Bessie und Glen Hyde: Todesfahrt im Grand Canyon

Glen Hyde hatte sich für die Hochzeitsreise mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Bessie ein besonderes Ziel ausgedacht. Das Paar, das am 12. April 1928 in Twin Falls (Idaho) geheiratet hatte, unternahm im Herbst desselben Jahres gemeinsam eine Rafting-Tour. Das Abenteuer sollte sie über den Green River und Colorado River durch den weltberühmten Grand Canyon führen.

Inhaltsverzeichnis

Die Rekordfahrt

Das mag im ersten Augenblick recht romantisch klingen. Doch die Hydes hegten noch andere Absichten. Bis zu diesem Zeitpunkt war es nur 45 Männern gelungen, den Grand Canyon zu Wasser vollständig zu durchqueren. Sie alle hatten irgendeine Art von Ruderboot dazu genutzt. Glen Hyde hatte sich in den Kopf gesetzt, die bestehende Rekordzeit zu brechen – mit einem neuen Bootstyp.

Gleichzeitig wäre Bessie Hyde die erste Frau gewesen, die den Grand Canyon bezwungen hätte. Beide Rekorde zusammen wären pures Gold wert gewesen – so die Überlegungen der Hydes. Denn solche Heldengeschichten lagen im Trend.

Charles Lindbergh hatte gerade den Atlantik im Alleinflug überquert. George Mallory hatte die Erstbesteigung des Mount Everest in Angriff genommen – und war unter rätselhaften Umständen verschwunden. Seine Leiche fand man erst 1999.

Ruhm und Erfolg locken

Glen Hyde hoffte, die Hochzeitsreise im Nachhinein durch lukrative Buchverträge und Vorträge in bare Münze zu verwandeln. Und vielleicht würde sogar ein Hollywood-Produzent ihre Geschichte verfilmen. Oder zumindest ein Theaterstück geschrieben werden.

Bessie Hyde dürfte dabei nicht nur die Rolle des braven Weibchens gespielt haben, das die verrückten Ideen ihres Mannes einfach nur bedingungslos unterstützte und nicht hinterfragte. Denn Glen Hyde baute als Farmer Bohnen in Idaho an. Bessie Hyde war diejenige mit der künstlerischen Ader in der Familie.

Sie hatte in San Francisco Kunst studiert und einen Gedichtband verfasst, der bis dato noch unveröffentlicht war. Sie dürfte durchaus das mediale Potenzial erkannt haben, das dem Plan innewohnte.

Ob sie der Herausforderung tatsächlich gewachsen war, steht auf einem anderen Blatt. Es ist nichts davon bekannt, dass sie jemals eine vergleichbare Flussfahrt unternommen hatte. Ihr Mann hingegen verfügte über reichlich Erfahrung.

Ein begeisterter Wassersportler

Glen Rollin Hyde war am 9. Dezember 1898 in Spokane (Washington) zur Welt gekommen. Die Familie zog allerdings mehrfach um. 1910 waren die Hydes in Los Angeles gemeldet, wenige Jahre später verschlug es sie nach Kanada. 1920 waren sie laut US-Volkszählung dann in Hansen (Idaho) ansässig. Während der 1920er Jahre besuchte Glen Hyde die University of Idaho in Moscow, ließ sich aber schließlich als Landwirt in dem Bundesstaat nieder.

Bereits während seiner Zeit in Kanada begeisterte er sich für den Wassersport und andere Outdoor-Aktivitäten. Auf dem Skeena River in British Columbia unternahm er erste Kanu-Trips. 1919 paddelte er gemeinsam mit einem Freund sechs Monate über den kanadischen Peace River.

1922 traf er in seinem Studienort Moscow auf Harry „Cap“ Guleke. Der erfahrene Bootsführer beschrieb ihm in allen Details eine sogenannte Gabarre. Dabei handelt es sich um ein flach gebautes Holzschiff mit zwei Steuerrudern an Heck und Bug, das von der Form eher an eine treibende Seifenkiste, statt an ein schnittiges Flussboot erinnert.

