Mit dem Rücktritt von Polizeichef Lear Reed änderte sich die Stoßrichtung der Ermittlungen endgültig. Das Sheriff’s Department betrachtete George Welsh als Hauptverdächtigen. Die zahlreichen Spuren am Tatort deuteten aus Sicht der Sheriff-Ermittler nicht mehr auf einen unbekannten Eindringling hin. Im Gegenteil.
Sie entwickelten eine neue Theorie. Der Täter habe viele der Beweisstücke bewusst im und um das Haus verteilt, um die Ermittlungen auf einen fremden Mörder zu lenken. Der Hammer neben dem Bett. Das Messer im Garten. Die Handschuhe. Das herausgeschnittene Gewebestück. All diese Spuren sollten nach dieser Lesart lediglich von dem eigentlichen Täter ablenken.
Die Kriminaltechniker des KCPD sahen das anders. Sowohl am Schlachtermesser als auch an den Handschuhen fanden sich Blut- und Faserspuren, die eindeutig mit Leila Welsh und dem Tatort in Verbindung standen. Für sie sprach nichts dafür, dass diese Gegenstände nachträglich als falsche Fährte ausgelegt worden waren. Dennoch hielt das Sheriff’s Department an seiner Theorie fest.
George Welsh verweigerte weiterhin jedes Geständnis. Neue belastende Zeugen tauchten ebenfalls nicht auf. Die Ermittlungen gerieten ins Stocken. Im Sommer 1941 verließ George schließlich Kansas City und zog nach Los Angeles. Dort fand er Arbeit als Buchhalter in einem Drive-in-Restaurant. Doch der Fall war damit noch lange nicht zu den Akten gelegt.
Inhaltsverzeichnis
Leila Welsh – Kapitel 2
Eine Grand Jury wird einberufen
Im Dezember 1941 griff schaltete sich nämlich ein Gericht ein, das Jackson County Circuit Court. Der zuständige Richter Marion D. Waltner ordnete die Einsetzung einer Grand Jury an. Grundlage dafür war unter anderem die inzwischen geänderte Aussage des Eisenwarenhändlers Joseph Alport, der George Welsh als Käufer des Schlachtermessers identifiziert hatte.
Richter Waltner machte bereits zu Beginn des Verfahrens deutlich, dass der ungelöste Mordfall aus seiner Sicht nicht länger hingenommen werden könne. Die Grand Jury sollte sämtliche Beweise noch einmal prüfen und entscheiden, ob Anklage gegen George Welsh erhoben werden sollte.
Die Zusammensetzung der Geschworenen blieb allerdings nicht ohne Kritik. Mehrere Mitglieder standen dem politischen Netzwerk um den früheren Politiker Thomas Pendergast nahe oder hatten in der Vergangenheit enge Verbindungen zu dessen Organisation unterhalten. Dadurch entstanden schon damals Zweifel, ob das Verfahren tatsächlich unvoreingenommen geführt werden würde.
Für George Welsh begann damit eine neue Phase seines Albtraums. Aus einem Mordverdächtigen wurde nun ein Mann, gegen den eine Grand Jury wegen des Mordes an seiner eigenen Schwester ermitteln sollte.
Ermittlungen mit allen Mitteln
Die Jury wollte den Mordfall vollständig neu aufrollen und sammelte dafür möglichst viele belastende Aussagen. Allein rund 200 Angehörige, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen wurden als Zeugen vorgeladen.
George selbst blieb ebenfalls im Visier der Behörden. Als er im Sommer 1941 nach Los Angeles gezogen war, ließen ihn die Ermittler nicht aus den Augen. Man heuerte zwei Privatdetektive an, ihn dort regelmäßig zu beobachten.
Kurz vor Weihnachten 1941 kehrte George für einen Besuch bei seiner Mutter nach Kansas City zurück. Mehrere Beamte hatten sich unter die Zuggäste gemischt. Kaum hatte der Zug die Staatsgrenze von Missouri überquert, übergaben sie ihm die Vorladung der Grand Jury.
Zeugen unter Druck
Die Vernehmungen vor der Grand Jury entwickelten sich für viele Beteiligte zu einer Belastung. Zeugen berichteten später, sie seien unter Druck gesetzt worden, belastende Aussagen gegen George Welsh zu machen. Wer erklärte, nichts Verdächtiges beobachtet zu haben, musste mit stundenlangen Befragungen rechnen.
