Wilhelm Voigt: Hauptmann von Köpenick

Sie kamen am Dienstagnachmittag. Ein Trupp von zehn Gardeinfanteristen, angeführt von einem Hauptmann, der zackige Kommandos bellte. Die Soldaten hielten direkt auf das Rathaus von Köpenick zu. Die aufgepflanzten Bajonette ließen keine Zweifel daran, dass sie es todernst meinten, wie auch immer ihr Marschbefehl lautete. Sobald sie das Rathaus erreicht hatten, schien alles nach einem ausgeklügelten Plan abzulaufen.

Der Hauptmann gab kurze Befehle, schon hatten zwei Soldaten vor dem Haupteingang Stellung bezogen und ließen niemanden mehr hinein oder heraus. Je ein Infanterist bewachte die beiden Nebeneingänge. Zwei weitere Soldaten sicherten das Erdgeschoss und scheuchten jeden in sein Büro zurück, der es wagte, nach dem Grund für den Aufmarsch zu fragen. Der Hauptmann begab sich derweil mit den verbliebenen vier Soldaten in den ersten Stock. Dort verhafteten sie den Oberstadtsekretär Rosenkranz sowie den Bürgermeister Dr. Langerhans. Manchmal reichten zehn Soldaten, um eine komplette Stadt zu erobern. Köpenick lernte die Lektion am 19. Oktober 1906.

Der Hauptmann von Köpenick - Wilhelm Voigt - Rathaus Köpenick
Rathaus Köpenick
Fotograf: Andreas Steinhoff
Inhaltsverzeichnis

Zaghafter Widerstand

Der Einzige, der dem Stadtstreich ein wenig zu trotzen wagte, war der erwähnte Bürgermeister Dr. Langerhans [Link zu Wikipedia]. Er verlangte vom Hauptmann, dass er ihm irgendeinen amtlichen Wisch vorzeige, der ihn zu der Verhaftung legitimiere. Doch der Hauptmann war auf Zack.

Er drohte dem Aufmüpfigen kurzerhand mit Kerker, wenn er sich den Befehlen Seiner Majestät widersetze. »Meine Legitimation sind meine Soldaten«, blaffte er den Bürgermeister an. Da fügte sich der Herr Doktor in sein Schicksal.

Um seine Autorität noch weiter unter Beweis zu stellen, herrschte der Hauptmann zwei Soldaten an: »Eure Instruktion kennt ihr!« Nun ja, der Schuss wäre fast nach hinten losgegangen. Denn die beiden Angesprochenen schauten sich bloß verdutzt an. Sonderlich instruiert sahen sie nicht aus.

Aber der Hauptmann vertraute zurecht auf die deutsche Befehlskette und den guten, alten Kadavergehorsam preußischer Prägung. Als der Bürgermeister sich aus seinem Mantel ein Taschentuch greifen wollte, um die Schweißperlen auf seinen Sorgenfalten abzutupfen, setzten sie ihm das Bajonett auf die Brust und trieben ihn in seine Ecke zurück.

Der Hauptmann plündert die Stadtkasse

Der Hauptmann von Köpenick - Wilhelm Voigt - Tresor
Der leergeräumte Tresor im Rathaus von Köpenick
Fotograf: Membeth

Bis zu diesem Punkt war den Verhafteten vollkommen unklar, was die rätselhaften Vorgänge bezwecken sollten. Nun ließ der Hauptmann aber erkennen, was er eigentlich im Schilde führte. Denn als Nächstes suchte er das Kassenzimmer im Erdgeschoss auf und stellte den Kassenführer von Wiltberg vor vollendete Tatsachen. Die Verwaltung der Stadt Köpenick sei verhaftet. Er, der Hauptmann, habe nun die Befehlsgewalt.

Und der Hauptmann ordnete flugs die Herausgabe der kompletten Stadtkasse an. Diese umfasste exakt 4.002 Mark und 37 Pfennige, wie Kassenwart von Wiltberg penibel vorrechnete: Zinsscheine im Wert von 443,25 Mark, 3557,45 Mark bar auf die Kralle sowie ein unerklärlicher und unverzeihlicher Fehlbetrag von 1,67 Mark. Raub einen Preußen aus und wunder dich, wenn er anschließend verlangt, dass du den Diebstahl quittierst.

