Dorothea Blankenfeld: Die verhängnisvolle Reise der Gold-Braut

Der 26. November 1809 fiel auf einen Sonntag. Dennoch wartete auf den Postmeister von Meitingen an diesem Feiertag noch Arbeit. Gegen 16 Uhr fuhren zwei Postkutscher vor. Die Männer in französischer Armeekleidung konnten passende Ausweispapiere vorzeigen, die auf die Namen Antoine und Schulz ausgestellt waren.

Mit ihnen reiste eine junge Zivilistin, die sich als Dorothea Blankenfeld vorstellte. Die Reisegesellschaft bat um ein Quartier für die Nacht. Kurze Zeit später traf noch der 14-jährige Pferdejunge des Gespanns ein.

Postmeister Lahmer stellte den Personen zwei Zimmer im ersten Stockwerk seines Hauses zur Verfügung. In einem Raum nächtigte Dorothea Blankenfeld, im anderen die Armeeangehörigen.

Inhaltsverzeichnis

Geschrei am Morgen

Zwischen drei und vier Uhr in der Früh schreckten Posthalter Lahmer und sein Postknecht Lemmermeier aus dem Schlaf hoch. Sie hatten Schreie im Haus vernommen. Für sie klang es so, als habe ein Kind geschrien. Doch sobald sie aufgestanden waren, verstummten die Rufe. Sie legten sich schließlich wieder schlafen.

Kurz darauf kam jedoch der Pferdejunge die Treppe heruntergelaufen. Er hielt sich das Gesicht und weinte. Lemmermeier erzählte er, einer der Postkutscher habe ihn geschlagen.

Um 6 Uhr erschien der Postillion Antoine in der Stube der Postknechte. Er bat sie, die oberen Räume zu beheizen. Es sei sehr kalt. An seiner Hand bemerkten die Knechte Blut. Sie dachten, es rühre daher, dass er den Jungen geschlagen habe.

Der gleiche Postillion hatte am Vortag noch getönt, man wolle bereits um 5 Uhr in der Früh wieder abreisen. Nun zeigte die Uhr aber schon 9 Uhr an, als sich der Tross endlich in Bewegung setzte.

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Von Hugo Kauffmann zugeschrieben – Gastwirt und Postillionhttp://www.zeller.de/, Gemeinfrei, Link

Beobachtungen am Fenster

Posthalter Lahmer beobachtete vom Fenster aus, wie die Gäste die Kutsche beluden. Dabei fiel ihm auf, dass sich einer der Postkutscher, der Junge und die Dame mit einem großen, schweren Bündel abmühten, welches sie ins Fuhrwerk hievten.

Seltsam. Solch einen Gegenstand hatten sie gestern gar nicht ins Haus gebracht. Und wieso musste ausgerechnet die Frau mit anpacken? Wo war der zweite Postillion abgeblieben?

Die Kutsche fuhr schließlich ab. Der Posthalter eilte zusammen mit den Knechten zu den Quartieren der Gäste. Keine Spur von dem vermissten Postkutscher. Stattdessen fanden sie in dem Zimmer, in dem die junge Dorothea Blankenfeld geschlafen hatte, jede Menge Blutflecken vor. Neben ihrem Bett auf dem Fußboden. An der Wand. Und auch am Bettzeug selbst.

Postmeister Lahmer nahm nun an, dass sein Haus in dieser Nacht Schauplatz eines Verbrechens gewesen war. Er eilte zum Patrimonialgericht des Grundherrn von Meitingen und zeigte die mutmaßliche Tat an. Sofort sandte man berittene Gerichtsdiener aus, um die Verdächtigen festzunehmen.

Endstation Augsburg

Die Polizeikräfte konnten die Flüchtigen jedoch erst am Gögginger Tor in Augsburg stellen, etwa 25 Kilometer entfernt von Meitingen. Das Bündel lag immer noch in der Kutsche. Die Beamten öffneten es und fanden den blutverschmierten Leichnam einer jungen Frau.

