Am 16. August 1975 machte der Streifenpolizist Bob Hayward im Salt Lake County Jagd auf Verkehrssünder. Dem Beamten der Utah Highway Patrol fiel am Abend ein VW-Käfer auf, der ohne Licht fuhr. Zudem hatte er den Wagen noch nie in der Gegend gesehen. Bob Hayward kannte praktisch alle Einwohner des County persönlich. Hayward nahm die Verfolgung auf.
Als er zum Käfer aufgeschlossen hatte, blendete er die Scheinwerfer auf, um das Nummernschild lesen zu können. Der Fahrer vor ihm beschleunigte umgehend seinen Wagen. Die ungleiche Verfolgungsjagd zwischen VW-Käfer und hochfrisiertem Polizeifahrzeug war schnell beendet. Bob Hayward stellte den Flüchtigen, nachdem dieser noch zwei Stoppschilder überfahren hatte. Das würde teuer werden, Freundchen, dachte sich der Streifenbeamte.
Inhaltsverzeichnis
Ted Bundy – Kapitel 3
Verräterische Fundstücke
Bob Hayward forderte den Fahrer auf, auszusteigen und den Führer- und Fahrzeugschein vorzuzeigen. »Theodore Robert Bundy« las der Polizist auf dem Führerschein, der in Washington ausgestellt worden war. Was hatte der Bursche hier zu suchen? Hayward hatte Glück, dass in diesem Moment eine weitere Streifenwagenbesatzung den Highway entlangfuhr und anhielt. Wäre er noch länger alleine mit Bundy geblieben, hätte die Sache tödlich für ihn ausgehen können.
So konnte er das Fahrzeug genauer unter die Lupe nehmen, während seine Kollegen dessen Fahrer in Schach hielten. Hayward leuchtete mit der Taschenlampe ins Wageninnere. Der Beifahrersitz fehlte. Auf der Rückbank lagen einige interessante Gegenstände herum. Eine Skimütze. Ein Seil. Draht. Handschellen. Ein Eispickel. Und eine Brechstange. Das waren die typischen Werkzeuge eines Einbrechers. Bundy behauptete, die Skimaske benutze er zum Skifahren. Die Handschellen habe er in einem Müllcontainer gefunden. Und der Rest seien gewöhnliche Haushaltsgegenstände. Die Beamten glaubten ihm kein Wort und nahmen Ted Bundy fest.

Detective Jerry Thompson wird misstrauisch
Zurück auf der Wache vernahm Detective Jerry Thompson den verdächtigen Fahrer. Als Thompson die vermeintlichen Einbruchswerkzeuge musterte, erinnerte er sich an den Fall Carol DaRonch aus dem November 1974. Bundy fuhr wie der unbekannte Angreifer einen VW-Käfer. Carol DaRonch hatte ein Brecheisen und Handschellen beschrieben, die sich im Besitz ihres Peinigers befunden hatten. Die Handschellen, die man nun in Bundys Wagen sichergestellt hatte, waren vom selben Hersteller und der gleichen Marke.
Außerdem stutzte Thompson, als er den Namen des Mannes erfuhr: Theodore Robert Bundy. Hatte ihn nicht im Dezember 1974 eine Frau angerufen, die einen Mann mit diesem Namen als möglichen Täter in der Serie ungeklärter Vermisstenfälle bezichtigt hatte? War Theodore Robert Bundy also in Wahrheit ein Serienmörder?
Ted Bundy stritt zwar bei der Befragung alle diesbezüglichen Vorwürfe ab, doch Thompson war misstrauisch geworden und erwirkte einen Durchsuchungsbeschluss für seine Wohnung. Dort fanden die Beamten einen Reiseführer für die Skigebiete von Colorado. Hinter der Beschreibung des »Wildwood Inn« in Snowmass Village stand ein Häkchen. Außerdem hatte Bundy eine Broschüre aufbewahrt, in der eine Werbeanzeige für das Theaterstück an der Viewmont Highschool in Bountiful abgedruckt war. Das waren zweifellos interessante Indizien, aber sie reichten nicht aus, um den Mann in Haft zu behalten.
