Elizabeth Short: Ermittlungen, Verdächtige & Hollywood-Mythos

Im Winter 1945/46 reiste Elizabeth Short erneut nach Miami, wo sie sich ins Nachtleben stürzte, um dem Schmerz über den Verlust zu entkommen. Man sah sie praktisch jeden Abend in Begleitung eines anderen Verehrers. Soldaten und Geschäftsleute. Ältere Männer und jüngere. Es schien keine Rolle zu spielen. Hauptsache, sie hatten die Spendierhosen angezogen.

Elizabeth Short stolzierte in offenen Pumps über die Flaniermeilen der Vergnügungsviertel. Sie war sich der Wirkung bewusst, die ihr Äußeres auf männliche Passanten hatte. Sie gafften. Sie pfiffen ihr hinterher. Sie luden sie zum Essen ein. Die Männer zahlten die Rechnungen im Restaurant, in der Bar, gaben ihr Geld für die Miete und Kleider.

Elizabeth Short
Inhaltsverzeichnis

Die Konstruktion einer Legende: Prostitution oder Rufmord?

Einige Autoren haben ihr deshalb unterstellt, sie habe als Prostituierte gearbeitet. Dafür gibt es jedoch keinerlei Beweise. Im Gegenteil. Der leitende Ermittler Harry Hansen hat diese Gerüchte stets als Unfug abgetan. Im Laufe der Morduntersuchung unterhielt sich Hansen mit weit mehr als 100 dieser Verehrer. Gerade mal drei gaben zu, mit Elizabeth Short geschlafen zu haben. Und die Polizei war seinerzeit bei Vernehmungen von Verdächtigen nicht gerade zimperlich.

Andere Biografen wollen herausgefunden haben, dass Elizabeth Short während der Kriegsjahre in Los Angeles in einschlägigen Nachtklubs als Hostess oder Callgirl tätig gewesen sei. Dort sei sie mit dem Jetset von Hollywood in Kontakt gekommen und letztlich an die falschen Leute geraten. Doch Elizabeth Short hatte Kalifornien im September 1943 nach ihrer Nacht in Arrest verlassen.

Das „Short-Dossier“: Behördliche Fakten gegen die Boulevardpresse

Wie ein Dossier der Staatsanwaltschaft des Los Angeles County belegt, kehrte sie erst im Sommer 1946 dorthin zurück. Die Ermittler haben in dieser Akte alle Aufenthaltsorte von Short vor dem 1. Juni 1946 fein säuberlich mit Zeitangaben aufgelistet.

Diese Akte, oft als „Short-Dossier“ bezeichnet, gilt unter Historikern als das wichtigste Korrektiv gegen die reißerische Boulevardpresse jener Zeit. Es belegt, dass Elizabeth die Jahre, in denen sie angeblich in Hollywoods Unterwelt Karriere gemacht haben soll, in Wahrheit in Florida oder bei ihrer Familie an der Ostküste verbrachte. Die „Callgirl-Legende“ lässt sich somit allein durch einen Blick in die behördlichen Reiseprotokolle entkräften.

Anatomie eines Gerüchts: Der angeborene Defekt und das Motiv

Ein weiteres Gerücht, das sich hartnäckig hält, besagt, Elizabeth Short habe aufgrund eines angeborenen Defekts kaum entwickelte Genitalien besessen. Der Autor John Gilmore sieht hierin beispielsweise das Motiv für den Mord. Den Täter habe dieser Anblick und ihre Weigerung, mit ihm zu schlafen, so sehr in Rage versetzt, dass er die Frau getötet habe. Das Problem an dieser Geschichte: Elizabeth Short führte sexuelle Beziehungen, wenn auch nur wenige, wie Harry Hansen bestätigte. Von irgendwelchen körperlichen Deformationen ist in den Polizeiermittlungen nirgendwo die Rede.

Das „geheime“ Detail: Täterwissen im unveröffentlichten Obduktionsbericht

Es existiert in diesem Mordfall ein besonderer Umstand, der solche Theorien überhaupt erst ermöglicht hat. Wenige Tage nach dem Fund der Leiche beraumte die Grand Jury des Los Angeles County eine Anhörung an. Die Ermittler und der Gerichtsmediziner wurden befragt. Letzterer verlas den Obduktionsbericht.

Erst nach dieser Anhörung entschieden die Geschworenen darüber, ob auf Grundlage der vorgelegten Indizien von einem Verbrechen auszugehen war und weitere Ermittlungen gerechtfertigt erschienen. Im Fall von Elizabeth Short war dies natürlich eine reine Formalie.

