Gäbe es ein Casting-Format namens »Die Hölle sucht den Super-Bastard«, stünde der Sieger vorzeitig fest: Albert Fish. Die Dinge, die er Kindern antut, sind so unfassbar grausam, dass sich die Geschworenen weigern, jedes seiner Geständnisse für wahr zu erachten.
Albert Fish, 1935
Inhaltsverzeichnis
Ein Stellengesuch
Edward Budd war 18 und strotzte nur so vor jugendlicher Kraft. Er hatte den Ehrgeiz, sich aus den ärmlichen Verhältnissen, in denen er aufgewachsen war, emporzuarbeiten. Er war sich zwar für keine Arbeit zu schade, egal wie hart sie auch sein mochte. Doch ihn zog es aufs Land hinaus, wo es reichlich Sonnenschein und frische Luft gab.
An beidem mangelte es in dem heruntergekommenen, verdreckten und viel zu engen Elendsquartier im New Yorker Stadtteil Chelsea, das sich die siebenköpfige Familie Budd teilen musste. So rückte Edward am 25. Mai 1928 ein kurzes und knackiges Stellengesuch in die Sonntagsausgabe der »New York World«: »Junger Mann, 18, wünscht Stellung in der Landwirtschaft. Edward Budd, 406 West 15th Street.«
Der Farmer
Bereits am darauffolgenden Montag erschien ein älterer Herr vor der Wohnungstür der Budds. Edwards Mutter Delia ließ ihn hinein. Der Mann stellte sich als Frank Howard vor. Er betreibe einen Bauernhof in Farmingdale auf Long Island, suche einen Gehilfen und würde sich wegen des Stellengesuchs gerne einmal mit Edward unterhalten. Delia schickte ihre 5-jährige Tochter Beatrice los. Sie sollte dem Bruder Bescheid sagen, der sich gerade bei einem Freund aufhielt. Der alte Mann lächelte das Mädchen freundlich an und überreichte ihr ein 5-Cent-Stück.
Während die beiden auf Sohn Edward warteten, hatte Delia Budd Gelegenheit, den Besucher genauer zu mustern. Der Mann hatte ein nettes Gesicht, das von einem vollen, grauen Haarschopf eingerahmt war. Ein grauer Schnurrbart, der an den Seiten weit herunterhing, dominierte das Antlitz.
Der Besucher geriet ins Plaudern. Er erzählte der Mutter, dass er mehrere Jahrzehnte lang als Innenarchitekt in New York tätig gewesen sei. Vor einigen Jahren habe er sich von seinen Ersparnissen die Farm auf Long Island gekauft. Er habe sechs Kinder, die er alleine großziehen müsse, da ihn seine Frau vor zehn Jahren verlassen habe.
Mit der Hilfe seiner Kinder, von fünf Knechten und einem schwedischen Koch habe er den Hof in einen profitablen landwirtschaftlichen Betrieb verwandelt. Inzwischen besitze er ein halbes Dutzend Milchkühe und 700 Hühner. Kürzlich habe einer seiner Gehilfen gekündigt und er benötige nun Ersatz.
Ein Traum geht in Erfüllung
Wie aufs Stichwort kam Edward Budd in diesem Moment zur Tür herein. Frank Howard stellte sich vor und beäugte den jungen Mann aufmerksam. Sogleich äußerte er sich lobend über dessen prächtige Statur. So habe er sich seinen neuen Gehilfen vorgestellt. Edward versicherte seinem Arbeitgeber in spe, dass er es gewohnt sei, hart zu arbeiten, und keine Mühen scheuen würde. Frank Howard bot ihm einen Wochenlohn von 15 Dollar an.
Edward Budd konnte sein Glück kaum fassen. Das war mehr, als er als Hilfsarbeiter in New York verdienen konnte. Er schlug hocherfreut ein. Howard ließ sich sogar überreden, Edwards besten Freund Willie ebenfalls einzustellen. Bevor Frank Howard aufbrach, versprach er, am kommenden Samstag zurückzukehren. Er würde seine beiden neuen Mitarbeiter abholen und mit ihnen gemeinsam zu seiner Farm hinausfahren.