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Von unbekannt – Augsburger Allgemeine, Bild-PD-alt, Link
Das Gögginger Tor vor dem Abriss

Die Polizisten konfrontierten die drei Wageninsassen mit dem Fund. Während der Mann und die Frau zunächst schwiegen oder Ausflüchte zum Besten gaben, redete der Pferdejunge wie ein Wasserfall.

Bei der Toten handele es sich um Dorothea Blankenfeld, die mit ihnen von Dresden nach Meitingen gereist sei. Der Mann in der Postillions-Uniform sei sein Schwager Joseph Antonini, die Frau seine Schwester Maria Therese Antonini. Er selbst heiße Carl Marschall.

Verdorbenes Früchtchen

Der Junge behauptete, die Frau gemeinsam mit seinem Schwager getötet zu haben. Doch das Ehepaar leugnete jegliche Tatbeteiligung. Carl Marschall habe die bedauernswerte Dorothea Blankenfeld ohne ihr Mitwissen ermordet. Therese Antonini habe lediglich ihren Bruder vor Strafverfolgung schützen wollen und deshalb habe man geholfen, die Tat zu vertuschen.

Der Junge sei ohnehin ein ausgesprochen verdorbenes Früchtchen. Er habe schon seinen Vater ermordet und seine Schwester erstechen wollen. Sie hätten ihm nochmals eine Chance geben wollen und für die Reise als Pferdejunge angestellt. Doch sie hätten vergeblich auf Besserung gehofft, wie die Leiche in der Kutsche eindeutig beweise.

Die Leichenschau

Die Behörden führten eine Leichenschau durch. Die Obduktion zeigte, dass der Täter mit einem stumpfen Gegenstand zugeschlagen hatte. Insgesamt zählte der Arzt neun Kopfwunden.

Die Hirnschale wies einen großen Sprung auf. Der Riss erstreckte sich vom oberen Stirnbein über die linke Schädelseite im Halbkreis bis zum Schläfenbein. Vereinfacht ausgedrückt: Die Bruchkante verlief über die gesamte linke Stirn bzw. Schläfe. Außerdem war es zu zahlreichen Hirnblutungen gekommen.

Im Autopsiebericht hieß es zur Todesursache: „Die vielen beträchtlichen Wunden, und vorzüglich die große Menge von extravasirtem Geblüte, welches auf dem Gehirn gefunden worden und durch seinen Druck alle Lebensthätigkeit aufgehoben; die äussere Verblutung und die Blutanhäufung in den edlen innern Theilen; endlich die gewaltsame Erschütterung des Gehirns, hätten den unvermeidlichen Tod herbeiführen müssen.“

Aber: „Jedoch glaube er geradezu behaupten zu dürfen, daß die grausam Gemarterte nicht sogleich an den Wunden gestorben, sondern ihr Tod durch eine fortgesetzte gewaltsame Behandlung unter diesen Umständen noch beschleunigt worden sey.“

Zudem stellte der Arzt noch fest, dass das rechte Schlüsselbein gebrochen war. Die Hände des Opfers wiesen Hautabschürfungen auf und waren angeschwollen.

Geständnisse

Die Beamten konnten nicht so recht glauben, dass der 14-jährige Junge die Tat alleine begangen hatte. Aber das Ehepaar Antonini leugnete zunächst hartnäckig jede Mitschuld. Erst nach 19 Verhören gab zumindest Therese Antonini den Widerstand auf und bestätigte im Wesentlichen die Schilderungen ihres Bruders.

Ihr Ehemann äußerte sich zwar irgendwann auch zu dem Tatablauf. Bis zum Schluss legte er jedoch kein umfassendes Geständnis ab. Stattdessen tischte er den Beamten immer wieder neue Erzählungen darüber auf, was in der Mordnacht geschehen war und wie es überhaupt zu der Tat gekommen war.

