Mit diesem Wissen fahndete die Polizei ab dem 5. Januar 1991 konkret nach Wuornos. Sie hielt sich vermutlich noch im Bundesstaat Florida auf, sodass sich die Fahndung zunächst auf dieses Gebiet konzentrierte. Am Abend des 8. Januar meldeten die Beamten Mike Joyner und Dick Martin, die Verdächtige in einer Bar in Port Orange gesichtet zu haben. Beide Polizisten waren für eine Undercover-Operation im Drogenmilieu abgestellt und konnten sich in der Kneipe aufhalten, ohne Verdacht zu erregen.
Inhaltsverzeichnis
Die Sonderkommission beschloss daher, Aileen Wuornos nicht unmittelbar zu verhaften. Joyner und Martin sollten stattdessen versuchen, mit der Frau in Kontakt zu kommen. Möglicherweise plauderte sie etwas aus, was sich später vor Gericht gegen sie verwenden ließ. Außerdem fehlte von der zweiten Verdächtigen zu diesem Zeitpunkt noch jede Spur. Eventuell konnte man mit der Observation zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Doch bevor sich noch Joyner und Martin der Frau nähern konnten, betraten plötzlich Beamte der örtlichen Polizei den Laden und nahmen Wuornos mit. Man hatte versäumt, die Kollegen über die verdeckte Operation in Kenntnis zu setzen. Joyner rief den Kommandoposten der SOKO an, den man im „Pirate’s Cove Motel“ aufgeschlagen hatte. Von dort aus informierte man die zuständige Polizeiwache in Port Orange, um die sofortige Freilassung der Frau zu erreichen. Aileen Wuornos kehrte daraufhin in die Bar zurück.
Joyner und Martin verwickelten die Verdächtige anschließend in ein Gespräch und spendierten ihr ein paar Drinks. Gegen 22.00 Uhr verließ Wuornos die Kneipe. Wieder kam es zu einer unvorhergesehenen Begegnung mit der Polizei. Dieses Mal entdeckten zwei Beamte des Florida Department of Law Enforcement die Frau, als sie die Ridgewood Avenue entlangging. Sie folgten ihr langsam im Auto.
Last Resort
Dem Observationsteam fiel das Polizeifahrzeug auf. Die Meldung erreichte die SOKO rechtzeitig, um eine weitere Verhaftung zu verhindern. So konnte Wuornos ungehindert ihr Ziel erreichen, die Bar „Last Resort“. Joyner und Martin folgten ihr dorthin, schmissen weitere Runden, konnten Wuornos letztlich aber keine relevanten Informationen entlocken. Gegen Mitternacht zogen die beiden Undercover-Polizisten schließlich ab. Wuornos schlief ihren Rausch auf einem ausrangierten Pkw-Rücksitz aus, der im „Last Resort“ als Bestuhlung diente.
Am nächsten Nachmittag unternahmen Joyner und Martin einen weiteren Anlauf. Dieses Mal waren sie verkabelt, um das Gespräch mit der Verdächtigen aufzuzeichnen. Sie trafen Wuornos erneut im „Last Resort“. Dort bekamen sie mit, dass im Laufe des Abends vor der Bar ein Barbecue stattfinden sollte. Ein Haufen Biker würde zum Grillen erscheinen. Das bedeutete potenziellen Ärger, wenn es zur Verhaftung kommen sollte.
Die SOKO überdachte ihre Strategie. Die beiden Undercover-Beamten sollten Wuornos aus dem Laden bringen, bevor die Rocker erschienen. Draußen vor der Bar warteten Polizisten des Volusia County Sheriff Department und nahmen die Frau offiziell fest.

By RustyClark (hottnfunkyradio.com) from merritt usland FLA – The Last Resort / Port Orange, FL, CC BY 2.0, Link
Die zweite Frau
Die Beamten nannten der Verhafteten keinen Grund für die Festnahme. Auch die Medien wurden vorläufig nicht unterrichtet. Die Behörden hatten guten Grund, so vorzugehen. Denn noch fehlte jede Spur von der Tatwaffe und von der möglichen Komplizin Tyria Moore.
Am 10. Januar konnte die Polizei schließlich auch Moore ausfindig machen. Sie war inzwischen bei ihrer Schwester in Pittston (Pennsylvania) untergeschlüpft. Zwei Beamte der SOKO – Jerry Thompson und Bruce Munster – flogen nach Pennsylvania, um sie dort zu vernehmen.
