Am Morgen des 23. Juni 1966 kehrte die 20-jährige Flugbegleiterin Joyce Bowe gegen 9.30 Uhr zu ihrer Kellerwohnung in Seattle zurück. Sie hatte die Nacht bei einer befreundeten Stewardess verbracht. Sie ging davon aus, ihre beiden Mitbewohnerinnen Lonnie Trumbull und Lisa Wick noch zu Hause anzutreffen.
Schon an der Haustür fiel ihr etwas Merkwürdiges auf. Die Wohnung war nicht abgeschlossen. Das war untypisch. Im Wohnzimmer brannte noch Licht. Joyce Bowe rief nach ihren Freundinnen. Niemand antwortete.
Sie ging ins Schlafzimmer. Lonnie Trumbull und Lisa Wick lagen noch in ihren Betten. Die Bettwäsche war blutgetränkt. Die Wände und Kopfkissen waren mit Blutspritzern übersät. Beide Frauen bewegten sich nicht.
Joyce Bowe rannte aus der Wohnung und lief zum Hausverwalter. Wenige Minuten später trafen Polizei und Rettungsdienst ein. Für Lonnie Trumbull kam jede Hilfe zu spät. Sie war bereits tot.
Lisa Wick lebte noch. Trotz schwerster Kopfverletzungen stellten die Sanitäter einen schwachen Puls fest. Sie brachten die junge Frau sofort ins Harborview Hospital. Dort operierten sie Neurochirurgen stundenlang. Wochenlang schwebte die junge Frau zwischen Leben und Tod.
Inhaltsverzeichnis
Lonnie Trumbull und Lisa Wick
Die ersten Spuren
Währenddessen begab sich die Polizei am Tatort auf Spurensuche. Detective Sergeant Herb Arnold durchkämmte ein unbebautes Nachbargrundstück. Dort stieß er auf ein schweres Stück Holz. Das Kantholz war knapp 46 Zentimeter lang, etwa acht Zentimeter dick und wog rund 2,3 Kilogramm. Seine Oberfläche war mit Blut verschmiert.
Ungefähr zwanzig Meter davon entfernt lagen die Taschen der beiden Flugbegleiterinnen. Für die Ermittler ergab sich damit ein Bild, wie der Fluchtweg ausgesehen hatte. Denn der Täter hatte die Tatwaffe und die Taschen offenbar nach dem Angriff aus der Wohnung getragen und auf seiner Flucht auf dem Nachbargrundstück weggeworfen.
Woher das Holz stammte, ließ sich nicht eindeutig klären. Möglicherweise hatte der Täter es aus einer offenen Garage oder von einer Baustelle in der Nähe mitgenommen. Es handelte sich augenscheinlich nicht um ein Werkzeug, dass einem konkreten Zweck diente. Die unbehandelte Form deutete eher darauf hin, dass es irgendwo als Abfall angefallen war.
Das weiße Mieder
Zwischen dem blutverschmierten Kantholz und den Taschen der beiden Flugbegleiterinnen lag noch ein weiterer Gegenstand. Ein weißes Mieder. Es gehörte einer der beiden Frauen. Doch warum hatte der Täter das Kleidungsstück überhaupt aus der Wohnung mitgenommen?
Denn der erste Augenschein deutete für die Ermittler nicht auf ein Sexualverbrechen hin. Der Täter hatte zumindest keines der Opfer vergewaltigt. Das Mieder hatte er ihnen auch nicht ausgezogen, sondern aus einer Kommode oder einem Schrank entwendet. Ob es andere sexuelle Übergriffe gegeben hatte, würden die Obduktion und die Spurensicherung zeigen.
Die Überlegungen der Beamten gingen in eine andere Richtung. Möglicherweise hatte der Täter das Mieder benutzt, um die Tatwaffe oder andere Gegenstände anfassen zu können, ohne Fingerabdrücke zu hinterlassen.
Auch der Fund der Taschen der beiden Stewardessen gab den Ermittlern Rätsel auf. Warum hatte der Täter sie zuerst an sich genommen und sie dann doch alsbald wieder entsorgt? In den Handtaschen fand sich lediglich etwas Kleingeld. Laut Joyce Bowe fehlten aber keine Wertgegenstände aus dem Haus. Hatte der Mörder willkürlich ein paar wertlose persönliche Gegenstände der Opfer eingesteckt? Wenn ja, zu welchem Zweck?

