Am Morgen des 10. Februar 1947 war H. C. Shelby auf dem Weg zur Arbeit. Der 42-jährige Planierraupenfahrer arbeitete zu dieser Zeit auf einer Baustelle in Mar Vista, einem Stadtteil im Westen von Los Angeles. Das Neubaugebiet, das hier seinerzeit entstand, lag nur einen sprichwörtlichen Steinwurf vom Santa Monica Airport entfernt.
Um 8.15 Uhr überquerte Shelby ein von Unkraut überwuchertes Brachgelände in der Nähe der Kreuzung Grand View Boulevard und National Boulevard. Dort fiel ihm ein Haufen Damenkleidung ins Auge, den jemand hier im Gras entsorgt hatte, wie es schien. Der Bauarbeiter ging näher heran. Er sah einen blauen Mantel mit Fuchsfell am Saum. Ein rotes Kleid, auf dem sich Morgentau ausgebreitet hatte. Und darunter den nackten Leichnam einer Frau mit dunklen Haaren.
Inhaltsverzeichnis
Jeanne French
Leiche mit Botschaft
Die verständigte Polizei rekonstruierte, was geschehen war. Der Täter hatte dem Opfer zunächst mehrere Schläge auf den Kopf verpasst. Die dadurch herbeigeführten Verletzungen wiesen typische Merkmale auf, die auf einen stumpfen Metallgegenstand als Tatwaffe schließen ließen. Nach Ansicht der Ermittler handelte es sich dabei um einen Steckschlüssel.
Vermutlich war die Frau infolge der Schläge bewusstlos. Die tödlichen Verletzungen entstanden jedoch erst danach. Der Mörder trat wiederholt mit großer Wucht auf den Körper der Frau ein. Dabei erlitt sie schwere innere Verletzungen und Blutungen sowie einen Genickbruch. Als Todesursache auf der Sterbeurkunde ist „Verblutung und Schock infolge gebrochener Rippen und mehrfacher Verletzungen“ vermerkt.

Der Täter ließ danach noch nicht von seinem Opfer ab. Er entnahm der Handtasche der Toten einen roten Lippenstift und hinterließ eine Botschaft auf ihrem Oberkörper. In großen Buchstaben schrieb er: „Fuck You P. D.“. P. D. war die geläufige Abkürzung für Police Department. Also zu deutsch bedeutete die Nachricht: „Fick dich, Polizei“. Darunter setzte er das Wort „Tex“, ein in den USA gebräuchlicher Vorname.
Die Polizei identifizierte die Tote kurze Zeit später als die 44-jährige Jeanne French. Die Umstände ihres Todes sorgten umgehend für enormes Medieninteresse. Zeitungen in ganz Los Angeles berichteten ausführlich über den Fall und verpassten ihm den griffigen Namen „Red Lipstick Murder“. Besonders reißerisch berichtete der „Herald-Express“ mit der Schlagzeile: „Werwolf schlägt erneut zu! Tötet Frau in Los Angeles und schreibt ‚B.D.‘ auf den Körper!“

P. D. oder B. D.?
Hatte der Reporter sich verhört, vertippt oder war alles einfach frei erfunden? Nun, es braucht nicht viel Fantasie, um statt einem P ein B zu erkennen, wie der vergrößerte Ausschnitt unten zeigt. Es handelt sich allerdings um ein Schwarz-Weiß-Foto. Sollte der Reporter nur dieses betrachtet haben, konnte er nicht wirklich klar erkennen, welche Spuren vom roten Lippenstift herrührten.
Denn es sind zudem Hämatome, Schmutz und Abdrücke von einem Schuhabsatz zu erkennen. Der untere Bauch des vermeintlichen B könnte genau solch ein Abdruck sein. Der Gerichtsmediziner hatte den Körper live und in Farbe gesehen. Wenn er konstatierte, dass es sich um ein P handelte, dürfen wir dies zunächst mal als Fakt hinnehmen.

Warum war es denn überhaupt so wichtig, ob der Täter ein P oder D auf den Körper hinterlassen hatte? Weil es die Bedeutung der Nachricht komplett veränderte. Die Überschrift des Herald-Express gab dabei die Richtung vor. Jetzt hieß die Botschaft des Täters nicht mehr „Fick dich, Polizei“, sondern „Fick dich, Black Dahlia“.
