Der Inhalt von Charles Whitmans Brieftasche hatte oben auf dem Turm kaum Zweifel an der Identität des Täters gelassen. Dennoch verlangte das Gesetz, dass jemand den Leichnam zweifelsfrei identifizierte. Einige der engsten Angehörigen, die dafür infrage gekommen wären, hatte er ja umgebracht.
Erst nach geraumer Zeit fand die Polizei einen solchen Zeugen. Professor Leonardt Kreisle, Whitmans akademischer Berater an der U.T., wurde von Assistant Chief Hamilton und Sergeant Allen zum Bestatter gebracht. Dort bestätigte er im Leichenschauhaus: Ja, bei dem Toten handelt es sich zweifelsfrei um Charles Whitman.
Charles Whitman, 1963
Inhaltsverzeichnis
Charles Whitman – Kapitel 1
Ermittlungsarbeiten beginnen
Dann dokumentierten Fotografen den Leichnam. Whitman war bereits am Tatort aus fünf verschiedenen Winkeln fotografiert worden. Im Bestattungsinstitut setzte man die Dokumentation fort: zunächst vollständig bekleidet auf einer rollbaren Bahre, dann nackt, die Genitalien notdürftig mit Papier bedeckt.
Gleichzeitig erfassten die Ermittler Whitmans Hinterlassenschaften. Sein schwarzer Chevrolet Impala, Baujahr 1966, parkte an der Uni und wurde um 15:30 Uhr zur Verwahrstelle der Polizei geschleppt. In der ganzen Stadt gingen Beamte jeder noch so vagen Spur nach. Verkäufer, Nachbarn, Klassenkameraden und Pfadfinderfreunde wurden befragt. Jeder, der Whitman kannte oder dies behauptete, wurde Teil der Akte.

Besondere Aufmerksamkeit widmete die Polizei dem Medizinschrank der Whitmans. Die Ermittler räumten ihn vollständig aus und inventarisierten jeden Gegenstand. Die Liste umfasste 26 Posten: 13 Fläschchen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, davon neun auf Charles ausgestellt, dazu verschiedene Cremes, Salben, eine Zahnbürste und ein Gerät zur „Stimmbildung“.
Die Polizei überprüfte zudem die Bücherregale des Täters. Die Ermittler fanden ein Exemplar des Romans „Open Square“ von Ford Clark. Das Buch handelte von einem jungen Mann, der von der Spitze eines Turms auf Bürger und Polizisten schoss. Hatten sie hier Whitmans „Inspiration“ für das Verbrechen gefunden?
Der Vater wird kontaktiert
Um 15:30 Uhr wandte sich die Polizei von Austin an die Behörden des Bundesstaats Florida. Captain J. C. Fann überbrachte C. A. Whitman die Nachricht, dass sein Sohn, seine Frau und seine Schwiegertochter tot seien. Whitmans erste Sorge galt jedoch nicht den Toten, sondern der Sicherung von Sachwerten. Er verlangte, Charles‘ Haus und Margarets Apartment polizeilich sichern zu lassen.
Eine halbe Stunde später rief er erneut an. Er gab Anweisungen zum Verbleib der Leichen von Frau und Sohn und kündigte an, nach Austin zu fliegen, um sie zu übernehmen. Doch auch dieses Telefonat endete mit der dringenden Mahnung, beide Wohnsitze fest zu verriegeln.
Zwei Stunden später folgte ein dritter Anruf. Die Pläne hatten sich geändert. Er wolle die Leichen nach Lake Worth in Florida überführen lassen und Austin erst im Anschluss an die dortigen Beerdigungen aufsuchen. Wieder betonte er, Apartment und Haus müssten „bombensicher“ abgeschlossen werden. Dort befinde sich wertvolles Eigentum, zudem stehe ein Auto in der Nähe.
Charles Adolphus Whitman, der Vater des Täters, 2.8.1966
Rekonstruktion eines Verbrechens
Nach dem Chaos am 1. August setzten die Ermittlungsbehörden die vielen Einzelteile des Puzzles mühsam zusammen, um zwei zentrale Fragen zu beantworten: Wie waren die genauen Abläufe vor der Tat? Und warum hatte Whitman diesen Anschlag verübt?
Einen Tag zuvor, am 31. Juli 1966, schien Whitmans Leben auf den ersten Blick nämlich noch in völlig geordneten Bahnen zu verlaufen. Gegen 11 Uhr fuhr er seine Frau Kathy zur Southwestern Bell Telephone Company. Sie arbeitete an diesem Sonntag in Doppelschicht – vormittags und später am Abend ebenfalls.
Doch kaum hatte er seine Frau abgesetzt, führte Whitman erste konkrete Tatvorbereitungen durch. Er hielt auf dem Rückweg nach Hause an einem 7-Eleven an der Barton Springs Road. Dort kaufte er Dosenfleisch und weitere Konserven für 6,65 Dollar.
Der Einkauf wirkte zunächst banal, hatte aber inzwischen eine andere Bedeutung bekommen. Denn diese Dosen fand die Polizei auf dem Campus-Turm vor. Whitman hatte sich auf eine längere Belagerung eingerichtet, so die Interpretation der Ermittler.
Im Anschluss fuhr er zu Academy Surplus, einem Militär- und Outdoorladen. Dort kaufte er ein Fernglas und ein Bowiemesser. Beide Gegenstände spielten am folgenden Tag eine Rolle. Er nutzte den Feldstecher, um Ziele vom Turm aus zu beobachten. Die Waffe war sehr wahrscheinlich für die Morde an seiner Mutter und Kathy vorgesehen. Whitman besaß bereits andere Klingen. Doch möglicherweise wollte er für das, was er plante, bewusst ein neues Messer benutzen.
Keine Anzeichen von Stress
Nichts deutete nach außen darauf hin, dass er zu diesem Zeitpunkt unter Stress stand. Die Verkäufer beschrieben den Mann als ruhig und höflich. Gegen 13 Uhr kehrte er zur Arbeitsstelle seiner Frau zurück, holte Kathy ab und fuhr mit ihr ins Kino. Welchen Film sie sich ansahen, ist nicht eindeutig belegt.
Nach dem Kinobesuch fuhr das Ehepaar zu Wyatt’s Cafeteria nahe des Campus der University of Texas. Dort trafen sie Whitmans Mutter zu einem späten Mittagessen. Das Treffen war genau auf ihre Arbeitspause abgestimmt. Margaret erschien pünktlich gegen 15:30 Uhr.
Augenzeugen hatten nichts Ungewöhnliches wahrgenommen: kein Streit, keine angespannte Atmosphäre. Ein normaler Sonntagnachmittag im Kreise der Familie. Aber Whitman saß mit den beiden Menschen zusammen, die er in der folgenden Nacht töten würde. Und die Ermittler nahmen an, dass er zu dem Zeitpunkt diese Entscheidung längst getroffen hatte. Die Henkersmahlzeit endete gegen 16.00 Uhr.
Anschließend fuhren Charles und Kathy zu ihren Freunden John und Frances Morgan, bei denen sie gegen 16.10 Uhr eintrafen. Später erinnerten sich die Morgans daran, dass Whitman an diesem Nachmittag auf sie auffallend still und zurückgezogen wirkte. Normalerweise war er eher der gesellige und freundliche Typ in solchen Situationen. Die Gespräche, welche die Freunde führten, verliefen banal und alltäglich. Nichts daran deutete auf ein bevorstehendes Verbrechen hin.
Gegen 17.45 Uhr verabschiedeten sich Charles und Kathy wieder. Whitman brachte seine Frau erneut zur Southwestern Bell. Dort begann um 18 Uhr ihre zweite Schicht als Telefonistin. Danach fuhr er allein zurück zum Wohnhaus in der Jewell Street.
