Als Bruce Perry den Ermittlern die Tür öffnete, trat er ihnen in einem blutverschmierten T-Shirt entgegen. Harmlos und unschuldig geht anders. Zunächst setzten die Polizisten ihn davon in Kenntnis, dass man die Leiche von Arlis Perry gefunden hatte. Bruce Perry zeigte sich schockiert und brach in Tränen aus. Er erzählte den Beamten seine Version der Ereignisse am letzten Abend. Als er ihnen von dem Streit berichtete, schauten sich die Beamten unwillkürlich an.
Das wurde ja immer besser. Die typische Schutzbehauptung eines Schuldigen. Falls zufällig ein Zeuge den Streit beobachtet hatte. Bruce Perry merkte, dass die Polizisten ihn zunehmend kritisch beäugten. Er schwor, dass es sich bei dem Streit wirklich nur um eine Lappalie gehandelt habe. Und das Blut auf seinem Hemd? Das Verschwinden habe ihn emotional aufgewühlt. Und er bekäme immer Nasenbluten, wenn er gestresst sei. Da könnten sie jeden fragen, der ihn kenne.
Das machten die Ermittler natürlich auch. Und die befragten Zeugen bestätigten unisono seine Angaben. Wenn bei anderen die Pumpe auf Hochtouren lief, spritzte bei Perry das Blut aus der Nase. Sachen gibt‘s. Die Beamten gaben sich damit nicht zufrieden und ließen die Blutflecken auf dem T-Shirt im Kriminallabor untersuchen. Arlis Perry und Bruce Perry hatten unterschiedliche Blutgruppen. Und erstaunlicherweise fand sich auf dem T-Shirt nur Blut, das mit der Blutgruppe von Bruce Perry übereinstimmte. Die Polizei musste nach einem neuen Verdächtigen Ausschau halten.
Inhaltsverzeichnis
Arlis Perry – Kapitel 2
Ein knallharter Whodunit
Nummer zwei auf der Liste der verdächtigen Personen war der Wachmann Steve Crawford. Allerdings hatten ihn Zeugen nach Mitternacht mehrfach auf seinem Patrouillengang gesehen. Es fanden sich auch keinerlei Hinweise, dass er in der Vergangenheit jemals eine Sexualstraftat begangen hatte oder überhaupt mit dem Gesetz in Konflikt geraten war.
Die Ermittlungsbeamten bekamen es dann schließlich quasi amtlich, dass Crawford nicht ihr Mann sein konnte. Die Spurensicherung hatte auf der Kerze, die in Arlis Perrys Körper steckte, Fingerabdrücke entdeckt, die mutmaßlich vom Täter stammten. Sie gehörten weder zu Steve Crawford noch zu Bruce Perry. Die beiden waren bis auf Weiteres aus dem Schneider.
Somit hatten die Beamten des Santa Clara County es plötzlich mit einem knallharten Whodunit zu tun. Sie jagten nun einen unbekannten sexuellen Psychopathen – die klassische Nadel im Heuhaufen. Man überprüfte rund hundert Personen, die Zutritt zu dem Stanford-Gelände hatten und zum Zeitpunkt des Mordes anwesend waren.
Darunter befanden sich Studenten, Lehrkräfte, aber auch Personen aus dem Kirchenumfeld. Die Polizei checkte Alibis. Ob die Leute bereits vorbestraft waren. Außerdem ging man die Register mit den verurteilten Sexualstraftätern durch, die in der Umgebung des Tatorts lebten.
Hokuspokus
Die Ermittler hielten etliche Details über den Mord zurück, damit man potenzielle Geständnisse verifizieren konnte. So wusste die Öffentlichkeit zum Beispiel nicht, wie Arlis Perry genau gestorben war und welche Tatwaffe der Mörder benutzt hatte. Ebenso enthielt man den Medien vor, dass der Täter den Leichnam manipuliert hatte. Weder die Kerzen noch die Hosen wurden in den Presseberichten erwähnt.
Allerdings interpretierte die Polizei auch wenig in diese Details hinein. Dass der Mord ausgerechnet in einer Kirche geschehen war? Dass der Täter das Opfer mit Altarkerzen geschändet hatte? Dass die sorgfältig drapierte Leiche möglicherweise Symbolen ähnelte, wie sie unter Satanisten verbreitet waren?