Viele Fingerabdrücke
Im Apartment sicherten die Kriminaltechniker zahlreiche Fingerabdrücke. Links neben der Wohnungstür entdeckten sie sogar einen vollständigen Handabdruck. Auf den ersten Blick schien das ein vielversprechender Fund zu sein.
Doch schon bald zeigte sich das eigentliche Problem. Die Wohnung wurde von drei jungen Frauen bewohnt. Freunde und Bekannte gingen regelmäßig ein und aus. Welche Abdrücke von den Bewohnerinnen stammten, welche von Besuchern und welche möglicherweise vom Täter, ließ sich nicht ohne Weiteres unterscheiden.
Hinzu kam ein weiterer Umstand. Tatorte wurden Mitte der 1960er-Jahre längst nicht so konsequent abgesperrt wie heute. Spätere Berichte erwähnten, dass selbst Pressefotografen Zugang zur Wohnung erhielten. Mit jeder weiteren Person verlor die Spurensicherung an Aussagekraft. Aus den zahlreichen Finger- und Handabdrücken ließ sich deshalb kein eindeutiger Tatverdächtiger ableiten.
Neue Flugbegleiterinnen in Seattle
Die Ermittler begannen ihre Arbeit mit einer einfachen Frage: Wer waren die beiden Opfer?
Lonnie Trumbull und Lisa Wick waren beide 20 Jahre alt. Die jungen Frauen stammten aus Portland im Bundesstaat Oregon und hatten sich während ihrer Ausbildung zu Flugbegleiterinnen kennengelernt. Im Frühjahr 1966 stellte United Airlines sie ein. Sie zogen gemeinsam nach Seattle, wo sie ihre berufliche Laufbahn beginnen wollten.

Zusammen mit ihrer ebenfalls 20-jährigen Kollegin Joyce Bowe bezogen sie eine Kellerwohnung im Stadtteil Queen Anne Hill. Die Wohngemeinschaft bestand erst seit wenigen Wochen. Schon bald wollten die drei Frauen in eine andere Wohnung umziehen.
Genau das erschwerte die Ermittlungen. Die Opfer hatten sich in Seattle noch keinen großen Bekanntenkreis aufgebaut. Die Kriminalbeamten mussten deshalb nicht nur Freunde und Arbeitskollegen in Seattle ausfindig machen, sondern auch zahlreichen Hinweisen aus Portland nachgehen.
Die Nacht vom 23. Juni 1966
Wann genau der Täter zuschlug, konnte die Polizei nie mit letzter Sicherheit klären. Die Ermittler rekonstruierten die letzten Stunden von Lonnie Trumbull und Lisa Wick deshalb anhand von Telefonaten und Zeugenaussagen.
Bereits bekannt war: Joyce Bowe, die dritte Mitbewohnerin, hatte die Nacht vom 22. auf den 23. Juni bei einer befreundeten Flugbegleiterin verbracht. Lonnie Trumbull und Lisa Wick hielten sich daher allein in der Kellerwohnung auf.
Auch Terry Allman half den Ermittlern weiter. Der Deputy Sheriff des King County hatte nach eigenen Angaben bis etwa 17 Uhr Lonnie Trumbull besucht. Die beiden führten zu dieser Zeit eine Beziehung. Gegen 22 Uhr telefonierten sie noch einmal miteinander.
Kurz vor Mitternacht klingelte erneut das Telefon. Ein Mitarbeiter von United Airlines informierte die Kolleginnen über eine kurzfristige Änderung im Flugplan. Lisa Wick nahm den Anruf entgegen. Sie erklärte, ihre Mitbewohnerin sei bereits schlafen gegangen. Sie werde ihr die Nachricht später ausrichten.
Am nächsten Morgen rief derselbe Mitarbeiter gegen 5.45 Uhr noch einmal an. Diesmal hob niemand ab.
Die Nachbarn konnten den Ermittlern nur einzelne Bruchstücke liefern. Einer berichtete von einem Auto, das gegen 0.15 Uhr mit hoher Geschwindigkeit davonfuhr. Zur selben Zeit glaubte er, einen Schrei gehört zu haben. Ein anderer Nachbar erinnerte sich ebenfalls an das Auto, nicht jedoch an einen Hilferuf.