Auch Richard Funk wurde vorgeladen. Obwohl er kurz zuvor zur US Army Air Corps eingezogen worden war, erhielt er Urlaub, um auszusagen. Selbst Leilas Mutter Marie blieb von den Vernehmungen nicht verschont.
Am härtesten traf es jedoch George Welsh. Er musste immer wieder stundenlange Befragungen über sich ergehen lassen. Teilweise dauerten die Sitzungen bis tief in die Nacht. Immer neue Vorwürfe wurden gegen ihn erhoben: Drogenkonsum, sexuelle Beziehungen zu seiner Schwester oder andere angebliche Verfehlungen. Belege dafür konnten die Ermittler jedoch nicht vorlegen. Die Belastung wurde schließlich so groß, dass George während einzelner Vernehmungen zusammenbrach.
Neue Zeugen
Während die Grand Jury noch tagte, tauchten weitere Zeugen auf. Ein Eisenwarenhändler erklärte nun plötzlich, er habe George Welsh die Baumwollhandschuhe verkauft, die später am Fluchtweg des Täters gefunden worden waren.
Auch andere Personen erinnerten sich nun an Beobachtungen, die sie zuvor nie erwähnt hatten. Ob diese Aussagen tatsächlich auf zuvor verschütteten Erinnerungen beruhten oder erst durch die intensive öffentliche Aufmerksamkeit entstanden, blieb umstritten.
Die Anklage
Ende Januar 1942 legte die Grand Jury ihren Abschlussbericht vor. Sie empfahl, George Welsh wegen Mordes ersten Grades anzuklagen. Nur kurze Zeit später erließ das Gericht den Haftbefehl.
Deputys des Sheriff’s Department umstellten das Haus, in dem George und seine Mutter inzwischen wohnten. Als George die Tür öffnete, legten die Beamten ihm ohne viele Worte Handschellen an und führten ihn ab.
Die Mutter kämpft um ihren Sohn
George Welsh plädierte vor Gericht auf nicht schuldig. Sein Verteidiger griff die Arbeit der Grand Jury sofort scharf an. Die Ermittlungen seien voller Unregelmäßigkeiten gewesen. Er beantragte, die Anklage fallen zu lassen. Das Gericht lehnte jedoch sowohl diesen Antrag als auch eine Freilassung gegen Kaution ab.
George kam in Untersuchungshaft. Noch am selben Abend erschien seine Mutter Marie im Gefängnis. Sie brachte ihrem Sohn Kleidung, einen Kulturbeutel, Zigaretten, Spielkarten, Zeitschriften und einige Bücher mit. Wenigstens diese kleinen Dinge sollten ihm den Gefängnisalltag erleichtern.
Den Wunsch, ihren Sohn persönlich zu sehen, verweigerte ihr Sheriff Richart. Für die Mutter ein weiterer schwerer Schlag. Doch statt aufzugeben, begann sie zu kämpfen.
Ein Star-Anwalt übernimmt die Verteidigung
Marie Welsh stellte ein hochkarätiges Verteidigerteam zusammen. An der Spitze stand John T. Barker. Der frühere Generalstaatsanwalt von Missouri galt als einer der bekanntesten Strafverteidiger des Landes. Unterstützt wurde er unter anderem vom ehemaligen Bundesstaatsanwalt Charles Madison, dem früheren Richter Rees Turpin und dem Prozessanwalt Roy Rucker, der für seine kompromisslosen Kreuzverhöre bekannt war.
In den folgenden Monaten nahm das Verteidigerteam die Arbeit der Grand Jury genau unter die Lupe. Die Anwälte sammelten Hinweise auf fragwürdige Vernehmungsmethoden, mögliche Einflussnahmen auf Zeugen und rechtliche Verstöße während der Ermittlungen. Mit Erfolg.
Am 4. Mai 1942 erklärte Richter Emory Wright das Vorgehen der Grand Jury für rechtswidrig. Er sprach von einer „schockierenden“ und „unzulässigen“ Ermittlungsführung und hob die Anklage gegen George Welsh auf.
Die Erleichterung währte allerdings nur kurz. Nur wenig später erhob Staatsanwalt Michael O’Hern erneut Anklage wegen Mordes ersten Grades. George Welsh wurde abermals verhaftet. Für die Familie begann der juristische Albtraum von vorn.
