerte er sich, in diesem Moment nur gehofft zu haben, dass ihn seine Kontaktlinsen nicht im Stich ließen. Als Martinez an einem der Abflussrohre vorbei robbte, schlug eine Kugel, die von einem Zivilisten am Boden abgefeuert worden war, direkt zwischen ihm und McCoy ein.

Showdown

Um 13:24 Uhr fielen oben auf dem Turm zehn Schüsse innerhalb weniger Sekunden aus drei verschiedenen Waffen. Eine dieser Kugeln feuerte Allen Crum ab. Er hatte laut eigener Aussage geglaubt, den Schützen auf dem westlichen Umgang rennen zu hören – und das trotz der beschriebenen Geräuschkulisse. Deshalb schoss er auf die Südwestecke des Turms, weil er damit rechnete, dass der Täter jeden Moment um die Ecke biegen würde.

Die Spurenlage deutete später nicht darauf hin, dass sich der Attentäter zu diesem Zeitpunkt in Bewegung gesetzt hatte. Die Skeptiker rümpften die Nase und sagten hinter vorgehaltener Hand: Na ja, ein Zivilist halt. Hat wohl die Nerven verloren bei all der Anspannung.

Crums Schuss erfüllte dennoch seinen Zweck, weil er den Schützen vermutlich ablenkte. Denn im selben Augenblick hatte Martinez die nordöstliche Ecke erreicht und beugte sich etwas vor, um in den nördlichen Umgang zu blicken. Dort sah er den Attentäter in der Nordwestecke sitzen. Er zielte mit einem M-1-Karabiner in Richtung Südwestkurve. Da war Crums Schuss eingeschlagen.

Jetzt gab es kein Zögern mehr. Martinez schnellte mit einem Sprung hinter der Mauer hervor und feuerte seinen Double-Action-Revolver einhändig ab. Die Distanz betrug etwa 18 Meter. Martinez schoss so schnell er konnte, getrieben von der nackten Angst, dass der Schütze ihn ins Visier nahm.

McCoy sprang ebenfalls um die Ecke, positionierte sich rechts neben seinen Kollegen, und brachte die Schrotflinte in den Anschlag. Der Attentäter wirbelte herum und richtete seinen M-1-Karabiner auf Martinez aus. Die Trommel des Revolvers war leer. Der Polizist schrie McCoy zu: „Schieß!“

McCoy zielte auf das weiße Stirnband und drückte ab. Er sah, wie die schweren Schrotkugeln Whitmans Kopf zurückrissen. Der Schrot traf ihn im Hals und Gesicht. McCoy lud sofort durch und feuerte erneut. Der pathologische Bericht hielt später fest: Ein Pellet traf Whitman zwischen den Augen, zwei die Nase, zwei das linke Auge, drei die Schläfe. Weitere trafen den Hals und den Bereich zwischen Brustbein und Herz.

Martinez schleuderte seinen leeren Revolver auf den Beton, riss McCoy die Schrotflinte aus der Hand und rannte los. Er stoppte erst direkt neben dem getroffenen Täter und feuerte die letzte Ladung aus wenigen Zentimetern Entfernung in dessen Oberkörper. Die Wucht des Aufpralls in die linke Schulter war so gewaltig, dass der Torso mehrere Zentimeter vom Boden abhob. Der Attentäter war tot und das insgesamt 96 Minuten währende Massaker hatte damit ein Ende gefunden.

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Der Name des Täters

In der plötzlichen Leere nach dem Schusswechsel entlud sich die Anspannung der Männer auf gegensätzliche Weise. Ramiro Martinez, getrieben von einem massiven Adrenalinschub, sprang auf dem Umgang auf und ab und rief immer wieder, er habe ihn.

McCoy, der die Situation nüchterner erfasste, wies ihn an, Jerry Day zu finden und über Funk die Kollegen zu informieren, damit die Männer am Boden das Feuer einstellten. Martinez stürmte den westlichen Umgang an den anderen Beamten vorbei, die zwar die Schüsse gehört, aber das Ende nicht gesehen hatten.