Ted Bundy unterschrieb ein Schuldanerkenntnis wegen der Verkehrsvergehen, die man ihm vorwarf, und durfte gehen. Später erzählte er, dass er zum damaligen Zeitpunkt noch Polaroidfotos von seinen Opfern in der Waschküche versteckt hatte. Die Beamten hatten seine Wohnung nicht gründlich genug untersucht. Er konnte die belastenden Bilder vernichten, nachdem er nach Hause zurückgekehrt war.

Elizabeth Kloepfer berichtet interessante Details
Die Kriminalbeamten hatten jedoch Verdacht geschöpft und observierten Ted Bundy rund um die Uhr. Jerry Thompson flog darüber hinaus nach Seattle, um Elizabeth Kloepfer nochmals persönlich zu befragen. Die Befragung fand am 16. September 1975 im Hauptquartier der King County Police in Seattle statt. Elizabeth Kloepfer war sichtlich nervös und angespannt. Doch sie war zu einer Aussage bereit. Sie erzählte Jerry Thompson, dass sie im Vorjahr auf einige Dinge in ihrer Wohnung gestoßen war, für deren Vorhandensein ihr keine plausiblen Gründe in den Sinn kommen wollten:
- ein Paar Krücken;
- eine Tüte mit Gips, die Bundy angeblich aus einem Sanitätshaus hatte mitgehen lassen;
- ein Fleischerbeil, das er nie zum Kochen benutzt hatte, aber mit nach Utah genommen hatte;
- OP-Handschuhe;
- ein Krummdolch, den er in seinem Handschuhfach aufbewahrte;
- und einen Sack voller Frauenkleider.
Im Kofferraum ihres Autos hatte Ted Bundy zudem einen Kreuzschlüssel deponiert, den er am Griff mit Klebeband versehen hatte. Elizabeth Kloepfer fuhr ebenfalls einen VW-Käfer, den Bundy häufiger ausgeliehen hatte. Er behauptete, mit dem Kreuzschlüssel wolle er sich gegen Überfälle schützen.
Ted Bundy steht auf lange Haare und Fesselspiele
Ted Bundy hatte ständig bei allen möglichen Leuten Schulden. Elizabeth Kloepfer hatte ihn schon geraume Zeit in Verdacht, dass er alles in seinem Besitz, das einen gewissen Wert darstellte, irgendwo gestohlen hatte. Einmal hatte sie ihn deshalb zur Rede gestellt. Da hatte er einen nagelneuen Fernseher und eine hochwertige Stereoanlage angeschleppt. Er warnte sie unmissverständlich. Sollte sie irgendjemandem davon erzählen, würde er ihr »den Hals umdrehen«, wie er sich wörtlich ausdrückte.
Laut Elizabeth Kloepfer reagierte Ted Bundy auch jedes Mal sehr aufgebracht, wenn sie sich die Haare kürzer schneiden lassen wollte. Kloepfer trug langes Haar, das in der Mitte gescheitelt war. Einige Male war sie nachts aufgewacht und hatte Bundy mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke überrascht. Er hatte augenscheinlich ihren Körper eingehend betrachtet. Bundys Interesse, mit ihr zu schlafen, habe in den letzten Jahren kontinuierlich nachgelassen. Wenn er dann mal Lust gezeigt habe, sei der sexuelle Kontakt rasch ins Extreme abgekippt.
Ted Bundy habe zum Beispiel Fesselspiele von ihr verlangt. Am Anfang habe sie sich noch darauf eingelassen, obwohl sie keinen Spaß daran gehabt habe. Doch als es ihm schließlich nur noch darum gegangen sei, habe sie sich irgendwann geweigert. Sie habe ihm rundheraus gesagt, dass sie nicht mehr bei seinen Sexfantasien mitmachen wolle. Das habe ihn fürchterlich in Rage gebracht.
