Doppelmord am Anhalter Bahnhof: Ein grausiges Geheimnis im Keller

Am 23. August 1897 erschien Bankier Gumpel auf einer Berliner Polizeiwache. Er sorgte sich um zwei Kundinnen, deren beträchtliches Vermögen er verwaltete. Seit mehr als einer Woche hatten sie sich nicht mehr bei ihm gemeldet. Das sei ansonsten überhaupt nicht ihre Art, erklärte Gumpel den Polizisten.

Vor einigen Tagen habe er selbst nach dem Rechten sehen wollen und die Königgrätzer Straße 35 aufgesucht. Das Mietshaus gehöre den beiden Damen. Dort lebten sie auch. Doch vor Ort habe er nur einen ihm unbekannten Mann angetroffen, der sich ihm als Josef Gönczi vorgestellt habe.

Inhaltsverzeichnis

Seltsame Geschichten

Dieser Gönczi habe behauptet, die Hauseigentümerinnen seien nach Hannover verreist. Im Anschluss wollten sie Paris besuchen. Er selbst habe vier Wochen zuvor das Ladenlokal im Erdgeschoss angemietet, um dort ein Schuhgeschäft zu eröffnen. Die Besitzerinnen hätten ihn für die Zeit ihrer Abwesenheit zum Hausverwalter bestimmt. Unter anderem hätten sie ihn vor der Abreise gebeten, die Gaslampen und die dazugehörigen Leitungen in ihrer Wohnung zu reparieren. Daher hätten sie ihm auch ihren Wohnungsschlüssel anvertraut. Gönczi zeigte den entsprechenden Schlüsselbund vor.

Dem Bankier Gumpel kam die Geschichte aus mehreren Gründen spanisch vor. Zum einen waren die Witwe Schultze und ihre Tochter Klara schon seit vielen Jahren nicht mehr verreist. Zum anderen hätten sie ihn über ihre Pläne mit Sicherheit in Kenntnis gesetzt. Alleine schon, weil er ihnen die notwendigen Reisemittel hätte aushändigen müssen. Die Frauen hielten immer nur eine kleinere Menge Bargeld in ihrer Wohnung vorrätig.

Außerdem waren Mutter und Tochter allseits dafür bekannt, extrem misstrauisch zu sein. Dass sie einem neuen Mieter, den sie kaum kannten, zum Hausverwalter einsetzen sollten, kam ihm höchst zweifelhaft vor. Aber vollends unglaubwürdig war aus seiner Sicht, dass sie diesem Fremden auch noch freien Zutritt zu ihrer Wohnung gewährt haben sollten. Denn die durfte gewöhnlich auch niemand betreten, den die Damen schon lange kannten.

Verwesungsgeruch

Doch da die anderen Hausbewohner, mit denen sich Gumpel unterhielt, das Gleiche über den Verbleib der Vermieterinnen berichteten, habe er zunächst nichts unternommen. Aber jetzt sei ihm seitens der Nachbarn zu Ohren gekommen, dass dem Keller ein eigenartiger Gestank entströme. Es rieche nach Verwesung. Nun mache er sich Sorgen, dass seinen Kundinnen etwas zugestoßen sei. Deshalb habe er sich entschlossen, die Sache bei der Polizei zur Anzeige zu bringen.

Der Vorsteher des Reviers, Polizeileutnant Höpfner, nahm die Schilderungen des Bankiers Gumpel durchaus ernst. In den vergangenen Tagen war auf der Wache mehrfach die Rede davon gewesen, dass in der Königgrätzer Straße 35 irgendetwas nicht stimme.

Jeden Tag seien dort nämlich Zeitungsausträgerin, Bäcker sowie Kohlenmann erschienen und niemand hätte ihnen bei Schultze geöffnet. So etwas bestelle man doch ab, wenn man verreise, oder nicht? Leutnant Höpfner schnappte sich kurzerhand zwei Beamte, um dem Haus in der Königgrätzer Straße höchstpersönlich einen Besuch abzustatten.