Für die Polizisten klang das nach allzu viel Hokuspokus, der allenfalls vernebeln sollte, worum es dem Verbrecher in Wahrheit ging. Sie waren der Überzeugung, dass der Täter ein handfestes Motiv hatte, Arlis Perry zu töten. Entweder handelte es sich um persönliche Rache oder er wollte die Frau vergewaltigen.
Der mysteriöse Besucher
Am Dienstag, dem 15. Oktober, fand ein Gedenkgottesdienst für Arlis Perry statt. Ausgerechnet in der Memorial Church, am Schauplatz des Verbrechens. Vielen der Trauergäste, insbesondere Ehemann Bruce Perry, fiel es sichtlich schwierig, mit dieser Situation umzugehen. Der Pfarrer tat sein Bestes, dem sinnlosen Tod der jungen Frau eine würdige Bedeutung abzuringen.
Der Trauergemeinde gehörten auch Arlis Perrys Kollegen aus der Anwaltskanzlei an. Einer der Angestellten traute seinen Augen nicht, als er im Anschluss an die Messe der Familie Perry sein Beileid bekundete. Der Mann, der sich ihm als Bruce Perry vorstellte, war definitiv nicht der Bruce Perry, den er erwartet hatte.
Eine Verwechslung
Der Angestellte wandte sich an die Polizei. Am Freitag, dem 10. Oktober, also einen Tag vor dem Mord, habe er beobachtet, wie ein Mann an den Empfang der Rechtsanwaltskanzlei zu Arlis Perry herangetreten sei. Der Fremde habe sich eine Viertelstunde lang sehr intensiv mit Arlis Perry unterhalten. Er habe das Gefühl gehabt, die beiden seien sehr vertraut miteinander gewesen.
Arlis Perry habe ihm aber selbst gesagt, dass sie bisher in Kalifornien noch keine Bekanntschaften geschlossen habe. Deshalb, so der Zeuge, habe er den Besucher spontan für den Ehemann Bruce Perry gehalten. Ein Irrtum, wie sich während des Gottesdienstes herausstellte.
Dem Angestellten war darüber hinaus aufgefallen, dass Arlis Perry dieses Gespräch wohl nicht ganz recht war. So jedenfalls sein spontanes Empfinden. Er habe dies darauf zurückgeführt, dass es ihr vielleicht unangenehm gewesen sei, dass ihr Mann ihr während der Dienstzeit einen Besuch abgestattet habe. Schließlich sei Arlis Perry sichtlich bemüht gewesen, im Büro einen möglichst seriösen und professionellen Eindruck zu hinterlassen. Privatbesuche während der Arbeitszeit hätten dieses Bild getrübt, insbesondere da sie den Job ja gerade erst angetreten habe.
Seltsames Verhalten von Arlis Perry
Nun musste der Zeuge herausfinden, dass es sich gar nicht um ihren Ehemann gehandelt hatte. Aber wer war dann der mysteriöse Besucher? Der Angestellte beschrieb ihn wie folgt: Anfang zwanzig, gepflegte Erscheinung, sympathische Ausstrahlung, circa 1,80 Meter groß, gelocktes blondes Haar, das er aber kurz geschnitten trug. Bestimmt keine Hippietype. Er wirkte eher durchtrainiert wie ein Sportler: breite Schultern, kräftige Statur. Außerdem trug er Jeans und ein kariertes Hemd. Um einen Anwalt habe es sich also definitiv nicht gehandelt.
Der Angestellte wunderte sich noch, dass ihm Arlis Perry den Mann nicht vorgestellt hatte. Auch nachdem er verschwunden gewesen sei, habe sie ihn mit keinem Wort erwähnt. Ähnlich bedeckt habe sie sich gegenüber den übrigen Kollegen verhalten, die den Besuch mitbekommen hätten. Sie setzte einfach ihre Arbeit fort, als sei nichts geschehen.
Bruce Perry perplex
Die Polizei befragte daraufhin Bruce Perry, ob er nicht vielleicht doch seiner Frau an diesem Freitag einen Besuch abgestattet habe. Die Beamten hatten bei Zeugenaussagen schon die tollsten Sachen erlebt. Aber wie sich herausstellte, war Bruce Perry nicht im Büro der Anwaltskanzlei gewesen.
Seine Frau habe ihm sogar ausdrücklich untersagt, dort zu erscheinen. Er habe sie noch nicht einmal anrufen sollen, solange sie sich noch in der Probephase befände. Arlis Perry befürchtete, wie es der Zeuge vermutet hatte, dass dies ihren Arbeitgeber verärgern könne.
