Das Geheimnis von Kansas City: Der Fall Leila Welsh

Marie Welsh schreckte aus dem Schlaf hoch. Sie hatte ein Geräusch gehört. Oder hatte sie es nur geträumt? Da war es wieder. Ein dumpfer Schlag. Tief und nah.

Sie richtete sich im Bett auf und lauschte. Das Geräusch ließ sich für sie nicht eindeutig zuordnen. Sie wusste nicht, was es gewesen war und woher es gekommen war. Für einen Moment dachte sie an ihren Sohn George. Er hatte nur ein kleines Zimmer unterm Dach und schlief deshalb gerne auf der Couch im Wohnzimmer. War er aus dem Bett gefallen?

Marie Welsh stand auf und ging nachsehen. George Welsh lag friedlich auf dem Sofa und schlief. Neben ihm brannte noch die Leselampe. Marie schaltete sie aus und kehrte in ihr Schlafzimmer zurück.

Bevor sie die Augen schloss, warf sie einen Blick auf die Uhr. Es war 3.00 Uhr morgens. Der Kalender zeigte den 9. März 1941.

Inhaltsverzeichnis

Ein Sonntagsfrühstück

Danach schlief Marie Welsh fest weiter. Erst gegen 7.30 Uhr wurde sie erneut geweckt. Diesmal konnte sie die Geräusche sofort erkennen. George Welsh hantierte in der Küche und bereitete sich Kaffee zu.

Obwohl Sonntag war, hatte der junge Immobilienmakler mehrere Besichtigungstermine vereinbart und wollte möglichst früh das Haus verlassen. Doch Marie Welsh bestand darauf, dass er vorher noch richtig frühstückte. Sonntag war schließlich Sonntag.

Während sie das Frühstück zubereitete, dachte Marie kurz daran, ihre Tochter Leila zu wecken. Dann erinnerte sie sich an das Gespräch vom Vorabend. Leila Welsh hatte ausdrücklich darum gebeten, ausschlafen zu dürfen. Marie ließ sie schlafen.

Blockierte Tür

Erst nachdem George Welsh das Haus verlassen hatte, beschloss sie gegen 9.15 Uhr, nach ihrer Tochter zu sehen. Sie ging den Flur entlang und drückte die Klinke herunter. Doch die Tür ließ sich nicht öffnen. Irgendetwas blockierte sie von innen.

Marie Welsh drückte stärker dagegen. Aus dem Zimmer war das Geräusch von Holz auf Holz zu hören. Irgendetwas wurde über den Boden geschoben. Schließlich gab die Tür nach. Marie Welsh trat ein. Leila lag offenbar noch im Bett. Die Decke war über ihren Kopf gezogen.

Hinter der Tür stand der Schminktischstuhl. Offenbar hatte er sich unter der Klinke verklemmt. Marie Welsh runzelte die Stirn. Warum sollte ihre Tochter einen Stuhl vor die Tür stellen?

Eiskalte Stirn

Dann bemerkte sie das offene Fenster an der Ostseite des Hauses. Kalte Luft strömte in den Raum. Es war unangenehm kühl im Zimmer. Sie nahm ein Geräusch wahr. Tropfen. Regelmäßig und gleichmäßig. Erst jetzt fiel ihr die große dunkle Lache neben dem Bett auf.

Marie Welsh blieb stehen. Verwirrt suchte sie nach einer Erklärung. Vielleicht hatte Leila Nasenbluten bekommen. Sie fragte ihre Tochter, was denn los sei. Keine Antwort. Die Mutter trat näher heran und schob ihre Hand unter die Bettdecke. Anfang des Monats hatte Leila Welsh noch mit einer Grippe im Bett gelegen. Instinktiv wollte sie ihre Stirn fühlen.

Die Haut war eiskalt. Erschrocken zog Marie Welsh die Hand zurück. Sie war voller Blut. Marie stürzte schreiend aus dem Haus und rannte in den Garten.

Die Schreie alarmierten ihre Nachbarin Ruth Kennedy. Sie eilte herüber und versuchte, die aufgelöste Marie Welsh zu beruhigen. Doch die Frau war völlig außer sich. Sie rang nach Luft, hyperventilierte und brachte kaum einen verständlichen Satz heraus. Immer wieder wiederholte sie nur, dass etwas mit Leila geschehen sei. Ruth Kennedy entschloss sich, selbst nachzusehen.

Ein Männerunterhemd

Sie betrat das Schlafzimmer und ging auf das Bett zu. Dann zog sie die Decke zurück. Leila lag auf ihrer linken Seite. Eine Wunde klaffte in ihrem Schädel. Der Hals sah noch fürchterlicher zugerichtet aus. Die Kehle war so tief aufgeschnitten worden, dass der Kopf nur noch durch die Halswirbelsäule mit dem Körper verbunden war. Er hing unnatürlich zur Seite.

Kennedy erstarrte. In die offene Halswunde war ein Männerunterhemd gestopft worden. Als sie die Bettdecke vollständig zurückschlug, löste sich der blutgetränkte Stoff und fiel lautlos auf den Boden.

Für einen Augenblick konnte Ruth Kennedy den Blick nicht abwenden. Dann wich sie taumelnd zurück. Was auch immer in diesem Haus geschehen war: Es übertraf alles, was sie angesichts der Schreie ihrer Nachbarin jemals hätte vorstellen können.

Der Chief wird verständigt

Kurz nach 10 Uhr morgens an diesem Sonntag klingelte das Telefon von Kansas Citys Polizeichef Lear Reed. Ein Detective am anderen Ende der Leitung schilderte ihm in aller Kürze die wichtigsten Details. Mord in der Rockhill Road. Eine tote junge Frau. Übel zugerichtet. Eine ziemlich schlimme Sache.

Wenig später traf Reed am Haus der Familie Welsh ein. Das Wohnviertel bestand aus gepflegten Einfamilienhäusern der Mittelschicht. Familien lebten hier. Kinder spielten auf den Straßen. Es war genau die Art von Nachbarschaft, in der man sich sicher fühlte.

Doch an diesem Sonntagmorgen hatten sich vor dem Haus 6109 Rockhill Road Menschentrauben gebildet. Polizeibeamte hielten Schaulustige zurück. Immer mehr Nachbarn versuchten einen Blick auf das Gebäude zu erhaschen, in dem sich wenige Stunden zuvor ein Verbrechen abgespielt hatte.