Eine verdächtige Lieferung

Der Eingang zum besagten Kellerraum war mit einem Spezialschloss verriegelt. Höpfner ließ einen Schlosser herbeirufen, der aber an der Vorrichtung scheiterte. Der Polizeileutnant befahl seinen Leuten daraufhin, das Türfutter zu entfernen. Die beiden Beamten konnten sich durch den dadurch entstandenen Spalt in den Raum hineinzwängen.

Nun handelte es sich bei dem Keller nicht um den üblichen Verschlag für Kohlen und Kartoffeln. Das Zimmer war mit Holzdielen ausgestattet und früher als Wohnung vermietet worden. Umso überraschter waren die Polizisten, als sie jetzt einen großen Haufen Erde vorfanden, der auf dem Kellerboden ausgeschüttet worden war.

Die späteren Ermittlungen ergaben, dass der ominöse Josef Gönczi, dem Bankier Gumpel bereits begegnet war, am 16. August mehrere Fuhren Boden hatte anliefern lassen. Er ließ sie in den Kellerraum schütten, der genau unter seinem Ladenlokal lag. Sein Kompagnon, mit dem er den Laden angemietet habe, wolle einen kleinen Handel mit Weinen aus Ungarn betreiben, erklärte Gönczi gegenüber neugierigen Nachbarn. Um die Weinflaschen sachgerecht zu lagern, benötige er die kühlende Erde.

Neben dem Erdhaufen war ein Spaten zurückgeblieben. Ein Polizeibeamter schnappte sich die Schaufel. Zwei Kisten kamen alsbald zum Vorschein. Höpfner ließ die Behälter öffnen. In jeder Kiste befand sich eine Frauenleiche, die in schwarzes Wachstuch gehüllt war. Bei den Opfern handelte es sich zweifelsfrei um Mutter und Tochter Schultze. Polizeileutnant Höpfner verständigte die Kollegen von der Kriminalpolizei.

Klare Spuren

Die Leichen waren bereits teilweise verwest und lagerten vermutlich mehr als eine Woche in den Kisten. Beide Schädel waren eingeschlagen, das Stirn- und Nasenbein vollständig zertrümmert, bei der älteren Frauenleiche zusätzlich der Unterkiefer. Der Pathologe vermutete als Tatwaffe entweder ein Beil oder einen eisernen Totschläger.

Die Opfer hatten viel Blut verloren. Die Polizisten konnten einige Blutspuren sicherstellen, die direkt in das Ladenlokal hineinführten, das Gönczi angemietet hatte. Hinter der Ladentheke entdeckten sie einen Teppichläufer. Auf den ersten Blick waren keine Blutspuren zu erkennen. Doch eine Untersuchung durch das Kriminallabor ergab, dass dem Stoff einige Blutstropfen anhafteten. Die Ermittler gingen davon aus, dass der Mörder seine Opfer an dieser Stelle angegriffen hatte.

Angesichts dieser Spurenlage konzentrierten sich die Ermittlungen – wenig überraschend – von Anfang an auf Josef Gönczi, der inzwischen untergetaucht war. Auch hinsichtlich des Tatmotivs wurden die Beamten schnell fündig, sobald sie sich mit den Lebenshintergründen der Opfer vertraut gemacht hatten. Denn diese galten als sehr vermögend. Gönczi hatte es vermutlich auf ihr Geld abgesehen.

Im vornehmsten Teil Berlins

Das Wohnhaus in der Königgrätzer Straße lag in Kreuzberg nahe des Anhalter Bahnhofs und laut Gerichtsreporter Hugo Friedländer „im verkehrsreichsten und vornehmsten Teil Berlins“. Von dem einstigen Glanz ist heute nicht mehr so viel zu erkennen. Inzwischen wurde die Königgrätzer Straße in Stresemannstraße umbenannt.

Der Ausschnitt unten von Google Street View zeigt die heutige Stresemannstraße 35. Ich kann Ihnen allerdings nicht sagen, ob die Nummerierung der Grundstücke immer noch mit der Situation von Ende des 19. Jahrhunderts übereinstimmt. Vermutlich ja, aber wie gesagt: ohne Gewähr.

