Louis Werner war ein Zocker, wie er im Buche steht. Der Lufthansa-Angestellte kassierte ein Jahresgehalt von 15.000 $ und platzierte täglich Wetten im Wert von bis zu 300 $. Gleichzeitig musste er Unterhalt für eine Ex-Frau und drei Kinder zahlen sowie eine Freundin versorgen. Dieser Lebensstil konnte auf Dauer nicht gutgehen. 1978 stand Werner bei seinen Buchmachern mit 18.000 $ in der Kreide. Sie pochten auf baldige Rückzahlung. Werner musste sich rasch etwas einfallen lassen.
Inhaltsverzeichnis
Lufthansa-Raub 1978
Plan eines Zockers
Zwei Jahre zuvor hatte Werner bereits unter ähnlichem Druck gestanden. Damals heckte er mit seinem Kollegen und Freund Peter Gruenwald erstmals einen Plan aus, wie sie ihren Arbeitgeber berauben konnten. Am 8. Oktober 1976 verschwanden 22.000 Dollar in Fremdwährung aus dem Frachtgebäude der Lufthansa am Kennedy-Airport in New York.
Am nächsten Tag brachte Werner das Geld in einer Pappschachtel zu Gruenwalds Haus in Levittown auf Long Island. Gruenwald versteckte die Beute auf einer Mülldeponie und holte sie am nächsten Morgen wieder ab. Im Laufe des Tages trafen sich die beiden Ganoven an einer Tankstelle und füllten die Scheine in Plastiktüten um. Den Karton zerrissen sie und verteilten die Einzelstücke in Müllcontainern quer durch die Stadt. Dieses Mal vergrub Gruenwald die Tüten mit der Beute in seinem Garten.
Werner erkundigte sich bei einer Bank, wie er die ausländischen Devisen in amerikanische Dollar umtauschen könne. Ein Schalterbeamter gab ihm die Auskunft, dass Beträge bis zu einem Umtauschwert von 500 $ kein Problem darstellen würden. Alles, was darüber hinaus ginge, müsse die Bank automatisch dem US-Finanzministerium melden.
Eine Woche später beauftragte Werner seinen Bekannten William Fischetti, mit der Beute verschiedene Banken in Manhattan abzuklappern und dort kleine Stückelungen zu tauschen. Werner traf mit dem Komplizen eine interessante Wahl. Denn Fischetti, selber verheiratet, war der Liebhaber von Werners Frau Beverly, die allerdings schon in Trennung lebte.
Obwohl Louis Werner in dem Fall als Hauptverdächtiger galt, wurde er nie verhaftet oder der Tat offiziell beschuldigt. Die Fluggesellschaft sah deshalb auch davon ab, ihm zu kündigen.

Millionen aus Deutschland
Für diese Kulanz bedankte sich der Lufthansa-Angestellte auf seine Weise. Als ihm zwei Jahre später erneut das Wasser bis Oberkante Unterlippe stand, wollte er den Coup von 1976 wiederholen. Doch dieses Mal spielte Peter Gruenwald nicht mit. Sein Anteil an dem Diebstahl hatte seinerzeit 5.000 $ betragen. Angesichts solch mickriger Erträge lohne sich das Risiko und der Stress nicht, so Gruenwald. Er wäre nur bei „etwas richtig Großem“ dabei.
Werner hatte eine Idee. Jeden Monat flog die Lufthansa Millionen von US-Dollar aus Frankfurt ein. Das Bargeld stammte von US-Soldaten und Touristen, die es zuvor in Deutschland ausgegeben hatten. Bevor eine Sicherheitsfirma die Geldkisten abholte, lagerten diese für geraume Zeit in einem Tresor im Frachtdepot der Lufthansa.
Die Sache hatte einen weiteren Vorteil: Die Seriennummern der Geldscheine waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht registriert, sodass die Behörden das Geld nicht zurückverfolgen konnte, sollten eines Tages Teile der Beute wieder auftauchen.
Im August 1978 einigten sich Werner und Gruenwald darauf, besagtes Frachtdepot bei passender Gelegenheit auszurauben. Werner war dort als Vorarbeiter eingeteilt. Er würde eine detaillierte Skizze des Gebäudes anfertigen. Er würde alle Informationen zum aufwendigen Alarmsystem zusammentragen. Gruenwald sollte einen Ablaufplan für den Überfall erstellen und zuverlässige Leute für den Überfall anheuern.
Der Läufer
Doch Gruenwald hatte bis zum Herbst immer noch kein geeignetes Team beieinander. Werner riss der Geduldsfaden. Er konnte nicht mehr länger warten. Der Einbruch musste so schnell wie möglich über die Bühne gehen, sonst war er finanziell erledigt. Also beschloss er, seine eigenen „Beziehungen“ zum Milieu spielen zu lassen. Diese Beziehung bestand im Wesentlichen aus einem Mann: Frank Menna.
Menna verdingte sich als „Läufer“ für Buchmacher. Er war damit so eine Art Wett-Makler. Er sammelte neue Wetten und entsprechende Einsätze bei den Zockern ein und vermittelte sie an einen passenden Buchmacher. Menna arbeitete dabei sehr eng mit dem Buchmacher Martin Krugman zusammen, bei dem Werner die größten Wettschulden offen hatte.
Krugman wusste, für wen Werner arbeitete. Deshalb hatte er Werner trotz steigender Schulden weiterzocken lassen. Er hatte ihn damit in der Hand. Werner würde ihn mit Tipps versorgen, so sein Kalkül, wenn ein Lkw mit lukrativer Fracht den Flughafen verließ. Irgendwie musste er seinen Gläubiger ja bei Laune halten. Krugman konnte diese Tipps dank seiner Connections zu Geld machen. Die Geduld hatte sich ausgezahlt. Denn der jüngste Coup versprach den Jackpot.
Anfang November 1978 erzählte Werner Menna erstmals von seiner Idee, der sich umgehend an Krugman wendete. Der Buchmacher kontaktierte seinen Freund Henry Hill und dessen Partner James Burke. Beide gehörten zwar nicht unmittelbar der Mafia an, waren aber mit der New Yorker Cosa Nostra bestens vernetzt. Speziell Burke galt als große Nummer in der Unterwelt.

James Burke: Soziopath aus dem Lehrbuch
James Burke wurde am 5. Juli 1931 als uneheliches Kind geboren und gleich nach der Geburt von seiner Mutter zur Adoption freigegeben. Es folgte eine Odyssee von Pflegefamilie zu Pflegefamilie. Im Jahr 1944, als Burke 13 Jahre alt war, saß er auf dem Rücksitz eines Autos, das von seinem letzten Pflegevater gesteuert wurde.
Burke wusste, dass dem Mann schnell die Sicherungen durchbrannten. Er provozierte ihn dennoch. Der Pflegevater drehte sich um und schlug auf Burke ein. Dabei verlor er die Kontrolle über das Fahrzeug. Der Wagen überschlug sich. Der Mann starb noch am Unfallort. Die Pflegemutter gab Burke die Schuld am Tod ihres Ehemanns. Sie verprügelte den Jungen regelmäßig, bis das Jugendamt einschritt und Burke in ein Heim einwies.
Burkes Entwicklung zum Lehrbuch-Soziopathen schritt in Siebenmeilenstiefeln voran. Im Alter zwischen 16 und 22 Jahren verbrachte er gerade einmal 86 Tage in Freiheit. Den Rest der Zeit war er in Besserungsanstalten und Gefängnissen weggesperrt. Es hieß, dass er während der Inhaftierung mehrere Mitgefangene im Auftrag von Mafia-Capos, die mit ihm einsaßen, umgebracht habe. Auch nach seiner Haftentlassung kursierten Gerüchte, er habe mehrere Menschenleben auf dem Gewissen. So viel steht fest: Burke war unberechenbar, wiederholt gewalttätig und eng mit der New Yorker Mafia verbandelt.