So hatte Bruce Perry keinerlei Erklärung für die Beobachtung des Angestellten. Er reagierte im Gegenteil perplex, als die Ermittler ihm eröffneten, jemand habe sich mit seiner Frau eine Viertelstunde lang vertraulich unterhalten. Arlis Perry habe auch an dem besagten Freitag ihm gegenüber nichts von einem Besuch oder einem längeren Gespräch im Büro erwähnt.
Andererseits gab Bruce Perry zu bedenken, dass er es seiner Frau durchaus zutrauen würde, dass sie ihm etwas verschweige, wenn sie der Meinung gewesen sei, dass es ihn hätte aufregen können. Das sei so ihre Art gewesen. Familienmitglieder und Bekannte des Paars bestätigten später diesen Wesenszug von Arlis Perry.
Schließlich fragten die Beamten ihren Ehemann noch, ob die Personenbeschreibung des unbekannten Besuchers ihn an jemanden erinnere, den er kenne. Bruce Perry hatte keinen blassen Schimmer, wer dieser Mann sein könnte.
Ermittler lässt die Spur kalt
Seltsamerweise verzichtete die Polizei auf weitere Nachforschungen hinsichtlich dieser Spur. So fertigte sie zum Beispiel kein Phantombild nach den Angaben von Arlis Perrys Kollegen. Ein überflüssiges Unterfangen aus Sicht der Beamten. Der mysteriöse Fremde war bestimmt ein Kurier oder sonst jemand gewesen, der beruflich in der Kanzlei zu tun hatte. Bloß seltsam, dass ihn keiner der Mitarbeiter, die viel länger als Arlis Perry für die Kanzlei tätig waren, wiedererkannt hatte.
Die Ermittler hielten stattdessen an ihrer Theorie vom spontan agierenden Sexualstraftäter fest. Dieser Ermittlungsansatz hatte aber seine Schwächen. Denn schließlich war die Mordwaffe ein Eispickel. Nicht unbedingt die Art von Gegenstand, den man gewöhnlich mit sich herumschleppte.
Angenommen, man ging davon aus, dass Arlis Perry ein Zufallsopfer war. Dann bedeutete dies im Umkehrschluss, dass der Täter mindestens in dieser Nacht auf der Suche nach einer passenden Gelegenheit länger umhergestreift war.
Oder er hatte gezielt die Memorial Church zum Schauplatz des Verbrechens ausgewählt. Den Ort vermutlich bereits zuvor ausgekundschaftet. Samstagnacht wartete er dann den richtigen Zeitpunkt ab. Kurz vor der Schließung. Eine Frau alleine in der Kirche. Arlis Perry. Wirklich spontan war dieses Vorgehen jedoch nicht.
Jede Menge ungeklärter Fragen
Wenn man hingegen voraussetzte, dass der mysteriöse Fremde in der Kanzlei in dem Mordfall eine wichtige Rolle spielte, ergaben sich daraus eine Reihe interessanter Fragen. Wie hatte er zum Beispiel erfahren, wo er Arlis Perry finden konnte?
Sie arbeitete erst seit dem 1. Oktober für die Firma. Außer ihrem Mann und einigen engen Familienmitgliedern wusste niemand von ihrem neuen Job. Andere Leute in Kalifornien kannte sie nun mal nicht. Sofern er sich also nicht zuvor mit Bruce oder Arlis Perry persönlich unterhalten hatte, konnte er die Adresse der Anwaltskanzlei allenfalls aus dem direkten Umfeld ihrer Familie in Bismarck, North Dakota, bekommen haben.
Als einzige weitere Möglichkeit blieb nur noch, dass der Mann Arlis Perry in den Tagen vor dem Freitag beobachtet hatte und ihr zur Arbeitsstelle gefolgt war. Wozu sollte er das getan haben? Welches Interesse hatte er an der unauffälligen jungen Frau? Und wieso unterhielt er sich so lange mit ihr?
Welche wichtige Botschaft hatte er ihr mitzuteilen, dass ihm Arlis Perry eine Viertelstunde zuhörte, obwohl es ihr nachweislich unangenehm war, wenn sie am Arbeitsplatz Privatbesuche empfing? Zudem tauchte der Mann ausgerechnet 36 Stunden vor dem Mord auf. Sollte er also in irgendeiner Weise in das Verbrechen verwickelt gewesen sein, hätte sich damit das Szenario vom spontanen Sexualmord erledigt.