Er betrat das Haus durch die Vordertür. Reed musterte die Gesichter der Anwesenden. Polizisten. Nachbarn. Familienangehörige. Überall sah er dieselbe Reaktion. Fassungslosigkeit.

Grundriss des Hauses Welsh

Weitere Verstümmelungen

Schließlich trat er den Flur entlang zum Schlafzimmer. Dort erwartete ihn bereits Gerichtsmediziner Cecil Leich. Das Bett war von Blut durchtränkt. Die Bettwäsche war rot verfärbt. Die Blutlache hatte sich über die Matratze ergossen und war über die Bettkante auf den Boden gelaufen.

Neben den bereits geschilderten Verletzungen am Hals entdeckten die Ermittler weitere Verstümmelungen. Die Schlafanzughose war aufgeschnitten und heruntergezogen worden. Am Übergang vom Gesäß zum Oberschenkel fehlte ein Stück Haut- und Fettgewebe. Das herausgeschnittene Gewebe war nicht im Zimmer zu finden. Auf ihrer linken Wade befand sich zudem ein mit Blut aufgetragenes Zeichen. Es erinnerte an den Buchstaben S oder G.

Am Kopf der jungen Frau befand sich eine Schlagverletzung, die auf massive Gewalteinwirkung schließen ließ. Neben dem Bett lag ein schwerer Hammer, der wahrscheinlich als Tatwaffe gedient hatte.

Im Kissen fanden sich außerdem mehrere Einstiche. Offenbar war ein Messer mit solcher Wucht geführt worden, dass die Klinge sogar die Bettwäsche und das Kissen durchdrungen hatte.

Die Ruhe weg

Leitch schilderte seine ersten Eindrücke. Nach seiner Einschätzung hatte sich der Täter längere Zeit im Schlafzimmer aufgehalten. All diese Verletzungen konnten nicht binnen Sekunden entstanden sein.

Reed blickte auf das offene Fenster an der Ostseite des Hauses. Nur wenige Schritte entfernt hatten Familien geschlafen. Nur wenige Meter entfernt standen weitere Häuser. Trotzdem schien der Täter genug Zeit gehabt zu haben, sich im Zimmer aufzuhalten und zahlreiche Handlungen vorzunehmen.

Dieser Gedanke ließ Reed nicht los. Wer auch immer Leila Welsh getötet hatte, war nicht panisch vorgegangen. Er hatte sich die nötige Zeit genommen. Und genau das machte den Fall noch beunruhigender.

Der Tatort: Im Hintergrund das offene Fenster nach Osten

Messer im Garten

Kriminaltechniker John Wagaman betrat das Schlafzimmer. Er dokumentierte mit seiner Kamera den Tatort. Noch war nichts verändert worden. Jeder Gegenstand befand sich an seinem ursprünglichen Platz, abgesehen von dem heruntergefallenen Männerunterhemd, das zuvor in der Halswunde steckte. Kaum hatte Wagaman seine Arbeit begonnen, meldete sich Detective Lester Haupt zu Wort. Er winkte Chief Reed zu sich.

Reed folgte ihm durch die Küche hinaus in den Garten hinter dem Haus. Dort warteten bereits die Streifenbeamten Charles Aust und Joe Trabon, die zu den ersten Polizisten am Tatort gehört hatten. Die beiden standen wenige Meter vom Ostfenster entfernt und blickten auf eine Stelle im Rasen.

Aus dem Boden ragte der Griff eines großen Schlachtermessers. Die Klinge steckte bis zum Heft in der Erde und ragte schräg in einem Winkel von etwa 45 Grad aus dem Erdreich. Nach allem, was die Ermittler bislang gesehen hatten, handelte es sich um die Waffe, mit der Leilas Kehle aufgeschlitzt worden war.

Reed betrachtete das Messer schweigend. Zuerst der Hammer neben dem Bett. Nun das Messer im Garten. Beide mutmaßlichen Tatwaffen waren zurückgelassen worden. Warum? Hatte der Täter sie hastig weggeworfen? Oder hatte er sie ganz bewusst dort platziert?

Schaulustige

Mit dem Fund des Messers verlagerte sich ein Teil der Ermittlungen in den Garten. Immer mehr Beamte suchten die Umgebung nach weiteren Spuren ab. Gleichzeitig drängten sich hinter der provisorischen Absperrung zahlreiche Schaulustige.

Die Polizei hatte den Tatort mit einer Leine markiert, die sie kurzerhand von der Wäscheleine der Familie Welsh genommen hatte. Dahinter versammelten sich Nachbarn und Neugierige, die jede Bewegung der Ermittler beobachteten.

Schaulustige am Tatort. Links das Fenster, durch das der Täter eingedrungen war

Schon bald wurden weitere Gegenstände entdeckt. An der Garage des Nachbarn John Blackman fanden Beamte einen Haufen weggeworfener Kleidung. Der Fundort lag außerhalb des ursprünglich abgesperrten Bereichs. Die Polizei musste den Tatort deshalb erweitern.

Prompt ergab sich ein Problem. Der Täter hatte zahlreiche Schuhabdrücke hinterlassen. Doch diese waren durch die Nachbarn und Schaulustigen bereits zerstört worden. Nur wenige Abdrücke in unmittelbarer Nähe des Messers waren noch einigermaßen unversehrt.

Der Fund der Kleidung brachte Reed auf eine andere Idee. Hinter den Häusern erstreckte sich ein langer Streifen offener Gärten. Die Grundstücke der Rockhill Road gingen nahezu nahtlos in die Grundstücke der Parallelstraße Harrison Road über. Zäune oder andere Hindernisse waren kaum vorhanden. Ein Mensch konnte sich dort nahezu ungehindert von Garten zu Garten bewegen.

Wer das Haus unbemerkt verlassen wollte, musste also nicht zur Straße laufen. Die offenen Hinterhöfe boten einen wesentlich sichereren Fluchtweg. Reed ließ sechs Beamte diesen Bereich in nördlicher und südlicher Richtung absuchen. Vielleicht fanden sie weitere Spuren. Möglicherweise konnten sie so die genaue Fluchtroute des Täters nachvollziehen.

Ein Paar Handschuhe

Das halbe Dutzend Polizisten arbeitete sich systematisch voran. Haus für Haus. Garten für Garten. Sie beäugten Gebüsche, blickten unter Veranden und kontrollierten Kellerfenster. Schließlich erreichten sie das Grundstück eines Hauses in der Harrison Street. Dort entdeckte einer der abgestellten Beamten etwas Merkwürdiges. Im Gras lag ein heller Baumwollhandschuh.

