Anna Marie Hahn: Die Giftmorde der Arsenwitwe von Cincinnati

Anna Marie Hahn ist die erste Frau, die in Ohio hingerichtet wird. Sie verzockt ihr Geld bei Pferderennen. Als ihr die Spielschulden über den Kopf wachsen, erschleicht sie sich das Vertrauen älterer Männer und ermordet mindestens vier von ihnen.

Rätselhafte Todesumstände

Die Ärzte des Memorial Hospital in Colorado Springs (Colorado) riefen die örtliche Polizei zur Hilfe. Georg Obendoerfer hatte die Klinik am 30. Juli 1937 aufgesucht und über starke Übelkeit geklagt. Das Ärzteteam fand keine Erklärung für die heftigen Symptome. Keine der Behandlungen schlug an. Zwei Tage später, am 1. August 1937, starb der 67-jährige Mann, ohne dass die Ärzte die eigentliche Ursache für die Erkrankung gefunden hatten. Hier ging etwas nicht mit rechten Dingen zu.

Die Ermittlungen der Polizei ergaben, dass Georg Obendoerfer eigentlich in Cincinnati (Ohio) lebte. Er war erst am 30. Juli in Colorado Springs angekommen und hatte sich zusammen mit zwei weiteren Personen im „Park Hotel“ ein Zimmer genommen.

Im Hotel erfuhren die Ermittler auch die Namen der Begleiter: Anna Marie Hahn und ihr 12-jähriger Sohn Oskar. Laut dem Hotelbesitzer hatte die Frau erzählt, sie lebe in Cincinnati und würde ihren Urlaub im Bundesstaat Colorado verbringen. Die Beamten ließen sich das Zimmer zeigen, das Hahn mit Obendoerfer bewohnt hatte. Aber keine Spur von Mutter und Sohn oder Hinweise auf ihren Verbleib.

In welchem Verhältnis standen die beiden verschwundenen Personen zu dem Toten? Waren sie Angehörige? Führte Hahn eine Beziehung mit Obendoerfer? Warum hatten sie das Weite gesucht, obwohl der Mann augenscheinlich sterbenskrank war? Während die Polizei über diese Fragen nachdachte, fiel den Beamten ein weiteres Detail ins Auge.

Die Spur der Diamanten

Der gleiche Hotelbesitzer, den sie befragt hatten, hatte nur kurz zuvor Anzeige wegen Diebstahl gestellt. Aus dem Hotel war Diamantschmuck im Wert von 300 Dollar verschwunden. Gab es hier möglicherweise einen Zusammenhang mit der überstürzten Flucht von Anna Marie Hahn und dem mysteriösen Tod des Hotelgastes?

Die Ermittler folgten zunächst der Spur der Diamanten. Sie klapperten die verschiedenen Pfandleihen vor Ort ab. Die Bemühungen zahlten sich rasch aus. Einer der Inhaber erzählte von einer Frau, die ihn in Begleitung eines kleinen Jungen aufgesucht habe und Schmuck verkaufen wollte. Er habe sich die Ware angesehen, aber sich dann gegen einen Ankauf entschieden. Die Zeugenbeschreibung der Frau deckte sich mit den Angaben des Hotelbesitzers zu Anna Marie Hahn.

Die Beamten in Colorado Springs schrieben die Flüchtige daraufhin im gesamten Bundesstaat Colorado zur Fahndung aus. Kurze Zeit später meldeten sich die Kollegen aus Denver. Eine Frau, die der Beschreibung entsprach, hatte versucht dort bei einer Bank 1.000 Dollar von einem Sparbuch abzuheben, das auf den Namen Georg Obendoerfer ausgestellt war. Die Frau hatte sich als Ehefrau des Kontoinhabers ausgegeben. Doch der zuständige Sachbearbeiter hatte Verdacht geschöpft und sich geweigert, die Zahlung freizugeben.

Lügengeschichten

Die Ermittler erwirkten nun bei einem Richter einen Haftbefehl gegen Anna Marie Hahn, zunächst nur wegen des Diebstahls von Schmuck im Hotel. Da es auf der Hand lag, dass Anna Marie Hahn wieder nach Cincinnati zurückkehren könnte, verständigte man die dortigen Behörden. Der Tipp war goldrichtig. Die Polizei von Cincinnati traf Anna Marie Hahn in ihrer Wohnung an und verhaftete sie sofort.

