Sandra Lindsay erzählte Josefina, dass sie mit Heidnik seit mehreren Jahren befreundet sei. Sie habe ihn am Elwyn Institute kennengelernt, einer Einrichtung für geistig Behinderte. Sie beschrieb Gary Heidnik als guten Freund, der sich immer um sie gekümmert habe. Ohne erkennbares Anzeichen von Emotion schilderte Sandra dann, dass Heidnik sie häufig zu Sex mit ihm und einem Freund namens Tony gezwungen habe.
Einmal sei sie dadurch schwanger geworden. Sie habe das Kind nicht bekommen wollen. Als Heidnik von ihren Plänen erfuhr, sei er zunächst ausgerastet, habe ihr aber dann 1.000 Dollar angeboten, sofern sie das Kind behalte. Sie habe abgelehnt. Nun sei Gary Heidnik wieder aufgetaucht und habe sie zu seinem Haus gebracht. Bisher habe er sie aber noch nie angekettet. Sandra Lindsay rollten die Tränen herunter. Sie schien zum ersten Mal zu begreifen, in welch misslicher Lage sie steckte.
Inhaltsverzeichnis
Macht und Kontrolle
Obwohl in Philadelphia inzwischen tiefster Winter angebrochen war und in Heidniks Keller entsprechend niedrige Temperaturen herrschten, durften die Frauen nur Bluse und Socken tragen. Er vergewaltigte beide Frauen nun beinahe täglich. Wenn Heidnik sie alleine ließ, kuschelten sich Sandra Lindsay und Josefina Rivera aneinander, um sich zu wärmen. Ab und an riefen die beiden Frauen laut um Hilfe. Nichts geschah, außer Gary Heidnik erwischte sie dabei. Dann verprügelte er sie brutal.
Vordergründig ging es Gary Heidnik darum, seine verrückte Idee von einer »Babyfarm« Wirklichkeit werden zu lassen. Aber je mehr Tage verstrichen, umso mehr Gefallen fand Heidnik an der Macht und Kontrolle, die er ausübte. Er begann, Regeln für Sandra und Josefina aufzustellen. Er verlangte absoluten Gehorsam und totale Unterwerfung. Jeden Regelverstoß bestrafte er mit einer weiteren Tracht Prügel. Oder er sperrte sie in die Grube, die er inzwischen 1,20 Meter tief ausgehoben hatte.
Und sein krankes Hirn sann nach neuen Foltermethoden. Hatte sich eine der Frauen aus seiner Sicht ein besonders schwerwiegendes Vergehen zuschulden kommen lassen, kettete er sie mit einem Handgelenk an eines der Deckenrohre. Die Frau musste also ständig einen Arm über dem Kopf hochhalten. Das ist eine Position, die schon nach wenigen Minuten schmerzhaft sein kann. Aber Heidnik ließ Sandra und Josefina mehrere Stunden in dieser Haltung verharren, bevor er die Fesseln wieder löste.
Fehlinformation
Vincent Nelson, der Lebensgefährte von Josefina Rivera, ging davon aus, dass ihn seine Freundin nach dem heftigen Streit einfach sitzen gelassen hatte. Deshalb erstattete er keine Vermisstenanzeige bei der Polizei. Sandra Lindsays Mutter hingegen machte sich Sorgen. Sie suchte nach Sandra und fragte Bekannte. Jemand erwähnte den bärtigen Weißen, mit dem er Sandra kürzlich gesehen habe.
Sandras Mutter kannte Gary Heidnik, weil er ihrer Tochter seit Langem nachstieg. Sie unterrichtete die Polizei von ihrem Verdacht, dass Heidnik Sandra entführt habe. Sie wusste von Heidnik lediglich seinen Vornamen, konnte den Beamten aber seine Adresse und Telefonnummer nennen. Der Polizist wählte die Nummer. Als sich niemand meldete, fuhr er zu Heidniks Haus. Niemand öffnete ihm. Der Beamte ließ den Fall auf sich beruhen.
Gary Heidnik hatte mitbekommen, dass Sandras Mutter nach ihrer Tochter fahndete. Er zwang das Mädchen, einen Brief an ihre Mutter zu schreiben, den er ihr diktierte. Darin hieß es, sie sei weggegangen und würde sich zu einem späteren Zeitpunkt mit Einzelheiten melden.
