Im August 1874 reiste der Zeichner und Illustrator John A. Randolph über den Slumgullion Gebirgspass. Er war im Auftrag des „Harper’s Weekly Magazine“ unterwegs nach Colorado. Oberhalb von Lake Fork, am Ufer des Gunnison River, entdeckte er am Fuß des Passweges fünf männliche Leichname.
Inhaltsverzeichnis
Alfred Packer – Kapitel 2
Die Toten lagen in einer Senke, die mit Hemlocktannen umsäumt war. Die Fundstelle entsprach der Beschreibung aus Packers zweitem Geständnis und war nur gut drei Kilometer von der heutigen Gemeinde Lake City entfernt, in südöstlicher Richtung.
Was Randolph sofort ins Auge stach: Die Toten trugen keine Schuhe mehr und hatten sich stattdessen Stoffstücke um die Füße gebunden. Vermutlich stammten sie von zerrissenen Decken und Kleidungsstücken, die am Lagerplatz verstreut herumlagen.
Einer Leiche fehlte der Kopf. Bei zwei Leichnamen waren aus der Brust und den Oberschenkeln größere Stücke Fleisch herausgetrennt worden. Mehrere Fleischreste lagen noch auf dem Boden herum. Hatte jemand die Toten mit einem Messer zerlegt? Oder waren Wildtiere an die Kadaver gegangen?
Für Randolph war dies nicht klar ersichtlich. Der Zeichner fertigte eine detaillierte Skizze an, auf der er den Zustand jeder Leiche festhielt. Anschließend benachrichtigte er die Behörden in Lake City. Die Zeichnung und die Schilderungen Randolphs erschienen zwei Monate später, am 17. Oktober 1874, im „Harper’s Weekly Magazine“.
Randolphs Zeichnung [By John A. Randolph – Lake City, Colorado National Historic District: http://www.lakecityhistoricdistrict.com/image/Harpers%20Illustration%201cropped.jpg, Public Domain, Link]
Amtliche Untersuchung
W.F. Ryan, der Gerichtsmediziner des zuständigen Hinsdale County, eilte mit zwanzig Freiwilligen zum Tatort. Preston Nutter, Mitglied der ursprünglichen Expedition in Utah, identifizierte die Toten als die vermissten fünf Goldschürfer. Bei der Leiche ohne Kopf handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Frank Miller.
Bei den nun folgenden Beschreibungen des Tatorts ist zu beachten, dass der Bergungstrupp kein schriftliches Protokoll anfertigte, obwohl mit Ryan eine Amtsperson anwesend war. Daher sind die Beobachtungen der Beteiligten lediglich durch Zeugenaussagen in späteren Gerichtsverfahren dokumentiert.
Die Leichname wiesen Spuren „extremer Gewalteinwirkung“ auf. Die Leichen von Frank Miller und Israel Swan waren nahezu vollständig skelettiert, was auf das Werk von Aasfressern schließen ließ. Auch das Verschwinden von Millers Kopf führte man auf Tiere zurück, die den Schädel in ihr Versteck verschleppt hatten.
Unterschiedlicher Verwesungsgrad
James Humphrey und George Noon waren nur teilskelettiert. Die Beinknochen lagen frei, der Torso enthielt noch die verwesenden Eingeweide. Die Gesichter waren zwar ebenfalls in Verwesung begriffen, aber die Gesichtszüge noch klar erkennbar, die Behaarung an Schädel und Kinn vorhanden. Nach dem Augenschein war die Fäulnis bei Humphrey etwas weiter fortgeschritten.
An den Leichnamen waren deutliche Schädelverletzungen erkennbar, die von einem Schlag mit einem Beil herrühren konnten. Zudem waren an den Skeletten mehrere Knochenbrüche sichtbar.
Der Zustand von Shannon Bells Leiche sprach dafür, dass er als letzter aus der Gruppe ums Leben gekommen war. Der Körper lag mit weit gespreizten Beinen und ausgestreckten Armen auf dem Rücken. Beine und Arme waren zwar schon teilweise bis auf die Knochen verwest.
Doch die Hände waren zum Beispiel noch vollständig erhalten, die Haut dort noch nicht zerstört. Auch das Gesicht und die Haare waren nahezu intakt geblieben. Der übrige Körper war jedoch zu einer modrigen Masse verquollen. Das Schädeldach war offen. Gehirnsubstanz war ausgetreten und hatte sich auf dem Boden verteilt.