Die Beamten befragten sie in der ersten Vernehmung nach dem verstorbenen George Obendoerfer und ihrer Beziehung zu ihm. Anna Marie Hahn behauptete, dass ihr dieser Mann komplett unbekannt sei. Wie sei es dann möglich, fragten die Ermittler, dass sie den Namen des besagten Obendoerfers gemeinsam mit ihrem eigenen und den ihres Sohnes in die Hotelanmeldung eingetragen habe? Dies sei doch ihre Handschrift, oder etwa nicht?

Anna Hahn änderte ihre Aussage ab. Sie habe den Mann auf der Zugfahrt von Denver nach Colorado Springs kennen gelernt. Er sei Schweizer gewesen und habe über Übelkeit geklagt. Sie habe Mitleid mit ihm gehabt und nur helfen wollen. Da Obendoerfer bekanntermaßen ebenfalls aus Cincinnati stammte, hegten die Polizisten nach wie vor Zweifel, ob Anna Marie Hahn dieses Mal die Wahrheit sagte, wann und wo sie den Verstorbenen getroffen hatte.

Rendezvous mit dem Tod

Die Befragung von Bekannten und Verwandten des Toten brachte dann etwas Licht in die Angelegenheit. Obendoerfer war 1892 aus Russland in die Vereinigten Staaten eingewandert. Er war Schuster von Beruf, aber inzwischen in Rente. Er hatte sich kürzlich von seiner Frau getrennt, aus der Ehe waren drei Söhne hervorgegangen. Die Verwandten konnten nicht verstehen, warum er so plötzlich verstorben war. Als sie ihn zuletzt gesehen hatten, erfreute er sich noch bester Gesundheit.

Die Nachforschungen ergaben darüber hinaus, dass sich Anna Hahn mit dem Toten bereits mehrfach in Cincinnati getroffen hatte. Sie waren auch miteinander ausgegangen. Gemäß eines Verwandten von Obendoerfer war der Ausflug nach Colorado gar die Idee der neuen Bekannten. Sie habe behauptet, sie besäße eine Ranch in Colorado Springs, die sie ihm zeigen wolle.

Die Ermittler konfrontierten die Verdächtige mit den Aussagen. Nun gab Anna Marie Hahn endlich zu, Obendoerfer bereits vor der Reise gekannt zu haben. Sie behauptete, ihn erstmals einige Wochen zuvor in einem Schuhladen getroffen zu haben. Aber sie leugnete nach wie vor, mit ihm eine Beziehung unterhalten zu haben.

Eine Zufallsbegegnung?

Sie hätten die Reise auch nicht gemeinsam geplant. Sie sei ihm nur ganz zufällig im Zug begegnet. Wie sich bei dieser Gelegenheit herausgestellt habe, sei er mit dem gleichen Reiseziel unterwegs gewesen. Laut Hahn seien sie auf der Bahnfahrt gut miteinander ausgekommen, sodass sie schließlich spontan beschlossen hätten, sich ein Hotelzimmer in Colorado Springs zu teilen. Dies wäre doch billiger gewesen.

Doch kurz nach der Ankunft im Hotel sei Obendoerfer plötzlich erkrankt und habe sich ins Krankenhaus begeben. Hahn behauptete, danach keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt zu haben.

Die Dame hatte bereits zweimal gelogen. Warum sollte sie ausgerechnet jetzt mit der vollen Wahrheit herausgerückt sein? Die Ermittler blieben skeptisch. Sie beschlossen, die Lebensumstände von Anna Marie Hahn genauer unter die Lupe zu nehmen, um sich ein besseres Bild machen zu können.

Schande im Allgäu

Die Frau stammte ursprünglich aus Deutschland und war dort am 7. Juli 1906 unter dem Namen Anna Marie Filser im bayerischen Füssen geboren worden. Sie war das jüngste von insgesamt zwölf Kindern eines Möbelfabrikanten, von denen drei im Kindesalter und zwei als Soldaten im Ersten Weltkrieg gefallen waren.

Als kleines Mädchen hatte sie aufgrund einer Blutvergiftung fünf Monate in einem Hospital verbracht. Kurz darauf musste sie sich einer Operation an der Schilddrüse unterziehen.

Als Jugendliche brach sie die Schule ab, bevor sie einen Abschluss in der Tasche hatte. Sie schlich sich nachts häufiger aus dem Elternhaus, um mit Freunden zu feiern. Die Eltern schickten die Tochter schließlich zu einer erwachsenen Schwester, die inzwischen in Holland lebte. Sie hofften, dass sie in der fremden Umgebung zur Vernunft kam.