Die Bundy-Connection
Den Sarg mit der Leiche von Arlis Dykema Perry überführte man nach dem Gedenkgottesdienst in der Stanford Memorial Church in ihre Heimatstadt Bismarck. Dort ereigneten sich nach der Bestattung der Leiche zwei weitere seltsame Vorfälle, für die es keine befriedigende Erklärung gab.
Zum einen verschwand wenige Tage nach ihrer Beerdigung ein Marker von ihrem Grab. Es war unwahrscheinlich, dass es sich dabei um einen zufälligen Akt von Vandalismus gehandelt hatte. Denn an keinem der anderen Gräber ließen sich irgendwelche Beschädigungen feststellen.
Klar, möglicherweise hatte sich ein verrückter Souvenirjäger an der Grabstätte vergriffen. Arlis Dykema Perry war durch den Mord unfreiwillig zur Berühmtheit in der Kleinstadt geworden. Aber auch ihr Mörder hatte bereits nachweislich mehrere persönliche Gegenstände von Arlis Perry an sich genommen. Aller Voraussicht betrachtete er sie als seine Trophäen. Man konnte nicht ausschließen, dass ihr Grab erneut seine Begehrlichkeiten geweckt hatte.
Gerüchte über einen satanischen Kult
Schließlich machten in Bismarck Gerüchte die Runde, die auch den Eltern von Arlis Dykema Perry zu Ohren kamen. Angeblich sei ihre Tochter mit einer Bekannten eines Tages nach Mandan gefahren, einer Nachbarstadt von Bismarck.
Das habe sich in einer Zeit zugetragen, als ihr späterer Mann Bruce bereits in Stanford studiert habe, sie selbst aber noch in North Dakota gelebt habe. Arlis Dykema Perry und ihre Freundin hätten in Mandan einige Anhänger eines satanischen Kults zum rechten Glauben bekehren wollen. Das hätte zu Arlis Perry gepasst.
Bedauerlicherweise wusste aber niemand, wer die Bekannte gewesen war. Man vermutete, dass es sich um ein Mitglied von »Young Life« handelte, der Vereinigung evangelischer Studenten. Man befragte Angehörige von »Young Life« nach dem Gerücht.
Sie hatten ebenfalls davon gehört, hielten es prinzipiell auch für möglich, dass zwei Mitglieder ihres Vereins solche Personen missionieren wollten, aber konnten keine konkreten Angaben zu dem Geschehen machen. Kurzum: Die Geschichte blieb ein Gerücht.
Damit konnten die Ermittlungsbeamten nichts anfangen. Genauso wenig führte sie allerdings die Suche nach dem Triebtäter zum Erfolg. So wanderte der Fall nach einigen Monaten auf den Aktenstapel mit den ungelösten Fällen. Von Zeit zu Zeit kramte ein Beamter die verstaubte Akte hervor und legte sie alsbald wieder zur Seite. Nur die Eltern von Arlis Perry und ihr Ehemann blieben hartnäckig und erkundigten sich alle sechs Monate im Sheriffbüro von Santa Clara County nach den neuesten Erkenntnissen in dem Fall. Vergeblich.
Ted Bundy kannte Stanford
Als man den Serienmörder Ted Bundy verhaftete, flackerte vorübergehend Hoffnung auf, den Mordfall Arlis Perry doch noch klären zu können. 1974 hatte Bundy in verschiedenen Bundesstaaten der Westküste mindestens zwölf Morde verübt.
Er hatte einen konkreten Bezug zu San Francisco, das nicht weit entfernt von Stanford lag. Dort lebte seine vermeintlich große Liebe, die für ihn unerreichbar schien. Nach Meinungen einiger Experten war sie quasi der Auslöser für die Mordserie. Die meisten von Bundys Opfern ähnelten dieser Frau äußerlich sehr stark.
Bundy hatte sich nachweislich mehrfach in San Francisco aufgehalten und war dort auch unangemeldet aufgekreuzt. Noch besser: 1968 hatte er ein Stipendium erhalten, ein Sommersemester lang an der Universität von Stanford zu studieren. Zudem fand man in Ted Bundys VW-Käfer neben Handschellen und einem Brecheisen einen Eispickel, als man ihn festnahm. Bundys sprach seine Opfer bevorzugt auf dem Campus von Universitäten an oder im direkten Umfeld dazu. Es gab also einige Indizien, die auf Ted Bundy als potenziellen Mörder von Arlis Perry hindeuteten.