Prozessauftakt vor vollem Haus
Das öffentliche Interesse an dem Verfahren war gewaltig. Schon Stunden vor Beginn bildeten sich lange Schlangen vor dem Gerichtsgebäude. Die Zuschauer drängten in den Gerichtssaal. Viele fanden keinen Platz mehr. Manche versuchten sogar, durch die Fenster einen Blick auf die Verhandlung zu erhaschen.
Die Sicherheitsvorkehrungen waren entsprechend streng. George Welsh wurde von vier Deputy Sheriffs umringt. Aus Angst vor Übergriffen schleusten ihn die Beamten schließlich durch einen Nebeneingang in den Gerichtssaal. Für den Heimweg hielten sie sogar Kleidung bereit, damit er das Gebäude möglichst unbemerkt verlassen konnte.
Die Fingerabdrücke
Zu den wichtigsten Zeugen der Anklage gehörte Fingerabdruckexperte Gorman Raney. Er erklärte, dass die Ermittler nicht nur einen einzelnen Fingerabdruck auf der Fensterbank gefunden hätten, wie ursprünglich kommuniziert. Zusätzlich seien mehrere Handflächen- und Fingerabdrücke auf und unter der Fensterbank gesichert worden. Nach seiner Einschätzung stammten sie sämtlich von George Welsh.
Noch schwerer wog eine weitere Aussage. Raney war überzeugt, dass diese Abdrücke höchstens 48 Stunden vor dem Mord entstanden seien. Welsh hatte selber in einer Befragung eingeräumt, dass er das Zimmer seiner Schwester Leila in den beiden Tagen vor dem Mord nicht aufgesucht hatte. Die Verteidigung griff die Einschätzung des Sachverständigen jedoch sofort an.
John T. Barker öffnete kurzerhand ein Fenster im Gerichtssaal, setzte sich selbst auf die Fensterbank und demonstrierte den Geschworenen, wie die gefundenen Hand- und Fingerabdrücke auch beim gewöhnlichen Sitzen entstehen konnten.
Anschließend lenkte Barker den Blick auf einen weiteren Schwachpunkt. Die Fensterbank aus dem Welsh-Haus war bereits 14 Monate zuvor ausgebaut worden. Trotzdem beharrte Raney darauf, den Zeitpunkt, zu dem die Abdrücke entstanden waren, auf zwei Tage genau bestimmen zu können. Auf welcher sachlichen Grundlage? Für Barker war das nicht nachvollziehbar.
Die Schuhabdrücke
Anschließend sagte Kriminaltechniker Joseph Smith zu den Schuhspuren aus dem Garten aus. Er erklärte, die am Tatort gesicherten Abdrücke würden in Größe und Form gut zu George Welsh passen.
Auch diesmal konterte Barker mit einem praktischen Versuch. Er zog vor Gericht seinen eigenen Schuh aus und legte ihn auf den Gipsabdruck der Tatortspur. Obwohl Barker deutlich größer war als George Welsh, passte auch sein Schuh überraschend gut.
Daraufhin ließ der Verteidiger mehrere Männer aus dem Publikum ihre Schuhe über den Abdruck halten. Das Ergebnis war immer das gleiche. Die Schuhgröße allein ließ keinen Rückschluss auf den Täter zu. Nach diesem Vorfall spielten die Schuhabdrücke im weiteren Verfahren kaum noch eine Rolle.
Eine überraschende Entscheidung
Nach sieben Verhandlungstagen und mehr als 60 Zeugen zog Richter J. J. Dougherty Bilanz. Bis dahin hatte die Verteidigung zahlreiche Schwächen der Anklage offengelegt. Die Ermittler gingen davon aus, dass der Täter Linkshänder gewesen sein musste. George Welsh war jedoch Rechtshänder.
Im Schlafzimmer fanden sich zwar schlammige Schuhabdrücke. Außerhalb des Zimmers fehlten im Haus jedoch weitere Spuren dieser Art. Auch an George Welshs Schuhen hatte sich seinerzeit kein Schlamm nachweisen lassen.
Hinzu kam die verbarrikadierte Schlafzimmertür. Nach Ansicht der Anklage hätte der Beschuldigte nach der Tat das Zimmer durch das Fenster verlassen und anschließend unbemerkt wieder ins Wohnzimmer zurückkehren müssen. Die Verteidigung hielt dieses Szenario für kaum nachvollziehbar. Marie Welsh schlief ausgesprochen leicht. Schon das Öffnen der Haustür hätte sie vermutlich geweckt.