Aber dann bekam Anna Filser mit 18 Jahren ein Kind. Der Vater des Jungen war unbekannt. Die Tochter hatte der Familie Schande bereitet, so die damalige Sichtweise. Die Eltern erwägten, Anna Filser nach Cincinnati in die USA abzuschieben, wo Onkel und Tante von ihr lebten. Doch der Plan ließ sich nicht so leicht in die Tat umsetzen. Die USA hatten 1924 die Einwanderungsgesetze verschärft. Die Tochter musste mehrere Jahre auf ein Visum warten.

Scharlach und ein erfundener Arzt

Am 31. Januar 1929 reiste sie an Bord der „S.S. München“ von Bremen ab und traf in New York am 10. Februar 1929 ein. In den USA erzählte Anna Hahn später, sie habe sich Jahre vor ihrer Ausreise in einen Arzt aus Wien verliebt. Aus dieser Beziehung sei der gemeinsame Sohn Oskar hervorgegangen. Angeblich habe sie den Arzt noch vor ihrer Abreise aus Europa geheiratet. Ihr Mann sei dann kurz nach der Ankunft in Cincinnati gestorben.

Die Geschichte ist vermutlich weitestgehend frei erfunden. In der Passagierliste von der „S.S. München“ wird Anna Marie Hahn jedenfalls unter ihrem Mädchennamen Anna Filser aufgeführt. Es findet sich kein Hinweis auf einen Ehemann, aber auch kein Eintrag zu dem Sohn, der zunächst bei den Großeltern verblieb. Lediglich der Onkel Max Doeschel ist als Ziel der Reise angegeben, wohnhaft unter der Adresse 3540 Evanston Avenue in Cincinnati.

Auszug der Passagierliste 1929

Kurz nach ihrer Ankunft in Ohio erkrankte Anna Filser an Scharlach. Ob die drei Wochen in ärztlicher Behandlung sie auf neue Ideen brachte? Zumindest behauptete sie kurze Zeit später, sie sei eine ausgebildete Krankenschwester. Sie tischte diese Lügengeschichte unter anderem dem pensionierten Bänker Charles Oswald (71) auf. Sie durfte bei ihm einziehen, um ihm im Haushalt zu helfen.

Heirat

Der ältere Herr verliebte sich in die 22-jährige Frau und bot ihr die Heirat an. Sie ging zum Schein auf seine Avance ein, hatte aber nicht wirklich vor, den Mann zu heiraten. Stattdessen bestahl sie ihn. In dieser Zeit platzierte sie auch erstmals eine Pferdewette – mit zwei Dollar Einsatz gewann sie 260 Dollar. Der Erfolg dürfte dafür gesorgt haben, dass sie später noch häufiger ihr Glück bei den Wetten versuchen würde.

Im Frühling 1929 ergatterte sie einen Job als Zimmermädchen im Hotel Alms in Cincinnati. Dort lernte sie im Sommer auf einer Tanzveranstaltung ihren künftigen Ehemann Philip Hahn kennen. Das Paar heiratete knapp ein Jahr später am 3. Mai 1930 in Buffalo (New York).

Im Juli des gleichen Jahres überwies Charles Oswald 700 Dollar auf das Konto von Anna Hahn und händigte ihr 27 Aktien der Union Gas and Electric aus, die sie ein halbes Jahr später verkaufte. Es ist nicht klar, ob Oswald ihr dieses Geschenk tatsächlich freiwillig zukommen ließ oder ob Anna Hahn in irgendeiner Form „nachhalf“.

Oswald verstarb am 14.8. 1935 und hinterließ seiner einstigen Haushaltshilfe den gesamten Besitz. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt kein Erbe mehr vorhanden – möglicherweise hatte Anna Hahn bereits alle Wertgegenstände an sich gebracht.

Wiedervereint mit dem Sohn

Im Herbst 1930 reiste Anna Hahn nach Deutschland, um ihren Sohn wieder zu sich zu nehmen. Am 3. November 1930 kehrte sie an Bord der „S.S. Stuttgart“ nach New York zurück. In der zugehörigen Passagierliste sind eine Anna Hahn (24) aus Füssen sowie ihr 5-jähriger Sohn Oskar Filser erwähnt, letzterer geboren in München.

Laut dem Dokument ist Anna Hahn inzwischen mit Philip Hahn aus Cincinnati verheiratet (siehe weiter unten), der auch als Vater des Kindes angegeben ist. Oskar ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht der leibliche Sohn Philip Hahns gewesen, sondern vermutlich bei Eheschließung „legitimiert“ worden, wie es früher hieß.

Anna Hahns Onkel in Cincinnati verstarb und hinterließ ihr ein Haus in der 2970 Colerain Avenue. Im Februar 1931 hatte er ein neues Testament aufgesetzt, in dem er den gesamten Besitz „seiner geliebten Nichte Anna Filser Hahn“ vermachte, obwohl er selber leibliche Kinder hatte.