Doch am 2. Juni 1928 warteten die Jungen vergeblich auf den freundlichen Herrn aus Long Island. Stattdessen traf ein Telegramm ein. Frank Howard entschuldigte sich darin für sein Nichterscheinen. Bedauerlicherweise sei er durch anderweitige Verpflichtungen verhindert gewesen. Er würde sich aber am folgenden Tag bei der Familie melden.
Frank Howard erschien tatsächlich am nächsten Morgen gegen elf Uhr. Er hatte den Budds einen Korb mit Präsenten mitgebracht: Erdbeeren und frischer Hüttenkäse. Das seien alles Produkte aus eigenem Anbau, verkündete er stolz.
Delia Budd überredete ihren Gast, zum Essen zu bleiben. So konnte sich Albert Budd Senior, der Familienvater, einmal eingehender mit dem zukünftigen Arbeitgeber seines Ältesten unterhalten. Albert Budd arbeitete als Pförtner bei einem Versicherungskonzern. Er hatte von Berufswegen tagtäglich mit gut gekleideten Herren zu tun. Der zerknitterte blaue Anzug, den der Farmer auftrug, beeindruckt ihn deshalb wenig.
Doch der alte Mann besaß zweifelsohne kultivierte Manieren und wusste sich auszudrücken. Er beschrieb voller Begeisterung die Freuden des Landlebens, seine 8 Hektar große Farm und die herzliche Art der Menschen, die dort lebten. Albert Budd stimmte das Gespräch sehr glücklich. Die Erzählungen des Alten entsprachen genau dem, was sich sein Sohn für die Zukunft erträumt hatte. Er hatte eine gute Wahl getroffen.
Grace Budd
Während die Familie Budd noch mit ihrem Gast zu Tisch saß, ging die Tür auf und die zehnjährige Tochter Grace trat herein. Sie kam direkt vom Gottesdienst und trug ihr Sonntagskleid aus weißer Seide, das sie zur Kommunion bekommen hatte, sowie eine Halskette aus falschen Perlen. Der Aufzug ließ sie älter erscheinen, als sie in Wirklichkeit war.
Grace Budd
Ihre großen braunen Augen und ihr dunkles, glänzendes Haar kontrastierten mit der alabasterweißen Haut und den pinkfarbenen Lippen. Sobald sie den Raum betreten hatte, konnte der alte Herr seine Augen kaum von dem hübschen Mädchen abwenden. »Mal sehen, wie gut du schon zählen kannst, kleine Lady«, sagte er zu ihr und reichte ihr ein dickes Bündel Geldscheine.
Den Budds verschlug es fast die Sprache. So viel Geld hatte die ärmliche Familie selten auf einem Haufen gesehen. Nur die kleine Grace behielt die Fassung. Sie zählte konzentriert und mit flinken Fingern die Scheine durch: »92 Dollar«, verkündete sie nach kurzer Zeit.
»Was für ein aufgewecktes Mädchen«, lobte Frank Howard. Er reichte ihr 50 Cent, damit sie davon für sich und ihre Schwester Beatrice ein paar Süßigkeiten kaufen konnte. Anschließend verabschiedete sich der Gast. Er habe seiner Schwester versprochen, zur Geburtstagsfeier einer Nichte zu erscheinen. Bis zum Abend kehre er zurück, um Edward und Willie abzuholen. Er gab den Jungen zwei Dollar, damit sie sich die Warterei mit einem Besuch im Kino verkürzen konnten.
Howard war fast schon zur Tür hinaus, als er sich noch einmal umdrehte. Er fragte Grace, ob es ihr gefallen würde, ihn zur Geburtsfeier seiner Nichte zu begleiten. Er versprach den Eltern, gut auf sie achtzugeben. Spätestens um 9 Uhr abends würde er sie wohlbehalten zu ihren Eltern zurückbringen.