Ein erster Brief
Kurz nach seiner Rückkehr holte Whitman eine kleine Schreibmaschine hervor. Er stellte sie auf den Wohnzimmertisch, setzte sich auf das Sofa und verfasste ab 18.45 Uhr seinen ersten Abschiedsbrief.
Schon die einführenden Zeilen zeigten, wie aufgewühlt er in Wahrheit innerlich war, obwohl er dies nach außen hin erfolgreich verbarg. Er schrieb, er verstehe selbst nicht vollständig, warum er diesen Brief abfasse. Seit längerer Zeit leide er unter „ungewöhnlichen und irrationalen Gedanken“, die immer wiederkehrten und ihm eine enorme mentale Stärke abverlangten.
Im weiteren Textverlauf erwähnte Whitman seine sich verschlimmernden Kopfschmerzen. Dass er eine Autopsie nach seinem Tode wünsche. Weil er das Gefühl habe, körperlich würde mit ihm etwas nicht stimmen. Und schließlich: Er habe sich entschieden, seine Mutter und seine Frau zu töten.
Bemerkenswert ist dabei: In dem Schreiben sprach er mit keinem Wort das Attentat auf dem Uni-Campus an, obwohl er dieses bereits geplant hatte, wie zum Beispiel der Kauf des Fernglases nahelegte. Sein Brief konzentrierte sich stattdessen fast vollständig auf seine psychische Verfassung und die bevorstehenden Morde innerhalb der Familie.
Unangekündigter Besuch
Doch dann bekam Charles Whitman unangekündigten Besuch. Er brach den Brief mitten im Satz ab und öffnete die Tür. Dort standen seine Freunde Larry und Elaine Fuess. Gegenüber der Polizei sagten sie aus, Whitman habe ungewöhnlich ausgeglichen auf sie gewirkt, beinahe erleichtert, „als hätte er ein Problem gelöst“.
Im Verlaufe des Abends ließ Whitman zudem zwei merkwürdige Bemerkungen über Kathy fallen. Beide Male begann er einen Satz mit den Worten: „Es ist schade, dass Kathy den ganzen Tag arbeiten muss und dann nach Hause kommt, um zu …“ Doch Whitman formulierte nie zu Ende.
Die Fuesses blieben mehrere Stunden. Immer noch deutete an der Oberfläche nichts auf einen bevorstehenden Gewaltakt hin. Whitman benahm sich seinen Gästen gegenüber höflich und gefasst. Gegen Mitternacht machte er sich auf den Weg, um Kathy von ihrer Abendschicht abzuholen. Beide kehrten gemeinsam nach Hause zurück. Die Ermittler mutmaßten, dass Kathy kurz darauf schlafen ging.
Sobald seine Ehefrau eingeschlafen war, setzte Whitman seine Vorbereitungen fort. Kurz nach Mitternacht verließ er das Haus erneut. Er fuhr zur Guadalupe Street, wo Margaret Whitman lebte. Was genau in der Wohnung geschah, ließ sich nicht mehr vollständig rekonstruieren. Sicher war nur, dass Whitman seine Mutter tötete.
Die Ermittler nahmen an, dass er sie zunächst überwältigt oder bewusstlos geschlagen hatte, bevor er ihr ein Messer tief in die Brust stieß. Wahrscheinlich benutzte er dabei das Bowiemesser, das er erst wenige Stunden zuvor gekauft hatte. Andere Quellen, wie z.B. Wikipedia, sprechen von einem Bajonett als Tatwaffe, das er ebenfalls besaß. Warum diese Abweichungen?
Der Fall wies eine Besonderheit auf. Die Polizei verzichtete auf eine Autopsie aller Mordopfer. Dies wich von der üblichen Vorgehensweise ab. In Texas waren Obduktionen bei Tötungsdelikten gesetzlich vorgeschrieben. Der Täter stand hier aber frühzeitig fest. Gleichzeitig war der Mörder tot. Es würde kein Gerichtsverfahren geben, in dem man ihm seine Schuld nachweisen müsste.
Ein Bestatter vermutete außerdem, Austin sei 1966 kriminaltechnisch noch nicht für einen Fall dieser Dimension gerüstet gewesen. Die Kapazitäten waren schlicht nicht vorhanden, um alle Opfer zu obduzieren. Die einzige Ausnahme war der Täter selbst. Dessen Leichnam wurde gleich mehrfach untersucht.
Mit großer Sorgfalt
Die Ermittlungen ergaben, dass Whitman nach dem Mord den Tatort nachträglich veränderte. Er legte Margarets Leichnam aufs Bett, zog ihr die Decke bis zum Kinn hoch und bedeckte eine Blutspur auf dem Boden mit einem Teppich. Er setzte sich an einen Tisch und schrieb einen zweiten Brief.
Darin erklärte er, er habe gerade seiner Mutter das Leben genommen. Er liebe sie „von ganzem Herzen“ und glaube, sie durch sein Handeln von weiterem Leid erlöst zu haben. Sein Hass auf den eigenen Vater sei hingegen „unbeschreiblich“.
Offenbar nahm sich Whitman die Ruhe und die Zeit, den Text nochmals durchzulesen. Denn er fügte nachträglich ein Wort ein, das er zuvor vergessen hatte. Den Brief legte er ordentlich gefaltet auf die Brust seiner Mutter.
An der Wohnungstür hinterließ er zudem auf einem Zettel eine Nachricht, die sich an den Hausmeister richtete. Darin stand, seine Mutter habe lange gearbeitet und wolle ausschlafen; man solle sie bitte nicht stören. Auf die Polizei wirkte dieses Detail wie der Bestandteil eines ausgeklügelten Plans. Whitmans Ziel war es offenbar, die Entdeckung der Leiche möglichst lange hinauszuzögern.
Gegen 1:30 Uhr verließ er das Gebäude, um nur wenig später noch einmal zurückzukehren. Dem Pförtner des Wohnhauses erklärte er, er habe Medikamente vergessen. Der Mann ließ ihn erneut in die Wohnung. Beim Verlassen des Hauses hielt Whitman demonstrativ eine Pillendose hoch. Erst gegen 2 Uhr fuhr er endgültig zurück in die Jewell Street.
Letzte Worte
Ob Whitman seine Frau dort sofort tötete oder ob er den Mord noch hinauszögerte, ist nicht bekannt. Sicher ist nur: Er zog irgendwann im Laufe der nächsten Stunde die Bettdecke zurück und stach mehrfach auf seine schlafende Ehefrau ein. Kathy Whitman war vermutlich auf der Stelle tot.
Charles und Kathy Whitman
Etwa gegen 3 Uhr morgens setzte sich Charles Whitman erneut an die Schreibmaschine im Wohnzimmer. Das Verstörende daran: Er war augenscheinlich kein Stück gestresst oder verwirrt nach den beiden Morden.
Denn er setzte den Brief an exakt der Stelle fort, an der er Stunden zuvor vom Klingeln an der Haustür gestört wurde. Am Rand der Seite notierte er lediglich: „Freunde haben mich unterbrochen. 1.8.66, Montag 3 Uhr. Beide tot.“ Er schrieb den Text in dem gleichen Tonfall weiter, den er bis zur Unterbrechung verwendet hatte.
Er erklärte, dass vom vorhandenen Guthaben seine Schulden beglichen werden sollten. Das restliche Geld wolle er anonym an eine Stiftung für psychische Gesundheit spenden. Seinen Hund „Schocie“ solle man an Kathys Eltern übergeben. Nach der Autopsie wünsche er zudem seine Einäscherung.