Überdruss

Philip Hahn arbeitete als Telegrafist, war seines Jobs jedoch inzwischen überdrüssig. Das Ehepaar schmiss seine Ersparnisse zusammen und eröffnete 1932 zwei Feinkostgeschäfte. Beide Partner leiteten jeweils eines der Ladenlokale.

Nach außen hin führten die beiden eine solide Ehe. Doch in Wahrheit kriselte es zwischen den beiden schon zu einem frühen Zeitpunkt. Anna Hahn war mit ihrer Aufgabe und der damit verbundenen Arbeit unzufrieden. Zudem liefen die Geschäfte schlecht. Es musste doch einfachere Möglichkeiten geben, Geld zu verdienen. Brandstiftung war aus ihrer Sicht eine probate Lösung, dem Dilemma zu entkommen.

Das erste Feuer legte sie in einer der beiden Geschäftsfilialen in der 3007 Colerain Avenue. Obwohl der Brand kaum Schaden anrichtete, erhielt Anna Hahn immerhin 300 Dollar von der Versicherung. Die weiteren Feuer brachen im Wohnhaus der Familie aus – das erste am 2.6. 1935, das zweite am 20.5. 1936. Für beide Brände zusammen strich Anna Hahn eine Entschädigung von 2.000 Dollar ein.

Lebensversicherungen

Doch der Brandstifterin schwebten möglicherweise noch andere Ideen vor, mit deren Hilfe sie an das große Geld zu gelangen hoffte. So versuchte sie 1935 und 1936 zweimal ihren Ehemann zu überreden, zu ihren Gunsten eine Lebensversicherung mit einer Deckungssumme von 10.000 bzw. 5.000 Dollar abzuschließen – im letzteren Fall auch erfolgreich.

Philip Hahn erkrankte er kurz darauf ernsthaft. Gegen den Willen der Ehefrau brachte Hahns Mutter ihren Jungen ins Krankenhaus. Dort konnten die Ärzte sein Leben schließlich retten, ohne die Ursache der Krankheit zu finden. Die Ehe kriselte nach dem Zwischenfall stärker denn je. Das Paar trennte sich schließlich.

Nach der Trennung von ihrem Mann verdingte sich Anna Hahn als ambulante Pflegerin für ältere Menschen, obwohl sie in diesem Bereich keinerlei Ausbildung oder Berufserfahrung vorzuweisen hatte. Für die Ermittler war dies ein interessanter Ansatzpunkt. Sie forschten nach, was mit den Patienten von Anna Hahn geschehen war.

Herzversagen

Einer ihrer Schützlinge war der 78-jährige Jacob Wagner, der zwei Monate zuvor unter mysteriösen Umständen verstorben war. Der deutsche Einwanderer war ehemals als Gärtner tätig und hatte seinen gesamten Besitz testamentarisch an Anna Hahn vermacht.

Der zuständige Arzt hatte im Totenschein als Todesursache Herzversagen vermerkt. Die Ermittler hörten sich in der Nachbarschaft von Jacob Wagner um. Die Nachbarn erzählten, Anna Marie Hahn sei eines Tages aufgetaucht und habe dem älteren Mann einzureden versucht, sie sei eine lange verschollen geglaubte Nichte von ihm.

Der Mann kaufte ihr die Geschichte zwar nicht ab, ließ sich alsbald aber dennoch von ihr um den Finger wickeln. Er nahm ihre Hilfe an, als sie sagte, sie wolle sich um die täglich anfallenden Aufgaben im Haushalt kümmern. Die Nachbarn bezeugten außerdem, dass sich Hahn noch mehrere Stunden in der Wohnung Wagners aufgehalten habe, nachdem dieser bereits verstorben sei.

Eiskalt

Die Beamten lernten darüber hinaus Olive Luella Koehler kennen. Die ältere Frau lebte im gleichen Gebäude wie Jacob Wagner. Sie erzählte, Hahn habe sich auch mit ihr angefreundet und ihr zweimal Eistüten gebracht. Doch nach dem Verzehr der zweiten Eiswaffel sei ihr plötzlich speiübel geworden. Man habe sie ins Krankenhaus bringen müssen.

Während ihres Aufenthalts in der Klinik sei jemand in ihre Wohnung eingedrungen und habe eine Tasche gestohlen, in der sie Bargeld und Schmuck aufbewahrte. Die Schilderung dieses Vorfalls erregte erneut den Verdacht der Beamten.