Die Finger waren weit gespreizt, als wäre er hastig von einer Hand gerissen worden. Der Handschuh war sauber. Kein Blut. Der Polizist suchte die unmittelbare Umgebung weiter ab. Wenige Meter entfernt fand er den zweiten Handschuh. Diesmal entdeckte er einen kleinen Blutfleck am Zeigefinger. Er brachte beide Fundstücke sofort zu seinen Vorgesetzten.

Ein seltsamer Gegenstand

Zwei Häuser weiter trat eine Nachbarin nach dem Mittagessen auf ihren gepflegten Rasen, um nachzusehen, ob die vielen Polizisten Schäden hinterlassen hatten. Dabei bemerkte sie einen seltsamen Gegenstand im Gras. Sie hob ihn auf. Im ersten Moment wusste sie nicht, was sie in der Hand hielt. Dann erkannte sie menschliche Haut.

Erschrocken rief sie ihren Ehemann. Dieser bewachte den Fundort. Währenddessen lief die Frau los, um einen Polizeibeamten zu alarmieren. Wenig später trafen auch Polizeichef Lear Reed und mehrere Detectives ein. Vor ihnen lag das, wonach die Polizei unter anderem gesucht hatte: ein herausgeschnittenes Stück Menschenfleisch. Ein weiteres Puzzlestück in einem immer verstörenderen Verbrechen. Doch damit waren die Funde noch nicht beendet.

Rotes Schmelzwasser

Nur wenige Schritte entfernt entdeckten die Ermittler eine weitere Spur. Neben einer Garage hatte sich unter schmelzendem Schnee eine kleine Wasserlache gebildet. Das Schmelzwasser war rot verfärbt. Für die Ermittler deutete alles darauf hin, dass der Täter sich hier von Blutspuren an Händen oder Kleidung gereinigt hatte, bevor er seinen Weg durch die offenen Hinterhöfe fortsetzte.

Mit jeder Minute wuchs die Zahl der Beweisstücke. Die Polizei hatte inzwischen Kleidung sichergestellt. Dazu kamen Fußspuren, das blutdurchtränkte Unterhemd, die Handschuhe, der Hammer, das Messer und zahlreiche weitere Spuren rund um das Haus.

Je mehr Beweise zusammengetragen wurden, desto größer wurde die Hoffnung der Ermittler. Irgendwo zwischen all diesen Gegenständen musste sich ein Hinweis befinden, der sie zum Täter führen würde. Lear Reed setzte dabei große Hoffnungen auf das kriminaltechnische Labor seiner Behörde. Es galt als eines der modernsten des Landes.

Ein Fingerabdruck

Stundenlang suchten John Wagaman und Shelby Compton nach verwertbaren Fingerabdrücken. Schließlich wurden sie fündig. Auf der Unterseite der Fensterbank des Ostfensters entdeckten sie einen einzelnen, außergewöhnlich gut erhaltenen Fingerabdruck. Der Fundort war besonders interessant.

Der Abdruck befand sich nicht auf der Oberseite der Fensterbank, sondern darunter. Für die Ermittler sprach vieles dafür, dass ihn jemand hinterlassen hatte, als er sich beim Ein- oder Aussteigen durch das Fenster abstützte. Die Spur erschien so wichtig, dass die Beamten die gesamte Fensterbank aus der Wand aussägten und ins kriminaltechnische Labor transportierten.

Richard Funk

Währenddessen trafen Polizeibeamte im Haus der Familie Fleming ein. Dort war Marie Welch bei ihrem Bruder und ihrer Schwägerin untergekommen. Auch Sohn George hatte man auf seiner Verkaufstour erreichen können. Die Polizisten nahmen Fingerabdrücke von sämtlichen Angehörigen. Anschließend baten sie George Welsh, sie zurück zum Tatort zu begleiten.

Polizeichef Lear Reed wollte persönlich mit ihm sprechen. Im Wohnzimmer des Hauses schilderte George die Ereignisse des Vortages. Stunde für Stunde. Er berichtete von Leilas Aktivitäten, ihren Bekannten und ihren Plänen. Immer wieder fiel dabei der Name Richard Funk. Ein enger Freund der Toten. Reed ließ ihn deshalb umgehend zum Haus bringen.

Als Richard Funk eintraf, wusste er bereits, was geschehen war. Marie Welshs Schwägerin hatte ihm die Nachricht überbracht. Die Begegnung zwischen den beiden jungen Männern verlief wortlos. George umarmte seinen Freund fest. Keiner von ihnen fand Worte für das Geschehene.

Kurz darauf brachte die Polizei beide Männer zum Hauptquartier des Kansas City Police Department. Dort wurden sie stundenlang befragt. Die Ermittler wollten jede Einzelheit über Leilas letzte Stunden erfahren. George blieb bis spät in den Abend auf der Wache. Erst gegen 23 Uhr durfte er nach Hause gehen.

Der letzte Abend

Bei den Vernehmungen rekonstruierte die Polizei auch die letzten bekannten Stunden im Leben von Leila Welsh. Am Abend des 8. März 1941 holte ihr langjähriger Freund Richard Funk die junge Frau am Haus der Familie Welsh in der Rockhill Road ab. Gemeinsam besuchten sie die Abschlussvorstellung des Police Circus im Municipal Auditorium von Kansas City.

Nach der Veranstaltung trafen sie zufällig Leilas Freundinnen Phyllis Wetherill und Isabelle Bash. Anschließend verbrachten sie noch einige Zeit im Hotel Phillips, wo sie sich in der Tropics Room Bar aufhielten. Richard Funk trank einen Rum Collins, Leila Welsh eine Coca-Cola.

Erst nach Mitternacht machte sich das Paar auf den Heimweg. Gegen 1 Uhr morgens erreichten sie die Rockhill Road. Richard brachte Leila Welsh bis zur Haustür. Durch die Glasscheibe der Tür konnte er erkennen, dass George Welsh zu diesem Zeitpunkt auf der Wohnzimmercouch schlief. Geraume Zeit später verabschiedete sich das Paar.

Laut den Zeugenaussagen betrat Leila Welsh etwa gegen 1.30 Uhr das Haus. Bevor sie schlafen ging, weckte sie noch ihre Mutter Marie, um ihr mitzuteilen, dass sie wohlbehalten zurückgekehrt war. Außerdem bat sie darum, am nächsten Morgen erst gegen 9 Uhr geweckt zu werden, da sie zwar den Gottesdienst besuchen, aber vorher noch ausschlafen wollte. Danach zog sich Leila Welsh in ihr Schlafzimmer zurück. Es sollte das letzte Mal sein, dass jemand sie lebend sah.