Fachmann für Raubüberfälle
Burkes Haupteinnahmequelle stellten seit den 1950er Jahren Überfälle auf Lkws dar, die ihre Fracht auf dem Idlewild Airport luden, den man später im Gedenken an den ermordeten US-Präsidenten in John F. Kennedy International Airport umbenannte.
Sein Partner Henry Hill beschrieb Burkes Passion später mit folgenden Worten: „Was man bei Jimmy verstehen muss: Er liebte es, zu stehlen. Beim Stehlen war er in seinem Element. Er brauchte es wie die Luft zum Atmen. Ich denke, wenn jemand Jimmy eine Milliarde Dollar cash auf die Hand als Geschenk angeboten hätte, hätte er sie zurückgewiesen. Stattdessen hätte er einen Plan ausgeheckt, wie er dem Typen die Kohle klauen könnte. Anderen etwas wegzunehmen, war das Einzige, was er wirklich genoss. Es war sein Lebensexlixier.“
Trotz seiner Brutalität hörte Burke auf den Spitznamen „Jimmy the Gent“ = der Gentleman. Dies lag unter anderem an seiner speziellen Masche, mit denen er seine Raubzüge durchzog. Die Gangster, die Lkws überfielen, nahmen dem Fahrer in der Regel den Führerschein ab. Das Vorgehen beinhaltete eine simple, aber effektive Drohung: Wir wissen, wie du heißt und wo du wohnst. Wenn du uns an die Polizei oder die Versicherungsleute verpfeifst, kommen wir dich und deine Familie besuchen.
Auch Burke knöpfte den Fahrern ihren Führerschein ab. Doch er steckte ihnen einen 50-Dollar-Schein ins Portemonnaie, bevor er ihnen die Brieftasche zurückgab. Dieses Verhalten führte dazu, dass Burke immer wieder aus Fahrerkreisen Tipps erhielt, wann ein besonders wertvoller Transport unterwegs war. Burke schmierte zudem viele Polizeibeamten. Selbst als die Polizeispitze den Fahndungsdruck auf ihn erhöhte, wurde er deshalb nie geschnappt – zumindest nicht wegen Lasterüberfällen.
Offener Vollzug
1972 begleiteten Burke und Henry Hill einen New Yorker Gewerkschaftsfunktionär namens Casey Rosado nach Florida. Rosado wollte dort Spielschulden eintreiben. Er benötigte zwei Schläger, um seinen Forderungen gegebenenfalls Nachdruck zu verleihen. Der Schuldner zeigte sich wenig einsichtig, also wurde es rasch hässlich. Burke und Hill prügelten auf den Mann ein und hielten ihn als Geisel fest. Nach einigen Stunden war er bereit, seine Schulden zu begleichen.
Einen Monat später verhaftete das FBI Burke und Hill in New York. Was die Gangster nicht wussten: Die Schwester des Opfers arbeitete für die Bundespolizei als Schreibkraft. Sie hatte ihre Beziehungen spielen lassen. Geiselnahme und Erpressung waren Bundesvergehen, für die das FBI zuständig war. Der Fall ging vor Gericht, das beide Täter jeweils zu einer Haftstrafe von 10 Jahren verurteilte.
Ab dem 25. Oktober 1978 kam Burke in den offenen Vollzug. Er durfte sich tagsüber frei bewegen, musste aber nachts in eine Einrichtung nahe des Times Square in Manhattan zurückkehren. Besondere Sicherheitsvorkehrungen waren dort allerdings nicht vorhanden. Bei der Außenstelle des Gefängnisses handelte es sich um ein ehemaliges Hotel. Den heruntergekommenen Laden hatte man schlicht umbenannt, ohne bauliche Änderungen vorzunehmen.
Die Organisation
Burke war zwar eng mit den Luccheses verbunden, einer der fünf New Yorker Mafia-Familien, agierte aber unabhängig. Ihn verband eine langjährige Freundschaft mit Paul Vario senior, einem der Capos der Lucchese-Organisation. Solange er die Mafia an seinen Raubzügen finanziell beteiligte, konnte er ausrauben, wen er wollte. Burke arbeitete dabei mit einer festen Crew zusammen, zu denen folgende Personen gehörten:
Robert „Frenchy“ McMahon stammte aus dem Viertel Hell’s Kitchen in Manhattan. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein Börsenmakler von der Wall Street. Doch McMahon finanzierte sich seit seiner Jugend vorwiegend aus kriminellen Aktivitäten. Seinen Spitznamen erhielt er, weil er 1972 am Frachtterminal der Air France gearbeitet hatte, um einen Überfall auszubaldowern. Bei dem Coup erbeutete die Gruppe 2 Millionen Dollar von einem Lkw.
Joseph „Joe Buddha“ Manri hieß eigentlich Manriquez mit Nachnamen. Er strebte aber eine Aufnahme in der Mafia an. Er rechnete sich bessere Chancen mit einem italienisch klingenden Namen aus. Seine Freunde nannten ihn „Buddha“ wegen seines kugelrunden Bauchs. Neben den Raubzügen für Burke verdingte er sich als Buchmacher und Autodieb. Manri bewohnte gemeinsam mit „Frenchy“ McMahon eine Wohnung in Ozone Park, Queens.
Angelo Sepe war spindeldürr, nur 1,52 m groß und meist ungepflegt. Er hatte ein Herz für umherstreunende Tiere. Sein Zuhause war ein Asyl für Kaninchen, Vögel, Schildkröten und alles andere, was in New York kreuchte und fleuchte. Sepe war insgesamt 14 Mal verhaftet worden. Die erste Verurteilung kassierte er mit 14 Jahren. Sein Vorstrafenregister reichte von kleinen Betrügereien bis hin zu Einbruchdiebstahl.
Parnell Steven Edwards war quasi das Mädchen für alles der Crew, aber kein wirklich anerkanntes Gang-Mitglied. Er träumte von einer Karriere als Blues-Sänger und trat gelegentlich in „Robert’s Lounge“ auf, dem Treffpunkt der Bande. Edwards arbeitete tagsüber und war für die Bande meistens als Fahrer tätig. Sein Anteil an der Beute bestand in der Regel aus Diebesgut, das er dann auf der Straße verhökerte. Edwards hatte eine Vorstrafe wegen Kreditkarten-Betrugs. Sein Spitzname lautete „Stax“ oder „Stacks“.
Louis „der Wal“ Cafora hatte einen selbsterklärenden Spitznamen: Er verfügte über einen unersättlichen Appetit, hatte sich 136 kg angefuttert und kutschierte in einem auffälligen, belugaweißen Cadillac durch die Gegend. Er war im Drogenhandel und als Kredithai aktiv. Caforas ständiges Gerede über Essen ging Burke zwar gehörig auf den Senkel. Aber er besaß darüber hinaus reichlich praktische Erfahrungen mit Raubüberfallen. Sein Know-how war für die Bande unverzichtbar.
Thomas „Two-Gun Tommy“ DeSimone war ein großer Mann mit einer Vorliebe für teure Anzüge und makellos polierte Schuhe. Er trug immer ein Paar Pistolen mit Perlmuttgriff bei sich, was ihm seinen Spitznamen eingebracht hatte. Er war mit der einflussreichen DeSimone-Mafiafamilie aus Los Angeles verwandt, die wiederum enge Kontakte mit den New Yorker Luccheses unterhielt.
Er hoffte, bald von der Lucchese-Familie als Vollmitglied aufgenommen zu werden. Doch insbesondere Paul Vario hielt den Jungen für zu dumm und zu impulsiv für das Geschäft. Der Möchtegern-Mafiosi brachte mehr Ärger als Geld ein. DeSimone war 1978 in der gleichen Einrichtung wie Burke untergebracht, nachdem er einen Teil einer Gefängnisstrafe wegen Diebstahls verbüßt hatte. Er war zudem der engste Freund von Burke.
