Zwischen 1985 und 1990 fallen in Philadelphia vermutlich neun Frauen einem bis heute nicht gefassten Serienmörder zum Opfer. Alle Spuren laufen in einer Bar namens „Goldie’s“ im Stadtteil Frankford zusammen.

Inhaltsverzeichnis
Helen Patent
Die Leiche lag zwischen den Reihen von fein säuberlich gestapelten Eisenbahnschwellen auf dem SEPTA Güterbahnhof in Philadelphia. Der Leichnam war mit Stichwunden übersät. Das Opfer war von der Taille abwärts nackt. Der Mörder hatte die Frau bewusst so zurückgelassen, dass alle äußeren Anzeichen direkt an ein Sexualdelikt denken ließen. Die Beine waren weit gespreizt, die Bluse über die entblößten Brüste hochgeschoben.
Bahnarbeiter fanden die tote Frau am Morgen des 26. August 1985 gegen 8.30 Uhr. Die Gegend an der Kreuzung von Penn Street und Bridge Street im nordöstlichen Teil der Stadt gehörte zu dem Stadtviertel Frankford. Zunächst gab es keinerlei Hinweise, um wen es sich bei der Toten handelte.
Geradeaus befand sich damals das Bahndepot
Identifizierung der Leiche
Erst am darauffolgenden Tag konnten die Ermittler das Opfer identifizieren. Die Frau hieß Helen Patent, war 52 Jahre alt und lebte in Parkland im Bucks County. Die Kleinstadt lag an der Peripherie von Philadelphia.
Die Obduktion ergab, dass der Täter Helen Patent vergewaltigt hatte und anschließend mit 47 Stichen vornehmlich in Brust und Kopf verletzt hatte. Der rechte Arm und der Bauch waren zudem regelrecht aufgeschlitzt worden. Die inneren Organe lagen teilweise frei. Gleich mehrere der Stichwunden waren tödlich gewesen.
Getrennte Wege
Die Beamten versuchten herauszubekommen, wo sich Patent in den letzten Stunden vor ihrem Tod aufgehalten hatte. Sie sprachen mit ihrem Ex-Mann Kermit Patent. Die beiden waren zwar bereits geraume Zeit geschieden, lebten aber noch im selben Haus in Parkland. Kermit Patent behauptete, er habe seine Ex-Frau zuletzt am 19. August gesehen. Er habe keine Ahnung, wo sie sich in den Tagen bis zu ihrem Tod am 26. August aufgehalten habe. Sie habe ihm schlichtweg nicht erzählt, was sie vorhabe. Das sei aber nicht ungewöhnlich gewesen, weil sie getrennte Wege gegangen seien.
Die Polizei ging bei ihren Ermittlungen davon aus, dass Helen Patent einer Vergewaltigung zum Opfer fiel. Der Täter hatte sie umgebracht, weil er keine Zeugin für sein Verbrechen zurücklassen wollte. Dies deutete darauf hin, dass Patent ihren Mörder entweder kannte oder zumindest eingehend hätte beschreiben können. Ein anderes Motiv gab die Spurenlage aus Sicht der Polizei nicht her.
Frankford Avenue
Zeugenaussagen zufolge war Helen Patent häufig in den umliegenden Kneipen und Bars anzutreffen gewesen. Möglicherweise war sie dort auch ihrem Mörder begegnet. Erst sehr viel später wurde bekannt, dass sich Patent eventuell auch als Gelegenheitsprostituierte verdingt hatte. Dies hätte erklärt, warum sie dem Täter an diesen entlegenen Schauplatz gefolgt war.
Wie sich noch herausstellen sollte, fanden sich auch bei den übrigen Opfern der Mordserie Hinweise, dass sie Trinkerinnen waren und/oder sich von Zeit zu Zeit prostituierten. Für die Ermittler blieb nämlich lange Zeit offen, ob man es tatsächlich mit einer Mordserie zu tun hatte. Denn in äußerlichen Dingen unterschieden sich die Mordopfer sehr stark. Das verbindende Element zwischen den Frauen war ihr Lebensstil und ihr bevorzugter Aufenthaltsort – die Kneipen rund um die Frankford Avenue.
Anna Carroll
Am 3. Januar 1986 fand man das nächste Opfer, das man der Mordserie zurechnet. Anna Carroll (68) lebte im 1400-er Block der Ritner Street. Sie wurde auf dem Boden des Schlafzimmers gefunden. Sie war von der Taille abwärts nackt. Die Tür zu ihrer Wohnung stand an diesem kalten Wintertag offen.
Im Unterschied zu Patent hatte der Mörder nur sechs Mal zugestochen. Die Stiche befanden sich vornehmlich im Rücken. Zudem erstreckte sich eine klaffende Wunde vom Brustbein bis zur Leiste. Es hatte fast den Anschein, als hätte der Täter Opfer wie ein Tier ausnehmen wollen. Ein Küchenmesser steckt nach wie vor im Torso der Leiche.
Der Tatort lag etwa 15 Kilometer vom Fundort Helen Patent entfernt im südlichen Teil von Philadelphia. Dennoch gab es aus Sicht der Ermittler einige Parallelen zwischen beiden Fällen. Zum einen lagen lediglich vier Monate zwischen den Taten. Zum anderen wiesen die Leichen ähnliche Tatspuren auf.