1926 besorgte sich Hyde ein solches Gefährt und befuhr gemeinsam mit seiner Schwester Jeanne den Snake und Salmon River bis zur Mündung im Pazifik. Der Plan für die Grand Canyon-Durchquerung in Rekordtempo war geboren.

Jugendliebe

Seine Reisebegleiterin und Gattin Bessie Louise Haley war am anderen Ende der USA aufgewachsen. Sie wurde am 29. Dezember 1905 in Parkersburg (West Virginia) geboren. Am 5. Juni 1926 heiratete sie in erster Ehe ihre Jugendliebe Earl Helmick in Catlettsburg (Kentucky), den sie bereits seit gemeinsamen Schulzeiten kannte.

Kurz nach der Hochzeit kehrte sie allerdings nach West Virginia zurück. Das Ehepaar lebte nach der Eheschließung nur zwei Monate zusammen. Im folgenden Jahr schrieb sie sich an der California School of Fine Art ein und zog nach San Francisco um.

Scheidung

Im Februar 1927 reiste Bessie von San Francisco mit einem Passagierschiff nach Los Angeles. Während der Überfahrt lernte sie Glen Hyde kennen. Die beiden begannen eine Beziehung. Ihr Noch-Ehemann Earl Helmick verweigerte jedoch seine Zustimmung zur Scheidung.

Bessie zog deshalb nach Elko (Nevada). In diesem Bundesstaat konnte sich jeder scheiden lassen, der lange genug getrennt vom Ehepartner lebte. Ein Einverständnis war nicht vonnöten. Am 11. April 1928 hielt Bessie ihre Scheidungspapiere in Händen. Nur einen Tag später heiratete sie Glen Hyde in Twin Falls (Idaho).

Regen im Gesicht

Im Oktober 1928 brachen die Hydes von Idaho nach Green River (Utah) auf. Dort sollte der Honeymoon-Trip beginnen. Innerhalb von zwei Tagen baute Glen Hyde vor Ort eine zwei Tonnen schwere und 7 Meter lange Gabarre aus Holz, die er auf den Namen „Rain-in-the-Face“ taufte (Foto).

Sie beluden das Boot mit Vorräten und und statteten es sogar mit einem Sprungrahmen für ein Bett aus – schließlich war man ja auf Hochzeitsreise. Glen Hyde nahm eine Fotokamera mit, Bessie Hyde ein Tagebuch, um das große Abenteuer zu dokumentieren. Sie führten allerdings weder Schwimmwesten noch andere Rettungsutensilien mit sich, was aber in jenen Tagen nicht ungewöhnlich war.

Im Zeitplan

Am 20. Oktober 1928 legten sie in Green River ab und folgten zunächst dem Lauf des gleichnamigen Flusses Richtung Süden, bis dieser in den Colorado River mündete. Am 7. November erreichten sie Lee’s Ferry, den Einstiegspunkt zum Grand Canyon (Foto).

Am 14. November legten sie ihre erste große Rast ein, etwa bei Flussmeile 90. Sie übernachteten im Bright Angel Camp, leisteten sich ein Abendessen im teuren El Tovar Hotel und kauften am nächsten Tag Vorräte ein, die sie mit ein paar Maultieren zum Boot schafften. Wie aus den Tagebuchaufzeichnungen von Bessie Hyde hervorgeht, lagen sie deutlich besser im Zeitplan als erwartet, sodass sie sich die Pause leisten konnten.

In dem Camp trafen sie zufällig auf einen Reporter der „Denver Post“. Der Journalist war begeistert von der Story, die das Ehepaar ihm über ihre Reise erzählte, und zitierte vor allen Dingen Bessie Hyde ausführlich in dem Artikel. Die Nachrichtenagentur Associated Press griff die Geschichte auf und verkaufte sie landesweit an Zeitungen. Das Kalkül der Hydes schien aufzugehen: Die Öffentlichkeit war an ihrem Abenteuer interessiert.