Sie verlasen der Frau zwar ihre Rechte, legten ihr aber zunächst keine Verbrechen zur Last. Mit anderen Worten: Man vernahm sie nicht als Beschuldigte, sondern als Zeugin. Sie sollte jedoch unter Eid aussagen.
Unterdrückte Geständnisse
Tyria Moore gab an, sie habe bereits Verdacht geschöpft, als ihre Freundin Aileen „Lee“ Wuornos eines Tages einen Wagen mitbrachte, der ihr nicht gehörte. Lee habe ihr gegenüber geäußert, dass sie an diesem Tag einen Mann umgebracht habe. Dabei musste es sich um Richard Mallory, das erste Mordopfer, gehandelt haben, wie die weiteren Recherchen ergaben.
Doch sie habe ihre Lebensgefährtin sogleich unterbrochen, wie Tyria Moore beteuerte: „Ich sagte ihr, dass ich nichts darüber wissen wolle. Und jedes Mal, wenn sie danach nach Hause kam und eine weitere Andeutung machte, habe ich ihr gesagt, ich will nichts davon wissen.“
Sie gab zu, dass sie geahnt habe, dass Wuornos weitere Verbrechen begangen habe. Aber sie habe ihre Befürchtungen verdrängt und alles getan, um nicht zur Mitwisserin zu werden. Je mehr sie tatsächliche Kenntnis von den Verbrechen gehabt hätte, umso mehr hätte sie sich gedrängt gefühlt, die Behörden zu informieren.
Und das wollte sie nicht. Sie wollte ihre Freundin nicht verlieren. Außerdem hatte Moore Angst vor ihrer Partnerin: „Sie hat mir zwar immer versichert, sie würde mir niemals wehtun. Aber man konnte ihr nicht trauen. Also wusste ich nicht, wie sie reagieren würde, falls ich zur Polizei ging.“
Eine Falle
Am nächsten Tag begleitete Tyria Moore die Beamten Munster und Thompson zurück nach Florida, um sie bei den weiteren Ermittlungen zu unterstützen. Ein Geständnis von Wuornos würde die Anklage praktisch wasserdicht machen. Die Polizisten erläuterten der Zeugin während des Flugs, wie sie dazu vorgehen wollten.
Sie würden Moore in einem Motel in Daytona einquartieren. Von dort sollte sie Kontakt zu Wuornos im Gefängnis aufnehmen. Die Telefongespräche würden aufgezeichnet werden. Sie sollte ihrer Freundin erzählen, dass sie Geld von der Mutter bekommen habe und nun den Rest ihrer Sachen in Florida abholen wolle.
Moore sollte Wuornos darüber hinaus mitteilen, dass die Ermittler auch ihre Familie befragt hätten. Offensichtlich wolle die Polizei Wuornos die ungeklärten Morde in Florida anhängen. Außerdem solle sie ihrer Lebensgefährtin einreden, dass sie nichtsdestotrotz von ihrer Unschuld überzeugt sei. Munster und Thompson hofften, dass Wuornos dann am Telefon ein Geständnis ablegen würde.
Der erste Anruf erfolgte am 14. Januar. Als Moore auf die Morde zu sprechen kam, beruhigte Wuornos sie: „Die haben mich nur wegen dieser Waffengeschichte aus 1986 und einem Knöllchen eingebuchtet. Und ich sag dir was. Ich lese Zeitung. Da werde ich mit keinem Wort als eine der Verdächtigen erwähnt.“
Wuornos war jedoch misstrauisch. Sie konnte zwar nichts von der Falle wissen, die ihr die Polizei mithilfe von Tyria Moore stellte. Aber sie ging einfach davon aus, dass die Gefängnisleitung jedes Telefonat überwachen würde. Also benutzte sie scheinbar unverdächtige Umschreibungen in ihren Gesprächen mit Moore.
Drei Tage lang setzten sich die Anrufe fort. Moore schnitt immer wieder das Thema Morde an. Wuornos versuchte sie zu beruhigen: „Wenn die Bullen nicht locker lassen, liefer ihnen einfach, was sie hören wollen. Ich werde dich decken, weil du unschuldig bist. Ich werde nicht zulassen, dass sie dich ins Gefängnis stecken. Falls ich dazu auspacken muss, werde ich es tun.“ Und so kam es auch.
Das Geständnis
Die Ermittler begriffen Wuornos‘ Worte als Einladung, sie jetzt endlich mit den Mordvorwürfen zu konfrontieren. Am 16. Januar legte Aileen Wournos im Zuge dieses Verhörs ein umfassendes Geständnis ab.