Nachdem er den Brief beendet hatte, verfasste er weitere Schreiben, die sich persönlich an seine beiden Brüder richteten, und hinterließ mehrere Notizen im Haus. Auf einem Umschlag mit der Aufschrift „Gedanken für den Tag“ notierte er: „Ich habe es wohl nie wirklich geschafft. Diese Gedanken sind zu viel für mich.“
Noch vor sechs Uhr morgens rief Whitman zunächst bei der Telefongesellschaft an, bei der Kathy angestellt war. Er erklärte ihrem Vorgesetzten, seine Frau sei krank und könne an diesem Tag nicht erscheinen. Etwa fünf Stunden später meldete er seine Mutter bei Wyatt’s Cafeteria krank. Diese Anrufe sprachen erneut dafür, dass Whitman die Entdeckung der Leichen möglichst lange hinauszögern wollte.
Letzte Einkäufe
Im Anschluss widmete er sich den Vorbereitungen für das Attentat auf dem Uni-Campus. Er mietete sich eine Sackkarre, mit der er später seine Ausrüstung transportierte. Er fuhr zur Bank und hob insgesamt 250 Dollar in bar ab mithilfe ungedeckter Schecks. Einer war ausgestellt auf sein eigenes Konto, der andere auf das seiner Mutter.
Kurz nach 9 Uhr begab sich Charles Whitman auf Einkaufstour. In einem Waffenladen kaufte er ein M1-Karabinergewehr Kaliber .30, zusätzliche Magazine und mehrere Schachteln Munition. Dem Verkäufer erklärte er, er wolle in Florida Wildschweine jagen.
Nur wenig später erwarb er in einem anderen Geschäft noch mehr Magazine, weitere Munition, Waffenöl und schließlich bei Sears eine halb automatische Schrotflinte. Zurück zu Hause sägte Whitman Lauf und Schaft der Flinte kürzer, damit er sie leichter transportieren und besser auf engem Raum handhaben konnte.
Er packte die gesamte Ausrüstung in seine Militärkiste. Auf dem Turm stellte die Polizei später folgendes Arsenal sicher:
- Mehrere Gewehre (neben dem M1 und der Schrotflinte noch eine Remington mit Zielfernrohr und eine Pumpgun),
- verschiedene Handfeuerwaffen,
- über 700 Schuss Munition,
- Messer,
- Machete,
- Beil,
- Fernglas,
- Seile,
- Wasser,
- Lebensmittel,
- Kaffee,
- Dexedrine,
- Excedrin,
- Radio,
- Toilettenpapier,
- Feuerzeugbenzin,
- Ohrstöpsel
- und weitere Ausrüstung.
Die Zusammenstellung wirkte weniger wie die Ausrüstung eines spontanen Amokläufers als vielmehr wie das Gepäck eines Soldaten vor einem Kampfeinsatz. Das Dexedrine war ein Aufputschmittel. Ärzte verschrieben das Amphetaminpräparat in den 1960-er Jahren noch relativ häufig. Es wirkte konzentrationssteigernd sowie appetit- und ermüdungshemmend.
Excedrin dagegen war ein frei erhältliches Schmerzmittel. Whitman nahm es vermutlich gegen die Kopfschmerzen, über die er in seinem Abschiedsbrief ausdrücklich klagte.
Bevor Whitman das Haus verließ, zog er einen blauen Arbeitsoverall über Jeans und Hemd. Die Ermittler waren der Ansicht, dass er sich bewusst wie ein Hausmeister, Handwerker oder Lieferant gekleidet hatte, um auf dem Campus keinen Verdacht zu erregen. Er lud die Kiste mit Waffen und Ausrüstung in seinen schwarzen Chevrolet Impala und fuhr zur University of Texas.
Ankunft auf dem Campus
Gegen 11:25 Uhr erreichte Charles Whitman die Universität. Er parkte den Chevrolet in der Nähe des Hauptgebäudes. Dabei zeigte er einem Wachmann einen gefälschten Uniausweis vor. Er erklärte dem Mann, er müsse Lehrmaterial zu einem Professor bringen. Daraufhin erteilte dieser ihm eine Parkgenehmigung für 40 Minuten auf einem Parkplatz in direkter Nähe zum Turm.
Whitman schob die Sackkarre in Richtung Hauptgebäude. Wie die Ermittlungen ergaben, hatte er die Aussichtsplattform im obersten Stock mindestens zweimal innerhalb der letzten zehn Tage vor dem Massaker besucht. Am 22. Juli hielt er sich dort gemeinsam mit seinem Bruder John und einem Freund auf. Vier Tage vor dem Attentat, am 28. Juli, kehrte er nochmals allein zurück.
Etwa um 11:35 Uhr betrat Whitman den Turm. Er hatte den Zeitpunkt vermutlich bewusst gewählt. Wenige Minuten später war die turnusmäßige Pause zwischen zwei Vorlesungen. Eine große Zahl an Studenten bewegte sich dann gleichzeitig über den Campus.
Der Aufzug
Im Gebäude angekommen sah sich Whitman zunächst mit einem Problem konfrontiert. Der Aufzug funktionierte nicht. Eine Angestellte namens Vera Palmer hielt ihn wegen seiner Kleidung und der Sackkarre für einen Wartungsarbeiter. Sie aktivierte daher den Lift für ihn. Whitman lächelte sie an und bedankte sich: „Sie wissen gar nicht, wie glücklich mich das macht.“
Ohne Aufzug hätte er sein Attentat vermutlich nicht wie geplant umsetzen können. Das Gesamtgewicht aus Kiste dürfte in der Spanne 60 bis 70 kg gelegen haben. Charles Whitman galt zwar als körperlich stark. Aber 27 Stockwerke über eine Treppe erklimmen und das mit knapp 70 kg Gewicht in den Händen oder auf der Schulter? Das hätte vielleicht auch ihn überfordert.
Es kam wie gesagt anders. Er fuhr mit dem Aufzug in den 27. Stock. Dort zog er die Sackkarre mit der schweren Kiste durch den Korridor. Niemand hielt ihn auf. Wegen seiner Arbeitskleidung und der Ausrüstung wirkte er weiterhin wie ein Handwerker oder Wartungsarbeiter. Am Ende des Flurs erreichte er den Empfangsbereich des Decks.
Besucher unerwünscht
Dort saß die 51-jährige Empfangsmitarbeiterin Edna Townsley. Besucher kauften bei ihr Eintrittskarten für die Aussichtsplattform. Whitman griff sie sofort an. Mit dem Kolben eines Gewehrs schlug er Townsley nieder und spaltete ihr förmlich den Schädel. Sie verlor das Bewusstsein. Whitman schleifte ihren Körper hinter ein Sofa.
In diesem Moment kamen ihm zwei Besucher von der Plattform entgegen: Donald Walden und Cheryl Botts. Sie sahen Whitman neben dem Sofa stehen. In beiden Händen hielt er Waffen. Botts glaubte zunächst, er wolle Tauben auf dem Turm abschießen. Sie lächelte ihm sogar noch zu und sagte freundlich Hallo. Whitman lächelte zurück: „Hi, wie geht’s“?
Die Zeugen bemerkten zwar einen dunklen Fleck auf dem Teppich nahe des Sofas, hielten ihn jedoch für verschüttete Farbe oder Schmutz. Dann verließen sie den Raum wieder in Richtung Aufzüge. Nur Sekunden später sicherte Whitman den Zugang zum Empfangsbereich.
Er schob Townsleys Schreibtisch, zwei Stühle und einen Papierkorb gegen den Eingang zum Treppenhaus und errichtete damit eine improvisierte Barrikade. Bevor er allerdings die Plattform betreten konnte, tauchte eine weitere Besuchergruppe auf: die Familie Gabour aus Texarkana.
Der 16-jährige Mark Gabour drückte gegen den Schreibtisch, um ihn aus dem Weg zu räumen. Whitman drehte sich um und feuerte mit der abgesägten Schrotflinte auf die Gruppe. Die Schüsse trafen die Familie auf kürzeste Distanz. Mark Gabour starb an Ort und Stelle, seine Tante Marguerite Lamport ebenfalls. Michael Gabour und seine Mutter Mary wurden schwer verletzt und später von den Polizisten evakuiert, wie bereits beschrieben. Nur der Familienvater blieb unverletzt.
