Richard Ramirez: Der Night Stalker von Los Angeles

Am Abend des 17. März 1985 kehrte die 22-jährige Maria Hernandez gegen 23.30 Uhr von der Arbeit nach Hause zurück. Sie teilte sich mit einer Mitbewohnerin eine Wohnung in Rosemead, einer Vorstadt im Nordosten von Los Angeles. Sie öffnete per Fernbedienung das Garagentor und fuhr mit ihrem Wagen in die Garage hinein. Sie stieg aus und drückte auf den Knopf, um das Garagentor zu schließen. Während das Garagentor langsam herunterfuhr, kramte sie nach ihrem Hausschlüssel.

Inhaltsverzeichnis

Der Fremde in der Garage

Die Lichter in der Garage blieben nur für kurze Zeit an, nachdem sie den Garagentorknopf gedrückt hatte. Plötzlich hörte sie hinter sich ein Geräusch. Ein großer, schlanker Mann in schwarzer Kleidung kam auf sie zu. Sein Gesicht konnte sie zunächst nicht erkennen. Er hatte eine marineblaue Baseballmütze tief über die Stirn gezogen. In der Hand hielt er eine Pistole. Die Waffe war auf Maria Hernandez gerichtet. Er näherte sich der Frau, bis der Pistolenlauf fast ihre Nasenspitze berührte.

Maria Hernandez flehte den Fremden an, sie nicht zu töten. Sie wendete ihren Blick ab, in der Hoffnung, er würde annehmen, dass sie sein Gesicht nicht gesehen habe. Der Mann blieb stumm. Die Lichter in der Garage gingen automatisch aus. So war die Schaltung programmiert. Die Frau hob reflexartig die Hand, um ihren Kopf zu schützen. Da schoss der Mann. Maria Hernandez brach zusammen. Der Schütze stieg über den leblosen Körper seines Opfers auf dem Betonfußboden und bewegte sich zur Verbindungstür, die in die Wohnung führte.

Glück im Unglück

Doch Maria Hernandez war nicht tot. Sie hatte unglaubliches Glück im Unglück. Als der Schuss fiel, hatte sie noch ihren Hausschlüssel in der Hand gehalten. Der Schlüsselbund lenkte die Patrone so weit ab, dass Maria Hernandez nicht schwerer verletzt wurde. Sie hatte sich tot gestellt und gehofft, dass der Fremde verschwand.

Inzwischen hatte der Mann das Haus betreten. Maria Hernandez stand vorsichtig auf und schlich sich leise aus der Garage. Sie hörte einen Schuss aus dem Inneren des Hauses. Maria Hernandez rannte los in Richtung Straße. Just als sie an ihrer Haustür vorbeikam, trat der schwarz gekleidete Mann aus dem Haus auf die Straße. Sie kehrte um. Auf zittrigen Beinen bewegte sie sich zurück zur Garage, zu ihrem Auto. Und Maria Hernandez hatte in dieser Nacht ein zweites Mal Glück im Unglück. Anstatt ihr zu folgen, schob sich der Täter die Pistole in den Gürtel und floh die Straße hinunter.

Ihrer 34-jährigen Mitbewohnerin Dayle Okazaki war hingegen in dieser Nacht kein Glück beschieden. Maria Hernandez entdeckte die Frau in der Küche. Überall war Blut: auf dem Küchenboden, an den Wänden, Möbeln und Haushaltsgeräten. Mitten in einer Blutlache lag Dayle Okazaki. Maria Hernandez tastete vergeblich nach dem Puls. In der Stirn ihrer Mitbewohnerin konnte sie eine große klaffende Wunde erkennen. Der zweite Schuss, den Maria Hernandez in der Garage gehört hatte, hatte Dayle Okazaki gegolten. Die junge Frau war tot. Maria Hernandez verständigte den Notruf.