Delia Budd wollte wissen, wo Howards Schwester lebte. Der Farmer antwortete, sie wohne in einem Mietshaus an der Ecke Columbus Avenue und 137th Street. Die Mutter war sich unschlüssig. Doch Albert Budd redete ihr zu, die Tochter gehen zu lassen. Die Abwechslung würde dem Mädchen guttun. Dann käme sie endlich mal für ein paar Stunden raus aus der finsteren Wohnung, an deren Wänden der Schimmel blühte.
Delia Budd zog Grace ihren guten Mantel über und setzte ihr einen grauen Hut mit bunten Bändern auf. Sie begleitete ihre Tochter und den alten Mann noch bis vor die Tür. Dann schaute sie den beiden nach, bis sie hinter der nächsten Straßenecke verschwunden waren.
Der Zeiger der Uhr drehte auf neun. Doch weder Grace noch Frank Howard kehrten zur Wohnung der Budds zurück. Dieses Mal erreichte die Familie auch keine Nachricht. Nach einer schlaflosen Nacht schickten die besorgten Eltern ihren Sohn Edward zum nächsten Polizeirevier, um das Verschwinden seiner Schwester anzuzeigen.
Noch mehr verschwundene Kinder
Als die Polizisten sich die Geschichte zu Ende angehört hatten, mussten sie den Budds eine schlechte Nachricht unterbreiten. Die Adresse, unter der die Schwester von Frank Howard wohnen sollte, existierte nicht. Die Columbus Avenue endete bereits an der 109. Straße. Der nette ältere Herr war ein Betrüger. Und er hieß auch nicht Frank Howard. Denn wie die polizeilichen Ermittlungen ergeben sollten, war in Farmingdale, Long Island, niemand unter diesem Namen gemeldet.
Die Polizei ermittelt
Die Polizei überprüfte dennoch jedes Detail der Geschichte, die der angebliche Frank Howard den Budds aufgetischt hatte. Denn oft genug streuten solche Ganoven ein paar Brocken Wahrheit in ihre Lügengeschichten, um sie glaubhafter erzählen zu können. Vielleicht ergab sich dadurch ein guter Ansatzpunkt für weitere Recherchen. Sie zeigten den Eltern zudem Bilder aus der Verbrecherkartei. Sie überprüften aktenkundige Pädophile und Patienten aus psychiatrischen Kliniken. Doch die Ermittlungen endeten in einer Sackgasse. Grace Budd blieb spurlos verschwunden.
Am 7. Juni 1928 verschickte die New Yorker Polizei über 1.000 Fahndungsgesuche an alle Polizeireviere im Land. Sie fügten dem Schreiben ein Foto der vermissten Grace und eine Personenbeschreibung ihres Entführers bei. Natürlich berichtete auch die Presse ausführlich über den Fall.
Im New York Police Department gingen daraufhin zahlreiche Hinweise von Bürgern ein, die Grace Budd angeblich kürzlich lebend gesehen haben wollten. Dazu gesellten sich zahllose haltlose Anschuldigungen harmloser Nachbarn und Geständnisse vermeintlicher Täter. Die Polizei musste allen diesen Hinweisen nachgehen. Inzwischen arbeiteten mehr als 20 Kriminalbeamte an dem Fall. Anders war das Pensum nicht zu bewältigen.
Wenige solide Ermittlungsansätze
Es hatten sich nur wenige solide Ermittlungsansätze ergeben. So hatten die Beamten herausgefunden, auf welcher Poststelle der angebliche Frank Howard das Telegramm aufgegeben hatte. Die Agentur von Western Union hatte sogar noch das Originalschreiben vorliegen. Die Handschrift und die geschliffene Ausdrucksweise ließen vermuten, dass der Verfasser über eine gewisse Bildung verfügte.
Die Polizisten machten außerdem einen Händler ausfindig, bei dem der alte Mann mit dem auffälligen grauen Schnurrbart den Hüttenkäse gekauft hatte, den er als Geschenk für die Budds bei sich führte. Sowohl die Poststelle als auch der Käsehändler befanden sich in East Harlem. Die Polizei konzentrierte ihre Suche auf diesen Stadtteil. Offensichtlich hatte der Täter engere Bindungen zu diesem Ort. Möglicherweise lebte oder arbeitete er hier.