In dem Artikel schilderte Bessie Hyde dem Reporter einen Unfall, der mehrere Tage zurücklag: „Wir trugen keine Rettungswesten. Ich gebe zu, ich war zu Tode erschrocken. Ich kann mich nicht an jedes Detail erinnern. Ich weiß nur, dass ich es irgendwie geschafft habe, mich am Steuerruder festzuklammern und das Boot in der Strömung halbwegs gerade zu halten, bis mein Mann die Seitenwand zu greifen bekam. Dann habe ich geholfen, ihn wieder an Bord zu ziehen.“

„Der Hauptgrund für unsere Reise ist, dass wir uns ein echtes Erlebnis gewünscht haben. Und in dieser Hinsicht waren wir bisher ganz sicher erfolgreich. Ich habe den besten Nervenkitzel meines Lebens erfahren. Ich bin zwar zigmal bis auf die Kochen durchnässt worden. Aber ich genieße jede Minute dieses Abenteuers.“

Bright Angel Trail

Um vom Boot zum El Tovar Hotel im Grand Canyon Village zu gelangen, wanderten sie entlang des Bright Angel Trail bis hinauf zum südlichen Plateau des Grand Canyon (Touristen im November 1928 auf dem Bright Angel Trail: Foto 1, Foto 2, Foto 3, Foto 4). Der Bright Angel Trail ist rund 15 Kilometer lang und überwindet 1.335 Höhenmeter.

Der Grand Canyon war bereits seit den 1880er Jahren ein touristischer Anziehungspunkt. Der spätere US-Senator Ralph Cameron besaß Grund und Boden auf dem südlichen Plateau. Er baute einen bereits vorhandenen Trampelpfad aus und erschloss ihn für touristische Zwecke. Für die Wegenutzung verlangte er 1 Dollar, Wasser und sonstige Versorgung gingen extra.

Das Fotostudio im Grand Canyon

Die Kolb-Brüder Ellsworth und Emery (Foto) hatten kurz nach der Jahrhundertwende ein Grundstück von Cameron direkt am oberen Pfadende gepachtet. Ihre Geschäftsidee: Sie fotografierten die vorbeikommenden Touristen und verkauften ihnen das Bild als schöne Erinnerung an den Urlaub im Grand Canyon. Damals waren Fotokameras zum einen noch nicht so weit verbreitet und zum anderen deutlich schwerer als heute.

Die Kolbs hatten Erfolg. Arbeiteten sie in den ersten Jahren noch aus einem Zelt heraus, konnten sie sich alsbald ein eigenes Haus samt Foto-Atelier direkt am Canyon-Rand leisten. Ellsworth Kolb verließ die Gegend bereits 1924 wieder, während sein Bruder Emery Kolb das Geschäft bis zu seinem Tod im Jahre 1976 weiterbetrieb.

Heute gehört das Gebäude der Grand Canyon Association, die dort einen Andenkenladen und ein Museum untergebracht hat. Das Haus hat mehrere Umbauten und Erweiterungen hinter sich. Der heutige Zustand (siehe Bild) entspricht also nicht mehr der Situation von 1928.

Mulmiges Gefühl

Auch Glen und Bessie Hyde nutzten die Gelegenheit und ließen sich von Emery Kolb fotografieren (Bild), nachdem sie die grandiose Aussicht genossen hatten. Kolb fragte Hyde, ob er mit Schwimmwesten ausgerüstet sei. Der Flussfahrer winkte lachend ab und sagte, so etwas benötigten sie nicht.

Der Fotograf hatte jedoch das Gefühl, dass Bessie Hyde nur allzu gerne die Hilfe in Anspruch genommen hätte. Es kam ihm so vor, als sei ihr angesichts der noch vor ihnen liegenden Strecke mulmig zumute.