Sollte es so sein, dann ist der Schauplatz des Doppelmords in 1897 inzwischen durch einen Neubau ersetzt worden, wobei die Nr. 35 nur die linke Hälfte des Geschäfts- und Wohnkomplexes ausmacht. Die Nachbarhäuser linker Hand (Nr. 33 und 31) könnten hingegen schon 1897 an dieser Stelle gestanden haben.

Wenige Schritte in südöstlicher Richtung befindet sich heute das Willy-Brandt-Haus, die Parteizentrale der SPD. In nordwestlicher Richtung liegt der ehemalige Anhalter Bahnhof, der im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Heute existiert nur noch der gleichnamige U-Bahnhof. Oberirdisch stehen noch Überreste des Eingangsportals des Bahnhofs.

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1935: Umgebung des Anhalter Bahnhofs, Berlin

Millionäre

Bankier Gumpel schätzte das Gesamtvermögen der Mordopfer auf 1,5 Millionen Mark, davon etwa 500.000 Mark als Barvermögen. Der 1892 verstorbene Ehemann der Auguste Schultze, geborene Lutze, war Bauunternehmer und besaß zudem mehrere Gipsbrüche im Raum Spremberg in der Niederlausitz. Spremberg liegt etwa auf halber Strecke zwischen Cottbus und Bautzen nahe der heutigen deutsch-polnischen Grenze.

Die Gipsbrüche befanden sich immer noch im Eigentum der beiden Hinterbliebenen, weshalb man die Damen in Berlin auch die „Gips-Schultzen“ nannte. Abgesehen von den Gipsbrüchen gehörten den Erben auch noch 180 Morgen Wiesenland sowie drei Grundstücke in Berlin, darunter das Gebäude in der Königgrätzer Straße und ein weiteres Mietshaus auf der Prenzlauer Allee.

Angesichts dieser Vermögensverhältnisse lag Raub als Tatmotiv auf der Hand. Doch der Täter dürfte schwer enttäuscht gewesen sein. Denn das gesamte Geld lag auf der Bank. In der Wohnung befand sich lediglich ein kleinerer Barbetrag, etwas Schmuck sowie Aktien im Wert von wenigen tausend Mark. Den Nachbarn war dieser Umstand bekannt. Beide Opfer galten als geizig und ausgesprochen misstrauisch.

Geiz ist die Wurzel allen Übels

Die „Thorner Presse“ vom 29. August 1897 schreibt zwar, dass zur Beerdigung, die am 26. August stattfand, „eine vieltausendköpfige Menge“ erschienen sei. Doch Hofprediger Schniewind rechnete mit den Toten gnadenlos ab und gab ihnen gewissermaßen eine Mitschuld am Verbrechen. Mit dem Zitat „Geiz ist die Wurzel alles Übels“ aus dem 1. Timotheusbrief leitete er seine Grabrede ein.

„Ihr Mann habe der Witwe ein bedeutendes Vermögen hinterlassen“, so die „Thorner Presse“ über den Wortlaut der weiteren Predigt, „an welches sie früher nicht gewohnt war. Mit rastlosem Fleiße und unermüdlichem Geschäftssinn suchte sie es zu vermehren, ohne an die Zukunft zu denken. Gerade des Geldes wegen, welches den Mörder lockte, ist die furchtbare That geschehen.“

Einsiedler

Die Witwe Auguste Schultze war am 20. November 1823 geboren und bei ihrem Tod 73 Jahre alt. Die Stieftochter Klara Schultze, geboren am 7. Januar 1841, stammte aus der ersten Ehe des verstorbenen Bauunternehmers. Sie war unverheiratet und ohne Kinder. Die Frauen bewohnten gemeinsam eine Wohnung im zweiten Geschoss der Königgrätzer Straße 35 und „führten ein förmlich einsiedlerisches Leben“ laut Friedländer.

Zutritt zur Wohnung gewährten sie nur der Zeitungsfrau, dem Kohlenmann und einer Aufwärterin. Andere Besucher ließen sie nicht ein und pflegten ihrerseits auch keine gesellschaftlichen Kontakte außerhalb. Die Königgrätzer Straße verließen sie in der Regel nur, wenn sie ihren Vermögensverwalter Gumpel am Alexanderplatz aufsuchten oder die Mieten im zweiten Wohnhaus in der Prenzlauer Allee kassierten.