Billy Gaffney
Die Ermittler übersahen zum damaligen Zeitpunkt jedoch die Parallelen zu einem Vermisstenfall, der sich ein Jahr zuvor ebenfalls in New York ereignet hatte. Auch hier war ein Kind spurlos verschwunden und die Täterbeschreibung lautete: alter Mann mit grauem Haar und Schnurrbart.
Am 11. Februar 1927 spielte der vierjährige Billy Gaffney mit einem drei Jahre alten Nachbarsjungen, der ebenfalls Billy hieß, vor dem Haus, in dem beide lebten. Ein älterer Junge kam heraus und gesellte sich zu ihnen. Nach ein paar Minuten hörte dieser seine kleinere Schwester schreien, auf die er aufpassen sollte. Er ging wieder hinein. Als er nach ein paar Minuten wieder nach draußen zurückkehrte, war von den beiden Billys nichts mehr zu sehen.
Dem Jungen kam die Angelegenheit komisch vor. Er unterrichtete den Vater des jüngeren Billys. Die beiden suchten die nähere Umgebung ab. Erst auf dem Dach des Gebäudes wurden sie schließlich fündig. Dort hockte der 3-Jährige – alleine.
»Wo ist Billy Gaffner?«, fragte der Vater seinen Sohn.
»Der schwarze Mann hat ihn geholt«, antwortete der kleine Billy.
Der »graue Mann«
Billy Gaffner tauchte nicht wieder auf. Als die Polizei am nächsten Tag anrückte, wiederholte der 3-Jährige seine Erklärung. Die Beschreibung half den Beamten wenig weiter. Ihr Zuständigkeitsbereich endete am Märchenland.
Sie schauten sich stattdessen in der Umgebung um und entdeckten einige Fabrikgebäude. Möglicherweise war Billy neugierig gewesen, hatte sich in den riesigen Hallen verirrt oder sich bei einem Unfall verletzt. Doch sie fanden keine Spur von dem Jungen. Einige Blocks entfernt verlief ein Kanal. Konnte Billy so weit gelaufen sein und war er vielleicht ins Wasser gestürzt? Man organisierte gemeinsam mit Anwohnern eine Suchaktion – vergeblich.

Billy Gaffney
Einer der Polizisten kam auf die Idee, nochmals den kleinen Billy zu befragen. Vielleicht meinte er mit dem »schwarzen Mann« gar keine Figur aus einem Märchen oder Kinderspiel, sondern einen realen Menschen, den er nicht besser zu beschreiben wusste. Wie sich herausstellte, benutzte der Junge den Begriff »schwarzer Mann« tatsächlich eher wie ein Synonym für »böser Mann«. Und der »schwarze Mann« war in Wirklichkeit eher ein »grauer Mann« gewesen: graues Haar, grauer Schnäuzer. Sehr alt und hager.
Allzu viel wusste die Polizei dennoch nicht mit der Täterbeschreibung anzufangen. Denn auch in diesem Fall übersah man die Ähnlichkeiten zu einem Verbrechen, das noch weiter zurücklag und bei dem ebenfalls ein »grauer Mann« als Hauptverdächtiger aufgefallen war.
Francis McDonnell
Im Juli 1924 spielte der 8-jährige Francis McDonnell auf der Wiese vor seinem Elternhaus. Seine Mutter saß auf der Veranda und hielt seine kleine Schwester auf dem Arm, die friedlich schlief. Ihr fiel ein hagerer älterer Mann mit grauem Haar und Schnurrbart auf, den sie noch nie in ihrem Viertel Charlton Woods auf Staten Island gesehen hatte.