Sandra Lindsay begriff nicht, was sie da niederschrieb und am Ende unterzeichnete. Josefina Rivera hingegen verstand nur zu gut, was Heidnik vorhatte. Zwei Tage später erzählte er den Frauen, dass er den Brief in New York eingeworfen habe. Sandras Mutter würde glauben, dass ihre Tochter ausgerissen sei. Bei Heidnik würde niemand mehr nach Sandra Lindsay suchen.
Lisa Thomas
Um Weihnachten herum begab sich Gary Heidnik auf die Jagd nach einem weiteren Opfer. Er wurde in der Lehigh Avenue fündig. Die 19-jährige Lisa Thomas war unterwegs zu einer Freundin. Heidnik nahm fälschlicherweise an, dass sie sich prostituierte, und hielt mit seinem Cadillac neben ihr an. Er lehnte sich aus dem Fenster und fragte nach ihrem Preis. Lisa reagierte empört. Sie sei keine Prostituierte, blaffte sie Heidnik an.
Gary Heidnik mochte ein schwergestörter Irrer und im normalen Alltag ein seltsamer Kauz sein. Aber leider war er alles andere als dumm. Wenn es darauf ankam, konnte er Menschen um den Finger wickeln und nach Belieben manipulieren.
Er entschuldigte sich sofort bei Lisa für seine Anmache. Er bot ihr an, sie zu ihrer Freundin zu fahren, um seinen Fehler wiedergutzumachen. Vorher würde er ihr ein Essen spendieren. Und sie könne sich auf seine Kosten ein paar hübsche Kleider kaufen, Geld spiele keine Rolle. Es täte ihm alles so schrecklich leid. Lisa stieg schließlich in den schicken Cadillac ein.
Bevor sich Lisa Thomas versah, war sie bereits in Heidniks Bruchbude gelandet und bekam von ihm ein mit Schlafmittel versetztes Glas Wein kredenzt. Gary Heidnik vergewaltigte die bewusstlose Lisa Thomas und brachte sie dann zu den anderen beiden Frauen in den Keller. Nun hielt Heidnik in dem engen Verlies bereits drei Gefangene. Es sollten rasch Weitere folgen.
Deborah Dudley
Zehn Tage später kehrte Gary Heidnik mit dem nächsten Opfer zurück. Doch die 23-jährige Deborah Dudley war ein freiheitsliebender Charakter, der ihrem Entführer weitaus mehr Widerstand leistete als alle ihre Mitgefangenen zusammen. Sie ergab sich nicht in ihr Schicksal. Sie verhielt sich bei jeder Gelegenheit aufmüpfig. Sie verspottete Heidnik, sie kratzte an seiner Autorität. Als Heidnik merkte, dass er Deborah Dudley mit seiner üblichen Mixtur aus Schlägen und Wegsperren nicht beikam, überlegte er sich eine neue Foltermethode.
Jedes Mal, wenn er Deborah wegen eines vermeintlichen Vergehens bestrafte, nahm er die anderen Gefangenen in Sippenhaft. Sie mussten die gleiche Bestrafung über sich ergehen lassen. Das führte zu zunehmenden Spannungen unter den Frauen. Prügelstrafen gehörten wie die Vergewaltigungen nun zum alltäglichen Standardprozedere in Heidniks Folterkeller.
Perfide Psychospiele
Der Folterknecht hatte sichtlich Vergnügen an seinen perfiden Psychospielchen, die er mit den Frauen trieb. Bevor er den Keller verließ, bestimmte er von nun an reihum eine neue »Aufseherin«. Sobald er zurückkehrte, fragte er die betreffende Frau, ob eine der anderen gegen seine Regeln verstoßen habe. Eine Lose-Lose-Situation für Heidniks Opfer. Behauptete die »Aufseherin«, es habe keine Regelverstöße gegeben, bezichtigte er sie der Lüge und drosch unterschiedslos auf alle Gefangenen ein.
Berichtete das Mädchen wiederum, dass etwas vorgefallen sei, forderte Heidnik die Frau auf, der er das Kommando übertragen hatte, die Bestrafung durchzuführen. War er der Meinung, dass sie nicht hart genug zuschlage, dann verprügelte er alle. Gary Heidnik hatte ein Regime des Terrors und der Angst errichtet. In dieser Phase kristallisierte sich heraus, dass Josefina Rivera die loyalste und gehorsamste unter Heidniks »Sklavinnen« war. Sie verpfiff regelmäßig ihre Mitgefangenen und schlug kräftig zu, wenn Heidnik es von ihr verlangte.
