Ted Bundy: Modus Operandi und Pathologie

Ted Bundy war ein ungewöhnlich organisierter und berechnender Serienmörder. Er hatte sich im Laufe der Jahre ein umfangreiches Wissen über die Ermittlungsmethoden der Polizei angeeignet und nutzte diese Kenntnisse, indem er an den Tatorten kaum verwertbare Spuren hinterließ.

So fanden die Ermittler in all den Jahren nirgends Fingerabdrücke von Bundy, anhand derer man ihn eines Verbrechens hätte überführen können. Die verschiedenen Blut- und Spermaspuren, die man sicherstellte, waren nach dem damaligen Stand der Forensik nur bedingt beweiskräftig. Sie lieferten lediglich die Blutgruppe des Täters. Damit konnte man einen Verdächtigen ausschließen, aber niemanden eindeutig überführen.

Gegenüber FBI-Agent William Hagmaier hatte Bundy erklärt, er habe mit den Jahren einen Entwicklungsprozess durchlaufen. Zunächst sei er impulsiv vorgegangen, habe getötet, ohne sich vorher präzise Gedanken darüber zu machen, wie er die Leiche beseitigen und Spuren vernichten wollte. Erst ab 1974, mit dem Mord an Lynda Anna Healy, sei er sich seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten voll bewusst gewesen. Ab diesem Zeitpunkt habe er keine Selbstzweifel mehr gekannt. Was natürlich implizierte, dass Bundys Mordserie bereits lange vor 1974 begann.

Inhaltsverzeichnis

Bundy, der Streuner

Die Schauplätze der Mordserie verteilten sich über ein geografisch sehr großes Gebiet. Bundy investierte viel Zeit, die Tatorte, an denen er seine Opfer ansprach, aber insbesondere die Stellen, an denen er die Leichen versteckte, bis ins kleinste Detail auszuspionieren. Erst wenn er sicher war, dass ihn niemand überraschen würde, schlug er zu.

Diese Vorgehensweise von Ted Bundy hatte zur Folge, dass er lange Zeit unentdeckt blieb. Er hatte bereits mindestens zwanzig Menschen getötet, bevor die Ermittlungsbehörden in mehreren Bundesstaaten überhaupt begriffen, dass zwischen ihren ungeklärten Mordserien ein Zusammenhang bestand.

Leise und effektiv

Ted Bundy erschlug und strangulierte seine Opfer. Auf den Gebrauch von Schusswaffen verzichtete er bewusst, weil sie Lärm verursachten, damit potenzielle Zeugen auf den Plan riefen und ballistische Spuren hinterließen, die die Polizei zur Tatwaffe zurückverfolgen konnte. Eine Schlagwaffe war aus Sicht des Serienkillers Ted Bundy das ideale Tatwerkzeug, um ein Opfer zu überwältigen. Sie war leise, billig, jederzeit verfügbar und effizient.

Ted Bundy - Tatwerkzeuge
Ted Bundys Tatwerkzeuge

Bundy, das Chamäleon

Den Ermittlungsbehörden bereitete zudem Bundys physische Wandlungsfähigkeit enorme Probleme. Der Typ war wie ein Chamäleon, der nach Belieben sein Äußeres ändern konnte. Bundy profitierte davon, dass er von Natur aus ziemlich gleichmäßige Gesichtszüge ohne sonderlich hervorstechende Merkmale hatte.

Mit ein paar einfachen Tricks – einer falschen Brille, anderer Kleidung oder einer veränderten Frisur – verwandelte er sich in einen völlig anderes Typus Mann. Das einzige unverwechselbare Kennzeichen, das Bundy besaß, war ein markantes Muttermal am Hals. Deshalb sieht man ihn auf Fotos meist mit Rollkragenpullover oder hochgeschlossenem Hemd.

Auf jedem Foto, das den Ermittlern von Ted Bundy vorlag, sah er praktisch anders aus. Wenn sie die Bilder Zeugen präsentierten, antworteten die meist: So sah der Mann nicht aus. Oder vielleicht war er es, doch ich bin mir nicht sicher. Aber ganz selten hörten sie den Satz, den sie hören wollten: Das war der Mann – hundert Prozent.

Ted Bundys Auto

Selbst das Fahrzeug, das er für seine Verbrechen benutzte, war mit Bedacht gewählt. Der VW-Käfer war damals ein Allerweltsfahrzeug. Ted Bundys Auto war beige mit einigen Rostflecken. Die Zeugenaussagen schwankten aber stets zwischen beige, hellbraun, bronzefarben oder dunkelbraun.