Zunächst stellte sie klar, dass Moore an keinem der Morde beteiligt gewesen sei. Darüber hinaus betonte sie nachdrücklich, dass auch sie selbst keine Schuld im eigentlichen Sinne treffe. Denn sie habe sich ausschließlich selbst verteidigt. Jedes spätere Opfer habe sie zunächst tätlich angegriffen, um sie mutmaßlich zu vergewaltigen oder zu töten.
Doch ihre Schilderung der Tatumstände veränderte sich mit der Zeit. Die verhörenden Beamten gewannen den Eindruck, als würde sie ihre Erzählung weiterspinnen und mit zusätzlichen Details ausschmücken, während sie darüber sprach. Sobald Wuornos das Gefühl hatte, sie habe sich irgendwie mit einer Bemerkung möglicherweise selbst belastet, revidierte sie diesen Teil des Geständnisses und erzählte ihn später neu.
Der Pflichtverteidiger Michael O’Neill riet seiner Mandatin zwar, zu schweigen: „Ist Ihnen eigentlich klar, dass diese Typen Polizisten sind?“ Wuornos antwortete nur: „Ich weiß. Und sie wollen mich hängen sehen. Aber das ist schon in Ordnung. Denn vielleicht habe ich es auch verdient. Ich möchte das einfach hinter mich bringen.“
Im Scheinwerferlicht
Infolge der spektakulären Enthüllungen wurden allen Verfahrensbeteiligten lukrative Buch- und Filmangebote unterbreitet, darunter natürlich auch solche, die sich direkt an die Beschuldigte Aileen Wuornos richteten. Wuornos schien alsbald zu glauben, dass sie Millionen mit ihrer Geschichte verdienen könne. Ihr war allerdings nicht klar, dass der Bundesstaat Florida in der Vergangenheit ein Gesetz erlassen hatte, dass Straftätern untersagte, irgendeinen Profit aus ihren kriminellen Handlungen zu ziehen.
Aber neben dem Geld gab es ja auch noch den vermeintlichen „Ruhm“. Wuornos war plötzlich Thema Nummer eins in allen regionalen und nationalen Medien. Sie genoss die Aufmerksamkeit und redete mit allen, die ihr zuhörten, einschließlich der Mitarbeiter des Bezirksgefängnisses von Volusia. Mit jedem Gespräch verfeinerte sie ihre Erzählung und rückte sich jedes Mal in ein besseres Licht.
Vor diesem Hintergrund gab es auch berechtigte Zweifel an Details, die Aileen Wuornos über ihre Kindheit und Jugend geäußert hatte. Mehrere Autoren haben deshalb in der Vergangenheit auch mit Verwandten und Bekannten der Familie gesprochen, um ihre Behauptungen zu überprüfen. Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass sich nicht jede Angabe verifizieren ließ, aber Wuornos alles andere als eine normale Kindheit durchlebte, wie immer man „normal“ auch konkret definieren will.
Kindheit
Der Geburtsname von Aileen Wuornos lautete Aileen Carol Pittman. Sie war das zweite Kind von Diane Wuornos und Leo Dale Pittman, aus deren Ehe 1955 bereits der Sohn Keith hervorgegangen war. Schwester Aileen kam am 29. Februar 1956 zur Welt. Beide Kinder sollten ihren Vater nie bewusst kennenlernen.
Diane Wuornos, die Pittman im Alter von 15 Jahren geheiratet hatte, ließ sich von ihm wenige Monate vor der Geburt der gemeinsamen Tochter scheiden. Ihr Mann war extrem eifersüchtig und gewalttätig gegenüber seiner Frau. Zudem geriet er permanent mit dem Gesetz in Konflikt. Später wurde Pittman wegen Kindesmissbrauchs zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. 1969 erhängte er sich im Gefängnis.
Diane Wuornos sah sich nicht in der Lage, als alleinerziehende Mutter die Verantwortung für die beiden Kinder zu übernehmen. Schließlich erklärten sich ihre Eltern Lauri und Britta Wuornos 1960 bereit, die Enkel zu adoptieren. Fortan galten Aileen und Keith als Geschwister von Diane und wuchsen in Troy (Michigan), 25 km nördlich von Detroit auf. Lauri und Britta Wuornos hatten neben Diane noch zwei weitere leibliche Kinder. Die jüngste Tochter Lori war nur zweieinhalb Jahre älter als Aileen.
Ein brauner Ledergürtel
Lauri Wuornos war autoritär, stur, rechthaberisch und ein Trinker. Er verdrückte täglich zwei oder drei Flaschen billigen Muskateller-Wein, manchmal auch mehr. Er hatte strikte Regeln für alles. Wer sich mit ihm anlegte, fing sich reichlich Ärger ein. Während Lori und ihr älterer Bruder Barry – Diane war längst zu Hause ausgezogen – kaum mit ihm aneinandergerieten, sah die Sache bei Keith und Aileen von Beginn an gänzlich anders aus.