Henry Hill war ein Ziehsohn von James Burke und Paul Vario. Er war geschäftstüchtig und einfallsreich. Er entdeckte ständig neue Möglichkeiten, um auf illegalem Weg Geld zu verdienen. Er machte bei Burkes Raubzügen mit, hatte aber eine Reihe eigener Geschäfte am Laufen. Er betrieb Spielhöllen und Nachtklubs. Später mischte er auch im Drogenhandel mit.
Der hagere, kahlköpfige Martin Krugman trug den Spitznamen „Bug Eyes“ wegen seiner hervorstehenden Augäpfel. Krugman war eigentlich Friseur und Perückenverkäufer, verdingte sich aber auch als Buchmacher. Burke hatte ihm den Kennedy-Airport als Revier zugeschustert. Dort durfte er die Wetten von allen Beschäftigten entgegennehmen. Mit seinen Kontakten vor Ort fungierte er auch als Tippgeber für Burkes Raubzüge.
Der Perückenmann
Das Ziel versprach den Gangstern fette Beute. Und dennoch wäre der Coup beinahe schon im Vorfeld geplatzt – aus zwischenmenschlichen Gründen. Jimmy Burke hasste Marty Krugman. Die Abneigung reichte bis in die frühen 1970er Jahre zurück. Damals besaß Krugman den Friseurladen „For Men Only“. Außerdem baute er gleich neben Henry Hills Nachtklub „The Suite“ auf dem Queens Boulevard ein Perückengeschäft auf.
Krugman schaltete für seinen neuen Laden Fernsehwerbung im Nachtprogramm. Die Zuschauer sahen ihn mit einem Fifi durch einen Pool schwimmen. Ein Erzähler sagte: „Krugmans Perücken verlieren nie den Halt.“
Burke erwartete von Krugman, dass er ihm Schutzgeld für seine Läden bezahlte. Er verlangte 200 Dollar die Woche. Aber Krugman weigerte sich. Stattdessen klagte er Henry Hill sein Leid. So viel werfe sein Geschäft nicht ab. Er müsse erst investieren, bevor er Gewinne einfahren könne. Hill versuchte zu vermitteln.
Doch jedes Mal, wenn Burke nachts nicht schlafen konnte, sah er Krugmans Werbung im Fernsehen. Der Typ hatte Geld, um TV-Werbung zu schalten, aber er wollte nicht abdrücken, was ihm zustand? Burke schickte zwei Schläger los, die einen von Krugmans Angestellten zusammenschlugen. Burke betrachtete dies als Warnung. Anstatt einzulenken, drohte Krugman aber damit, zum Staatsanwalt zu gehen.
Burke verlor nach dieser Geschichte das Vertrauen in Krugman. Ihm ging es gegen den Strich, dass er diesem Typ nun einen großen Batzen zahlen müsste, sollte der Coup gelingen. Schließlich hatte ihm Krugman die Gelegenheit auf dem Silbertablett serviert. Doch die Aussicht auf ein paar Millionen Dollar führten dazu, dass Burke seinen Ärger hinunterschluckte – zumindest vorübergehend.
Planung
Aber Burke bestand darauf, dass Krugman nicht direkt mit Werner zu tun hatte. Er schickte stattdessen Joseph „Buddha“ Manri los, der mit dem Lufthansa-Angestellten alle Details klären sollte. Manri würde außerdem der einzige aus Burkes Crew sein, mit dem Louis Werner jemals Kontakt haben sollte. Je weniger er wusste, umso weniger konnte er später der Polizei verraten.
Burke machte sich umgehend an die Planung. Manri übermittelte ihm alles, was Werner und Gruenwald bisher an Informationen zusammengetragen hatten. Burke kümmerte sich um die Einzelheiten, für die Amateure wie Werner oder Gruenwald keinen Blick hatten. Er stellte ein Überfallteam zusammen.
Abhängig von ihrer Funktion sollte jeder Beteiligte zwischen 10.000 und 50.000 Dollar erhalten. Krugmans Anteil lag bei 10 % der Beute. Burke kalkulierte die Zahlen auf einem geschätzten Erlös von 2 Millionen US-Dollar. Sollten sie mehr erbeuten, konnte die Bezahlung noch steigen.
Der Sizilianer
Burke genoss normalerweise zwar Narrenfreiheit. Aber einen Überfall in dieser Größenordnung konnte er nicht ohne Zustimmung der Mafia durchziehen. Denn die Geschichte würde mächtig Staub aufwirbeln. Die Gesetzeshüter würden jeden Ganoven zwischen New Jersey und Long Island aufs Korn nehmen. Solche unangemeldeten Störungen mochte die Cosa Nostra nicht.
Also holte sich Burke den Segen von Paul Vario und der Lucchese-Familie. Doch als die Gambino-Familie von der Sache Wind bekam, verlangte sie ebenfalls einen Anteil. Burke musste mit John Gotti verhandeln, dem späteren Paten der Gambinos, der zu dieser Zeit aber noch Capo war. Für die Zustimmung forderte Gotti 200.000 Dollar ein. Außerdem bestand Gotti darauf, dass der Gambino-Soldat Paolo LiCastri an dem Überfall teilnahm.
Die Gambinos hatten Paolo LiCastri direkt aus der alten Heimat Sizilien importiert und setzten ihn als Schläger und Auftragskiller ein. 1975 verurteilte ihn ein US-Gericht wegen Mordes. Anfang 1978 schoben ihn die Behörden in sein Herkunftsland Italien ab. Im November 1978 hatten ihn die Gambinos bereits wieder in die Vereinigten Staaten hineingeschmuggelt.
LiCastri war schwer von seinen Fähigkeiten überzeugt. Er sonderte Sprüche ab wie: Er mache in Klimaanlagen. Dank Smith & Wesson seien seine Opfer immer bestens durchlüftet. Burkes Bande war in seinen Augen ein Haufen Strauchdiebe, bestenfalls nützliche Handlanger. Burke ging der Bursche mit seiner Art ganz schnell mächtig auf die Nüsse.
Startschuss
Am Freitag, dem 8. Dezember, kam im Frachtterminal der Lufthansa endlich eine Geldlieferung der Commerzbank aus Frankfurt an. Ein Geldtransporter holte einen Teil des Geldes umgehend ab, um es zur Chase Manhattan Bank zu bringen. Der Großteil der wertvollen Fracht sollte jedoch mit einem gepanzerten Wagen der Firma Brinks abtransportiert werden.
Doch als die Sicherheitsleute am Lufthansa-Terminal vorfuhren, teilte ihnen der zuständige Mitarbeiter mit, dass er zunächst die Genehmigung seines Vorgesetzten benötige, um das Geld freigeben zu können. Danach verschwand er und ward die nächsten anderthalb Stunden nicht mehr gesehen. Den Geldboten riss irgendwann der Geduldsfaden. Sie funkten ihre Zentrale an. Von dort kam die Anweisung, sie sollten ihre Runde ohne die Lieferung fortsetzen. Der Mann, der die Geldboten erfolgreich abgewimmelt hatte, war Louis Werner.
Werner rief sofort „Buddha“ Manri an. Burkes Crew traf am Wochenende die letzten Vorbereitungen. Am Montag, dem 11. November, fuhren gegen 3.00 Uhr morgens auf dem Parkplatz vor dem Frachtterminal ein Ford Econoline 150 Van und ein Buick-Pkw vor. Im Van saßen Angelo Sepe, Tommy DeSimone, Louis Cafora, Joe Manri, Frenchy McMahon und Paolo LiCastri.
Vorspiel
Den Pkw steuerte Burkes Sohn Frank Jesse. Der Buick diente als „Crash Car“. Falls die Polizei nach dem Überfall auftauchen und die Verfolgung aufnehmen sollte, würde Frank die Verfolger durch einen Unfall aufhalten. Der Transporter hätte dann die Chance, mit der Beute zu entkommen zu können.