Die Polizei beantragte daraufhin eine Exhumierung der Leiche Jacob Wagners. Möglicherweise fanden sich ja Hinweise, dass er nicht eines natürlichen Todes gestorben war, sondern jemand mit Gift nachgeholfen hatte – wie zum Beispiel seine selbsternannte Betreuerin Anna Hahn.

Arsen und Spitzenhäubchen

Die Presse bekam Wind von den Ermittlungen. Es erschienen mehrere Zeitungsartikel über Hahn, in denen es hieß, sie habe vermutlich mehrere ältere Patienten vergiftet. Diese frühen Artikel beinhalteten zwar noch viele Fehlinformationen und unbestätigte Gerüchte. Aber sie hatten immerhin zur Folge, dass sich bei der Polizei weitere Zeugen meldeten, die vielversprechende Hinweise gaben.

Unter anderem wandte sich der 62-jährige George Heis an die Ermittler. Der Mann sagte aus, dass er Anna Hahn ein Jahr zuvor kennengelernt habe. Zu Beginn hätten sie sich gut verstanden und einige Zeit miteinander verbracht. Doch dann sei ihm schlecht geworden, als er ein Glas Bier getrunken habe, das ihm Anna Hahn eingeschüttet habe. Von da an sei er ihr gegenüber misstrauisch gewesen. Aber erst durch die Zeitungslektüre habe er seinen Verdacht bestätigt gesehen.

Das Crotonöl

Die Polizei erfuhr von einem weiteren Toten, mit dem Anna Hahn unmittelbar vor seinem Ableben in Kontakt stand. Nur zwei Wochen vor Hahns Trip nach Colorado verstarb der 67-jährige George Gsellman in seiner Wohnung 1717 Elm Street. Zeugen hatten beobachtet, wie Anna Hahn ihn besucht hatte. Kurz darauf war ihm schlecht geworden, wenig später war er tot. Die Ermittler erwirkten auch in seinem Fall, dass der Sarg geöffnet und die Leiche obduziert wurde.

Der Pathologe entdeckte im Körper des Toten tatsächlich Spuren eines Gifts. Sein erster Verdacht lautete: Arsen. Doch bei genaueren Tests stellte sich heraus, dass es sich bei der Substanz um Crotonöl handelte. Diese Arznei war speziell in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts äußerst populär und war in vielen Haushalten gebräuchlich gewesen. Man rieb das Öl beispielsweise auf die Haut ein, um die Schmerzen von Rheuma, Gicht oder Entzündungen zu lindern. Bei innerer Anwendung diente die Medizin als Abführmittel.

Aus heutiger Sicht gilt Crotonöl jedoch mindestens als bedenklich, da es mit einem erhöhten Risiko der Tumorbildung einhergeht. Aber auch damals war schon bekannt, dass man das Mittel nur gering dosieren durfte. Die Verabreichung einer zu großen Menge führte mindestens zu unangenehmen Nebenwirkungen oder konnte sogar den Tod zur Folge haben.

Philip Hahn überreichte den Polizisten eine Flasche mit Crotonöl, die er seiner Frau abgenommen hatte, als sie noch zusammenlebten. Weil er seiner Frau gegenüber misstrauisch gewesen war, hatte er zwischenzeitlich seine eigenen Recherchen angestellt. Nachdem er von den möglichen Risiken erfahren hatte, hatte er das Mittel vor seiner Frau versteckt. Ein Apotheker bestätigte später, dass Anna Hahn am 20. Juli 1936 eine Flasche Crotonöl bei ihm gekauft hatte.

Schuldschein und Arsen

Bei der Durchsuchung von Anna Hahns Wohnung fanden die Ermittler einen Schuldschein über 2.000 Dollar. Den Kredit hatte ihr ein gewisser Albert Palmer gewährt. Der 72-jährige Mann war unter 2416 Central Parkway gemeldet. Als die Beamten den Mann befragen wollten, erfuhren sie, dass er bereits am 26. März 1937 verstorben war, nachdem er zuvor längere Zeit krank war. Die Angehörigen sagten zudem aus, dass Anna Hahn ihn vor seinem Tod gepflegt habe. Außerdem fehlten mindestens 4.000 Dollar in bar aus seinem Besitz.

Gleichzeitig erhielten die Ermittler die Ergebnisse aus der Obduktion von Jacob Wagner. Auch sein Leichnam wies eine hohe Giftkonzentration auf. In seinem Fall handelte es sich allerdings nicht um Crotonöl, sondern um Arsen. Das gleiche Gift fand sich im Übrigen auch bei George Obendoerfer, als man dessen Leiche genauer untersuchte.