Auch das angebliche Tatmotiv geriet ins Wanken. Die Staatsanwaltschaft argumentierte, George habe wegen des Familienvermögens gemordet. Tatsächlich verzichtete er Anfang 1942 jedoch freiwillig auf seinen Erbteil.
Hinzu kam, dass sich weder an Georges Kleidung noch irgendwo sonst im Haus außerhalb von Leilas Schlafzimmer Blutspuren fanden. Lediglich an einem Türrahmen entdeckten die Ermittler einen winzigen Blutfleck. Die Verteidigung hielt dagegen, dass in den Stunden nach der Tat zahlreiche Menschen das Zimmer betreten hatten. Jeder von ihnen hätte diese Spur unbeabsichtigt hinterlassen können.
Richter Dougherty folgte schließlich der Argumentation der Verteidigung. Am 28. Mai 1942 erklärte er, die vorgelegten Beweise reichten nicht aus, um eine Jury von George Welshs Schuld zu überzeugen. Er ließ die Anklage fallen. Im Gerichtssaal brach Jubel aus. Marie Welsh weinte vor Erleichterung. George lächelte zum ersten Mal seit Monaten.
Doch die Freude dauerte nur kurz. Dougherty entschied lediglich über die Frage, ob die bisher vorgelegten Beweise für einen Mordprozess ausreichten. Er sprach George nicht offiziell frei.
Staatsanwalt Michael O’Hern kündigte noch im Gerichtsgebäude an, erneut Anklage erheben zu wollen. Keine Stunde später nahmen die Beamten George Welsh wieder fest. Für die Familie begann der Kampf von Neuem.
Der Strafprozess beginnt
Am 7. April 1943 begann schließlich der eigentliche Mordprozess gegen George Welsh. Nun stand deutlich mehr auf dem Spiel als in den vorangegangenen Anhörungen. Staatsanwalt Michael O’Hern wollte George wegen Mordes ersten Grades verurteilen lassen. Im Falle eines Schuldspruchs drohte ihm die Todesstrafe.
Juristisch war der Prozess hochkarätig besetzt. O’Hern wurde unter anderem vom Generalstaatsanwalt von Missouri, Roy McKittrick, unterstützt. Zusammen bildeten sie eines der erfahrensten Anklägerteams des Bundesstaates.
Auf der anderen Seite stand erneut John T. Barker. Der frühere Generalstaatsanwalt galt als brillanter Prozessanwalt und wusste genau, was ihn erwartete. O’Hern führte seine Zeugen ruhig, sachlich und ohne große Emotionen. Barker verfolgte den entgegengesetzten Ansatz. Er setzte auf überraschende Demonstrationen, pointierte Fragen und eine gehörige Portion Theatralik, um Zweifel an der Anklage zu säen. Damit war die Bühne für einen der spektakulärsten Mordprozesse in der Geschichte von Kansas Citys bereitet.
George Welsh und die Fingerabdrücke
Der wichtigste Belastungsbeweis der Anklage waren die Fingerabdrücke auf der Fensterbank von Leilas Schlafzimmer. Bereits im Vorverfahren hatte Fingerabdruckexperte Gorman Raney erklärt, die Abdrücke seien höchstens 48 Stunden vor dem Mord entstanden. Traf diese Einschätzung zu, hätte George Welsh in seiner Aussage zumindest gelogen.
Im Strafprozess geriet diese Theorie jedoch ins Wanken. Die Verteidigung rief ausgerechnet zwei Mitarbeiter des kriminaltechnischen Labors des KCPD in den Zeugenstand: Shelby Compton und John Wagaman. Beide widersprachen der zentralen Aussage ihres Kollegen. Nach ihrer Einschätzung gebe es keine wissenschaftliche Methode, mit der sich das Alter eines Fingerabdrucks zuverlässig bestimmen lasse.
Zu viele Faktoren beeinflussten die Haltbarkeit eines Abdrucks, erklärten die Sachverständigen. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Schweiß, Fett oder die Beschaffenheit der Oberfläche könnten darüber entscheiden, wie lange Fingerabdrücke erhalten blieben.