Drei Spuren

Leitender Ermittler war Gil Carrillo vom Morddezernat des Los Angeles County. Ein erfahrener Kriminalbeamter, der bereits an 300 Mordfällen gearbeitet hatte, und von hünenhafter Statur. Carillo maß 1,93 m und brachte 127 kg auf die Waage. Die Polizei hatte zu Beginn drei Spuren, mit denen sie arbeiten konnte. Neben Maria Hernandez hatten auch mehrere Zeugen aus der Nachbarschaft den Täter gesehen, sodass es eine grobe Personenbeschreibung gab. Der Mörder war zwischen 1,75 und 1,80 m groß, sehr schlank, trug schwarzes Haar und schwarze Kleidung und hatte dunkle Augen mit einem auffällig stechenden Blick.

In der Garage entdeckte die Spurensicherung eine dunkelblaue Baseballmütze mit dem Emblem der Heavy-Metal-Rockgruppe AC/DC. Der Mann hatte die Kappe vermutlich am Tatort verloren. Dank der ballistischen Untersuchung ließ sich außerdem das Kaliber der verwendeten Tatwaffe bestimmen: .22.

Der Mord an Dayle Okazaki ließ sich nur in Teilen rekonstruieren. Die Polizei vermutete, dass sich das Opfer nach dem ersten Schuss in der Garage hinter der Küchentheke zu verstecken versuchte. Dort hatte sie der Täter entweder aufgespürt oder Dayle Okazaki hatte ihr Versteck verlassen, aus welchen Gründen auch immer.

Mord ohne Motiv

Was sofort hervorstach: Es schien keinerlei Tatmotiv zu geben. Es handelte sich weder um eine Beziehungstat noch um ein Raub- oder Sexualdelikt. Carrillo beunruhigte dieser Umstand. Er hatte an einem Workshop der FBI-Abteilung für Verhaltensforschung teilgenommen und wusste, dass ein Tätertyp, der einfach des Mordens willen tötete, am schwersten zu fassen war. Vor allem beließ er es nie bei einem einzigen Verbrechen.

Vor diesem Hintergrund kontaktierte Carrillo Frank Salerno, der für das Sheriffbüro in den Jahren 1977 bis 1979 die Untersuchungen im Fall der „Hillside Stranglers“ leitete. Zwei Cousins hatten damals in und um Hollywood 10 junge Frauen getötet. Salerno gab Carrillo den Rat, nach weiteren Verbrechen Ausschau zu halten, die Ähnlichkeiten aufwiesen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte der Mann bereits zuvor getötet: „Ein Mann wird nicht über Nacht zum Killer.“

Im Großraum Los Angeles war diese Recherche kein einfaches Unterfangen. Neben dem Sheriff-Büro des County unterhielten die Stadt Los Angeles und verschiedene größere Vorstädte eigenständige Polizeieinheiten. Diese Behörden waren sich untereinander nicht grün. Etliche Ermittlungen hatten aufgrund dieser Konflikte massiv gelitten – wie z.B. die Suche nach der Manson Family. Den Kriminellen war dieser Zusammenhang wiederum nur allzu bewusst. Sie begingen ihre Straftaten bewusst in unterschiedlichen Zuständigkeitsgebieten, um diese mangelnde Kommunikation zwischen den Polizeibehörden zu ihren Gunsten auszunutzen.

Weitere Leiche

Carrillo besorgte sich also zunächst die Berichte der verschiedenen Polizeiwachen für die Tatnacht. Eine Meldung der Polizei von Monterey Park stach ihm sofort ins Auge. Der Täter hatte in diesem Fall ebenfalls eine Waffe Kaliber .22 verwendet. Carrillo rief den zuständigen Detective Tony Romero an und ließ sich über die Details informieren.

Nur eine Stunde nach dem Mord in Rosemead war ein Anruf bei der Polizei von Monterey Park eingegangen. Ein gelber Chevrolet parke mitten auf der Straße. Der Motor laufe noch. Niemand sei in der Nähe zu sehen. Die verständigte Polizeistreife entdeckte unweit des Pkws eine Frau, die auf dem Boden lag. Sie lebte noch, war aber nicht mehr bei Bewusstsein. Der Streifenbeamte bemerkte, dass ihre Strümpfe zerrissen waren und ein großer Bluterguss an ihrem Bein zu sehen war.