Keine vier Wochen zuvor war in Los Angeles die Leiche von Elizabeth Short alias „Black Dahlia“ unter vordergründig ähnlichen Umständen gefunden worden: auf einem Stück Brachland inmitten eines Neubaugebiets, der Leichnam furchtbar zugerichtet vom Täter.
Der spektakuläre Mordfall hatte bis dato die Gazetten jeden Tag mit neuem Stoff versorgt und die Auflagen in die Höhe getrieben. Jetzt nahm ein anderer grausamer Mord an einer Frau Bezug auf diesen ungelösten Mord? Aus Sicht der Presse war dies das perfekte Szenario.
Zudem konnte die Journaille nun munter drauf losspekulieren, ob es sich nicht in beiden Fällen um denselben Mörder handelte, der sich mit einer Nachricht direkt an die Öffentlichkeit wandte. Der Täter im Black-Dahlia-Fall hatte schließlich in den Wochen zuvor bereits ein Päckchen mit einer Nachricht an Zeitungsverlage verschickt. Dem war so etwas also zuzutrauen. Allein: Es war ein P und kein B. Der Anfangsverdacht hatte in dieser Form keine Substanz.
Der letzte Abend
Die Polizei widmete sich entsprechend zunächst den banalen Fragen der Ermittlung: Ließen sich die letzten Stunden des Opfers rekonstruieren? Und sie konnte die Spur tatsächlich am Vorabend des Leichenfundes, einem Sonntag, aufnehmen. Am 9. Februar gegen 19:30 Uhr war Jeanne French Gast im Plantation Café auf dem Washington Boulevard. Sie war in Begleitung von zwei Männern, von denen die Kellnerin Christine Studnicka einen als „dunkelhaarig mit einem kleinen Schnurrbart“ beschrieb.
Während die Männer Essen bestellten, ging Jeanne zu einem Münztelefon, offenbar bereits stark alkoholisiert. Die Autopsie hatte ergeben, dass French zum Todeszeitpunkt einen Blutalkoholwert von 3,1 Promille hatte. Mit anderen Worten: Die Frau war irgendwann im Laufe der Nacht sternhagelvoll.
Der ehemalige LAPD-Detective und heutige Buchautor Steve Hodel schilderte die Situation und die Zeugenaussage von Studnicka in einem Interview mit LA Weekly wie folgt: „Während des Telefonats konnten Umstehende hören, wie French mit sehr lauter Stimme in den Hörer herrschte: ‚Bring keine Flasche mit, die Vermieterin erlaubt das nicht.‘ Noch während sie telefonierte, rief das Opfer den beiden Männern in ihrer Nische zu: ‚Packt keinen Alkohol ins Auto‘ und ‚Nehmt keinen Alkohol mit.‘ Studnicka beobachtete, dass die beiden Männer scheinbar ‚untereinander stritten‘, und sie hatte den Eindruck, dass sie ‚darüber stritten, wer von ihnen das Opfer begleiten würde‘.“
Roy J. Fecher, der Betreiber eines Drive-in-Cafés auf dem Santa Monica Boulevard, berichtete, dass Jeanne sein Lokal gegen 21:30 Uhr allein betrat. Sie trank eine Tasse Kaffee mit Fecher und klagte ihm ihr Leid. Sie sagte, ihr Ehemann sei sadistisch. Sie sagte, er stehe auf „düstere“ Dinge und habe sie schon mehrmals geschlagen, so der Gastwirt. Dann habe sie die dunkle Brille angehoben, die sie trug, um ihm zwei blaue Augen zu zeigen, die er ihr verpasst haben sollte.
Besuch beim Ex
Um 22:30 Uhr tauchte French in einer weiteren Bar auf dem Venice Boulevard auf und kündigte an, dass sie ihren Mann am folgenden Tag in die psychiatrische Abteilung des Sawtelle Veteran’s Hospital einweisen lassen würde. Sie besuchte daraufhin ihren von ihr getrennt lebenden Ehemann in seiner Wohnung in Santa Monica.