Bundys Käfer war bis 2015 im National Museum of Crime and Punishment in Washington (D.C.) ausgestellt, bevor das Museum seine Pforten schloss. Aktuell steht der Wagen im Alcatraz East Crime Museum (Pigeon Forge, Tennessee).

Der Charme der Bestie

Zeugen, die miterlebt hatten, wie Ted Bundy ein Opfer ansprach, oder selbst von Bundy in ein Gespräch verwickelt wurden, berichteten übereinstimmend, dass sie den Mörder im ersten Moment als sympathisch, gut aussehend und charmant wahrgenommen hatten. Seine Fähigkeiten im persönlichen Umgang mit anderen Personen nutzte er ebenso aus wie die spontane Hilfsbereitschaft vieler Mitmenschen. Die Vorgehensweise war durchaus ungewöhnlich für einen Serienmörder und das Resultat eines gewissen Entwicklungsprozesses.

Im Januar 1974 vermied Bundy beispielsweise noch den direkten Kontakt zu seinen Opfern, bevor er sie angriff. Bei Karen Sparks und Lynda Healy war er eingebrochen und hatte sie im Schlaf überrascht. Mit dem Mord an Donna Manson steigerte Ted Bundy das Risiko, aufzufliegen. Denn nicht jede Frau, die er ansprach, fiel auf seinen Charme und seine Tricks herein. Die Zahl der potenziellen Zeugen, die Bundy der Polizei beschreiben konnten, stieg damit automatisch an.

Das größte Risiko ging Ted Brundy fraglos am 14. Juli 1974 am Lake Sammamish ein. Der heiße Sommertag hatte rund 50.000 Gäste an den beliebten Badesee gelockt. Bundy probierte seine Masche an etlichen Frauen aus, bevor er Janice Ott in die Falle lockte. Er wusste also, dass es bereits Augenzeugen geben musste. Dennoch kehrte er vier Stunden später an dieselbe Stelle zurück und zog die gleiche Nummer nochmals durch, bis er mit Denise Naslund davonzog.

In die Falle gelockt

Bundys Modus Operandi sah vor, sein Opfer bei der ersten Möglichkeit, die sich ihm bot, mit einem stumpfen Gegenstand – meist benutzte er dazu ein Brecheisen – bewusstlos zu schlagen und damit wehrlos zu machen. Anschließend fesselte er die Frauen und packte sie in seinen Wagen, dessen Beifahrersitz er wohlweislich ausgebaut hatte. So lief er nicht Gefahr, dass jemand eine bewusstlose oder gefesselte Frau in seinem Auto wahrnahm.

Wenn Ted Bundy sicher war, dass sich keine Zeugen in der unmittelbaren Umgebung aufhielten, erfolgte die Attacke, sobald er sein Opfer unter einem Vorwand zu seinem VW-Käfer gelockt hatte. Drehte die Frau ihm den Rücken zu, schlug Bundy zu. In anderen Fällen fuhr er mit seinen Opfern zur Stadt hinaus und überwältigte die Frauen auf einer einsamen Landstraße. Danach verschleppte er sie meist in ein abgelegenes Versteck, das er zuvor sorgfältig ausgekundschaftet hatte. Während er in Salt Lake City wohnte, brachte er einige Opfer in seine Wohnung.

Wie lange die Frauen ihrem Martyrium ausgesetzt waren und was Bundy mit ihnen anstellte, ist weitestgehend im Dunkeln geblieben. Der Polizei war es nur in wenigen Fällen gelungen, einen Leichnam so frühzeitig zu bergen, dass die Obduktion zumindest ansatzweise ein klares Spurenbild ergab. Ansonsten waren die Beamten auf die oftmals kryptischen und widersprüchlichen Angaben von Bundy angewiesen.

Entkleiden der Opfer

Nachdem er die Frauen getötet hatte, entkleidete Ted Bundy seine Opfer und verbrannte die Kleidung. In mindestens einem Fall (Julie Cunningham) entsorgte er die Sachen in einen Kleidercontainer. Bundy ging es bei diesem Vorgehen nicht allein darum, sexuelle Fantasien in die Tat umzusetzen. Die Vernichtung der Kleidung diente auch dazu, verräterische Spuren zu beseitigen.