Es existierte noch ein weiteres Bindeglied. Anna Carroll war häufig in den Kneipen rund um die Frankford Avenue unterwegs gewesen. Unter anderem hatte sie wie Helen Patent die „Golden Bar“ – von den Einheimischen meist nur „Goldie’s“ genannt – besucht. Das „Goldie’s“ lag nahe einer Haltestelle der Hochbahn.
Susan Olszef
Zwischen dem zweiten und dritten Mord verstrich eine wesentlich längere Zeitspanne. Am Morgen des 25. Dezember 1986 fand man die Leiche der 64-jährigen Susan Olszef in ihrer Wohnung in der Richmond Street. Nachbarn hatten sich über die offen stehende Wohnungstür gewundert. Sie war wie Anna Carroll durch sechs Messerstiche in den Rücken gestorben.
Obwohl die Richmond Street rund zehn Kilometer vom ersten Tatort in Frankford entfernt lag, gab es auch in diesem Fall eine Verbindung dorthin. Susan Olszef hatte wie Patent und Carroll regelmäßig im „Goldie’s“ verkehrt.
Jeanne Durkin
Nur wenige Tage später kehrte der Mörder nach Frankford zurück. Am 8. Januar 1987 fand eine Restaurantangestellte, die Leiche der 28-jährigen Jeanne Durkin. Die Tote lag unter einem Lkw, der vor dem Grundstück des Restaurants geparkt war. Von Durkin war bekannt, dass sie in den Wochen vor dem Mord ihr Quartier in einer stillgelegten Bäckerei aufgeschlagen hatte, die nur zwei Häuser entfernt vom „Goldie’s“ stand. Der Leichnam lag wiederum direkt um die Ecke in der Pratt Street.
Ihre Leiche war mit 74 Messerstichen geradezu übersät. Die Wunden verteilten sich über den gesamten Körper. Der Mörder hatte die Frau in die Brust, das Gesäß und den Rücken gestochen. Jeanne Durkin lag in einer Blutlache, war von der Hüfte abwärts nackt und ihre Beine waren weit gespreizt. Das Blut war bis an einen Zaun und die Seite des Lastwagens gespritzt. Die Autopsie bewies, dass der Täter die Frau vergewaltigt hatte.
Frankford Slasher: Jagd nach einem Phantom
Angesichts der letzten beiden Morde war das Medienecho groß. Gab es einen Serienmörder, der sein Unwesen in Frankford trieb? Die Polizei geriet zunehmend unter öffentlichen Druck. Und das Phantom erhielt von den Medien einen griffigen Namen: „Frankford Slasher“, der Schlitzer von Frankford.
Andernorts hätte die Polizei die Spekulationen über einen Serienmörder vielleicht als Spinnereien einer sensationslüsternen Presse abgetan. Doch in Philadelphia hatte es in den Jahren zwischen 1985 und 1989 nachweislich zwei weitere Mordserien gegeben.
Gary Heidnik
Da war zum einen der Fall Gary Heidnik. Der ehemalige Army-Sanitäter, Kirchengründer und Börsenspekulant hatte über Monate hinweg in dem Kellerverlies seines Hauses in der North Marshall Street fünf junge Frauen angekettet, vergewaltigt und gefoltert. Zwei Frauen starben. Knochen- und Fleischreste von ihnen fand die Polizei in Heidniks Kühlschrank, Backofen und auf dem Herd vor. Heidnik flog erst auf, als einem seiner Opfer die Flucht gelang.

Harrison „Marty“ Graham
An einem drückend heißen Tag im August 1987 wurden die Ermittlungsbehörden schließlich auf Harrison „Marty“ Graham aufmerksam. Aus seiner Wohnung im Norden von Philadelphia drang ein infernalischer Gestank. Als die herbeigerufene Polizei das Apartment durchsuchte, entdeckten die Beamten die sich zersetzenden Leichen von sechs Frauen und die Reste einer siebten.
Graham behauptete zunächst, dass die toten Körper sich bereits in der Wohnung befunden hätten, als er dort eingezogen sei. Bei dieser unglaubwürdigen Geschichte blieb er aber nicht lange. Schließlich gestand er ein, dass er die Frauen vergewaltigt und anschließend erdrosselt habe. Im Prozess plädierte Graham auf Unzurechnungsfähigkeit. Das Gericht verurteilte ihn dennoch in allen sieben Fällen wegen Mordes.
Sonderkommission
Im Fall der ungeklärten Mordserie in Frankford gründete sich erstmals im Januar 1987 eine Sonderkommission. Die Ermittlungen konzentrierten sich dabei sehr stark auf die Frankford Avenue. Scheinbar traf der Mörder hier auf seine Opfer. Doch die Frankford Avenue zog wegen ihrer Vielzahl an Geschäften und Kneipen rund um die Uhr Publikum an. Ein Täter hatte in dieser anonymen Umgebung leichtes Spiel, unerkannt unterzutauchen. Die Suche nach konkreten Hinweisen gestaltete sich deshalb äußerst schwierig.