Rund anderthalb Stunden später hörten die Mutter und mehrere Nachbarn ungewöhnliche, dumpfe Geräusche aus der Richtung des Welsh-Hauses. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass sich nur wenige Meter entfernt möglicherweise bereits ein Verbrechen abgespielt hatte.

Wer war Leila Welsh?

Leila Welsh war 24 Jahre alt, als sie in der Nacht zum 9. März 1941 ermordet wurde. Sie stammte aus einer einflussreichen Familie in Kansas City. Gemeinsam mit ihrer Mutter Marie und ihrem Bruder George lebte sie im Haus der Familie in der Rockhill Road. Ihr Vater war bereits verstorben.

Nach ihrem Abschluss an der University of Kansas City hatte Leila den Beruf der Lehrerin ergriffen. Zunächst arbeitete sie an einer Grundschule in Kansas City, später nahm sie eine Stelle im rund 700 Kilometer entfernten Knoxville im Bundesstaat Illinois an. Dort blieb sie jedoch nicht lange. Im Jahr 1940 kehrte sie nach Kansas City zurück und zog wieder zu ihrer Familie.

Leila Welsh

Freunde beschrieben Leila Welsh als lebensfrohe und selbstständige junge Frau. Sie galt als beliebt, pflegte einen großen Freundeskreis und nahm aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Besonders eng war ihre Verbindung zu mehreren Freundinnen aus ihrer Studienzeit.

Zum Zeitpunkt ihres Todes hatte ihr Leben wieder eine gewisse Wende genommen. Sie hatte ihre Tätigkeit als Lehrerin erneut aufgenommen und verbrachte viel Zeit mit Freunden und Bekannten. Gleichzeitig beschäftigten sie Fragen über ihre persönliche Zukunft – und einen Beziehungskonflikt. Nichts deutete jedoch nach außen darauf hin, dass sie sich in Gefahr befand.

Leila Welsh fährt zweigleisig

Bereits während ihres Studiums an der University of Kansas City hatte sie Richard Funk kennengelernt. Der junge Angestellte einer Ölgesellschaft gehörte nicht zum wohlhabenden Umfeld anderer Mitstudenten, galt jedoch als zuverlässig, engagiert und bodenständig. Über mehrere Jahre hinweg entwickelte sich zwischen beiden eine enge Beziehung. Freunde und Angehörige betrachteten Richard längst als festen Bestandteil von Leilas Leben.

Während ihrer Zeit als Lehrerin in Illinois lernte Leila Welsh jedoch einen weiteren Mann in ihrem Leben kennen: Elery Boynton, einen Sporttrainer aus der Region. Zwischen beiden entwickelte sich ebenfalls eine Beziehung, die auch nach Leilas Rückkehr nach Kansas City zunächst nicht vollständig abbrach.

In den Monaten vor ihrem Tod stand Leila daher zwischen zwei Männern, ohne sich endgültig festzulegen. Nach späteren Aussagen aus ihrem Umfeld hatte sie die Beziehung zu Boynton jedoch wenige Tage vor ihrer Ermordung beendet.

Ein Treffer

Als George W. Welsh an diesem Abend gegen 23 Uhr das Polizeigebäude nach dem Verhör verließ, glaubte er vermutlich, den schlimmsten Tag seines Lebens bereits hinter sich zu haben. Doch im kriminaltechnischen Labor wartete eine Überraschung. Die Spezialisten hatten den Fingerabdruck von der Fensterbank erfolgreich gesichert. Anschließend verglichen sie ihn mit den vorhandenen Datensätzen.

Das Ergebnis war zunächst ernüchternd. Kein Treffer. Für Polizeichef Reed war das eine schlechte Nachricht. Wäre der Abdruck einem bekannten Gewalttäter zuzuordnen gewesen, hätte die Polizei möglicherweise bereits eine heiße Spur gehabt.

Doch die Ermittler gaben nicht auf. Wie bei allen Mordermittlungen verglichen sie den Abdruck zusätzlich mit den Fingerabdrücken von Personen aus dem unmittelbaren Umfeld des Opfers. Wenig später stürmten die Kriminaltechniker zu Reed. Sie hatten tatsächlich eine Übereinstimmung gefunden. Nicht mit einem Verbrecher. Nicht mit einem Fremden. Sondern mit George Welsh. Der Fingerabdruck unter der Fensterbank stammte von Leilas Bruder.

Für einen Moment herrschte Stille. Die Ermittler wussten, was diese Nachricht bedeutete. Nur wenige Stunden zuvor hatten sie noch nach einem unbekannten Täter gesucht. Nun deutete die scheinbar wichtigste Spur des gesamten Tatorts direkt auf ein Mitglied der Familie.

Der Sheriff mischt sich ein

Die Spurensicherung des KCPD arbeitete noch am Tatort. Da tauchten unangekündigt fünf Deputy Sheriffs des Jackson County im Haus der Familie Welsh auf. Sie ignorierten die Polizeiabsperrungen. Sie verhielten sich, als wäre das ihr Tatort. Ihr Fall. Sheriff Granville Richart hatte ihnen den Auftrag dazu gegeben.

Zwistigkeiten zwischen verschiedenen Ermittlungsbehörden sind in den Vereinigten Staaten kein unbekanntes Phänomen. In Kansas City erhielt dieser Konflikt jedoch eine besondere politische Note. Die Spannungen zwischen dem Kansas City Police Department (KCPD) und dem Sheriff’s Department reichten Jahre zurück.

Thomas Pendergast hatte sich in den 1920er-Jahren mithilfe der Demokratischen Partei zum mächtigsten Mann von Kansas City und Jackson County aufgeschwungen. Loyalität wurde belohnt, Gegner wurden ausgegrenzt. Korruption gehörte zum System. Um seine Macht zu sichern, arbeitete „Boss Tom“ eng mit der Organisierten Kriminalität zusammen. Kansas City entwickelte sich in den 1930er-Jahren zu einem Paradies für Glücksspiel, Schmuggel und andere illegale Geschäfte.

Doch ab 1936 begann das System zu bröckeln. Die Zustände in Missouri hatten inzwischen die Aufmerksamkeit der Bundesregierung geweckt. Der neu gewählte Gouverneur Lloyd C. Stark war ursprünglich mit Unterstützung Pendergasts ins Amt gelangt. Doch schon bald wechselte er die Seiten, als er merkte, woher der Wind wehte. Bundesbehörden ermittelten daher ungehindert in Kansas City und deckten nach und nach das weitverzweigte Netzwerk aus Korruption und Vetternwirtschaft auf.