Befehl ist Befehl

Die Nachricht über die Verhaftung des Bürgermeisters hatte sich in Köpenick wie ein Lauffeuer verbreitet. Inzwischen stand die halbe Stadt draußen vor dem Rathaus und hoffte auf großes Spektakel. Auch die örtliche Polizei war erschienen. Als die Polizeikräfte jedoch das Gebäude betreten wollten, starrten sie in zwei sehr finster ausschauende Gewehrläufe. Befehl sei Befehl, meinten die Wachposten. Diese Art von Ansprache verstanden die Schupos nur allzu gut und zogen sich wieder zurück.

Apropos geprügelte Hunde, eingekniffene Schwänze und so: Drinnen im Gebäude harrte noch ein Polizeiinspektor namens Jäckel aus, der im Rathaus sein Büro hatte. Was unternahm dieser Polizeiinspektor angesichts der ungeheuerlichen Vorgänge, die sich vor seinen Augen abspielten? Richtig, er buckelte sich bis zum Hauptmann vor und reichte ein formloses Urlaubsgesuch ein. »Um ein Wannenbad zu nehmen«.

Keine Ahnung, wo preußische Helden geboren wurden. Im Polizeidienst scheinbar nicht. Der Hauptmann wedelte lässig mit der Hand und gab dem Pudel in Polizeiuniform zu verstehen, dass er sich begießen durfte. Schon verdrückte sich der saubere Herr Inspektor.

Seine Häftlinge ließ der Hauptmann indes mit Kutschen nach Berlin karren. Die Soldaten dienten als Eskorte. Als die seltsame Entourage schließlich auf der Neuen Wache der Hauptstadt eintraf, war das Erstaunen groß. Es wurde eifrig umhertelefoniert, aber von einem gültigen Haftbefehl war nirgends etwas bekannt.

Den Beamten dämmerte allmählich, dass es sich bei dem vermeintlichen Hauptmann um einen gerissenen Hund handeln musste, der mit seiner Maskerade alle Beteiligten übertölpelt hatte. Natürlich war der Urheber dieses abgekarteten Spiels da schon lange nicht mehr greifbar. Er hatte sich in Köpenick mit der geraubten Penunze in die Bahn gesetzt und war im Großstadtgewirr untergetaucht.

Die Fahndung nach dem Hauptmann von Köpenick

Die »Köpenickiade«, wie man diese Art der Hochstapelei alsbald nannte, machte den preußischen Obrigkeitsstaat zum öffentlichen Gespött. Das konnte man sich selbstredend nicht bieten lassen. Also setzten die Behörden eine hohe Belohnung auf die Ergreifung des Bösewichts aus. Die Bemühungen zahlten sich aus.

Ein gewisser Kallenberg, ehemaliger Mithäftling des vorbestraften Schusters Wilhelm Voigt, verpfiff seinen Zellenkumpanen. Der hatte ihm nämlich einst unbedachterweise anvertraut, dass er solch einen Coup plane, sobald er entlassen sei. Die Polizei zeigte den Leuten im Rathaus von Köpenick Fotos aus Voigts Kriminalakte. Sie identifizierten ihn daraufhin. Blieb die Frage: Wo steckte der Kerl?

Bei seiner Schwester in Rixdorf, bei der Voigt gemeldet war, klopfte die Polizei vergeblich an. Aber das pflichtbewusste Schwesterchen lieferte der Polizei Voigts neue Anschrift. Und zehn Tage nach der Köpenickiade, am 26. Oktober 1906, führten die Ermittlungen zum Ziel. In der Langen Straße 22 im Osten von Berlin verhaftete man den gelernten Schumacher und mehrfach wegen Eigentumsdelikten vorbestraften Friedrich Wilhelm Voigt.

Der Hauptmann von Köpenick - Wilhelm Voigt - Porträt
Wilhelm Voigt, 1906
Polizeifoto aus der Strafvollzugsakte

Uniform vom Trödelhändler

Voigt war sofort geständig. Die Offiziersuniform hatte er sich bei dem Potsdamer Trödelhändler Bertold Remlinger in der Mittelstraße 3 besorgt. Am 16. Oktober 1906 zog er diese über, ging nach Plötzensee zur Schwimmanstalts- und Schießstandswache und wartete dort die Wachablösung ab. Als es so weit war, gab er sich einem Trupp Soldaten als Hauptmann zu erkennen, der auf Sonderbefehl Seiner Majestät des Kaisers handelte.