Befragung des Sohnes

Die Polizisten entschlossen sich nun dazu, auch Anna Hahns Sohn Oskar zu befragen. Über die Patienten seiner Mutter wusste er nichts zu sagen. Doch er lieferte den Beamten ein interessantes Detail im Fall Georg Obendoerfer. Denn seiner Aussage zufolge hatte seine Mutter das Ticket für Obendoerfer am Cincinnati Union Terminal gekauft, dem Hauptbahnhof der Stadt. Anna Hahn hatte also wieder einmal gelogen.

Außerdem verriet der Junge den Ermittlern noch, dass seine Mutter Obendoerfer mehrfach Getränke während der Fahrt gereicht hatte. Und dass der alte Mann schon über Übelkeit klagte, bevor der Zug Colorado erreichte.

Die Behörden in Cincinnati hatten inzwischen viele Indizien gegen die Verdächtige zusammengetragen. Der Haftbefehl, auf dessen Grundlage sie die Frau ursprünglich verhaftet hatten, stammte allerdings aus Colorado. Doch die Polizeibehörden in Ohio waren nicht gewillt, Anna Hahn nach Colorado Springs auszuliefern. Denn dort erwartete sie bisher nur eine Anklage wegen Diebstahls. In Cincinnati ging es um mehrfachen Mord.

Der Prozess

Um eine Auslieferung nach Colorado zu verhindern, klagte die Polizei von Cincinnati Anna Hahn zunächst des Mordes an Jacob Wagner an. Zuständig für den Fall waren die Bezirksstaatsanwälte Dudley Outcalt, Loyal Martin und Simon Leis. Die Verteidigung übernahmen Joseph H. Hoodin and Hiram Bosinger Sr.

Der Prozess begann am 11. Oktober 1937. Den Vorsitz über das Gericht hatte Richter Charles S. Bell. Der Geschworenen-Jury gehörten elf Frauen und ein Mann an. Die Anklage nannte als Mordmotiv Habgier. Anna Hahn habe es auf das Geld und den übrigen Besitz des Opfers abgesehen.

Die Staatsanwälte riefen eine Vielzahl an Zeugen auf. Laut einem Sachverständigen befand sich genug Arsen im Leichnam, „um vier Männer zu töten“. Ein Handschriftenexperte erklärte, dass die Unterschrift auf dem Testament von Jacob Wagner gefälscht sei. Zudem entsprach die Signatur gemäß dem Graphologen der Handschrift von Anna Hahn.

Die Staatsanwaltschaft konnte für sich einen großen Erfolg verbuchen, als der Richter erlaubte, Beweismaterial aus anderen Fällen vor Gericht einzubringen, die nicht Teil des eigentlichen Verfahrens waren. Die Anklage konnte so darlegen, dass Anna Hahn nach einem Tatmuster handelte. Darüber hinaus betrat infolge der richterlichen Entscheidung George Heis den Zeugenstand, der einen mutmaßlichen Mordanschlag überlebt hatte. Am 29. Oktober 1937 schloss die Anklage ihre Beweisaufnahme ab.

Kaltblütig

Die Verteidigung hatte ihrerseits kaum Zeugen oder Beweismittel zu präsentieren. So rief sie Anna Hahn in den Zeugenstand, damit sie sich selbst gegen die Vorwürfe verteidigen konnte. Sie schlug sich im Kreuzverhör unerwartet wacker. Der Staatsanwalt konnte sie dort in keine weiteren Widersprüche verwickeln oder ihr Falschaussagen nachweisen.

In seinem Plädoyer verwendete der Staatsanwalt Dudley Outcalt die scheinbare Gelassenheit der Angeklagten vor Gericht gegen sie: „Sie ist kaltblütig wie keine andere Frau auf der Welt. Denn niemand könnte hier vier Wochen der Verhandlung beiwohnen und angesichts des erschütternden Beweismaterials keinerlei Gefühle zeigen. Sie ist herzlos, weil niemand mit einem Herzen so mit diesen Männern hätte umgehen können. Wir haben hier die kälteste, herzloseste Person gesehen, die uns je in unserem Leben begegnet ist.“

Die Geschworenen benötigten lediglich zwei Stunden für ihre Beratungen. Sie erklärten die Angeklagte des Mordes an Jacob Wagner schuldig. Entscheidend war aus juristischer Sicht der Passus „ohne Anempfehlung von Gnade“. Das zog nach der damaligen Gesetzeslage im Falle von Mord zwingend die Todesstrafe nach sich. Damit hatten die Geschworenen die erste Frau im Bundesstaat Ohio zum Tode verurteilt.