Er wusste, dass die Spurensicherung in den Textilien oftmals hervorragendes Beweismaterial entdeckte, das den Täter mit dem Opfer in Verbindung bringen konnte. Ironischerweise wurde der sonst so vorsichtige Ted Bundy im Fall Kimberly Leach durch eine Textilfaser mit einem einmaligen Webfehler überführt. Die Faser war im Mordprozess das entscheidende Beweisstück.

Der Nekrophile

Bundy kehrte häufig zu den Leichenverstecken zurück. Das tat er zum einen, um seinen nekrophilen Trieb auszuleben und die Leichen erneut zu missbrauchen. Doch Bundys sexuelle Fantasien waren komplexer und drehten sich um Kontrolle, Macht und Besitz. Bundy schminkte die Toten, er frisierte sie, er kleidete sie sogar neu ein. Bei einigen der Opfer stellten die Polizisten Kleidungsstücke sicher, die eindeutig nicht von ihnen stammten. Andere hatten die Fingernägel in einer Farbe lackiert, die sie nie benutzt hatten.

Opfer-Fotos als Trophäen

Zudem schoss Ted Bundy von seinen Opfern Fotos mit einer Polaroidkamera. Zumindest hatte er behauptet, solch eine Sammlung besessen zu haben, als die Polizei in Utah Bundy erstmals verhaftete. Als William Hagmaier das Thema mit Bundy diskutierte, sagte er: »Wenn Sie alles dafür tun, um eine perfekte Arbeit abzuliefern, dann wollen Sie auch dafür Sorge tragen, dass Sie sich jederzeit daran erinnern können.«

Die Rolle des Alkohols

Wie bei den Vernehmungen herauskam, betrank sich Bundy regelmäßig vor den Verbrechen. Der Konsum von großen Mengen an Alkohol sei ein »wesentlicher Bestandteil« seiner Routine gewesen, äußerte er gegenüber Robert Keppel. Er habe den Alkohol einerseits gebraucht, um seine Hemmschwelle herabzusetzen. Mit anderen Worten: Er hatte sich Mut angetrunken.

Andererseits machte ihn der Alkohol umgänglicher, locker und charmanter im Umgang mit Menschen, zumindest in der Selbstwahrnehmung von Bundy. Er befürchtete, dass er in nüchternem Zustand zu dominant und herrschsüchtig rüberkam und damit seine potenziellen Opfer vergrätzt hätte.

Opferprofile

Die meisten Opfer von Ted Bundy waren zwischen 15 und 25 Jahren alt, weiß und stammten aus der Mittelschicht. In der Regel handelte es sich um Schülerinnen oder Studentinnen. Bundy war den Frauen, die er als potenzielle Opfer ansprach, laut eigener Aussage nie zuvor begegnet. Es gab allerdings mindestens eine Ausnahme.

Die Ermittlungen der Polizei brachten zum Vorschein, dass eine Cousine von Bundy mit Lynda Healy zeitweise ein Zimmer geteilt hatte. Obendrein hatte Bundy an der University of Washington Kurse besucht, für die Lynda Healy ebenfalls eingeschrieben war. Es liegt also nahe, dass Bundy sein späteres Opfer zumindest vom Sehen her kannte und sie geraume Zeit verfolgt hatte.

Im letzten Gespräch, das er mit Elizabeth Kloepfer führte, seiner ehemaligen Lebensgefährtin, betonte Ted Bundy ihr gegenüber, dass sie sich nie wirklich in Gefahr befunden habe. Sobald er den Drang in sich gespürt habe, zu töten, habe er sofort das Haus verlassen und sei erst wiedergekehrt, wenn das Gefühl verflogen war.

Immer derselbe Typ Frau?

Seitdem Ted Bundy als Hauptverdächtiger für die Mordserien in Washington, Utah und Colorado galt, hatten viele Beobachter darauf hingewiesen, dass alle Opfer langes, glattes, dunkles Haar hatten, das in der Mitte gescheitelt war. Bundy habe immer demselben Typus Frau nachgestellt, folgerten sie daraus. Frauen, die quasi Doppelgängerinnen seiner großen Liebe Stephanie Brooks gewesen wären, an der er sich für seine Zurückweisung habe rächen wolle.

Das stimmte zum einen faktisch nicht. Neben brünetten Frauen tötete Bundy auch blonde. Nicht alle Opfer hatten lange Haare, manche trugen gelockte oder zumindest gewellte Frisuren. Außerdem waren lange, glatte, in der Mittel gescheitelte Haare ein Standard-Look für junge Frauen Mitte der 1970er Jahre.