Er verdrosch die beiden Jüngsten regelmäßig mit seinem bevorzugten „Erziehungsmittel“: einem braunen Ledergürtel, der im Western-Stil geflochten war. Der Gürtel hing an der Schlafzimmertür. Aileen hatte die Aufgabe, ihn regelmäßig mit Sattelseife und einer Spülung zu reinigen. Wenn er die Kinder bestrafte, mussten sie die Hosen runterlassen, sich über den Küchentisch beugen oder mit dem Gesicht aufs Bett legen. Dann drosch er mit dem gefalteten Ledergürtel auf sie ein.
In den 1960-er Jahren waren in den USA Schläge bis hin zur körperlichen Züchtigung als Teil der Kindererziehung noch eher gesellschaftlich akzeptiert, als dies heute der Fall sein mag. Doch selbst für die damaligen Maßstäbe war Lauri Wuornos in den Augen seiner Nachbarn ein sadistischer Mistkerl, der hinsichtlich seiner Erziehungsmethoden weit übers Ziel hinausschoss.
Er gab seiner Adoptivtochter ständig zu verstehen, dass sie böse und wertlos sei. Es wäre besser gewesen, sie sei niemals geboren worden. Als Aileen neun Jahre war, erlitt sie beim Spielen mit ihren Geschwistern schwere Verbrennungen im Kopfbereich. Es blieben lebenslange Narben im Gesicht zurück. Nun wurde sie auch noch von den anderen Kindern verspottet.
Ein reines Tauschgeschäft
Im Alter von etwa elf Jahren entdeckte Aileen Wuornos durch einen Zufall, dass ihre vermeintlichen Eltern in Wahrheit ihre Großeltern waren und „Schwester“ Diane die leibliche Mutter. Spätestens ab diesem Moment lehnte sie sich massiv gegen ihre Adoptiveltern auf. Sie war kaum noch zu kontrollieren. Sie schwankte zwischen übertriebener Ängstlichkeit und aggressiven Wutausbrüchen.
Lauri Wuornos hatte ihr verboten, das Grundstück zum Spielen zu verlassen. Also schlich sie sich heimlich aus dem Haus. In einem kleinen Wäldchen am Ortsrand der Gemeinde baute sie sich gemeinsam mit anderen Kindern ein „Fort“ aus herumliegenden Bäumen und Sperrmüll. Doch in diesem Fort wurde nicht Cowboy und Indianer gespielt.
Ab ihrem 12. Lebensjahr prostituierte sich Aileen Wuornos regelmäßig. Für die sexuellen Gefälligkeiten ließ sie sich von ihren Teenager-Freunden zunächst mit Zigaretten, Bier und Geld, später auch Drogen bezahlen. Der Sex war für sie meist ein reines Tauschgeschäft ohne jegliche Emotionen und Zärtlichkeiten.
Schwanger
Im Alter von 14 Jahren wurde Aileen Wuornos schwanger. Als ihr Zustand sich nicht mehr verbergen ließ, erzählte sie ihren Adoptiveltern, sie sei von einem Fremden brutal vergewaltigt worden. Ihr Peiniger habe Elvis Presley geähnelt. Im Laufe der Zeit wandelte sie die Geschichte noch häufig ab, nannte auch Namen. Aber letztlich wusste niemand, wer der leibliche Vater des Kindes war.
Angesichts ihres Lebensstils lag die Vermutung nahe, dass es einer ihrer zahlreichen Freier war. Kondome als Verhütungsmittel waren damals unter Teenagern noch nicht sonderlich verbreitet. Aileen selbst hätte von ihren Eltern niemals die Erlaubnis erhalten, mit der Pille zu verhüten. Coitus interruptus war folglich das Mittel der Wahl. Das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft war entsprechend hoch.
Lauri und Britta Wuornos schickten Aileen nach ihrem Geständnis in ein Mutterschaftsheim, bis das Kind 1971 zur Welt kam. Der Junge wurde umgehend zur Adoption freigegeben. Aileen Wuornos behauptete später, sowohl von ihrem Großvater als auch ihrem Bruder Keith sexuell missbraucht worden zu sein. Einer von ihnen sei womöglich auch der Vater des Kindes gewesen. Ihre Geschwister und andere Verwandte von ihr konnten oder wollten weder die Vaterschaft noch den Missbrauch bestätigen.