In den folgenden Jahren wurden zahlreiche Behörden umstrukturiert. Neue Führungskräfte sollten das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen. Einer dieser neuen Männer war Polizeichef Lear Reed. Der ehemalige FBI-Agent galt als kompromissloser Reformer. Er entließ korrupte Beamte, zerschlug kriminelle Netzwerke und brachte die Stadtpolizei unter staatliche Kontrolle zurück.

Doch nicht überall waren die früheren Seilschaften verschwunden. Im Sheriff’s Department saßen noch immer viele Männer, die ihre Karrieren dem alten System verdankten. Als der Mord an Leila Welsh die Schlagzeilen beherrschte, entwickelte sich daraus ein regelrechter Wettlauf zwischen den neuen Kräften und den Pendergast-Getreuen. Beide Behörden wollten den Fall lösen. Beide wollten den Erfolg für sich beanspruchen.

Zwischen den Mühlsteinen

George W. Welsh ahnte vermutlich nicht, zwischen welch unerbittliche Mühlsteine er geraten war. Er hatte nicht nur die Ermittler des KCPD im Nacken. Nun interessierte sich auch das Sheriff’s Department für ihn. Die Deputies verhörten den Bruder des Mordopfers wieder und wieder. Allein die erste Befragung soll sich über 18 Stunden hingezogen haben.

Zu diesem Zeitpunkt wusste George noch nichts von dem Fingerabdruck auf der Fensterbank. Während die Behörden um Zuständigkeiten rangen, überprüften die Ermittler jede seiner Aussagen. Sie rekonstruierten seinen Tagesablauf und befragten ihn immer wieder zu den Stunden vor und nach dem Mord.

George Welsh

Bei einer dieser Vernehmungen erklärte George, dass er sich regelmäßig im Zimmer seiner Schwester aufgehalten habe. Oft hätten die beiden dort zusammengesessen und geredet. Gelegentlich habe er auf der Fensterbank gesessen und dabei geraucht. Einen Aschenbecher habe es in Leilas Zimmer nicht gegeben. Deshalb habe er die Zigarettenstummel häufig einfach durch das offene Fenster in den Garten geworfen.

Sollte das stimmen, bedeutete dies, dass er die Fensterbank vermutlich unzählige Male berührt hatte. Doch er machte eine Bemerkung, welche die Mühlsteine in weitere Schwingung versetzte. Er sagte aus, während der letzten 24 Stunden vor dem Tod seiner Schwester nicht deren Zimmer betreten zu haben. Gorman Raney war der Experte für Fingerabdrücke bei der Polizei in Kansas City. Er behauptete, der Fingerabdruck sei ganz frisch. Nicht älter als 24 Stunden. Hatten sie George Welsh damit endgültig am Wickel?

Die Rekonstruktion eines Mordes

Am Morgen des 10. März 1941 versammelte Polizeichef Lear Reed die wichtigsten Ermittler des Falls. Rund 20 Detectives arbeiteten inzwischen an dem Mordfall. Gemeinsam versuchten sie, die Ereignisse der Mordnacht zu rekonstruieren.

Die Ermittler gingen davon aus, dass der Täter bereits vor Leilas Rückkehr zum Haus an der Rockhill Road auf sein Opfer gewartet hatte. Für diese Annahme sprachen mehrere Funde im Garten. Dort lagen Zigarettenstummel sowie Spuren, die auf einen längeren Aufenthalt hindeuteten.

Zudem fanden die Ermittler eine Zeitung, in die der Hammer ursprünglich eingewickelt gewesen sein soll. Ein kleines Stück Papier haftete noch an einer Schnur, die um den Griff der Tatwaffe gebunden war. Nach Ansicht der Polizei hatte der Täter den Hammer erst unmittelbar vor der Tat ausgepackt.

Wo war der Täter eingedrungen?

Auch der mutmaßliche Einstiegsweg schien klar. Unter dem Ostfenster fanden die Ermittler mehrere schwache Schuhabdrücke. Das Fenster befand sich nur knapp einen Meter über dem Boden und ließ sich vergleichsweise leicht überwinden. Im Schlafzimmer selbst fanden sich weitere Schmutzspuren in unmittelbarer Nähe des Fensters. Für die Polizei deutete alles darauf hin, dass der Täter durch dieses Fenster eingestiegen war.

Anschließend näherte er sich dem Bett der schlafenden Leila Welsh. Die Gerichtsmediziner stellten zwei schwere Kopfverletzungen fest. Beide stammten vermutlich von dem Hammer, der neben dem Bett gefunden worden war.

Die Verletzungen passten zu den Aussagen von Marie Welsh. Sie hatte gegen 3 Uhr morgens zwei dumpfe Schläge gehört. Der erste sei lauter gewesen als der zweite. Zwischen beiden Geräuschen hätten nur wenige Sekunden gelegen. Nach Auffassung der Ermittler handelte es sich dabei möglicherweise um die beiden Hammerschläge.

Vorsichtsmaßnahmen

Besonders interessant war ein weiterer Fund im Schlafzimmer. Ein kleiner Stuhl stand hinter der Tür. Die Polizei vermutete, dass der Täter ihn absichtlich dort platziert hatte. Möglicherweise sollte er die Tür blockieren oder als Warnsignal dienen, falls jemand den Raum betreten wollte.

Trotz der schweren Kopfverletzungen gingen die Gerichtsmediziner davon aus, dass Leila zunächst noch am Leben gewesen war. Dann setzte der Täter das Messer ein. Die Verletzungen am Hals zeugten von massiver Gewalt. Der Unbekannte versuchte offenbar, den Kopf vollständig vom Körper zu trennen. Der Beleg dafür: Die Messerklinge hinterließ Kerben an den Knochen der Halswirbelsäule.

Aus den Spuren schlossen die Ermittler außerdem, dass der Täter ein Kleidungsstück verwendet hatte, um Blut aufzufangen und sich selbst vor Blutspritzern zu schützen. Das blutdurchtränkte Männerunterhemd, das später in der Halswunde gefunden wurde, war das entsprechende Indiz.

Interessanterweise hatte er das Hemd zuvor von einer Wäscheleine in den Hintergärten gestohlen. Ihm schien also schon vor bewusst gewesen zu sein, dass er zum einem mit massiven Blutungen zu rechnen hatte und zum anderen wie er sich effektiv dagegen schützen konnte.