Befehl ist Befehl, da fragte ein preußischer Soldat nicht lange nach, so das Kalkül des durchtriebenen Schuhmachers. Um etwaige Zweifel zu zerstreuen, spendierte er den Infanteristen ein Mittagessen auf dem Bahnhof in Köpenick. Ein voller Magen knurrt und murrt nicht.

Der Hauptmann von Köpenick - Wilhelm Voigt - Altwarenhändler Bertold Remlinger
Mittelstraße 3 in Potsdam. Hier kaufte der Schuster Voigt seine Uniform.
Fotograf: Karsten Knut Knuth

Wilhelm Voigt vor Gericht

Nur fünf Wochen nach seiner Verhaftung musste sich Voigt am 1. Dezember 1906 vor der dritten Strafkammer des Landgerichts Berlin II verantworten. Die Liste der Anklagepunkte war lang: unbefugte Ausübung eines öffentlichen Amtes, unbefugtes Tragen einer Uniform, Betrug, Urkundenfälschung (er hatte den Empfang der Kassengelder mit Falschnamen quittiert) und natürlich widerrechtliche Freiheitsberaubung.

Im Prozess stellte sich heraus, dass Voigt niemals beim Militär gedient hatte. Seine Tricksereien, die ihn bereits in frühen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt gebracht hatten, hatten ihm den preußischen Drill erspart. Wie war es dann möglich, dass alle Beteiligten auf den falschen Hauptmann von Köpenick hereingefallen waren?

Bürgermeister Langerhans zum Beispiel war selber Reserveoffizier. Und dennoch war ihm entgangen, dass der angebliche Hauptmann viel zu alt war, eine falsche Kokarde an der Mütze trug und noch nicht einmal vernünftiges Hochdeutsch sprach.

Zwar machen Kleider bekanntlich Leute, aber entscheidend für den Coup war wohl eher das selbstsichere Auftreten und der schneidige Kommandoton, den Wilhelm Voigt anschlug. Das Wissen darüber hatte er als kleiner Bub aufgeschnappt. Damals hatte die Familie Voigt gegenüber einer Kaserne gewohnt. Kennste eine, kennste alle.

Im Nachhinein mussten sich die Beteiligten sogar noch glücklich schätzen, wie glimpflich die Angelegenheit abgelaufen war. Denn die Soldaten sagten vor Gericht aus, dass sie bedenkenlos von Bajonetten und Schusswaffen Gebrauch gemacht hätten, wenn es der Hauptmann von ihnen verlangt hätte.

Das preußische Militär und die Obrigkeit hatten sich von dem Prozess vielleicht erwartet, dass die ungeheuerliche, staatszersetzende Tat hart geahndet wurde und das Strafmaß potenzielle Nachahmer abschreckte. Und man hatte sich bestimmt erhofft, dass die Gerichtsverhandlung ein möglichst unvorteilhaftes Bild des Angeklagten zeichnete, nämlich das eines habgierigen, skrupellosen Halunken. Das Ergebnis fiel aus Sicht des Staates enttäuschend aus.

Denn das Gericht urteilte relativ milde, wenn man das verhängte Strafmaß mit anderen Verfahren der damaligen Zeit vergleicht. Die Richter beließen es bei vier Jahren Zuchthaus, von denen Wilhelm Voigt lediglich anderthalb Jahre absitzen musste. Der Angeklagte bekam noch nicht einmal seine bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt, was bei seinem Vorstrafenregister schon recht ungewöhnlich war.

Der Hauptmann von Köpenick - Wilhelm Voigt - Strafanstalt Tegel
Wilhelm Voigt verlässt die Strafanstalt Berlin-Tegel
Fotograf: Eduard Frankl († 1927), Berlin-Friedenau

Selbst der Kaiser lacht

Aber viel schlimmer für Preußens Glanz und Gloria muss die öffentliche Schmach gewesen sein, die der Fall einbrachte. Denn das Volk erkannte in dem Schuster keinesfalls einen verabscheuungswürdigen Verbrecher, sondern eher einen gewitzten Hallodri, der dem Staat eins ausgewischt hatte.