Lange galt Mitternacht deshalb als wahrscheinlichster Tatzeitpunkt. Jahre später kamen einzelne Ermittler jedoch zu einer anderen Einschätzung. Nach ihrer Auffassung könnte der Täter auch erst gegen drei Uhr morgens zugeschlagen haben.
Sicher war letztlich nur eines: Der Angriff musste nach dem letzten beantworteten Telefonat kurz vor Mitternacht und vor dem unbeantworteten Anruf um 5.45 Uhr erfolgt sein.
Racheakt oder Sexualverbrechen?
Die Spurensicherung war kaum abgeschlossen, da stellte sich bereits die entscheidende Frage: Warum hatte der Täter die beiden jungen Frauen angegriffen? Ein Sexualverbrechen lag zunächst nahe. Lonnie Trumbull und Lisa Wick waren nachts in ihrer Wohnung überfallen worden. Beide waren jung. Beide schliefen, als der Täter zuschlug.
Spurenlage und Obduktion zeichneten jedoch ein anderes Bild. Weder Lonnie Trumbull noch Lisa Wick waren sexuell missbraucht worden. Beide Frauen waren vollständig bekleidet. Auch Hinweise auf einen versuchten sexuellen Übergriff fanden die Gerichtsmediziner nicht. Damit fiel die naheliegendste Erklärung zunächst weg.
Auch Raubmord war aus Sicht der Ermittler kein überzeugendes Tatmotiv. Die jungen Frauen besaßen kaum wertvollen Besitz. Und die wenigen Gegenstände von Wert hatte der Täter nicht entwendet. Ein finanzielles Motiv ließ sich daraus kaum ableiten.
Schon einen Tag nach dem Verbrechen rückte deshalb eine andere Möglichkeit in den Vordergrund. Police Captain Paul Lee hielt einen persönlichen Hintergrund für wahrscheinlicher als einen zufälligen Einbruch. Der Täter könnte die Frauen gekannt haben. Vielleicht richtete sich der Angriff sogar gezielt gegen eine von ihnen.
Die Suche nach dem Täter
Die Polizei durchleuchteten daher zunächst das Umfeld der Opfer. Fast einhundert Menschen mussten den Ermittlern Rede und Antwort stehen. Freunde. Nachbarn. Arbeitskollegen. Bekannte. Die Beamten wollten wissen, ob Lonnie Trumbull oder Lisa Wick Streit mit jemandem gehabt hatten. Ob ihnen ein Verehrer nachgestellt hatte. Oder ob den jungen Frauen in den Tagen vor dem Verbrechen etwas Ungewöhnliches aufgefallen war.
Doch die Antworten führten in eine Sackgasse. Niemand berichtete von Drohungen oder ernsthaften Konflikten.
Auch mehrere Lügendetektortests führten nicht weiter. Bereits einen Tag nach dem Verbrechen überprüfte die Polizei einen 17-jährigen Jugendlichen, den sie zwischenzeitlich für verdächtig hielt. Er bestand den Polygraphentest und schied wieder aus dem Kreis der Verdächtigen aus. In den folgenden Tagen mussten sich weitere Personen aus dem Umfeld der beiden Flugbegleiterinnen derselben Untersuchung unterziehen. Gegen niemanden erhärtete sich der Verdacht.
Ein Barkeeper erinnert sich
Ende Juni meldete sich schließlich Homer Sims bei der Polizei. Der Barkeeper erinnerte sich an einen Gast, der etwa eine Woche vor dem Verbrechen seine Kneipe besucht hatte.
Der Mann war ungefähr 30 Jahre alt. Er hatte einen Stadtplan dabei und fragte nach dem Weg zum 2400er-Block der 8th Avenue North – genau in die Straße, in der Lonnie Trumbull und Lisa Wick wohnten.
Für die Ermittler war das zumindest ein Ansatz. Sie versuchten, den Unbekannten zu identifizieren. Lieutenant Frank Moore warnte allerdings davor, den Hinweis zu überschätzen. Die Gegend sei für Ortsfremde schwer zu finden. Wer nach dem Weg fragte, musste deshalb nicht zwangsläufig etwas mit dem Verbrechen zu tun haben.
Trotz öffentlicher Fahndungsaufrufe meldete sich der Mann nie. Seine Identität konnte nicht geklärt werden. Wieder endete eine Spur im Nichts.