Widersprüche
Bei Noon, Humphrey und Bell waren Fleisch und Muskeln an einigen Stellen augenscheinlich mit einem Messer entfernt worden. Darauf deuteten entsprechende Kerben an den Knochen hin, die aller Wahrscheinlichkeit nicht auf Wildfraß zurückzuführen waren. Die inneren Organe und das Rückenmark der Toten waren davon nicht betroffen. Zumindest ließen sich dort keine vergleichbaren Spuren ausmachen.
Die Auffindesituation widersprach in mehreren Punkten den Geständnissen, die Alfred Packer bislang abgelegt hatte. Die Toten lagen alle einem Platz und waren nicht an unterschiedlichen Orten ums Leben gekommen, wie Packer behauptet hatte. Nur an drei Leichen fanden sich Hinweise, die auf Kannibalismus schließen ließen. Packers Geschichte über das gemeinschaftliche Verspeisen der Toten, die einer nach dem anderen am Hunger- oder Kältetod verstorben waren, war damit ebenfalls zweifelhaft.
Tatsächlich entdeckte der Gerichtsmediziner neben den Leichen auch ein Gewehr, das in mehrere Teile zerbrochen war. Doch die Spuren deuteten eher darauf hin, dass der Täter mit der Waffe eines der Opfer niedergeschlagen hatte und der Schaft dabei zu Bruch ging. Es war zumindest nicht zu erkennen, dass die Flinte an einem der umstehenden Bäume zerschellt war.
Theorie zum Tathergang
Die in Fetzen gewickelten Füße bestätigten zumindest, dass die Männer in ihrer Verzweiflung ihre Schuhe zu essen versucht hatten. In diesem Punkt hatte Packer also vermutlich die Wahrheit erzählt. Doch Ryan und der Suchtrupp waren der Ansicht, dass Packer seine Kameraden kaltblütig ermordet hatte. Diese Tat hatte sich außerdem wohl zu einem früheren Zeitpunkt zugetragen, als er ihnen in seinem Geständnis weismachen wollte.
Nach Meinung der am Tatort Anwesenden hatten sich die Morde bereits ereignet, als die Vorräte ursprünglich zur Neige gegangen waren oder unmittelbar davor. Denn es fanden sich laut den Zeugenaussagen Hinweise darauf, dass noch nicht alle Bestände restlos aufgebraucht waren. Möglicherweise hatte Packer darauf gehofft, an diese restlichen Lebensmittel zu gelangen, den Begleitern ihre Wertgegenstände zu entwenden und dann alleine aus der Wildnis zu entkommen.
Doch er sei von einem Schneesturm überrascht worden, so die weitere Mutmaßung, der ihn zum Bleiben zwang. Nur einige Schritte vom eigentlichen Tatort entfernt gab es nämlich einen notdürftig zusammengezimmerten Unterstand, in dem einige Dinge aus dem Besitz der Toten lagerten. Dort habe sich Packer zwei Monate aufgehalten. Und wenn ihn der Hunger drängte, habe er sich an den Leichnamen seiner Begleiter bedient. Angesichts der Minusgrade, die zwischen Februar und April 1874 herrschten, konnte man davon ausgehen, dass das Fleisch in dieser Phase nicht verwest war.
Nicht alles passt
Es gab allerdings ein Detail, das nicht ganz zu diesem Geschehensablauf passte. Die Toten waren in einem unterschiedlichen Verwesungszustand. Waren sie vielleicht doch nicht alle zur selben Stunde gestorben? Ryan und die Freiwilligen beschäftigten sich nicht weiter mit dieser Frage.
Nach der Begutachtung des Tatorts bestattete man die Leichen in unmittelbarer Nähe des Fundorts. Anschließend brach man nach Saguache auf. Der Gefangene würde ihnen nun einiges erklären müssen. Doch dazu sollte es erst gar nicht kommen.
Der Sheriff von Saguache hatte Packer in einer Holzhütte außerhalb der Stadt eingesperrt, weil er um seine Sicherheit fürchtete. Denn inzwischen machten längst Gerüchte die Runde, dass der Inhaftierte seine Kameraden umgebracht habe und ein Kannibale sei. Menschen wurden damals auch wegen weitaus geringfügiger Anschuldigungen gelyncht.
Offiziell hatten die Behörden Packer noch keines wirklich schwerwiegenden Vergehens angeklagt. Er saß in Haft, weil er Herman Lauter attackiert hatte. Aber da der Versuch fehlgeschlagen war, die Beweislage etwas dünn war, ob er Lauter tatsächlich etwas antun wollte, drohte ihm nach der gültigen Rechtssprechung deswegen keine ernsthafte Bestrafung.