Frankford
Frankford war ursprünglich eine eigenständige Gemeinde und wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von deutschen Einwanderern gegründet. Erst 1854 ging der Ort in der schneller wachsenden Stadt Philadelphia auf. Schon seit dieser Zeit verband eine Landstraße die Städte Philadelphia und New York City, die mitten durch Frankford verlief. Zunächst nannte man die Straße den Frankford Pike. Später wurde daraus die Frankford Avenue.
1922 veränderte sich das Aussehen der Frankford Avenue nachhaltig durch den Bau der Hochbahn oder den „El“, wie ihn die Einheimischen als Abkürzung für „elevated train“ bezeichneten. Der El brachte Industrie und ein Stück Wohlstand nach Frankford. Gleichzeitig tauchten die hohen Bahngleise die Geschäfte in ewigen Schatten. Das Rumpeln der Züge und das Kreischen des Stahls wurde zum ständigen Soundtrack für die Anwohner.
Über Jahrzehnte hinweg gehörte die Frankford Avenue zu den wichtigsten Einkaufsstraßen von Philadelphia. Doch ab Mitte der 1970er war sie in einem Niedergang begriffen, von dem sich das Viertel bis heute nicht erholt hat. Viele alteingesessene Geschäfte gingen pleite. Stattdessen zogen Prostitution und Drogenhandel ein. Die Kriminalitätsrate schoss nach oben. Und Sylvester Stallone nutzte das heruntergekommene Viertel als Kulisse für seinen Film „Rocky“.
Goldie’s
Die Morduntersuchung konzentrierte sich naturgemäß zunächst auf das „Goldie’s“. Bedienungen hatten bestätigt, dass die Opfer sich mehrfach in dem Laden aufgehalten hatten. Die Polizisten suchten unter den männlichen Gästen nach Leuten, die die Frauen gekannt hatten und eventuell als Täter infrage kamen.
Susan Olszef war in der Bar nur in den drei Tagen vor ihrem Tod aufgefallen. Sie hatte sich mit mehreren anderen Gästen unterhalten. Anna Carroll war als Stammgast bekannt, war in der Regel aber für sich allein geblieben, hatte ihre Drinks selbst bezahlt und war mit niemandem zusammen beobachtet worden. Auch das letzte Opfer Jeanne Durkin war häufiger im „Goldie’s“ gewesen. Allerdings kam sie weniger der Drinks wegen, die sie sich kaum leisten konnte, sondern um sich aufzuwärmen.
Zoff um eine Decke
Die Polizei erfuhr im Zuge der Ermittlungen, dass Durkin einen Tag vor ihrer Ermordung in einen Streit verwickelt gewesen sei. Sie habe sich mit einer anderen Obdachlosen namens Michelle Martin um eine Decke gezofft. Die Polizei hatte jedoch keinerlei Anlass anzunehmen, dass Martin die Konkurrentin in der Nacht darauf mit einem Messer brutal abgeschlachtet hatte.
Jeanne Durkin hatte die letzten fünf Jahre häufiger in psychiatrischen Einrichtungen verbracht. Als sie entlassen wurde, landete die vierfache Mutter auf der Straße. Sie fand sich in dieser Welt zurecht, blieb unabhängig und hatte sich eine gewisse Toughness zugelegt, die für das Überleben unter solchen Umständen unabdingbar war. Wer sie kannte, hielt es für unmöglich, dass sie sich nicht heftigst gewehrt hätte, wenn ein Fremder sie angegriffen hätte. Demnach musste der Täter einen Weg gefunden haben, sein Opfer in Sicherheit zu wiegen.
Catherine M. Jones
Am 29. Januar 1987 geschah ein weiterer Mord, der die Polizei jedoch aufgrund der Tatumstände ratlos zurückließ. Hatte er etwas mit den Fällen des „Frankford Slasher“ zu tun? Bis heute herrscht über diesen Punkt keine Klarheit.
Das Opfer war in diesem Fall die 29-jährige Catherine M. Jones. Ihre Leiche wurde auf einem Gehweg im Viertel Northern Liberties gefunden. Der tote Körper war angesichts der Außentemperaturen hart gefroren und mit Schnee bedeckt. Jones hatte als Kellnerin auf der Frankford Avenue gearbeitet. Dies sprach für eine Verbindung zu der Mordserie.
Allerdings passten einige andere Dinge nicht zusammen. Der Mörder hatte Catherine Jones erschlagen und erdrosselt. Unter anderem waren ihr Kiefer und Schädel gebrochen. Es gab keinerlei Stichwunden und auch keinen Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch wie bei den übrigen Opfern.
Sonderkommission löst sich ergebnislos auf
Die Sonderkommission ermittelte etwa ein Jahr. In diesem Zeitraum kam es zu keinen weiteren Mordfällen. Vielleicht hatte der Mörder aufgrund des Fahndungsdruck kalte Füße bekommen und seine Verbrechen vorübergehend eingestellt. Eine konkrete Spur hatte sich in all dieser Zeit nicht ergeben, sodass die Task Force im Januar 1988 ergebnislos aufgelöst wurde. Am Ende hatten die Ermittler sogar Zweifel bekommen, ob sie es wirklich mit einer Mordserie zu tun hatten. Doch diese Skepsis sollte im Laufe des Jahres noch verfliegen. Denn da schlug der Frankford Slasher erneut zu.