Aber so weit sich das nach dem Erkenntnisstand der Ermittler sagen ließ, weilte Bundy im Oktober 1974 in Salt Lake City, Utah. Am 2. Oktober 1974 tötete er dort die 16-jährige Nancy Wilcox, am 18. Oktober die 17-jährige Melissa Smith. Für den 11. Oktober existierte ein Kreditkartenbeleg, aus dem hervorging, dass er an diesem Tag in Salt Lake City getankt hatte. Am 13. Oktober wiederum hatte er in den frühen Morgenstunden ein Telefonat geführt – ebenfalls von einem Anschluss in Salt Lake City.
Die Entfernung zwischen Stanford und Salt Lake City beträgt rund 1.200 Kilometer. Mit seinem Käfer hätte er für diese Strecke mehr als zwölf Stunden benötigt. Es war also ein Ding der Unmöglichkeit, dass er um Mitternacht Arlis Perry umgebracht hatte und keine vier Stunden später in Salt Lake City telefonierte.
Opfer einer satanistischen Verschwörung?
Jahre später kam erneut Bewegung in den Fall. Im Februar 1979 erhielt Lieutenant Terry Gardner vom Ward County Sheriff Department in Minot, North Dakota, ein seltsames Päckchen. Es enthielt lediglich ein Buch über Hexerei mit dem Titel »Anatomy of Witchcraft«.
In dem Büchlein war eine Stelle dick unterstrichen. Sie beschrieb einen satanischen Kult namens »Process Church« und das Zitat lautete: »Du sollst töten. Sie sagen, dass ihre Bestimmung darin liegt, das Ende der Welt herbeizuführen – durch Mord, Gewalt und Chaos. Aber sie, die Auserwählten, würden das Chaos überleben und eine neue Welt zum Ruhme Satans erbauen.« Neben dem Zitat stand eine handschriftliche Anmerkung: »Arlis Perry. Gejagt, verfolgt und erlegt. Nach Kalifornien gefolgt. Stanford University.«
Der Fall Arlis Perry war Lieutenant Gardner aus North Dakota durchaus ein Begriff. Der gesamte Bundesstaat hatte gerade einmal 670.000 Einwohner. Da bekommen die Polizeibehörden schon mit, wenn einer ihrer Einwohner unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt.
Gardner schaute auf den Absender des Päckchens. Und jetzt wurde die Angelegenheit vollends rätselhaft. Das Buch stammte von einem Gefängnisinsassen namens David Berkowitz, auch bekannt als »Son of Sam« – der berühmteste Serienmörder in der Geschichte von New York City. Was wusste der verurteilte Serienkiller über den Mordfall in Kalifornien? Was hatte die ominöse »Process Church« damit zu tun?
Die Process Church und Charles Manson
Die »Process Church« war ursprünglich eine Abspaltung der Scientology-Kirche und wurde in den 1960ern von Robert und Mary Ann De Grimston in England gegründet. Die Religionsgemeinschaft geriet schnell in den Ruf, eine Ansammlung von Satanisten zu beherbergen. Die Kirchengründer, das Ehepaar De Grimston, glaubte nämlich, dass am Tage des Jüngsten Gerichts Christus und Satan Hand in Hand zusammenarbeiten würden. Jesus würde dann über jeden Menschen zu Gericht sitzen, der Teufel würde die Urteile vollstrecken.
Was immer man davon halten will, laut dem Staatsanwalt Vincent Bugliosi sei Charles Manson auf diesen Kult voll abgefahren und Mitglied gewesen. Bugliosi war Chefankläger im Mordprozess gegen Manson und seine »Helter Skelter«-Bande.
Er schrieb später einige Bestseller über berühmte Kriminalfälle: »Helter Skelter« über Charles Manson; »Outrage« über den Prozess gegen O.J. Simpson; »And the Sea Will Tell« über das geheimnisvolle Verschwinden des Ehepaars Graham während eines Segeltörns durch die Südsee; und eine 1.600 Seiten dicke Schwarte über das Attentat auf Präsident John F. Kennedy mit dem Titel »Reclaiming History«.
Verhör von David Berkowitz
Lieutenant Gardner verständigte seine Kollegen im Santa Clara County in Kalifornien. Ken Kahn, einer der Beamten, die den Mordfall Arlis Perry untersuchten, reiste daraufhin nach New York und sprach mit David Berkowitz im Gefängnis von Attica.
