Die Stanford University wurde nahe der Stadt Palo Alto gebaut, etwa 60 Kilometer südöstlich von San Francisco entfernt. Auf dem 3.300 Hektar großen Universitätsgelände leben heute rund 15.000 Studenten und auch ein Teil der knapp 2.000 Dozenten. Zu den zahlreichen Wohnheimen, die diese Masse an Menschen beherbergen, gesellt sich eine Vielzahl an Funktions- und Hörsaalgebäuden. Kurzum: Stanford hat die Dimension einer mittelgroßen Kleinstadt.
Inhaltsverzeichnis
Arlis Perry – Kapitel 1
Frisch vermählt
Auch Arlis Perry und Bruce Perry wohnten im Oktober 1974 hier. Sie hatten eine kleine Wohnung in dem Wohnheim Quillen Hall bezogen, welches speziell für verheiratete Studenten gedacht war. Das junge Paar hatte erst zwei Monate zuvor geheiratet, am 17. August 1974. Beide stammten aus Bismarck im Bundesstaat North Dakota und kannten sich bereits seit Schulzeiten.
Arlis Perry und Bruce Perry
Bruce Perry gehörte zu den besten Highschool-Absolventen seines Jahrgangs in Bismarck. Darüber hinaus war er ein erstklassiger Sportler. Im letzten Highschool-Jahr hatte er den Landesrekord auf der 400-Meter-Strecke aufgestellt. Sowohl die schulischen als auch die sportlichen Leistungen ermöglichten Bruce Perry die Aufnahme an der Eliteuni Stanford, an der er sich 1973 für ein Medizinstudium einschrieb. Er wollte in die Fußstapfen seines Vaters Dr. Duncan Perry treten, eines angesehenen und wohlhabenden Zahnarztes in Bismarck.
Vor ihrer Heirat hatte Arlis Perry, geborene Dykema, als Sprechstundenhilfe ihres zukünftigen Schwiegervaters gearbeitet. Natürlich hätte sie auch schon zu diesem Zeitpunkt ihren Freund Bruce nach Kalifornien begleiten können. Man schrieb schließlich die 1970er und die Sitten waren deutlich lockerer. Aber eben nicht überall. Für die zutiefst religiösen Perrys wäre solch ein Zusammenleben ohne Trauschein eine Sünde gewesen und damit völlig undenkbar. Man tritt Bruce und Arlis Perry nicht zu nahe, wenn man behauptet, dass ihre Lebensentwürfe sich deutlich von denen ihrer Kommilitonen und vom damals vorherrschenden Zeitgeist unterschieden.
Die beiden waren erst 19 Jahre alt, mieden aber jede Party oder Studentenkneipe. Irgendwelche wilden Drogenexperimente waren ihnen völlig fremd. Bruce Perry saß tagein, tagaus über seinen Lehrbüchern und büffelte für die Prüfungen. Seine Frau Alice hatte eine Stelle als Empfangsdame in der Rechtsanwaltskanzlei Spaeth, Blase, Valentine & Klein im nahe gelegenen Palo Alto gefunden. Während ihrer Freizeit unternahm sie ausgedehnte Spaziergänge über das Campusgelände und besuchte häufig die Memorial Church, in der sie und ihr Mann Bruce regelmäßig zum Gebet einkehrten.
Unermüdliche Missionarin
Arlis Perry hatte schulterlanges, blondes Haar und trug meistens eine Brille. Die zierliche, fast schon zerbrechliche wirkende junge Frau war wissbegierig, voller Tatendrang und lächelte für ihr Leben gerne. Alles Eigenschaften, die sie vielen Menschen auf Anhieb sympathisch machten.
Doch es gab auch einen Wesenszug an ihr, mit dem sie ihren Mitmenschen gehörig auf den Wecker gehen konnte. Arlis Perry war durch und durch von Gottes Wort durchdrungen. Und sie wurde nicht müde, seine frohe Botschaft bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu verkünden. Ihren Gesprächspartnern vermittelte sie mitunter das Gefühl, sie würden reichlich blind und dumm durch die Welt laufen, wenn sie nicht Gottes Allgegenwart anerkannten und ein Loblied auf ihn sangen.

Wie ihr Mann gehörte Arlis Perry dem Bund christlicher Athleten an. Außerdem war sie bereits in Bismarck einer Vereinigung evangelischer Studenten beigetreten, dem »Young Life«. Deren Mitglieder unterrichteten an der Sonntagsschule, studierten gemeinsam die Bibel und verbreiteten die Botschaft des Neuen Testaments.