Jetzt stiegen vier Männer in dunkler Kleidung und mit schwarzen Skimasken vor den Gesichtern aus dem Van und betraten das Frachtgebäude der Lufthansa. Die übrigen beiden Bandenmitglieder fuhren mit dem Transporter zur Rückseite des Terminals. Dort knackten sie mit einem Bolzenschneider das Kettenschloss am Sicherheitszaun und ersetzten es pro forma mit einem neuen Schloss, das sie aber nicht verriegelten. Frank Burke wartete derweil im Buick auf dem Parkplatz.
James Burke hatte den Beginn des Überfalls nicht ohne Grund für 3.00 Uhr eingeplant. Laut Werner hatten die Mitarbeiter der Nachtschicht zu diesem Zeitpunkt Pause. Insgesamt waren es in dieser Schicht zehn Kollegen. Die Mehrzahl würde sich im Aufenthaltsraum einfinden. Der Plan schien aufzugehen. Als die vier Räuber in das Lagergebäude eindrangen, war der Sicherheitsmann verschwunden. Die Männer gelangten ungehindert die Treppe hinauf zu Büros und Aufenthaltsraum.
Überwältigt
Der erste Lufthansa-Angestellte, auf den sie trafen, hieß John Murray. Der Cargo Agent war an seinem Schreibtisch eingenickt. Sie konnten ihn ohne Problem überwältigen. Die vier Gangster scheuchten Murray mit gezückten Waffen in den Aufenthaltsraum. Hier saßen bereits fünf Kollegen von Murray. Die Räuber zwangen sie, sich auf den Boden zu legen und die Augen zu schließen. Anschließend fesselten sie ihren Opfern die Hände mit Handschellen auf den Rücken.
Burkes Crew hatte von Louis Werner erfahren, dass der Schichtleiter in dieser Nacht ein gewisser Rudi Eirich war. Eirich hatte die Schlüssel zum Tresor. Sie fragten die Geiseln, ob einer von ihnen Eirich sei. Murray antwortete. Eirich halte sich mit den übrigen drei Kollegen noch im Frachtraum auf.
Burkes Männer mussten improvisieren. Während einer die Opfer bewachte, zerrten die drei anderen Murray zurück in sein Büro. Er solle Eirich im Frachtraum über das Intercom rufen und ihn nach oben locken. Er solle behaupte, er habe Frankfurt an der Strippe. Eirich müsse sofort nach oben kommen. Der Trick funktionierte. Jetzt waren es nur noch drei.
Störung
Kerry Whalen arbeitete als Fahrer für die Lufthansa. Er transportierte die Fracht vom Flieger zum Depot. Als er in dieser Nacht am Tor auf der Rückseite des Terminals vorfuhr, fiel ihm ein Van auf, der dort parkte. Er kannte den Wagen nicht. Whalen stieg aus, um den Fahrer zu bitten, sein Fahrzeug vor der Toreinfahrt wegzufahren. An der Fahrertür angekommen blickte Whalen plötzlich in den Lauf einer Waffe.
Whalen machte auf dem Absatz kehrt und rannte davon. Die beiden unmaskierten Insassen des Vans (ihnen war unter der Skimaske zu heiß geworden) holten ihn ein, schlugen seinen Kopf gegen den Lieferwagen und warfen den benommenen Mann auf die Ladenfläche des Vans. Sie befahlen ihm, ruhig liegen zu bleiben.
Auf der anderen Seite des Tors, im Innern des Frachtdepots, hielt sich zu diesem Zeitpunkt der Lufthansa-Mitarbeiter Rolf Rebmann auf. Er hörte zunächst laute Männerstimmen. Dann schlug eine Wagentür zu. Rebmann trat vor das Lager, um zu sehen, was da draußen vor sich ging. Die Räuber zielten mit einer Pistole auf ihn. Sie zwangen den Wachmann, sich neben den Whalen in den Transporter zu legen.
Drei Männer aus Burkes Crew hatten inzwischen mit Eirich als Geisel den Frachtraum erreicht. Dort fanden sie aber nur noch einen der Lufthansa-Mitarbeiter vor – nicht drei.
Insider
„Wer fehlt noch?“, fragten sie Eirich.
„Ich kann es nicht genau sagen“, antwortete Eirich.
„Pass auf, du Scheisskerl“, drohte einer der Täter, der eine abgesägte Schrotflinte in der Hand hielt. „Wir haben deine Adresse. Wir werden deine Familie umbringen, wenn du nicht endlich auspackst.“
In diesem Moment lugte einer der beiden Gangster aus dem Van in die Halle. Sie waren unruhig geworden. Man hinkte mittlerweile deutlich dem Zeitplan hinterher. Er sah eines der Gang-Mitglieder, der die Halle nach den verschwundenen Lufthansa-Mitarbeitern durchsuchte. Er teilte ihm mit, dass sie die beiden Burschen bereits überwältigt hatten. Rebmann, Whalen und ihr Kollege wurden in den Aufenthaltsraum gebracht.
Eirich blieb alleine mit den Gangstern zurück. Sie stießen ihn zum Tresor, während der Van in die Halle fuhr. Sie drohten Eirich erneut, ihm und seiner Familie Gewalt anzutun. Angeblich seien bereits weitere Männer in seinem Haus und warteten bloß auf ein Zeichen, um seine Frau und Kinder zu töten.
Gleichzeitig kannten sich die Räuber bestens mit den Sicherheitsvorkehrungen im Frachtdepot aus. Der Tresor bestand aus zwei Türen. Die erste Tür musste sich zunächst schließen, bevor man die zweite Tür öffnete. Ansonsten löste das System einen stillen Alarm bei der Flughafenpolizei aus. Die Täter wussten darüber Bescheid. Eirich dämmerte allmählich, dass die Männer über Insiderinformationen verfügten. Er hatte keine Wahl, als ihren Anweisungen zu folgen.
Alles nach Plan
Die Bande lud 72 Kartons (laut New York Times; in anderen Quellen ist von 40 Kartons die Rede), randvoll mit Geldscheinen, in den Van ein. Die Männer brachten Eirich schließlich in den Mitarbeiterraum zu den anderen. Beim Schichtleiter verzichteten sie auf Handschellen und fixierten ihn stattdessen mit Klebeband. Vor ihrer Flucht nahmen die Räuber den Angestellten noch alle Autoschlüssel ab und ließen zudem Whalens Brieftasche mitgehen.
Sie wiesen ihre Gefangenen an, sich zehn Minuten nicht zu rühren. Werner hatte ihnen verraten, dass die Flughafenpolizei binnen 90 Sekunden am Terminal sein konnte, sobald sie verständigt wurde. Das wäre zu knapp. Einer der Gangster fuhr den Lieferwagen zum Haupteingang des Depots. Zwei Räuber kletterten in den Van, die anderen stiegen in den Buick zu Frank Burke. Es war 4.21 Uhr.
Die beiden Fahrzeuge verließen ohne Schwierigkeiten das Terminal und das Flughafengelände. Eirich konnte zwar seine Handfesseln an einer scharfen Tischkante durchschneiden. Aber als er gegen 4.30 Uhr endlich die Flughafenpolizei verständigte, waren die Täter längst über alle Berge.
Der Van und der Buick begaben sich derweil zu einer Autowerkstatt nach Brooklyn in den Stadtteil Canarsie. James Burke und „Stacks“ Edwards erwarteten sie dort bereits. Die Männer luden die Geldkisten vom Van in den Kofferraum eines der wartenden Pkws um.
Burke und sein Sohn fuhren in dem Auto mit der Beute davon. Manri, McMahon, DeSimone und Sepe teilten sich das zweite Auto. Cafaro wurde von seiner Frau abgeholt, die in seinem weißen Cadillac ein paar Blocks weiter wartete. LiCastri nahm die U-Bahn nach Hause. Und Edwards sollte den Van verschwinden lassen. Zunächst tauschte er in der Werkstatt die Nummernschilder aus. Anschließend sollte er den Transporter zu einem Schrottplatz nach New Jersey fahren und dort in einer Schrottpresse entsorgen.