Todesfälle
Im Juli 1971 verstarb zudem die Großmutter Britta Wuornos, offiziell an Leberversagen. Diane, Aileens leibliche Mutter, glaubte hingegen, dass Lauri sie getötet hatte. Im Obduktionsbericht war von frischen Blutergüssen die Rede, für die niemand eine plausible Erklärung hatte.
Schwester Lori war jedoch überzeugt, dass ihre Mutter aufgrund der Aufregungen rund um Aileens Schwangerschaft und deren häufiges Schulschwänzen wieder dem Alkohol verfallen sei. Allenfalls träfe den Großvater eine Mitschuld, weil er nicht rechtzeitig einen Krankenwagen gerufen habe. Vermutlich habe er sich Sorgen gemacht, den Transport ins Krankenhaus zahlen zu müssen.
Aileen Wuornos brach die Schule ab, verließ das Zuhause, trampte durch die USA und verdiente sich ihren Lebensunterhalt weiterhin als Prostituierte. 1975 starb ihr Bruder Keith an Krebs. Ein Jahr später nahm sich ihr Großvater Lauri das Leben.
Der Multimillionär
In der gleichen Zeit reiste Aileen Wuornos per Anhalter durch Florida und stieg in den Wagen von Lewis Fell. Eine schicksalhafte Begegnung. Der 69-jährige Multimillionär verliebte sich auf der Stelle in die 20-jährige Blondine. Im Sommer 1976 heiratete das ungleiche Paar in Georgia.
Aileen Wuornos hatte scheinbar das große Los gezogen. Doch sie war nicht in der Lage oder willens, ihren Vorteil daraus zu ziehen. Sie ließ nicht von ihren Gewohnheiten ab. Sie geriet in Kneipenschlägereien und landete wegen Körperverletzung im Gefängnis. Ihren Bräutigam verdrosch sie mit dessem eigenen Gehstock. Ungefähr einen Monat nach der Hochzeit sah Lewis Fell ein, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er ließ die Ehe annullieren.
Coming-out
Während der nächsten zehn Jahre hangelte sie sich von einer gescheiterten Beziehung zur nächsten. Sie verdiente ihr Geld weiterhin mit Prostitution, kassierte darüber hinaus aber auch mehrere Anzeigen wegen Urkundenfälschung, Diebstahl, unerlaubtem Waffenbesitz und bewaffnetem Raubüberfall. Beständiger Alkohol- und Drogenkonsum rundeten den selbstzerstörerischen Lebensstil ab.
1984 lebte Aileen Wuornos erstmals in einer homosexuellen Beziehung. 1986 lernte sie die damals 24-jährige Tyria Moore in einer Lesbenbar in Daytona kennen und verliebte sich. Für eine Weile schien es zwischen den beiden großartig zu laufen. Tyria gab ihren Job als Zimmermädchen auf und Aileen sorgte für sie.
Aber Aileen Wuornos war inzwischen jenseits der 30. Ihr Lebenswandel hatte sichtbare Spuren hinterlassen. Ihr fiel es immer schwerer, Freier zu finden und genügend Geld zu verdienen. Die beiden mussten häufig Hals über Kopf ihre Unterkunft verlassen, weil sie die Zimmermiete nicht mehr zahlen konnten. Dann suchten sie Unterschlupf in der nächsten billigen Absteige, wo sie noch keine Schulden hatten.
Die Spannungen zwischen den beiden wuchsen. Wenn man Tyria Moore Glauben schenken darf, handelte es sich zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr um eine Liebesbeziehung, sondern um das Nebeneinander zweier Menschen, die ausschließlich die Angst vor der Einsamkeit einte.
Zentrales Trauma
Laut der Autorin Sue Russell fürchtete Wuornos nichts mehr, als dass sich Menschen von ihr abwenden könnten. Dieses Trauma hatte sie wieder und wieder durchlebt, angefangen bei der Mutter, die sie als Kleinkind weggab. Paradoxerweise tat sie mit ihren unkontrollierten Wutausbrüchen, ihren unberechenbaren Launen und ihrer wiederkehrenden Gefühlskälte alles dafür, um selbst jene aus ihrem Leben zu vertreiben, die es gut mir ihr meinten. Aber solche scheinbar widersprüchlichen Verhaltensmuster sind in der Psychologie bestens dokumentiert.
Unmittelbar vor und während der Mordserie befürchtete Aileens Wuornos, dass ihre Partnerin sie verlassen würde. Diese Gefühlslage und die Aussicht auf Beute mögen Auslöser für die erste Tat gewesen sein. Denn Geld war der Kitt ihrer Beziehung mit Tyria Moore. Davon war Aileen Wuornos überzeugt. Wenn sie erst wieder Bares in der Tasche hatte, würde sie ihre Geliebte halten können.