Arlis Perry machte keine halben Sachen, wenn es um ihren Glauben ging. So war sie als Vertreterin von »Young Life« auch in die Drogenszene von North Dakota abgetaucht, um dort verlorene Seelen zu missionieren. Es gibt eine Theorie hinsichtlich des Mordmotivs, die besagt, dass sich Arlis Perry genau bei dieser Gelegenheit Feinde fürs Leben machte.
Arlis Perry in Stanford
Ob sich Arlis Perry in Stanford wohlfühlte, lässt sich schwer beantworten. Man muss das so klipp und klar sagen: Für jemanden aus Bismarck, North Dakota, war Kalifornien nicht einfach nur furchtbar weit weg von zu Hause. Für jemanden aus North Dakota war Kalifornien ein fremdes Land mit fragwürdigen Sitten, jeder Menge nackter Haut und einer unfassbaren Einstellung zu Sex und Drogen. Kalifornien war recht nahe an der Hölle gebaut.
Andererseits gab ihr die Ehe Halt, auch in schwierigen Situationen. Ihr Mann Bruce war der absolute Fixpunkt in ihrem Leben. Sie sah es als ihren Lebenszweck an, ihn in jeder Lebenslage zu unterstützen und ihm den Rücken freizuhalten. Ein bisschen Heimweh konnte diese Einstellung bestimmt nicht ins Wanken bringen.
Allein in der Fremde
Aber aus den Briefen, die Arlis Perry an ihre Familie schrieb, ging hervor, wie schwer es ihr fiel, sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden. So klagte sie zum Beispiel: »Freunde sind hier sehr schwer zu finden. Mehr als einmal war ich der Versuchung nahe, einfach an die nächstbeste Tür zu klopfen, um überhaupt mal jemanden kennenzulernen. Es muss doch Leute da draußen geben, die eine gute Freundin benötigen könnten. Aber dann sage ich mir: Bruce und ich müssen schätzen lernen, dass wir einander haben. Ich vertraue Gott, dass wir durch ihn neue Freunde finden werden.«
Auch die Unterschiede zwischen der Lebensweise im beschaulichen North Dakota und nun in Kalifornien waren häufiger Thema ihrer Briefe. »Die Menschen hier sind sehr unpersönlich. Die sagen noch nicht mal ‚Hallo!‘, wenn man zusammen im Aufzug fährt.« Ob dieser Frust und die Sehnsucht nach Kontakt Arlis Perry vielleicht dazu verleitete, sich allzu vertrauensselig auf Fremde einzulassen, die nichts Gutes im Schilde führten, konnte nie geklärt werden. Aber es gibt eine Spur in den späteren Ermittlungen, die es zumindest denkbar erscheinen lassen.
Ein harmloser Streit
Am Abend des 11. Oktober 1974, einem Samstag, saß Bruce Perry gegen 23.30 Uhr immer noch über seinen Büchern. Seine Frau unterbrach ihn kurz und sagte ihm, dass sie schnell ein paar Briefe an Freunde und Verwandte zu Hause in Bismarck einwerfen wolle.
Bruce Perry hatte Arlis an diesem Tag kaum Beachtung geschenkt, so sehr war er ins Lernen vertieft gewesen. Nun wurde er gewahr, dass seine Frau niedergeschlagen wirkte. Er bekam ein schlechtes Gewissen. Vielleicht sollte er die Bücher für eine halbe Stunde mal Bücher sein lassen und Arlis auf einem Spaziergang begleiten.
Vernünftige Idee. Aber irgendwo im Verlaufe dieses Spaziergangs musste der Schuss nach hinten losgegangen sein. Denn die beiden gerieten in eine hitzige Auseinandersetzung. Wie Bruce Perry später behauptete, habe es sich dabei um eine lächerliche Lappalie gehandelt. Das Gespräch habe sich um einen Reifen an ihrem Wagen gedreht, der seit geraumer Zeit Luft verloren habe. Sowohl er als auch seine Frau hätten wohl erwartet, dass der jeweils andere sich um die fällige Reparatur kümmere.
Der Streit setzte sich auf dem Spaziergang fort, der sie in Richtung der Memorial Church führte. Sie waren gar nicht mehr weit entfernt, als Arlis Perry plötzlich stehen blieb. Sie fauchte ihren Gatten an, dass sie nun gerne eine Weile allein sein würde. Sie beabsichtige, die Kirche aufzusuchen. Dort würde sie für Bruce beten, dass er zur Einsicht gelange und sich seinen Fehler eingestehe.