Frank French behauptete gegenüber den Ermittlern, seine Ex habe versucht, ihn zu überreden, mit ihr auszugehen, bevor sie ihm eine Handtasche auf den Kopf schlug. „Sie wurde gemein, wenn sie getrunken hatte“, sagte Frank der Polizei. „Sie hatte am Sonntagabend getrunken, wirkte aber nicht betrunken.“
Irgendwann nach Mitternacht war Jeanne French im Piccadilly Drive-In am Washington Place, zusammen mit einem „eher kleinen, dunkelhäutigen“ Mann laut Zeugenaussagen. Der Kerl habe mit dem üppigen Trinkgeld geprahlt, das er der Kellnerin gab. Gegen 1:30 Uhr setzte sich Jeanne auf den ersten Hocker der Pan American Bar und trank einen Seven-High. Sie warf 25 Cent in einen Korb und bat den Pianisten Sam Young, für sie zu spielen.
Um 2 Uhr morgens schloss die Bar, und der Barkeeper bemerkte, dass Jeanne French und ihr Begleiter stritten. Der Pianist Young ging nach draußen und beobachtete, wie die Frau und ihr Gefährte in eine alte, schrottreife Limousine stiegen. Er war der letzte Zeuge, abgesehen von ihrem Mörder oder ihren Mördern, der Jeanne French lebend sah.
Biografie Jeanne French
Die ersten Ermittlungen zeichneten das Bild einer schwer alkoholkranken Frau, die ihre Nächte in den Bars der Westside verbrachte und vermutlich an diesem Abend in die Fänge irgendeines kranken Typens geriet, der sie umbrachte. Dabei war die Tote eigentlich mal ein ganz anderes Kaliber gewesen, wie ihre Lebensgeschichte zeigte.
Jeannette Catherine „Nettie“ Axford wurde am 6. Oktober 1902 als ältestes Kind von Charlie und Oma Niar Axford in Axtell, Texas geboren. Der Ort erlangte 1993 traurige Berühmtheit durch die Belagerung der Branch-Davidians-Sekte von David Koresh, bei der 76 Menschen ums Leben kamen.
Laut dem US-Zensus von 1910 war die Familie zum Zeitpunkt der Volkszählung bereits nach Oklahoma verzogen, wo die Eltern eine Farm betrieben. 1920 heiratete die Tochter David Yandell Wrather. Im selben Jahr brachte sie David zur Welt, ihr einziges Kind. Laut der Geburtsurkunde des Sohnes wurde Jeanne French mit 18 Jahren Mutter. Aber die Geburt des Kindes ist auf den 19. September 1920 datiert. Tatsächlich war Jeanne French zum Zeitpunkt der Geburt ihres Sohnes noch 17 Jahre alt und wurde erst knapp drei Wochen später volljährig.
Das Paar ließ sich in Amarillo nieder, wo Jeanne French als Krankenschwester im St. Anthony’s Hospital arbeitete. Als Beruf ihres Ehemannes ist auf der Geburtsurkunde des Kindes „Druggist“ vermerkt. Der Begriff bezeichnete damals meist einen Apotheker oder Betreiber eines Drug Stores.
Doch die Ehe war nur von kurzer Dauer. 1924 ließ sich das junge Paar scheiden. Die Geschiedene zog bald darauf mit ihrem Sohn nach Los Angeles und war weiterhin als Krankenschwester tätig. Am 3. Mai 1925 heiratete sie in Long Beach einen Mann namens David Smith Thomas. Auch diese Ehe hatte ein denkbar kurzes Haltbarkeitsdatum.
Die fliegende Krankenschwester
In den folgenden Jahren führte Jeanne French ein für diese Zeit eher unkonventionelles Leben. Sie wurde mit der Leitung einer Gruppe von Krankenschwestern betraut, deren Arbeitgeber eine große Ölgesellschaft in Südamerika war. Um von Ölfeld zu Ölfeld zu gelangen, saß sie häufig im Flugzeug. Das Fliegen faszinierte sie zunehmend, was sie dazu motivierte, die Flugprüfung abzulegen.