Jerry Thompson befragte Elizabeth Kloepfer auch nach den Alibis von Ted Bundy für die Zeitpunkte, als in Washington die jungen Frauen verschwunden waren. Sie wusste schlicht nicht, ob er zu Hause gewesen war oder nicht. Oft schlief er tagsüber und verließ die Wohnung, sobald es dunkel war. Wohin er ging, sagte er ihr nicht. Er machte sich noch nicht einmal die Mühe, Ausreden zu erfinden.
Sie konnte sich aber erinnern, dass Ted Bundy im Juli 1974 einige Tage in den Lake Sammamish Park gefahren war. Er hatte behauptet, dass er dort Wasserski fahren wolle. Wie sich anhand ihrer Angaben rekonstruieren ließ, waren Janice Ott und Denis Naslund genau eine Woche nach seinem Aufbruch verschwunden.
Konkrete Indizien
Im September 1975 verkaufte Ted Bundy seinen VW-Käfer an einen Teenager aus Midvale. Die Polizei in Salt Lake City beschlagnahmte den Wagen und schafften ihn ins FBI-Labor. Die Techniker fanden Haare, die vermutlich von Caryn Campbell, Melissa Smith und Carol DaRonch stammten. Vergleichsanalysen von Haaren waren in den 1970ern nicht annähernd so präzise wie heutige DNA-Analysen. Andererseits war es äußerst unwahrscheinlich, Haare von drei unterschiedlichen Personen, die sich nie im Leben begegnet waren, an einem Fleck zu finden.
Im Zuge der Ermittlungen ergaben sich weitere Hinweise, die Ted Bundy mit den Opfern in Verbindung brachten:
- Eine Cousine von Ted Bundy kannte Lynda Healy persönlich.
- Weitere Augenzeugen bestätigten nun, dass Bundy sich an dem Tag am Lake Sammamish aufgehalten habe, als Janice Ott und Denise Naslund verschwunden waren.
- Ein Bekannter von Bundy bezeugte, dass er im Handschuhfach von Bundys Wagen Strumpfhosen gesehen habe.
- Außerdem habe sich Bundy öfters in den Taylor Mountains aufgehalten; dort hatte die Polizei inzwischen mehrere Leichen von Opfern gefunden.
- Kreditkartenabrechnungen belegten, dass Bundy in mehreren Orten, in denen Opfer verschwunden waren, getankt hatte.
- Eine Bekannte hatte Ted Bundy mit einem Gipsarm herumlaufen sehen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt nicht in ärztlicher Behandlung gewesen war.
Gegenüberstellung
Am 2. Oktober 1975 bat man Carol DaRonch sowie eine Freundin von Debra Kent und die Regisseurin des Theaterstücks an der Viewmont Highschool zu einer Gegenüberstellung auf das Polizeirevier. Alle drei identifizierten Ted Bundy als den gesuchten Tatverdächtigen. Bundy beteuerte seine Unschuld. Im Fall Debra Kent reichten die Beweise noch nicht aus, um ihm einen Mord anzuhängen. Aber im Oktober 1975 waren die Kriminalbeamten überzeugt, dass Ted Bundy Carol DaRonch entführt hatte. Es erging Haftbefehl und Anklage.
Ted Bundy kam gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von 15.000 $ wieder auf freien Fuß. Seine Eltern brachten das Geld auf. Die Zeit zwischen Anklageerhebung und Prozess verbrachte er zum größten Teil bei Elizabeth Kloepfer in Seattle. Die dortigen Ermittlungsbehörden hatten nicht genügend Beweise in Händen, um ihm die Morde in Washington und Oregon nachzuweisen. Dennoch überwachte die Polizei in Seattle jeden seiner Schritte. Bundy ließen die Vorwürfe kalt. Er blieb dabei: Er hatte mit den Morden und dem Verschwinden der Frauen nichts zu tun.
Konferenz der Ermittler
Im November trafen sich die drei leitenden Mordermittler – Jerry Thompson aus Utah, Robert Keppel aus Washington und Michael Fisher aus Colorado – zu einer Konferenz in Aspen, Colorado. An dem Treffen nahmen dreißig Kriminalbeamte und Anwälte teil, die sich mit den ungeklärten Mordserien beschäftigten. Man war sich über zwei Dinge einig:
- Ted Bundy war ihr gesuchter Täter.