Er rief über Funk einen Notarzt herbei. Als er zu der bewusstlosen Frau zurückkehrte, entdeckte er ein Medaillon und einen zerrissenen Zwanzigdollarschein auf dem Bürgersteig. Er versuchte, die Frau wiederzubeleben. Doch sie kam nicht wieder zu Bewusstsein. Bevor der Krankenwagen eintraf, verstarb sie. Der Polizist hatte angesichts der ungünstigen Lichtverhältnisse übersehen, dass der Körper der Toten zwei Schusswunden aufwies. Wie sich bei den weiteren Ermittlungen herausstellte, handelte es sich bei der Frau um die 30-jährige Tsia-Lian „Victoria“ Yu.

Ein erstes Opfer?

Carrillo wühlte in den folgenden Tagen weiter in den Akten. Natürlich hatte es im Großraum Los Angeles in der jüngeren Vergangenheit eine Reihe von Morden gegeben, bei denen das Motiv nicht bekannt war. Eine der Taten, die sich auf Carrillos provisorischer Liste wiederfand, sollte sich später als ein Verbrechen des Night Stalker entpuppen.

Etwa acht Monate vor den Morden in Rosemead und Monterey Park kam die 79-jährige Jennie Vincow aus Glassel Parks gewaltsam ums Leben. Am 28. Juni 1984 hatte sie am Abend ein Fenster offenstehen gelassen, weil es an diesem Tag heiß gewesen war. Der Täter entfernte das Fliegengitter und kletterte in die Erdgeschosswohnung.

Zunächst durchwühlte der Einbrecher mehrere Schubladen, fand aber weder Geld noch Wertgegenstände. Dann begab er sich in das Schlafzimmer. Er stach der schlafenden Jennie Vincow mit einem Jagdmesser in die Brust. Die Frau erwachte, schrie und versuchte, ihren Peiniger abzuwehren. Er hielt ihr den Mund zu und stach immer wieder auf sein Opfer ein. Dann schlitzte er ihr die Kehle auf.

Jennie Vincows Sohn lebte in dem Apartment über der Wohnung seiner Mutter. Von ihrem nächtlichen Todeskampf hatte er nichts mitbekommen. Erst als er sie am nächsten Mittag zum Essen abholen wollte, entdeckte er den Leichnam seiner Mutter. Die Autopsie ergab Anzeichen eines sexuellen Übergriffs, aber keinen Hinweis auf eine vollzogene Vergewaltigung. Die Ermittler fanden zwar Fingerabdrücke am Fenster. Den Beamten gelang es allerdings nicht, einen Tatverdächtigen zu ermitteln.

Die Morde setzen sich fort

Für den nächsten Überfall ließ der Täter nicht so viel Zeit verstreichen, wie zwischen den Morden an Jennie Vincow und Dayle Okazaki beziehungsweise Victoria Yu vergangen war. Nur zehn Tage nach den Morden an Okazaki und Yu schlug er erneut zu. Die Zazzaras lebten in Whittier, einem östlichen Vorort Los Angeles, rund 15 km südlich von Rosemead gelegen. Der 64-jährige Vincent Zazzara war ein früherer Anlageberater, der inzwischen eine Pizzeria betrieb. Seine Frau Maxine Zazzara (44) arbeitete als Anwältin. Um 2.00 Uhr morgens am 27. März 1985 schnappte sich ein Einbrecher einen großen Blecheimer aus dem Garten der Zazzaras, bestieg ihn und hangelte sich über das Fenster zur Waschküche in das Haus der Familie Zazzara.