Whitman blockierte den Zugang erneut. Er schnappte sich die Sackkarre und hievte sie den schmalen Aufgang zur Plattform hoch. Dort lud er die Kiste ab. Die Tür versperrte er, indem er lediglich die Karre unter den Griff klemmte. Dieses Vorgehen warf später Fragen auf.
Warum hatte er sich nicht mit der schweren Metallkiste oder anderen Ausrüstungsgegenständen beschwert? Diese Art der Verriegelung hätte die Polizisten deutlich mehr Zeit gekostet. Doch wahrscheinlich spekulierte Whitman, dass die Glastür einem ernsthaften Ansturm eh nicht lange standhalten würde. Er vertraute darauf, dass das Scheppern der fallenden Sackkarre ihn rechtzeitig akustisch warnte, sollte jemand bis zur Plattform vordringen.
Das Waffenarsenal
Dort positionierte er im nächsten Schritt seine Langwaffen an verschiedenen Stellen entlang der Brüstung und legte Ersatzmunition bereit. Zu seinem Arsenal gehörten:
- ein Remington Model 700 Kaliber 6 mm mit Zielfernrohr (Leupold M8-4X),
- ein Remington Pump-Action-Gewehr Kaliber .35,
- der neu gekaufte M1-Karabiner,
- eine abgesägte halbautomatische Schrotflinte,
- mehrere Pistolen und Revolver,
- über 700 Schuss Munition.
Wichtig war vor allem das Remington-700-Gewehr, das ihm als seine Präzisionswaffe diente. Das Zielfernrohr erlaubte ihm gezielte Schüsse auf große Distanz und die Beobachtung einzelner Personen. Viele seiner tödlichen Treffer landete Whitman mit genau dieser Waffe. Warum aber führte er dann mehrere Gewehre mit sich, wenn das Remington-700 so zielsicher war?
Waffen und Ausrüstung, die Charles Whitman auf dem Turm mit sich führte
Dafür gab es vermutlich vier Gründe. Charles Whitman war ein ehemaliger US-Marine. Er wusste, dass längere Schussfolgen einen Waffenlauf erhitzen können. Dadurch nahm die Präzision der Waffe ab. Zudem stieg das Risiko einer Ladehemmung. Mit zwei Langwaffen konnte er rotieren und musste nicht abwarten, bis der Lauf wieder abkühlte.
Zudem dienten die Waffen unterschiedlichen Einsatzzwecken. Das Remington 700 mit Zielfernrohr nutzte der Attentäter für präzise Schüsse auf große Distanz. Der M1-Karabiner hingegen taugte eher für mittlere Entfernungen oder schnellere Schussfolgen. Die Schrotflinten und Pistolen waren offenbar für den Nahkampf im Turm vorgesehen.
Grund Nummer drei: Die Lebensmittel, das Wasser, die Medikamente und die enorme Munitionsmenge zeigten, dass Whitman sich für einen längeren Kampf vorbereitet hatte. Er rechnete mit stundenlangem Widerstand, Polizeibeschuss, möglicherweise Scharfschützen, also einem regelrechten Belagerungsszenario. Mehrere Waffen gaben ihm taktische Flexibilität und die Sicherheit, auch bei einem einzelnen Defekt nicht mit heruntergelassenen Hosen dazustehen.
Dann wäre noch ein nicht zu unterschätzender Faktor zu nennen. Charles Whitman war Waffenfanatiker. Die Waffen waren für ihn nicht bloß Werkzeuge, sondern Teil seiner Identität, wie seine Biografie zeigt, auf die ich später noch detailliert eingehen werde.
Aufgrund der nicht durchgeführten Obduktionen bei den Opfern von Whitmans Attentat weiß man nicht genau, wann er welche Waffe einsetzte. Aber es ist anzunehmen, dass er die ersten beiden Schüsse um 11:48 Uhr, die den Auftakt zu dem 96-minütigen Drama an der Universität von Austin bedeuteten, mit dem Remington 700, seiner Präzisionswaffe, abfeuerte.
Eine denkwürdige Pressekonferenz
Nur einen Tag nach dem Anschlag, am 2. August 1966, berief die Universität Austin eine Pressekonferenz ein. Credo: Charles Whitman hatte am 29. März 1966 den Psychiater Dr. Maurice Dean Heatly an der University of Texas aufgesucht, um sich psychologisch beraten zu lassen.
Im Verlauf des zweistündigen Gesprächs schilderte er die sich verschlimmernden Kopfschmerzen, aggressive Impulse und eine tief sitzende Angst, so wie sein Vater gewalttätig zu werden. Er beklagte innere Unruhe und fürchtete, die Kontrolle über sich zu verlieren. Das erschütterndste Detail folgte gegen Ende der Konferenz.
Pressekonferenz mit Dr. Maurice Dean Heatly (stehend) am 2.8.1966
Heatly hatte in seinen Unterlagen notiert, dass Whitman ausdrücklich davon gesprochen habe, darüber nachzudenken, „vom Uni-Turm aus mit einem Jagdgewehr auf Menschen zu schießen“. Die anwesenden Reporter glaubten zunächst, sich verhört zu haben. Sie hakten nach: „Könnten Sie den letzten Satz bitte nochmals wiederholen?“ Sie hatten richtig gehört. Damit änderte sich die Wahrnehmung des Falls schlagartig.
Denn bis dahin galt Whitman vielen als Wahnsinniger, dem plötzlich die Sicherungen durchgebrannt waren und der daraufhin zum Amokläufer mutierte. Ein Monster, dem es an jeder Form von menschlichem Empfinden mangelte. Nun wurde klar: Es hatte Monate zuvor deutliche Warnzeichen gegeben. Der Mann hatte aktiv Hilfe gesucht. Er hatte seine gefährliche Fantasie sogar konkret benannt. Und dennoch war nichts passiert.
Die Medien zitierten insbesondere Heatlys Beschreibung von Whitman als „oozing with hostility“, also sinngemäß: „voller unterdrückter Aggressionen“. Der Psychiater äußerte außerdem, Whitman habe selbst gespürt, dass „etwas mit ihm nicht stimmte“.
Die Universität stand durch diese Aussagen massiv unter Druck. Warum wurde Whitman nicht intensiver betreut? Warum wurden seine Äußerungen nicht den Behörden gemeldet? Warum leitete die Uni keine Maßnahmen ein, um die Gefahr rechtzeitig zu bannen? Hätte das Attentat so nicht verhindert werden können?
Zur ersten Frage: Heatly hatte nach eigener Aussage einen Folgetermin vereinbart. Whitman erschien allerdings nie wieder. Die anderen Fragestellungen haben sicherlich ihre Berechtigung. Um der Fairness Genüge zu tun: Das Massaker in Austin traf die gesamte US-Gesellschaft seinerzeit völlig unvorbereitet.
Wir heutige Beobachter empfinden solche „mass shootings“ oder „spree killings“, wie es im Englischen heißt, fast schon als „Normalität“ in den USA, wenn ich es mal zynisch ausdrücken darf. Ein Amoklauf, der dieses Ausmaß annahm, sprengte jedoch 1966 jeden Vergleich. Etwas Vergleichbares hatte es in den Vereinigten Staaten bis zu dem Zeitpunkt schlicht noch nicht gegeben. Und es ist höchst unwahrscheinlich, dass Behörden für alle ungeschehenen Ereignisse bereits einen fertigen Maßnahmenkatalog in der Schublade haben.