Bruce Perry brachte das nur noch mehr auf, dass ihm seine Frau die alleinige Schuld für den Streit in die Schuhe schieben wollte. Er machte auf dem Absatz kehrt und stapfte wütend zurück in seine Studentenbude. Die Uhr zeigte mittlerweile 23.40 Uhr.

Quelle: King of Hearts, Wikipedia
Stanford Memorial Church
Gegen 23.50 Uhr erreichte Arlis Perry vermutlich das Hauptportal der Stanford Memorial Church. Die Campuskirche war kein kleines Kapellchen, wie man es vielleicht auf einem Unigelände erwarten würde. Das Gotteshaus der Stanford-Universität war ein gediegener Kirchenbau, so farbenfroh und opulent ausgestattet wie eine Barockkirche. An den Wänden hingen Gemälde und Teppich, die purpurn und golden glänzten. Überall standen Skulpturen und polierte Kandelaber herum. Die Pfeiler und Rundbögen waren reich ornamentiert.
Das lange Mittelschiff der Stanford Memorial Church verfügte an beiden Seiten über Emporen und führte direkt auf den Altar zu, der über mehrere Stufen zu erreichen war. Die Vierung, die das Langhaus mit dem Querhaus verband, war von einer gewaltigen Kuppel überspannt. Die Gebetsbänke reichten bis in diesen Bereich hinein und waren hier im Halbkreis um den Altar herum gruppiert. Die gegenüberliegende Seite des Kreises bildete das mit vielen Holzschnitzereien verzierte Chorgestühl.
Zeugen beobachten Arlis Perry
Arlis Perry dürfte wegen ihrer häufigen Kirchgänge bekannt gewesen sein, dass an jedem Abend um Mitternacht ein Wachmann erschien und die Türen des Gebäudes verschloss. Zwei Studenten, die in den Bänken hinten rechts saßen, würden später bestätigen, dass Arlis Perry die Stanford Memorial Church um zehn Minuten vor Mitternacht betrat. Sie trug eine dunkelbraune Jacke, eine Bluse, Jeans und beige Schuhe mit Keilabsätzen. Die Studenten beobachteten, wie die junge Frau im Mittelgang bis fast nach ganz vorne ging und sich in eine der ersten Bänke auf der linken Seite schließlich zum Beten niederkniete.

Quelle: Mcginnly, Wikipedia
Die beiden jungen Leute verließen die Stanford Memorial Church gegen Mitternacht. Sie warfen an der Tür nochmals einen letzten Blick über die Schulter. Arlis Perry verharrte immer noch in ihrer Bank. Etwa um die gleiche Zeit fiel einem Passanten vor der Kirche ein junger Mann auf, der die Memorial Church betrat.
Laut der Zeugenaussage hatte er rotblondes, gescheiteltes Haar. Er war von mittlerer Statur, trug ein blaues kurzärmliges Hemd und war ansonsten recht salopp gekleidet. Der Zeuge schätzte den Mann auf Anfang bis Mitte zwanzig. Kurios, worauf die Menschen alles achten: Der Beobachter war sicher, dass der blonde Jüngling keine Armbanduhr trug.
Der Wachmann Steve Crawford
Der Wachmann Steve Crawford hinkte an diesem Abend seinem Zeitplan hinterher. So erschien er erst gegen 0.10 Uhr an der Memorial Church. Er betrat die Kirche, blieb aber im hinteren Teil des Mittelgangs stehen. Er schaute sich um, konnte jedoch niemanden im Innern erkennen. Der Kirchenraum war leer. Dennoch rief er wie üblich in die Stille hinein: »Wir schließen für die Nacht. Die Kirche wird die Nacht über verschlossen. Sollte sich noch jemand im Gebäude befinden, müssen Sie es nun verlassen.« Er erhielt keine Antwort.
Zufrieden verließ Steve Crawford die Kirche und schloss die Türen ab. Den polizeilichen Ermittlungen zufolge lebte Arlis Perry vermutlich zu diesem Zeitpunkt noch. Und wahrscheinlich hatte sie Crawford gehört. Aber es ist anzunehmen, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits in ernsthaften Schwierigkeiten befand. Als die mächtigen Kirchenportale ins Schloss fielen, musste sie Todesangst verspürt haben. Denn nun war sie ausgerechnet in einer Kirche ganz alleine mit dem Teufel.
Eine Frau verschwindet
Als Bruce Perry sein Zimmer erreicht hatte, war der Ärger schon wieder verraucht. Inzwischen nagten tatsächlich die Gewissensbisse an ihm, die ihm seine Frau prophezeit hatte. Er tigerte unruhig hin und her. Schließlich entschloss er sich, Arlis entgegenzugehen und sich bei ihr zu entschuldigen. Das würde sie versöhnen.