Vincent Zazzara war an diesem Abend auf der Couch vor dem Fernseher eingeschlafen. Er hatte keine Chance. Der Täter schoss ihm aus nächster Nähe in die linke Schläfe. Er verwendete eine Pistole Kaliber .22. Maxine Zazzara war durch den Schuss aus dem Schlaf aufgeschreckt. Im nächsten Moment betrat der Täter mit der Waffe in der Hand ihr Schlafzimmer. Er schnappte sich eine Krawatte und fesselte der Frau die Hände.

Der Eindringling durchwühlte zunächst Schränke und Kommoden im Schlafzimmer. Während er damit beschäftigt war, muss es Maxine Zazzara gelungen sein, leise vom Bett auf den Boden zu rollen. Unter dem Bett zog sie eine Schrotflinte hervor, die ihr Mann dort versteckt hatte. Der Fremde drehte sich um. Er griff nach der Pistole in seinem Gürtel. Die Frau betätigte den Abzug der Schrotflinte. Nur ein mechanisches Klicken war zu hören. Ihr Mann hatte am Wochenende die Patronen aus der Waffe entfernt, weil ein Enkelkind zu Besuch war.

Der Mörder tötete ein zweites Mal in dieser Nacht. Maxine Zazzara wurde von drei Kugeln in den Kopf getroffen. Dann schlug und trat der Mann auf ihren Körper ein. Er rannte in die Küche und holte ein Tranchiermesser mit einer 25 cm langen Klinge. Am Brustkorb der Frau war bei der Autopsie eine tiefe, T-förmige Schnittwunde zu erkennen. Der Gerichtsmediziner war überzeugt, dass der Mörder vergeblich versucht hatte, seinem Opfer das Herz herauszuschneiden.

Als er damit scheiterte, schnitt er ihr die Augäpfel aus den Höhlen. Er schob ihr das Nachthemd bis zum Hals hoch. Möglicherweise wollte er die Tote sexuell missbrauchen. Dazu kam es jedoch nicht. Stattdessen stach er ihr mit dem Tranchiermesser in Hals, Bauch und Unterleib. Bevor er das Haus verließ, raffte er alle Wertgegenstände zusammen, die er greifen konnte.

Hirngespinste

Die Ermittler der zuständigen Mordkommission entdeckten auf dem Blecheimer und im Blumenbeet unterhalb des Waschküchenfensters Abdrücke eines Turnschuhs, die mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Täter herrührten. Auch Gil Carrillo vom Sheriff-Department interessierte sich für den Mord. Schließlich waren nur rund zehn Tage nach Dayle Okazaki und Tsia-Lian Yu zwei weitere Menschen unter ähnlichen Umständen durch Schüsse aus einer Waffe vom Kaliber .22 getötet worden.

Aber die zuständigen Beamten waren nicht an einer Zusammenarbeit interessiert. Sie taten die Idee von einem Serienmörder, der sein Unwesen im Großraum Los Angeles, als Hirngespinst ab. Und sie enthielten ihrem Kollegen wichtiges Spurenmaterial vor. So erfuhr Carrillo zu diesem Zeitpunkt noch nichts von den sichergestellten Schuhabdrücken.

Gelähmt

Am 14. Mai 1985 kehrte der Mörder erneut nach Monterey Park zurück, wo er Mitte März Tsia-Lian Yu getötet hatte. Dieses Mal wählte er das Haus von William und Lillian Doi als Ziel aus. Das Ehepaar war japanischer Herkunft, beide pensioniert. Lillian Doi war nach einem Schlaganfall seit Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen.

Der Täter drang in den frühen Morgenstunden durch ein offenstehendes Fenster in das Haus ein. Er suchte das Schlafzimmer des 66-jährigen William Doi auf. Der Hausherr hörte sein Kommen, griff instinktiv nach seiner Handfeuerwaffe im Nachttisch, war aber nicht schnell genug. Der Fremde traf ihn mit einem Schuss in Höhe der Oberlippe ins Gesicht. William Doi war schwer verletzt, jedoch nicht tot. Der Mann schlug ihn daraufhin bewusstlos.