So existierten 1966 keine modernen Gefährderprogramme. Es gab kaum Bedrohungsanalysen. Und folgerichtig auch keine etablierten Methoden, wie man mit einem potenziellen Gefährder umzugehen hatte. Zudem hatten die Behörden nur eingeschränkte Möglichkeiten, jemanden gegen seinen Willen psychiatrisch einweisen zu lassen.
Eine ungewöhnliche Autopsie
Whitman hatte im Abschiedsbrief ausdrücklich darum gebeten, nach seinem Tod obduziert zu werden. Die Ärzte sollten untersuchen, ob es eine biologische Ursache dafür gab, dass „mit ihm etwas nicht stimmte“, wie er sich gegenüber Dr. Heatly ausgedrückt hatte. Sein Vater genehmigte die Autopsie schließlich.
Die erste Autopsie erfolgte dann auch zeitnah, nämlich ebenfalls am 2. August 1966 wie die zuvor beschriebene Pressekonferenz. Nichtsdestotrotz verlief nicht alles nach Plan. Denn Whitmans Leichnam war zu diesem Zeitpunkt bereits einbalsamiert worden.
Das war zum einen ungewöhnlich. Und zum anderen erschwerte dieser Umstand toxikologische Untersuchungen und Blutanalysen, mit deren Hilfe man mögliche Medikamente im Körper des Toten hätte nachweisen können. So blieben dann nur einige Restproben wie das Blut aus Lunge und Magen sowie Gewebeproben des Gehirns, die man diesbezüglich noch analysieren konnte.
Hirntumor
Dessen ungeachtet entdeckte der Neuropathologe Dr. Coleman de Chenar einen etwa pekannussgroßen Tumor in Whitmans Gehirn, der ungefähr zwei bis drei Zentimeter maß. Die Geschwulst saß tief im rechten Hirnbereich nahe dem Thalamus bzw. Temporallappen.
Der Pathologe diagnostizierte ein Astrozytom. Spätere Überprüfungen kamen hingegen zum Schluss, dass es sich wahrscheinlich eher um ein Glioblastom gehandelt habe. Der Unterschied zwischen beiden Tumortypen: Letzterer hat ein sehr schnelles Wachstum und zerstört umliegendes Hirngewebe, während sich Ersterer im Vergleich gemächlich entwickelt.
Die daraus resultierende Frage lag auf der Hand: War der Tumor die Ursache, dass Charles Whitman die Morde beging? Im Herbst 1966 berief der Bundesstaat Texas dazu eigens ein Gremium ins Leben, die sogenannte Connally-Kommission. Namens- und Auftraggeber war John Connally, der damalige Gouverneur von Texas.
Connally hatte eine Vorgeschichte in Bezug auf Attentate vorzuweisen, die seine Entscheidung maßgeblich beeinflusst haben mag. Er saß nämlich am 22. November in der Präsidentenlimousine, als der tödliche Anschlag auf US-Präsident John F. Kennedy in Dallas stattfand.
Nach dem Massaker in Austin stand die Regierung von Texas politisch und medial unter Beschuss. Der Fund des Hirntumors heizte das Klima zusätzlich auf. Deshalb beschloss Connally: Eine unabhängige Expertengruppe sollte Whitmans psychischen und neurologischen Zustand untersuchen. Beteiligt waren Neurologen, Psychiater, Neurochirurgen und Pathologen. Die Kommission entschied sich sogar, Whitmans Leiche exhumieren zu lassen, um zusätzliche Hirngewebeproben zu entnehmen.
Die Experten gerieten aber schnell in ein Dilemma. Denn ja, es gab einen Hirntumor, der Whitmans schwere Kopfschmerzen erklären konnte. Auch psychische Veränderungen, zu denen er sich im Gespräch mit Dr. Heatly und in seinen Aufzeichnungen geäußert hatte, waren plausible Folgen seiner Erkrankung.
Dem gegenüber standen jedoch einige Fakten, die sich nicht wegdiskutieren ließen. Charles Whitman hatte langfristig und detailliert geplant. Er war organisiert vorgegangen. Er hatte Menschen bewusst getäuscht. Und er hatte ein hohes Maß an Selbstkontrolle gezeigt. In seiner Wahrnehmung mochte Whitman immer mehr die geistige Kontrolle entgleiten. Doch sein Handeln zeichnete ein anderes Bild der Wirklichkeit. Er verhielt sich nicht im Geringsten wie ein psychotischer Mensch, dem gerade alle Sicherungen durchknallen.
Kurzum: Der Hirntumor war möglicherweise ein Faktor, der das Massaker beeinflusste, aber keine hinreichende Erklärung für das Verbrechen. Zu diesem Schluss gelangte auch die Connally-Kommission in ihrem Abschlussbericht 1967. Dieser besagte weder „Der Tumor war schuld“ noch „Der Tumor spielte keine Rolle.“
Das eigentliche Motiv
Je tiefer die Ermittler nach dem Motiv für die Tat gruben, umso mehr rückte Whitmans Biografie und insbesondere die Rolle, die sein Vater in ihr einnahm, in den Mittelpunkt. Charles Whitman Sr. lebte in Florida und reiste erst im Anschluss an die Beerdigung seiner Ex-Frau und seines Sohnes, die am 5. August 1966 stattfand, nach Austin.
Die Brüder Patrick und John sowie der Vater Charles Whitman (v.l.n.r.) auf der Beerdigung am 5.8.1966
Die Behörden versuchten zu diesem Zeitpunkt, immer noch zu verstehen: Warum hatte Whitman das Verbrechen verübt? Welches Ziel verfolgte er damit? Und bei der Klärung dieser Fragen rückte der Vater selbst ins Zentrum des Interesses. Nach außen hin erschien der 47-jährige Mann beherrscht, geschäftsmäßig und selbstbewusst.
Doch schon während der Befragung entstand bei mehreren Ermittlern der Eindruck, dass ihr Gegenüber jedes Gespräch kontrollieren wollte. Die Polizei hatte durch Zeugenaussagen Hinweise erhalten, dass Whitman Senior regelmäßig seine Frau und Kinder verprügelt hatte. Als die Beamten ihn mit diesen Aussagen konfrontierten, suchte er mit aller Macht das Thema häusliche Gewalt aus dem Fall herauszuhalten.
Doch die Indizien verdichteten sich mit jedem weiteren Zeugen, den die Ermittler in dieser Sache vernahmen. Die Vorwürfe umfassten Schläge, Demütigungen, Einschüchterungen und einen regelrechten Kontrollwahn seitens des Vaters. Dieses Bild verfestigte sich in den Aussagen der Brüder, Nachbarn, Freunden und Charles Whitmans eigenen Briefen. Dieser hatte ja selbst geschrieben, dass der Hass auf seinen Vater „unbeschreiblich“ sei.
Nach den Gesprächen mit dem Senior änderte sich der Blick der Ermittler auf den Fall grundlegend. Zuvor hatten sie vermutet, Wahnsinn, Medikamentenmissbrauch oder neurologische Faktoren könnten das Massaker erklären. Nun rückte die Beziehung zwischen Vater und Sohn ins Zentrum ihrer Untersuchungen. Deshalb nahmen sie Whitmans gesamte Biografie genauer unter die Lupe.
Kindheit
Charles Joseph Whitman wurde am 24. Juni 1941 in Lake Worth geboren. Er war der älteste von drei Söhnen von Charles Adolphus Whitman und dessen Frau Margaret Elizabeth. Seine jüngeren Brüder hießen Patrick und John.
Die Familie lebte zunächst in wohlhabenden Verhältnissen. Der Vater führte in Florida ein erfolgreiches Sanitär- und Installationsunternehmen und verdiente gut. Nach außen gaben sich die Whitmans respektabel.
Whitman verbrachte seine gesamte Kindheit in Lake Worth, damals eine eher kleine Stadt südlich von West Palm Beach. Die Familie besuchte regelmäßig die katholische Sacred-Heart-Kirche, in der Charles alsbald als Messdiener diente. Religion spielte bei den Whitmans insgesamt eine wichtige Rolle. Gottesdienste, Gehorsam und Schuldgefühl prägten das familiäre Umfeld.