Damit verlor Raneys 48-Stunden-Theorie ihre wissenschaftliche Grundlage. Rechtsanwalt Forest Hanna aus dem Verteidigerteam brachte den entscheidenden Punkt zur Sprache. Ob die Altersbestimmung eines Fingerabdrucks letztlich nicht doch reine Spekulation sei. John Wagaman antwortete ohne Zögern. Ja. Jede Aussage über das Alter eines Fingerabdrucks sei letztlich bloß eine Mutmaßung.
Staatsanwalt Michael O’Hern versuchte sofort gegenzuhalten. Fingerabdruckkunde sei schließlich eine wissenschaftliche Disziplin. Doch Wagaman blieb bei seiner Einschätzung. Wer behaupte, das Alter eines Fingerabdrucks exakt bestimmen zu können, äußere lediglich seine persönliche Meinung – keine wissenschaftlich gesicherte Tatsache.
Der Handschuhverkäufer gerät ins Schlingern
Nach den Fingerabdrücken nahm sich die Verteidigung den nächsten wichtigen Belastungszeugen vor. George Ehrnman behauptete, er habe George Welsh die Baumwollhandschuhe verkauft, welche die Polizei später entlang des Fluchtwegs des Täters gefunden hatte. An diese Beobachtung hatte er sich allerdings erst zehn Monate nach dem Mord erinnert.
Mit dem Kreuzverhör wurde Roy Rucker beauftragt. Ehrnman erklärte, die von ihm verkauften Handschuhe hätten leicht verschmutzt in einer Schublade gelegen. Rucker fragte: „Wie viele gebrauchte Handschuhe verkaufen Sie am Tag?“ Ehrnman dachte kurz nach. „Keine.“
Damit war der Boden bereitet. Rucker wechselte plötzlich das Thema und fragte den Ladenbesitzer, ob er sich daran erinnern könne, ihm selbst einmal etwas verkauft zu haben. Ehrnman verneinte. Daraufhin trat Rucker einen Schritt näher.
„Dann helfe ich Ihrem Gedächtnis etwas nach. Habe ich bei Ihnen nicht am 23. März vergangenen Jahres ein Ofenthermometer gekauft?“ Nun erinnerte sich Ehrnman plötzlich doch. „Ja, jetzt weiß ich es wieder.“ Rucker hatte seine Falle gestellt.
Er bat den Verteidiger Eugene Brouse aufzustehen und stellte die nächste Frage: „Wann haben Sie Herrn Brouse ein Paar Handschuhe verkauft?“ Ehrnman antwortete, das müsse Ende März oder Anfang Mai 1942 gewesen sein. Rucker ließ ihm einen Moment Zeit. Dann erinnerte er den Zeugen an dessen Aussage während der Voranhörung.
Damals habe er sich nicht daran erinnern können, jemals Handschuhe an Brouse verkauft zu haben. „Und heute erinnern Sie sich plötzlich daran?“, fragte Rucker. „Hatten Sie vielleicht eine plötzliche Eingebung?“ Der spöttische Seitenhieb traf sein Ziel.
Vor den Augen der Geschworenen wirkte Ehrnmans Erinnerungsvermögen zunehmend unzuverlässig. Ausgerechnet der Zeuge, der George Welsh mit den am Tatort gefundenen Handschuhen in Verbindung bringen sollte, geriet selbst immer stärker ins Schlingern.
Der Messerverkäufer im Kreuzverhör
Nach George Ehrnman musste nun der wichtigste Belastungszeuge der Anklage aussagen: Joseph Louis Alport. Missouris Generalstaatsanwalt Roy McKittrick bezeichnete den Eisenwarenhändler als den Schlüsselzeugen des gesamten Verfahrens.
Alport schilderte noch einmal, wie er George Welsh als Käufer des Schlachtermessers wiedererkannt habe. Seine frühere gegenteilige Aussage erklärte er damit, dass er zunächst Zeit gebraucht habe, um sich über die Folgen seiner Aussage klar zu werden. Erst danach habe er sich entschlossen, die „Wahrheit“ zu sagen.
Anschließend legte ihm die Staatsanwaltschaft das Tatmesser vor. Alport nahm es in die Hand, zeigte auf George Welsh und erklärte: „Das ist der Mann.“
Doch im weiteren Verlauf seiner Aussage wirkte der Zeuge zunehmend unsicher. Er machte Scherze, zwinkerte mehrfach in Richtung der Staatsanwaltschaft und griff immer wieder zu Notizzetteln, um sich an Einzelheiten zu erinnern. Einmal verwechselte er sogar Verteidiger August Behrendt mit Georges Onkel Edgar Fleming. Dann begann das Kreuzverhör.