Der Gerichtsmediziner Cecil Leitch war sich sehr sicher, dass die Tatdurchführung sich genau so abgespielt hatte: also erst der Hammer und dann das Messer. Dafür sprach aus seiner Sicht unter anderem Blut, das im Gehörgang des Opfers festgestellt wurde. Auch die Lage der großen Blutlache unterhalb des Kopfes passte zu diesem Tatbild.

Länger als notwendig am Tatort

Das Tatverhalten warf weitere Fragen auf. Denn die Spurenlage deutete darauf hin, dass der Täter nach der Zufügung der tödlichen Verletzungen offenbar noch geraume Zeit im Schlafzimmer verbracht hatte. Nichts wies auf einen Einbruchsdiebstahl hin, was dieses Verhalten hätte erklären können. Im Zimmer fehlten keine Wertgegenstände. Der Mörder hatte die Möbel augenscheinlich nicht durchsucht.

Stattdessen hatte der Täter in dieser Zeit am Übergang zwischen Gesäß und Oberschenkel des Opfers ein mehrere Zentimeter großes Stück Haut- und Fettgewebe entfernt. Die Schnittführung wirkte vergleichsweise präzise. Was der Sinn und Zweck dieses Vorgehens war, darüber rätselten die Kriminalbeamten. Denn der Mörder hatte dieses „Souvenir“ auf seiner Flucht wieder entsorgt.

Ein weiteres Rätsel stellte ein mit dem Blut der Toten auf die linke Wade gezeichnetes Symbol dar. Es erinnerte an den Buchstaben „S“, möglicherweise auch an ein „G“, vielleicht eine Kombination aus beidem. Eine eindeutige Deutung gelang den Ermittlern nie. Zum Schluss zog er die blaue Decke über sein Opfer.

Auch die Vorgänge unmittelbar vor der Flucht warfen Fragen auf. Die Vorhänge am Ostfenster waren von der Wand gerissen worden und hingen teilweise über der Fensterbank. Ob dies während des Ein- oder Ausstiegs geschah oder ob der Täter die Vorhänge bewusst arrangierte, blieb ungeklärt. Fest stand lediglich, dass der Täter das Haus wiederum durch das Ostfenster verlassen haben dürfte.

Die Flucht

Beim Übersteigen des Fensters blieb an der Außenwand eine winzige Kugel einer klebrigen Substanz zurück, die die Ermittler für Teer hielten. Darin fanden sich feine Garnfasern, die mit dem kleinen Teppich neben Leilas Bett übereinstimmten. Offenbar hatte der Täter beim Aussteigen Fasern des Teppichs mit nach draußen getragen.

Wenige Meter vom Fenster entfernt steckte das Schlachtermesser bis zum Heft im Rasen. Es war nicht achtlos weggeworfen worden. Wie bereits erwähnt: Die Klinge war in einem Winkel von etwa 45 Grad in den Boden gerammt worden. Anhand der flachen Abdrücke von Daumen und Fingerknöcheln im Erdreich rekonstruierten die Ermittler sogar die Haltung des Täters in diesem Moment. Er musste demnach vor dem Messer gekniet und dabei zurück zum Haus geblickt haben. Sein Blick war direkt auf das Ostfenster gerichtet, durch das er wenige Augenblicke zuvor geflüchtet sein dürfte.

Nach der Rekonstruktion der Polizei verließ der Täter das Grundstück nicht über die Straße, sondern flüchtete durch die rückwärtigen Gärten in Richtung Norden. Er überquerte die 61st Street und gelangte schließlich zum Grundstück der Familie Murphy, wo die Polizeibeamten zahlreiche Indizien sichergestellt hatten.

Dort mussten die Ermittler ihre bisherige Rekonstruktion allerdings anpassen. Zwischen den Grundstücken befand sich ein Gartenzaun. Die Polizei ging davon aus, dass der Täter diesen Zaun überklettert hatte. Dabei verlor er vermutlich das zuvor aus Leilas Körper herausgeschnittene Gewebestück. Ob es ihm versehentlich herunterfiel oder ob er es bewusst zurückließ, ließ sich nicht klären.

Unmittelbar hinter dem Zaun fanden die Ermittler außerdem die beiden weißen Baumwollhandschuhe. Bis auf einen einzelnen Blutfleck am Zeigefinger waren sie erstaunlich sauber. Ein weiteres Detail fiel den Kriminaltechnikern auf: Obwohl es sich um Handschuhe der Größe „Small“ handelte, waren die elastischen Bündchen deutlich überdehnt. Nach Ansicht der Ermittler hatte sie eine Person mit größeren Händen getragen.

Etwa 15 Meter weiter endete die Spur nicht abrupt, aber sie wurde deutlich schwächer. Dort fanden die Ermittler die kleine Stelle, an der sich offenbar Blut mit Schmelzwasser vermischt hatte. Nach ihrer Einschätzung hatte der Täter dort entweder seine Kleidung oder seine Hände gereinigt. Danach verlor sich seine Spur vollständig.

Das erste Täterprofil

Vor allem die Art der Verletzungen beschäftigte die Ermittler. Polizeichef Lear Reed hielt die Schnitte für ungewöhnlich präzise und fragte sich, ob der Täter über anatomische Kenntnisse verfügte. Ebenso fiel auf, dass das blutgetränkte Männerunterhemd offenbar gezielt eingesetzt worden war, um Blutspritzer beim Durchtrennen der Kehle aufzufangen. Reed ging deshalb davon aus, dass der Täter berufliche Vorkenntnisse hatte. Nicht notwendigerweise ein Arzt. Vielleicht jemand, der regelmäßig Tiere geschlachtet hatte, etwa ein Metzger oder Schlachthofarbeiter.

Der Leiter der Mordkommission, Thomas Farley, kam zu einem ähnlichen Schluss. Für ihn sprach das gesamte Tatbild gegen einen unkontrollierten Gewaltausbruch. Der Täter war planvoll vorgegangen und hatte seine Handlungen offensichtlich vorbereitet.

Auch andere Spuren schienen diese Einschätzung zu stützen. Trotz des großen Blutpools neben dem Bett fanden die Ermittler keine blutigen Schuhabdrücke im Schlafzimmer. Nach ihrer Rekonstruktion hatte sich der Täter während der gesamten Tat fast ausschließlich auf dem kleinen Bettvorleger bewegt und so verhindert, mit seinen Schuhen in die sich rasch bildende Blutlache zu treten.