Familie Whitman 1950er-Jahre
Hochbegabtes Kind
Schon früh fiel Whitman durch überdurchschnittliche Intelligenz auf. Ein IQ-Test im Alter von sechs Jahren ergab einen Wert von 139. Der Vater war begeisterter Waffensammler und Jäger. Bereits als Kind lernte Charles, zu schießen, zu jagen sowie Waffen zu reinigen und zu warten. Die Brüder wurden regelmäßig auf Jagdausflüge mitgenommen.
Whitman entwickelte sich früh zu einem treffsicheren Schützen. Häufig zitiert wurde der Satz seines Vaters: „Charlie konnte einem Eichhörnchen mit sechzehn das Auge wegschießen.“ Waffen waren in der Familie nicht bloß ein Hobby, sondern Teil männlicher Identität. Sie galten nicht als Bedrohung, eher als Ausdruck von Kontrolle, Disziplin, Kompetenz und Stärke.
Boy Scouts & Leistungsdruck
Mit elf Jahren trat Whitman den Boy Scouts, also den Pfadfindern, bei. Mit zwölf Jahren und drei Monaten erreichte er bereits den höchsten Rang eines Eagle Scout – damals angeblich einer der jüngsten in den USA. Außerdem spielte er Klavier, trug Zeitungen aus, erzielte gute schulische Leistungen und galt generell als Musterjunge.
Hinter dieser nahezu idealtypisch amerikanischen Fassade herrschte jedoch Angst. Der Vater schlug regelmäßig seine Frau und die Kinder. Auf Fehler oder Widerspruch reagierte er mit äußerster Härte. Nachbarn berichteten von wiederholten Polizeieinsätzen wegen häuslicher Gewalt.
Im Haus der Whitmans regierte ein nahezu unerbittliches Leistungsprinzip. Fehler galten nicht als menschliche Schwäche, sondern als persönliches Versagen. Der Vater verlangte von seinen Söhnen schulische Spitzenleistungen, absolute Disziplin und bedingungslosen Gehorsam.
Gefühle und Unsicherheit hatten in diesem Weltbild kaum Platz. Härte galt als Tugend, emotionale Kontrolle als Zeichen von Stärke. Wer widersprach oder enttäuschte, musste mit Demütigungen und körperlichen Strafen rechnen. So entstand ein Klima ständiger Anspannung, in dem die Kinder fortwährend bemüht waren, den Erwartungen des Vaters zu genügen.
Diese Erziehung prägte Charles Whitman nachhaltig. Früh entwickelte er einen auffälligen Leistungsdruck und einen weitreichenden Kontrollanspruch. Nach außen wirkte er ruhig, diszipliniert und organisiert. Zugleich lernte er, Aggressionen und innere Konflikte nicht offen auszutragen, sondern zu unterdrücken. Gerade diese Fähigkeit, selbst unter hohem Druck äußerlich zu funktionieren, verwirrte viele Menschen, die ihn näher kannten.
Innerhalb der Familie nahm vor allem seine Mutter Margaret eine besondere Rolle ein. Während der Vater als einschüchternd und autoritär galt, beschrieben Angehörige Margaret als deutlich wärmer und emotional zugänglicher. Auch sie war streng katholisch, zugleich aber fürsorglich und offenbar die wichtigste Bezugsperson im Leben ihres ältesten Sohnes.
Umso mehr dürften Whitman die jahrelangen Misshandlungen seiner Mutter durch den Vater belastet haben. Vieles spricht dafür, dass er die Gewalt gegen Margaret zunehmend als persönliche Demütigung empfand. Er sah sich nicht imstande, sie vor Schmerz und Schaden zu bewahren. Aus dieser Mischung aus Angst, Ohnmacht und unterdrückter Wut entwickelte sich vermutlich jener tiefe Hass auf den Vater, der in Whitmans Abschiedsbriefen offen hervortrat.
Hinzu kam eine Angst, die Whitman Jahre selbst formulierte: die Furcht, seinem Vater immer ähnlicher zu werden. Gegenüber dem Psychiater Dr. Maurice Heatly gestand er, seine Frau bereits mehrfach geschlagen zu haben. Zugleich sagte er, er fürchte, zu einem Frauenschläger wie sein Vater zu werden.
Highschool
Ab September 1955 besuchte Charles Whitman die katholische St. Ann’s High School in West Palm Beach. Dort galt er als intelligenter, höflicher und sportlicher Schüler, der bei Mitschülern durchaus beliebt war, ohne jemals im Mittelpunkt zu stehen. Er legte großen Wert darauf, nach außen einen guten Eindruck zu vermitteln.
Neben der Schule arbeitete Whitman weiter auf seiner Zeitungsroute und sparte genug Geld, um sich schon als Teenager eine Harley-Davidson zu kaufen. Das Motorrad stand für ein Stück Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Möglicherweise versuchte er so, sich zumindest teilweise dem dominanten Einfluss seines Vaters zu entziehen, auch wenn ihm das emotional nie wirklich gelang.
1959 schloss Whitman die Highschool ab. Er gehörte zu den besten Schülern seines Jahrgangs. Nur einen Monat nach dem Abschluss traf er eine Entscheidung, die seinen weiteren Lebensweg prägen sollte: Ohne seinen Vater einzuweihen, meldete er sich bei den US-Marines.
Familie Whitman
Die Zeit beim Militär
Am 6. Juli 1959 verließ Charles Whitman das Elternhaus. Die Marines schickten ihn zunächst nach Parris Island ins Boot Camp. Die Reaktion des Vaters ist bezeichnend: Als Whitman senior erfuhr, dass sein Sohn sich ohne Erlaubnis verpflichtet hatte, versuchte er tatsächlich telefonisch, die Aufnahme rückgängig zu machen.
Die Marines schienen zunächst nahezu perfekt zu Charles Whitman zu passen. Disziplin, Hierarchie, körperliche Härte und klar definierte Regeln prägten den Alltag im Marine Corps. Vieles davon kannte er bereits aus dem Elternhaus.
Der entscheidende Unterschied bestand jedoch darin, dass Whitman bei den Marines erstmals Anerkennung für genau jene Eigenschaften erhielt, die zu Hause vor allem aus Angst und Druck entstanden waren. Vorgesetzte erkannten früh sein Potenzial, Kameraden beschrieben ihn als zuverlässig und diszipliniert.
Whitman fiel vor allem durch seine Schießleistungen auf. Er erhielt die Scharfschützen-Auszeichnung, die Marine Corps Expeditionary Medal und erzielte hervorragende Ergebnisse bei Schießübungen. Dabei überzeugte er nicht nur durch Präzision auf große Distanz, sondern auch durch schnelle Schussfolgen und Treffer auf bewegliche Ziele.
Whitman entwickelte lernte taktische Manöver kennen, erwarb weitere Routine im Umgang mit Waffen und die Fähigkeit, selbst unter Stress immer kontrolliert zu bleiben. Genau diese Kombination sollte Jahre später auf dem Turm der University of Texas eine verheerende Rolle spielen.
Nach der Grundausbildung wurde Whitman nach Guantánamo Bay auf Kuba versetzt. Auch dort hinterließ er zunächst einen positiven Eindruck. Seine Leistungen waren überzeugend genug, um sich erfolgreich für das prestigeträchtige Naval Enlisted Science Education Program, kurz NESEP, zu bewerben.
Das Programm sollte talentierten Marines eine akademische Ausbildung ermöglichen, damit sie später als Ingenieure und Offiziere in die Streitkräfte zurückkehren konnten. Whitman bestand die erforderlichen Prüfungen problemlos und bestätigte somit erneut, dass er nicht nur militärisch, sondern auch schulisch ungewöhnlich leistungsfähig war.