Von einem modernen Eulenspiegel war in der öffentlichen Diskussion oftmals die Rede, der dem militaristischen Untertanenstaat den Spiegel vorhalte. Selbst Kaiser Wilhelm II., immerhin oberster Dienstherr des preußischen Beamtenapparats, soll herzlich über die Aktion gelacht haben.

Der Hauptmann von Köpenick - Wilhelm Voigt - Denkmal
Denkmal vor dem Köpenicker Rathaus
Fotograf: Lienhard Schulz

Die Schadenfreude war groß, das Medieninteresse riesig. Wilhelm Voigts Geschichte erfreute sich nicht nur in den deutschen Gazetten großer Nachfrage. Die Erzählung machte in ganz Europa die Runde. Der gebürtige Tilsiter, der bisher eine – vorsichtig ausgedrückt – eher glücklose Existenz geführt hatte, stieg über Nacht zum Medienstar auf.

Immer wieder musste er seine Erlebnisse zum Besten geben oder in Hauptmannsuniform für ein Foto posieren. Wilhelm Voigt ließ sogar Autogrammkarten drucken, so groß war das Interesse an seiner Person. Schließlich brachte er eine Autobiografie heraus, in der er seine Sicht der Ereignisse wiedergab, und versilberte somit die Köpenickiade ein zweites Mal. Dieses Mal durfte er den Gewinn allerdings behalten.

Carl Zuckmayer hält den Mythos am Leben

Interessanterweise blieb die Geschichte des Schusters Wilhelm Voigt ein deutscher Mythos, selbst nachdem der Urheber 1922 verstorben war. Es sind zahlreiche Bearbeitungen dieses Stoffes als Buch, Theaterstück oder Film entstanden. Am bekanntesten dürften wohl Carl Zuckmayers Tragikomödie »Der Hauptmann von Köpenick: Ein deutsches Märchen« sein, die hierzulande unzählige Menschen in ihrer Schulzeit gelesen haben, und die Käutner-Verfilmung mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle.

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Eine detailliertere Schilderung der Geschichte des Hauptmanns von Köpenick können Sie in »Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung« (Band 1) von Hugo Friedländer oder in der Autobiografie »Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde. Mein Lebensbild«, die Wilhelm Voigt selbst verfasst hat, nachlesen. Beide Bücher finden Sie als kostenlose E-Books auf meiner Webseite. Ein Klick auf den jeweiligen Link bringt Sie zur entsprechenden Seite.

Woran erkennt man einen Kriminellen? Immer waren die anderen schuld. Auch Voigts Verbrecherkarriere ist in seiner eigenen Wahrnehmung eine Verkettung unglücklicher Umstände, Missverständnisse und fortgesetzter Behördenschikane. Ganz, ganz selten liest man in dem Buch mal den Satz: Da habe ich was falsch gemacht.

Man kann Wilhelm Voigt immerhin zwei Dinge zugutehalten. Erstens war der Schustergeselle aus Tilsit nicht gerade ein wirklich „schwerer Junge“. Der Schaden, den er angerichtet hat, hält sich in überschaubaren Rahmen. Zudem war das damalige Strafmaß, gemessen an den heutigen Maßstäben, schon sehr hart, vielleicht übertrieben. Resozialisation? Nicht nur im buchstäblichen Sinne ein Fremdwort in der damaligen Zeit.

Dennoch darf man Voigt nicht alles glauben, was er im Hinblick auf Behördenschikane, die ihm einen Neustart nach jeder Haftentlassung erschwert habe, in dem Buch äußert. Da hatte er schon seinen Teil dazu beigetragen, dass es mit der Wiedereingliederung nicht klappte.

Die zweite Sache, die man Wilhelm Voigt positiv anrechnen kann: Die Autobiografie ist ihm recht kurzweilig gelungen, streckenweise sogar amüsant. Die Tantiemen haben ihm im gesetzten Alter noch ein paar Jahre ein sorgenfreies Leben beschert. Doch der Erste Weltkrieg setzte dem Erfolg auch rasch wieder ein Ende. Die Einnahmen aus der Autobiografie versiegten, die Inflation nach dem Krieg zehrte jegliche Reserven auf. Wilhelm Voigt, der „Hauptmann von Köpenick“, starb 1922 völlig verarmt in Luxemburg.