Oben im Grand Canyon Village gaben die Hydes auch ihren letzten Brief auf. Bessie Hyde schrieb an ihre Eltern: „Wir haben die Hälfte unserer Reise geschafft und sollten in etwa drei Wochen in Needles ankommen. Wir haben vermutlich alle gefährlichen Stromschnellen schon hinter uns gebracht. Ich werde nicht mehr schreiben können, bis wir in Needles sind. Wir werden am Morgen noch ein paar Vorräte besorgen, uns dann wieder zurück ins Tal begeben und ablegen … Ich habe gerade ein schönes heißes Bad genommen und bin jetzt ziemlich müde, weil es ein anstrengender Tag war.“

Der letzte Begleiter

Adolph G. Sutro, ein mit Kolb befreundeter Fotograf, hatte sich mit dem Ehepaar im Grand Canyon Village unterhalten. Er wollte sich gerne das Boot der Hydes aus der Nähe ansehen und fragte, ob er sie ins Tal begleiten dürfe. Die beiden boten ihm spontan an, ihn ein Stück auf der Gabarre mitzunehmen und am nächsten Wanderweg wieder abzusetzen. Sutro, Enkel eines ehemaligen Bürgermeisters von San Francisco, willigte ein.

Es existieren mehrere datierte Fotos vom 17. und 18. November 1928 (Foto 1, Foto 2, Foto 3, Foto 4, Foto 5, Foto 6, Foto 7), die das Ehepaar zwischen Bright Angel Creek (Strommeile 87,7) und Hermit Rapid bzw. dem dortigen Camp (Strommeile 94,9) zeigen. Sutro, der auf einem der Fotos ebenfalls abgebildet ist (Bild), war der letzte bekannte Zeuge, der das Ehepaar lebend gesehen hatte.

Letztes Lebenszeichen

Doch es gibt Beweise dafür, dass die Hydes noch mindestens bis zum 30. November 1928 gelebt haben. Unter anderem zeigt das letzte Bild auf dem Film in Glen Hydes Kamera seine Frau Bessie am Ufer des Colorado River, vermutlich bei Strommeile 211. Das Foto ist auf Thanksgiving 1928 (= 29. November 1928) datiert.

Zumindest behauptet dies der Grand Canyon-Historiker Otis R. Marston, dessen umfangreiche Sammlung sich heute im Besitz der Huntington Library befindet. In der englischen Wikipedia wird das letzte Foto der Kamera hingegen auf etwa 27. November datiert, die Stelle mit Strommeile 165 angegeben. Es fehlt allerdings ein Hinweis auf die Datenquelle für diese Information.

Der Suchtrupp

Als das Paar bis zum 9. Dezember immer noch nicht am geplanten Zielort Needles (Kalifornien) eingetroffen war, machten sich die Angehörigen Sorgen. Glens Vater Rollin Hyde organisierte eine Suche nach den Vermissten. Er heuerte unter anderem Nachfahren amerikanischer Ureinwohner an, die mit dem schwierigen Terrain bestens vertraut waren.

Schließlich wandte er sich an den US-Kriegsminister Dwight Davis mit der Bitte um Luftunterstützung bei der Suche. Am 19. Dezember sichtete ein Flugzeug tatsächlich das Boot des vermissten Paares nahe Strommeile 237. Es schien unbeschädigt zu sein. Es bestand also noch Hoffnung, die beiden verschollenen Personen lebendig zu bergen.

Rollin Hyde begab sich sofort mit den Kolb-Brüdern – Ellsworth war zu Besuch – nach Peach Springs (Arizona). Von dort wanderten die Männer den Peach Spring Wash bis zum Diamond Creek bei Strommeile 225 hinab. An dieser Stelle lag ein Boot, das den Suchtrupp bis zum Fundort bringen sollte.

Doch das Boot war defekt. Für die Reparatur benötigten Ellsworth und Emery Kolb drei Tage (Foto). An Heiligabend 1928 konnten sie endlich ablegen, am 25. Dezember erreichten sie die verlassene Gabarre der Hydes.