Margaret Vaughan
Am 10. November 1988 fanden zwei Studenten die Leiche der 66-jährigen Margaret Vaughan im Foyer eines Wohnhauses im 4900-er Block in der Penn Street. Vaughan hatte in dem Haus gewohnt, war aber am Tag ihres Todes aus ihrer Wohnung geschmissen worden, weil sie ihre Miete nicht zahlen konnte. Der Täter hatte sie mit 29 Stichen getötet. Allerdings gab es keine Hinweise auf eine Vergewaltigung. Der Tatort befand sich nur drei Blocks entfernt von der Stelle, an der Jeanne Durkin ihrem Mörder zum Opfer fiel.
Die Polizisten klapperten erneut die Kneipen auf der Frankford Avenue ab. Eine Bedienung erinnerte sich tatsächlich an Margaret Vaughan. Sie erzählte, sie habe die Frau am Abend vor ihrem Tod in Begleitung eines weißen Mannes in der Bar gesehen. Der Mann habe ein rundliches Gesicht gehabt und eine Brille getragen. Außerdem habe er gehinkt. Die Beschreibung der Zeugin war so präzise, dass die Polizei ein Phantombild anfertigen konnte.

Theresa Sciortino
Am 19. Januar 1989 ereignete sich der sechste bzw. siebte Mord der Serie, je nachdem, ob man den Fall Catherine Jones mitzählte oder nicht. Dieses Mal war das Opfer wie Jones und Durkin wieder deutlich jünger. Die 30-jährige Theresa Sciortino wurde vom Hausmeister tot in ihrer Wohnung in der Arrott Street gefunden.
Als man ihre Leiche entdeckte, war die Frau lediglich mit einem Paar weißer Socken bekleidet. Sie lag in einer Blutlache auf dem Küchenboden mit dem Gesicht nach oben. Der Angreifer hatte ein scharfes Messer verwendet, das er ihr 25 Mal ins Gesicht, in die Brust und die Arme gerammt hatte. An mehreren Stellen hatte der Täter die Haut regelrecht zerfetzt und die inneren Organe freigelegt.
Zudem hatte der Mörder ein etwa ein Meter langes Holzstück benutzt, um sein Opfer sexuell zu missbrauchen. Dieses Holzstück hatte der Täter im Unterschied zum Messer am Tatort zurückgelassen und gegen die Spüle gelehnt. Außerdem fand die Polizei einen blutigen Schuhabdruck, der aller Wahrscheinlichkeit nach vom Mörder stammte.
Kampfgeräusche
Eine Nachbarin sagte aus, dass sie am Abend zuvor Geräusche eines Kampfes aus der Wohnung über ihr gehört habe. Außerdem habe es einen lauten, dumpfen Schlag gegeben, so als ob ein schwerer Gegenstand umgefallen sei. Die Spuren am Tatort deckten sich mit der Aussage der Zeugin. In der Wohnung musste es in mehreren Zimmern zu einem heftigen Kampf gekommen sein. Überall waren Blutspritzer zurückgeblieben.
Die Ermittlungen ergaben, dass sich Sciortino ähnlich wie Durkin phasenweise in psychiatrischen Einrichtungen aufgehalten hatte. Zum Zeitpunkt ihres Todes befand sie sich in ambulanter Behandlung. Sciortino war zudem wie die anderen Opfer häufig auf der Frankford Avenue unterwegs gewesen und dabei oftmals in Begleitung wechselnder Männerbekanntschaften beobachtet worden.
Letztmals lebend gesehen wurde Theresa Sciortino in der Kneipe „Jolly Post Tavern“ an der Ecke Arrott und Griscom Street unweit ihrer Wohnung. Zeugen erinnerten sich an einen weißen Mann mittleren Alters, mit dem sich Sciortino gegen 18.00 Uhr unterhielt. Um 19.00 Uhr hatte die Nachbarin die Schreie aus der Nachbarwohnung vernommen.
Erneut ließ die Polizei ein Phantombild anfertigen, das große Ähnlichkeit mit der ersten Zeichnung aufwies. Wieder gab man es zur Veröffentlichung frei. Die Resonanz war zwar groß. Aber der entscheidende Tipp war nicht darunter. Fürchtete der Täter dennoch eine Entdeckung? Denn immerhin sollte es mehr als ein Jahr dauern, bis der „Frankford Slasher“ wieder in Erscheinung trat.

Mord hinterm Fischmarkt
Am 29. April 1990 entdeckte ein Streifenpolizist gegen 2:00 Uhr den nackten Leichnam von Carol Dowd (46) hinter dem Fischladen „Newman Sea Food“. Das Geschäft befand sich 4511 Frankford Avenue, doch die Leiche wurde in der parallel dazu verlaufenden Hintergasse gefunden.