Der letzte Zeuge

Die Hausbewohner hatten die beiden Opfer zuletzt am Samstag, dem 14. August 1897, zwischen zehn und elf vormittags lebend gesehen. Gastwirt Hinz, der in Hausnummer 35 wohnte und neben Gönczis Laden eine sogenannte »Droschkenkutscher-Kneipe« betrieb, konnte sich an den Morgen noch gut erinnern. Gönczi, der sich ihm zunächst als Mieter des Ladens nebenan vorgestellt habe, sei in den Wochen zuvor öfters in seinem Lokal gewesen. So auch an diesem Tag.

Gönczi habe zum Kneipenfenster hinausgeschaut und Klara Schultze erblickt, die gerade die Straße überquerte. Der Schuhhändler habe sofort die Kneipe verlassen und erklärt, „er müsse mit dem Fräulein noch etwas wegen des Gases besprechen“. Zwei Stunden später sei Gönczi zurückgekehrt. Er habe auf den Zeugen „sehr erregt“ und „erhitzt“ gewirkt. Gönczi habe ein Glas Bier bestellt und sei anschließend in einer Kutsche nach Hause gefahren.

Gegen Mittag des 14. August klingelte der Kohlenmann an der Tür der beiden Damen. Niemand öffnete ihm. So erging es in den folgenden Tagen auch Zeitungsbotin, Aufwärterin, Bäcker und Briefträger. Die Polizei schlussfolgerte daraus, dass die Frauen am späten Vormittag des 14. August dem Täter zum Opfer fielen.

Der Mörder kehrt zurück

Was merkwürdig war: Der mutmaßliche Mörder kehrte bis zum 18. August noch mehrfach zurück an den Tatort. Durch den Mord war er an den Schlüsselbund der Toten gelangt. Ihm musste klar gewesen sein, dass für ihn dort wenig zu holen war, nachdem er die Wohnung einmal durchsucht hatte. Was hatte er sich von seinen weiteren Besuchen erwartet? Warum war er das Risiko eingegangen, dass ihn jede Menge Zeugen im Haus sahen?

Zum einen wollte er offenbar die Leichen verschwinden lassen, wenn der Plan letztlich auch scheiterte. Aber er dachte wohl, er könne die Opfer endgültig unter einem Erdhaufen begraben. Und möglicherweise hatte er geglaubt, die Leute würden ihm die Hausverwalter-Lüge tatsächlich abnehmen. Dann hätte er bequem die Miete kassieren können, um dadurch an eine nennenswerte Beute zu gelangen.

Misstrauen

Doch da hatte er sich getäuscht. Die Leute stellten Fragen und gaben sich mit seinen Antworten nicht zufrieden. So zum Beispiel die Zeugin Franz, die als Wirtschafterin für Geheimrat Thür in der Nachbarwohnung der „Gips-Schultzen“ arbeitete. Ihr war aufgefallen, dass seit Samstag mehrere Lieferanten vor verschlossener Tür gestanden hatten.

Gönczi erzählte ihr einen ähnlichen Schmu wie den übrigen Hausbewohnern. Die beiden Damen seien nach Brüssel und Paris verreist. Sie wollten eine Villa kaufen. Er sei jetzt der Hausverwalter, da er die Frau Schultze schon fünf Jahre kenne und sie eine entfernte Verwandte seiner Frau sei. Wirtschafterin Franz glaubte dem Mann kein Wort.

Der angebliche Hausverwalter spürte das Misstrauen, das er unbedingt zerstreuen wollte. Er forderte Frau Franz am 17. August auf, mit ihm die Wohnung der Vermieterinnen zu betreten. Sie sollte sich mit eigenen Augen überzeugen, dass die beiden Frauen abgereist seien.

Sein Plan ging nach hinten los. Die Betten waren nicht gemacht. Die Hüte der Damen lagen noch in der Wohnung. Und laut Frau Franz besaßen die geizigen „Gips-Schultzen“ jeweils nur einen Hut. So hätten sie niemals ihre Wohnung zurückgelassen, wenn sie tatsächlich verreist wären, da war sich die Zeugin sicher.