Aber nach dem Gespräch war Kahn überzeugt, dass Berkowitz keinerlei Kenntnisse über das Verbrechen hatte. Das, was er mitzuteilen wusste, hatte bereits in den Zeitungen gestanden. Für Kahn stand fest: Der Typ wollte sich nur wichtig machen und gierte nach ein wenig Aufmerksamkeit.
Der Journalist Maury Terry sah das anders. Er ging diesen Spuren nach, schrieb ein Buch über seine Recherchen mit dem Titel »The Ultimate Evil« und suchte später auch den persönlichen Kontakt zu David Berkowitz. Terrys Credo: Die Charles-Manson-Morde, die Son-of-Sam-Morde und der Mordfall Arlis Perry seien alle von einem satanistischen Netzwerk begangen worden, das in den gesamten USA verbreitet sei.
Ursprünglich handele es sich dabei um die »Process Church«, die aber inzwischen mehrfach umbenannt worden sei. Berkowitz sei bloß ein kleines Rädchen im Getriebe gewesen, eine Art Erfüllungsgehilfe. Seit Mitte der 1990er hat sich Berkowitz dieser Sicht der Dinge ebenfalls angeschlossen und äußert sich in Interviews ganz ähnlich.
„Manson II“
Laut Maury Terry und David Berkowitz heiße der mutmaßliche Mörder von Arlis Perry William Mentzer, kultintern nur »Manson II« genannt. William Mentzer erlangte als Mörder des Hollywoodproduzenten Roy Radin eine gewisse Bekanntheit.
Gemäß Maury Terry habe Arlis Perry sterben müssen, weil sie vielleicht etwas gesehen oder gehört habe, bei dem sie nicht Zeuge sein durfte. Der Kult habe Angst gehabt, Perry könne sie verpfeifen. Möglicherweise habe Arlis Perry herausgefunden, dass eine hochrangige Person aus ihrer Heimatstadt Bismarck Mitglied des Kults gewesen sei.
Und natürlich musste mal wieder Aleister Crowley herhalten, der Grandmaster Flash der modernen Satanisten. Wann hatte der nochmals Geburtstag? Richtig. Am 12. Oktober. Gut, am 12. Oktober 1875 und nicht am 12.10.1874, womit der Mord exakt auf den 100. Jahrestag gefallen wäre. Aber bestimmt ist so eine krumme 99 auch viel teuflischer als eine hundsgewöhnliche 100.
Terry zog Vergleiche zwischen Symbolen, die Satanisten wie etwa Crowley verwendeten, und der Auffindesituation am Tatort. Im linken Bild sieht man eine schematische Darstellung der Position von Arlis Perrys Beinen und der Hose. In der Mitte Aleister Crowleys »unikursales Hexagramm«. Rechts das Symbol der Freimaurer, Winkel und Zirkel.

Obgleich das Buch einiges Aufsehen erregte, glaubten die mit den Ermittlungen betrauten Beamten nicht an die Zusammenhänge. Sie sahen in Terry eher einen geschäftstüchtigen Buchautor, der mit wilden Verschwörungstheorien die Kasse klingeln ließ, und in David Berkowitz einen überführten Serienmörder, der Jahrzehnte nach seinen Taten plötzlich seine Hände in Unschuld waschen wollte.
Ermittlungen eingestellt
Die Beamten hofften stattdessen, dass sie eines Tages von den Fortschritten der Forensik profitieren würden. Als ein landesweites Computersystem für Vergleichsanalysen von Fingerabdrücken eingeführt wurde, glichen sie ihre Abdrücke mit der Datenbank ab. Das Ergebnis war negativ. Als die DNS-Analyse aufkam, verglichen sie das Sperma, das sie am Tatort sicherstellen konnte, mit der Datenbank. Wieder Fehlanzeige.
So sind die Ermittlungen in dem Mordfall Arlis Perry inzwischen praktisch eingestellt worden. Bis vor etwa fünf Jahren telefonierten Marvin und Jean Dykema, die Eltern von Arlis Perry, noch regelmäßig mit dem Sheriffbüro des Santa Clara County. Dann rief sie eines Tages niemand mehr zurück. Die Eltern haben sich damit abgefunden, dass sich in der dortigen Polizeibehörde offensichtlich niemand mehr für den Fall zuständig fühlt.