Selbst die zurückgelassenen Handschuhe schienen dieses Bild zu bestätigen. Bis auf den blutverschmierten Zeigefinger wiesen sie kaum Blutspuren auf. Für Reed sprach auch das gegen eine spontane Affekttat.

Gleichzeitig standen die Ermittler vor einem Widerspruch. Einerseits schien der Täter die Tat sorgfältig geplant zu haben. Andererseits hatte er einen schweren, fast fünf Pfund schweren Eisenbahnhammer mitgebracht, obwohl sich unauffälligere Tatwaffen angeboten hätten. Er hielt sich über längere Zeit in einem Haus auf, in dem mehrere Menschen schliefen, und hinterließ zahlreiche Spuren entlang seiner Fluchtroute.

Für Farley und Reed passte dieses Verhalten nicht zu einem routinierten Serienmörder oder Berufsverbrecher. Ihre Schlussfolgerung lautete deshalb: Der Täter hatte zwar mit großer Planung gehandelt, war zugleich aber ein gefährlicher Amateur. Jemand, der sich lange auf die Tat vorbereitet hatte, von seiner Obsession hinsichtlich Leila Welsh getrieben wurde und dafür bereit war, außergewöhnliche Risiken einzugehen.

Eine Spur nach der anderen

Die Polizei setzte alle verfügbaren Kräfte auf den Fall an. Innerhalb von nur zwei Wochen überprüften die Ermittler rund 500 Verdächtige, Zeugen und frühere Bekannte von Leila Welsh. Richard Funk und Elery Boynton gerieten dabei ebenso ins Visier wie zahlreiche andere Personen aus ihrem Umfeld. Beide konnten ihre Alibis für die Tatzeit jedoch durch mehrere Zeugen belegen.

Auch die Tatwaffen beschäftigten die Ermittler. Der Eisenbahnhammer wies Spuren von Kalk auf. Deshalb überprüfte die Polizei Steinbrüche, Bahnbetriebe und Werkzeughändler weit über den Bundesstaat Missouri hinaus. Die Nachforschungen reichten sogar bis nach Mexiko. Doch niemand erkannte den stark benutzten Hammer wieder.

Gleichzeitig gingen die Beamten nahezu jedem Hinweis nach, der aus der Bevölkerung kam. Ein Tankstellenmitarbeiter meldete einen Mann, der nach einer Radiomeldung über den Mord plötzlich überstürzt davongefahren sein sollte. Wenig später wurde ein junger Mann mit bandagierten Fingern überprüft. Auch bekannte Sexualstraftäter mussten sich Verhören unterziehen. Zusätzlich richtete die Polizei Straßensperren ein und kontrollierte Fahrzeuge an den Ausfallstraßen von Kansas City. Jede neue Spur weckte Hoffnung. Doch alle verliefen schließlich im Sand.

Eine Stadt in Angst

Mit jedem Tag ohne Festnahme wuchs die Verunsicherung in Kansas City. Zeitungen berichteten landesweit über den Mord an der jungen Lehrerin. Vor dem Polizeipräsidium warteten Reporter täglich auf neue Informationen. Doch Polizeichef Lear Reed musste immer wieder dieselbe Botschaft verkünden: Der Täter war noch immer auf freiem Fuß.

Die Stimmung in der Stadt änderte sich spürbar. Eltern verboten ihren Töchtern, sich abends mit Freunden zu treffen. Haustüren blieben verschlossen. Selbst Lieferanten und Zählerableser wurden vielerorts misstrauisch empfangen. Der Mord an Leila Welsh hatte ein singuläres Verbrechen in eine öffentliche Bedrohung verwandelt.

Ein Täter ohne Gesicht

Auch Lear Reed musste sich eingestehen, dass die Ermittlungen festgefahren waren. Weder modernste kriminaltechnische Methoden noch Hunderte Vernehmungen hatten den entscheidenden Durchbruch gebracht. Der Täter schien spurlos verschwunden zu sein. Schließlich zog die Polizei Kriminalpsychologen hinzu. Deren erste Einschätzung überraschte.

Der Täter sei vermutlich etwa im Alter des Opfers gewesen – also Anfang bis Mitte zwanzig. Gleichzeitig hielten sie es für unwahrscheinlich, dass es sich um einen völlig Fremden oder um einen engen Vertrauten gehandelt habe. Nach ihrer Auffassung stammte der Täter vielmehr aus Leilas erweitertem Bekanntenkreis. Jemand, den sie über längere Zeit gekannt hatte, ohne engen Kontakt zu ihm zu pflegen.

Für die Ermittler hatte diese Einschätzung weitreichende Folgen. Anstatt weiter wahllos Verdächtigen nachzugehen, konzentrierten sie sich nun verstärkt auf Leilas persönliches Umfeld. Sie begannen, sämtliche bekannten Kontakte der jungen Frau systematisch zu überprüfen. Genau in diesem Moment erhielt der Fall jedoch eine neue Wendung.

Ein unerwarteter Zeuge

Die Ermittler hatten weiterhin nach der Herkunft der Tatwaffen geforscht. Hunderte Eisenwaren- und Haushaltsgeschäfte wurden überprüft. Meist erhielten sie nur ratloses Schulterzucken zur Antwort. Dann führte eine Spur zu einem kleinen Eisenwarengeschäft in der 18th Street.

Die Beamten legten dem Inhaber Joseph Louis Alport zunächst ein Foto des Hammers vor. Der Ladenbesitzer schüttelte sofort den Kopf. Dieses Werkzeug, sagte er, habe er nie verkauft. Anschließend zeigten die Ermittler ihm das Schlachtermesser. Alport hielt inne. Dieses Messer erkannte er wieder. Er war sich sicher, es wenige Tage vor dem Mord verkauft zu haben.

Der Messerkauf

Nach Alports Erinnerung betrat am Nachmittag des 6. März 1941 ein unbekannter Mann sein Geschäft. Er beschrieb den Kunden als etwa 1,65 Meter groß, zwischen 30 und 40 Jahre alt und mit rötlich-braunem Haar. Er habe einen grünen Hut und einen dunklen Mantel getragen.

Zunächst interessierte sich der Mann für ein neues Schlachtermesser. Als Alport ihm den Preis von 1,50 USD nannte, lehnte der Kunde ab. Zu teuer. Daraufhin holte der Ladenbesitzer ein älteres, bereits benutztes Schlachtermesser hervor. Es kostete nur 35 Cent. Doch selbst über diesen Preis wollte der Kunde noch verhandeln. Schließlich einigten sich beide auf 20 Cent.