Die Dois schliefen in getrennten Schlafzimmern. Lillian Doi war durch den Lärm im Zimmer ihres Mannes bereits erwacht, konnte aber aufgrund ihrer Lähmung nicht fliehen. Der Täter näherte sich ihrem Bett. Er warnte sie, sich ruhig zu verhalten, sonst würde er sie umbringen. Er legte ihr Daumenfesseln an. Er durchsuchte das Haus nach Geld und Wertgegenständen. Dann vergewaltigte er die gelähmte, 56-jährige Frau. Ihr Mann erwachte aus der Bewusstlosigkeit. Der Täter ging zu ihm hinüber und prügelte auf ihn ein, bis er wieder in Ohnmacht fiel. Er setzte die Vergewaltigung der Frau fort. Anschließend verschwand er. William Doi erlag später seinen schweren Verletzungen im Krankenhaus.

In der Nacht des 29. Mai 1985 schlug der Killer wieder im Nordosten von Los Angeles zu. Dieses Mal war sein Ziel Monrovia im San Gabriel Valley. Er drang in das Haus der 83-jährigen Mabel Bell ein, die dort ihre kranke, 81-jährige Schwester Florence Lang pflegte. Die Hausbewohnerinnen sorgten sich nicht vor Einbrechern, sodass der Täter durch die unverschlossene Haustür ins Gebäude gelangen konnte.

Ein zerborstener Hammerschaft und Pentagramme

Er fand einen Hammer in der Küche. Mit dem Werkzeug schlug er erst auf Florence Lang ein, dann auf Mabel Bell. Die Schläge waren so heftig, dass der Hammerschaft zerbarst. Er schnappte sich das Stromkabel eines Radioweckers, riss es aus dem Gerät und hielt den blanken Draht an den Körper von Mabel Bell. Er entdeckte den Lippenstift der Frau, mit dem er ein Pentagramm auf die Innenseite ihres Oberschenkels zeichnete. Er kehrte in das Schlafzimmer von Florence Lang zurück. Er riss der schwer kranken Frau das Nachthemd vom Leib und vergewaltigte sie. Als er fertig war, schmierte er mit dem Lippenstift ein weiteres Pentagramm an die Wand.

Zwei Tage später, am 1. Juni, erschien ein Handwerker, der für diesen Termin zum Haus von Mabel Bell bestellt worden war und die Polizei verständigte. Angesichts des Alters der Opfer und der Schwere der Verletzungen war es kaum zu glauben, aber die Schwestern lebten noch. Allerdings waren sie in ein Koma gefallen. Der Arzt stellte bei den Frauen mehrere Schädelfrakturen und Einrisse im Vaginalbereich fest. Der Täter hatte so fest zugeschlagen, dass die Hirnmasse teilweise frei lag. Florence Lang überlebte schließlich die Attacke, während ihre Schwester Mabel Bell ihren schweren Verletzungen am 17. Juli erlag.

Die Ermittler fanden in der Küche zwei halb aufgegessene Bananen und mehrere geöffnete Cola-Dosen vor. In der Toilette stand noch Urin, vermutlich vom Täter. Der Eindringling war zudem in eine Blutlache getreten und hatte einen Fußabdruck hinterlassen.

Im Schrank gefangen

Bereits in der Nacht nach dem Überfall auf die beiden älteren Damen, am 30. Mai 1985, fuhr der Täter nach Burbank, etwas 25 km im Nordwesten von Monterey Park gelegen. Er entdeckte ein Haus mit einer Hundeklappe an der Rücktür. Er griff mit dem Arm durch die Klappe und entriegelte die Tür. Er schlich sich ins Schlafzimmer und richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf die schlafende Carol Kyle. Die 42-jährige Frau erwachte. Er fragte sie, wer sich noch im Haus aufhalte. Nur ihr 11-jähriger Sohn, antwortete die geschockte Frau.