Die Grand-Jury-Anhörung und die Informationssperre des LAPD

Eine Anhörung vor der Grand Jury war öffentlich, die Aussagen wurden protokolliert und waren jedem Bürger zugänglich. Doch als der Leichenbeschauer an diesem Tag aussagte, unterbrach ihn der Vorsitzende mitten im Vortrag mit den Worten, man habe genug gehört.

Das LAPD behauptete seitdem, der nicht veröffentlichte Teil des Obduktionsberichts enthielte ein entscheidendes Detail, das nur dem Täter und der Polizei bekannt sei – also sogenanntes Täterwissen. Bei den Hobbyermittlern wird bis heute spekuliert, ob es sich dabei um spezifische, chirurgische Schnittmuster oder eine ganz bestimmte Signatur des Mörders handelte, die bewusst zurückgehalten wurde, um falsche Geständnisse von Trittbrettfahrern sofort entlarven zu können.

Da der Fall nie gelöst wurde, blieb dieser Filtermechanismus über Jahrzehnte unter Verschluss. Und ob dieses Täterwissen in der Akte überhaupt existierte oder nur ein Bluff war, vermochte kein Außenstehender zu sagen.

Die Akte oder das, was von ihr übrig geblieben ist – viele Beweisstücke sind inzwischen vernichtet worden –, ist auch 70 Jahre nach dem Mord noch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Dieser Umstand hatte natürlich in der Vergangenheit Raum für Spekulationen gelassen, den etliche Autoren weidlich ausnutzten.

Elizabeth Short in Los Angeles: Eine Frau voller Widersprüche

Im Juli 1946 reiste Elizabeth Short nach Kalifornien, um dort Joseph Gordon Fickling wiederzutreffen. Sie hatte den Lieutenant der Air Force zwei Jahre zuvor in Florida kennengelernt, bevor er in den Krieg zog. Die beiden wollten nun herausfinden, ob sie eine gemeinsame Zukunft als Paar hatten.

Joseph Grodon Fickling

Die Liaison mit Joseph Fickling und die finanzielle Notlage

Der gemeinsame Urlaub in Long Beach verlief von Beginn an holprig, wie dem späteren Briefverkehr zwischen Fickling und Short zu entnehmen ist. Fickling beklagte sich wiederholt darüber, dass seine vermeintliche Braut während ihres Zusammenseins ununterbrochen mit anderen Männern geflirtet habe. Er habe sich irgendwann gefragt, ob ihr überhaupt etwas an ihm liege.

Offensichtlich war Elizabeth Short nicht in der Lage oder willens, ihn davon zu überzeugen, dass er sich im Irrtum befand. Nach etwa einer Woche hatte Fickling genug von der Liaison und verschwand nach Nordkalifornien. Dort fand er bei einer kleinen Airline einen Job als Pilot. Doch Fickling und Short blieben in Kontakt.

Er schickte ihr weiterhin in unregelmäßigen Abständen Geld, wenn sie wieder einmal pleite war. Den letzten Brief von Elizabeth Short erhielt Fickling am 8. Januar 1947, sechs Tage vor ihrem Tod. Sie schrieb ihm, dass sie vorhabe, nach Chicago überzusiedeln, wo man ihr einen Job als Model angeboten habe. Ein kompletter Schwindel. Aber solche kleinen Lügen waren ihr inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen.

Finanzielle Probleme

Elizabeth Shorts finanzielle Probleme verschlimmerten sich nach der Trennung von Joseph Fickling. Sie zog nach Los Angeles. Vielleicht hegte sie nach wie vor den Traum, von Hollywood entdeckt zu werden. In der rauen Wirklichkeit wechselte sie in den letzten sechs Monaten ihres Lebens ständig von einer Unterkunft zur nächsten. Sie kam in billigen Hotels, Pensionen, Mietskasernen oder Privatunterkünften unter.

Die Miete durfte nicht viel und möglichst gar nichts kosten, denn Elizabeth Short war chronisch blank. So teilte sie sich vom 13. November bis 15. Dezember 1946 beispielsweise mit acht anderen Frauen – Cocktailkellnerinnen, Telefonistinnen, Tänzerinnen – eine Zweizimmerwohnung. Für ein Feldbett und ein Schubfach im Schrank verlangte der Vermieter 1 Dollar pro Nacht. Dennoch schlich sich Elizabeth Short häufig zum Hinterausgang hinaus, wenn der Wohnungseigentümer abkassieren kam.