Der Kopf und das Gesicht waren blutig geschlagen. Der Leichnam wies 36 Stichwunden im Gesicht, Hals, Brust und Rücken auf. Darüber hinaus hatte der Mörder der Frau den Bauch aufgeschnitten, sodass die Gedärme aus der Wunde hervorquollen. Außerdem hatte der Täter dem Opfer die linke Brustwarze entfernt.
Carol Dowd hatte an ihren Händen Schnittwunden, wie sie typisch waren, wenn jemand versuchte, einen Messerangriff abzuwehren. Der Tatzeitpunkt konnte auf die Zeit zwischen Mitternacht und 1.40 Uhr eingegrenzt werden. Der Streifenbeamte war gegen 0.00 Uhr wegen eines Einbruchs in der Gegend gerufen worden und hatte dabei auch die Gasse überprüft.
Die Kleidung der Toten lag verstreut neben ihrem Leichnam. Ebenso ihre offene Handtasche. Der Inhalt war zum Teil auf dem Boden ausgeschüttet worden. Doch offensichtlich hatte der Täter nichts mitgenommen. Die Polizei schloss deshalb Raub als Tatmotiv aus.
Paranoide Schizophrenie
Carol Dowd wohnte nicht weit vom Tatort entfernt. Eine Zeugin meldete sich bei der Polizei, die die Tote nur wenige Stunden zuvor in Begleitung eines älteren weißen Mannes gesehen hatte. Dowds Bruder erzählte Reportern, dass seine Schwester bis zum Ende der 1960er Jahre ein unscheinbares Leben geführt hatte. Dann sei ihr gemeinsamer Bruder gestorben.
Danach habe Dowd plötzlich Stimmen gehört. Die Ärzte hätten bei ihr paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Sie sei zeitweise in einer geschlossenen Anstalt untergebracht gewesen. Nach ihrer Entlassung sei sie in ein Apartment gezogen, indem sie vergewaltigt worden sei. Zuletzt habe sie in einer Gemeinschaftswohnanlage gelebt, wo sie sich sehr glücklich gefühlt habe.
Die Polizei hatte sofort den gleichen Täter wie bei den sieben Morden zuvor in Verdacht. Die Ermittler spekulierten, dass der Mörder seinen Opfern gefolgt war, nachdem sie eine der Kneipen in der Gegend verlassen hatten.
Leonard Christopher
Bei ihrer Suche nach Zeugen befragten die Beamten auch die Angestellten des Fischgeschäfts. Dabei stießen sie auf einen jungen Afroamerikaner namens Leonard Christopher, der im Geschäft die Fische zerlegte. Als er erfuhr, dass in der Gasse ein Mord an einer Frau geschehen war, erzählte er den Polizisten, dass er eine Frau gekannt habe, die ebenfalls einem Mord zum Opfer gefallen sei. Ihr Name: Margaret Vaughan, eines der mutmaßlichen Opfer des „Frankford Slasher“. Christopher hatte nun die volle Aufmerksamkeit der Ermittler.
Leonard Christopher arbeitete nicht nur in der Frankford Avenue, sondern wohnte auch dort. Die Beamten fragten Christopher beiläufig nach seinem Alibi für die letzte Nacht. Er gab an, sich bei seiner Freundin aufgehalten zu haben. Doch als die Polizisten die Frau vernahmen, stritt diese die Aussage ab. Sie habe die Nacht alleine verbracht.
Zeugen belasten Christopher
Dieser offensichtliche Widerspruch löste weitere Ermittlungen gegen Christopher aus. Die Beamten konnten einen Zeugen auftreiben, der Christopher angeblich in der Tatnacht gemeinsam mit Dowd in einer Bar gesehen haben wollte. Eine Prostituierte meldete sich und bestätigte, dass auch sie den Verdächtigen mit der Toten vor der Bar gesehen habe. Eine weitere Prostituierte behauptete, sie habe Christopher in der Tatnacht aus der Gasse kommen sehen. Sie sagte aus, er habe geschwitzt und ein langes Messer an seinem Gürtel getragen.
Wenige Tage nach dem Mord an Carol Dowd besorgten sich die Polizisten einen Durchsuchungsbeschluss für Christophers Wohnung. Sie fanden blutverschmierte Kleidung vor. Christopher behauptete, er habe die Blutlachen in der Hintergasse entfernt und sich dabei mit dem Blut befleckt. Einige Kollegen von ihm bestätigten, dass er den Tatort gereinigt habe. Viele Bekannte von ihm bürgten zudem für seinen Charakter. Sie hielten es nicht für denkbar, dass Christopher zu solch einem Verbrechen überhaupt fähig sei.
Keine Ähnlichkeiten zu Phantombildern
Leonard Christopher ähnelte darüber hinaus nicht im geringsten den Zeugenbeschreibungen, die einen weißen Mann mittleren Alters in Begleitung anderer Opfer der Mordserie gesehen haben wollten. Dennoch verhaftete die Polizei den Mann am 5. Mai wegen Mordverdacht. Eine Freilassung auf Kaution wurde vom Haftrichter abgelehnt. Doch während Leonard Christopher in Untersuchungshaft saß, ereignete sich ein weiterer Mord, der alle Merkmale der Taten des Frankford Slasher hatte.