Harold Moe, der einzige Polizist mit einem Handfunkgerät, trat auf das Deck hinaus, um Empfang zu bekommen. Dann setzte er den Funkspruch ab: Sie hätten den Attentäter gestellt und Martinez habe den Schützen erledigt.

Auch die Männer auf dem Turm versuchten das ihrige, um den Zivilisten am Boden zu signalisieren, dass der Schusswechsel beendet war. Allen Crum schwenkte ein grünes Tuch, Jerry Day auf der Nordseite ein weißes Handtuch.

McCoy beugte sich zu dem Toten hinunter, riss dessen Overall auf und fand eine Luger im Gürtel. Dann zog er die Brieftasche hervor und reichte den Führerschein an Day weiter. Der Attentäter hatte von diesem Moment an einen Namen: Charles Whitman.

Gegen 13:27 Uhr erreichte Dr. Robert Stokes die Turmspitze. Der Arzt des Student Health Centers war durch die Tunnel heraufgeführt worden. Stokes untersuchte den von Schüssen durchbohrten Körper im Overall und stellte den Tod fest.

Die Menschen versammeln sich

Die Nachricht vom Ende des Schützen sprach sich auf dem Campus allmählich herum. Es dauerte jedoch noch fünf Minuten, bis alle begriffen hatten, dass von der Spitze des Hauptgebäudes keine Gefahr mehr ausging, und die letzten Schüsse verstummten. Die Menschen strömten aus ihren Verstecken. Ihr Ziel war der Turm. Oben füllte sich die Aussichtsplattform mit weiteren Polizeibeamten. Jeder wollte den Mann sehen, der dieses Chaos angerichtet hatte.

Unten am Boden gab es keine Jubelschreie. Viele wollten lediglich sehen, wie man den Täter abführte, in Handschellen oder im Leichensack. Die Menge schwoll auf mehr als tausend Personen an. Sie standen Schulter an Schulter schweigend in der sengenden Mittagshitze. Überall ragten Gewehrläufe aus der Masse.

Schließlich trat ein stellvertretender Sheriff aus dem Schatten des Turmeingangs ins helle Licht, eine blutverschmierte Schrotflinte in den Händen. Er teilte den wartenden Menschen knapp mit, Officer Ray Martinez vom Austin Police Department habe den Scharfschützen getötet. Dann nannte er den Namen des Täters, der bald um die Welt gehen sollte: Charles Whitman.

In der Folgezeit formierte sich eine makabre Prozession. Nach Mike Gabour wurden die weiteren Opfer aus dem Turm transportiert: Mary Gabour, die sterbende Edna Townsley, der junge Mark Gabour und Marguerite Lamport. Als Phillip Conner die Empfangsdame Edna Townsley hinter dem Sofa fand, spürte er noch einen Puls. Doch im Krankenhaus konnte man nur noch ihren Tod feststellen.

Edna Townsley

Die Evakuierung war ein logistischer Albtraum. Die Aufzüge im Turm waren zu eng für Tragen. Die Schwerverletzten und Toten mussten senkrecht gehalten werden, um sie nach unten zu befördern. Conner, Shoquist und zwei weitere Helfer nutzten eine grüne Armeedecke aus Whitmans Vorräten, um Townsley die 27 Stockwerke hinunterzutragen.

Aus Angst, die aufgeheizte Menge würde durchdrehen, transportierte die Polizei Whitmans Leiche heimlich durch einen Seitenausgang ab. Er lag auf einer fahrbaren Trage, bis zum Kinn mit einem Laken bedeckt. Doch der Versuch scheiterte.

Jemand rief, das sei der Schütze. Um die andächtige Stille war es schlagartig geschehen. Die Menge strömte zum Nebeneingang und brach in Jubel aus. Jemand riss das Laken zurück, und die Menschen sahen für einen Augenblick, was von dem Mann auf dem Turm übrig geblieben war: ein schwer entstellter Leichnam.