Lisa Wick erwacht
Wochenlang blieb die wichtigste Zeugin stumm. Lisa Wick hatte den Angriff nur knapp überlebt. Mehrere Schädelfrakturen machten eine Notoperation im Harborview Hospital erforderlich. Zeitweise wussten die Ärzte nicht, ob die 20-Jährige jemals wieder das Bewusstsein erlangen oder sich an die Tat erinnern würde.

Mitte Juli 1966 änderte sich die Lage. Lisa Wick konnte erstmals vernommen werden. Sie berichtete, noch wach gewesen zu sein, als der Täter die Wohnung betrat. Zunächst habe er Lonnie Trumbull angegriffen. Erst danach habe er sich ihr zugewandt. Für einen kurzen Moment habe sie ihm ins Gesicht gesehen.
Die Beschreibung war erstaunlich präzise. Nach ihren Angaben handelte es sich um einen weißen Mann von etwa 30 Jahren. Er war ungefähr 1,78 Meter groß, wog rund 75 Kilogramm und hatte schütteres blondes Haar mit ausgeprägten Geheimratsecken. Dazu trug er dunkle Kleidung.
Die Polizei ließ auf Grundlage ihrer Aussage ein Phantombild anfertigen. Die Zeichnung wurde veröffentlicht. Zahlreiche Hinweise gingen ein. Immer wieder glaubten Bürger, den Mann erkannt zu haben. Jede Spur wurde überprüft. Keine führte zum Täter.

Ein Detail ließ die Ermittler allerdings aufmerken. Lisa Wick erklärte, das Schlafzimmer sei während des Angriffs dunkel gewesen. Trotzdem konnte sie den Mann ungewöhnlich genau beschreiben. Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit hatten die Beamten dennoch nicht. Sie hielten ihre Aussage für schlüssig.
In den folgenden Wochen legte die Polizei Lisa Wick zahlreiche Fotografien vor. Darunter befand sich sogar Richard Speck, der im Juli 1966 acht Schwesternschülerinnen in Chicago ermordet hatte. Lisa Wick erkannte niemanden wieder.
Damit verlor die Polizei ihre aussichtsreichste Spur. Die einzige Überlebende hatte den Täter gesehen. Sie hatte sein Gesicht beschrieben. Sie hatte bei der Erstellung eines Phantombildes geholfen. Sein Name blieb dennoch unbekannt.
Kam Ted Bundy als Täter infrage?
Als Lonnie Trumbull ermordet und Lisa Wick schwer verletzt wurden, spielte Ted Bundy in den Ermittlungen keine Rolle. Der spätere Serienmörder war damals erst 19 Jahre alt und den Strafverfolgungsbehörden völlig unbekannt. Das änderte sich erst Jahre später.
Nachdem Bundy Mitte der 1970er-Jahre mit einer Reihe von Morden im Bundesstaat Washington in Verbindung gebracht worden war, überprüften einzelne Ermittler, ältere ungeklärte Gewaltverbrechen erneut. Anfang 1977 verglich die Polizei sogar Bundys Fingerabdrücke mit den am Tatort gesicherten Spuren. Der Vergleich verlief negativ.
Trotzdem verschwand Bundys Name nicht mehr aus der Diskussion. Vor allem Detective Robert Keppel fiel auf, dass der Angriff auf Lonnie Trumbull und Lisa Wick mehrere Gemeinsamkeiten mit später nachgewiesenen Bundy-Taten aufwies.
Vergleich mit Bundys Modus Operandi
Zunächst fiel ihm das Opferprofil auf. Beide Frauen waren jung, attraktiv und standen am Beginn ihres Berufslebens. Genau diesem Typus Frau stellte Bundy später bevorzugt nach.
Auch die Art des Angriffs erinnerte an spätere Bundy-Taten. Der Täter drang nachts in die Wohnung ein und überraschte seine Opfer im Schlaf. Anschließend schlug er mit einem stumpfen Gegenstand auf ihre Köpfe ein. Karen Sparks wurde Anfang 1974 auf ähnliche Weise in ihrem Bett niedergeschlagen. Bei Lynda Healy sprechen die Spuren ebenfalls dafür, dass Bundy sie zunächst mit einem Schlag auf den Kopf überwältigte.
Ein weiteres Detail betraf den Tatort. Trumbull und Wick wohnten in einer Kellerwohnung. Mehrere frühe Bundy-Opfer lebten ebenfalls im Erdgeschoss oder in Souterrainwohnungen. Solche Wohnungen ließen sich leichter beobachten und unauffälliger betreten als höher gelegene Apartments.