Fette Beute
Als die New York Times am 12. Dezember 1978 erstmals über den Überfall berichtete, betrug die geraubte Summe nach ersten Schätzungen 3 Millionen Dollar in bar. Außerdem hatten die Räuber Juwelen im Wert von etwa 2 Millionen Dollar erbeutet. Zwei Tage später korrigierte die Lufthansa die Schätzung. Jetzt waren den Tätern 5,875 Millionen Dollar in bar und Schmuck im Wert von 850.000 Dollar in die Hände gefallen.
Die Beute in Höhe von knapp 5,9 Millionen US-Dollar bedeutete laut FBI-Angaben, dass es sich um den größten Raubüberfall in der Geschichte der Vereinigten Staaten handelte. Gemessen an der Kaufkraft würde die Summe heute einem Wert von knapp 30,1 Mio. Dollar entsprechen (Stand 2026).
Bis hierher war Burkes Plan perfekt aufgegangen. Doch dann machte der verhinderte Sänger „Stacks“ Edwards einen verhängnisvollen Fehler. Und die Burke Crew sollte alsbald der Blues ereilen.
Wenn die Vöglein singen
Der Raub einer so großen Summe Geldes war Big News. Alle Medien sprangen auf die Geschichte an. Später sollten mehrere Filmproduzenten das Potenzial der Story erkennen. Zuerst entstanden zwei Fernsehfilme – „The 10 Million Dollar Getaway“ und „The Big Heist“.
Aber erst Martin Scorseses Blockbuster „Goodfellas“ verlieh dem Fall internationale Bekanntheit. In „Goodfellas“ wird der eigentliche Überfall nur in einer eher kurzen Sequenz gezeigt, spielt aber dennoch eine wichtige Rolle. Die Details fußen auf der Biografie von Henry Hill und entsprechen in vielen Punkten den realen Ereignissen.
Schneller Fahndungserfolg
Mit dem Fall befassten sich gleich vier verschiedene Ermittlungsbehörden: das Raubdezernat des 113. Bezirks der Stadt New York, die Kriminalabteilung der Bezirksstaatsanwaltschaft von Queens, die Hafenpolizei (in deren Zuständigkeitsbereich auch die Flughäfen fielen) sowie das FBI. Die Ermittler waren sich nach den ersten Zeugenvernehmungen rasch einig, dass sie es mit einem Insider-Job zu tun hatten.
Ein Polizeizeichner fertigte nach den Angaben der Zeugen Phantomzeichnungen von den beiden Tätern an, die ihre Masken vorübergehend ausgezogen hatten. Die Polizei gab eine Beschreibung des Ford Ecoline Vans an die Medien weiter. Die Behörden kontaktierten ihre Spitzel. Und sehr bald lieferten ihnen die Informanten erste konkrete Namen: Tommy DeSimone, Angelo Sepe, Frank Burke und ein Mann namens Anthony Rodriquez. Die Vögel zwitscherten in der ganzen Stadt.
Nachdem die Presse den Fahndungsaufruf nach dem verdächtigen Lieferwagen gedruckt hatte, meldete sich ein Ehepaar aus Long Island bei der Polizei. Ihnen war am Tag vor dem Überfall ein Fahrzeug des gleichen Fabrikats gestohlen worden. Der Wagen hatte in Flushing, Queens, geparkt. Am 13. Dezember entdeckte eine Polizeistreife den fraglichen Van, abgestellt auf einer Straße in Brooklyn. Die Beamten fanden im Innenraum die Geldbörse von Kerry Whalen.
Was war bei der Entsorgung des Wagens schiefgelaufen? Dieses Wissen hat „Stacks“ Edwards mit ins Grab genommen. Die heute gängige Erklärung lautet: Auf der Fahrt zum Schrottplatz nach New Jersey habe er einen Joint geraucht und plötzlich Lust auf einen Abstecher zu seiner Freundin verspürt.
Dort angekommen habe er sich betrunken und zudem Kokain reingezogen. Als er dann seinen Rausch ausschlief, sei einer Streife der Van aufgefallen, der zu allem Überdruss im Parkverbot abgestellt war.
Dummerweise heißt es in der New York Times, dass der Wagen erst am 13. Dezember, also mehr als zwei Tage nach dem Überfall gefunden wurde. Da müsste Edwards folglich sehr lange geschlafen haben. Wie immer es auch in Wahrheit gelaufen sein mag: Die Spurensicherung entdeckte am Lenkrad einen Fingerabdruck, der von Edwards stammte. Da Edwards Beziehung zu Burke polizeibekannt war, hatten die Räuber nun ein schwerwiegendes Problem.
Spiel mit dem Feuer
Einen Tag nach dem Fund, am 14. Dezember, trafen sich alle Tatbeteiligten in „Robert’s Lounge“, um den Coup zu feiern. Auch Paul Vario erschien mit zwei Brüdern. Obwohl Burke und die anderen inzwischen erfahren hatten, dass der Van wieder aufgetaucht war, besaß „Stacks“ Edwards die Chuzpe, ebenfalls auf der Party zu erscheinen. Er riss Witze über die Mafiatypen, die sich nun die Millionen unter die Finger rissen, ohne dass er selbst bisher einen einzigen Penny gesehen habe.
Augenscheinlich war ihm nicht klar, dass er mit dem Feuer spielte. Am Abend des 18. Dezember erhielt Edwards Besuch von Tommy DeSimone und Angelo Sepe. Sie schossen Edwards mehrfach in den Kopf. Man fand ihn im Bett in seiner Wohnung in Queens.
Martin Krugman hatte gleichfalls ein Talent dafür, sich unbeliebt zu machen. Er erinnerte Burke permanent daran, dass sein Anteil aus der Beute zehn Prozent betrug. Er rechnete ihm detailliert vor, dass dies auf mindestens eine halbe Million Dollar hinauslief. Krugman wollte wissen, wann er endlich sein Geld sehe. Er beklagte sich bei Burke, dass er jede Woche Zinsen an einen Kredithai abdrücke. Warum müsse er noch Zinsen berappen, obwohl er mit seinem Anteil jederzeit den gesamten Kredit ablösen könne?
Henry Hill, der einerseits mit Krugman enger befreundet war, andererseits wusste, wie Burke tickte, versuchte den Perückenverkäufer zu beruhigen. Er sagte ihm, er würde das Geld bald bekommen. Noch sei die Sache zu heiß. Die Polizei warte nur auf einen Fehler. Kurz vor Weihnachten gab Burke Krugman dennoch 50.000 Dollar.
Doch Krugmans Jammern verstummte nicht. Er habe Werner 40.000 Dollar der Summe in die Hand gedrückt. Der Junge habe sich für sie den Arsch aufgerissen. Nun müsse er aber immer noch Zinsen zahlen. Wann zahle ihm Burke endlich seinen vollen Anteil aus, der ihm zustehe?
Spurlos verschwunden
Am Morgen des 6. Januars erhielt Henry Hill einen Anruf von Krugmans Frau Fran. Sie mache sich Sorgen. Marty sei in der letzten Nacht nicht nach Hause zurückgekehrt. Hill konnte ihr nichts sagen. Wieder und wieder rief Fran an diesem Tag an. Hill versprach ihr, nach Krugman zu suchen.
Er fuhr zum Treffpunkt von Burkes Crew. Vor der Bar parkte Burkes Wagen. Burke saß an der Theke. Hill berichtete über die Anrufe von Fran Krugman. Burke sagte bloß: „Er ist weg. Hol deine Frau ab und fahr zu Fran. Sag ihr, dass er wahrscheinlich bei einer Freundin ist. Erzähl ihr irgendeine Geschichte.“ Krugman wurde nie mehr gesehen.
Im Januar 1979 verschwand ein weiteres Mitglied von Burkes Crew spurlos. Laut Henry Hill hatte Tommy DeSimone konkrete Hoffnungen, dass sein größter Wunsch in der Woche nach Weihnachten in Erfüllung ginge. Die Lucchese-Familie habe ihm eine Aufnahme als Mafiamitglied, als „gemachter Mann“, in Aussicht gestellt. Burke und Hill hielten sich während der Feiertage in Florida auf. Burke telefonierte mehrfach mit DeSimone und dessen Familie.