Gedruckte Ausgabe

Wer lieber eine gedruckte Ausgabe des schmalen Bändchens in Händen halten möchte, kann unter zwei Fassungen wählen. Die aus meiner Sicht etwas besser formatierte Ausgabe ist beim Verbrecherverlag (heißt wirklich so) als Hardcover erschienen.

Sie kostet allerdings als Neuausgabe ein paar Euro mehr als die Taschenbuchfassung, die Michael Holzinger über CreateSpace selbst verlegt hat.

Filme

Wilhelm Voigt zog seine falsche Hauptmannsuniform just zu einem Zeitpunkt über, als der Film gerade das Licht der Welt erblickt hatte. Allein 1906 gab es schon mindestens drei verschiedene Verfilmungen des Stoffs. Das lässt erahnen, wie populär die Geschichte seinerzeit war, denn Filme waren 1906 noch rar gesät.

Erste Tonfilmfassung von 1931

Heute sind aber lediglich vier Filmtitel im Handel erhältlich, die deutlich später entstanden sind. Dazu gehört die erste Tonfilmfassung des Stoffs von 1931. „Der Hauptmann von Köpenick“ basiert wie die übrigen Verfilungen auf dem berühmten gleichnamigen Theaterstück von Carl Zuckmayer. In diesem Fall gibt es aber noch einen engeren Bezug zum dramatischen Vorbild. Zuckmayers Komödie feierte ebenfalls 1931 ihre Premiere am Deutschen Theater in Berlin. Max Adalbert übernahm die Hauptrolle und trug einen nicht unerheblichen Teil dazu bei, dass das Stück zu einem fulminanten Erfolg wurde. Derselbe Max Adalbert spielte auch in dem Film den Schustergesellen Wilhelm Voigt.

 

Käutner-Verfilmung mit Heinz Rühmann von 1956

Die bis dato berühmteste Verfilmung des Stoffs erschien 1956. Regisseur Helmut Käutner besetzte die Hauptrolle mit Heinz Rühmann. Rühmann, vermutlich der beliebteste deutsche Schauspieler seiner Zeit, interpretierte den vorbestraften Ganoven in seiner für ihn typischen liebenswürdig-verschmitzten Art. Das Publikum fand Gefallen an der Darstellung. Allein in den ersten fünf Monaten nach der Premiere konnte der Film zehn Millionen Zuschauer in die Kinosäle locken.

 

Rudolf Platte als Hauptmann von Köpenick (1960)

Fast zeitgleich (1960) entstand eine weitere Adaption des Stoffs, dieses Mal fürs Fernsehen. Der Film kam aber nicht gegen die populärere Rühmann-Verfilumg an und wurde später selten im TV-Programm wiederholt. Wohl zu Unrecht. Denn Hauptdarsteller Rudolf Platte gibt dem Film schon einen ganz eigenen Drive. Platte spielt den vom Schicksal gebeutelten Underdog, der sich einen Tag lang aufs hohe Ross schwingt, sehr überzeugend. Wenn man das Vorbild des wahren Hauptmanns von Köpenick zum Vergleich heranzieht, kommt Platte in der Rolle des Schusters Wilhelm Voigt auf jeden Fall wesentlich authentischer rüber als Heinz Rühmann oder Harald Juhnke.

 

Film von Frank Beyer mit Harald Juhnke

Zu guter Letzt die Verfilmung von Frank Beyer mit Harald Juhnke, der den Hauptmann von Köpenick nicht mit gewohnter Jovialität spielt, sondern als gebrochenen Mann, der nicht so recht weiß, wie es für ihn im Leben weitergehen soll.

 

Eine Klangprobe

Unmittelbar nach seiner Haftentlassung avancierte Wilhelm Voigt zum Medienstar. Eine der ersten Vermarktungsmaßnahmen war eine Schallplatte mit Wilhelm Voigt als Erzähler in eigener Sache. Wer einmal die Originalstimme des wahren Hauptmann von Köpenick hören möchte – hier folgt ein Ausschnitt aus der Produktion.

Carl Zuckmayer

Der Klassiker, der den Fall Wilhelm Voigt endgültig zum Bestandteil des deutschen Mythenschatzes machte, ist natürlich Carl Zuckmayers Tragikkomödie „Der Hauptmann von Köpenick“. Das Theaterstück bildete auch die Vorlage zu allen bekannten Filmen.