Vor Beginn seines eigentlichen Studiums besuchte er zunächst eine Vorbereitungsschule in Maryland, wo er Kurse in Mathematik und Physik absolvierte. Anschließend wurde er an die University of Texas in Austin versetzt und schrieb sich dort für ein Maschinenbaustudium ein.
Ankunft an der University of Texas
Im September 1961 begann Charles Whitman sein Studium in Austin. Kommilitonen beschrieben ihn als intelligent, humorvoll und kontaktfreudig. Zugleich fiel seine Disziplin auf – Eigenschaften, die ihm sowohl bei den Marines als auch im universitären Umfeld Anerkennung verschafften.
Doch bereits in dieser Zeit traten erste irritierende Momente auf. So soll Whitman 1962 gegenüber einem Mitstudenten geäußert haben, man könne vom Turm des Hauptgebäudes der Universität aus „eine ganze Armee aufhalten“. Kurz nach Studienbeginn geriet er außerdem erstmals ernsthaft mit dem Gesetz in Konflikt.
Gemeinsam mit zwei Freunden schoss er illegal einen Hirsch. Anschließend brachten die Studenten das Tier in ihr Wohnheim und zerlegten den Kadaver ausgerechnet in der Gemeinschaftsdusche. Der Vorfall führte schließlich zu ihrer vorübergehenden Festnahme. Damals wurde dies vielfach lediglich als geschmackloser Studentenstreich wahrgenommen.
Im Februar 1962 lernte Whitman Kathleen Frances Leissner kennen, die von Freunden und Familie meist nur „Kathy“ genannt wurde. Die junge Lehramtsstudentin galt als freundlich, beliebt und religiös. Zwischen beiden entwickelte sich rasch eine enge Beziehung. Nach außen wirkte Whitman in dieser Zeit charmant, aufmerksam und ehrgeizig – für viele Freunde beinahe wie der ideale junge Amerikaner der frühen Sechzigerjahre.
Kathleen Leissner, 1961
Hochzeit
Nach nur fünf Monaten Beziehung verlobten sich Charles Whitman und Kathleen „Kathy“ Leissner. Am 17. August 1962 heiratete das Paar in der St.-Michael’s-Kirche in Needville, Texas. Die Wahl des Datums war bemerkenswert: Die Hochzeit fand bewusst am 22. Hochzeitstag von Whitmans Eltern statt. Trotz der Gewalt und Spannungen in seiner Herkunftsfamilie hielt Whitman zu diesem Zeitpunkt offenbar noch an einer idealisierten Vorstellung von Ehe und Familie fest.
Hochzeit Kathy und Charles Whitman, 17.8.1962
Kurz nach der Hochzeit zeigten sich jedoch die ersten größeren Probleme. Whitmans Studienleistungen verschlechterten sich zunehmend, und die Marines bewerteten seine akademischen Ergebnisse schließlich als unzureichend. 1963 verlor er seine Förderung im Rahmen des NESEP-Programms und wurde in den aktiven Militärdienst zurückversetzt.
Für Whitman war das ein schwerer Schlag. Es kam einer persönlichen Demütigung gleich. Er hatte sich selbst stets als intelligent, leistungsfähig und diszipliniert wahrgenommen. Das Scheitern an der Universität beschädigte dieses Selbstbild erheblich.
Camp Lejeune
Die Marines versetzten ihn daraufhin zur Marine Corps Base Camp Lejeune in North Carolina. Die Abwärtsspirale ließ sich damit nicht aufhalten. Whitman entwickelte Glücksspielprobleme, geriet häufiger in Auseinandersetzungen und wirkte gereizt und aggressiv.
Im November 1963 eskalierte die Situation endgültig. Whitman musste sich vor einem Militärgericht verantworten. Die Vorwürfe reichten von illegalem Glücksspiel und Wucher bis zur Bedrohung eines Kameraden und unerlaubtem Waffenbesitz auf der Basis. So soll er einen Marine wegen eines vergleichsweise kleinen Darlehens massiv unter Druck gesetzt und bedroht haben.
Das Militärgericht verurteilte Whitman zu Arrest, harter Arbeit und Degradierung. Aus dem ehrgeizigen Vorzeige-Marine, der einst als künftiger Offizier galt, wurde wieder ein einfacher Soldat. Für Whitman bedeutete diese Zurückstufung nicht nur einen beruflichen Rückschlag, sondern vor allem eine tiefe persönliche Kränkung.
Das Tagebuch
In dieser Phase begann Whitman 1963 ein Tagebuch mit dem Titel „Daily Record of C. J. Whitman“. Rückblickend zählt es zu den wichtigsten Quellen des Falls, weil darin bereits Jahre vor dem Attentat sichtbar wird, wie tief seine psyhchischen Probleme reichten.
Bemerkenswert war dabei weniger der Inhalt einzelner Einträge als ihr Tonfall. Whitman schrieb nicht chaotisch oder impulsiv, sondern meist kontrolliert, reflektiert und beinahe analytisch. Viele Passagen wirken wie der Versuch systematischer Selbstbeobachtung. Immer wieder scheint Whitman bemüht gewesen zu sein, sich selbst zu verstehen und die Kontrolle über seine Gedanken und Gefühle zurückzugewinnen.
In den Tagebüchern äußerte Whitman immer häufiger Frustration hinsichtlich des Marine Corps. Er kritisierte Vorgesetzte, beschrieb Ineffizienz innerhalb des Systems und fühlte sich ungerecht behandelt. Vor allem seine Degradierung traf ihn schwer. Solange er als Elite-Schütze und vielversprechender NESEP-Kandidat galt, blieb sein Selbstbild stabil. Mit dem Verlust dieses Status begann es jedoch zu bröckeln.
Auffällig war zugleich, wie liebevoll Whitman über seine Frau Kathy schrieb. In vielen Einträgen beschrieb er sie als stabilisierenden Einfluss in seinem Leben, lobte ihre Geduld und betonte, wie sehr er sie vermisste.
Der wichtigste Teil der Tagebücher betrifft Whitmans Angst vor sich selbst. Immer wieder schrieb er über seine Aggressionen, seine Impulsprobleme und die Sorge, seinem Vater zunehmend ähnlicher zu werden. Freunde berichteten später, Whitman habe Kathy mehrfach geschlagen und sich anschließend dafür regelrecht gehasst.
In seinen Aufzeichnungen formulierte er sinngemäß den Wunsch, ein guter Ehemann zu sein und keinesfalls so gewalttätig zu werden wie sein Vater. Genau darin lag ein zentraler psychologischer Konflikt seiner Biografie. Whitman erkannte zunehmend, dass die Gewalt, die er als Kind erlebt hatte, sich in ihm selbst manifestierte. Offenbar erschreckte ihn diese Erkenntnis mehr als alles andere.
Rückkehr nach Austin
Nach seiner ehrenhaften Entlassung aus dem Militär im Dezember 1964 kehrte Charles Whitman nach Austin zurück und versuchte dort, sich ein bürgerliches Leben aufzubauen. Gleichzeitig setzte er sein Studium fort, arbeitete in verschiedenen Jobs und bemühte sich gemeinsam mit Kathy, finanziell über die Runden zu kommen.
In kurzen Abständen arbeitete Whitman als Inkassobeauftragter, Bankangestellter, Verkehrszähler und Immobilienmakler, oft parallel zu seinem Studium. Nach außen wirkte er ausgesprochen fleißig und ehrgeizig. Freunde und Bekannte sahen in ihm weiterhin einen disziplinierten jungen Mann, der unbedingt erfolgreich sein wollte.