Postillion aus Messina

Der 30-jährige Joseph Antonini war in Messina auf Sizilien zur Welt gekommen. Sein Vater war Tuchmacher, er selbst lernte Perückenmacher. Im Alter von elf oder zwölf Jahren, so Antonini, sei er angeblich auf einer Seereise nach Neapel von algerischen Piraten entführt worden.

Die Freibeuter hätten ihn auf einem Sklavenmarkt verkaufen wollen. Doch vor der ägyptischen Küste sei der Piratenkahn von einem französischen Kriegsschiff geentert worden. So habe er die Freiheit wiedererlangt und sei über Griechenland in die Heimat zurückgekehrt.

Danach habe er als Trommelschläger bei einem korsischen Bataillon der französischen Armee gedient, in der Folge als Lohndiener, Marketender und schließlich als Postillion Arbeit gefunden. Ob das der Wahrheit entsprach? Die Polizei konnte nicht alle Angaben überprüfen. Antoninis Lebenslauf wies aus polizeilicher Sicht viele Lücken auf.

Aktenkundig

Aber eine Sache war aktenkundig: Joseph Antonini war mindestens zweimal mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Das erste Mal stand er unter Verdacht, einen Diebstahl begangen zu haben. Die Berliner Behörden ließen ihn schließlich nach Mainz überführen.

Der zweite Vorfall lag nur unlängst zurück. Im Oktober 1809 hatte die Berliner Polizei ihn und seine Frau im Verdacht, sich im Besitz gestohlener Gegenstände zu befinden. Die Antoninis konnten zumindest nicht nachweisen, dass sie die rechtmäßigen Eigentümer dieser Dinge waren. Die Beamten verhafteten daraufhin das Ehepaar, setzten es nach acht Tagen aber wieder auf freien Fuß.

Bei dieser Gelegenheit erzählte Joseph Antonini seinem Zellengenossen von einem Diebstahl, bei dem er 300 Louisdors und mehrere Brillantringe erbeutet habe. Außerdem sei er einmal erfolgreich aus dem Gefängnis in Erfurt geflohen.

Ein wildes Geschöpf

Die 26-jährige Therese Antonini und ihr 14-jähriger Bruder Carl Marschall stammten aus Berlin. Ihr Vater Johann Christian Marschall war dort Fabrikarbeiter als tätig. Der Mann war zwar bettelarm, aber immerhin noch lebendig – und nicht vom eigenen Sohn abgemurkst, wie Therese Antonini in der ersten Vernehmung behauptet hatte.

Die Polizei vernahm die Eltern, Lehrer und Bekannte der Familie Marschall. Diese bezeichneten den Jungen übereinstimmend als „gutmütig“ und „äußerst folgsam“. Therese hingegen sei seit ihrer Kindheit ein „wildes, halsstarriges, bösartiges und liederliches Geschöpf“ gewesen.

Ihren Ehemann traf sie in Berlin, als er dort als Postillion für die französische Armee arbeitete. Die beiden heirateten 1806 in Kostrzyn nad Odrą (deutsch: Küstrin) nahe der heutigen deutsch-polnischen Grenze. Wovon hatte das Paar zwischen 1806 und 1809 gelebt? Hatten sie in dieser Phase weitere Straftaten begangen? Die Polizei konnte diese Fragen nicht klären. Lediglich die bereits beschriebene Verhaftung im Oktober 1809 war den Behörden bekannt.

Nach der Haftentlassung wollte das Ehepaar in die Heimatstadt des Mannes nach Messina reisen. Joseph Antonini überredete seinen Schwager, sie auf der Reise zu begleiten. Er würde ihm unterwegs auch ein eigenes Pferd besorgen. Carls Eltern waren dagegen. Doch der sonst so „äußerst folgsame“ Junge widersetzte sich dieses eine Mal dem Willen der Eltern und schloss sich seiner Schwester an.