Als Zuckmayer das Stück verfasste, war er bereits ein etablierter Schriftsteller. Aber die Aufführung am Deutschen Theater in Berlin machte ihn auf einen Schlag reich. Allein im Premierenjahr 1931 beliefen sich seine Tantiemen auf 160.000 Mark. Das entsprach etwa dem Lebensverdienst eines deutschen Arbeiters.

„Der Hauptmann von Köpenick“ dürfte an ziemlichen vielen Schulen Pflichtlektüre gewesen sein. Wer dieses nach wie vor lesenswerte Stück Theatergeschichte dennoch irgendwie verpasst haben sollte – bitte schön:

 

Wilhelm Voigts Autobiografie „Mein Lebensbild“

Carl Zuckmayer benutzte als Vorlage die 1909 erschienene Autobiografie „Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde: mein Lebensbild“ von Wilhelm Voigt. Zuckmayer war vorsichtig genug, seinem Theaterstück daraufhin den Untertitel „Ein deutsches Märchen“ zu geben.

Denn Voigts Autobiografie ist sicherlich ein authentisches Stück Zeitgeschichte. Aber mit der Wahrheit nimmt es der Berufskriminelle – wenig überraschend – nicht so genau.

Standardwerk von Winfried Löschburg

Das Leben des Schustergesellen Wilhelm Voigt ist aber durchaus kritisch durchleuchtet worden. Winfried Löschburg hat in dieser Hinsicht 1978 das Standardwerk verfasst. Das Buch ist ursprünglich in der DDR erschienen, hat aber mindestens bis Mitte der 1990er noch mehrere Neuauflagen erfahren.

Löschburg räumt mit den durch Voigt und Zuckmayer verbreiteten Legenden gründlich auf. Wilhelm Voigt hatte zum Beispiel behauptet, die Köpenickiade nur durchgezogen zu haben, um endlich in den Besitz gültiger Passdokumente zu kommen. Pustekuchen. Der Bursche war schon auf den ganz großen Coup aus und hatte letztlich Pech mit dem Timing.

Löschburg vergleicht penibel die zeitgenössischen Zeitungsartikel mit den Polizei- und Gerichtsakten. Dadurch gelingt es ihm, die Vorgänge im Rathaus von Köpenick minutiös zu rekonstruieren. Klingt schwer nach trockenem Sachbuch. Ist aber flüssig runtergeschrieben und durchaus amüsant zu lesen.

Sehr interessant ist auch die Schilderung von Wilhelm Voigts Leben nach der vorzeitigen Entlassung aus der Haft. Laut Autor Löschburg „der Köpenickiade zweiter Teil“. Denn da entwickelt sich der arme gebeutelte Schustergeselle, dem das Schicksal so übel mitgespielt hatte, plötzlich zum knallharten Geschäftsmann und kaltschnäuzigen Egozentriker, angetrieben von Geltungssucht, Selbstgerechtigkeit und vorgetäuschter Devotheit, wenn es ihm opportun erschien.

 

Informativer Zeitungsartikel

Eine kürzere, aber dennoch informative Darstellung der wahren Lebensumstände von Wilhelm Voigt bietet Marc Jeck. Der Artikel „Auf allerhöchsten Befehl“ [Link zu www.zeit.de] erschien in der „Zeit“ anlässlich des 100. Jahrestages der Köpenickiade.

Überblick zum Fall Hauptmann von Köpenick

  • Wilhelm Voigt und der Hauptmann von Köpenick

3 Kommentare

  1. Anläßlich des Jubiläums, 100 Jahre Köpenickiade, schrieben die beiden Autoren, Felix Huby und Hans Münch für den Volksschauspieler, Jürgen Hilbrecht, der in Köpenick seit 1993 als hauptmann von Köpenick mit musikalischen Programmen agiert, ein Theaterstück über Wilhelm Voigt. „Das Schlitzohr von Köpenick“ Schuster, Hauptmann, Vagabund, ein Kabinettstück für einen Schauspieler in 15 Rollen.
    Die Uraufführung fand im Hotel Courtyard by Marriott in Köpenick am 15.Oktober statt.
    Diese Inszenierung wird auch anläßlich “ 110 jahre Köpenickiade“ in der Freiheit 15 am 11.Februar 2016 aufgeführt.

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