Schließlich widersprach auch Ted Bundy selbst der Theorie, dass es da äußerlich zwischen seinen Opfern einen Zusammenhang gegeben hätte: »Für mich gab es nur ein Kriterium: Sie mussten jung und hübsch sein. Die Leute glauben tatsächlich diesen Schwachsinn, dass die Frauen sich alle ähnlich sahen. Das ist Quatsch. Ich hab sie ja leibhaftig gesehen. Und rein physisch hat da keine der anderen geglichen. Die waren alle irgendwie verschieden.«

Pathologie

Man unterzog Ted Bundy mehreren psychiatrischen Untersuchungen. Ted Bundys Psychogramm fiel je nach Gutachter recht unterschiedlich aus. Dorothy Otnow Lewis, eine bekannte Professorin für Psychiatrie an der New York University School of Medicine, diagnostizierte bei Bundy zunächst eine bipolare Störung. Im Laufe der Jahre änderte sie aber ihren Standpunkt noch mehrfach. So sprach sie unter anderem davon, dass Bundy unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung gelitten haben könnte. Sie führte als Beleg einige Zeugenaussagen an.

Ein komplett anderer Mensch

Eine Großtante von Bundy beschrieb zum Beispiel ein Erlebnis an einem Bahnsteig. Während die beiden dort auf den Zug warteten, verwandelte sich der ihr ansonsten so vertraute Ted vor ihren Augen von einer Sekunde auf die andere in einen vollkommen Fremden. Sie habe ihn plötzlich nicht mehr wiedererkannt, so krass sei die Veränderung gewesen. Ihr Lieblingsneffe habe ihr plötzlich Angst gemacht.

Ein Gefängnisbeamter aus Tallahassee wusste Ähnliches zu berichten: »Bundy sagte zu mir: ‚Du hast mich sauer gemacht.‘ Und dann veränderte er sich vor meinen Augen: Die Körperhaltung, sein Gesichtsausdruck, alles war auf einmal anders an ihm. Ich weiß nicht, ob ich es mir nur eingebildet habe, aber auf einmal roch er auch ganz anders. Ab diesem Tag hatte ich Angst vor ihm.«

Ted Bundy, der Psychopath

Neben der bipolaren und multiplen Persönlichkeitsstörung diagnostizierten andere Psychiater auch noch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die Mehrzahl der forensischen Experten wiesen aber darauf hin, dass die bekannten Fakten weniger auf eine Psychose hindeuteten, sondern stattdessen auf eine antisoziale Persönlichkeitsstörung. Mit anderen Worten: Bei Ted Bundy handelte es sich um eine Person, die man landläufig als »Psychopath« oder »Soziopath« bezeichnet.

Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung sind auf den ersten Blick häufig charmante, bisweilen charismatische Zeitgenossen. Aber wenn man sich für den Menschen hinter der Fassade interessiert, findet man dort gähnende Leere vor. Diesen Personen mangelt es an einem greifbaren Charakter, an einer Haltung, an Werten, die ihr Handeln beeinflussen und sie berechenbar machen. Kurzum: Ihnen fehlt es an dem, was man gemeinhin Persönlichkeit nennt.

Ohne Reue

Die meisten Soziopathen leiden unter keiner gravierenden Psychose. Sie können problemlos Recht von Unrecht unterscheiden. Allerdings lässt sie dieses Wissen emotional kalt. Es hat keinerlei Bedeutung im Hinblick auf ihr Verhalten und ihre Entscheidungen. Sie handeln frei von Gefühlen wie Schuld, Reue oder einem schlechten Gewissen. Ted Bundy bestätigte genau diesen Punkt: »Schuld hilft einem nicht weiter. Damit schadet man sich nur selbst. Ich denke, ich bin in der beneidenswerten Lage, mich nicht mit Schuldgefühlen herumplagen zu müssen.«

Bundy, der Manipulator

Zu den weiteren typischen Merkmalen eines Soziopathen gehören Narzissmus, manipulatives Verhalten und ein schlechtes Urteilsvermögen. »Soziopathen sind manipulative Egoisten, die denken, dass sie jeden für ihre Zwecke einspannen können«, beschrieb es beispielsweise Staatsanwalt George Dekle. Praktisch alle Ermittler, Psychiater und sonstigen Interviewer berichteten unisono davon, dass sie eigentlich ständig das Gefühl hatten, dass Ted Bundy sie in irgendeiner Weise manipulieren wollte. Das gehörte zu seiner Natur dazu.