Die Gabarre war ohne sichtbare Schäden geblieben und nicht gekentert (Foto). Die Vorräte waren noch nahezu vollständig und unversehrt. Auch die Mäntel und Wanderstiefel des Paares befanden sich noch an Bord, dazu das Tagebuch von Bessie Hyde, die Fotokamera von Glen Hyde sowie eine Schusswaffe.

Der Boden stand ungefähr knöcheltief unter Wasser. Die Schleppleine des Boots lag im Fluss und hatte sich irgendwo verheddert. Die Männer schnitten das Seil durch. Am Bootsrand waren 42 Kerben eingeritzt – eine Kerbe für jeden Reisetag.

Das bedeutete, dass die Hydes vermutlich bis zum 30. November (= 42. Reisetag) oder 1. Dezember 1928 auf dem Boot verblieben waren. Doch in der unmittelbaren Umgebung fanden sich keine Fußspuren, die vom Ufer wegführten.

Letzter Tagebucheintrag

Bessie Hydes Tagebuch war zu entnehmen, dass die Hydes letztmals am Diamond Creek kampiert hatten. Der Schlusseintrag stammte vom 30. November. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Paar gerade eine Stromschnelle bei Flussmeile 231 passiert.

Das Tagebuch bestand nicht aus ausführlichen Reisebeschreibungen, sondern aus knappen Notizen, wie aus dem unten gezeigten Beispiel ersichtlich ist. Typisch waren zum Beispiel auch die verwendeten Symbole (I/O). Die Zeichen beschrieben schwierige Passagen, Hindernisse und geeignete Fahrtrouten.

In den folgenden Tagen dehnte man die Suche auf die Uferbereiche stromaufwärts aus, die im Tagebuch als letzte Stationen der Reise vermerkt waren. Doch es fanden sich keinerlei Hinweise auf den Verbleib des Paares. Rollin Hyde kehrte zwar nochmals im darauffolgenden Winter in den Grand Canyon zurück, um nach seinem Sohn und seiner Schwiegertochter zu suchen – aber erneut vergeblich.

Es meldete sich lediglich ein Zeuge, der beobachtet hatte, wie eine braune Lederjacke im Colorado River trieb. Wie die Fotos bewiesen, hatte Bessie Hyde während des Trips häufig eine Pilotenjacke aus Leder getragen. Doch das Kleidungsstück konnte nie geborgen werden. Es blieb also unklar, ob es eine Verbindung zu den Vermissten gab.

Keine Leichen

Viele Historiker, Rafting-Guides und auch die Polizei nahmen an, dass Glen und Bessie Hyde einem Bootsunglück zum Opfer gefallen waren. Das Boot war zwar weder gekentert noch zerstört. Dennoch war nicht auszuschließen, dass die Hydes mit einem Felsen kollidiert und ins Wasser gefallen waren.

Der Colorado River war breit, verfügte an einigen Stellen über eine reißende Strömung und dürfte im November schon sehr kalt gewesen sein. In der Regel sinkt die Temperatur im Grand Canyon in dieser Jahreszeit bereits unter null Grad. Allerdings waren nie Leichen an Land gespült worden. Doch zu den Unfallrekonstruktionen später noch mehr.

Ein tödlicher Streit?

Denn es gab auch noch andere Mutmaßungen, die nach dem spurlosen Verschwinden der Hydes kursierten. Eine Theorie besagt, das Paar habe sich auf der anstrengenden Fahrt über den Colorado River zunehmend zerstritten. Bessie Hyde habe es mit der Angst zu tun bekommen, während Glen Hyde auf eine Fortsetzung der Tour pochte.

Er habe sie bedroht, vielleicht auch geschlagen, als sie aussteigen wollte. Irgendwann habe sich Bessie Hyde die Waffe geschnappt und ihren Mann erschossen. Dann sei sie zu Fuß aus dem Grand Canyon verschwunden, um unter anderer Identität ein neues Leben zu beginnen.