Crazy Michelle
Der verdächtige Leonard Christopher saß am 6. September 1990 im Gefängnis ein, als man an diesem Tage die Leiche von Michelle Martin fand. Sie war 30 und lebte im vierten Stock eines Mietshauses in der Arrott Street, nicht weit von der Frankford Avenue entfernt. Für die Polizei war die Frau zudem keine Unbekannte. Denn es handelte sich um jene Rivalin, mit der sich das Mordopfer Jeanne Durkin in der Nacht vor ihrer Ermordung um eine Decke gestritten hatte.
Die Polizei fand sie am Samstagnachmittag auf dem Boden liegend vor. Der Täter hatte ihr 23 Mal in Brust und Bauch gestochen. Wieder einmal deuteten die Spuren darauf hin, als habe der Frankford Slasher zugeschlagen. Es gab keine Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen in die Wohnung. Der Täter hatte keine Tatwaffe am Schauplatz des Verbrechens zurückgelassen. Dieser Tatort war nur drei Blocks entfernt von der Stelle, an der Carol Dowd getötet worden war. Und Theresa Sciortino war quasi eine Nachbarin gewesen.
Kneipengängerin
Martin wurde als trinkfeste, paranoide Einzelgängerin beschrieben. Manche Bekannte nannten sie „Crazy Michelle“. Sie war als spleenig verschrien. Manchmal verbarrikadierte sie sich in ihrer Wohnung. Ein anderes Mal schmiss sie Möbel aus dem Fenster, ohne darauf zu achten, ob jemand unten vorbeiging. Martin war eine große Blondine, die meist mit schmutzigen Jeans und Sweatshirt bekleidet war.
Sie war Single und besuchte häufig dieselben Bars, in denen sich auch die übrigen Mordopfer aufgehalten hatten. Sie zog von einer Kneipe zur nächsten. Manchmal verkaufte sie Brezeln auf der Straße, um sich ein paar Dollar zu verdienen. Aber meistens betrank sie sich nur den ganzen Tag. Ein Zeuge behauptete, sie anderthalb Tage vor ihrem Tod in Begleitung eines weißen Mannes gesehen zu haben. Die beiden verließen gerade eine Kneipe. Nachbarn bezeugten, dass sie häufiger mit wechselnden Männerbekanntschaften in ihre Wohnung zurückgekehrt war.
Zweifel an Christophers Schuld
Das Verbrechen säte verständlicherweise Zweifel, ob die Polizei tatsächlich den richtigen Täter verhaftet hatte. Leonard Christopher hatte nun mal keinerlei Ähnlichkeiten mit dem weißen Begleiter mehrerer Frauen. Zudem lautete die damals gängige Theorie, dass sich Serienmörder ihre Opfer fast ausschließlich innerhalb der eignen Ethnie und Rasse suchten. Diese Erkenntnis ist zwar von der Realität etwas überholt worden. Aber es war schon auffällig, dass alle getöteten Frauen Weiße waren.
Auch die Polizei schien nicht endgültig von Christophers Schuld überzeugt zu sein. Sie entsandten verdeckte Ermittler nach Frankford. Sie sollten die Gegend überwachen und speziell nach Frauen Ausschau halten, die die Bars der Gegend besuchten und den bisherigen Opfern ähnelten.
Alle Spuren verlaufen im Sande
Gab es Männer, die sich auffällig verhielten? Die den Frauen nachstellten? Die gab es in der Tat. Es gerieten rund 50 Verdächtige auf den Radarschirm der Polizei. Zwei Männer stellte man unter intensivere Beobachtung. Doch da der Frankford Slasher sich weder an ein klares Zeitschema noch an einen bestimmten Opfertypus hielt, gestalteten sich die Ermittlungen schwierig. Was sollten die Kriterien sein, an denen die Beamten den gesuchten Serienmörder erkennen sollten? Es war ein Arbeiten im Blindflug.
Den Ermittlern kam es zudem seltsam vor, dass in keinem einzigen der Fälle irgendjemandem ein Mann mit stark blutbefleckter Kleidung aufgefallen war. Alle Opfer waren brutal erstochen worden. Das Blut war dabei heftig gespritzt. Die Kleidung des Mörders musste stark verunreinigt gewesen sein.
Der einzige wirklich konkrete Beweis war der blutige Schuhabdruck. Die Polizei konnte Fabrikat und Schuhgröße ermitteln. Doch als sie die Abdrücke mit dem Schuhwerk von Leonard Christopher überprüften, gab es keine Übereinstimmung. Nichtsdestotrotz begann im November des Jahres 1990 der Mordprozess gegen den Mann. Einen besseren Verdächtigen hatte die Polizei bis dato schlichtweg nicht gefunden.
Der Prozess gegen Leonard Christopher
Am 29. November 1990, kurz nach Thanksgiving, wurden die Eröffnungsplädoyers verlesen. Christopher trug einen grauen Anzug und eine schwarze Hornbrille. Er wirkte in der Aufmachung wie ein intelligenter junger Mann. Sollte dieser Mann in den letzten fünf Jahren neun Frauen aufgeschlitzt haben? Es war für die Prozessbeobachter schwer vorstellbar.