- Man hatte noch nicht genügend Beweise, um ihm die Mordserien nachweisen zu können.
Also durchleuchteten die Beamten nun Bundys komplette Lebensgeschichte, um herauszubekommen, mit wem sie es hier eigentlich zu tun hatten. Sie waren sicher, sie würden etwas finden, wenn sie nur tief genug wühlten.
Ted Bundy Biografie
Ted Bundy kam am 24. November 1946 in Burlington, Vermont, zur Welt. Aber weder war Burlington seine Heimatstadt noch Bundy sein Geburtsname. Sein Geburtseintrag lautete auf den Namen Theodore Robert Cowell. Cowell war der Mädchennamen von Ted Bundys Mutter Louise. Der leibliche Vater steht nicht mit Sicherheit fest. Die Geburtsurkunde nennt einen Verkäufer und ehemaligen Soldaten der Air Force namens Lloyd Marshall als Erzeuger. Doch Louise Cowell behauptete später, dass sie von einem Seemann, der eventuell Jack Worthington hieß, verführt worden sei. Einige Familienmitglieder äußerten hingegen den Verdacht, dass Louise Cowells eigener Vater Samuel, der als gewalttätig galt, seine Tochter möglicherweise sexuell missbraucht hatte. Für diese Behauptung existiert bisher aber kein Beweis.
Kindheit
Wer auch immer der Vater gewesen sein mag – ein uneheliches Kind galt zu dieser Zeit noch als Schande. Drei Monate vor der Niederkunft verließ Louise Cowell ihre Heimatstadt Philadelphia und zog in ein Heim für ledige Mütter nach Vermont. Nach der Geburt kehrte Louise Cowell mit ihrem Sohn wieder zurück zu ihren Eltern. Offiziell wurden nun Theodore Bundys biologische Großeltern Samuel und Eleanor Cowell seine Eltern und seine leibliche Mutter zur älteren Schwester. Ted Bundys Kindheit begann mit einer großen Lüge.

Wann und wie Ted Bundy diese Scharade durchschaute, ist unklar. Einer Freundin erzählte er mal, dass ein Cousin ihn eines Tages »Bastard« geschimpft und eine Kopie seiner Geburtsurkunde unter die Nase gehalten habe. Den Autoren Stephen Michaud und Hugh Aynesworth gegenüber äußerte er jedoch, dass er selbst die Urkunde per Zufall entdeckt habe. Die Autorin Ann Rule, die Bundy persönlich kannte, glaubt hingegen, dass er erst 1969 hinter das Familiengeheimnis kam, als er in Vermont seiner Vergangenheit nachrecherchierte. Ted Bundy hegte nach der Entdeckung einen lebenslangen Groll gegenüber seiner Mutter, weil sie ihm seine wahre Herkunft verschwiegen hatte und er die Wahrheit selbst herausfinden musste.
Der Großvater
Über seine Großeltern sprach Ted Bundy hingegen zeit seines Lebens sehr herzlich. Er respektierte insbesondere seinen Großvater Samuel als Autoritätsperson und sah in ihm ein Vorbild. Laut anderer Familienmitglieder war jener Samuel Cowell ein tyrannischer Schläger und religiöser Eiferer, der Schwarze, Italiener, Katholiken und Juden gleichermaßen hasste, seine Frau sowie den Familienhund schlug und die Katzen der Nachbarschaft mit Vorliebe an den Schwänzen herumschleuderte. Außerdem brabbelte er laut vor sich hin und unterhielt sich mit imaginären Gestalten.
Ted Bundy beschrieb seine Großmutter als schüchterne und gehorsame Frau, die sich in regelmäßigen Abständen einer Elektroschocktherapie unterzog, weil sie unter Depressionen litt. Gegen Ende ihres Lebens wurde sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Und auch der junge Ted Bundy zeigte laut seiner Tante Julia Cowell schon sehr frühzeitig gewisse Verhaltensauffälligkeiten. Sie erinnerte sich, eines Tages nach einem Mittagsschlaf aufgewacht zu sein und um sich herum eine Reihe von Küchenmessern vorgefunden zu haben. Ihr dreijähriger Neffe stand neben dem Bett, sagte nichts und lächelte bloß.