Ja, es gab die Zeugenaussage des Fotografen Emery Kolb, der das Gefühl hatte, dass Bessie Hyde nicht gerade glücklich wirkte. Und es ist vorstellbar, dass die extremen Bedingungen, mit denen das Paar zu kämpfen hatte, eine ganz eigene Dynamik entwickeln können.

Doch Emery Kolb war den Hydes nur kurz begegnet. Alle Leute, die Glen Hyde und seine Frau näher kannten, zeichneten ein völlig anderes Bild von dem Mann und der Beziehung. Glen Hyde neigte nicht zu Wutausbrüchen. Die beiden harmonierten ausgesprochen gut miteinander. Letztlich fehlte auch jedes Indiz, das ein solches Szenario glaubhafter gemacht hätte.

Ein rachsüchtiger Ex-Mann?

Eine andere Theorie lautete: Es gab ein Problem mit dem Boot. Die beiden beschlossen, die Tour abzubrechen und zu Fuß aus dem Grand Canyon zu entkommen. Dabei verirrten sie sich und verstarben irgendwo in den Wäldern. Aber auch in diesem Fall fanden sich nie Spuren, die diese Theorie untermauern konnten.

Bessie Hydes Bruder behauptete, ihr Ex-Mann Earl Helmick sei gewalttätig gewesen und habe sich an seiner Schwester rächen wollen. Deshalb mutmaßte er, Helmick habe etwas mit dem Verschwinden des Paares zu tun. Helmick heiratete 1930 erneut und weigerte sich bis zu seinem Lebensende, über seine Ex-Frau zu sprechen.

Die offensichtliche Frage lautete natürlich: Warum sollte er sich für seine Rache ausgerechnet den kaum zugänglichen Grand Canyon ausgesucht haben? Und wie sollte er gewusst haben, wann genau die Hydes an seinem Hinterhalt vorbeikamen? Spuren eines größeren Lagers waren schließlich nicht gefunden worden. Und ohne dieses Lager hätte er kaum mehrere Tage in dieser Wildnis überlebt.

Die Frau am Lagerfeuer

Im Laufe der folgenden Jahrzehnte erzählte man sich die Geschichte über das rätselhafte Verschwinden des Ehepaares Hyde an vielen Lagerfeuern im Grand Canyon. So auch im Jahre 1971. Eine Touristen-Gruppe hatte tagsüber eine Frau namens Elizabeth Arnold Cutler getroffen, die alleine auf dem Fluss unterwegs war. Sie luden sie am Abend in ihr Camp ein.

Als der Tour-Guide die Story von Bessie und Glen Hyde zum Besten gab, meldete sich plötzlich Elizabeth Cutler zu Wort. Sie sei in Wahrheit die verschollene Ehefrau. Sie habe Glen Hyde 1928 im Streit niedergestochen. Dann sei sie geflohen und habe ein neues Leben begonnen. Bedrücktes Schweigen im Wald. Meinte die Frau das ernst?

Scheinbar nicht. Denn sobald die Geschichte erst einmal die Runde machte, stritt Elizabeth Cutler ab, dass an ihrer Erzählung etwas dran sei. Cutler war Psychologin und stand in dem Ruf, ihre Mitmenschen ab und an schon mal aufs Glatteis zu führen.

Zudem war sie laut Geburtsschein am 2. Dezember 1908 in Pomeroy (Ohio) geboren worden. Sie hätte also nicht nur ihren vermeintlichen Mann, sondern auch die echte Elizabeth Cutler töten und deren Angehörigen über ihre wahre Identität täuschen müssen. Das klang doch alles eher unwahrscheinlich. Cutler lebte noch bis 1998.

Ein Skelett im Bootshaus

1976 verstarb der Fotograf Emery Kolb. Als die Erben sein Foto-Atelier am Grand Canyon räumten, machten sie eine gruselige Entdeckung im Bootshaus. Dort fanden sie in einem Kanu das vollständige Skelett einer männlichen Leiche. Der Schädel wies eine Schusswunde auf.