»Er kam die Straße heruntergeschlurft«, erinnerte sich die Mutter Annie McDonnell später, »und murmelte irgendetwas vor sich hin. Dabei machte er so seltsame Handbewegungen. Diese Hände werde ich nie vergessen. Als ich sie sah, lief mir ein Schauer über den Rücken. Wie sie sich öffneten und schlossen, öffneten und schlossen, öffneten und schlossen … immer wieder. Ich sah, wie er Francis und die anderen Kinder anblickte. Ich sah dieses dicke graue Haar und seinen herabhängenden grauen Schnurrbart. Alles an ihm wirkte verwaschen und grau.«
Als der Fremde bemerkte, dass man ihn er beobachtete, tippte er an die Hutkrempe und verschwand. Im Laufe des Nachmittags wurde der gleiche Mann erneut gesichtet. Er schaute Francis und vier anderen Jungs beim Ballspiel zu. Der Alte rief Francis zu sich herüber. Die anderen Jungen störten sich nicht daran und spielten weiter. Einige Minuten später waren Francis und der Mann verschwunden. Ein Anwohner sagte später aus, er habe einen Jungen, der Francis McDonnell ähnelte, und einen älteren grauhaarigen Mann beobachtet, die in einen Wald hineinspaziert seien.
Fürchterlich zugerichtet
Das Verschwinden von Francis fiel erst beim Abendessen auf. Sein Vater war Polizist und organisierte sofort eine Suche. Man entdeckte den Jungen in einem Gehölz. Der Täter hatte Francis notdürftig mit einigen Zweigen bedeckt. Der Junge war mit seinen Hosenträgern erdrosselt worden. Sein Leichnam war fürchterlich zugerichtet.
Der Täter hatte ihm die Kleider vom Leib gerissen. Er hatte Francis so übel verprügelt, dass die Polizei Zweifel hatte, ob der alte Landstreicher tatsächlich so alt und gebrechlich gewesen war, wie er von den Zeugen beschrieben wurde. Die Beamten wollten auch nicht ausschließen, dass der Alte möglicherweise einen Komplizen gehabt hatte, der über genügend Kraft verfügte, den Jungen so zuzurichten.
Das NYPD trommelte 250 Streifenbeamte zusammen und setzte seine besten Leute aus der Spurensicherung auf den Fall an. Die konzertierte Fahndungsaktion führte zu etlichen Verhaftungen. Allerdings wies keiner der Verdächtigen Ähnlichkeiten mit dem grauhaarigen, schnurrbärtigen Landstreicher auf. Allen Bemühungen zum Trotz schien sich der »graue Mann« wieder einmal in Luft aufgelöst zu haben.
Post vom Teufel
Im Herbst 1934 ging bei der New Yorker Polizei kaum noch jemand davon aus, dass man den Fall Grace Budd eines Tages noch lösen würde. Mehr als sechs Jahre waren inzwischen seit dem Verbrechen vergangen. Dennoch war dem Vermisstenfall nach wie vor ein Beamter zugewiesen, der sporadisch neue Anläufe unternahm, andere Ermittlungsansätze zu finden. So kam Detective William F. King die Idee, einen Bekannten von der Presse für seine Zwecke einzuspannen. Er steckte dem Reporter Walter Winchell eine vermeintlich vertrauliche Information zu.
Winchell schluckte den Köder. Am 2. November 1934 schrieb er einen Artikel, der an den in Vergessenheit geratenen Fall Grace Budd erinnerte: »Ich habe inzwischen aus sicherer Quelle erfahren, dass sich eine neue heiße Spur ergeben hat. Das zuständige Dezernat geht davon aus, das mysteriöse Verbrechen innerhalb der nächsten vier Wochen klären zu können.«
Ein anonymes Schreiben
Zehn Tage nach der Veröffentlichung dieses Artikels erhielt Delia Budd einen Brief. Delia war Analphabetin. Sie reichte ihn an ihren Sohn Edward weiter, der immer noch zu Hause lebte. Er las den Brief stumm durch. Nach der Lektüre stürmte er wortlos zur Tür hinaus und ließ seine ratlose Mutter zurück. Er händigte das Schreiben Detective King aus. King konnte gut nachvollziehen, warum Edward den Brief seiner Mutter vorenthalten hatte. Der Inhalt war so unfassbar grausam, dass die arme Frau womöglich auf der Stelle tot umgefallen wäre, hätte sie ihn gehört.