Heidnik schöpfte mehr und mehr Vertrauen zu Rivera. Sie schien tatsächlich bereit zu sein, seine »Ehefrau« zu werden. Man kann Josefina Riveras Verhalten für verabscheuungswürdig halten. Später würde es auch auf sie zurückfallen. Aber man muss sich fairerweise die Extremsituation vor Augen halten, in der sich die Gefangenen befanden: enormer psychischer Druck und massive Gewalt gepaart mit Hoffnungslosigkeit. Josefina Rivera vegetierte inzwischen sechs Wochen in diesem Zustand herum.
Sexuelle Ausschweifungen
Nach der Ankunft von Deborah Dudley dachte sich Gary Heidnik neben neuen Foltermethoden auch andere Spielarten des sexuellen Missbrauchs aus. Zuvor hatte er die Frauen in der Regel einzeln vergewaltigt. Nun zwang er sie, aneinander sexuelle Handlungen vorzunehmen, während er zuschaute.
Körperhygiene schien Heidnik in diesem verwanzten Rattenloch keine besondere Bedeutung zuzumessen. Josefina Rivera hatte sich seit anderthalb Monaten nicht mehr gewaschen. Als Klo diente ein Eimer. Immerhin hatte Heidnik diesbezüglich ein Einsehen. Er besorgte ein Chemieklo und haufenweise Feuchttücher. Außerdem erlaubte er den Frauen ab sofort, regelmäßig ein Bad zu nehmen.
Das Nahrungsangebot war lange Zeit von Heidniks Launen abhängig gewesen. An einigen Tagen reichte er nur Brot und Wasser. An anderen Tagen gab es abgelaufene Hot Dogs oder Nutellabrote. Irgendwann wurde ihm die Essensfrage lästig. Er beschränkte die Auswahl auf Konservendosen mit Hundefutter, die er palettenweise aus dem Supermarkt ankarrte. Die Frauen weigerten sich zunächst, diesen Fraß zu essen. Also schlug Gary Heidnik sie so lange, bis sie taten, was er verlangte.
Jacquelyn Askins
Am 18. Januar 1987 verschleppte Heidnik die inzwischen fünfte Gefangene in das Kellerverlies in der North Marshall Street. Er hatte die 18-jährige Jacquelyn Askins am Nordrand der Stadt aufgesammelt. Als er ihr jedoch die Knöchel fesseln wollte, musste er feststellen, dass das Mädchen zu zierlich war. Er legte ihr stattdessen Handschellen um die Fußgelenke.
Gary Heidnik schien sein neuester Fang in Hochstimmung zu versetzen. Er brachte den Frauen chinesisches Essen und eine Flasche Champagner mit. Er zwang sie, mit ihm auf Josefina Riveras 26. Geburtstag anzustoßen – Josefina war inzwischen zu seiner unangefochtenen Favoritin aufgestiegen. Außerdem ging er davon aus, dass Josefina und Sandra Lindsay mittlerweile schwanger waren. Ein Umstand, der ihm zusätzlich gute Laune bereitet haben mochte. Aber Gary Heidnik irrte. Es sollte nicht seine letzte fatale Fehleinschätzung bleiben.
Das Kettensägen-Massaker
Anfang Februar 1987 hatte Gary Heidnik Sandra Lindsay in die Grube gesperrt. Als er in den Keller zurückkehrte, bemerkte er, dass sie die Sperrholzplatte verschoben hatte. Heidniks Strafe fiel besonders übel aus. Er kettete sie zunächst wie gehabt mit einem Arm an die Decke. Doch dieses Mal ließ er Sandra dort nicht nur Stunden, sondern mehrere Tage am Stück baumeln. Sandra Lindsay erkrankte infolge dieser unmenschlichen Tortur. Sie bekam Fieber, Schüttelfrost und so starke Halsschmerzen, dass sie keine Nahrung mehr zu sich nehmen konnte.