Bruce Perry heute
Bruce Perry hat nach dem Mord an seiner Frau nochmals geheiratet und eine Familie gegründet. Das Verbrechen war für ihn verständlicherweise ein gewaltiger Einschnitt in seinem Leben. Er gab seinen ursprünglichen Plan auf, eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Stattdessen studierte er Psychologie. Die Auseinandersetzung mit Gewalt und Kriminalität sollte auch sein weiteres Leben prägen.
Heute ist Bruce Perry ein anerkannter Experte für die Traumabehandlung von minderjährigen Verbrechensopfern. Durch seine Arbeit kam er in direkte Berührung mit so bekannten Kriminalfällen wie dem Amoklauf an der Columbine Highschool, dem Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City und der Erstürmung der Siedlung Mount Carmel Center nahe Waco, Texas, in der sich die Anhänger von David Koresh verschanzt hatten.
UPDATE 30.6.2018: Mörder endlich ermittelt
Es ist ziemlich genau vier Jahre her, dass ich an dieser Stelle über den ungelösten und rätselhaften Mordfall geschrieben habe. 44 Jahre nach dem Verbrechen ist es der Polizei nun endlich gelungen, den Täter zu ermitteln. Auf diese Entwicklung wies mich zunächst eine aufmerksame Leserin hin (siehe Kommentare unten). Dafür nochmals vielen Dank.
Bei dem Mörder handelt es sich laut Polizeiangaben zweifelsfrei um Steve Crawford, der in diesem Text bereits von mir erwähnt wurde. Crawford war in der Mordnacht als Wachmann für das Verschließen der Kirche zuständig und „fand“ später gegen 6.00 Uhr morgens die Leiche von Arlis Perry. Der Wachmann galt schon damals als Tatverdächtiger.
Auch in den vier Jahrzehnten nach der Tat hatte das für die Ermittlungen zuständige Sheriff-Büro des Santa Clara County den Mann im Visier. Die Behörden hatten jedoch nie genug Beweismaterial in Händen, um Crawford zu verhaften und eine Anklage vorzubereiten.
Dies änderte sich kürzlich dank des DNS-Nachweises. Offenbar war es den Beamten gelungen, in der Kleidung von Arlis Perry DNS-Spuren ihres Mörders sicherzustellen. Um welche Spuren es sich dabei genau handelte, konnte ich den Presseberichten bisher nicht entnehmen. Möglicherweise das weiter oben bereits genannte Sperma, das in der Vergangenheit schon einmal für einen DNS-Abgleich herangezogen wurde.
Aber dieses Mal lautete das Ergebnis der Untersuchung: Das Spurenmaterial ließ sich eindeutig Steve Crawford zuordnen. Als die Polizisten Crawford am 28. Juni 2018 zu Hause mit einem Durchsuchungsbeschluss aufsuchten, erschoss sich der Tatverdächtige in seiner Wohnung und verstarb an Ort und Stelle.
In der Pressemeldung der Polizei von San Jose/Kalifornien – Crawfords Wohnort – heißt es zu dem Vorfall: „Als die Beamten den Durchsuchungsbeschluss zustellen wollten, standen sie zunächst vor einer geschlossenen Haustür. Sie nahmen verbalen Kontakt zu einer Person in der Wohnung auf. Als die Polizisten die Wohnung betraten [Anmerkung: Originaltext enthält keinen Hinweis, ob der Bewohner die Tür öffnete oder die Polizisten], sahen sie einen erwachsenen Mann mit einer Handfeuerwaffe.“
„Die Beamten zogen sich daraufhin sofort zurück. Kurze Zeit später war ein Schuss zu hören. Keiner der Polizisten hat jedoch seine Waffe abgefeuert. Die Beamten betraten schließlich das Haus und entdeckten eine erwachsene, männliche Person, die sich offensichtlich selbst eine Schusswunde zugefügt hatte. Der Mann wurde am Tatort für tot erklärt. In der Wohnung war niemand sonst anwesend oder verletzt.“
Trotz des Selbstmordes des mutmaßlichen Täters dauern die Ermittlungen derzeit noch an. Die Polizei hofft, bei der Wohnungsdurchsuchung weitere Indizien zu finden, die Steve Crawford mit dem Verbrechen an Arlis Perry in Verbindung bringen.
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Kapitelübersicht zum Fall Arlis Perry
- Kapitel 1: Mord in Stanford
- Kapitel 2: Ermittlungen und die Lösung des Falls