Liebe Mrs. Budd,
1894 heuerte einer meiner Freunde – Kapitän John Davis – als Matrose auf dem Dampfer ‚Tacoma‘ an. Das Schiff verkehrte zwischen San Francisco und Hongkong. Nach der Ankunft in China ging er mit zwei Kameraden von Bord. Sie betranken sich. Als sie zum Schiff zurückkehrten, war es verschwunden.
Zu dieser Zeit herrschte eine große Hungersnot in China. Fleisch jeglicher Art kostete ein bis drei Dollar das Pfund. Unter den Armen war der Hunger so groß, dass sie ihre Kinder unter 12 Jahren für ein paar Lebensmittel verkauften, damit die übrigen dem Hungertod entkamen. Ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen war in diesen Tagen seines Lebens nicht sicher.
Sie konnten in jedes Geschäft gehen und nach einem Steak, Kotelett oder Ragout fragen. Man brachte Ihnen dann ein frisches Stück von einem Jungen oder Mädchen. Sie konnten sogar wählen, welches Teil Sie gerne haben wollten. Das wurde dann vor Ihren Augen zugeschnitten. Das Hinterteil, welches das zarteste Stück Fleisch eines Jungen oder Mädchens ist, wurde als Kalbsschnitzel angeboten und erzielte den höchsten Preis.
John blieb lange genug, um selber auf den Geschmack zu kommen. Als er wieder nach New York zurückgekehrt war, entführte er zwei Jungen. Der eine sieben, der andere 11. Nahm sie mit zu sich nach Hause, zog sie aus und sperrte sie in einen Schrank. Dann verbrannte er die Sachen, die sie am Leib trugen. Mehrfach täglich züchtigte und quälte er sie. Das machte ihr Fleisch schön zart und weich.
Als Erstes tötete er den 11-jährigen Jungen, weil er den fetteren Hintern hatte und weil natürlich mehr Fleisch an ihm dran war. Er aß jedes Körperteil von ihm. Bis auf den Kopf, die Knochen und die Innereien. Er schmorte ihn im Backofen (seinen kompletten Hintern), kochte ihn, grillte ihn, briet ihn und dünstete ihn. Als Nächstes kam der kleine Junge dran. Da ging er genauso vor. Zu dieser Zeit lebte ich 409 E 100th Street – direkt im Nachbarhaus. Er erzählte mir häufig, wie vorzüglich Menschenfleisch munde. Irgendwann musste ich es selber ausprobieren.
Am Sonntag, dem 3. Juni 1928, meldete ich mich bei Ihnen 406 W 15th Street. Brachte Ihnen Hüttenkäse. Erdbeeren. Wir aßen gemeinsam. Grace saß auf meinem Schoß und gab mir einen Kuss. Da beschloss ich, sie zu verspeisen.
Ich gab vor, sie auf eine Feier mitzunehmen. Sie erlaubten es. Ich brachte sie zu einem verlassenen Haus in Westchester, das ich mir vorher schon ausgeguckt hatte. Als wir dort ankamen, sagte ich ihr, sie solle draußen warten. Sie pflückte ein paar Blumen. Ich ging nach oben und zog meine Kleider aus. Mir war klar, dass ich andernfalls meinen Anzug mit Blut besudeln würde.
Als ich so weit war, ging ich zum Fenster und rief sie herauf. Dann versteckte ich mich in einem Schrank, bis sie das Zimmer betrat. Als sie mich völlig nackt erblickte, begann sie zu schreien und rannte die Treppe hinunter. Ich schnappte sie mir. Sie sagte, sie würde alles ihrer Mama erzählen.