Gary Heidnik hing immer noch seiner Wahnidee nach, dass Sandra Lindsay schwanger sei. Sie durfte nicht sterben. Sie musste sein Baby zur Welt bringen. Heidnik stopfte Sandra Essen in den Mund und hielt ihren Kiefer geschlossen, bis sie es hinunterschluckte. Sandra Lindsay erbrach sich daraufhin. In der folgenden Nacht stieg ihr Fieber dramatisch an. Sie fiel in ein Koma. Heidnik wollte das nicht wahrhaben. Er schüttelte sie. Er schlug sie. Er trat sie. Er schmiss sie in die Grube. Er sagte, sie simuliere bloß. Am nächsten Morgen fühlte er ihren Puls. Sandra Lindsay war tot.
Das unverwechselbare Geräusch einer Kettensäge
Gary Heidnik verschwand kurz und kaufte für die übrigen Frauen Eiscreme. Sandra Lindsay sei an ihrem Erbrochenem erstickt, rechtfertigte sich Heidnik. Seine Opfer wussten es besser. Ihr Peiniger hatte inzwischen jedes Maß verloren. Der machte vor Mord nicht halt. Heidnik schaffte Sandras Leichnam nach oben. Kurz darauf hörten die Gefangenen im Keller das unverwechselbare Geräusch einer Kettensäge. Sie brauchten keine Fantasie, um sich auszumalen, was Gary Heidnik gerade in seiner Wohnung veranstaltete.
Wenig später trottete einer von Heidniks Hunden in den Keller. Er trug einen großen Knochen mit Fleischresten im Maul und nagte ihn direkt vor den Augen der entsetzten Frauen ab. Die Ermittler der Mordkommission fanden später heraus, dass Heidnik Sandra Lindsays Leiche in der Tat zunächst mit der Kettensäge grob zerstückelt und danach verschiedene Körperteile in der Küchenmaschine zerhäckselt hatte. Mit den Resten fütterte er dann die Hunde. Heidniks Perversität kannte keine Grenzen. Er mischte Fleischreste von Sandra Lindsay unter das Hundefutter, mit dem er seine Gefangenen ernährte.
Üble Gerüche
In den folgenden Tagen zog ein übler Verwesungsgeruch durch Heidniks Haus. Der Gestank war nicht nur im Gebäude selbst, sondern auch in der Nachbarschaft wahrzunehmen. Mehrere Anwohner beschwerten sich bei der Polizei. Eine Streife klingelte bei Heidnik, um der Sache auf den Grund zu gehen. Der Mörder erwies sich wieder einmal als geschickter Manipulator. Er reagierte freundlich, vernünftig und zerknirscht auf das Erscheinen der Beamten.
Er bitte die Geruchsbelästigung vielmals zu entschuldigen, die Sache sei ihm unglaublich peinlich. Er habe gekocht und mittendrin einen Anruf seiner Mutter erhalten. Da habe er den Topf auf dem Herd völlig vergessen und das Essen sei fürchterlich angebrannt. Die Polizisten gaben sich mit der Erklärung von Mamis selbst ernanntem Liebling zufrieden. So etwas war ihnen doch auch schon passiert. Die Beamten zogen wieder ab und die Polizei hatte nach wie vor keinen blassen Schimmer, welche fürchterlichen Dinge in 3520 North Marshall Street vor sich gingen.
Verfolgungswahn
Der den Polizisten so vernünftig erscheinende Gary Heidnik steigerte sich in Wahrheit zunehmend in einen Verfolgungswahn hinein. Er glaubte, seine Gefangenen wollten sich gegen ihn verschwören. Er verlangte von den Frauen, sich gegenseitig auszuhorchen und ihm Bericht zu erstatten. Wer dem nachkam, sollte mit besseren Haftbedingungen belohnt werden. Tatsächlich beratschlagten die vier verbliebenen Frauen, wie sie Heidnik überwältigen und anschließend fliehen konnten. Jacquelyn Askins sagte später aus, der Plan habe nicht funktioniert, weil Josefina Rivera ihn Heidnik verraten habe.
Gary Heidnik sah seine Ängste dennoch bestätigt. Die Mädchen lauerten nur darauf, ihn in eine Falle zu locken. Er musste handeln. So tüftelte Heidnik einen eigenen Plan aus, wie er die Verschwörung verhindern könnte. Dazu fesselte er jede Frau an Händen und Füßen, knebelte sie und hängte sie mit den Armen an dem Deckenträger auf. Dann stieß er ihnen einen Schraubenzieher ins Ohr, um ihr Trommelfell zu zerstören. Wenn sie taub wären, so sein Kalkül, könnten sie sich auch nie sicher sein, ob er sich im Haus befinde oder nicht. Heidnik ließ wirklich keine Grausamkeit aus. Die Einzige, die er von dieser Tortur verschonte, war Josefina Rivera.