Der Täter zwang die Frau mit vorgehaltener Waffe, sie in das Kinderzimmer zu führen. Er hielt dem Jungen die Pistole an den Kopf und forderte die Mutter auf, sich mit einer Handschelle an ihren Sohn zu ketten. Anschließend führte er seine Geiseln in den Flur und sperrte sie dort in einen Schrank.

Der Einbrecher durchsuchte das Haus, kehrte aber bald wieder zurück. Er wollte von der Frau wissen, wo sie ihre Wertgegenstände aufbewahre. Sie versprach, ihm eine goldene Halskette mit Diamantbesatz auszuhändigen, wenn er ihrem Jungen nichts tue. Der Täter löste die Handschelle und band dem Sohn beide Enden um und ließ ihn im Schrank zurück. Die Frau fesselte er mit einer Strumpfhose. Sie führte ihn zu einer Kommode ins Schlafzimmer, in der sie ihren Schmuck aufbewahrte. Sie dachte, ihn damit besänftigt zu haben. Stattdessen warf er die Frau aufs Bett.

Der Mann riss Carol Kyle das Nachthemd und den Slip vom Leib. Er vergewaltigte die Mutter oral und anal. Er holte sich eine Cola aus der Küche. „Du hast Glück, dass ich dich leben lasse. Ich habe viele Leute getötet, weißt du.“ Schließlich reichte er ihr das Nachthemd, damit sie sich bedecken konnte. Er brachte ihren Sohn zu ihr ins Schlafzimmer und fesselte beide ans Bett. Den Handschellenschlüssel ließ er auf dem Kaminsims zurück. Carol Kyle hatte ihrem Peiniger zuvor verraten, dass sie im Laufe des Tages mit der Rückkehr ihrer Tochter rechne.

Fauliger Atem

Bevor der Vergewaltiger verschwand, drohte er seinem Opfer noch, sie erneut aufzusuchen, sollte sie der Polizei von dem Geschehen erzählen. Carol Kyle ließ sich von der Drohung nicht einschüchtern. Sobald ihre Tochter sie befreit hatte, verständigte sie die Behörden. Sie gab den Ermittlern eine detaillierte Täterbeschreibung.

Ihrem Eindruck zufolge handelte es sich bei dem schlanken, jungen Täter mit langen, dunklen Locken um einen Mann hispanischer Herkunft. Neben seinem stechenden Blick war ihr vor allem ein heftiger, fauliger Mundgeruch aufgefallen. Die Polizei von Burbank sah keine Verbindung zu den Einbrüchen und Morden der vergangenen Wochen. So erfuhr Detective Carrillo vom Sheriff-Büro von diesem Fall zunächst nichts.

Über den mangelnden Willen zur Kommunikation zwischen den Behörden habe ich bereits eingangs berichtet. In dem konkreten Fall gab es zumindest eine plausible Rechtfertigung für dieses Verhalten: Nach dem damaligen Wissensstand stellten Serienmörder in der Regel dem gleichen Opfertyp nach und gingen mehr oder wenige nach dem immer gleichen Schema vor. Dieser Täter war anders. Seine Opfer wie die Zazzaras, Bill Doi, Dayle Okazaki und Veronica Yu ähnelten sich in fast nichts, der Modus Operandi wies große Unterschiede auf. Die Polizisten konnten also kaum Parallelen erkennen, wenn sie sich an das Lehrbuch hielten.

Höchst persönlich

Aber jenseits des Lehrbuchs gab es noch die kriminalistische Intuition. Nur wenige Wochen später wurde der Fall nämlich höchst persönlich für Detective Carrillo. Dieses Mal tauchte der Täter in unmittelbarer Nähe des Hauses seiner Mutter in Pico Rivera auf, die wiederum in weniger als einem Kilometer Entfernung von den Zazzaras lebte. Am 27. Juni hörte Susan Rodriguez gegen Mitternacht verdächtige Geräusche an ihrem Esszimmerfenster, als sie sich die Spätnachrichten im Fernsehen anschaute. Sie rief ihren Mann John herbei, der als Polizeibeamter für das Sheriffbüro des Los Angeles County arbeitete und bereits im Bett lag.