Eine Frau voller Widersprüche

Ihre Mitbewohnerinnen erzählten der Presse später, sie sei jeden Abend mit einem anderen Mann unterwegs gewesen. Einen Job habe sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gehabt und sich auch nicht darum gekümmert. »Sie trieb sich immer auf den Hollywood Boulevard herum«, erzählte eine von ihnen.

Elizabeth Short war voller Widersprüche. Ihr Verhalten war häufig nur schwer nachzuvollziehen, was die Ermittlungen der Polizei zusätzlich erschwerte. Denn trotz ihrer Geldnöte steckte sie jeden Penny in ihre Garderobe. Lieber hungerte sie, als schlecht gestylt das Haus zu verlassen. Am liebsten trug sie elegante dunkle Kostüme, Rüschenblusen, High Heels und lange Abendhandschuhe.

Elizabeth Short

Andererseits scheute die so auf ihr Äußeres bedachte Frau den Weg zum Zahnarzt, wie die Obduktion gezeigt hatte. Ihre Bekannten berichteten, sie habe sich Wachs in die Karieslöcher gestopft und dunkle Zahnstellen mit Tipp-Ex bestrichen.

Obwohl Elizabeth Short während ihrer Zeit in Los Angeles praktisch ständig ausging, pflegte sie allenfalls lose Kontakte. Sie hatte keine engen Freunde, weder Männer noch Frauen. Stattdessen zog sie es vor, ständig wechselnde Bekanntschaften zu machen. Sie schloss sich eine Weile lang einem Grüppchen oder einem männlichen Begleiter an, dann war sie urplötzlich verschwunden. Tage später sah man sie mit einer anderen Clique herumziehen.

Aufbruch nach San Diego: Die erste Spur zum mysteriösen Fahrer

Am 9. Dezember 1946, einen Monat vor ihrem Verschwinden, verließ sie Los Angeles und nahm den Bus nach San Diego. Die Gründe für den Umzug sind nicht bekannt. Möglicherweise schuldete sie inzwischen zu vielen Leuten Geld. Oder sie wünschte sich einen Neuanfang. Vielleicht geschah es auch nur aus einer Laune heraus. Denn der Trip wirkte nicht so, als wäre er wirklich geplant gewesen.

Sie traf um sechs Uhr morgens in San Diego ein. Weil sie offenbar kein konkretes Ziel hatte, kaufte sie sich eine Kinokarte für das »Aztec Theatre«, das rund um die Uhr geöffnet hatte. Im Kino lief »Der Jazzsänger« [Link zu Wikipedia]. Dorothy French, die an diesem Tag das Kassenhäuschen betreute, entdeckte wenige Stunden später die schlafende Elizabeth Short im Kinosaal. Die Kartenverkäuferin hatte Mitleid mit dem gestrandeten Mädchen und lud sie zu sich nach Hause ein.

Aztec Theater, San Diego

Die nächsten vier Wochen verbrachte Elizabeth Short bei der Familie French. Sie faulenzte den ganzen Tag im Haus herum, ging jeden Abend aus und kehrte spät zurück. Anfang Januar 1947 hatten die Frenchs die Geduld mit ihrer Untermieterin verloren. Sie baten sie, sich eine andere Bleibe zu besorgen.

Dorothy French

Ein mysteriöser Fremder

Auch die Zeitungen in San Diego berichteten über den spektakulären Mord in Los Angeles. Als die Frenchs das Bild von Elizabeth Short sahen, meldeten sie sich am Samstag, dem 18. Januar 1947, bei der Polizei. Die Zeugen konnten nicht nur wichtige Angaben über den Verbleib der Toten in den letzten Wochen vor ihrem Tod machen. Sie lieferten der Polizei die erste heiße Spur in diesem Fall.

Denn die Frenchs hatten beobachtet, dass Elizabeth Short in einen Wagen gestiegen war, als sie mit ihren Koffern das Haus verließ. Sie konnten sowohl das Fahrzeug als auch den Fahrer, einen jungen Mann mit auffälligen roten Haaren, sehr genau beschreiben.

Als Harry Hansen und Finis Brown der Fall der unbekannten Toten übertragen wurde, schienen sie es mit einem knallharten Whodunit zu tun zu bekommen. Plötzlich schien die Lösung des vertrackten Rätsels greifbar nah, viel eher als erwartet. Die beiden Mordermittler setzten alle verfügbaren Beamten auf den mysteriösen Rothaarigen an.