Emery Kolb war eine der letzten Personen, die Glen und Bessie Hyde lebend gesehen hatten. Alsbald schossen die Vermutungen ins Kraut. Hatte sich der Fotograf in die attraktive Bessie Hyde verguckt? Hatte er deshalb ihren Mann getötet? Hatte er sich dem Suchtrupp nur angeschlossen, um Spuren zu verwischen?

Aber warum hatte er 12 Tage mit dem Mord gewartet, wenn ihn die Begierde angeblich derart übermannt hatte? Weshalb schleppte er die Leiche von Glen Hyde 150 Meilen durch unwegsames Gelände den Colorado hinauf? Wieso lagerte er sie obendrein auch noch in seinem Bootshaus, wo sie jederzeit hätte entdeckt werden können? Und was war überhaupt mit Bessie Hyde geschehen?

Alle diese Fragen waren spätestens 1985 obsolet. Da untersuchte die University of Arizona nämlich die Knochen im Labor. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass Glen Hyde nicht der Tote im Kanu gewesen sein konnte. Zum einen war das Opfer nicht älter als 22 Jahre, als es starb. Hyde war bei seinem Verschwinden 30. Zum anderen war der Mann im Bootshaus frühestens seit 1972 tot.

Das beantwortet natürlich noch nicht die Frage, warum Emery Kolb die sterblichen Überreste eines Mordopfers auf seinem Grundstück aufbewahrte. Aber ich weiß leider nicht, ob man jemals klären konnte, um wen es sich bei dem Toten handelte und was geschehen war.

Georgie White

1992 flammten erneut Gerüchte auf, Bessie Hyde könne den Grand Canyon-Trip überlebt haben. Damals starb die bekannte Bootsführerin Georgie White Clark, die als erste Frau touristische Rafting-Touren im Grand Canyon angeboten hatte. In ihrem Nachlass fanden sich mehrere interessante Dinge.

Ihrer Geburtsurkunde war zum Beispiel zu entnehmen, dass ihr Taufname Bessie DeRoss gelautet hatte. Ausgerechnet Bessie. Ihre Freunde hatten nie gehört, dass sie jemand bei diesem Namen gerufen hatte. Hatte Georgie White ein Vorleben, von dem niemand etwas ahnte?

Dann fischten die Freunde auch noch den Hochzeitsschein von Bessie und Glen Hyde aus Georgie Whites Unterlagen. Wie sollte sie an dieses Schriftstück gekommen sein, wenn sie nicht selber die Braut gewesen war? Und zwischen ihrer Unterwäsche versteckte die jüngst Verstorbene eine Pistole. Hatte sie ihren Mann also doch getötet, wie es die alte Legende besagte, und ein neues Leben im Grand Canyon begonnen?

Die Lebensgeschichte von Georgie White – einschließlich ihrer Kindheit – war jedoch bestens dokumentiert. Sie war 1911 in Oklahoma zur Welt gekommen, hatte bereits mit 17 Jahren geheiratet und ein Kind bekommen. Mit anderen Worten: An den Spekulationen, dass sie die verschollene Bessie Hyde gewesen sei, war nichts dran.

Die Probe aufs Exempel

Damit blieb die wahrscheinlichste Lösung für das Rätsel um das verschwundene Ehepaar Hyde: Sie waren mit ihrem Boot verunglückt. Die vermutlich überzeugendste Rekonstruktion des möglichen Unfallgeschehens lieferte der Buchautor Brad Dimock.

Er stellte nicht nur umfassende Recherchen für sein Buch an. Er war selber mehrere Jahrzehnte als Bootsführer über den Colorado River geschippert und kannte jede Stromschnelle höchstpersönlich. Dann wagte er das ultimative Experiment.

Er baute die Gabarre, welche die Hydes benutzt hatten, nochmals nach. Gemeinsam mit seiner Frau wiederholte er die Reise des verschollenen Ehepaars und richtete sich dabei nach den Beschreibungen in Bessie Hydes Tagebuch.