Zwei Telegramme

Die Wirtschafterin wollte noch weniger als zuvor glauben, dass die Frauen abgereist seien. Sie besprach sich mit anderen Nachbarn. Am nächsten Tag wollte man der Polizei das Verschwinden der Hausbesitzerinnen anzeigen. Doch überraschenderweise trafen am 18. August zwei Telegramme aus Hannover ein.

Eines erhielt der Verwalter des Gebäudes auf der Prenzlauer Allee. Das andere richtete sich an einen langjährigen Mieter der Königgrätzer Straße 35. Absender war jeweils Auguste Schultze. Der Inhalt schien alle Angaben von Gönczi zu bestätigen. Die kritischen Stimmen verstummten vorläufig. Daher dauerte es bis zum 23. August, bis der Fall endlich bei der Polizei zur Anzeige gelangte.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte später, dass Gönczi seine Wohnung an besagtem 18. August bereits um 7 Uhr verlassen hatte. Er kehrte erst am Abend gegen 19 Uhr 45 zurück. Nach Abgleich mit dem Kursbuch der Bahn wäre es ihm möglich gewesen, nach Hannover zu reisen, dort die Depeschen aufzugeben und gegen 19 Uhr wieder zurück in Berlin zu sein.

Ein Schriftsachverständiger erklärte, dass beide Telegramme die gleichen Rechtschreibfehler und besondere Ausdrucksweisen aufwiesen, wie sie auch in Briefen von Gönczi typisch waren. Die Polizei konnte entsprechende Vergleichsstücke besorgen. Und es tauchten weitere Beweise auf, die für die Schuld des angeblichen Hausverwalters sprachen.

Im Zuge der Ermittlungen tauchten erste Beweise auf, die Josef Gönczi direkt mit der Straftat in Verbindung brachten. Tischlermeister Stiller bezeugte, der Gesuchte habe ihm für die Ladeneinrichtung in der Königgrätzer Straße noch rund 1.400 Mark geschuldet. Zuvor habe er ihm bereits den Laden in der Mühlenstraße eingerichtet. Gönczi hatte zudem weitere Filialeröffnungen in der Prenzlauer Allee und der Potsdamer Straße in Aussicht gestellt.

Am 15. August 1897 habe ihn der Schuhhändler aufgesucht, um die ausstehenden Schulden zu begleichen. Dazu habe er ihm mehrere Aktien der Scazer Werke (Kohlebergwerk) und eines Münchner Brauhauses angeboten. Diese Wertpapiere waren den Toten gestohlen worden. Man habe sich gemeinsam zu einer Bank begeben. Dort wollte man die Papiere jedoch nicht aufkaufen.

Am Abend des 18. August sei Gönczi gegen 22 Uhr erneut bei ihm aufgetaucht. Nun habe er um ein weiteres Darlehen in Höhe von 500 Mark gebeten. Er müsse dringend verreisen. Tischlermeister Stiller ließ sich jedoch verleugnen und wimmelte den lästigen Besucher ab.

Flucht über Umwege

Obwohl ihm die nötigen Barmittel augenscheinlich fehlten, war der Tatverdächtige noch am selben Abend gemeinsam mit seiner Frau aus Berlin getürmt. Das ergaben die späteren Ermittlungen.

Der Eisenbahnbremser Kiersche lebte in der Mühlenstraße und kannte das Ehepaar Gönczi. Als er am Abend des 18. August zur Arbeit ging, hatte er beide Personen noch vor ihrem Ladengeschäft beobachtet. Seine Überraschung war groß, als er das Paar um 2 Uhr morgens auf dem Bahnsteig in Frankfurt (Oder) entdeckte. Der Mann habe erst so getan, als sei Kiersche ihm vollkommen fremd. Aber Frau Gönczi habe ihn sofort begrüßt.