Judith Rubino
Die stellvertretende Bezirksstaatsanwältin Judith Rubino verlas die Anklageschrift. Sie führte aus, dass Christopher ein heimtückischer Mörder sei, der ein Messer der Marke „Rambo“ verwendet habe, um Carold Dowd zu töten. Direkt hinter dem Geschäft, in dem er arbeitete.
Rubino konnte zwar keine Tatzeugen präsentieren, dafür aber andere Personen, die Christopher mit dem Tatort zum Zeitpunkt des Mordes in Verbindung brachten. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft reichten diese Indizien aus, um Christopher das Verbrechen nachzuweisen. Jemand hatte die Schreie einer Frau gehört. Kurz darauf war Christopher beobachtet worden, wie er die Gasse verließ. Mit einem Messer und blutbefleckter Kleidung. Er hatte über sein Alibi in der Tatnacht gelogen und sich anderweitig in Widersprüche verstrickt.
Jack McMahon
Der Verteidiger Jack McMahon zeichnete hingegen ein Bild vom Angeklagten, das ihn als sanftmütigen Menschen beschrieb, der noch niemals wegen Gewalttaten mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Für den Anwalt war der eigentliche Grund für die Verhaftung im Versagen der Polizei zu suchen. Sie habe unter enormem öffentlichen Druck gestanden. Sie musste irgendwelche konkreten Ergebnisse liefern und tat dies bei der ersten Gelegenheit, die sich ihr bot.
Die Staatsanwaltschaft reagierte erbost auf diese Unterstellung und erhob Einspruch. Doch McMahon gab sich unbeirrt. Er brachte die acht ungeklärten Morde zur Sprache, die deutliche Parallelen zum Mordfall Dowd aufwiesen. Es gebe genügend Indizien, die einen Serienmörder wahrscheinlich erschienen ließen. Einen Serienmörder, der nach wie vor frei herumlief.
Es war klar, auf welche Strategie McMahon im Prozess abzielte. Er wollte bei den Geschworenen einen begründeten Zweifel säen. Wenn es wirklich einen Serienmörder in Frankford gab, dann kam Christopher auch nicht für die Tat an Dowd infrage.
Viele Zeugen vorbestraft
McMahon behauptete, die Polizei habe ihre Ermittlungen gegen Christopher auf Indizien gestützt, die in anderen Fällen niemals als ausreichend erachtetet worden wären. So beruhten die belastenden Aussagen vornehmlich auf Befragungen von Prostituierten und Drogenabhängigen. Die meisten Zeugen hatten ein ellenlanges Vorstrafenregister und hatten in ihrem Leben zig Falschnamen benutzt. Der Anwalt konnte sich nicht vorstellen, wie die Jury nicht einen begründeten Zweifel hegen könne angesichts dieser Belastungszeugen.
McMahon wies zudem auf den Umstand hin, dass Christopher bei seiner Verhaftung keinerlei Verletzungen aufwies. Die Tatortspuren hatten gezeigt, dass sich das Opfer heftig gewehrt hatte. Es sei beim Angeklagten zwar blutbefleckte Kleidung entdeckt worden, für die es aber eine plausible Erklärung gegeben habe, die von Zeugen bestätigt worden sei. Und von der Tatwaffe habe die Polizei keinerlei Spur gefunden. Aber ganz so einfach, wie McMahon es darstellte, lagen die Dinge dann doch nicht.
Die Anklägerin konterte McMahons Argumentation, indem sie Christophers Boss Jaesa Phang in den Zeugenstand rief. Phang berichtete zunächst vom Morgen nach der Tatnacht. Christopher habe ihr erzählt, dass eine etwa 45 Jahre alte Frau in der Gasse hinter dem Fischgeschäft ermordet worden sei. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten die Ermittler noch gar keine Details zu dem Verbrechen an Außenstehende herausgegeben.
Phang berichtete von einem weiteren seltsamen Satz, den Christopher wenige Tage nach dem Mord gegenüber ihr aussprach: „Vielleicht habe ich sie getötet.“ Obwohl er die Bemerkung schnell wieder herunterspielen wollte, konnte sich Phang noch sehr gut daran erinnern. Darüber hinaus schien sich aus ihrer Sicht Christopher besonders intensiv für das Verbrechen zu interessieren. Er hatte sogar mit Gesten vorgemacht, wie der Täter das Opfer aufgeschlitzt habe.
Zudem bezeugte Phang am 3. Dezember vor Gericht, dass Christopher ihr etwa fünf Tage nach dem Mord berichtet habe, nachts nicht gut schlafen zu können, weil er „Zeuge eines Mordes“ gewesen sei. Er habe sehr aufgeregt gesprochen und er schien sehr mitgenommen zu sein. Er habe erzählt, er habe Angst vor einem weißen Mann, den er nachts auf der Straße beobachtet habe. Er fürchte, der Mann könnte der Täter gewesen sein. Und er könnte sich seiner erinnern und ihn als lästigen Zeugen beseitigen wollen. Am nächsten Tag wurde Christopher verhaftet.