Doch dieses Motiv erklärt natürlich nicht die folgende Mordserie. Habgier spielte zwar weiterhin eine Rolle. Aber Wuornos suchte ihre Opfer nicht gezielt nach dem Kriterium aus, dass sie besonders viel Geld oder andere Wertgegenstände mit sich führten. Wahrscheinlich hat Wuornos – wie viele andere Serienmörder – Gefallen an der Macht gefunden, die sie plötzlich über das Leben eines anderen hatte. Sie hielt jetzt buchstäblich den Finger am Abzug. Sie hatte die volle Kontrolle. Ihre lebenslang aufgestaute Wut fand endlich ein Ventil und sie wurde mit einem rauschhaften Kick belohnt.
Rächerin der Unterdrückten?
Das Verfahren gegen die Serienmörderin erregte auch die Aufmerksamkeit einiger Feministinnen. Für sie war Aileen Wuornos das Opfer, das sich gegen die männliche Ausbeutung aufgelehnt hatte. Quasi eine Rächerin aller Unterdrückten. Auch diese Motivlage mag hineingespielt haben. Sie hatte ihren Körper verkauft, seit sie 11 Jahre war. Es liegt nahe, dass sie in den mehr als 20 Jahren als Prostituierte häufiger mit Demütigungen, Erniedrigungen, Ekel und sexueller Gewalt zu tun hatte – ein klassischer Nährboden für Wut und Rachegelüste.
Doch ihre Biografie macht auch deutlich, dass ihr Hass auf andere Menschen nichts mit dem Geschlecht zu tun hatte. Vereinfacht ausgedrückt: Aileen Wuornos begehrte alle und hasste jeden, wenn sie sich zurückgestoßen und ausgeschlossen fühlte. Da jede Art der zwischenmenschlichen Beziehung, die sie in ihrem Leben geführt hatte, irgendwann in Zurückweisung endete, nährte sich ihre mörderische Wut aus sehr vielen Quellen. Ihre Freier oder Männer im Allgemeinen waren nur ein Teil davon.
Das große öffentliche Interesse am Fall Aileen Wuornos hatte auch zur Folge, dass sich Menschen zu Wort meldeten, die Verständnis für die Täterin aufbrachten und in ihr gar das eigentliche Opfer sahen. Eine dieser Personen war Arlene Pralle. Die 44-jährige Frau aus Ocala (Florida) betrieb eine Pferdezucht und Reiterpension. Sie begriff sich darüber hinaus als „wiedergeborene Christin“, der Jesus aufgetragen habe, mit der inhaftierten Wuornos in Kontakt zu treten. Sie schrieb ihr einen Brief, in dem sie ihre Telefonnummer vermerkte. Wuornos rief sie daraufhin zurück. Von diesem Moment an war Pralle öffentliches Sprachrohr und persönliche Beraterin der Serienmörderin.
Während des gesamten Jahres 1991 trat Pralle im Fernsehen und in der Presse auf. Sie sprach mit allen Reportern, die bereit waren, ihre Botschaft zu verbreiten. Aileen Wuornos sei in Wahrheit ein guter Mensch, der lediglich eine problematische Kindheit durchlebt habe. Nun hätten sich Polizisten, Staatsanwälte und ihre Ex-Freundin Tyria Moore verschworen, um ihr eine Reihe von Morden anzuhängen, die sie nicht begangen habe. Sie sei nur der perfekte Sündenbock in einem abgekarteten Spiel.
Arlene Pralle riet Wuornos zudem, ihre Anwälte auszutauschen. Auch sie seien nicht wirklich an ihrem Schicksal interessiert. Sie nutzten die Aufmerksamkeiten der Medien nur aus, um selber finanziell zu profitieren. Wuornos ließ sich überzeugen und beantragte bei Gericht eine neue Verteidigung. Der Richter willigte ein.
Pralle gelang es sogar, Interviewtermine zwischen Journalisten und der Inhaftierten zu vermitteln. So konnte Wuornos ihre eigene Sicht auf die Dinge äußern, was sich allerdings auf lange Sicht noch als Bumerang erweisen sollte. Ihre mit der Kamera dokumentierten Wutausbrüche und Anfälle prägten das Bild, das sich damals die breite Öffentlichkeit von ihr machte: Das war kein Mensch, sondern ein „irres Monster“.