Leichenblass
Deborah Dudley hatte ihren Kampfgeist noch nicht verloren. Sie rebellierte offen gegen Heidniks Wahnsinn. Statt sie wie üblich zu verprügeln, führte Heidnik sie dieses Mal nach oben in die Wohnung. Als die beiden zurückkehrten, war Deborah leichenblass und ungewöhnlich still. Die anderen wollten wissen, was passiert sei.
Sie erzählte ihnen, dass Heidnik sie in die Küche geführt habe. Er habe ihr einen Topf auf dem Ofen gezeigt. Darin sei Sandra Lindsay Kopf gewesen. Er habe die Ofenklappe geöffnet. Da habe der Brustkorb von Sandra gelegen – gegrillt. Schließlich habe Heidnik noch den Kühlschrank geöffnet. Er habe ihr einen Unterarm und andere Körperteile, die in Plastik eingepackt waren, vors Gesicht gehalten. Dann habe er ihr gedroht, wenn sie ihm nicht endlich gehorchen würde, wäre sie die Nächste, die so endete.
In den folgenden Tagen dachte sich Gary Heidnik eine neue Foltermethode aus, um die Frauen zu »zähmen«. Er schnitt das Stromkabel eines Bügeleisens ab und entfernte am abgeschnittenen Ende die Isolierung. Dann steckte er den Kontakt in die Strombuchse und hielt den blanken Draht an die Metallfesseln der Frauen, mit denen sie angekettet waren. Heidnik bereitete es sichtlich Spaß zu beobachten, wie sich seine Opfer verzweifelt in ihren Ketten windeten, um dem Stromkabel zu entkommen.
Tödlicher Schlag
Am 18. März erhöhte Gary Heidnik die Qualen ein weiteres Mal. Er forderte Josefina Rivera auf, die Grube mit Wasser zu füllen. Dann zwang Heidnik Deborah Dudley, Lisa Thomas und Jacqueline Askins, angekettet in das eiskalte Wasser zu steigen. Anschließend verschloss er die Grubenöffnung mit der Sperrholzplatte und beschwerte sie mit Sandsäcken. Heidnik bohrte mehrere Löcher in die Platte.
Er schob den blanken Draht des Stromkabels durch eine der Öffnungen und berührte kurz eine der Ketten. Alle drei Frauen in der Grube bekamen einen Stromschlag versetzt. Er führte den Draht erneut durch eines der Löcher. Dieses Mal berührte er die Schelle an Deborah Dudleys Handgelenk. Sie stieß einen lauten Schmerzschrei aus und zuckte unkontrolliert umher. Dann kollabierte sie und fiel mit dem Gesicht nach unten ins Wasser.
Jacqueline Askins und Lisa Thomas schrien nun auch. Bis Heidnik kapiert hatte, dass seine Folterexperimente übel geendet waren, war es bereits zu spät. Er hievte den leblosen Körper von Deborah aus der Grube. Sie war tot. Gary Heidnik verschwand schweigend in die Küche und schmierte ein paar Brote. Er überreichte sie den weinenden Frauen mit den Worten: »Warum freut ihr euch nicht, dass ihr noch am Leben seid? Euch hat‘s doch schließlich nicht erwischt.«
Das Geständnis
Heidnik hatte Stift und Papier mitgebracht. Er drückte beides Josefina Rivera in die Hand. Er forderte sie auf, oben auf dem Blatt Datum und Uhrzeit zu notieren. Dann diktierte er ihr einen Text, der einem Geständnis gleichkam. Sie habe ihm dabei geholfen, Deborah Dudley mit einem Stromschlag zu töten – unterzeichnet von Josefina Rivera, beglaubigt von Gary Heidnik.