Erst hieß es, das Aufnahmeritual sei wegen heftigen Schneefalls verschoben worden. Am nächsten Tag beobachtete Hill, wie Burke in einer Telefonzelle mit dem Hörer auf den Apparat eindrosch. Irgendetwas war furchtbar schiefgegangen. Burke kam aus der Telefonzelle und hatte Tränen in den Augen. „Sie haben Tommy erschlagen“, sagte Burke laut Hill. „Die gottverdammte Gotti Crew hat Tommy erschlagen.“
Wie sich herausstellte, hatte DeSimone in früheren Tagen zwei Gambino-Mafiosi getötet: William „Billy Batts“ DeVino and Ronald „Foxy“ Jerothe. Aus persönlichen Gründen. Aus Wut. Unbedacht. Wie Paul Vario schon über DeSimone geurteilt hatte: „Zu dumm und zu impulsiv fürs Geschäft.“ Die Mafia übte Vergeltung. Am 14. Januar 1979 stellte DeSimones Frau Cookie Vermisstenanzeige bei der Polizei. Der Leichnam wurde nie gefunden.
Abhöraktion
Die Ermittlungen schienen zu Beginn mit Riesenschritten voranzukommen. Den Behörden lagen nach wenigen Stunden bereits vier konkrete Namen von Tatverdächtigen vor. Obgleich sich der Tipp zu Anthony Rodriquez (ein Mafia-Freund von Angelo Sepe) später als Fehlalarm erweisen sollte, waren Sepe, DeSimone und Burke jedoch Volltreffer.
Ein Mafioso der Colombo-Familie, der als Informant für das FBI arbeitete, erzählte den Agenten, dass Jimmy Burke der Strippenzieher bei diesem Raub gewesen sei. Kerry Whalen identifizierte Angelo Sepe als einen der Männer, die ihn angegriffen hatte. Whalens Kollege Rebmann deutete auf das Bild von Tommy DeSimone – das war der zweite Räuber, der seine Maske in der Tatnacht fallengelassen hatte.
Doch anstatt auf eine schnelle Verhaftung zu drängen, besorgten sich die Ermittler zunächst eine Abhörerlaubnis bei Gericht. Die Beamten brachten an den Wagen der Verdächtigen Peilsender und Wanzen an. Sie hörten die Telefone in „Robert’s Lounge“ und alle Münzfernsprecher in der näheren Umgebung ab.
Die Polizei hoffte, dass sie mithilfe dieser Maßnahme alle Tatbeteiligten fassen könne. Sepe, DeSimone und Burke ahnten entweder von der Überwachung oder hatten von ihren Polizeikontakten konkrete Hinweise erhalten. Sie verhielten sich extrem vorsichtig und konnten sich immer wieder der Überwachung entziehen.
Bestes Beispiel war das spurlose Verschwinden von Tommy DeSimone Anfang Januar 1979. Das FBI und die anderen Ermittlungsbehörden hatten keinen blassen Schimmer, wo der Verdächtige abgeblieben war. Zunächst gingen sie davon aus, dass er lediglich untergetaucht sei. Aber dann verdichteten sich die Gerüchte, DeSimone sei von der Mafia umgebracht worden.
Die erste Verhaftung
Am 17. Februar zog das FBI die Konsequenzen. Die Agenten verhafteten Angelo Sepe, der von einem Augenzeugen identifiziert worden war. Frei nach dem Motto: Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Der Haftrichter setzte die Kaution auf 1 Million Dollar fest. Der Staatsanwalt hatte das Gericht überzeugen können, dass der Verdächtige enge Beziehungen zu Paul Vario und damit dem organisierten Verbrechen pflegte.
Als das FBI Sepe verhaftete, durchsuchten die Agenten sein Haus. Sie fanden weder die Beute aus dem Lufthansa-Raub noch andere Hinweise, die Sepe mit dem Überfall in Verbindung brachten. Doch sie trafen einen interessanten Besucher an: James Burke. Sepes Anwalt konnte am 23. März zwar eine Einstellung des Verfahrens gegen seinen Klienten im Falle des Lufthansa-Überfalls erwirken, da die Anklage alleine auf der Zeugenaussage von Whalen fußte, deren Beweiskraft der Verteidiger erfolgreich in Zweifel stellte.
Doch sowohl Sepe als auch Burke standen noch unter Bewährung. Durch ihr Treffen hatten sie gegen ihre Bewährungsauflagen verstoßen. Kontakte zu anderen verurteilten Straftätern waren in dieser Phase tabu. Sepe verblieb somit im Gefängnis. Burke wurde am 12. April verhaftet. Die Ermittler bekamen dadurch Zeit, andere Beweise gegen die mutmaßlichen Haupttäter zusammenzutragen – zum Beispiel durch ein Geständnis.
Ans Messer geliefert
Die Behörden gingen wie bereits erwähnt sehr frühzeitig von einem Insider-Job aus. Die Ermittlungen im Umfeld des Lufthansa-Depots führten schnell auf die Spur von Louis Werner und Peter Gruenwald. Beide waren als langjährige Zocker bekannt. Gruenwald hatte kürzlich hohe Spielschulden beglichen. Werner fuhr seit neuestem mit einem nagelneuen Sportwagen umher. Bei den ersten Befragungen behaupteten die Männer, sie hätten zuletzt einfach Glück im Spiel gehabt. Das Geld stamme aus gewonnenen Wetten.
Anfang Februar 1979 erhielt Grünwald eine Vorladung zur Grand Jury, die sich mit dem Lufthansa-Raub beschäftigte. Am 19. Februar hielten ihn Beamten in der Abflughalle am Flughafen fest. Er wollte gerade einen Flieger nach Asien besteigen, um dort einige Zeit mit seiner Ex-Frau zu verbringen. Aufgrund der offenen Vorladung durfte er das Land aber nicht verlassen. Das FBI erwirkte einen Haftbefehl wegen Fluchtgefahr.
Der leitende Staatsanwalt bot Gruenwald einen Deal an. Würde er als Kronzeuge aussagen, käme er ungestraft davon. Gruenwald lehnte das Angebot ab. Der Staatsanwalt steckte den Lufthansa-Mitarbeiter eine Nacht ins Bezirksgefängnis. Am folgenden Morgen redete Gruenwald wie ein Wasserfall.

Gruenwald konnte der Ermittlungsbehörde zwar nicht sagen, wer letztlich am Raubüberfall beteiligt war, da er die Hintermänner nie kennengelernt hatte. Doch er packte über die ursprüngliche Planung und den Diebstahl von 1976 aus. Damit lieferte er Louis Werner, William Fischetti und Frank Menna ans Messer.
Schließlich vernahm der Staatsanwalt noch Werners Frau Beverly und seine aktuelle Partnerin Janet Barbieri. Beide Frauen gaben zu, dass Werner ihnen gegenüber mit seiner Rolle beim spektakulären Raubüberfall im Dezember geprahlt habe. Beverly Werner konnte als direkte Angehörige von Rechts wegen eine Aussage vor der Grand Jury verweigern. Für Janet Barbieri galt diese Einschränkung nicht.

Die Staatsanwaltschaft erwirkte Haftbefehl gegen William Fischetti und Frank Menna. Als Menna an seiner Tür zwei FBI-Agenten gegenüberstand, sagte er nur: „Ich will einen Anwalt. Ich will Immunität.“ Fischetti zeigte sich hingegen darüber besorgt, dass seine Frau von seiner Affäre mit Beverly Werner erfahren könnte. Am 20. Februar verhaftete das FBI schließlich auch Louis Werner, als er vor einer Bowlingbahn auf Long Island in seinen nagelneuen Sportwagen einstieg.