Ein waschechter Psychopath

Später schloss sich auch Dorothy Otnow Lewis dem Urteil der Mehrzahl ihrer Kollegen an. »Ich habe meinen Studenten immer gesagt: Wenn ihr mir einen Psychopathen zeigen könnt, wie er im Lehrbuch steht, dann spendiere ich euch ein Abendessen. Ich habe nie daran geglaubt, dass sie in der Wirklichkeit existierten. Aber heute denke ich, dass Ted Bundy tatsächlich ein waschechter Psychopath war, der wahrhaftig keinerlei Reue oder Mitgefühl für seine Mitmenschen empfand.«

Ted Bundy – James Dobson Interview: Natural Porn Killer

Ted Bundy benannte vor seiner Hinrichtung in einem Interview noch einen weiteren möglichen Auslöser für die Mordserie: Pornografie. Das Interview entstand rund 16 Stunden vor Bundys Tod und wurde von James Dobson geführt. Dobson war Psychologe und Begründer einer christlichen evangelikalen Organisation.

Bundy äußerte in dem Gespräch, dass er regelrecht süchtig nach Pornografie gewesen sei. Pornos und die Gewaltdarstellungen in Filmen seien mitverantwortlich gewesen, dass aus ihm der Serienmörder Ted Bundy geworden sei. Die Medien würden lauter neue Ted Bundys heranzüchten, würde man ihnen nicht endlich Einhalt gebieten. Denn die Gewaltverherrlichung sei das Futter für die kranken Hirne von Verbrechern.

Ted Bundy - James Dobson
James Dobson

Bundy wusste, mit wem er sich unterhielt. James Dobson war bekannt dafür, dass er sich seit Jahren dem Verbot von Pornografie verschrieben hatte. Die Äußerungen von Bundy waren Wasser auf seine Mühlen. Die Ermittler, die am besten mit der Person Bundy vertraut waren, zweifelten jedenfalls am Wahrheitsgehalt von Bundys später »Beichte«.

Zum einen trauten sie Bundy durchaus zu, dass er einen Heidenspaß daran empfand, selbst vom elektrischen Stuhl noch die Öffentlichkeit manipulieren zu können. Als man ihn zum Beispiel einmal auf den Einfluss sogenannter True-Crime-Magazine angesprochen hatte, die damals sehr populär waren und speziell Sexualmorde möglichst plastisch und übertrieben darstellten, hatte er sich nämlich noch gänzlich anders geäußert: »Ich hab mich immer gefragt: Wer in aller Welt liest diesen Schund und gibt dafür auch noch Geld aus? Da steht jedenfalls nur Schwachsinn drin. Mich hat das nie interessiert. So weit ich mich erinnern kann, hab ich zwei oder drei Mal so ein Heft geklaut. Geld habe ich dafür jedenfalls nicht rausgeschmissen.«

Kurz nach dem Interview mit James Dobson unterhielt sich Bundy auch nochmals mit FBI-Agenten William Hagmaier. In diesem Gespräch spielte er den Einfluss der Pornografie auf seine Entwicklung als Serienmörder wieder herunter. Ja, er habe sie konsumiert. Aber er hätte auch getötet, wenn er niemals ein Magazin in die Finger bekommen hätte. »Das Problem war nicht die Pornografie«, meinte William Hagmaier zu der Diskussion lakonisch. »Das Problem war Ted Bundy.«

Schuld sind immer die anderen

Denn auch das gehörte zweifelsohne zu Bundys Wesen dazu: Permanent die Verantwortung auf andere abzuwälzen. Nicht er war schuld, sondern die Medien und die amerikanische Gesellschaft. Lange Zeit hatte er sich geweigert, seine Verbrechen überhaupt zu gestehen.