Hinzu kam die Wahl der Tatwaffe. Bundy erklärte später gegenüber FBI-Agent William Hagmaier, dass er stumpfe Schlagwerkzeuge bevorzugt habe. Sie seien leise, jederzeit verfügbar und eigneten sich, ein Opfer schnell kampfunfähig zu machen. Genau auf diese Weise wurden auch Trumbull und Wick angegriffen.
Schließlich beschäftigte Keppel noch ein weiterer Punkt. Der Täter hatte nach dem Angriff offenbar genügend Zeit, persönliche Gegenstände der beiden Frauen aus der Wohnung zu tragen. Das erinnerte ihn an Bundys spätere Gewohnheit, Tatorte nicht sofort zu verlassen, sondern die Kontrolle über die Situation zu behalten und Gegenstände seiner Opfer zu bewegen oder mitzunehmen. Ted Bundy betrachtete sie als Trophäen, mit deren Hilfe er sich immer an die Tat und die Opfer erinnern konnte.
Keine dieser Beobachtungen beweist, dass Ted Bundy für den Angriff verantwortlich war. Zusammengenommen erklären sie jedoch, warum erfahrene Ermittler wie Robert Keppel den Fall Jahrzehnte später noch einmal genauer betrachteten.
Was gegen Ted Bundy als Täter spricht
Je intensiver sich Ermittler und Autoren mit der Bundy-Theorie beschäftigten, desto mehr Fragen warf sie auf. Der deutlichste Widerspruch betraf die Täterbeschreibung.
Lisa Wick schilderte ihren Angreifer als etwa 30 Jahre alten Mann mit schütterem blondem Haar und ausgeprägten Geheimratsecken. Ted Bundy war im Juni 1966 dagegen erst 19 Jahre alt. Er hatte volles dunkles Haar und wirkte deutlich jünger. Augenzeugen können sich irren. Die Unterschiede zwischen beiden Beschreibungen sind jedoch auffällig.

Auch das Tatbild passt nur eingeschränkt zu Bundys späteren Verbrechen. Bei Lonnie Trumbull und Lisa Wick fanden die Gerichtsmediziner keine Hinweise auf einen sexuellen Übergriff. Beide Frauen waren vollständig bekleidet. Selbst ein versuchter Missbrauch ließ sich nicht nachweisen.
In den gesicherten Bundy-Fällen spielte Sexualität dagegen fast immer eine zentrale Rolle. Viele seiner Opfer wurden vergewaltigt oder auch nach ihrem Tod noch sexuell missbraucht. Dieser Unterschied gehört zu den wichtigsten Argumenten gegen eine Täterschaft Bundys. Hinzu kommt der Fingerabdruckvergleich, der keine Übereinstimmung zeigte.
Zwar lässt sich bis heute nicht mit Sicherheit sagen, ob sämtliche gesicherten Spuren tatsächlich vom Täter stammten. Der negative Vergleich entlastete Bundy deshalb nicht endgültig. Er belastete ihn allerdings auch nicht.
Im Laufe der Jahre kursierte zudem die Geschichte, Bundy habe die beiden Flugbegleiterinnen während seiner Arbeit in einer Safeway-Filiale beobachtet. Bundy arbeitete jedoch erst 1968 in dem Supermarkt, rund zwei Jahre nach dem Angriff auf Trumbull und Wick.
Zwar erklärte Bundy später selbst, seine Mordserie habe schon deutlich früher begonnen. Zum Wann und wo hatte er sich aber nie konkret geäußert. Die Ermittler hatten ihn in diesem Zusammenhang auch auf den Fall Trumbull und Wick angesprochen. Ted Bundy beharrte jedoch darauf, nichts mit diesem Verbrechen zu tun zu haben.
Andere Verdächtige
Heute wird der Fall häufig mit Ted Bundy in Verbindung gebracht. 1966 spielte der spätere Serienmörder in den Ermittlungen jedoch keine Rolle.
Die Kriminalbeamten gingen zunächst nach einem Grundsatz vor, der bis heute gilt: Bei Tötungsdelikten richtet sich der erste Blick auf das engste Umfeld der Opfer. Partner, Freunde und enge Bekannte kennen den Tagesablauf. Sie wissen, wer Zugang zur Wohnung hat und wo sich mögliche Schwachstellen befinden. Erst wenn sich dort keine belastbaren Hinweise finden, weitet sich der Kreis der Verdächtigen aus.