Auf der Flucht
Angeblich waren die Behörden in Saguache daher nicht sonderlich erfreut darüber, diesen Gast auf Kosten des Steuerzahlers zu beherbergen und zu bewachen. Man steckte ihm dem Vernehmen nach einen Nachschlüssel zu seiner Zelle zu und versorgte ihn mit einigen Vorräten. Er konnte ohne Probleme aus seinem Gefängnis entkommen.
Packer verriet nie, wer ihn letztlich entkommen ließ. Das oben skizzierte Szenario ist also reine Spekulation hinsichtlich dessen, was sich tatsächlich zugetragen hat. Eines steht allerdings zweifelsfrei fest: Alfred Packer blieb für mehrere Jahre wie vom Erdboden verschluckt.
Der Fall geriet trotz der Flucht aber nie in Vergessenheit. Nicht nur die lokale Presse, sondern die Medien im gesamten Land griffen die Story auf und verbreiteten die Details. Gemeinsamer Konsens war alsbald: Packer hatte von vorneherein geplant, die Gruppe in eine Falle zu locken, um sie dann zu töten und auszurauben.
Kannibalismus kein Thema
Interessanterweise stand das Thema Kannibalismus in der zeitgenössischen Berichterstattung nie im Vordergrund. Viel entscheidender war für die Menschen damals, dass Packer seine Begleiter getäuscht hatte, indem er sich als erfahrener Führer ausgab. Insbesondere Nutter und Loutsenhizer hoben diesen Aspekt immer wieder in Interviews hervor, die sie der Presse gaben.
Für heutige Leser mag diese Bewertung seltsam klingen. War Kannibalismus kein Tabu im 19. Jahrhundert? Doch, das war es. Aber im „Wilden Westen“ galten sozusagen andere Gesetzmäßigkeiten. Praktisch jedem Amerikaner war damals das Schicksal der sogenannten „Donner Party“ ein Begriff.
1846 war ein Siedler-Treck, der 87 Personen umfasste, unter anderem die Familie Donner, in den Bergen der Sierra Nevada Opfer eines überraschenden Wintereinbruchs geworden. Viele Teilnehmer starben. Die Überlebenden hatten sich zum Teil von den Toten ernährt, um die Katastrophe in den Bergen zu überleben.
Im Bewusstsein der amerikanischen Bevölkerung hatte sich verankert: Du darfst dich in der Einöde, wo dir niemand zur Hilfe kommt, gegebenenfalls über Tabus hinwegsetzen, wenn dein Leben davon abhängt. Aber niemals darfst du andere Menschen in eine schier aussichtslose Situation locken, obwohl du es besser weißt. Genau das hatte Packer getan. Letzteres stellte Hochverrat dar, Ersteres hingegen eine lässliche Sünde.
Alfred oder Alferd Packer?
Bis heute herrscht Uneinigkeit darüber, ob Packer nun Alfred oder Alferd mit Vornamen hieß. Tatsache ist, dass in offiziellen Dokumenten aus seiner Militärzeit, in Gerichtsakten und auf dem Grabstein der Name mit Alfred G. Packer angegeben ist.
Doch andererseits unterschrieb er selbst auch Dokumente mit Alferd Packer. Und einen seiner Arme zierte ein Tattoo mit der Schreibweise Alferd. Es ist allerdings unklar, ob der Tätowierer nicht möglicherweise einen Fehler gemacht hatte, den Packer später übernahm, weil er vielleicht selber drüber lachen musste. Letzten Endes finden sich beide Varianten in der Literatur.
Packer wurde am 21. November 1842 im Allegheny County (Pennsylvania) als Sohn des Ehepaars James Packer und Esther Griner geboren. Die Familie zog vor 1850 aus dem Großraum Pittsburgh nach Clay (Indiana) um. Der Vater war Schreiner, während beim Sohn Alfred in der US-Volkszählung von 1860 als Beruf Schusterlehrling angegeben ist.
Im Amerikanischen Bürgerkrieg
Kurze Zeit darauf verzog Packer von Indiana nach Minnesota, angeblich im Streit mit seiner Familie. Nach Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865) meldete er sich freiwillig zur Nordstaaten-Armee. Am 22.4. 1862 wurde er zum 16. U.S. Infanterieregiment, Kompanie F, in Winona (Minnesota) eingezogen. Acht Monate später erfolgte in Fort Ontario (New York) die ehrenvolle Entlassung aus dem Militärdienst. Packer litt den Berichten zufolge unter epileptischen Krämpfen, die praktisch jeden zweiten Tag auftraten.
