Gary Heidnik: Prozess, Biografie und Psychiatrie

Biografie

Kindheit

Gary Michael Heidnik wurde am 22. November 1943 in Eastlake geboren, einem Vorort von Cleveland in Ohio. Achtzehn Monate später kam Garys Bruder Terry zur Welt. Ein weiteres halbes Jahr danach ließen sich die Eltern Ellen und Michael Heidnik scheiden. Zunächst wurde das Sorgerecht für die Kinder der Mutter und deren neuem Mann zugesprochen. Sobald Gary Heidnik jedoch eingeschult wurde, erlebte er die nächste schwerwiegende Veränderung in seinem jungen Leben. Fortan wohnten beide Söhne beim Vater, der ebenfalls ein zweites Mal geheiratet hatte.

Gary geriet regelmäßig in Streit mit seiner Stiefmutter. Sein Vater Michael Heidnik hielt körperliche Züchtigungen für ein probates Erziehungsmittel und machte reichlich Gebrauch davon. Er beließ es nicht bei körperlichen Misshandlungen. Gary Heidnik war Bettnässer. Michael Heidnik hängte die befleckte Bettwäsche aus dem Fenster. Die Nachbarn sollten mitbekommen, was für ein Versager sein ältester Sohn war. Der Vater gefiel sich darin, den Jungen bloßzustellen.

Während seiner Kindheit zog sich Gary Heidnik beim Sturz von einem Baum schwere Kopfverletzungen zu. Der Unfall war so heftig, dass er dauerhafte Spuren an Kopf und Gesicht hinterließ. Heidniks deformiertes Äußeres ließ ihn zur beliebten Zielscheibe des Spotts seiner Mitschüler werden. Sein Bruder Terry Heidnik glaubte, der Unfall sei der Auslöser gewesen, dass sich Gary zunehmend seltsamer verhielt. Allerdings verbrachte Terry Heidnik einen Großteil seines Lebens in psychiatrischen Kliniken und unternahm diverse Selbstmordversuche. Möglicherweise waren Gary Heidniks Verhaltensauffälligkeiten also doch familiär bedingt.

Militär

In der 8. Klasse äußerte Gary Heidnik den Wunsch, Offizier zu werden. Sein Vater schickte ihn auf die renommierte Militärakademie in Staunton, Virginia. Gary blieb zwei Jahre auf dieser Schule und erhielt hervorragende Noten. Dann verließ er die Militärakademie mitten im Schuljahr und kehrte zu seinem Vater zurück. Die Gründe dafür blieben im Dunkeln. Heidnik deutete in den Verhören an, dass er die Entscheidung nach einem Besuch bei einem Psychologen der Akademie fällte. Er ließ sich aber nicht näher darüber aus, was die eigentliche Ursache für seinen Entschluss war. Im Jahr darauf besuchte er zwei verschiedene High Schools. Der Unterricht langweilte ihn und er schied nach wenigen Wochen wieder aus. Mit 18 Jahren meldete er sich schließlich zur Army.

Gary Heidnik passte sich rasch den militärischen Strukturen an, blieb aber ein Einzelgänger. Die Grundausbildung schloss er mit exzellenten Bewertungen ab. Danach bewarb er sich für eine Spezialausbildung bei der Militärpolizei, wurde jedoch abgelehnt. Stattdessen schickte man ihn nach San Antonio (Texas), wo er zum Sanitäter ausgebildet werden sollte. Erneut fiel er mit guten Leistungen auf. Nebenbei zog Heidnik einen florierenden Kreditverleih auf. Er pumpte seinen Kameraden Geld und kassierte Zinsen. Es sollte sich noch herausstellen, dass er in diesem Bereich über besondere Talente verfügte.

Mit dem lukrativen Nebenverdienst war es damals allerdings zunächst einmal vorbei. Denn die Army versetzte ihn in die Bundesrepublik nach Kaiserslautern. Dort holte er innerhalb weniger Wochen seinen Highschool-Abschluss nach. Er erreichte eine Traumnote: Er holte 96 von 100 möglichen Punkten. Der Serienmörder Jeffrey Dahmer hatte im Übrigen einen nahezu identischen Werdegang beim Militär – Sanitäterausbildung in San Antonio, Stationierung in der Pfalz.

Erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung

Oberflächlich betrachtet liefen die Dinge hervorragend für Gary Heidnik. Doch bereits im August 1962 klagte er über Schwindelanfälle, Sehstörungen und Brechreiz. Der Arzt, der ihn untersuchte, fand rasch die Ursache. Heidnik hatte sich eine Magen-Darm-Grippe eingefangen. Aber der Befund des Neurologen enthielt eine weitaus beunruhigendere Diagnose. Heidnik zeigte Symptome, die auf eine geistige Erkrankung hinwiesen.

Als Gary Heidnik später in Haft saß, prüfte sein Gutachter Dr. Jack Apsche die Krankengeschichte des Serienmörders. Ihm fiel auf, dass der Arzt der Army einerseits lediglich Symptome diagnostiziert hatte, ohne allerdings Heidnik offiziell als schizophren einzustufen. Andererseits hatte er ihm starke Beruhigungsmittel verschrieben, die eigentlich zur Behandlung von ernsthaften Psychosen vorgesehen waren. Diese Mittel setzte man gewöhnlich bei Patienten ein, die unter akuten Halluzinationen litten.

Umschulung zum Krankenpfleger

Die Army schickte Heidnik wenige Wochen nach der ärztlichen Untersuchung zurück in die Vereinigten Staaten. Drei Monate später entließ man ihn aus gesundheitlichen Gründen aus dem Militärdienst. Der offizielle Befund lautete nun: »schizoide Persönlichkeitsstörung«. Heidnik bekam eine Invalidenrente in voller Höhe zugesprochen, obwohl er nur 14 Monate gedient hatte.

Gary Heidnik zog nach Philadelphia und nahm an einer Fortbildung zum staatlich geprüften Pfleger teil, die er erfolgreich abschloss. Er arbeitete danach als Krankenpfleger an der Uniklinik, wurde aber schließlich wegen mangelhafter Leistungen gefeuert. Er heuerte bei einem Veteranenkrankenhaus in der Nähe von Philadelphia an und qualifizierte sich dort im Bereich psychiatrische Pflege weiter. Auch hier eckte er mit seinen Vorgesetzten an. Die Klinikleitung legte ihm nahe, den Dienst freiwillig zu quittieren.

Gary Heidnik
Gary Heidnik

Später schrieb sich Heidnik an der University of Pennsylvania ein und belegte eine Vielzahl an Kursen in den Fächern Chemie, Biologie, Anthropologie und Geschichte, ohne jedoch einen Studienabschluss zu erlangen. Gary Heidnik steckte in den 1960ern beruflich in der Sackgasse. Es mangelte ihm aber weder an Intelligenz noch an Talent. Die eigentliche Ursache für sein Scheitern waren seine zunehmenden psychischen Probleme.

Bereits während der 1960er Jahre befand sich Gary Heidnik mehrfach stationär in psychiatrischer Behandlung. Dann nahm sich 1970 seine Mutter Ellen das Leben, indem sie sich vergiftete. Danach verschlimmerte sich Heidniks geistiger Zustand. Es folgten zahlreiche Selbstmordversuche, die ihm noch häufigere und längere Klinikaufenthalte einbrachten – ein Teufelskreis. Ein Psychiater, der ihn später für den Prozess begutachtete, beschrieb es so: „Wären psychische Erkrankungen ein olympischer Wettbewerb – Gary Heidnik wäre ein aussichtsreicher Kandidat für die Goldmedaille.“

Hoher IQ

Wenn er in der Psychiatrie untergebracht war, verweigerte er zeitweise jegliche Kommunikation. In einem seiner lichteren Momente führte man mit ihm eine Reihe von IQ-Tests durch. Die Resultate ergaben, dass Gary Heidnik einen IQ von über 130 besaß und weit überdurchschnittlich intelligent war.

Nachdem er seinen Bruder Terry mit einem Holzflugzeug attackiert hatte, wies man ihn vorübergehend in eine geschlossenen Abteilung ein. Nach seiner Entlassung besuchte er seinen Bruder. Er sagte ihm, wenn Terry infolge des Unfalls verstorben wäre, hätte er seine Leiche mit Säure in einer Badewanne aufgelöst, um seinen Leichnam verschwinden zu lassen. So etwas hört man doch gerne von seinem eigenen Fleisch und Blut.

Jede weitere Krankenhauseinweisung hatte zur Folge, dass Gary Heidniks Verhalten immer bizarrer wurde. Er trug beständig eine Lederjacke, die er sich weigerte auszuziehen. Körperpflege war für ihn ein Fremdwort. Die meisten Tage blieb er komplett stumm. Er schrieb allenfalls Nachrichten auf Notizzettel, um die allernotwendigsten Dinge zu kommunizieren. Und er entwickelte eine Reihe von Ticks. Zum Beispiel salutierte er ständig oder rollte ein Hosenbein hoch, wenn er nicht gestört werden wollte.