Tatsächlich überforderte er sich in dieser Phase vermutlich zunehmend selbst. Er versuchte zugleich, Studium, Ehe, Karriere und finanzielle Stabilität unter Kontrolle zu bringen. Dazu kamen ein starkes Bedürfnis nach gesellschaftlichem Aufstieg und der Wunsch, den seit der Kindheit verinnerlichten Erwartungen gerecht zu werden. Je mehr Verantwortung Whitman übernahm, desto stärker schien der innere Druck zu wachsen.
1965 und 1966 verschärfte sich die Situation spürbar. Geldprobleme belasteten die Ehe, Whitman arbeitete nahezu ständig und litt zunehmend unter Schlafmangel. Zugleich traten Kopfschmerzen auf, die er später selbst als „heftig“ beschrieb.
Freunde und Angehörige bemerkten außerdem, dass er reizbarer und aggressiver wirkte. In dieser Phase verdichteten sich auch seine Gewaltfantasien. Whitman suchte schließlich psychiatrische Hilfe bei Dr. Maurice Heatly und sprach dort offen über aggressive Gedanken und seinen Kontrollverlust.
Mit dem heutigen Wissen wirken die Tagebücher aus dieser Zeit beinahe wie ein Frühwarnsystem. Whitman beschrieb seinen inneren Zerfall bereits Monate vor dem Attentat: den wachsenden Druck, seine Wut, seine Selbstzweifel und die Angst vor sich selbst. Doch niemand erkannte damals, wie gefährlich diese Entwicklung tatsächlich werden könnte.
Eine entscheidende Eskalation folgte im Frühjahr 1966 mit der Trennung seiner Eltern. Jahrzehntelang hatte seine Mutter unter der Gewalt und Kontrolle des Vaters gelitten. Als Margaret Whitman ihren Mann schließlich verließ und nach Austin zog, fühlte sich Charles zunehmend für sie verantwortlich. Zugleich verschärfte sich sein Hass auf den Vater weiter. Die familiäre Krise traf Whitman in einem Moment, in dem seine psychische Stabilität ohnehin bereits sichtbar zu bröckeln begann.
Mai 1966: Margaret verlässt ihren Mann
Als Whitman von der Entscheidung seiner Mutter erfuhr, reagierte er sofort. Noch in derselben Nacht fuhr er von Texas nach Florida, um Margaret beim Auszug zu helfen. Aus Angst, sein Vater könnte gewalttätig werden, bestellte Whitman sogar einen Polizisten, der vor dem Haus wachte, während seine Mutter ihre Sachen packte. Daran zeigt sich, wie ernst er die Lage einschätzte. Selbst der körperlich starke ehemalige Marine und geübte Schütze schien seinen Vater noch immer zu fürchten – oder zumindest dessen Eskalationsbereitschaft.
Nach der Trennung zog Margaret gemeinsam mit dem jüngsten Sohn John nach Austin. Dort versuchte sie, sich mit einer kleinen Wohnung und einer Arbeit in einer Cafeteria ein neues Leben aufzubauen. Der mittlere Bruder Patrick blieb in Florida und arbeitete weiter im Betrieb des Vaters. Damit zerfiel die Familie endgültig in zwei Lager: Mutter, John und Charles in Texas, der Vater mit Patrick in Florida. Für Whitman wurde diese Spaltung offenbar zu einer erheblichen emotionalen Belastung.
Zugleich fühlte er sich zunehmend für seine Mutter verantwortlich und nahm die Rolle eines Beschützers ein. Genau dadurch verschärfte sich jedoch auch sein Hass auf den Vater. Denn Charles Whitman senior akzeptierte die Trennung nicht.
Den Zeugenaussagen zufolge rief er ständig bei seiner Frau und seinem Sohn an, versuchte Margaret zur Rückkehr zu bewegen und drängte Charles, auf sie einzuwirken. Der Vater behauptete später sogar, mehr als 1.000 Dollar für Ferngespräche ausgegeben zu haben, um seine Familie zurückzugewinnen. Für Whitman musste das wie ein weiterer Versuch wirken, Kontrolle über das Leben aller Familienmitglieder zurückzuerlangen.
Im Sommer 1966 spitzten sich damit nahezu alle Belastungen seines Lebens im selben Moment zu. Whitman kämpfte mit Geldsorgen, Eheproblemen, der Sorge um die Mutter sowie dem Druck aus Studium und Arbeit. Zugleich nahmen seine Aggressionen zu, ebenso die Angst vor dem eigenen Kontrollverlust. Hinzu kamen Amphetaminkonsum und immer heftigere Kopfschmerzen.
In genau jener Phase, in der seine Familie auseinanderbrach und der Konflikt mit dem Vater eskalierte, verschlechterte sich auch seine psychische Stabilität sichtbar. Die Gewaltfantasien, über die er gegenüber Dr. Maurice Heatly sprach, schienen sich weiter zu verdichten, wie dem Tagebuch zu entnehmen ist. Und irgendwann war der Kipppunkt erreicht, an dem sein Plan für das Massaker reifte, so das Fazit der Ermittler. Weil er sich davon versprach, für immer vom überhandnehmenden psychischen Druck erlöst zu werden.
Erweiterter Suizid?
Eine Frage blieb damit dennoch unbeantwortet: Weshalb mussten an diesem 1. August 1966 so viele Menschen sterben? Denn keines seiner Opfer hatte ihm irgendetwas getan. Es finden sich nirgendwo Hinweise in seinen Aufzeichnungen, dass er diesen Personen oder der Gesellschaft als Ganzes die Schuld an seiner Lage gegeben hätte.
Beim Mord an seiner Mutter und seiner Ehefrau könnte man sich zumindest noch eine krude Theorie zurechtlegen, um die Entscheidung zu erklären. Er sah sich als Beschützer dieser Personen. Möglicherweise ging er davon aus, dass sie ohne seinen Schutz ein Leben in Schmerz und Armut verbringen müssten. Eine krude und falsche Rechtfertigung für sein Handeln, ja. Aber sie knüpft zumindest an seine Denkweise an.
Einige Autoren wiesen im Nachgang auf den Umstand hin, dass Charles Whitman bis zum Lebensende gläubig war. Sprich: Freitod sei im Katholizismus als Sünde verpönt und der Selbstmörder findet keine Aufnahme im Himmel. Nun, ich bin selber Katholik. Mir ist zumindest nicht bekannt, dass das Jüngste Gericht für Massenmorde Persilscheine ausstellt. Da geht es ebenso pronto in die Hölle.
Wer weiß: Vielleicht hat sich Charles Whitman am Tag des Massakers eingeredet, er sei ein Soldat im Einsatz und damit sei alles sinnlose Töten gerechtfertigt. Verhalten hat er sich zumindest wie der Elite-Scharfschütze, zu dem er einst ausgebildet wurde.
Doch warum messen die Autoren dem Thema Selbstmord und Kirche solch eine Relevanz zu? Weil sie annehmen, dass Charles Whitman einen „erweiterteten Suizid“ begangen hat. Das bedeutet: Er sah sich aufgrund seines Glaubens nicht in der Lage, Selbstmord zu verüben, obwohl dies von Anfang an sein eigentliches Ziel war, um sich dem Leidensdruck zu entziehen.
Deshalb hat er sich ein kompliziertes Konstrukt erdacht, in dem andere diese Aufgabe zum Schluss für ihn erledigen. Dafür hat er den Tod, die schweren Verwundungen und das Trauma vieler unschuldiger Menschen in Kauf genommen. Im Endeffekt drückte er damit aus: Mein Leben ist wichtiger als alle anderen. Die naheliegendeste Lösung, nämlich ein anderer Mensch als sein Vater zu werden, den er doch durchschaut hatte, ist ihm bis zu seinem Ende offenbar nicht in den Sinn gekommen.
Kapitelübersicht zum Fall Charles Whitman
- Kapitel 1: Das Massaker von Austin
- Kapitel 2: Ermittlungen, Hirntumor und Biografie