Falsche Papiere

Das Opfer Dorothea Blankenfeld stammte aus Friedland in Ostpreußen (heute Prawdinsk). Die russische Stadt liegt rund 50 Kilometer südöstlich von Kaliningrad (Königsberg). Die 24-jährige Frau aus bürgerlichem Hause hatte sich mit einem französischen commissaire ordonnateur – einer Art Schatzmeister im Dienste des französischen Staates – verlobt, der nun nach Wien versetzt worden war. Im November 1809 brach sie von Danzig auf, um ihm dorthin zu folgen. Das Paar wollte in der österreichischen Hauptstadt heiraten.

In Dresden legte sie einen mehrtägigen Zwischenstopp ein. Der Sekretär des dortigen französischen Statthalters war über die Heiratspläne informiert und besorgte der jungen Frau im Hôtel de Bavière in der Schlossgasse 337 (spätere Schlossstraße) eine Unterkunft. Dorothea Blankenfeld bat den Beamten darüber hinaus, ihr eine Mitreisegelegenheit nach Wien zu organisieren.

Kurz zuvor hatten sich zwei vorgebliche französische Armee-Postillione an ihn gewandt und um Reisepässe auf die Namen Antoine und Schulz gebeten. Sie waren in Richtung Italien unterwegs. Der Sekretär empfahl Blankenfeld deshalb die Mitfahrt. So sei sie bestens geschützt. Außerdem könne er ihren Namen in die Reisedokumente aufnehmen, sodass sie problemlos durch alle Kontrollen komme. Sie willigte sofort ein.

Doch wie waren die Antoninis an diese Papiere gelangt? Offensichtlich hatte sich Carl Marschall bei Antragstellung als vermeintlicher zweiter Postillion neben Joseph Antonini ausgegeben. Während der Reise hatte dann seine Schwester die Uniform angezogen und ihr Bruder war in die Rolle des Pferdejungen geschlüpft.

Die Antoninis waren schon bei Reiseantritt nahezu abgebrannt. Obwohl sie bis Messina wollten, hatten sie gerade mal ein paar Taler in der Tasche. Nun trafen sie auf Dorothea Blankenfeld, die unverkennbar aus wohlhabendem Hause stammte, wie ihre teure Garderobe nahelegte.

Das Goldkorsett

Was die Gauner zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen konnten: Das wertvollste Stück ihrer Ausstattung trug sie als Unterwäsche. Denn in ihrem Korsett waren 2.000 Preußische Reichstaler in Gold eingenäht. Das war die für damalige Verhältnisse eine durchaus üppige Mitgift für ihre Hochzeit.

Auch ohne Kenntnis dieses Details reifte zu diesem Zeitpunkt bereits der Entschluss, die Reisebegleiterin zu töten und zu berauben. Für die mittellosen Antoninis war die kostbare Garderobe Grund genug, um zu morden. Kurz hinter Dresden weihte das Ehepaar Carl Marschall in den Plan ein.

Gasthaus in der Talschlucht

Im oberfränkischen Hof an der Saale unterbreitete Joseph Antonini den Vorschlag, Dorothea Blankenfeld im Schlaf durch Rauch zu ersticken. Seine Frau war skeptisch, ob es sich dabei im buchstäblichen Sinne des Wortes um eine todsichere Tötungsart handelte. Sie verschoben den Mordversuch.

Die Unterkunft in Berneck (heute: Bad Berneck im Fichtelgebirge) schien dann aus Sicht der Verbrecher besonders geeignet für einen Mord. Der Ort lag eingangs einer Talschlucht, das Gasthaus weit abseits der übrigen Gebäude. Man hätte die junge Frau töten und die Leiche noch im Schutze der Dunkelheit in den bewaldeten Hängen am Stadtrand verscharren können.

Doch bei der Ankunft in Berneck trug Therese Antonini nicht ihre Postkutscher-Verkleidung, sondern ein Kleid. Wie sollten sie möglichen Zeugen erklären, dass zwei Frauen aus der Kutsche ausstiegen, aber am nächsten Morgen nur eine wieder einstieg? Sie ließen die scheinbar günstige Gelegenheit ungenutzt verstreichen.