Blaue Flecken und Abschürfungen

Er bekam eine Vorstellung davon, welcher Herausforderung sich die beiden Abenteurer damals gestellt hatten. Jedes Mal, wenn das Boot in eine mächtige Welle geriet, riss es ihm das Steuerruder aus der Hand. Das Ruder schlug dabei wild herum „wie die Rotorblätter eines Hubschraubers“.

Seine Frau und er kauerten sich im Verlauf des Trips immer häufiger auf den Boden der Gabarre, um die Ruder mit ihrem gesamten Körpergewicht festzuhalten und so unter Kontrolle zu bekommen. Am Ende der Reise waren ihre Körper mit blauen Flecken und Hautabschürfungen übersät.

Zudem trugen die Dimocks Schutzhelme und Rettungswesten, worauf die Hydes bekanntlich verzichteten. Sie verfügten noch nicht mal über die heute übliche Funktionskleidung, die vor Wasser, Kälte und Wind schützt. Den Hydes standen nur Textilien aus Wolle und Leder zur Verfügung.

Killer Fang Falls

Brad Dimock – und auch andere Historiker wie Otis Marston – kamen zu der Überzeugung, dass sich der tragische Unfall wahrscheinlich auf Höhe von Strommeile 232 zugetragen hatte. Heute nennt man diese Stromschnelle Killer Fang Falls. 1928 war die Stelle aber noch nicht in den Flusskarten dokumentiert und als besonderer Gefahrenpunkt gekennzeichnet.

In dem verlinkten Video bekommen Sie einen Eindruck, wie die Gegebenheiten vor Ort sind. Sie finden bei YouTube etc. auch noch andere Filme, welche die Befahrung dieser Stelle zeigen. Das Video habe ich ausgewählt, weil es zeigt, was im schlimmsten Fall passieren kann. Das blaue Boot wird durch die Strömung auf die rechte Flussseite gedrückt, wo zahlreiche Felsen aus dem Wasser heraus- oder in das Wasser hineinkragen, kommt in Schieflage und kentert fast.

Dimock vermutet, dass genau dies den Hydes passiert ist. Die schwer steuerbare Gabarre rammte einen der Felsen und das Ehepaar fiel aus dem Boot. Vielleicht ging auch nur einer der beiden über Bord und der andere Partner sprang hinterher, um ihn zu retten. Oder das Boot fuhr sich in den Felsen fest, die Hydes hopsten ins Wasser, um es zu befreien, verloren aber in der starken Strömung den Halt.

Bessie und Glen Hydes Verschwinden ist inzwischen nicht mehr Teil einer offiziellen Ermittlung. Rafting-Touren über den Colorado River gibt es nach wie vor. Und wer schneller vorankommen will, bucht eine Tour auf einem motorisierten Boot. Der Colorado ist aufgrund einiger zivilisatorischer Eingriffe (Bau des Hoover Dam und Glen Canyon Dam) nicht mehr in Gänze der wilde Fluss, der er noch zu Lebzeiten von Glen und Bessie Hyde war (auf Teilstücken aber nach wie vor). Doch die beeindruckende Landschaft des Grand Canyon hat sich ihren unvergleichlichen Charakter auch heute noch erhalten.

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Bücher

 

Brad Dimock: „Sunk Without a Sound: The Tragic Colorado River Honeymoon of Glen and Bessie Hyde“.

Lisa Michaels: “Grand Ambition”

Auch die Autorin Lisa Michaels hat die Geschichte von Bessie und Glen Hyde recherchiert. Doch im Gegensatz zu Dimock hat sie den Stoff nicht als Sachbuch niedergeschrieben, sondern als fiktionalen Roman.

Überblick zum Fall Bessie und Glen Hyde

  1. Bessie und Glen Hyde: Die verhängnisvolle Rekordfahrt im Grand Canyon

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