Am 22. November 1991 adoptierten Arlene Pralle und ihr Ehemann Aileen Wuornos. In einem Interview sprach Pralle von „Seelenverwandtschaft“, die sie vom ersten Tag mit ihrer Adoptivtochter verbunden habe: „Es ist, als wäre ein Teil von mir mit ihr im Gefängnis eingesperrt. Wir wissen immer, was der andere fühlt und denkt.“
Fehleinschätzung
Die neuen Anwälte schlugen ihrer Mandantin vor, sich in sechs Mordfällen schuldig zu bekennen. Die Verteidiger waren zuversichtlich, dass die Staatsanwaltschaft aufgrund des Schuldeingeständnisses zu einem Deal zu bewegen war – statt Todesstrafe sechs Mal lebenslänglich. Aileen Wuornos gab ihr Okay.
Doch die Rechtsanwälte hatten die Situation falsch eingeschätzt. Die Anklage war sich ihrer Beweisführung sehr sicher und wollte von einem Deal vorab nichts wissen. Die Beschuldigte sollte die Strafe erhalten, die sie aus Sicht der Staatsanwälte verdiente: den Tod.
Und so ging der Fall am 14. Januar 1992 vor Gericht. In diesem Verfahren wurde nur der Mord an Richard Mallory verhandelt. Für die übrigen Verbrechen sollten weitere Prozesse anberaumt werden. In vielen US-Bundesstaaten hätte diese Vorgehensweise einen nicht zu unterschätzenden Vorteil für die Beschuldigte bedeutet. Denn dort hätten die Geschworenen nichts davon erfahren, dass der Angeklagten weitere Morde nach dem gleichen Tatmuster vorgeworfen wurden. Die Verteidigung hätte sich darauf konzentrieren können, einen begründeten Zweifel zu wecken, dass Aileen Wuornos die Täterin im Fall Richard Mallory war. Nicht so im Bundesstaat Florida.
Unglaubwürdig
Denn dort erlaubte das Gesetz, auch Beweismittel aus anderen Fällen in den Prozess mit einzubeziehen. Dadurch konnte die Staatsanwaltschaft eine große Zahl an Indizien und Zeugen auffahren, die sich für Wuornos als äußerst nachteilig erwiesen. Ihre ursprüngliche Rechtfertigung, sie habe Richard Mallory aus Notwehr getötet, nahmen ihr die Geschworenen nun nicht mehr ab. Angesichts der Vielzahl der Opfer wirkte diese Aussage unglaubwürdig.
Der Eindruck verstärkte sich, als die Anklage die Videoaufzeichnung des ersten Verhörs von Wuornos abspielte. Sie wirkte selbstsicher, als sie den Mord an Mallory schilderte, und nicht traumatisiert oder zumindest emotional aufgewühlt, wie man es bei einer Notwehr-Tat hätte erwarten können.
Den nächsten Fehler beging Wuornos, als sie sich gegen den Rat ihrer Anwälte in den Zeugenstand begab. Sie wollte selber den Geschworenen darlegen, wie Mallory sie gefoltert und anal vergewaltigt habe. Doch im Kreuzverhör förderte der Staatsanwalt jede Menge Widersprüche in ihrer Aussage zutage. Teilweise konnte er ihr sogar Lügen nachweisen. Sie reagierte aufbrausend und wütend. Diesen Wesenszug der Angeklagten hätte die Verteidigung nur allzu gerne vor den Geschworenen verborgen.
Die Anwälte versuchten zu retten, was noch retten zu war. Sie empfahlen ihrer Mandantin, sich auf den 5. Zusatzartikel der Verfassung zu berufen und die Antwort auf eine Frage des Staatsanwalts zu verweigern, da sie sich damit selbst strafrechtlich belasten könnte. Zu diesem Mittel griff sie insgesamt 25 Mal während des Kreuzverhörs. Und die Glaubwürdigkeit bröckelte erneut.
Urteile
Da Aileen Wuornos die einzige Zeugin war, welche die Verteidigung aufrief, war aufgrund ihres desolaten Auftritts das Urteil fast schon gesprochen. Am 27. Januar 1992 schickte Richter Uriel Blount die Geschworenen zur Beratung. Sie benötigten lediglich zwei Stunden, um zu einer einstimmigen Entscheidung zu gelangen: schuldig in allen Anklagepunkten. „Ich bin unschuldig! Ich wurde vergewaltigt! Ich hoffe, ihr werdet alle vergewaltigt, ihr Schleimscheißer!“, schrie ihnen die Angeklagte entgegen.