Viel Rauch um nichts

Am nächsten Abend übernachtete die Gesellschaft in Bayreuth. Joseph Antonini schlug erneut vor, Dorothea Blankenfeld mittels Rauchvergiftung zu töten. Er wollte Löcher in den Ofen bohren und nasses Stroh aufs Feuer legen. Doch seine Frau war nach wie vor nicht von der Methode überzeugt.

Wenn das Opfer nun durch den Rauch aufwachen würde? Sie würde vermutlich die Fenster öffnen und den Anschlag unbeschadet überstehen. Aber dann würde der Gastwirt zweifelsohne den Ofen untersuchen und bemerken, dass er manipuliert worden war. Der Verdacht würde doch automatisch auf sie fallen.

Die Antoninis änderten den Plan. Sie wollten Dorothea Blankenfeld jetzt erschlagen. Das Paar schickte Carl Marschall los, einen geeigneten Knüppel zu besorgen. Außerdem sollte er Wasser beischaffen, damit man das Blut aufwischen könne. Doch auch in dieser Nacht kam es nicht zur Tatausführung. „Wegen äußerer Hindernisse“, wie Carl Marschall in seinem Geständnis erklärte.

Glühwein mit Opium

Den Antoninis dämmerte, dass der Mord nicht so einfach zu bewerkstelligen war, wie von ihnen ursprünglich angenommen. Sie wollten zunächst einmal herausfinden, ob sich der Aufwand überhaupt lohnen würde. Dazu mussten sie das Gepäck ihres Opfers durchsuchen. Die Gelegenheit dazu bot sich in Leupoldstein (heute Teil der Gemeinde Betzenstein).

Sie mischten Dorothea Blankenfeld abends etwas Opium in den Glühwein. Als sie eingeschlafen war, schlichen sich die Antoninis ins Zimmer. Den Schlüssel zu ihrem Koffer hatte die Frau unter ihrem Kopfkissen versteckt. Zwar fanden sich kein Geld (und auch nicht das Goldkorsett). Aber Schmuck, feine Wäsche, schöne Männer- und Frauenkleidung. „Allerdings verlohnt es sich der Mühe, sie umzubringen“, urteilte Joseph Antonini hernach laut seinem Schwager.

Glassplitter in der Suppe

Nächste Station der Reise war Nürnberg. Einerseits schien die Stadt den Verschwörern besonders geeignet, um das geplante Verbrechen in die Tat umzusetzen. Gleich mehrere Flüsse boten sich an, in denen man die Leiche versenken könnte. Doch gegenüber dem Gasthaus hatte ein Militärposten Stellung bezogen – zu gefährlich.

Carl Marschall schlug vor, dem Opfer Glassplitter unter die Suppe zu rühren. Doch dieses Mal äußerte Joseph Antonini Zweifel. Denn er habe mehrfach „aus Kurzweil“ Gläser zerbissen und die Scherben verschluckt. Und ihm sei nie etwas passiert. Der Typ war in mehr als nur einer Hinsicht wunderlich.

Zum Totschlagen gut

Am folgenden Tag hielt die Gruppe in Roth, rund 20 km südlich von Nürnberg. Therese Antonini entdeckte auf dem Speicher des Gasthofs eine Hacke mit drei spitzen Zähnen aus Eisen. „Die ist zum Totschlagen gut“, äußerte sie gegenüber ihrem Mann und Bruder.

Carl Marschall sollte die Tat ausführen. Dazu versteckte er das Werkzeug hinter dem Ofen in der Schlafstube. Seine Schwester erklärte ihm, er solle mit dem breiten Ende der Harke zuschlagen. Das Paar verabreichte Dorothea Blankenfeld wieder einen Schlaftrunk. Außerdem baldowerte man die Umgebung nach einem Ort aus, an dem man die Leiche verschwinden lassen konnte.