Fünf Minuten statt einer halben Stunde
Roy Rucker griff zunächst Alports Schilderung des Messerkaufs an. Der Zeuge hatte ausgesagt, George Welsh habe das Messer fast eine halbe Stunde lang mit einer Feile geschärft.
Die Verteidigung präsentierte daraufhin einen Sachverständigen, der erklärte, eine so lange Bearbeitung sei völlig unnötig. Ein Messer dieser Art lasse sich innerhalb weniger Minuten schärfen.
Rucker griff zu einer ungewöhnlichen Demonstration. Er nahm eine Feile zur Hand, bat Alport, die Zeit zu stoppen, und begann, das Tatmesser vor den Augen der Geschworenen selbst zu schärfen. Richter Albert Ridge unterbrach die Vorführung empört und ließ sie sofort beenden. Genau das hatte Rucker offenbar beabsichtigt. Die Geschworenen hatten gesehen, worauf er hinauswollte, ohne dass er es wirklich in der Realität demonstrieren musste.
Eine alte Aussage holt Alport ein
Den schwersten Schlag versetzte der Verteidigung dem Zeugen allerdings erst nach dessen Aussage. John T. Barker rief Ralph Bullock in den Zeugenstand, einen langjährigen Bekannten Alports.
Bullock berichtete von einem Gespräch, das beide nur eine Woche nach dem Mord geführt hatten. Damals habe Alport erklärt, er habe dem Käufer des Messers keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Er sei sich deshalb nicht einmal sicher gewesen, ob das Tatmesser überhaupt aus seinem Geschäft stammte.
Diese frühe Aussage passte kaum zu der Gewissheit, mit der Alport George Welsh später identifizierte. Ausgerechnet der wichtigste Belastungszeuge der Anklage hatte damit selbst erhebliche Zweifel an seiner Erinnerung geweckt.
Marie Welsh tritt in den Zeugenstand
Am 15. April 1943 sagte schließlich auch Marie Welsh vor Gericht aus. Bis dahin hatte die Mutter des Mordopfers den Prozess nur aus der Ferne verfolgen müssen. Einen festen Platz im Gerichtssaal hatte man ihr verweigert. Nun sollte sie selbst als Zeugin aussagen und zugleich das Leben ihres Sohnes verteidigen.
Fast fünfzig Minuten lang beantwortete sie die Fragen der Verteidigung. Immer wieder schilderte sie die außergewöhnlich enge Beziehung zwischen George und Leila. Sie hätten sich näher gestanden, als sie es bei vielen anderen Geschwisterpaaren beobachtet habe. George habe immer auf seine Schwester aufgepasst. Sie seien gemeinsam zur Schule gegangen, mit demselben Auto gefahren und hätten fast ihre gesamte Freizeit miteinander verbracht.
Zum Schluss trat Verteidiger John Barker noch einmal vor. Er stellte nur eine einzige Frage: „Haben Sie Ihre Tochter wirklich geliebt?“ Marie sah ihn an und antwortete ohne zu zögern: „Mehr als alles andere auf der Welt.“ Die Kansas City Star fasste ihren Auftritt später in einem einzigen Satz zusammen: „Die Liebe einer Mutter, die sich wie der Felsen von Gibraltar schützend vor ihren Sohn stellte.“
Fünf Wahlgänge bis zur Entscheidung
Am Morgen des 17. April 1943 zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Viele Beobachter rechneten mit einem schnellen Urteil. Nach den wochenlangen Verhandlungen erwarteten sie eine Entscheidung innerhalb weniger als einer Stunde. Doch Stunde um Stunde verging.
Mittags wurde die Verhandlung sogar für die Mittagspause unterbrochen. Im Gerichtssaal machte sich Nervosität breit. George Welsh, seine Mutter Marie, seine Schwester Mary Turner und zahlreiche Angehörige warteten schweigend auf das Urteil. Erst am frühen Nachmittag rief ein Gerichtsdiener wieder alle Beteiligten in den Saal.