Die erste Spur: Robert „Red“ Manley und das wasserdichte Alibi

Die Reporter vom »Los Angeles Examiner« waren etwas fixer als die Polizei. Sie klapperten mit der Täterbeschreibung die Hotels von San Diego ab und wurden noch am Samstag, dem 18. Januar 1947, fündig. Der Mann hieß Robert »Red« Manley und lebte in Los Angeles. Der 25-Jährige war verheiratet und von Beruf Vertreter. Er wurde am Samstagabend verhaftet. Harry Hansen und Finis Brown grillten ihn zwei Tage und zwei Nächte. Sie führten mehrere Lügendetektortests durch. Die Mühe war umsonst. Denn Manley besaß ein wasserdichtes Alibi.

Robert Manley am Lügendetektor

Seine Frau, seine Schwiegereltern sowie Bekannte bezeugten, dass der Verdächtige die Mordnacht zu Hause verbracht hatte. Ein Ehepaar aus der Nachbarschaft war zum Spieleabend eingeladen gewesen. Der vermeintliche Mörder galt nun nur noch als wichtiger Augenzeuge, der zu den letzten Personen gehörte, die Elizabeth Short lebend gesehen hatten.

Robert Manley mit seiner Frau

Die Aussage: Der letzte Abend im Biltmore Hotel

Robert Manley berichtete, er habe am 8. Januar 1946 beruflich in San Diego zu tun gehabt. Short sei ihm an einer Straßenkreuzung aufgefallen. Eine schöne Frau ohne rechtes Ziel. Er habe angehalten und gefragt, ob er sie irgendwohin mitnehmen könne. Elizabeth Short habe sich zunächst zurückhaltend gegeben. Sie habe den Kopf abgewendet und ihn ignoriert. Aber er habe nicht locker gelassen und sie weiter bequatscht. Er habe ihr versichert, dass er ein harmloser Typ sei und sie nur nach Hause fahren wolle.

Danach habe ihm Short von ihrem Rauswurf erzählt. Sie habe nicht gewusst, wo sie unterkommen solle. Sie hätten zunächst ihr Gepäck abgeholt und anschließend in einem Motel in San Diego übernachtet. Manley beteuerte, er habe sie am nächsten Tag, dem 9. Januar, auf ihren eigenen Wunsch nach Los Angeles mitgenommen.

Sie hätten einen Zwischenstopp am Busbahnhof eingelegt. Dort habe sie ihre beiden Koffer in einem Schließfach hinterlegt. Anschließend habe er sie vor dem »Biltmore Hotel« in der Innenstadt abgesetzt. Short habe ihm erzählt, dass sie vorhabe, eine ihrer Schwestern in Berkeley zu besuchen. Sie sei mit ihr im Hotel verabredet. Gegen 18.30 Uhr habe er sich von ihr verabschiedet und sei nach Hause gefahren.

Robert Manley beschrieb den Ermittlern die Kleidung, die Elizabeth Short zu diesem Zeitpunkt trug, wie folgt: eine weiße Bluse mit Rüschen; ein schwarzes, kragenloses Kostüm; hochhackige Wildlederpumps; Nylonstrümpfe; weiße Handschuhe; ein langer, beiger Mantel.

Mehrere Hotelangestellte bestätigten diese Angaben. Elizabeth Short habe sich etwa zwei Stunden in der Hotellobby aufgehalten. Sie habe während dieser Zeit mehrfach eine der Telefonkabinen aufgesucht. Schließlich habe sie das »Biltmore« durch den Ausgang zur Olive Street verlassen. Der Hotelportier erinnerte sich, dass Short die Straße in südlicher Richtung hinuntergegangen sei.

Biltmore Hotel Lobby

Im Visier der Ermittler: Cleo Short und das Umfeld des Opfers

Harry Hansen und Finis Brown mussten nach einem neuen Täter Ausschau halten. Sie nahmen Cleo Short, den Vater der Toten, ins Verhör. Er wohnte inzwischen in Los Angeles, nur fünf Kilometer entfernt vom Fundort der Leiche. Er sagte aus, dass er seit drei Jahren keinerlei Kontakt zu Elizabeth gehabt habe. Er beklagte sich, das schlampige Mädchen habe sich nie um seine Wäsche und Küche gekümmert.