Bruce Perry wusste, dass die Kirche um Mitternacht geschlossen wurde. Nach seiner Berechnung müsste er Arlis auf ungefähr halber Strecke begegnen. Zu seiner Überraschung war das nicht der Fall. Weder lief er ihr auf dem restlichen Weg in die Arme, noch stand sie vor der Kirche herum. Um 0.15 Uhr gelangte er vor dem Hauptportal der Memorial Church an. Die Türen waren verschlossen. Er überprüfte noch einen Seitengang, der ebenfalls verriegelt war, und ging einmal um die Kirche herum. Keine Spur von seiner Frau. Bruce Perry war ratlos. Er beschloss, den übrigen Campus abzusuchen.
Ein anderer Zeuge würde später aussagen, dass er in etwa in derselben Zeit, zwischen 0.15 Uhr und 0.30 Uhr, im Bereich des Kirchenchors einen unterdrückten Schrei vernommen habe. Er sei sich aber nicht sicher gewesen, ob es sich dabei um eine menschliche Stimme gehandelt habe. Deshalb habe er nichts unternommen.
Keine Spur von Arlis Perry
Bruce Perrys Suche auf dem Campusgelände verlief ergebnislos. Er kehrte in sein Zimmer in der Quillen Hall zurück. Auch dort fand sich keine Spur von Arlis. Da sie niemanden auf dem Unigelände kannte, konnte sie nirgendwo zu Besuch eingekehrt sein. Bruce Perry kämpfte die aufkeimende Panik nieder. Sie würde ihren Frust irgendwo da draußen weglaufen. So war Arlis Perry. Wenn sie irgendetwas bedrückte, musste sie sich bewegen. Er brauchte bloß zu warten, bis sie wiederkehrte. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig.
Keine besonderen Vorkommnisse
Um 2.00 Uhr stand für Wachmann Steve Crawford der nächste Kontrollgang zur Memorial Church auf dem Plan. Er überprüfte alle Türen, ob sie verschlossen waren. Seine Dienstanweisung sah vor, dass er zudem den Innenraum der Kirche inspizieren sollte. Er behauptete später, dem nachgekommen zu sein. Es sei ihm dabei nichts Ungewöhnliches aufgefallen. In der Memorial Church sei alles ruhig gewesen. Er habe keine Spur einer Verwüstung oder irgendein Anzeichen feststellen können, dass es hier zu einer Auseinandersetzung gekommen sei.
Um 3.00 Uhr verlor Bruce Perry den Kampf gegen die innere Unruhe. Er musste etwas unternehmen. Er rief bei der Polizei an und meldete seine Frau vermisst. Er beschrieb dem Beamten am Telefon, dass er Arlis das letzte Mal unweit der Memorial Church gesehen habe und sie geäußert habe, diese aufsuchen zu wollen. Er hielt es für möglich, dass sie möglicherweise in der Kirche eingeschlafen sei und nun wegen der verschlossenen Türen nicht mehr hinauskomme.
Die Stanford-Universität verfügte über eine eigene Polizeiwache. Der Beamte in der Telefonzentrale schickte zwei Kollegen los, nach dem Rechten zu sehen. Die Streife rüttelte an den Türen. Sie waren alle verschlossen. Allerdings begaben sich die Polizisten nicht in das Innere der Kirche. Logischerweise wäre das die einzige Möglichkeit zu gewesen, Arlis Perry zu finden, sofern sie dort versehentlich eingeschlafen war. Stattdessen zogen die Beamten wieder ab.
Der Fund der Leiche
Um 5.30 Uhr machte Wachmann Steve Crawford erneut an der Memorial Church Station. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er zu seinem Erstaunen, dass die Seitentür auf der rechten Seite des Gebäudes offenstand. Den Spuren nach zu urteilen, war jemand aus dem Inneren ausgebrochen. Wenn die Angaben des Sicherheitsmannes und der Polizisten stimmten – daran gab es später durchaus Zweifel – musste dieser Ausbruch also zwischen 3.00 und 5.30 Uhr stattgefunden haben.
Denn es war durchaus wahrscheinlich, dass sich Steve Crawford aus Bequemlichkeit um zwei Uhr den Gang in die Kirche hinein gespart hatte. Und ebenso denkbar war es, dass die Polizisten aus ähnlichen Gründen den Anruf nicht so wichtig nahmen. Sie hatten möglicherweise nur das Hauptportal überprüft. Der Rundgang um das große Gebäude war ihnen vielleicht einfach zu lästig.