Nichtsdestotrotz bemühte er sich am 25.6. 1863 in Ottuma (Iowa) erneut erfolgreich um die Aufnahme in den Kriegsdienst. Dieses Mal wurde er in das 8. Iowa Kavallerieregiment, Kompanie C, einberufen. Doch auch hier erfolgte aus den gleichen gesundheitlichen Gründen die Entlassung am 22.4. 1864.
Nach Ende des Krieges zog Packer gen Westen und verdingte sich als Tagelöhner in einer Reihe von Jobs. So ist bekannt, dass er als Jäger, Fuhrmann, Rancharbeiter und Ackergehilfe arbeitete. Seine gesundheitlichen Probleme, aber auch sein Verhalten führten dazu, dass er nirgends allzu lange in Stellung blieb.
Schwieriger Charakter
Die meisten Menschen, die Packer persönlich kannten, beschrieben ihn als schwierigen Charakter, den kaum jemand mochte. Man misstraute ihm, weil er häufig log und mehrfach im Verdacht stand, andere bestohlen zu haben. Zudem zettelte er häufig Streitigkeiten an.
Während seiner Jahre im Westen der USA verdingte er sich tatsächlich auch einige Monate als Treck-Führer. Er schien für diese Aufgabe aber nicht sonderlich talentiert zu sein, wie jene bezeugten, die ihn zu diesem Zeitpunkt erlebt hatten. Mehrfach kam er vom Weg ab und verirrte sich.
Zuletzt hangelte er sich von Minen-Job zu Minen-Job, ohne irgendwo richtig Fuß fassen zu können. Für kurze Zeit war er in Colorado tätig, bevor er dann in Utah landete. Dort traf er dann zufällig auf den Treck, den er im Winter 1873/74 auf seiner fatalen Reise durch die Rocky Mountains begleitete.
Wiedersehen in Wyoming
Packer blieb nach seiner Gefängnisflucht für neun Jahre spurlos verschwunden. Am 11. März 1883 hielt sich Jean Cabazon in Fort Fetterman nahe Cheyenne (Wyoming) auf. „Frenchy“ Cabazon hatte seinerzeit der Gruppe von Goldschürfern angehört, die im November 1873 von Utah nach Colorado aufgebrochen war. Er hatte die Katastrophe unbeschadet überlebt, da er bis zum Frühjahr im Lager von Häuptling Ouray verblieben war.
In einem Saloon wurde er nun von einem Mann angesprochen, der Vorräte kaufen wollte. Er erkannte Alfred Packer sofort wieder, auch wenn sich dieser als „John Schwartze“ ausgab. Cabazon ging zum Sheriff von Cheyenne und informierte ihn über seine Begegnung mit dem flüchtigen Packer.
Die Polizei nahm Packer alias Schwartze sofort in Gewahrsam und kontaktierte General Adams. Dieser begab sich umgehend nach Wyoming und identifizierte den Häftling als den gesuchten Packer. Adams überführte den Flüchtigen im Anschluss nach Colorado. Da die Morde in Hinsdale County geschehen waren, kam Packer dieses Mal nicht nach Saguache, dem Sitz des gleichnamigen County, sondern nach Lake City.
Und noch ein Geständnis
Am 16. März 1883 legte der Gefangene ein weiteres Geständnis ab. Erneut leitete General Adams das Verhör. Als Grund für seine Flucht gab Packer an, dass er befürchtet habe, einem Lynchmob zum Opfer zu fallen. Das Schloss zu seinem Gefängnis habe er mit einem Taschenmesser geöffnet.
Im Anschluss sei er zunächst in Arkansas und Arizona untergetaucht, später dann nach Wyoming weitergezogen. Cheyenne, wo man ihn schnappte, war im Übrigen nur rund 450 Kilometer entfernt von Saguache. In dem damals sehr dünn besiedelten Gebiet war die Wahrscheinlichkeit vergleichsweise hoch, dass ihn jemand wiedererkennen würde.
Nach wie vor stritt er ab, den Tod aller Männer zu verantworten zu haben. Aber in einem wichtigen Punkt änderte er seine ursprüngliche Aussage ab. Er behauptete nicht länger, dass die Männer jeweils im Abstand von mehreren Tagen und an unterschiedlichen Plätzen ums Leben gekommen seien. Stattdessen wollte er die Morde nun Bell anhängen. Angeblich habe er am fraglichen Tattag die Gegend erkundet und nach Essbarem gesucht.