Ted Bundy und Johnny Culpepper Bundy
1950 zog Louise Cowell mit ihrem angeblichen Bruder Ted zu Verwandten nach Tacoma, Washington. Dort verliebte sie sich in den Kantinenkoch Johnnie Culpepper Bundy, den sie im Mai 1951 heiratete. Nun bekam der 5-jährige Theodore Cowell den Namen seines Stiefvaters verpasst, den er für den Rest seines Lebens behalten würde: Ted Bundy. Aus der Ehe gingen vier weitere Kinder hervor.

Johnnie Bundy bemühte sich, zu dem Stiefsohn eine Vater-Sohn-Bindung aufzubauen. Er unternahm Camping- und Angelausflüge mit dem Jungen, ging zu Sportveranstaltungen, in den Zoo oder den Zirkus. Was Väter mit ihren Söhnen so unternahmen. Es gelang ihm nicht, einen rechten Draht zu dem Jungen zu entwickeln. Ted Bundy reagierte nicht aggressiv auf die unerwünschte Zuwendung, wie man es gelegentlich bei Kindern beobachten kann. Ted Bundy verhielt sich gegenüber Johnny Culpepper Bundy einfach nur kühl und reserviert. Ihm gingen die Vater-Sohn-Aktivitäten zunehmend auf den Geist und er wollte lieber für sich allein sein, wie er in späteren Jahren offenbarte.

Spanner mit hohem IQ
Er schlich gerne alleine durch die Nachbarschaft, beobachtete heimlich die Menschen und durchwühlte die Mülltonnen nach Illustrierten, in denen Bilder von nackten Frauen abgebildet waren. Laut seiner Anwältin Polly Nelson habe er auch reihenweise Kriminalromane, Groschenheftchen mit Detektivgeschichten und Sachbücher über wahre Verbrechen verschlungen. Insbesondere, wenn in den Geschichten sexuelle Gewalt vorkam oder Fotos von Leichen und verstümmelten Körpern abgedruckt waren. Gegenüber Ann Rule, die ihn persönlich darauf ansprach, äußerte er sich allerdings gegenteilig. Solch einen Schund habe er sich nie durchgelesen.
Während seiner Jugendzeit war Ted Bundy sehr schüchtern. Der Umgang mit anderen Menschen stresste ihn. »Ich verstand nicht, warum Menschen unbedingt miteinander befreundet sein wollten«, äußerte er später einmal. Er litt unter Selbstzweifeln. Seine Mitschüler witterten die Schwäche. Sie hänselten ihn und er diente oft als Zielscheibe von Streichen. Dafür war er den Gleichaltrigen auf anderen Gebieten überlegen. Er war ein sehr guter Schüler mit einem exzellenten Notendurchschnitt. Später maß man bei Ted Bundy einen IQ von 136.

Seinen Frust über die Zurückweisung durch andere schluckte er im wahrsten Sinne des Wortes herunter. Bereits im Teenageralter betrank er sich regelmäßig. Wenn er gesoffen hatte, streunte er durch die Nachbarschaft und hoffte darauf, hinter einem der erleuchteten Fenster eine Frau zu entdecken, die sich gerade auszog.
Ted Bundy blüht auf
Als Ted Bundy von der Mittel- in die Oberstufe wechselte, blühte er regelrecht auf. Der einst schüchterne Jüngling wandelte sich in einen geselligen jungen Mann. Das wirkte sich auf die Wahrnehmung durch seine Mitschüler aus. Plötzlich war er nicht mehr Zielscheibe des Spotts, sondern er sammelte in den Highschool-Jahrbüchern Bewertungen wie »besonders gut angezogen« und »gut erzogen«.