Die zwölf Geschworenen hatten sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht. Erst nach fünf Abstimmungen erreichten sie die notwendige Einstimmigkeit. Beim dritten Wahlgang hatte das Stimmenverhältnis noch 9 zu 3 gelautet, beim vierten 10 zu 2. Erst der fünfte Wahlgang brachte Einigkeit. Dann erhob sich der Gerichtsschreiber und verlas das Urteil: „Wir befinden den Angeklagten George W. Welsh Jr. für nicht schuldig.“
Erleichterung im Gerichtssaal
Für einen Moment herrschte Stille. Dann brach die jahrelang angestaute Anspannung aus der Familie heraus. Der Kansas City Star, der den Fall seit dem Tattag begleitet hatte, beschrieb die Szene. Marie habe ihren Kopf auf Georges Schulter gelegt und still geweint. George habe versucht, seine Mutter zum Lächeln zu bewegen – vergeblich. Sie habe ihn nur mit tränenüberströmtem Gesicht angesehen. Die zweite Schwester kam herbei und umarmte die beiden.
Auch im Zuschauerraum gab es kein Halten mehr. Menschen kletterten über die Sitzreihen, um George Welsh zu erreichen. Die Gerichtsdiener hatten Mühe, die Menge zurückzuhalten. Selbst Richter Albert Ridge konnte die aufkommende Unruhe trotz mehrerer Hammerschläge kaum noch unter Kontrolle bringen. Für George Welsh war der Albtraum nach mehr als zwei Jahren endlich vorbei.

Ein Neuanfang misslingt
Nur wenige Wochen nach seinem Freispruch wurde George Welsh zum Militär eingezogen. Am 14. Mai 1943 trat er seinen Dienst in Fort Leavenworth an. Die Hoffnung auf einen Neuanfang erfüllte sich jedoch nicht.
George litt unter schweren Albträumen, die ihn seit dem Mord an seiner Schwester verfolgten. Hinzu kamen plötzliche Schlafattacken, die auch seinen Kameraden auffielen. Die Militärärzte stellten schließlich eine Diagnose: George litt an Narkolepsie, einer neurologischen Erkrankung, die den Schlaf-Wach-Rhythmus stört. Stress und starke emotionale Belastungen können die Symptome zusätzlich verstärken.
Rückblickend erklärte die Diagnose manches, was die Ermittler zuvor gegen ihn ausgelegt hatten: seinen Zusammenbruch nach der Nachricht von Leilas Tod, die wiederholten Ohnmachtsanfälle während der Verhöre und sogar den Umstand, dass er in der Mordnacht stundenlang schlafend auf dem Sofa gelegen hatte.
Wegen seiner gesundheitlichen Probleme wurde George schon bald aus dem Militärdienst entlassen. Zurück in Kansas City begann er ein Studium der Nachrichtentechnik und hoffte, später zur Funkabteilung der Army Air Forces wechseln zu können.
Es gab kein Zurück
In ihr Haus an der Rockhill Road kehrten weder George Welsh noch seine Mutter Marie jemals wieder zurück. Obwohl er freigesprochen worden war, blieb der Mord an Leila Welsh in den Köpfen vieler Menschen untrennbar mit seinem Namen verbunden. Gerüchte, Misstrauen und Argwohn begleiteten die Familie noch Jahre nach dem Prozess.
Ende der 1940er-Jahre zogen Marie und George Welsh schließlich nach Texas. Dort hofften sie, ein neues Leben beginnen zu können – fern von Kansas City und den Ereignissen, die ihre Familie für immer zerstört hatten. Marie Welsh starb 1965, ohne jemals ihre alte Heimat wiedergesehen zu haben.
Die Ermittlungen verlaufen im Sande
Mit dem Freispruch von George Welsh endete faktisch auch die Mordermittlung. Zwar war damit nach wie vor offen, wer Leila Welsh tatsächlich getötet hatte. Doch nach mehr als zwei Jahren voller politischer Machtkämpfe, gegenseitiger Schuldzuweisungen und eines spektakulären Gerichtsverfahrens fehlte den Behörden der Wille, noch einmal von vorne zu beginnen. Neue Spuren wurden nicht mehr verfolgt. Neue Verdächtige rückten nicht mehr in den Fokus. Die Ermittlungsakten wanderten ins Archiv.
Auch das öffentliche Interesse ließ nach. Während des Prozesses hatte der Mord an der jungen Erbin Schlagzeilen im ganzen Land gemacht. Danach verschwand der Fall zunehmend aus den Zeitungen. Nur gelegentlich erinnerten Magazine oder Lokalzeitungen noch an das bis heute ungeklärte Verbrechen.