Sie war Mitglied der „Women’s Air Reserve“ und des „99 Club“, einer Organisation von weiblichen Pionieren in der Luftfahrt. 1931 erlangte „die fliegende Krankenschwester“ dann in den USA eine gewisse Bekanntheit. In einem landesweit veröffentlichten Zeitungsbericht war ein Foto einer strahlenden Jeanne French in einer figurbetonten Fliegeruniform abgedruckt, versehen mit folgendem Zitat:
„Vielleicht wollen die Patienten gar nicht mehr gesund werden, wenn Miss Jeanne Axford Thomas aus Dallas, Texas, als Krankenschwester nach Kolumbien, Südamerika, zurückkehrt. Nachdem sie vor einigen Jahren in Ausübung ihres Berufs über den Dschungel geflogen war, gab sie die Krankenpflege auf, um Luftfahrt zu studieren. Jetzt bemüht sie sich in Dallas um eine Mechanikerlizenz und wird dann zurück nach Kolumbien fliegen.“
Scheidung per Luftpost
Frenchs Liebe zum Fliegen bestimmte auch ihr Privatleben. Am 26. Oktober 1931 heiratete sie in Los Angeles einen Fliegerkollegen namens Curtis Perry Bower. Das Paar trennte sich nur fünf Wochen später. Im Februar 1932 machte sie erneut in den USA Schlagzeilen. Sie war die erste Person in Südkalifornien, die über ihren Anwalt Allan Lund versuchte, eine Scheidung per „Luftpost“ von einem liberalen mexikanischen Gericht in Juarez zu erwirken.
In Sommer desselben Jahres ging ihre Geschichte erneut durch die Presse, als sie von ihrer Mutter als vermisst gemeldet wurde: „Mrs. Jeanne Axford Thomas, eine Fliegerin aus Los Angeles, wurde heute von ihrer Mutter, Mrs. Oma Randall, als vermisst gemeldet. Diese teilte den Behörden mit, dass ihre Tochter beabsichtigt habe, Ende Juni von Mexicali in die mexikanische Hauptstadt zu fliegen. Mrs. Randall sagte, Mrs. Thomas habe Los Angeles am 27. Juni mit dem Auto in Begleitung von zwei mexikanischen Fliegern verlassen, deren Namen sie nicht kenne. Sie habe kein Lebenszeichen von der Fliegerin erhalten und bat die Polizei um Hilfe bei der Suche.“
Jeanne French schickte bald darauf ein Telegramm an die Nachrichtenagentur „United Press“, dass sie „sicher und wohlauf“ in Mexiko-Stadt sei. „Ich kann die Aufregung nicht verstehen, die ich in den Vereinigten Staaten durch meinen Flug nach Mexiko ausgelöst habe“, sagte sie. „Ich fliege zum Beginn der Olympischen Spiele zurück.“
Es ist nicht im Detail bekannt, was Jeanne French im folgenden Jahrzehnt unternahm. Berichten zufolge arbeitete sie als Krankenschwester, als Flugbegleiterin, für das Rote Kreuz und flog weiterhin selbst. Es gab auch die Gerüchte, dass sie kleine Nebenrollen in Filmen spielte und als Teil der „internationalen High Society in Paris, London und New York“ mit ihrer Freundin, der Erbin und Modeikone Millicent Rogers, um die Welt jettete. So schilderte es zumindest die „Buffalo Evening News„, als sie über Ermittlungen zu ihrem Tod berichtete. Wie gesagt: Gerüchte. Wirkliche Belege dafür sind nicht bekannt.
Der Ehemann unter Verdacht
Sicher ist, dass die einst glorreichen Tage mit landesweiten Zeitungsartikeln 1947 längst vorbei waren. Frisch getrennt von ihrem vierten Ehemann, mit dem sie seit dem 30. Dezember 1944 verheiratet war, lebte Jeanne in einer kleinen Wohnung in der Military Ave. 3535 in Palms. Das Apartment war kaum mehr als eine Meile von dem Ort entfernt, an dem ihr malträtierter Leichnam gefunden wurde. Sie war inzwischen alkoholkrank. Und sie hatte ihren Ex beschuldigt, sie am 26. Januar in einem Streit geschlagen zu haben.
Für das LAPD rückte deshalb zunächst Frank French als naheliegender Verdächtiger in den Fokus. Die Verbindung zum Mordfall Elizabeth Short, den die Presse unterstellte, spielte in den Ermittlungen zunächst keine Rolle. Stattdessen konzentrierte sich die Polizei auf Jeanne Frenchs „großen und wortkargen“ Ehemann.
Der Mann hatte jahrelang im US Marine Corps gedient, u.a. auch im Zweiten Weltkrieg. Auf der Heiratsurkunde war Camp Lejeune als Aufenthaltsort angegeben. Der Stützpunkt sollte später auch im Lebenslauf von Charles Whitman auftauchen, dem Täter des Texas-Tower-Shootings von 1966. Die Polizei spekulierte: Vielleicht hatte Frank French den Krieg nicht so gut verkraftet und litt an psychischen Problemen.