Doch sein neues Selbstbewusstsein war in mancherlei Hinsicht bloß Fassade. Zum einen traute er sich nach wie vor kaum, ein Mädchen anzusprechen. Seine Verabredungen während der Highschoolzeit ließen sich an einer Hand abzählen. Er stürzte sich in seiner Freizeit stattdessen in andere Aktivitäten. Er entdeckte seine Passion für den Skisport.
Zum anderen half er seinem neu gewonnenen Selbstvertrauen mit unlauteren Mitteln nach. Die teure Skiausrüstung, mit der er sich vor seinen Freunden brüstete, hatte er gestohlen. Die Skipässe für die angesagten Abfahrtpisten in den Kaskaden hatte er gefälscht. Während seiner Highschoolzeit wurde er mindestens zweimal wegen Laden- und Autodiebstahl verhaftet. Als er 18 wurde, löschte man sein Vorstrafenregister aus Jugendtagen, wie es das Gesetz im Staate Washington verlangte. Die Sonderkommissionen in Washington, Utah und Colorado ahnten also nicht, dass Bundy bereits frühzeitig kriminelles Verhalten offenbart hatte.
Die Traumfrau
Nachdem er 1965 die Schule abgeschlossen hatte, wechselte er an die University of Puget Sound, dann ein Jahr später an die University of Washington, an der er zunächst Chinesisch studierte. Sein Studium finanzierte er durch Jobs als Kellner oder Schuhverkäufer. Er hielt es selten längere Zeit auf einer Stelle aus. Etliche Arbeitgeber erinnerten sich an ihn als sehr unzuverlässig. An der Uni war er zunächst das genaue Gegenteil. Er war fleißig und ergatterte gute Noten – bis zum Frühjahr 1967. Da traf Ted Bundy seine Traumfrau.

Stephanie Brooks (Pseudonym) war belesen, intelligent, attraktiv und stammte aus einer vermögenden kalifornischen Familie. Bundy und Brooks hatten sich beim Skifahren kennengelernt. Die Leidenschaft für diesen Sport blieb der Kitt der Beziehung. Denn Stephanie Brooks war keineswegs so vernarrt wie umgekehrt Bundy. Sie mochte ihn gerne leiden, hatte Spaß, wenn sie Zeit miteinander verbrachten. Aber aus ihrer Sicht mangelte es Ted Bundy an klaren Zielen fürs Leben und dem notwendigen Ehrgeiz, diese zu erreichen. Ted Bundy war nicht die Art von Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Bundy war bloß eine Liebelei mit eingebautem Verfallsdatum.
Ted Bundy schindet Eindruck
Ted Bundy ignorierte die Signale, die Stephanie Brooks aussandte. Er bekam wohl mit, dass sie ihn für nicht ehrgeizig genug erachtete. Also legte er sich ins Zeug, seine Traumfrau zu beeindrucken. Anfang 1968 schmiss man ihn von der Uni, weil er seine Zeit nur noch mit Brooks verbracht hatte.
Egal. Er bewarb sich um ein Sommer-Stipendium an der Eliteuni Stanford in Kalifornien. Das würde mächtig Eindruck auf seine Freundin machen. Pustekuchen. Der Großteil des Umfeldes, in dem Stephanie Brooks aufgewachsen war, war an Universitäten wie Stanford, Harvard oder Yale eingeschrieben. Aber diese Leute studierten nicht bloß einen Sommer dort, sondern zogen ihr Studium durch und ergatterten anschließend hoch dotierte Jobs.
Bundy stürzte sich in das nächste Abenteuer, von dem er sich Prestige und Anerkennung erwartete. Er meldete sich als freiwillige Hilfskraft für die Wahlkampagne von Nelson Rockefeller. Rockefeller war amtierender Gouverneur des Staates New York und aussichtsreicher Gegenspieler von Richard Nixon. Beide rangen um die Nominierung als Kandidat der Republikanischen Partei für die Wahl zum Präsidenten.
Ted Bundy besuchte als Delegierter im August 1968 den Bundesparteitag der Republikaner in Miami. Etwa zur selben Zeit schloss Stephanie Brooks ihr Studium an der University of Washington ab. Kurz darauf beendete Brooks ihre Beziehung zu Bundy und kehrte zu ihrer Familie nach Kalifornien zurück.