Am Ende der Vernehmung weigerte er sich sogar, formell die Leiche seiner Tochter zu identifizieren. Die Mutter des Mädchens musste dafür extra von der Ostküste anreisen. Der Mann mochte ein selbstsüchtiges Ekelpaket sein, aber er war nicht der Mörder seines eigenen Kindes, wie die weiteren Untersuchungen ergaben.

Die Polizei befragte in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten insgesamt mehrere Tausend Leute, die in irgendeiner Weise Kontakt zu Elizabeth Short hatten. Die Aktenordner füllten sich rasend schnell. Unter den Befragten befand sich eine Vielzahl von Männerbekanntschaften der Toten. Durch die ausführliche Berichterstattung in der Presse meldeten sich zudem zahllose Spinner, die nach Aufmerksamkeit lechzten.

Neue Ermittlungsansätze: Die Suche nach medizinischen Kenntnissen

Die Beamten probierten andere Ermittlungsansätze aus. Hansen und Brown fragten sich: Wo waren die Kleider und persönlichen Gegenstände der Toten abgeblieben? 40 Polizisten putzten Klinken in einem Umkreis von 2,5 Kilometern rund um den Fundort der Leiche. Sie befragten Anwohner, ob sie verdächtige Beobachtungen gemacht hatten. Sie durchwühlten Mülleimer. Sie öffneten die Gullys. Sie überprüften sogar die Waschsalons der Umgebung, ob jemand hier kürzlich blutige Wäsche gesäubert habe. Es trudelten ein paar neue Hinweise ein, von denen sich jedoch keiner als Treffer entpuppte.

Der Leichenbeschauer hatte die Ermittler darauf hingewiesen, dass die Art und Weise, wie der Mörder die Leiche zerteilt hatte, auf medizinische Kenntnisse des Täters hindeuten würde. So gerieten einerseits eine Reihe von Ärzten ins Visier von Hansen und Brown, zum anderen die medizinische Fakultät der University of South California. Sie war in der Nähe des Leichenfundorts ansässig. Alle Überprüfungen verliefen im Sande.

Das Rätsel der letzten Tage: Die Lücke in der Chronologie

Trotz intensiver Medienberichterstattung konnte die Polizei nie klären, wo und mit wem Elizabeth Short ihre letzten Tage verbracht hatte. Wohin war sie am Abend des 9. Januar gegangen, als sie das »Biltmore Hotel« verließ? Hatte sie während ihrer Telefonate jemanden erreicht und sich verabredet?

Es meldeten sich zahlreiche Zeugen, die Elizabeth Short in dieser Nacht und in den Tagen danach noch lebend gesehen haben wollten. Doch keine dieser Aussagen ließ sich verifizieren. Es waren alles Einzelsichtungen an unterschiedlichen Orten in und rund um Los Angeles. Es fanden sich keine zwei Personen, die sie unabhängig voneinander zur gleichen Zeit am gleichen Ort beobachtet hatten.

Die Ermittler spekulierten, ob Elizabeth Short ihrem Mörder bereits am Abend des 9. Januar 1947 in die Hände fiel und deshalb entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten komplett von der Bildfläche verschwand. Hatte er die Frau also eingesperrt und womöglich tagelang gefoltert? Dafür sprach, dass man Shorts Koffer später im Busbahnhof fand, ohne dass etwas zu fehlen schien. Die als eitel geltende Frau sollte also mehrere Tage ihre Kleider nicht gewechselt haben? Das war schwer zu glauben.

Beweisstücke per Post: Das geheimnisvolle Päckchen und das Adressbuch

Ihr Gepäck gab den Ermittlern noch in anderer Hinsicht Rätsel auf. Einige Reporter hatten die Koffer als Erste aufgespürt. Sie übergaben das Beweismaterial umgehend an die Polizei. Sie behaupteten, sie hätten den Inhalt nicht angerührt. Einige Tage später traf beim »Los Angeles Examiner« ein Päckchen ohne Absender ein. Der Inhalt war brisant. Neben einem Schreiben enthielt es Shorts Geburtsurkunde, ihre Sozialversicherungskarte, die Todesanzeige von Matt Gordon, zahlreiche Schnappschüsse und ein Adressbuch mit den Namen von rund 75 Männern.

Elizabeth Short: Inhalt des Päckchens

Das Packpapier war mit Benzin behandelt worden – eine bei Kriminellen beliebte Methode, um jegliche Fingerabdrücke abzuwaschen. Im ersten Augenblick deutete alles darauf hin, dass das Paket von Elizabeth Shorts Mörder stammte. Aber die Ermittler konnten nicht ausschließen, dass einer der Reporter die Gegenstände aus ihren Koffern entwendet hatte, bevor man sie der Polizei übergab. Ein anonymes Päckchen vom vermeintlichen Mörder garantierte schließlich eine hohe Auflage.