Am nächsten Tag versammelten sich dieselben Geschworenen, die Wuornos zuvor beschimpft hatte, wieder im Gerichtssaal, um das konkrete Strafmaß festzulegen. Die Verteidiger riefen mehrere Gutachter auf, die aussagten, dass Aileen Wuornos psychisch krank sei und an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leide. Die Geschworenen ließen sich nicht erweichen. Am 31. Januar 1992 verurteilten sie die Angeklagte zum Tode.
Für die noch offenen Mordanklagen verzichtete Aileen Wuornos auf eine Verhandlung vor einem Geschworenengericht, wie es ihr von Rechts wegen zugestanden hätte. Am 31. März bekannte sie sich der Morde an Dick Humphreys, Troy Burress und David Spears schuldig. Sie beharrte auf ihrer Aussage aus dem ersten Prozess, dass Richard Mallory sie vergewaltigt habe: „Aber die anderen Männer taten dies nicht. Sie hatten das jedoch vor.“ Am 15. Mai 1992 verurteilte sie Richter Thomas Sawaya drei Mal zum Tode.
Im November 1992 folgte das nächste Todesurteil für den Mord an Charles Carskaddon, im Februar 1993 erging das letzte Todesurteil für den Mord an Walter Gino Antonio. Für den siebten Mord an Peter Siems verzichtete die Staatsanwaltschaft auf eine Anklage, da seine Leiche nie gefunden wurde.
Hinrichtung
Erst nach Prozessende stellte sich heraus, dass Richard Mallory zehn Jahre wegen eines Sexualstrafdelikts eingesessen hatte. Die NBC-Reporterin Michele Gillen veröffentlichte erstmals im November 1992 die Details. Eigentlich unglaublich, dass die Verteidigung diesen Fakt nicht beizeiten ausgegraben hatte. Die Geschworenen hätten zumindest der Aussage von Aileen Wuornos zu ihrem ersten Mord vermutlich mehr Glauben geschenkt. Ihre Anwälte beantragten zwar eine Neuaufnahme des Verfahrens. Doch in letzter Instanz bestätigte das Oberste Bundesgericht von Florida alle gefällten Urteile. Wuornos entließ daraufhin ihre Rechtsverteidiger und verzichtete auf weitere Berufungen.
Die Hinrichtung war für 2002 anberaumt. In dieser Phase häuften sich aber die Fälle, in denen sich Todesurteile als Fehlurteile entpuppten – auch eine Folge des Siegeszugs der DNS-Analyse. So hatte beispielsweise der US-Bundesstaat Illinois jeden Vollstreckungstermin bis auf Weiteres ausgesetzt. Auch der Gouverneur von Florida, Jeb Bush, stoppte mehrere bereits angesetzte Hinrichtungen, darunter die von Aileen Wuornos.
Doch die Serienmörderin wollte weder von einem Aufschub noch von einer Begnadigung etwas wissen. Sie bestand darauf, dass das Verfahren seinen gewohnten Gang nahm. Hätte sie das nicht getan, würde sie heute womöglich immer noch in ihrer Zelle einsitzen. So erleichterte sie Gouverneur Bush die Entscheidung.
Am 9. Oktober 2002, einem Mittwoch, tötete sie der Henker um 9.47 Uhr mittels einer Giftinjektion. Die Hinrichtung fand im Florida State Prison in Starke statt. „Ich komme wieder“, sollen ihre letzten Worte gelautet haben.
Bücher
Deutsch
Michael Reynolds: Ich hasse alle Männer. Die unfaßbare Geschichte einer Serienmörderin (1992)
Englisch
Dolores Kennedy: On a Killing Day (1992)
Terry Manners: Deadlier Than the Male (1995)
Sue Russell: Lethal Intent (2002)
Aileen Wuornos & Christopher Berry-Dee: Monster. My True Story (2004)
Lisa Kester & Daphne Gottlieb: Dear Dawn. Aileen Wuornos in Her Own Words (2012)
Filme
Dokus
Aileen Wuornos: The Selling of a Serial Killer (1992)
American Justice: Death Row Prostitute – Aileen Wuornos (1998)
Aileen: Leben und Tod einer Serienmörderin (2003)
A&E Biography: Aileen Wuornos (2003)
Born to Kill: Aileen Wuornos – das Monster (2010)
Spielfilme
Overkill: The Aileen Wuornos Story (1992)
Monster (2003)
Kapitelübersicht zum Fall Aileen Wuornos
- Kapitel 1: Die Mordserie am Highway
- Kapitel 2: Ermittlungen und Fahndungsdurchbruch
- Kapitel 3: Festnahme, Prozess und Hinrichtung