Hinrichtung

Am 10. November 1937 bestätigte Richter Bell das Urteil und verkündete, dass die Täterin bis zum 10. März 1938 auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden müsste. Anna Hahns Verteidiger formulierten jedoch zahlreiche Eingaben und Berufungen, sodass der Hinrichtungstermin nicht gehalten werden konnte.

Schließlich landete die Berufung in letzter Instanz vor dem Obersten Gerichtshof der USA, der den Antrag ablehnte. Das Urteil war damit rechtsgültig. Datum der Hinrichtung war nun der 7. Dezember 1938, 20.00 Uhr.

Am anberaumten Tag schrieb Anna Marie Hahn vier Briefe, die sie ihren Anwälten aushändigte. Pünktlich um 20.00 begann die Hinrichtung. Um 20.13 Uhr erklärte der Gefängnisarzt Anna Hahn offiziell für tot. Der Leichnam wurde auf dem Holy Cross Catholic Cemetery in Columbus (Ohio) bestattet.

Vier Briefe

Am 17. Dezember 1938 gab Hahns Rechtsverteidiger Joseph H. Hoodin bekannt, dass er die vier Briefe der hingerichteten Straftäterin an die Tageszeitung „Cincinnati Enquirer“ verkauft habe. Der Erlös sollte einem Fonds zugunsten des Sohnes Oskar zukommen. Zwei Tage später veröffentlichte die Zeitung die Schreiben.

In den Briefen gestand Anna Marie Hahn alle Morde ein, derer die Polizei sie in Verdacht hatte. Sie äußerte sich darüber hinaus ausführlich zu den Beweggründen ihrer Taten, wobei man natürlich vorsichtig sein sollte, jedes Wort von ihr für bare Münze zu nehmen.

Es ergab sich grob folgendes Bild: Anna Hahn und ihr Ehemann hatten schwerwiegende finanzielle Probleme. Was wenig verwundert, wenn man mitten in der größten Wirtschaftskrise der Weltgeschichte ausgerechnet zwei Feinkostgeschäfte eröffnet. Sie machte zunächst alles zu Geld, was sich irgendwie verkaufen ließ. Aber irgendwann waren auch diese Barmittel erschöpft.

Spätestens jetzt trieben Anna Hahn konkrete Existenzängste um. Sie selbst behauptete in den Briefen zwar immer wieder, dass sie sich in erster Linie um ihren Sohn und dessen Zukunft gesorgt habe. Aber ganz so selbstlos scheint diese Dame nicht gewesen zu sein.

Pferdewetten

Die Lage verschlimmerte sich, als die Banken ihr das geerbte Haus pfänden wollten: „Ich unterzeichnete einige Dokumente für meinen Mann, und weil ich die Dokumente unterzeichnet hatte, drohten sie mir, mir das Haus in der Colerain Avenue wegzunehmen, das Haus über meinen Kopf hinweg zu verkaufen und mich und meinen Jungen auf die Straße zu werfen. Da begann ich zu wetten und auf Pferderennen zu setzen. Ich wollte etwas Geld für meinen Jungen verdienen.“ Wie bereits erwähnt: Die erste Pferdewette hatte sie bereits 1930 platziert. Denkbar also, dass sie bereits spielsüchtig war und erst in zweiter Linie das Wohlergehen ihres Kindes im Sinn hatte.

Bei einem ihrer Ausflüge auf die Rennbahn lernte sie Albert Palmer kennen. Die beiden kamen sich mit der Zeit näher und Anna Hahn lieh sich von Palmer Geld für ihre Wetten. „Das meiste zahlte ich zurück. Aber als ich nach seinem Geschmack nicht schnell genug meine Schulden beglich, verlangte er von mir, dass ich seine Freundin wurde. Er drohte mir, dass er mir seinen Anwalt wegen der Schulden auf den Hals hetzen würde, wenn ich nicht tun würde, was er von mir verlangte.“

„Gott weiß, dass ich ihn nicht töten wollte. Und ich weiß nicht, was es war, dass mir solch einen Gedanken ins Gehirn pflanzte. Ich erinnerte mich, dass im Keller noch Rattengift stand. Irgendetwas in meinem Kopf sagte mir: ‚Gib ihm ein bisschen davon und er wird dir keine Probleme mehr bereiten.‘ Ich weiß nicht, was mich dazu gebracht hat, aber ich habe etwas von dem Gift in die Austern getan.“

Kurze Zeit später erfuhr sie von Palmers Verwandten, dass er krank wurde und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. „Ich besuchte ihn, sobald ich konnte. Er war sehr nett zu mir. Er sagte mir, dass es ihm leid täte, wie er mich behandelt hatte. Ich betete dafür, dass er wieder gesund wurde. Niemand weiß, was mir durch den Kopf ging. Ich sagte den Krankenschwestern und den Ärzten, dass sie alles unternehmen sollten, damit er wieder gesund würde. Aber an Gründonnerstag starb Mr. Palmer. Nur ich weiß warum.“

Verzerrte Wahrnehmung?