Für viele in Kansas City war der Fall damit abgeschlossen. Nicht, weil das Rätsel gelöst worden wäre. Sondern weil niemand mehr nach einer Lösung suchte.
George Welsh und der Black Dahlia-Mord
Wenige Jahre später geriet George Welsh nochmals in Verdacht, eine Frau ermordet zu haben. Nicht in Kansas City, sondern im weit entfernten Los Angeles. Sein Name landete auf der Liste der offiziellen Verdächtigen, die der Sonderermittler Frank Jemison im Zuge neuer Ermittlungen im ungelösten Fall Elizabeth Short – auch als Black-Dahlia-Mord bekannt – in den Jahren 1950 und 1951 abarbeitete. Aber wie war George Welsh auf diese Liste gelangt?
Einer der Verdächtigen, Carl Balsiger, war bereits in den frühen Untersuchungen des LAPD verhört und überprüft worden. Sein Name stand im Adressbuch der Ermordeten. Entsprechende Ermittlungen lagen also nahe. Frank Jemison wollte diesen Mann erneut vernehmen, weil er 1947 zunächst widersprüchliche und dann auch falsche Angaben gemacht hatte, was seine Begegnung mit dem Mordopfer Elizabeth Short betraf.
Nun stellte sich heraus, dass Carl Balsiger ursprünglich aus Kansas City stammte und sich dort 1941 ein ebenfalls ungelöster Mordfall zugetragen hatte, der möglicherweise gewisse Parallelen zum Black-Dahlia aufwies. Zudem hatte Balsiger an der gleichen Universität wie Leila Welsh studiert. Vielleicht kannte er sie.
Und so geriet auch ihr Bruder George Welsh auf die Liste der zu überprüfenden Personen. Denn er war für die Kollegen in Kansas City offensichtlich der Hauptverdächtige gewesen. Der Freispruch? Wie sollte man das aus der Ferne beurteilen, ob der zu recht oder zu unrecht ergangen war.
Außerdem – dies ist einem Bericht von Frank Jemison zu entnehmen – gingen die Behörden in L.A. damals fälschlicherweise davon aus, dass sich George Welsh zum Tatzeitpunkt im Januar 1947 in Los Angeles aufgehalten hatte. Das stimmte nicht. Er lebte 1941 dort für ein paar Monate, war aber nicht mehr in die Stadt zurückgekehrt.
So forderte die Mordkommission in L.A. bei ihren Kollegen in Kansas City die Fallakte Leila Welsh an. Doch nichts geschah. In der Missouri-Metropole hatte es mal wieder politisch bedingte Wechsel in der Behördenleitung gegeben. Die neue Führung wollte keine schlafenden Hunde wecken und sich mit ungelösten Problemen aus der Vergangenheit beschäftigen. Sie versicherte den Kollegen in Kalifornien zwar ihre volle Unterstützung, schickte aber keine Unterlagen.
Das LAPD konnte infolgedessen nie untersuchen, ob tatsächlich auffällige Parallelen zwischen beiden Mordfällen bestanden. Die Ermittlungen gegen George Welsh verliefen folgerichtig wieder im Sande. Lediglich Carl Balsiger musste sich nochmals einem Verhör und einem Lügendetektor-Test unterziehen, den er bestand. Auch sein Name verschwand damit von der Liste.
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Wichtigstes Buch zum Fall
Eli Frankel: Sisters in Death. The Black Dahlia, The Prairie Heiress, & Their Hunter
Dieses im Herbst 2025 erschienene Buch schildert sowohl den Fall Leila Welsh als auch Elizabeth Short jeweils ausführlich. Wer sich für die ungelösten Morde interessiert, findet hier viele Informationen. Allerdings darf man nicht davon ausgehen, dass wirklich alle Informationen einer genaueren Prüfung standhalten. Denn Frankel präsentiert die Theorie, dass der erwähnte Carl Balsiger in beiden Fällen der gesuchte Täter war. Warum der eine oder andere Beleg, den er hierfür anführt, kritisch bewertet wurde, erkläre ich in meinem oben verlinkten Artikel zu Balsiger.
Kapitelübersicht zum Fall Leila Welsh
- Kapitel 1: Mord in der Rockhill Road
- Kapitel 2: George Welsh vor Gericht