Frank und Jeanne French führten eine toxische Beziehung, wie man es heutzutage benennen würde, die von beidseitiger Gewalt geprägt war. Kurz vor Jeannes Ermordung war Frank verhaftet worden, nachdem er sie während eines besonders heftigen Streits ins Gesicht geschlagen hatte.
Zu Beginn der Vernehmung bestritt Frank French zunächst, seine Frau in der Tatnacht gesehen zu haben. Dann gab er schließlich doch zu, dass sie gegen Mitternacht bei ihm aufgetaucht war. Er stritt jedoch vehement ab, ihr etwas angetan zu haben, und behauptete, er hätte ihr „kein Haar gekrümmt“.
Fehlender Beweis
Jetzt hatte die Polizei ein Problem. Der potenzielle Täter war nicht geständig und die Ermittler konnten keine Beweise finden, um den Mord an Jeanne French mit ihrem Ex-Mann Frank in Verbindung zu bringen. Zudem bestätigte die Vermieterin sein Alibi, dass er seine Wohnung an jenem Abend nicht verlassen hatte.
Darüber hinaus schloss ein wichtiges Beweismittel, dass die Ermittler am Tatort gesichert hatten, Frank French aus dem Kreis der Verdächtigen aus. Sowohl auf dem Leichnam als auch neben der Leiche hatte die Polizei mehrere identische Schuhabdrücke dokumentiert, die eindeutig vom Mörder stammten. Diese deuteten auf einen eher kleineren Mann mit einer Schuhgröße 6-7 hin (deutsche Schuhgröße 39-40). Der Beschuldigte hatte aber deutlich größere Füße.

Die Beamten unternahmen nichtsdestotrotz einen letzten Versuch und unterzogen ihn einem Lügendetektortest. Frank French bestand den Test, und die Polizei wandte sich schließlich anderen potenziellen Verdächtigen zu.
Die Spuren versanden
Der nächste Schritt der Ermittlungen: Die Beamten intensivierten die Suche nach dem dunkelhäutigen Mann, von dem Augenzeugen berichtet hatten und der mit Jeanne in der Pan American Bar am West Washington Place gesehen worden war. Die Nachforschungen verliefen im Leeren. Die Identität konnte nie geklärt werden.
Der letzte Strohhalm war Jeanne Frenchs Auto, ein Ford Roadster Baujahr 1929, das die Polizei auf einem Parkplatz aufspürte. Zeugen sagten aus, dass das Fahrzeug dort seit etwa 3.15 Uhr morgens am Mordtag gestanden hatte. Einer der befragten Zeugen, ein Nachtwächter, behauptete, dass ein Mann das Auto dort abgestellt hatte und nicht Jeanne French. Dieser Mann wurde allerdings nie ausfindig gemacht.
Zudem hatte der Gerichtsmediziner als wahrscheinlichen Todeszeitpunkt 6.00 Uhr morgens angegeben. Wo hielt sich Jeanne French zwischen 3.15 Uhr und 6.00 Uhr auf? Auch diese Frage konnte nie geklärt werden. Die Polizei verhörte aktenkundige Sexualstraftäter – ohne Ergebnis. Die Beamten klapperten alle China-Restaurants vor Ort ab, weil das Opfer laut Obduktionsbericht kurz vor dem Tod chinesisch gegessen hatte. Auch dies vergeblich.
Die Ermittler verfügten nun über gar keine brauchbaren Spuren mehr, die sie verfolgen konnten. Der Chef der Mordkommission des LAPD, Captain Jack Donahoe, erklärte öffentlich, sie glaubten jetzt doch, dass „die Morde an Elizabeth Short und Jeanne French von demselben Mann begangen wurden“. Am 14. März 1947 veröffentlichte der „Los Angeles Examiner“ ein vom LAPD verfasstes Dokument mit dem Titel „11 gemeinsame Punkte“.
Darin wurde die Öffentlichkeit darüber informiert, dass die Ermittler mutmaßten, dass drei Morde – Elizabeth Short, Jeanne French und ein neues Opfer namens Evelyn Winters – zusammenhingen. Neues Futter für die Medien, das die Auflagen wieder nach oben trieb. Aber konkrete Verdächtige für diese Theorie konnte das LAPD nicht ermitteln. Es scheiterte bereits daran, die beiden männlichen Begleiter zu identifizieren, mit denen Jeanne French um 19.30 Uhr in der Tatnacht gesehen worden war.