Einschneidendes Erlebnis in Ted Bundys Biographie
Dass ihm Stephanie Brooks den Laufpass gab, war ein einschneidendes Erlebnis in Ted Bundys Biographie. Er war am Boden zerstört. Die Trennung stürzte ihn in eine tiefe Krise. Zunächst zog er sich komplett zurück, verbarrikadierte sich, schmiss die Uni. Nach Monaten traute er sich wieder aus seinem Schneckenhaus heraus. Bundy reiste nach Colorado und dann weiter nach Osten, um Verwandte in Arkansas und Philadelphia zu besuchen. Ein Semester lang schrieb er sich dort an der Temple University ein. Er schickte Stephanie Brooks Briefe. Bettelte darum, wenigstens den Kontakt aufrechterhalten zu dürfen.
Sie gab ihm deutlich zu verstehen, dass sie wenig Interesse daran habe und nicht wisse, wozu das gut sein solle. Ted Bundy schrieb noch mehr Briefe und kochte sie weich. Die beiden blieben auch in den nächsten Jahren in Kontakt. Ted Bundy war von der Frau regelrecht besessen und bekam sie nicht aus seinem Kopf. Verschmähte Liebe als Auslöser einer selten brutalen Mordserie? Zumindest lief ihm die brüske Zurückweisung für den Rest seines Lebens nach.
Im Jahr darauf kassierte Bundy die nächste Keule. 1969 suchte er vermutlich das Standesamt in Burlington auf und sah seine Geburtsurkunde ein. Er erfuhr er von seiner wahren Abstammung. Die große Schwester war die Mama und die vermeintlichen Eltern in Wahrheit Omi und Opi. Bundys Birne musste Karussell gefahren sein.
Elizabeth Kloepfer
Ted Bundy war ab nun ein Getriebener. Jemand, der ständig in Bewegung sein musste, um der inneren Unruhe Herr zu werden. Es war, als wollte er Stephanie Brooks nachträglich beweisen, dass sie sich in ihm getäuscht hatte. Er schrieb sich wieder an der University of Washington ein, dieses Mal für ein Psychologiestudium. Seine Leistungen in dem Fach waren brillant und machten rasch ihn zum Liebling seiner Dozenten.
In dieser Zeit begegnete er auch Elizabeth Kloepfer, mit der er fast fünf Jahre fest liiert war. Sie war in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Stephanie Brooks. Sie war geschieden und alleinerziehende Mutter. Ein Studium kam für sie erst gar nicht infrage. Sie hatte Verantwortung für ein Kind zu tragen, musste Geld verdienen und arbeitete als Sekretärin. Sie war schüchtern, in sich gekehrt, litt vielleicht auch etwas unter Minderwertigkeitskomplexen angesichts des gebildeten Umfelds, in dem Bundy gewöhnlich verkehrte.
Elizabeth Kloepfer dachte, mit Ted Bundy den großen Volltreffer gelandet zu haben. Sie liebte ihn von ganzem Herzen. Er war perfekt in der Vaterrolle. Das war der Mann, vom dem sie sich vorstellen konnte, ihn eines Tages zu heiraten. Bundy war diesbezüglich deutlich reservierter. Er fühle sich noch nicht reif, solch eine endgültige Bindung einzugehen, sagte er zu ihr. Er wolle erst noch etwas erreichen in seinem Leben, bis er diese Verantwortung übernehme.
Elizabeth Kloepfer wusste, dass Bundy ihre Gefühle nicht erwiderte. Sie ahnte, dass er vermutlich andere Frauen traf. Wie war sonst zu erklären, dass er einfach nachts verschwand, ohne ihr zu sagen, wohin? Sie sah darüber hinweg und sagte nichts. Sie hoffte, dass er eines Tages zur Ruhe kommen würde und sich für ein Leben mit ihr entscheiden würde.