Der verrückte Rothaarige
Als er ins Lager zurückgekehrt sei, habe sich ihm ein grausamer Anblick geboten. Bell habe sich bereits am Morgen, bevor er das Lager verlassen habe, reichlich verrückt benommen. Nun habe der „Rothaarige“, wie Packer ihn nannte, am Feuer gesessen und ein Fleischstück über der Flamme gegrillt. Das Stück habe er aus dem Bein des „deutschen Metzgers“ (gemeint war Miller) herausgeschnitten, dessen Leichnam sich etwas weiter entfernt am Fluss befunden habe.
Millers Schädel sei von einem Beil völlig zertrümmert gewesen. Die anderen drei hätten tot neben der Feuerstelle gelegen, ebenfalls erschlagen. Teilweise hätte er zwei oder drei Hiebverletzungen an der Stirn erkennen können.
Als er sich dem Feuerplatz genähert und Bell ihn bemerkt habe, sei dieser aufgesprungen und mit dem Beil in der Hand auf ihn zugestürmt. Da habe er in Notwehr seinen Revolver gezogen und auf ihn geschossen. Er habe ihn im Bauch erwischt. Bell sei zusammengebrochen und kopfüber in den Schnee gefallen. Er habe sich das Beil geschnappt und ihm den Schädel eingeschlagen.
Von Hunger überwältigt
Während er nach dem Beil griff, habe er seinen Revolver fallen lassen, ihn später aber in dem tiefen Schnee nicht wiederfinden können. Er habe sich dann aus herumliegenden Baumstämmen einen Unterstand gezimmert, um sich vor Wind und Schnee zu schützen.
Wegen eines Blizzards habe er seinen Unterschlupf längere Zeit nicht verlassen können. Von Hunger überwältigt habe er schließlich die Entscheidung getroffen, sich vom Fleisch der Toten zu ernähren. Er habe für sich keine andere Möglichkeit gesehen, unter diesen extremen Bedingungen zu überleben.
Er sei zurück zum Lagerplatz gegangen und habe die Leichen zugedeckt. Anschließend habe er ein neues Feuer entzündet und zunächst das Fleischstück gekocht, das Bell bereits geröstet hatte. In den folgenden sechzig Tagen habe er sich häufiger auf diese Art ernähren müssen, da jeglicher Versuch, aus dem Gebiet zu entkommen, gescheitert sei.
Schließlich habe es zu tauen begonnen. Er habe 70 Dollar von den Toten eingesteckt, ein Gewehr genommen und einige Fleischstücke als Proviant eingepackt. Im letzten Lager, das er vor der Indianeragentur aufgeschlagen habe, habe er die letzten Reste vertilgt.
General Adams wollte von Packer wissen, warum er die Situation neun Jahre zuvor völlig anders geschildert habe. Er antwortete: „Ich war nervös. Ich wollte irgendetwas sagen. Die Geschichte, die ich damals erzählt habe, kam mir als erstes in den Sinn.“ War seine Darstellung der Ereignisse nun etwa glaubwürdiger geworden? Daran gab es nach wie vor erhebliche Zweifel.
Ein konkretes Mordmotiv?
So behaupteten Angehörige von Israel Swan beispielsweise, dass das Mordopfer etwa 6.000 Dollar in Bargeld und Gold (entspricht in etwa 135.000 Dollar heute) während der Reise mit sich führte. Zudem sei auch sein Winchester-Gewehr von beträchtlichem Wert gewesen. War vor diesem Hintergrund nicht Habgier das viel plausiblere Mordmotiv?
Möglicherweise waren die anderen vier Begleiter dabei Komplizen von ihm gewesen und er hatte sie dann später getötet, um die Beute nicht teilen zu müssen. Oder sie hatten Packers Mord beobachtet, ohne einzugreifen, und er hatte die potenziellen Zeugen beseitigt.
Es gab aber auch Indizien, die gegen die Darstellung von Swans Angehörigen sprachen. So war zum Beispiel weder bei Packer noch am Tatort jemals Gold gefunden worden. Er führte auch keine mehrere tausend Dollar mit sich herum, sondern nur einen kleineren Betrag. Man wusste aus den Zeugenaussagen, dass er in Saguache mit dem Geld um sich geschmissen hatte. Doch dabei handelte es sich in Summe vermutlich nur um mehrere hundert und nicht tausende von Dollar.
Kapitelübersicht zum Fall Alfred Packer
- Kapitel 1: Expedition und Verschwinden
- Kapitel 2: Fünf Leichen in den Rocky Mountains
- Kapitel 3: Prozess, Verurteilung und Wahrheit