Das große Sterben
Mit Edwards, Krugman und DeSimone waren bereits drei Tatbeteiligte getötet bzw. spurlos verschwunden. Lediglich bei DeSimone war die Beteiligung am Lufthansa-Raub aller Wahrscheinlichkeit nach nicht maßgeblich für sein Verschwinden. Doch das große Sterben sollte erst im Februar 1979 beginnen.
Das Party-Girl
Erstes Opfer war Theresa Ferrara. Am 10. Februar verließ die 26-jährige Frau einen Schönheitssalon in Bellmore, Long Island. Ein unbekannter Anrufer hatte sie gebeten, jemanden in einem nahe gelegenen Restaurant zu treffen. Ferrara sagte den Mitarbeitern des Kosmetiksalons, sie sei nur eine Viertelstunde fort. Sie ließ ihre Handtasche, ihr Geld und ihre Schlüssel im Geschäft zurück. Ihr Leichnam wurde drei Monate später am 18. Mai bei Barnegat Inlet in New Jersey an Land gespült.
Theresa Ferrara war nicht an der Tat beteiligt, wusste aber möglicherweise zu viel. Sie hing häufig im Nachtklub „Robert’s Lounge“ ab, war die Geliebte mehrerer Krimineller (unter anderem von Tommy DeSimone) und verdingte sich gelegentlich als Drogenkurierin. Ihre Liebhaber versorgten sie mit Geld, kauften ihre teure Geschenke wie eine Penthouse-Wohnung oder einen Sportwagen. Gleichzeitig arbeitete sie als Informantin für das FBI.
Die Bundespolizei hatte die Frau im Sommer 1977 bei einer Undercover-Aktion verhaftet. Das FBI stellte ihr Straffreiheit in Aussicht, wenn sie der Behörde als Spitzel diente. Dank eines Tipps von ihr konnten Küstenwache und DEA am 11. November 1978 dreißig Tonnen Betäubungsmittel an der Uferpromenade von Queens beschlagnahmen. Die konfiszierte Ware gehörte Paul Vario.
Möglicherweise hatte Vario also inzwischen von Ferraras Spitzeldiensten erfahren und den Mordauftrag erteilt. Vielleicht befürchtete aber auch Burke, dass einer seiner Leute gegenüber Ferrara Betriebsgeheimnisse ausgeplaudert hatte. Die Hintergründe der Tat ließen sich nie zweifelsfrei aufklären. Zumindest setzten die Ermittlungsbehörden ihren Tod 1979 in Verbindung mit dem Lufthansa-Raub.
Der Trickbetrüger
Ebenso unklar ist, welche Rolle ein gewisser Richard Eaton eventuell bei dem Plot gespielt hat. Am Morgen des 18. Februar entdeckten Kinder beim Spielen auf einer wilden Müllkippe in Brooklyn Eatons Leichnam. Der Tote war gefesselt und geknebelt. Die Leiche lag auf einem Sattelschlepper-Wrack.
Die herbeigerufenen Beamten der Mordkommission durchsuchten die Kleidung des Toten. Im Futter seines Mantels bemerkten sie ein kleines Adressbuch. Dank des Eintrags eines Zahnarztes ließ sich das Opfer, bei dem sich keinerlei Ausweispapiere fanden, als Richard Eaton identifizieren. Doch in dem Buch war unter anderem auch die Telefonnummer von James Burke vermerkt. In welcher Beziehung stand der Tote zu ihm?
Eaton war der Polizei in der Vergangenheit als Falschspieler und Trickbetrüger aufgefallen. In den 1970er Jahren arbeitete er mit dem kanadischen Gangster Thomas Monteleone zusammen, der in Fort Lauderdale (Florida) ein Restaurant namens „Player’s Club“ betrieb. Der „Player’s Club“ war ein Treffpunkt des organisierten Verbrechens. Zu den regelmäßigen Gästen gehörten Paul Vario und James Burke. Dort lernten sich Burke und Eaton schließlich kennen.
Durch die Überwachung von Sepe, DeSimone und Burke hatte das FBI in Erfahrung gebracht, dass Eaton vermutlich in einen Kokain-Handel mit Burke in Florida verwickelt war, bei dem es um 250.000 Dollar ging. Seine Rolle blieb jedoch unklar. Nun war Eaton nach New York zurückgekehrt und fand sich tot auf einem Sattelschlepper wieder.
Ging es dabei um den Drogendeal? Oder hatte Eaton etwas mit dem Lufthansa-Raub zu tun? Es gab Gerüchte, Burke habe einen Teil der Beute über Monteleones Laden waschen wollen. Möglicherweise hatte Eaton versucht, Burke bei diesem Handel abzuzocken. Die Polizei kannte die Antwort nicht. Die Ermittler wussten nur, dass der Mann die Wege von Burke gekreuzt hatte – mit tödlichem Ausgang für ihn.
Der einzige Zeuge, der bei der Klärung des Falls hilfreich sein konnte, war Thomas Monteleone. Doch bevor die Polizei ihn vernehmen konnte, wurde Monteleone ebenfalls ermordet. Seine Leiche fand sich in Connecticut.
Ein Wal verschwindet
Im März 1979 verschwand dann ein weiterer Mann, der definitiv mit dem Überfall auf die Lufthansa zu tun hatte: Louis „der Wal“ Cafora. Die Beamten des 113. Bezirks hatten ihn bereits seit geraumer Zeit als Tatverdächtigen auf dem Kieker. Sie unterzogen ihn mehreren Verhören. Anfänglich bestritt er jede Verwicklung in den Fall. Dann kündigte er an, auspacken zu wollen. Doch bevor es dazu kam, verschwanden Cafora und seine Frau Joanna.
Wusste Burke davon, dass Cafora kurz vor einer Aussage stand? Möglich. Aber der „Wal“ hatte sich auch auf andere Weise bei Burke in Ungnade gebracht. Caforas legale Fassade waren mehrere Parkplätze, die er in der Stadt betrieb. Über die Firma sollte er Geld aus der Beute waschen. Aber anstatt diese Aufgabe diskret abzuwickeln, quatschte er mit Freunden und seiner Frau Joanna über den Lufthansa-Raub. Noch schlimmer in den Augen von Burke: Er kaufte seiner Frau einen pinkfarbenen Cadillac Fleetwood, der alle Blicke auf sich zog – auch die des FBI.
Werner verurteilt
Derweil stimmte die Grand Jury am 2. März einer Anklageerhebung gegen Louis Werner im Fall des Lufthansa-Raubes zu. Werner schwieg dennoch eisern und plädierte auf nicht schuldig. Am Donnerstag, dem 4. Mai 1979, wurde das Verfahren eröffnet. Der Staatsanwalt benannte Gruenwald, Fischetti, Menna und Werners Freundin Janet Barbieri als Zeugen der Anklage. Die Verteidigung verzichtete ihrerseits auf Zeugen.
Am 16. Mai befanden die Geschworenen Louis Werner in drei der sechs gegen ihn erhobenen Anklagepunkte für schuldig. Dazu gehörten die Hilfe bei der Planung und Durchführung des Raubüberfalls im Dezember 1978 sowie der Diebstahl von 22.000 Dollar zwei Jahre zuvor. Das Urteil lautete auf 15 Jahre Haft.

Werner sollte der einzige Täter bleiben, der jemals wegen dieses Verbrechens rechtskräftig verurteilt wurde. Allerdings hätten nur weniger seiner Kompagnons überhaupt eine Chance dazu gehabt: Denn am Tag der Urteilsverkündung setzten sich bereits die Morde an Tatbeteiligten fort.
Weitere Leichen
Zeugen riefen die Polizei zu einem Buick Baujahr 1973, der auf der Schenectady Avenue in Brooklyn parkte. Auf den Vordersitzen saßen Robert „Frenchy“ McMahon und Joseph Manri. Beide waren durch Schüsse in den Hinterkopf getötet worden. Die Szene glich einer Hinrichtung. Für die Ermittler stand fest, dass die Opfer den oder die Täter gekannt haben mussten. Der Wagen hatte nur zwei Türen, der Mörder saß auf dem Rücksitz. McMahon und Manri hatten ihn also bereitwillig einsteigen lassen.