Klar, weil er hoffte, dass man ihm seine Taten vor Gericht nicht nachweisen könnte. Später, um seine Hinrichtung hinauszuzögern. Aber es gab einen weiteren Grund: Ted Bundy wollte sich nicht mit Schuldgefühlen belasten. Oder wie er es ausgedrückt hatte: »Mit Schuldgefühlen schadet man nur sich selbst.«

Deswegen reichte Bundy die Schuld gerne an andere weiter und führte immer wieder einen neuen Sündenbock ins Feld. Mal war es der Großvater, der ihn missbraucht habe. Dann die Abwesenheit einer Vaterfigur; das familiäre Lügenkonstrukt rund um seine tatsächliche Abstammung; der Alkohol; Gewalt in Filmen; Pornografie; die Polizei, die ihn mit getürkten Beweisen habe reinreiten wollen; die Medien; die Gesellschaft im Allgemeinen; die »Gehirnwäsche« der Programmmacher beim Fernsehen, die ihn zum Diebstahl von Kreditkarten verleitet hätte.

Und schließlich verortete Ted Bundy die Schuld bei seinen Opfern selbst: »Ich habe Menschen kennengelernt«, schrieb er an seine ehemalige Lebensgefährtin Elizabeth Kloepfer, »die gleich auf den ersten Blick Verletzlichkeit ausstrahlen. Ihr Gesichtsausdruck sagt mir: Ich habe Angst vor dir. Diese Leute laden einen regelrecht dazu ein, dass man sie missbraucht. Sie senden subtile Signale aus, dass sie vorneherein damit rechnen, verletzt zu werden. Fordern sie damit nicht zwangsläufig eine entsprechende Reaktion heraus?« Die Psychologin Dorothy Lewis war überzeugt, dass es Bundy überhaupt nicht in den Sinn kam, wie ungeheuerlich seine Taten eigentlich waren.

Hecht im Karpfenteich der Anonymität

Ein Trugschluss, dem sich Ted Bundy zeit seines Lebens hingab, war, dass alle Menschen so dachten wie er: Die anderen sind mir scheißegal. Bundy war jedes Mal aufs Neue verblüfft, wenn jemand bemerkte, dass eine der Frauen, die er entführt hatte, verschwunden war und daraufhin zur Polizei ging.

Er nahm die USA als einen Ort wahr, an dem praktisch jeder unsichtbar war, weil alle nur mit sich selbst und ihrem persönlichen Wohlergehen beschäftigt schienen. Wie konnte es da angehen, dass er Zeugen aufgefallen war und diese der Polizei eine Beschreibung liefern konnte? Die Mitmenschen blieben Ted Bundy auf ewig ein Rätsel.

2 Kommentare

  1. Hallo Herr Deis,

    zuerst einmal: vielen, vielen Dank für Ihre tolle Seite, die wahnsinnig interessant, informativ und ausführlich ist – und weiterhin aktualisiert und gepflegt wird.

    Seit längerem habe ich nun einmal wieder die Chronik von Ted Bundy studiert und musste feststellen, daß das „National Museum of Crime & Punishment“ in Washington am 30.09.2015 seine Pforten schließen musste, da der Mietvertrag nicht verlängert wurde.
    So, wie ich es verstanden habe, werden die Ausstellungsstücke nun bzw. seit 01.11.2015 im „National Law Enforcement“-Museum in Washington ausgestellt.
    Können Sie sagen, ob diese Information korrekt ist? Haben Sie Kenntnis darüber?

    Vielen lieben Dank & viele Grüße!!

    • Hallo Simone,

      vielen Dank für Ihre netten Worte!

      Nein, von der Schließung hatte ich bisher noch nichts gehört. Ich habe jetzt mal die Seite aufgesucht, die noch im Netz aktiv ist (http://www.crimemuseum.org/). Für mich klingt das so, als ob lediglich Teile der Ausstellung in das National Law Enforcement Museum gewandert sind (u.a. Attentäter, Forensisches Labor) Die Ausstellung selbst war meines Wissens umfangreicher (z.B. der berüchtige VW-Käfer von Bundy).

      Ich schicke mal Kevin M. Sullivan eine E-Mail. Vielleicht weiß er mehr. Sullivan hatte eines der aktuellesten Bücher über Bundy geschrieben und sich auf meiner Seite gemeldet (siehe Kommentare bei Bücher zu Ted Bundy). Immerhin hatte er einige Gegenstände aus Bundys Inventar in seinem Besitz (Bundys „Mörder-Equipment“, mit dem er in Utah geschnappt wurde; wurde irgendwann aus der Asservatenkammer ausgemistet und landet über den ehemals zuständigen Kriminalbeamten schließlich bei Sullivan). Falls ich etwas von ihm erfahre, melde ich mich nochmals hier.

      Beste Grüße
      Richard Deis

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