Weitere Zeugen
Die Zeugin Emma Leigh sagte aus, dass sie gegen 1.00 Uhr morgens in der Hintergasse unterwegs gewesen sei. In diesem Moment habe sie die Schreie einer Frau gehört. Sie eilte zur Straße zurück, ohne etwas Konkretes gesehen zu haben. Sie stieg anschließend zu einem Freier ins Auto und verließ den Schauplatz des Verbrechens.
Die nächste Zeugin Linda Washington behauptete, Christopher beim Verlassen der Gasse beobachtet zu haben. Er habe ein Hemd über dem Arm getragen. An der Hüfte habe er ein Messer in einer Scheide getragen.
Als Beweismittel präsentierte die Anklage zudem einen winzigen Blutfleck auf Christophers Hose, der vom Opfer stammen sollte. Die Blutmenge war jedoch zu gering, um mit den damaligen Möglichkeiten eine DNA-Analyse durchzuführen. Die Polizei hatte zudem in einer Einfahrt neben dem Wohnhaus von Christopher ein blutbeflecktes Hemd sichergestellt, das Blutgruppe 0 entsprach. Dowd hatte die gleiche Blutgruppe.
Beweisaufnahme nach wenigen Tagen beendet
Die Beweisaufnahme war nach wenigen Tagen beendet. Die Schlussplädoyers wurden bereits am 11. Dezember verlesen. Staatsanwältin Rubino verteidigte ihre Belastungszeuginnen. Natürlich hatten mehrere von ihnen ein Vorstrafenregister. Doch welches konkrete Motiv hätten die Zeuginnen in diesem Fall gehabt zu lügen? Sie hätten sich dadurch doch keinerlei Vorteil verschaffen können. Man müsse deshalb im Umkehrschluss davon ausgehen, dass sie die Wahrheit gesagt hatten.
Rubino schloss ihr Plädoyer mit einem emotionalen Appell an die Geschworenen. Sie sollten darüber nachdenken, was der Täter Carol Dowd angetan hatte, als er sie mit einem Messer angriff und bestialisch aufschlitzte. Carol Dowd habe gewusst, dass sie sterben musste, und habe Todesängste durchlebt. Die Schnitte an ihren Händen sprachen eine beredte Sprache von ihrem verzweifelten Todeskampf. Sollte nun ihr mutmaßlicher Mörder einfach so davonkommen?
Schuldig
Die Geschworenen zogen sich vier Stunden zur Beratung zurück. Am 12. Dezember sprachen sie Leonard Christopher des Mordes an Carol Dowd schuldig. Christopher zeigte keine sichtbare Reaktion auf den Urteilsspruch. Lediglich sein Verteidiger schüttelte ungläubig den Kopf. Die Staatsanwältin beantragte die Todesstrafe. Das Geschichte verurteilte Christopher stattdessen zu lebenslanger Haft.
Ungereimtheiten
Das Ergebnis des Prozesses und der Ermittlungen bleiben unbefriedigend. Die Beamten konnten niemals überzeugende Beweise präsentieren, die Christopher auch nur annähernd mit den anderen Morden in Verbindung brachten. Dagegen standen die anderen Zeugenaussagen im Mordfall Dowd. Insbesondere die Aussage seiner Chefin Phang war wohl für den Prozessausgang entscheidend.
Konnte es sein, dass Christopher die ungeklärte Mordserie als eine Art Vorlage für seine eigene Tat benutzt hatte, um so die Schuld auf das anonyme Phantom abzuwälzen? Oder gab es in Wahrheit gar keine Mordserie, sondern bloß neun unabhängige Morde, die zufälligerweise alle mit einem Messer in der gleichen Gegend verübt wurden?
Kurzum: Sieben oder acht Morde, je nach Zählung, sind bis heute ungeklärt geblieben. Christopher verbüßt nach wie vor seine Strafe wegen des Mordes an Dowd. So viel steht auch fest: Seit 1990 hat es keinen weiteren Mord in Frankford gegeben, der den Tatumständen der Mordserie ähnelte.
Den Fischladen, in dem Leonard Christopher arbeitete, gibt es im Übrigen heute noch. Allerdings steht er inzwischen seit Jahren leer. Ein späterer Besitzer namens Young Hwa Bang wurde 2005 tot in der Wohnung über dem Ladenlokal aufgefunden. Der 39-jährige hatte das Geschäft erst ein Jahr zuvor von Jaesa Phang übernommen. Man fand ihn erdrosselt mit einem Elektrokabel vor. Zudem wies sein Körper zahlreiche Stichwunden auf. Frankford blieb auch lange nach dem Verschwinden des mysteriösen Frankford Slasher ein gefährliches Pflaster.
Mögliche Opfer des Frankford Slasher
- Helen Patent (52), ermordet am 26. August 1985
- Anna Carroll (68), ermordet an 3. Januar 1986
- Suzanna Olszef (64), ermordet am 25. Dezember 1986
- Jeanne Durkin (28), ermordet an 8. Januar 1987
- Catherine M. Jones (29), ermordet am 29. Januar 1987
- Margaret Vaughan (66), ermordet am 10. November 1988
- Theresa Sciortino (30), ermordet am 19. Januar 1989
- Carol Dowd (46), ermordet am 29. April 1990
- Michelle Martin (30), ermordet am 6. September 1990