Doch an diesem Abend stiegen außergewöhnlich viele Fuhrleute in dem Gasthof ab. Die Antoninis brachen die Vorbereitungen ab. Zu viele potenzielle Zeugen. Die folgenden beiden Nächte in Weißenburg und Donauwörth verliefen ähnlich.

Unter Zeitdruck

Dadurch gerieten die Verschwörer unter Zeitdruck. Denn in Augsburg wollte sich Dorothea Blankenfeld von ihrer Reisegruppe trennen. Letzte Station vor Augsburg war Meitingen.

Auf der Fahrt in die Stadt wollte Joseph Antonini die junge Frau aushorchen. Hielt sie vielleicht noch weitere Schätze verborgen, von denen sie bisher nichts wussten? Er erzählte ihr dazu Gräuelgeschichten über die Tiroler, die seit vier Jahren zum Königtum Bayern gehörten und 1809 einen Volksaufstand angezettelt hatten.

Freischärler aus Tirol hätten sich bis nach Schwaben und Bayern durchschlagen, so Antonini. Dort würden sie nun die Gegend unsicher machen und brave Bürger ausrauben und hinmetzeln. Das sei höchst gefährliches Terrain, das sie in den nächsten Tagen durchqueren wolle.

Dem Ganoven gelang es tatsächlich, die junge Frau zu verängstigen. Sie verriet ihm, dass sie eine große Menge Bargeld in ihrem Korsett versteckt hatte. Und dass sie dieses Korsett bereitwillig herschenken würde im Tausch gegen ihr Leben. Damit war ihr Schicksal quasi besiegelt. Die Gier der Antoninis war jetzt so groß, dass sie in dieser Nacht so ziemlich jedes Risiko eingegangen wären, um an die Beute zu gelangen.

Die Mangrolle

Carl Marschall suchte im Posthaus von Meitingen nach einem geeigneten Mordwerkzeug. Er stieß auf eine zwei Kilogramm schwere Mangrolle. Das Holzwerkzeug war eigentlich zum Glätten von Leinenstoffen gedacht. Es ähnelte vom Aussehen einem heute noch gebräuchlichen Nudelholz, verfügte jedoch nur an einer Seite über einen Griff.

Das Ehepaar hatte sich bewusst dafür entschieden, Carl Marschall frühzeitig in die Mordplanung einzubeziehen und ihn nach Möglichkeit zum Alleintäter zu machen. Sie spekulierten darauf, dass die Behörden einen 14-jährigen Jungen nicht zum Tode verurteilen würden. Außerdem könnten sie alle Schuld auf ihn schieben, wenn die Sache auffliegen würde – so die Überlegung.

Joseph Antonini organisierte derweil Kerzen und Branntwein. Mit dem Alkohol wollte er Dorothea Blankenfeld nach dem Abendessen betrunken machen. Um auf Nummer sicher zu gehen, mischte er wieder etwas Opium bei. Um 20.00 Uhr legte sich die so abgefüllte Frau bereits schlafen. Die Antoninis gaben vor, noch ein Fußbad nehmen zu wollen, und schafften so warmes Wasser auf ihr Zimmer.

Flüssiges Zinn

Gegen Mitternacht schlich sich Carl Marschall durch die Verbindungstür in das Zimmer der Dorothea Blankenfeld. Diese lag mit dem Gesicht nach unten im Bett, den Kopf in Richtung Wand gedreht. Die Schlafposition kam dem jugendlichen Haudrauf nun gar nicht zupass. Er kehrte zurück. Die Antoninis diskutierten mal wieder alternative Tötungsmethoden.

Joseph Antonini hatte den spontanen Einfall, dem unglückseligen Opfer in spe flüssiges Zinn ins Ohr zu träufeln. Carl Marschall hingegen hielt es für effektiver, das Zinn in die Augen zu kippen. Sie zerkleinerten tatsächlich einen Zinnlöffel und schmolzen ihn über einer Kerzenflamme. Ein Tropfen fiel zu Boden und härtete sofort aus. Das Zinn erkaltete zu schnell, so dass Resümee der Mörderbrut. Sie wechselten wieder zu Plan A über.