Die Polizei überprüfte die Namen im Adressbuch und konnten die meisten unbekannten Personen auf den Fotos ermitteln. Sie alle erzählten die gleiche Geschichte. Sie hatten Elizabeth Short abends irgendwo auf dem Hollywood Boulevard oder in einem Nachtklub kennengelernt. Sie hatten sie zu ein paar Drinks oder einer Mahlzeit eingeladen. Als sie dann merkten, dass die Begegnung nicht auf ein anschließendes Schäferstündchen hinauslief, verloren sie rasch das Interesse. Sie sahen Elizabeth Short nie wieder.

Dennoch hatte sie ihre Namen notiert. Warum hatte sie das gemacht? Wollte sie die Männer zu einem späteren Zeitpunkt um Geld anpumpen? Wollte sie irgendjemanden mit ihrem prall gefüllten Adressbüchlein imponieren? Die Ermittler waren wieder einmal vom Verhalten des Mordopfers verblüfft.

Fundstücke auf der Mülldeponie: Schuhe und Handtasche tauchen auf

Am 25. Januar 1947 tauchten noch weitere Gegenstände aus dem Besitz von Elizabeth Short auf. Ein Lokalbesitzer meldete, dass er in seiner Mülltonne ein paar Frauenschuhe und eine Damenhandtasche gesehen hatte. Die Müllabfuhr war schneller als die Polizei. Das Zeug war bereits auf der Mülldeponie gelandet.

Die Beamten schleppten kurzerhand alle Damenschuhe und Handtaschen, die sie auf der Deponie finden konnten, aufs Polizeirevier. Man bestellte Robert Manley ein. Er konnte tatsächlich zwei Schuhe und eine Handtasche identifizieren, die seiner Ansicht nach Elizabeth Short gehörten. Bei den Schuhen war er sich sicher, weil Short sie in San Diego bei einem Schuster hatte neu besohlen lassen. Die Handtasche erkannte er an ihrem Geruch wieder. Das sei das Parfüm, mit dem sich Short geradezu eingenebelt habe.

Robert Manley schaut sich Fundstücke an

Ein ungelöster Fall: Das Erbe der schwarzen Dahlie

Die Morduntersuchung endete mit einer Liste von 25 Personen, die als potenziell tatverdächtig galten, ohne dass sich dieser Verdacht jemals erhärten ließ. Nähere Informationen zu diesen »offiziellen Verdächtigen« finden Sie auf der folgenden Seite. Darüber hinaus gibt es weitere Personen, die von Sachbuchautoren als mögliche Mörder von Elizabeth Short ins Spiel gebracht wurden. Mehr dazu werden Sie auf der Seite »Bücher zu Elizabeth Short« nachlesen können.

Formal ist der Fall für die Polizei noch nicht abgeschlossen. Theoretisch ermittelt das LAPD also noch. Die Untersuchung beschränkt sich jedoch darauf, Hinweise zu notieren, die gelegentlich eintrudeln. Meist stammen sie von Hobbydetektiven, die vom Ehrgeiz gepackt sind, den unlösbaren Fall doch noch zu knacken. Bei der Polizei glaubt nach 80 Jahren niemand noch ernsthaft an eine Lösung. Der Mörder ist aller Voraussicht nach längst verstorben und hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen.

Ungewollter Ruhm

Elizabeth Short fand ihre letzte Ruhestätte auf dem Mountain View Cemetery in Oakland nahe dem Wohnsitz ihrer Schwester. An der Trauerfeier nahmen damals lediglich sechs Familienmitglieder teil. Der Grabstein aus pinkfarbenem Marmor trägt die schlichte Aufschrift: »Tochter, Elizabeth Short, 29. Juli 1924 – 15. Januar 1947«.

Grabstein Elizabeth Short

Elizabeth Short hatte davon geträumt, es eines Tages auf die große Kinoleinwand zu schaffen. Ihr Wunsch ging auf perverse Art in Erfüllung. Denn das Publikum war nicht an der wahren Elizabeth Short aus Fleisch und Blut interessiert, sondern nur an der Toten. 60 Jahre nach ihrer Ermordung startete Brian DePalmas Verfilmung von James Ellroys Roman »Die schwarze Dahlie« mit Scarlett Johansson in der Hauptrolle.

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