Dann zog ich sie aus. Wie sie trat, kratzte und biss. Ich hab sie erwürgt und dann in kleine Stücke geschnitten. So konnte ich sie mit zu mir nach Hause nehmen. Hab sie da gekocht und gegessen. Wie zart und weich ihr kleiner Hintern im Ofen wurde. Es dauerte neun Tage, bis ich ihren ganzen Körper aufgegessen hatte. Ich habe sie nicht gefickt, obwohl ich Gelegenheit dazu hatte, wenn ich gewollt hätte. Sie starb jungfräulich.
Im ersten Moment wollte keiner glauben, dass dieser Brief authentisch war. Das kranke Zeug musste dem Hirn irgendeines perversen, sadistischen Spinners entsprungen sein, der seine Befriedigung daraus zog, die unglücklichen Angehörigen zu quälen. Es war nicht nur der Inhalt, der die Beamten erschütterte, sondern die eiskalte, fast schon geschäftsmäßige Tonalität, mit der Fish die Schlachtung und Zubereitung des Mädchens beschrieb.
Während die meisten Erpresserbriefe oder anonymen Schreiben jener Zeit von emotionaler Instabilität oder wirren Drohungen geprägt waren, las sich dieses Dokument wie ein abartiges Kochrezept. Der Brief war kein bloßes Geständnis. Detective William King erkannte, dass der Verfasser mit der Psyche der Mutter spielte. Er wollte den Schmerz, den er ihr vor sechs Jahren zugefügt hatte, nochmals stärker aufleben lassen. Der pure Terror.
Aber handelte es sich beim Verfasser auch um den Täter? Das war die alles entscheidende Frage. William King musste sich eingestehen, dass der Briefschreiber Details über die Begegnung des Täters mit der Familie Budd erwähnte, welche der Öffentlichkeit nicht bekannt waren.
Das Telegramm des angeblichen Frank Howard befand sich nach wie vor unter den Beweisstücken. King verglich die Handschriften miteinander. Sie stimmten überein. Der Brief stammte also tatsächlich vom Mörder der kleinen Grace.
Dadurch gewannen die Schilderungen des Täters, was er mit dem Mädchen angestellt hatte, automatisch an Glaubwürdigkeit. Detective William King dämmerte, dass da draußen seit Jahren ein gemeingefährlicher Irrer frei herumlief. Sie mussten alles daran setzen, diesen Kerl endlich auszuschalten.
Gute Polizeiarbeit
Auf dem Briefumschlag war ein kleines sechseckiges Emblem eingeprägt. Am Rand des Hexagons waren die Buchstaben N.Y.P.C.B.A. zu erkennen. William King schlug im Telefonbuch nach. Das Kürzel stand für die New York Private Chauffeur’s Benevolent Association, eine Taxifahrerorganisation.
William King nahm Kontakt zu der Organisation auf. Die Beamten überprüften zunächst die handschriftlich ausgefüllten Mitgliederformulare. Keines der Schriftbilder ähnelte dem des Telegramms. William King berief daraufhin eine Mitgliederversammlung ein. Vielleicht hatte einer von ihnen Briefpapier und Umschläge der Organisation für private Zwecke abgezweigt und an Freunde oder Bekannte weitergegeben. Er sicherte den Mitgliedern volle Diskretion zu. Er sei lediglich an Informationen interessiert und habe nicht vor, jemanden bloßzustellen.
Nach dem Treffen meldete sich tatsächlich ein junger Mann bei King. Er war als Hausmeister für den Verein tätig und gab zu, dass er sich heimlich einige Briefbögen und Kuverts eingesteckt habe. Er habe die Papiere jedoch unbenutzt in seinem früheren Zimmer zurückgelassen, in dem er zur Untermiete gewohnt habe.
Der Untermieter
Die Polizei stattete dem Haus 200 East 52nd Street einen Besuch ab. Die Vermieterin musste sich erst einmal setzen, als die Beamten ihr den angeblichen Frank Howard beschrieben, dessen Spur sie verfolgten. Die Beschreibung klang ganz nach dem alten Mann, der zwei Monate lang ihr Untermieter gewesen war. Er habe ihr gegenüber den Namen Albert H. Fish angegeben. Doch Fish alias Howard sei vor wenigen Tagen ausgezogen.