Anna Hahn schien es außerdem ein Anliegen zu sein, das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihr im Strafprozess gemacht hatte, zu revidieren. „Als ich neben der Leiche von Mr. Wagner in der Trauerhalle stand, hätte ich am liebsten laut los geschrien. Ich habe es nicht getan. Ich konnte nicht glauben, was ich getan hatte. Ich kann es selbst heute nicht glauben. Ich konnte es nicht glauben, als all die Leute den Gerichtssaal betraten und den Geschworenen erzählten, wie diese Männer gestorben waren. Ich saß da und dachte, ich würde eine Geschichte über eine andere Person hören.“

War Anna Marie Hahn also gar nicht die gefühlskalte Mörderin, wie der Staatsanwalt behauptet hatte? Nun, ihre Glaubwürdigkeit leidet zumindest angesichts der Tatsache, dass sie nicht nur eine Mörderin, sondern eine Serienmörderin war. Sie hatte nicht nur aus lauter Verzweiflung Albert Palmer getötet. Als sie scheinbar ungeschoren davon kam, hatte sie gezielt nach weiteren Opfern Ausschau gehalten und diese so schnell wie möglich unter die Erde gebracht. Dieses Vorgehen lässt weniger auf Gewissensbisse, sondern vielmehr auf eine gewisse Kaltblütigkeit schließen.

Oskar

Die Ermittler waren jedenfalls erleichtert. Sie hatte alle Taten zugegeben, die nicht vor Gericht verhandelt wurden und die damit nun als geklärt galten. Die Polizisten hatten mit ihrem Verdacht richtig gelegen. Insofern brachten die Briefe den Behörden und vor allen Dingen den Angehörigen zumindest Gewissheit, welches Schicksal den Verstorbenen widerfahren war.

Anna Hahns Sohn Oskar war 12 Jahre alt, als seine Mutter auf dem elektrischen Stuhl starb. Die Behörden gaben ihn zu einer Pflegefamilie in den Mittleren Westen. Die Zeitung „Cincinnati Enquirer“ hielt ihr Versprechen und kam für die Ausbildung des Jungen auf. Sein neuer Name und sein genauer Verbleib wurden niemals öffentlich gemacht. Es ist lediglich bekannt, dass er ein unauffälliges Leben führte und im Zweiten Weltkrieg in der US-Marine gedient hatte.

Opfer

  • 26.3. 1937: Albert J. Palmer (72); bei Wikipedia und anderen Quellen fälschlicherweise als „Albert Parker“ angegeben (Grabstein)
  • 3.6. 1937: Jacob Wagner (78)
  • 6.7. 1937: George Gsellman (67)
  • 1.8. 1937: Johan Georg Obendoerfer (67)

Es gibt weitere mögliche Opfer. Allerdings hat Anna Hahn in ihren Briefen entweder ausdrücklich geleugnet, diese übrigen Taten begangen zu haben, oder ist gar nicht erst auf sie eingegangen. Das betrifft unter anderem die bereits erwähnten Fälle George Heis und Olive Koehler, die beide überlebten.

Ähnlich erging es wahrscheinlich Stina Cable, die die Mörderin am 15. Juli 1936 in der Damentoilette einer Kneipe kennenlernte. Anna Hahn lud sie zu einem Bier ein. Laut Cable habe Hahn ihr Gift ins Getränk gegeben. Danach sei sie ein Jahr krank gewesen. Außerdem habe Hahn ihr 800 Dollar gestohlen. Doch sie kam mit dem Leben davon

Weniger Glück war Ernest Kohler (62) beschieden. Kohler hatte den Hahns Räumlichkeiten vermietet, als sie 1932 ihr Geschäft eröffneten. Am 6. Mai 1933 verstarb der Mann, offiziell an den Folgen einer Krebserkrankung. Er vermachte seinen Besitz Anna Hahn. Aus diesem Grund bestand der Verdacht, dass sie ihn vergiftet haben könnte. Die Tat ließ sich zum Zeitpunkt der Ermittlungen jedoch nicht mehr beweisen. Denn Kohlers Leiche wurde in einem Krematorium bestattet, die Urne mit seiner Asche nahm Anna Hahn entgegen.

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Bücher

Diana Britt Franklin: The Good-bye Door (2006)

George Stimson: The Cincinnati Crime Book (1998)

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