Am 13. Juni 1979 tauchte an der Flatlands Avenue in Brooklyn eine weitere Leiche auf. Der Sizilianer Paolo LiCastri aus der Gambino-Familie wies vier Einschusswunden auf. Er war nur noch mit einer Hose bekleidet. Der Leichnam wurde auf einem Gelände gefunden, das die Anwohner als illegale Müllkippe missbrauchten.
Kronzeuge Henry Hill
Im April 1980 nahmen die Behörden Henry Hill wegen Drogenhandels fest. Sie spielten ihm den Mitschnitt eines Gesprächs zwischen Paul Vario und James Burke vor. Hill gewann den Eindruck, als planten die beiden Gangster seine Ermordung. Er erklärte sich zur Zusammenarbeit mit dem FBI bereit, sollten er und seine Familie im Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden.
Seine Aussagen waren alles in allem recht dünn. Das FBI hatte vermutlich auf einen entscheidenden Schlag gegen das organisierte Verbrechen spekuliert. Doch entweder konnte Hill diese Informationen mangels Wissen nicht liefern oder er wollte es schlichtweg nicht. Dank seiner Mitarbeit kamen zwar etliche Verbrechen zur Anklage. Die dicken Fische waren aber nicht darunter.
Selbst im Falle von James Burke, den Hill bestens kannte, musste das FBI lange warten, bis sich eher zufällig aus einer Aussage Hills ein Anklagepunkt ergab. Wie sich herausstellte, hatte Burke zahlreiche Basketball-Collegespiele manipuliert, um Wetten zu seinen Gunsten zu gestalten. Die Anklage wegen Bestechung brachte Burke eine Haftstrafe von 12 Jahren in einem Bundesgefängnis ein.
1985 verurteilte ihn ein Gericht zusätzlich wegen Mordes an Richard Eaton zu weiteren 20 Jahren Haft. Burke hätte frühestens 2004 Bewährung beantragen können. Dazu kam es nicht mehr. James „Jimmy the Gent“ Burke starb am 13. April 1996 in einem Krankenhaus in Buffalo an Lungenkrebs, nachdem er aus der Strafvollzugsanstalt dorthin verlegt worden war.

Die Ermittler hatten natürlich auch darauf spekuliert, dass Hill ihnen neue Erkenntnisse zum Lufthansa-Raub liefern könnte, sahen sich jedoch abermals enttäuscht. Hills Wissen basierte fast ausschließlich auf Hörensagen. Und die meisten Beteiligten, die mit ihm über den Überfall gesprochen hatten (wie z.B. Krugman), waren bereits tot.
Auch die Aussage eines zweiten Zeugens war aus Ermittlersicht ein Schlag ins Kontor. Die Haft hatte Louis Werner mürbe gemacht. Im Juni 1980 war er endlich zur Kooperation mit den Ermittlungsbehörden bereit. Aber er hatte lediglich Kontakt zu Manri gehabt.
Von den anderen Beteiligten kannte er nicht einmal die Namen. Und Manri war inzwischen ebenfalls ermordet worden – eine weitere Sackgasse. Immerhin konnte Werner eine Haftverkürzung auf 5 Jahre für sich herausschlagen. Im Anschluss an seine Entlassung verschaffte das FBI ihm und seiner Freundin Janet Barbieri neue Identitäten.
Die letzten Mohikaner
Henry Hill brachte noch einen weiteren Mann hinter Gittern, der vermutlich vom Lufthansa-Raub profitiert hatte: Paul Vario. Im Februar 1984 bezeugte Hill, dass Vario ihm einen Job verschafft habe, der nur auf dem Papier existiert habe. Mithilfe des Arbeitsplatznachweises sei er frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden.
Vario erhielt wegen dieser Straftat eine Gefängnisstrafe von vier Jahren und musste eine Geldstrafe in Höhe von 10.000 Dollar zahlen. Während er in Haft saß, konnten ihm die Ermittler Schutzgelderpressungen von Luftfrachtunternehmen nachweisen, die am JFK-Flughafen operierten. Vario erhielt weitere zehn Jahre. Am 3. Mai 1988 starb er im Bundesgefängnis von Fort Worth, Texas.
Angelo Sepe musste wegen seiner Bewährungsverletzung lediglich 10 Monate im Gefängnis einsitzen. Dennoch verblieben ihm nicht viele Jahre in Freiheit. Anfang 1984 verhaftete die Polizei ihn erneut wegen Waffenhandels. Bis zum Prozess durfte er auf freiem Fuß verbleiben. Doch am 18. Juli 1984 fand man ihn ermordet in einer Kellerwohnung in der 20th Avenue im Bensonhurst-Viertel von Brooklyn auf.
Neben ihm lag seine 19-jährige Freundin Joanne Lombardo, getötet durch einen Schuss in den Mund. Der Auftrag zu dem Doppelmord stammte wahrscheinlich von der Lucchese-Familie. Eine Woche zuvor hatte Sepe einen Drogenhändler ausgeraubt, der für das Lucchese-Syndikat arbeitete.
Der letzte Beteiligte am Lufthansa-Raub, der bisher nicht verhaftet oder getötet worden war, war Frank James Burke, der Sohn von „Jimmy the Gent“. Am 18. Mai 1987 um 2:30 Uhr morgens endete auch sein Leben. Ein Drogendealer erschoss ihn in der Liberty Avenue im Stadtteil Cypress Hills in Brooklyn. Laut New York Times gehörte Frank Burke zum Zeitpunkt seines Todes der Gambino-Familie an.
Rätsel um die Beute
Am 23. Januar 2014 machte der Lufthansa-Raub erneut Schlagzeilen. An diesem Tag musste sich der 78-jährige Vincent Asaro, Capo der Bonnano-Familie, vor einem Gericht in New York verantworten. Die Anklage behauptete, nicht die Gambino-Familie um John Gotti, sondern das Bonanno-Syndikat um Asaro sei in den Lufthansa-Raub verwickelt gewesen.
Asaro gehörte 1979 eine Bar, in der die Crew von James Burke umzog, als ihnen der Boden in der „Robert’s Lounge“ aufgrund der Überwachung durch das FBI zu heiß wurde. Allerdings reichten die Indizien der Staatsanwaltschaft nicht aus, um Asaro eine konkrete Tatbeteiligung nachzuweisen.
Louis Werner blieb also der Einzige, der jemals für den spektakulären Überfall strafrechtlich verfolgt wurde. Fast 30 Jahre später fehlen noch die Leichen von Tommy DeSimone, Martin Krugman, Louis Cafora und seiner Frau Joanna. Und natürlich die rund 5,9 Millionen Dollar sowie Juwelen aus dem damals größten Raubüberfall in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
In dem 2015 erschienen Buch „The Mystery of the Lufthansa Airlines Heist“ behaupten die Autoren Robert Sbrna und Dominick Cicale (ein früheres Mitglied der Bonanno-Familie), dass James Burke die Beute in einem Bankschließfach versteckt habe. Die Schlüssel zu dem Schließfach habe er seinen Töchtern Robin und Cathy überreicht. Cathy Burke war mit Anthony Delicato verheiratet, einem Capo der Bonanno-Familie und einer der drei Killer, die im Juli 1979 Mafiaboss Carmine Galante getötet hatten.
Laut Dominick Cicale bedienten sich Anthony Delicato und sein Kumpel Vincent Basciano, ebenfalls ein Bonanno-Capo, freizügig an dem prall gefüllten Schließfach. 250.000 Dollar seien so in einer Kinoproduktion versenkt worden, die niemals die Kinoleinwand erblickt habe. Das übrige Geld hätten die beiden Mafiosi im Laufe der Jahre in Spielcasinos durchgebracht. Moral der Geschicht‘: Mit Zocken fing alles an und mit Zocken endete es womöglich.
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Überblick zum Fall Lufthansa-Raub
- Wie die Mafia den JFK-Flughafen ausraubte