Der Vermieterin fiel ein, dass der freundliche ältere Herr sie um einen Gefallen gebeten habe. Er habe noch einen Brief von einem seiner Söhne erwartet. Der Junge arbeite in North Carolina für das Civilian Conservation Corps, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in der Ära der Großen Depression. Albert Fish habe sie gebeten, den Brief für ihn aufzubewahren, bis er ihn abholen käme. Der Sohn habe dem Vater regelmäßig Geld geschickt.
William King erkundigte sich bei der für die 52nd Street zuständigen Poststelle. Ein Schalterbeamter konnte sich erinnern, dass bei ihm ein gewisser Albert Fish vorstellig geworden war. Er habe beantragt, an ihn adressierte Schreiben zurückzulegen. Der Postbeamte konnte sich jedoch nicht erinnern, wann genau Fish das letzte Mal erschienen sei.
Detective King befürchtete, dass der Tatverdächtige seinen Brief bereits erhalten und somit kein Motiv mehr hatte, zu seiner früheren Vermieterin zurückzukehren. Auch diese vielversprechende Spur würde sich womöglich wieder als Sackgasse entpuppen. Auf dieser Untersuchung lag ein Fluch.
Festnahme
Doch dieses eine Mal hatte das Schicksal ein Einsehen. Am 13. Dezember 1934 rief die Vermieterin in William Kings Büro an. Sie erzählte ihm aufgeregt, Albert Fish sei bei ihr aufgetaucht und habe sich nach dem Brief erkundigt. Sie habe ihn auf eine Tasse eingeladen und versuche ihn hinzuhalten.
William King eilte in die 52nd Street. Der alte Mann mit dem grauen Schnäuzer saß noch am Küchentisch. Als der Detective den Raum betrat, erhob er sich und nickte. King fragte ihn, ob er Albert Fish sei. Plötzlich griff der gebrechlich wirkende Alte in seine Jackentasche, zog blitzschnell ein Rasiermesser hervor und stürzte sich auf den Polizeibeamten. King packte Fish am Unterarm und verdrehte ihm das Handgelenk, bis es knackte. Die Waffe fiel zu Boden, die Handschellen klickten.
Es war gute Polizeiarbeit, die Detective William King da geleistet hatte. Er hatte einen Fall gelöst, der praktisch nicht zu lösen war. Und es war ihm gleichzeitig gelungen, damit einen der übelsten Verbrecher der Kriminalgeschichte endgültig aus dem Verkehr zu ziehen.
William King wird 1934 für seinen Fahndungserfolg ausgezeichnet. Rechts New Yorks Bürgermeister Fiorello LaGuardia.
Kapitelübersicht zum Fall Albert Fish
- Kapitel 1: Albert Fish und der Mord an Grace Budd
- Kapitel 2: Geständnisse, Kannibalismus und die Hinrichtung von Albert Fish
Erstmal …. Respekt für Herrn Dreis, der sich hier die Mühe macht in die schlimmsten Abgründe abzutauchen.
Bei manchen Typen kann man zumindest die Gründe, die ja häufig in der Kindheit liegen, noch ‚im Rahmen der Menschlichkeit‘ nachvollziehen…. bei Herrn Fish …………. mir fehlen da die Worte.
Ich kann nur sagen, dass es gut ist, dass Herr Fish sein Ende dort fand, wo er es fand. Nicht auszudenken, man hätte ihm die Todesstrafe erspart.
Für genau solche Menschen ist die Todesstrafe die einzige Gerechtigkeit, die den fassungslosen und traumatisierten Hinterbliebenen am Ende noch bleibt.
Natürlich schreien seine Taten geradezu nach AUGE UM AUGE …. aber das würde dem Folterknecht wohl mehr schaden als es Herrn Fish geschadet hätte.
Ich bin entsetzt….. das sowas auf dieser Erde existiert hat. Jetzt brauche ich eine Bier….. WAHNSINN!