Terry Allman
Zu den ersten überprüften Personen gehörte deshalb Terry Allman. Der Deputy Sheriff des King County führte damals eine Beziehung mit Lonnie Trumbull und zählte zu ihren engsten Bezugspersonen in Seattle.
Allman hatte sich am Nachmittag des 22. Juni noch in der Wohnung aufgehalten. Gegen 22 Uhr telefonierte er erneut mit Trumbull. Es war einer der letzten gesicherten Kontakte mit dem Opfer.
Gerade sein Beruf machte Allman für die Ermittler zu einer wichtigen Auskunftsperson. Und zwangsläufig auch zu einem Mann, dessen Angaben die Polizei besonders kritisch überprüfen mussten. Als Polizeibeamter kannte er kriminalistische Arbeitsweisen, wusste, wie Tatorte untersucht werden, und war mit der Sicherung von Spuren vertraut.
Die Ermittler überprüften deshalb seinen Tagesablauf, seine Aussagen und sein Alibi ebenso gründlich wie bei jeder anderen Person aus dem unmittelbaren Umfeld der Opfer. Belastbare Hinweise auf eine Beteiligung fanden sie nicht. Allman schied schließlich als Verdächtiger aus. Seine Rolle blieb dennoch von Bedeutung, weil er zu den letzten Menschen gehörte, die nachweislich Kontakt zu Lonnie Trumbull hatten.
Der unbekannte Mann mit dem Stadtplan
Der Mann, den Barkeeper Homer Sims Ende Juni 1966 bei der Polizei meldete, galt nicht nur als möglicher Zeuge. Er passte in mehrfacher Hinsicht auf das Täterprofil.
Lisa Wick beschrieb ihren Angreifer als etwa 30 Jahre alten Mann. Homer Sims schätzte auch das Alter seines Gastes auf ungefähr 30 Jahre. Außerdem wirkte der Mann ortsfremd und hatte einen Stadtplan bei sich.
Vor allem aber stellte er eine ungewöhnlich konkrete Frage. Er wollte den Weg zum 2400er-Block der 8th Avenue North wissen. Das war genau der Straßenabschnitt, in dem Lonnie Trumbull und Lisa Wick nur wenige Tage später angegriffen wurden.
Aus Sicht der Ermittler war das mehr als ein Zufall. Der Mann hatte sich offenbar gezielt für die unmittelbare Umgebung des späteren Tatorts interessiert. Deshalb versuchte die Polizei, ihn zu identifizieren und ausfindig zu machen. Es gelang nicht.
Mike Boylan
Auch ein Mann namens Mike Boylan geriet zeitweise in den Kreis der Verdächtigen. Der Flughafenpolizist bewegte sich beruflich im Umfeld von Stewardessen und wohnte zudem in der Nähe des Tatorts. Die Polizei überprüfte ihn, fand jedoch keine Beweise, die für eine Anklage ausgereicht hätten. Damit schien die Spur zunächst erledigt.
Jahrzehnte später stieß Detective Robert Kraske bei der Durchsicht der alten Ermittlungsakten jedoch auf eine bemerkenswerte Randnotiz. Ein namentlich nicht bekannter Ermittler hatte dort handschriftlich vermerkt:
„Ich bleibe dabei: Mike Boylan war’s.“
Das spiegelt selbstredend nur das Bauchgefühl dieses Beamten wieder. Der Ermittler hatte mit den Verdächtigen persönlich gesprochen. Akten zeichnen Fakten auf. Sie konservieren aber nicht jede Beobachtung, jede Stimmung in einem Verhör oder jeden Eindruck, den Polizisten während monatelanger Ermittlungen gewonnen haben.
Vielleicht erachtete Kraske die Notiz deshalb als relevant, weil die Polizisten, die mit Fall zu tun hatten, doch noch mal mehr wussten als jeder andere. Aber Bauchgefühl ersetzt keine Beweise. So muss auch dieser Mann als unschuldig betrachtet werden und der Überfall auf Lonnie Trumbull und Lisa Wick bleibt auch 60 Jahre nach der Tat ungeklärt.
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Überblick zum Fall Lonnie Trumbull und Lisa Wick
- Nächtliche Attacke in Seattle