Nachdem die Menge gesehen hatte, was sie sehen wollte, löste sich der Pulk langsam auf. Wer blieb, sah das Ausmaß der Verwüstung. Schaufenster waren zerschossen, Bordsteine und Fassaden von Einschlägen gezeichnet. Und überall Blut. Die Gluthitze hatte es zu einer dunklen und zähen Masse verwandelt.

Frank Erwin, ein Mitglied des Universitätsrats, gab umgehend die Anweisung: Der Campus musste gereinigt werden. Noch während die letzten Sirenen in der Ferne verhallten, streuten Arbeiter Sand auf die Blutlachen, um die Spuren des Massakers aufzusaugen.

Zwei weitere Leichen

In Needville hörte Raymond Leissner gegen 14:00 Uhr im Fernsehen den Namen seines Schwiegersohns Charles Whitman. Die Meldungen alarmierten ihn. Er rief zunächst seine Tochter Kathy zu Hause an. Niemand meldete sich. Danach versuchte er es bei ihrer Arbeitsstelle, einer Telefongesellschaft.

Die Auskunft dort bestätigte seine schlimmste Befürchtung: Kathy Whitman war an diesem Tag nicht zur Arbeit erschienen. Leissner verständigte sofort die Polizei von Austin und drängte die Beamten, umgehend zum Haus seiner Tochter in der 906 Jewell Street zu fahren.

Auch der Manager von Wyatt’s Cafeteria meldete sich bei den Ermittlern. Margaret Whitman, die Mutter des Attentäters, sei nicht zur Arbeit gekommen. Der Sohn selbst habe sie am Morgen krankgemeldet.

Die ersten Polizisten in der Jewell Street waren die Detectives Kidd und Gregory. Sie klopften an die Haustür. Niemand reagierte. Daraufhin gingen sie um das Haus und versuchten, ins Innere zu sehen. Durch ein Fenster an der Südostseite des Schlafzimmers erkannten sie eine Gestalt auf dem Bett. Sie schnitten das Fliegengitter auf, rissen den Rahmen heraus und stiegen ins Haus ein.

Kathy Whitman

Detective Kidd zog die Bettdecke zurück. Kathy lag leblos auf dem Rücken. Ihre linke Hand war zur anderen Bettseite ausgestreckt. Unter ihrem Körper breitete sich ein dunkler Fleck aus. Ihr Gesicht wirkte friedlich, doch die Totenstarre hatte bereits eingesetzt. Neben ihr fanden die Beamten zwei getippte Seiten.

Es war ein Brief ihres Mannes und Mörders Charles Whitman. Er enthielt einen Satz, der auf eine weitere Tote hindeutete: Aus ähnlichen Gründen habe er auch seiner Mutter das Leben genommen. Kidd setzte einen Funkspruch an die Zentrale ab.

Margaret Whitman

Um 14:55 Uhr erreichte Officer Frank Monk den Penthouse-Komplex, in dem Whitmans Mutter lebte. Gemeinsam mit dem Eigentümer Reuben Johnson betrat er Apartment 505. Margaret Whitman wirkte, als schlafe sie fest, die Decke bis zum Kinn hochgezogen. Doch auch sie war ermordet worden. Die Zahl der Opfer des Verbrechens in Austin betrug damit 18 Tote – inklusive des Täters, des ungeborenen Kindes von Claire Wilson und aller Personen, die erst später ihren Wunden erlagen – sowie mindestens 31 Verwundete.

Kapitelübersicht zum Fall Charles Whitman

Ein Kommentar

  1. Hallo Herr Deis,
    als langjähriger Besucher Ihrer Website, der sich schon unzählige male durch die verschiedenen Beiträge gelesen hat, freut es mich ungemein einen neuen Aufsatz von Ihnen lesen zu können. Dieser ist wieder einmal sehr gelungen was Schreibstil, Spannung und Nachvollziehbarkeit des Geschehens angeht.
    Viele Grüße

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