Die beiden seien noch bis mindestens 6 Uhr in Frankfurt verblieben und dann in einen Zug nach Cottbus gestiegen. Weitere Bahnbedienstete konnten sich an die gesuchten Personen erinnern. So habe sich Gönczi auf dem Frankfurter Bahnhof nach dem schnellsten Zug nach Paris oder Brüssel erkundigt. Angeblich wollte er die Weltausstellung in Brüssel besuchen.

Das Bahnpersonal habe ihn dann darauf aufmerksam gemacht, dass er in der völlig falschen Richtung unterwegs sei. Gönczi habe daraufhin erklärt, er habe vorher noch eine Schwester in Frankfurt (Oder) besuchen wollen.

Trotz dieser Zeugen verlor sich Gönczis Spur für die Polizei am Frankfurter Bahnhof. Die Beamten erstellten eine Personenbeschreibung, die sie nicht nur innerhalb Deutschlands verschickten, sondern auch an zahlreiche deutsche Konsulate, Polizeibehörden und Zeitungen im Ausland. Ausdrücklich wiesen die Ermittler in dem Fahndungsaufruf darauf hin, dass das Ehepaar einen auffälligen Wolfsspitz namens „Butzi“ mit sich führe.

Von Томасина – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Ein Schuhmacher aus Siebenbürgen

Die Polizei untersuchte derweil das Vorleben des mutmaßlichen Mörders. Der Flüchtige war 45 Jahre alt und stammte ursprünglich aus Târgu Mureș in Siebenbürgen (deutsch: Neumarkt am Mieresch oder Pflugstadt). Er hatte in Hermannstadt (heute: Sibiu) und Klausenburg (heute: Cluj-Napoca, beide in Rumänien) die Schule besucht, bevor er eine Lehre als Schuhmacher antrat.

1872 zog man ihn zum Militär ein. Er diente beim 62. Infanterie-Regiment der kaiserlich-habsburgischen Armee (Österreich-Ungarn), das in Karlsburg (heute: Alba Iulia, ebenfalls Rumänien) stationiert war. Nach drei Jahren desertierte er, weil er mit einem Feldwebel in Streit geriet. Zudem stahl er Armeeigentum. Nach seiner Festnahme verurteilte ihn ein Gericht zu vier Jahren schwerem Kerker auf der Festung Theresienstadt.

Nach seiner Entlassung trat er im April 1884 eine Gesellenstelle beim Hofschuhmacher Lürmitz in Budapest an. Anschließend wechselte er zu den Hofschuhmachern Ristel (Wien) sowie Bayer und Weidinger (beide in München). In München lernte er auch seine aus dem bayerischen Mindorf stammende, drei Jahre ältere Ehefrau kennen, die er 1891 in Budapest heiratete.

1892 verschlug es das Ehepaar nach Berlin, wo Josef Gönczi eine Stelle als Werksführer bei der Firma Müller & Schlitzweg ergatterte, einem Schuhfabrikanten. Im Mai 1897, also vier Monate vor den Morden, machte sich Gönczi mit einem Geschäft für „Wiener Schuhwaren“ in der Mühlenstraße 45 in Friedrichshain selbstständig.

Die Spur führt nach Brasilien

Erst zwei Jahre nach dem Doppelmord gelang es den Behörden, das flüchtige Ehepaar festzunehmen. Im August 1899 fiel einem Besucher des deutschen Generalkonsulats in Rio de Janeiro der Steckbrief ins Auge, dem auch Bilder der Tatverdächtigen beigefügt waren. Der Mann lebte in Curitiba, einer Stadt im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná. Das Ehepaar Gönczi war ihm dort häufiger begegnet.

Das Konsulat informierte umgehend die örtliche Polizei. Doch die Gesuchten waren erneut verschwunden. Im darauffolgenden Monat gingen sie jedoch in Rio de Janeiro der Polizei ins Netz. Möglicherweise hatte Gönczi Wind von der Fahndung bekommen und wollte schon wieder außer Landes fliehen.

So verschiffte man ihn allerdings zurück nach Deutschland, wo er sich gemeinsam mit seiner Frau vor Gericht verantworten musste. Der Wolfsspitz befand sich zu diesem Zeitpunkt immer noch im Besitz der Gönczis und wurde vom Konsulat in Rio verhökert.