Als das Ehepaar das geöffnete Fenster sah, war ihnen klar, dass etwas nicht stimmen konnte. Das Fenster ließ sich nämlich seit dem letzten Anstrich vor zwei Jahren nicht mehr öffnen, weil der Lack den Rahmen verklebt hatte. Offensichtlich hatte jemand mit einem Schraubenzieher das versiegelte Fenster aufgestemmt. Zudem war das Fliegengitter abgenommen worden.

Doch der Täter war augenscheinlich verschwunden, als er das Ehepaar im Haus miteinander reden hörte. Ganz spurlos ging seine Flucht jedoch nicht vonstatten. Im Gartenbeet unter dem Esszimmerfenster konnte später der Abdruck eines Avia-Sportschuhs sichergestellt werden. Der Polizist meldete den Einbruchsversuch umgehend bei seiner Wache, sodass auch sein Kollege Detective Carrillo davon erfuhr.

Missglückte Verkehrskontrolle

Der flüchtige Serienmörder unternahm derweil in der gleichen Nacht einen weiteren Einbruchsversuch. Dieses Mal wollte er dem äußeren Anschein nach ein Mädchen in Eagle Rock entführen. Er wurde von Familienangehörigen entdeckt und rannte davon. Die Zeugen beobachteten, dass der Täter in einem Toyota flüchtete, und verständigten die Polizei.

Rund eine Stunde später fiel einer Motorradstreife ein Toyota auf, der eine Ampelkreuzung bei Rot überquerte. Der Polizist hielt den Wagen an. Der junge Fahrer konnte weder einen Fahrzeugschein noch einen Führerschein vorweisen. Doch obwohl der Polizist kurz zuvor den Fahndungsaufruf nach einem flüchtigen Täter in einem Toyota über Funk mitgehört hatte, zählte er nicht eins und eins zusammen. Er wollte dem Mann lediglich einen Strafzettel ausstellen.

Den Fahrer machte die Untersuchung zunehmend nervös. Als der Streifenbeamte nochmals zu seinem Motorrad ging, nutzte der Mann die Gelegenheit und türmte. Zuvor zeichnete er aber noch mit dem Finger schnell ein Pentagramm auf die dreckverschmierte Motorhaube des Toyotas. Der Polizist nahm zwar die Verfolgung des Flüchtigen auf, jedoch ohne Erfolg.

Er kehrte zum Toyota zurück und durchsuchte den Wagen. Er fand eine Brieftasche mit hundert Dollar in bar, die Visitenkarte eines Zahnarzts und ein Adressbuch mit einem halben Dutzend Telefonnummern. Aber dann machte der Motorrad-Cop seinen zweiten Fehler in dieser Nacht. Er forderte kein Team der Spurensicherung an. Da der Flüchtige während der Überprüfung keine Handschuhe trug, hatte er mit hoher Wahrscheinlichkeit Fingerabdrücke im oder am Wagen zurückgelassen – nicht zuletzt infolge der Pentagrammzeichnung auf der Fronthaube.

Am nächsten Morgen erfuhr Detective Gil Carrillo von den Vorkommnissen in der Nacht. Die versuchte Entführung und die missglückte Verkehrskontrolle fielen aber in den Zuständigkeitsbereich des LAPD. Und die verantwortlichen Kollegen dort wollten nicht mit ihm zusammenarbeiten. LAPD (Stadtpolizei von Los Angeles) und Sheriff Department (Bezirkspolizei des Los Angeles County) waren sich seit Jahrzehnten spinnefeind.

Avia Aerobic

Carrillo ließ sich nicht abschrecken. Er nahm wieder Kontakt zu Frank Salerno auf. Er berichtete ihm, dass man an einem potenziellen Tatort erneut den Abdruck eines Avia Aerobic Turnschuhs gefunden hatte. Wie könnte Ihnen diese Spur nutzen? Sie diskutierten verschiedene Ansatzpunkte. Welche Läden verkauften dieses Modell? Wie viele Schuhe dieses Typs waren in der Vergangenheit in Los Angeles und Umgebung überhaupt verkauft worden?