Damit war der Einkauf allerdings noch nicht beendet. Der Käufer bat Alport, das Messer zu schärfen. Der Ladenbesitzer lehnte ab. Erst wenige Tage zuvor hatte er eine neue Schleifmaschine angeschafft. Er wollte sie nicht wegen eines Messers für 20 Cent einweihen. Stattdessen reichte er dem Kunden eine Feile.

Der Mann machte sich an die Arbeit. Etwa eine halbe Stunde lang bearbeitete er laut Aussagen des Ladeninhabers die Klinge mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen. Als er fertig war, war das Messer nach Alports Erinnerung messerscharf.

Während der gesamten Zeit beobachtete der Ladenbesitzer seinen Kunden aufmerksam. Irgendetwas an dem Mann erschien ihm merkwürdig. Aus Vorsicht behielt Alport deshalb die Hand in Reichweite einer Waffe. Er befürchtete, der Fremde könnte einen Überfall planen.

George Welsh gerät ins Visier

Für die Ermittler war Joseph Alport inzwischen zu einem wichtigen Zeugen geworden. Sie wussten zu diesem Zeitpunkt bereits von dem Fingerabdruck auf der Fensterbank. Deshalb wollten sie herausfinden, ob der Eisenwarenhändler den Bruder des Opfers als Käufer des Messers wiedererkannte.

Die Polizei organisierte eine verdeckte Gegenüberstellung. George Welsh wurde unter einem Vorwand erneut zur Polizeiwache bestellt. Während er mit seinem Onkel Edgar Fleming auf einem Flur wartete, führten Beamte Joseph Alport unauffällig an ihm vorbei. Der Ladenbesitzer wusste, worauf er achten sollte.

Seine Reaktion ließ keinen Zweifel zu. George Welsh sei nicht der Mann gewesen, der das Schlachtermesser gekauft habe. Nach Alports Erinnerung war der Käufer deutlich kleiner und älter gewesen. George passe weder vom Aussehen noch vom Alter zu dem Kunden, der wenige Tage vor der Tat in seinem Geschäft gestanden habe.

Für George war diese Aussage zunächst eine wichtige Entlastung. Die Ermittler konnten den Bruder des Mordopfers damit vorerst nicht mit dem Kauf einer der Tatwaffen in Verbindung bringen.

Eine überraschende Kehrtwende

Die Entlastung hielt nicht lange. Etwa einen Monat später meldete sich Joseph Alport erneut bei der Polizei. Der Eisenwarenhändler bat um eine weitere Gegenüberstellung mit George Welsh.

Die Ermittler kamen der Bitte nach. Wieder wurde George auf die Polizeiwache gebracht. Wieder stand ihm der Mann gegenüber, der das Schlachtermesser verkauft haben wollte. Diesmal fiel Alports Urteil völlig anders aus. Er zeigte auf George Welsh und erklärte: „Das ist der Mann. Ihm habe ich das Messer verkauft.“

Die Ermittler waren überrascht. Nur wenige Wochen zuvor hatte Alport George Welsh noch eindeutig ausgeschlossen. Der Käufer, so hatte er damals mehrfach betont, sei kleiner gewesen, älter und habe rötlich-braunes Haar gehabt. George Welsh passte auf keine dieser Beschreibungen.

Warum der Ladenbesitzer seine Aussage nun vollständig änderte, ließ sich nie überzeugend klären. Polizeichef Lear Reed misstraute jedenfalls der plötzlichen Kehrtwende. Für ihn lag der Verdacht nahe, dass Joseph Alport zwischen beiden Gegenüberstellungen beeinflusst oder unter Druck gesetzt worden war. Fragte sich nur, von wem.

Das Sheriff’s Department übernimmt

Mit der überraschenden Kehrtwende des Eisenwarenhändlers Joseph Alport verschoben sich die Gewichte im Fall Leila Welsh. Das Sheriff’s Department sah sich in seinem Verdacht gegen George Welsh bestätigt. Für Sheriff Granville Richart rückte der Bruder des Opfers nun endgültig in den Mittelpunkt der Ermittlungen. Aus Sicht seiner Behörde lag ein mögliches Tatmotiv auf der Hand: Mit Leilas Tod hätte George das Familienvermögen nur noch mit einer lebenden Schwester teilen müssen. Anderen Spuren ging man ab nun nicht mehr nach.

Reed gerät unter Druck

Für Polizeichef Lear Reed wurde die Lage zunehmend schwieriger. Die Zeitungen berichteten täglich über den Mordfall. Politik, Öffentlichkeit und Medien erwarteten endlich einen Ermittlungserfolg. Gleichzeitig wuchs der Druck durch das Sheriff’s Department, das immer offensiver eigene Ansprüche auf die Ermittlungen erhob.

Nach und nach musste das KCPD immer mehr Informationen herausgeben. Tatortfotos, Gutachten und Beweismittel wurden auch den Ermittlern des Sheriffs zugänglich gemacht. Selbst die beiden Tatwaffen – Hammer und Schlachtermesser – wechselten zur Untersuchung zwischen den Behörden. Aus einer gemeinsamen Mordermittlung war längst ein Machtkampf geworden.

Das Ende einer Karriere

Nur knapp zwei Monate nach dem Mord an Leila Welsh endete Lear Reeds Zeit als Polizeichef von Kansas City. Am 1. Mai 1941 reichte der ehemalige FBI-Agent seinen Rücktritt ein. Offiziell begründete Reed diesen Schritt mit Auseinandersetzungen über seine Bezahlung und personelle Entscheidungen innerhalb der Polizeibehörde.

Doch sein Rückzug fiel in eine Zeit, in der der ungelöste Mordfall seine Arbeit zunehmend überschattete. Hinzu kamen anhaltende politische Konflikte und der erbitterte Konkurrenzkampf mit dem Sheriff’s Department.

Für Sheriff Richart und seine Behörde kam Reeds Rücktritt einem Etappensieg gleich. Der wichtigste Gegenspieler war aus dem Weg. Nun wollten die Ermittler des Sheriff’s Department auch den letzten Schritt gehen. Sie wollten George Welsh wegen des Mordes an seiner Schwester vor Gericht bringen.

Kapitelübersicht zum Fall Leila Welsh

  1. Kapitel 1: Mord in der Rockhill Road
  2. Kapitel 2: George Welsh vor Gericht

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