Wie sich herausstellte, war das Ehepaar am 19. August 1897 tatsächlich von Frankfurt (Oder) über Cottbus, Köln und Aachen nach Brüssel weitergereist und dort für mehrere Wochen untergetaucht. Erst Ende September 1897 bestiegen sie in Antwerpen ein Schiff, das sie nach Brasilien brachte.

Nichts als Lügen

Der Prozess fand vom 3.-7. April 1900 statt, verhandelt wurde vor dem Schwurgericht des Landgerichts Berlin I. Die Ehefrau saß ebenfalls als Beklagte im Gerichtssaal. Die Beschuldigungen lauteten in ihrem Fall auf Beihilfe und Begünstigung zweier Morde. Gönczi stritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe ab, die beiden Opfer ermordet zu haben. Seine Frau gab an, von etwaigen Verbrechen, in die ihr Mann möglicherweise verstrickt war, nichts bemerkt zu haben.

Die Staatsanwaltschaft hatte jedoch inzwischen zahlreiche Indizien zusammengetragen, die den Schluss nahelegten, dass Josef Gönczi der Mörder von Auguste und Klara Schultze war. Sie konnte zudem beweisen, dass er die verschwundenen Wertgegenstände aus dem Besitz der Toten an sich gebracht und zum Kauf angeboten hatte. Und seine Frau sagte vor Gericht aus, dass er am Morgen des Tattages die Wohnung sehr früh verlassen hatte – mit einem Beil. Laut Gerichtsmedizin hatte der Täter mutmaßlich ein Beil als Mordwaffe benutzt.

Darüber hinaus überführten Richter und Staatsanwalt den Hauptangeklagten zahlreicher Lügen vor Gericht. Seine Glaubwürdigkeit nahm weiteren Schaden. Dies wirkte sich auf seine Darstellung der Geschehnisse aus. Gönczi behauptete nämlich, Gastwirt Hinz aus der Königgrätzer Straße 35 und der Hausverwalter der Prenzlauer Allee, ein gewisser Habermann, hätten die beiden Damen im Affekt getötet.

Gott bewahre

Dann sei sein Kompagnon Johann Löwy, ein Schuhhändler aus Brüssel, aufgetaucht und habe dabei geholfen, die Sache zu vertuschen. Der Löwy hätte ja im Übrigen auch ein Verhältnis mit der Tochter Klara Schultze unterhalten. Seit 17 Jahren. Habe es mit ihr immer Kellerraum getrieben, der zu seinem Laden gehörte. Deswegen wollte er ja auch unbedingt der Kompagnon vom Gönczi werden, als er hörte, dass der ein Schuhgeschäft in der Königgrätzer Straße 35 eröffnete.

Das Ende vom Lied: Die drei durchtriebenen Ganoven hätten ihn sogleich als perfekten Sündenbock für ihre Missetaten ausgemacht. Eine echte Chance hätte er in diesem abgekarteten Spiel nie besessen. Wer hätte ihm die Geschichte schon geglaubt? Eben. Löwy habe ihm die Sache schmackhaft gemacht, indem er ihm 10.000 Mark geboten habe, falls er aus Berlin verschwinde. Von dem Geld habe er natürlich nie etwas gesehen, Pechvogel, der er war.

Der Richter konfrontierte Gastwirt Hinz, der in dem Fall auch als Augenzeuge geladen war, mit den Vorwürfen. „I Jott bewahre. Det is allens Schwindel; der Mensch lügt sich noch unterm Jalgen durch“, war seine Reaktion. Er stritt alles ab. Weitere Zeugen sprangen ihm zur Seite.

Berliner Charme

Insbesondere den Kaufmann Löwy hatte noch nie jemand in der Königgrätzer Straße leibhaftig gesehen. Gönczi hatte den Namen zwar öfters erwähnt. Aber es gab keinerlei Beleg dafür, dass dieser Mann tatsächlich existierte. Ähnlich verhielt es sich mit der Geschichte, dass die Tochter Schultze über 17 Jahre eine Liebschaft unterhalten habe.