Ein veränderter Ted Bundy
Und zwischen 1969 und 1972 gab es durchaus Anzeichen, dass Bundy sein Leben nun endlich in geordnete Bahnen lenkte. Er arbeitete während seines Studiums auf freiwilliger Basis in einer psychiatrischen Anstalt und für die Telefonseelsorge von Seattle. Er verschickte Bewerbungen an juristische Fakultäten, um ein zweites Studium aufzunehmen. Er wirkte weiterhin bei der Republikanischen Partei mit. Dadurch knüpfte er Kontakte zu einflussreichen Politikern, die ihm in Zukunft Türen öffnen konnten. Er heimste sogar eine Auszeichnung der Polizei von Seattle ein, weil er einem dreijährigen Jungen, der zu ertrinken drohte, das Leben rettete.
1973 unternahm Ted Bundy im Auftrag der Republikaner eine Reise nach Kalifornien. Bei dieser Gelegenheit traf er seine alte Liebe Stephanie Brooks wieder. Sie war beeindruckt. Bundy schien sich zum Positiven entwickelt zu haben. Er wirkte selbstsicherer, reifer, dominanter, gelassener, zielstrebiger – alles Eigenschaften, die sie zuvor bei ihm vermisst hatte. Ted Bundy umgarnte Stephanie Brooks. Die beiden begannen, sich unregelmäßig zu treffen. Sie fingen wieder ein Verhältnis an, ohne dass Bundys feste Freundin Elizabeth Kloepfer etwas davon ahnte.
Im Herbst und Winter 1973 verbrachten Ted Bundy und Stephanie Brooks immer mehr Zeit miteinander. Sie verabredeten sich zum Skifahren. Bundy sprach von Heirat. Dieses Mal hatte er tatsächlich eine Chance, denn Stephanie Brooks war verliebt. Sie willigte ein. Doch sobald sie seinen Antrag angenommen hatte, veränderte sich Bundys Verhalten schlagartig.
Der undurchschaubare Ted Bundy
Wo er sie zuvor mit Zuwendung überschüttet hatte, reagierte er nun abweisend und gefühlskalt. Er schien in Rekordzeit jedes Interesse an ihr verloren zu haben. Stephanie Brooks war verwirrt. Im Februar 1974 beendete Ted Bundy die Beziehung. Eine Erklärung blieb er ihr schuldig. Sie hörte nie mehr von ihm.
Was Stephanie Brooks nicht ahnen konnte: Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte Ted Bundy bereits das erste Mal getötet. Wie er später zugab, ging es ihm beim Werben um Brooks einzig allein darum, sich selbst zu beweisen, dass er die Frau, die er unbedingt haben wollte, auch bekam. Als er am Ziel war, ließ er sie fallen – Rache, eiskalt serviert. Sollte Stephanie Brooks am eigenen Leib spüren, was sie ihm angetan hatte. Ernsthafte Absichten auf ein anderes, ein »normales« Leben hatte er da schon längst nicht mehr gehegt.
Während der ersten Jahreshälfte 1974, als er die Morde in Washington beging, arbeitete Ted Bundy beim Department of Emergency Services, einer staatlichen Behörde, die sich insbesondere der Suche nach vermissten Frauen widmete. Der ideale Beruf für Ted Bundy. So blieb er immer auf dem aktuellen Stand, wie nah ihm die Polizei auf den Fersen war. Dort lernte Ted Bundy auch Carole Ann Boone kennen, mit der er ein Verhältnis anfing. Die zweifach geschiedene Mutter von zwei Kindern sollte später noch eine wichtige Rolle in Bundys letzter Lebensphase spielen.
Kapitelübersicht zum Fall Ted Bundy
- Kapitel 1: Die Mordserie in Washington
- Kapitel 2: Die Morde in Utah und Colorado
- Kapitel 3: Erste Verhaftung und Lebensgeschichte
- Kapitel 4: Prozess in Utah und Flucht
- Kapitel 5: Chi Omega und Kimberly Leach
- Kapitel 6: Prozesse, Geständnisse und Hinrichtung
- Kapitel 7: Modus Operandi und Pathologie
- Kapitel 8: Weitere mögliche Opfer