Mit dem unterschriebenen Geständnis in Händen drohte er Josefina, dieses Dokument hervorzuziehen, sollte sie ihn jemals bei der Polizei verpfeifen. Dann befreite er Josefina Rivera von ihren Fesseln und schickte sie nach oben. Sie solle sich ankleiden. Das war das erste Mal seit vier Monaten, dass sie wieder vollständig angezogen war. Heidnik war der Meinung, dass ihm Josefina nun endgültig ausgeliefert war. Deborahs Leichnam schaffte er in die Küche und verstaute ihn dort in der Tiefkühltruhe.
Ständige Begleiterin
Nach Deborah Dudleys Tod wurde Josefina Rivera zur beständigen Begleiterin von Heidnik. Er nahm sie mit, wenn er einkaufen ging oder ein Restaurant besuchte. Ihr wurde die zweifelhafte Ehre zuteil, mit ihm nachts das Bett teilen zu dürfen. Josefina Rivera hatte Heidnik durchschaut. Der Mann war zutiefst einsam. Deshalb wollte er all diese Babys. Nun glaubte er, endlich eine Partnerin gefunden haben, der er vertrauen konnte.
Aber Josefina hatte andere Pläne. Sie lauerte auf eine günstige Gelegenheit, bei der sie ihm entkommen konnte. Dieses Mal wollte sie nicht auf halbem Weg im Kellerfenster stecken bleiben. Der nächste Fluchtversuch musste klappen. Sonst würde auch sie sterben. Heidnik würde ihr diesen Verrat niemals durchgehen lassen. Josefina Rivera war sich des Risikos also bewusst.
Heidniks Verhalten nach Deborahs Tod veränderte sich auch gegenüber den übrigen Frauen. Er schränkte seine Brutalität zunehmend ein. Er beschaffte mehrere Matratzen, Decken, Kissen und einen Fernseher, den er in den Keller stellte.
Am 21. März nahm er Josefina zu einem Ausflug nach New Jersey mit. Der Highway führte mitten durch die Pine Barrens, ein weitläufiges Waldgebiet. Heidnik äußerte, dass dies eine gute Stelle sei, um die Leiche von Deborah Dudley verschwinden zu lassen.
In der folgenden Nacht, am 22. März, luden Heidnik und Josefina den gefrorenen Leichnam in einen Dodge-Lieferwagen, eines seiner anderen Fahrzeuge. Sie fuhren zu den Pine Barrens hinaus. Heidnik bog vom Highway in einen Waldweg ab. Während Josefina Rivera im Wagen wartete, schaffte Gary Heidnik den Leichnam zu einer Baumgruppe und legte ihn dort ab.
Agnes Adams
Am nächsten Tag eröffnete Heidnik Josefina, dass er einen Ersatz für Deborah finden müsse. Er schlug vor, dass sie beide gemeinsam in der Gegend umherfahren sollten, bis sie auf ein geeignetes Opfer stoßen würden. Gary Heidnik fand in der Nacht eine Frau, die seinem Geschmack entsprach: Agnes Adams.
Mit Josefina an seiner Seite hatte er leichtes Spiel, Agnes zu einem Abstecher in sein Haus zu überreden. Agnes Adams widerfuhr, was Heidnik zuvor allen »seinen« Frauen angetan hatte. Er vergewaltigte sie, nahm ihr die Kleider ab und sperrte sie im Keller ein. Sie sollte jedoch sein letztes Opfer bleiben.
Josefina Rivera hatte Heidnik seit Tagen angebettelt, ihre Familie wenigstens für ein paar Stunden besuchen zu dürfen. Das sei schließlich auch in seinem Interesse. Sie würden bestimmt nach ihr suchen und sie könne ihnen nun plausibel erklären, dass es ihr gut ginge und sie ein neues Leben angefangen habe.
Heidnik willigte unter einer Bedingung ein. Josefina musste ihm ein weiteres Opfer von ihrem Ausflug in die Freiheit mitbringen. Am 24. März 1987 setzte er Josefina Rivera in der Nähe ihrer Wohnung ab. Zwei Stunden später war er verhaftet.
Eine Frage war aber noch ungeklärt: Wie war aus Gary Heidnik dieser sadistische Kontrollfreak und Mörder geworden, als der er sich in den zurückliegenden Monaten entpuppt hatte?
Kapitelübersicht zum Fall Gary Heidnik
- Kapitel 1: Das Horrorhaus von Philadelphia
- Kapitel 2: Die Babyfarm
- Kapitel 3: Biografie, Psychiatrie und Prozess