Oder wie es der Richter formulierte, ganz der Charmeur alter Berliner Schule: „Das Fräulein Klara Schultze war eine 56-jährige alte Person, die von Gesichtszucken und Speichelfluss geplagt war und sehr »schlunzig« ging. Wie wollen Sie uns glauben machen, dass sie unter diesen Umständen einen Liebhaber gefunden haben sollte?“

Obgleich keiner der Nachbarn jemals besagten Löwy zu Gesicht bekommen hatte, stellte die Staatsanwaltschaft eigene Nachforschungen an. So erfuhr sie schließlich von einem Geschäftsreisenden Levy, der sich häufiger als Gast in der Wirtschaft Schinke aufgehalten hatte. Der Mann sprach mehrere Fremdsprachen, darunter auch Französisch, stammte aber eigentlich aus Hessen.

Doch die Beschreibung Levys passte nicht annähernd zu den Schilderungen des Angeklagten. Und auch Gönczi selbst gab vor Gericht zu, dass es sich ganz offensichtlich nicht um jenen Kompagnon handelte, von dem er erzählt hatte.

Letzter Trumpf

Der Beklagte hatte jetzt nur noch eine Trumpfkarte im Ärmel. Bei der Polizei war ein Bekennerschreiben eingetroffen, in dem ein Mann namens Louis Schulz die beiden Morde gestanden hatte.

Wortwörtlich hieß es in dem Brief: „Ich habe einen schweren Mord auf dem Gewissen, den ich mit dem Gönczi’schen Ehepaar in Berlin verübt habe. Herr Gönczi hat sein Wort mir gegenüber nicht gehalten. Der Berliner Magistrat hatte auf meine Person keinen Steckbrief erlassen, aber meine Reue lässt es nicht zu, dass ich schweige. Sie werden die Reue eines schwer beladenen Herzens nicht aufgeben und mein Gewissen aufhelfen.“

Doch auch diesen vermeintlichen Entlastungszeugen bügelte der Staatsanwalt ab. Bei der Berliner Polizei seien insgesamt 18 solcher „Geständnisse“ eingetroffen. Allesamt verfasst von Wichtigtuern und psychisch gestörten Menschen, die regelmäßig von der Berichterstattung über spektakuläre Mordfälle angelockt würden. Zudem habe man das Alibi des fraglichen Mannes überprüft. Louis Schulz lebe nämlich in Brasilien und habe sich dort auch nachweislich zum Tatzeitpunkt aufgehalten.

Der unbekannte Komplize

Die einzige offene Frage im Prozess war zum Schluss nur noch, ob Frau Gönczi von den Morden wusste und ob sie ihrem Mann bei der Tatdurchführung geholfen hatte. Nach dem Kreuzverhör war sich der Staatsanwalt sicher, dass sie nichts mit den Verbrechen zu tun hatte. Die Geschworenen kamen zum gleichen Schluss.

Die Polizei hatte allerdings aufgrund der Spurenlage vermutet, dass zwei Täter den Doppelmord begangen hatten. Einfache Fragestellung: Warum war das zweite Opfer nicht geflüchtet, als der Mörder die erste Frau attackierte und niederschlug? Naheliegende Antwort: Ein zweiter Täter war vor Ort und hatte das zweite Opfer in seine Gewalt gebracht.

Diese offene Frage ließ das Gericht letztlich unter den Tisch fallen. Sie hätte mitunter impliziert, dass doch ein Gastwirt Hinz, Hausverwalter Habermann oder eben jener mysteriöse Löwy an der Tat beteiligt gewesen waren. Und davon wollte man in Berlin anno 1900 nichts mehr hören, wo man doch zumindest einen Schuldigen ausgemacht hatte. Das Gericht verurteilte Josef Gönczi wegen zweifachen Mordes in Tateinheit mit Raub zweimal zum Tode.

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Der Gerichtsreporter Hugo Friedländer beschreibt den Fall ausführlich im Band 2 seiner „Interessanten Kriminal-Prozesse“.

Übersicht zum Fall „Gips-Schultzen“

  • Doppelmord am Anhalter Bahnhof

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