Der Täter hatte Schuhgröße 44 (11 ½). Vielleicht waren in dieser Größe nur wenige Paare verkauft worden. Möglicherweise ließ sich sogar herausfinden, in welchen der Schuhgeschäfte diese speziellen Schuhe abgesetzt wurden. Und vielleicht konnte sich einer der Verkäufer an den Mann erinnern. Was, wenn er gar ein Stammkunde war? Salerno und Carrillo beschlossen, nichts unversucht zu lassen. Sie würden den Fall ab nun gemeinsam untersuchen.

Zwei weitere Morde

Bereits am Tag darauf, am 28. Juni, riefen Streifenpolizisten die beiden Kriminalbeamten zu einem Tatort nach Arcadia. Opfer war die 28-jährige Lehrerin Patty Higgins. Die Frau hatte vor ihrem Tod heftige Schlagverletzungen erlitten. Ihr Kopf war fast abgetrennt. Der Gerichtsmediziner stellte am Hals sowohl Hieb- als auch Stichverletzungen fest. Zudem hatte der Täter das Mordopfer anal vergewaltigt.

Die Art der Tatdurchführung und das hohe Maß an Gewalt deuteten auf den Serientäter hin. Doch dieses Mal fanden sich weder ein Projektil vom Kaliber .22 noch Abdrücke eines Turnschuhs am Tatort. Vier Tage später hatten Carrillo und Salerno Gewissheit. Der Mörder schlug am 2. Juli ein weiteres Mal in Arcadia zu.

Der Täter drang in der Nacht in das Haus der 75-jährigen Mary Louise Cannon ein, die dort alleine lebte. Wie bereits mehrfach zuvor entfernte er zunächst ein Fliegengitter und verschaffte sich dann über das dahinter befindliche Fenster Zugang zum Haus. Mary Cannon schlief bereits und bemerkte den Eindringling augenscheinlich nicht.

Der Mann schnappte sich eine Nachttischlampe und schlug der Frau auf den Kopf. Anschließend würgte er Mary Cannon bis zur Bewusstlosigkeit. Er besorgte sich in der Küche ein Messer, mit dem er wiederholt auf den Hals des Opfers einstach und der Frau die Kehle durchtrennte. Die daraus resultierenden Wunden ähnelten den Verletzungen von Patty Higgins. Aus diesem Umstand schlossen Carrillo und Salerno, dass der gleiche Täter für beide Mordfälle verantwortlich war. Zudem lagen die Tatorte nicht weit voneinander entfernt.

Verräterische Spuren

Der Mörder von Mary Cannon hatte noch das Haus nach Wertgegenständen durchwühlt. Dabei hatte er jedoch verräterische Spuren zurückgelassen. Im Gewebe des neu verlegten Teppichs war ein Schuhabdruck zurückgeblieben. Die Beamten ließen das Stück aus dem Bodenbelag ausschneiden und ins Labor bringen. Außerdem war der Täter noch auf ein Taschentuch getreten und hatte dort ebenfalls ein Wabenmuster zurückgelassen, wie es für den Avia Aerobic Sneaker typisch war.

Mit den jüngsten Fällen hielten Carrillo und Salerno den Beweis in Händen, dass ein gefährlicher Serienmörder sein Unwesen in Los Angeles trieb – und zwar, ohne Rücksicht auf Bezirksgrenzen und Polizeizuständigkeiten zu nehmen. Sie konnten ihren Vorgesetzten Captain Bob Grimm überzeugen, eine eigenständige Ermittlungsgruppe einzurichten. Er bewilligte die notwendigen Ressourcen und erklärte sich bereit, die Untersuchung zu verteidigen, sollten sich andere Stellen beschweren.

Kapitelübersicht zum Fall Richard Ramirez

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