Ein neuer Verdächtiger
Etwa drei Jahre nach dem Mord ordnete eine Grand Jury eine neue Untersuchung des Falls an. Dies führte dazu, dass die Ermittlungsbehörden viele ungelöste Frauenmorde der 1940-er Jahre in Los Angeles erneut aufrollten, darunter auch den von Jeanne French. Walter Morgan und Frank Jemison von der Bezirksstaatsanwaltschaft übernahmen die Ermittlungen und stießen alsbald auf einen neuen Hauptverdächtigen.
Vier Monate vor dem Mord an Jeanne French – und während sie noch mit ihrem Ehemann Frank zusammenlebte – hatte das Paar einen Maler namens George Whitt engagiert, um Arbeiten am gemeinsamen Haus durchzuführen. Whitt gab in den Vernehmungen zu, mehrmals mit dem Opfer verabredet gewesen zu sein.
Morgan und Jemison deckten im Zuge ihrer Nachforschungen zudem auf, dass der Maler um den Zeitpunkt des Mordes herum Kleidungsstücke und mehrere Paare Schuhe verbrannt hatte. Whitt gab an, dies getan zu haben, weil er befürchtete, man würde ihm den Mord an Jeanne French anhängen, sobald die Polizei von der Affäre erführe.
Doch der Mann präsentierte ein Alibi, das die Ermittler nicht widerlegen konnten. Und damit endete auch diese Spur in einer Sackgasse. George Whitt wurde letzten Endes von jeglicher Tatbeteiligung freigesprochen.
Theorien
Im Prinzip war die Polizei im Fall Jeanne French mit ihrem Latein am Ende. In den folgenden 80 Jahren tauchten dann allenfalls noch neue Ideen zum Täter auf, wenn Buchautoren sich mit dem Mord beschäftigten. Wie zum Beispiel Steve Hodel, der seinem Vater Dr. George Hodel in seinem Buch „ Black Dahlia Avenger: A Genius for Murder“ das Verbrechen an Elizabeth Short nachweisen wollte. Hodel glaubte zudem, dass sein Vater noch mehrere andere Frauen getötet hatte, darunter Georgette Bauerdorf und Jeanne French.
Doch seine Argumentation offenbart Schwächen. So ignoriert er den Fakt, dass der Täter laut Gerichtsmedizin „P. D.“ auf dem Körper schrieb, und beharrt stattdessen darauf, dass es „B. D.“ gewesen sei. Zudem beschreibt Hodel an anderer Stelle, dass sein Vater „sehr große Füße“ hatte. Wie passt dies zur Spurenlage? Der Täter trug laut den Ermittlungen Schuhe der Größe 39-40.
Es gab weitere Theorien, wie zum Beispiel, dass es sich möglicherweise um ein rassistisch motiviertes Hassverbrechen handelte, weil French in der Nacht in Begleitung eines dunkelhäutigen Mannes gesehen wurde. Oder dass mit dem P. D. nicht das Police Department gemeint war, sondern jemand aus Texas seine realen Namensinitialen signiert hatte. Aber dies waren alles Thesen nach dem Motto „Kann sein, kann aber auch nicht sein.“ Stichhaltige Belege, die das Verbrechen mit einem potenziellen Täter in Verbindung brachten, gab es einfach nicht.
Die naheliegendste Erklärung bleibt bis heute, dass der unbekannte Mann, mit dem Jeanne French zuletzt gesehen wurde, auch ihr Mörder war. Seine Beschreibung passt zumindest grob zu den gesicherten Schuhspuren. Ob ein Streit zwischen den beiden eskalierte oder ob sich die Ereignisse ganz anders abspielten, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.
Sicher ist nur eines: Der Mörder von Jeanne French wurde nie identifiziert. Fast acht Jahrzehnte nach dem Verbrechen bleiben mehr Fragen als Antworten zurück. Während der Name Elizabeth Short bis heute weltweit bekannt ist, geriet Jeanne French weitgehend in Vergessenheit, obwohl ihr Fall zu den brutalsten und rätselhaftesten ungelösten Frauenmorden im Los Angeles der Nachkriegszeit gehört.
Überblick zum Fall Jeanne French
- Der Red Lipstick Murder