Wer gestand schon freiwillig solche Schlampereien ein, wenn sich am Ende herausstellte, dass ein Mord geschehen war? Denn wie die Untersuchungen der Gerichtsmedizin ergaben, war Arlis Perry bereits kurz nach Mitternacht gestorben. Und es war recht unwahrscheinlich, dass der oder die Täter mehr als drei Stunden im Kircheninnern ausgeharrt hatten, bevor sie entkommen waren. Das Risiko, entdeckt zu werden, musste ihnen viel zu groß erschienen sein.
Geschändete Leiche neben dem Altar
Um 5.30 Uhr jedenfalls betrat Wachmann Steve Crawford den Innenraum der Kirche durch die offenstehende Seitentür. Dieses Mal schaute er sich genauer um. Er vermutete zunächst, dass jemand die Kirche ausgeraubt hatte. Er achtete darauf, ob irgendwelche Einrichtungsgegenstände fehlten. Als Crawford beim Altar angekommen war, sah er einen Körper auf dem Boden liegen. Es war Arlis Perry, die dort unmittelbar neben dem linken Ende des Chorgestühls lag. Nicht weit entfernt von der Kirchenbank, in der Zeugen Arlis Perry zuletzt lebend gesehen hatten.

Grün: In diesem Bereich wurde Arlis Perry letztmals lebend gesehen
Rot: In diesem Bereich lag die Leiche von Arlis Perry
Quelle: Mcginnley, Wikiepdia (bearbeitet)
Arlis Perry lag auf dem Rücken, mit dem Kopf in Richtung Altar. Sie war von der Hüfte abwärts nackt, die Beine waren weit gespreizt. Ihre Bluse war zerrissen, die Arme über der Brust gefaltet. Zwischen ihren Brüsten steckte eine geweihte Kerze vom Altar. Außerdem hatte der Täter Arlis Perry eine etwa 75 cm lange Kerze in die Vagina gerammt.
Wie die genaueren Untersuchungen später ergaben, war die junge Frau geschlagen und gewürgt worden. Diese Verletzungen waren aber nicht tödlich gewesen. Um sie zu töten, hatte der Mörder einen Eispickel benutzt, der oberhalb des linken Ohres im Schädel steckte.
Das Rätsel der Hose
Dann registrierte Steve Crawford noch ein sehr seltsam anmutendes Detail. Der Täter hatte die Hose des Opfers nicht einfach zusammengeknüllt und zur Seite geworfen. Er hatte die Hosenbeine glatt gestrichen und in gespreizter Form auf den Kirchenboden gelegt, exakt spiegelverkehrt zur Position der Leiche. Der Hosensaum berührte die Unterschenkel von Arlis Perry. Blickte man von oben auf dieses Arrangement, ergab sich daraus eine Raute. Oder zwei sich kreuzende V‘s. Warum hatte sich der Mörder diese Mühe gemacht? Hatte die Inszenierung etwas zu bedeuten?
Das Hirn des Wachmanns hatte in diesem Augenblick viele verwirrende Eindrücke gleichzeitig zu verarbeiten. Steve Crawford wetzte aus der Kirche hinaus, um seine Vorgesetzten zu verständigen. Die riefen das zuständige Sheriffbüro von Santa Clara County. Dort schickte man gleich sechs Kriminalbeamte zum Tatort. Die Schilderungen des Wachmanns ließen einen Fall erwarten, der großes öffentliches Interesse erregen würde.
Als der stellvertretende Sheriff Tom Rosa die Leiche gesehen hatte, trat er vor die Presse. Das sei eindeutig die Tat eines sexuellen Psychopathen. Robert Hammerton Kelley, der Dekan der Memorial Church, hatte den Schauplatz des Verbrechens ebenfalls in Augenschein genommen. Er vermutete als Urheber, wenig verwunderlich, den Teufel. Wörtlich beschrieb er den Tatort als »kultisch und satanisch«. Im Anschluss nahmen die Kriminalbeamten die Ermittlungen in diesem rätselhaften Mordfall auf. Oberste Priorität hatte die Vernehmung von Bruce Perry. In ollen Krimis mochte ja immer der Gärtner der Täter sein. In der schnöden Wirklichkeit war es hingegen meist der Ehemann.
Kapitelübersicht zum Fall Arlis Perry
- Kapitel 1: Mord in Stanford
- Kapitel 2: Ermittlungen und die Lösung des Falls