Um 4 Uhr früh huschte Carl Marschall erneut ins Nebengemach. Dieses Mal schlief Dorothea Blankenfeld auf dem Rücken. Joseph Antonini forderte seinen Schwager auf, zuzuschlagen. Jetzt oder nie.

Zitternde Hände

Der Junge holte mit dem schweren Holzstück aus. Der Arm begann zu zittern und er senkte ihn wieder. Der Schwager flüsterte einen Schwall von Schimpfwörtern. Er packte seinen Schwager bei den Händen, hievte sie in die Höhe und schlug der Schlafenden auf die Stirn.

Dorothea Blankenfeld schreckte hoch und schrie. Joseph Antonini warf sich auf sie und drückte ihre Brust nach unten. Therese Antonimi stürmte ins Zimmer und hielt die Füße der Unglücklichen fest.

Dorothea Blankenfeld wimmerte vor Schmerzen und flehte um ihr Leben. Carl Marschall ließ die Keule zu Boden fallen und wollte fliehen. Seine Schwester setzte ihm nach, bekam ihn zu fassen und schob ihn zurück ans Bett. Sie drückte ihm den Holzprügel in die Hand. Der Junge schlug ein zweites Mal zu, ließ die Mangrolle aber sogleich wieder fallen.

Schlag um Schlag

Joseph Antonini war so überrascht, dass er den Griff um Dorothea Blankenfeld lockerte. Sie sprang aus dem Bett, stieß einen schrillen Schrei aus und stürmte auf die Tür zu. Doch ihr Häscher war schneller. Joseph Antonini verpasste ihr wütend Schlag um Schlag auf den Schädel, bis sie zu Boden fiel. Und immer noch hieb er auf sie ein.

Dorothea Blankenfeld röchelte nur noch. Joseph Antonini riss ihr das Nachthemd und das Korsett vom Leib. Dann wollte er die Sterbende schultern und zum Misthaufen hinunter schaffen, um sie dort zu verscharren. Aber sie war ihm zu schwer. Er schleppte sie zurück in die Stube.

Das Opfer lebte immer noch. Joseph Antonini sprang so lange auf ihrem Rumpf herum, bis sie verstummte. Anschließend schnürte er einen Strick um ihren Hals und zog zu. Therese Antonini steckte den Leichnam in einen Sack und umwickelte diesen mit einer Bettdecke, die sie verschnürte. Sie wischte notdürftig das Blut auf, ohne alle Flecken beseitigen zu können.

Vergebliche Winkelzüge

Schließlich zog sie sich das Kleid der Ermordeten an, das diese am Vortag getragen hatte. Aber wie eingangs beschrieben: Diese Maskerade verpuffte wirkungslos. Die Zeugen fielen nicht darauf rein. Die Mörder wurden nur wenige Stunden nach der Tat gefasst.

Das königliche Appellationsgericht zu Neuburg verurteilte Maria Therese und Joseph Antonini zum Tode durch das Schwert. Das Urteil wurde in zweiter Instanz bestätigt. Laut „Münchener Politische Zeitung“ vom 6.6. 1811 starb Joseph Antonini jedoch wenige Tage vor Urteilsvollstreckung an „Vereiterung der Lunge“ im Gefängnis. Therese Antonini richtete man am 1. Juni 1811 hin. Carl Marschall blieb aufgrund seines jugendlichen Alters tatsächlich von der Todesstrafe verschont. Das Gericht verurteilte ihn stattdessen zu einer zehnjährigen Strafe im Arbeitshaus.

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Bücher

 

  • Anselm Ritter von Feuerbach: Aktenmäßige Darstellung merkwürdiger Verbrechen.
  • Dr. J.C. Hitzig & Dr. W. Häring/W. Alexis (Hrsg.): Der neue Pitaval.

Überblick zum Fall Dorothea Blankenfeld

  • Die verhängnisvolle Reise der Gold-Braut

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