Kirchengründer

1971 unternahm er eine Reise nach Kalifornien. Plötzlich ereilte ihn die Eingebung, eine eigene Kirche zu gründen. Er kehrte nach Philadelphia zurück und ließ dort die »United Church of the Ministers of God« registrieren. Er selbst nannte sich »Bischof Heidnik«. Die Kirche bestand gerade einmal aus fünf Gemeindemitgliedern. Dazu zählten neben Gary Heidnik selbst sein Bruder Terry und Garys geistig behinderte Lebensgefährtin. Diese »Kirche« existierte auch noch 1987, wie ein Schild neben dem Hauseingang dokumentierte. Heidnik hielt sogar noch Versammlungen in seinem Haus ab, während er im Keller die ersten Frauen gefangen hielt.

Das Finanzgenie

1975 eröffnete Gary Heidnik ein Konto bei der Bank Merrill Lynch auf den Namen seiner Kirche. In den nächsten zwölf Jahren gelang es ihm, die ursprüngliche Einlage von 1.500 US-Dollar durch kluge Geldanlagen in 545.000 US-Dollar zu vervielfachen. Der Mann war vielleicht Dauergast in psychiatrischen Anstalten. Aber er war zweifellos ein Investment-Genie.

Kriminelle Vorgeschichte

1976 geriet Gary Heidnik erstmals mit dem Gesetz in Konflikt. Er wurde wegen schwerer Körperverletzung und Tragen einer nicht registrierten Waffe angezeigt. Heidnik hatte auf einen Mann geschossen, der ein Haus von ihm mieten wollte. Er hatte nur knapp den Kopf des potenziellen Mieters verfehlt. Heidnik veräußerte das Objekt später an andere Interessenten. Als diese das Haus aufräumten, entdeckten sie im Keller ein tiefes Loch im Estrich. Offensichtlich hatte Heidnik seine Pläne für das Folterverlies schon mehr als zehn Jahre ausgebrütet.

Anderthalb Jahre später wurde Heidnik erneut auffällig. Zu dieser Zeit war er mit einer geistig behinderten Frau namens Jeanette Perkins liiert. Ihre Schwester, ebenfalls geistig schwer beeinträchtigt, war in einer Klinik untergebracht. Heidnik schwindelte das Betreuungspersonal an und erwirkte die Entlassung des Mädchens. Danach hielt Heidnik sie in seinem Keller gefangen. In diesem Fall sorgte das Verschwinden der Frau jedoch für genügend Aufsehen. Die Spuren führten direkt zu Gary Heidnik, bei dem die Polizei die Vermisste schließlich auch fand.

Nach ihrer Befreiung ließ man das Mädchen im Krankenhaus untersuchen. Der Arzt stellte fest, dass die Frau vaginal, anal und oral vergewaltigt worden war. Zudem hatte sie sich mit Gonorrhöe angesteckt. Die Polizei verhaftete daraufhin Heidnik. Der Staatsanwalt klagte ihn der Entführung, Freiheitsberaubung, Vergewaltigung und sexuellen Nötigung an. Der Fall kam im November 1978 vor Gericht. Heidnik trat in den Zeugenstand und behauptete, unschuldig zu sein.

Der Richter ordnete ein psychiatrisches Gutachten an. Der Sachverständige beschrieb Gary Heidnik als extrem manipulativ und sexuell unreif. Das Gericht befand ihn für schuldig und verurteilte ihn zu drei bis sieben Jahren Gefängnis. Die meiste Zeit seiner Strafe verbrachte er in forensischen Kliniken. Am 12. April 1983 entließ man ihn unter der Auflage, dass er zukünftig an einer staatlich anerkannten Therapie teilnahm. Aber Gary Heidnik war offensichtlich nicht mehr zu helfen.

Bevor Gary Heidnik 1978 in den Knast wanderte, hatte er mehrere längere Beziehungen zu Frauen unterhalten. Allerdings war Heidnik nicht gerade ein Befürworter der Gleichberechtigung. Dass zwei seiner Partnerinnen geistig behindert waren, spricht eine deutliche Sprache. Heidnik war versessen darauf, die Kontrolle in einer Partnerschaft innezuhaben. Man kann es auch andersherum formulieren: An Frauen, die ihm ebenbürtig waren, traute er sich nicht heran. Von Anfang an hegte Heidnik einen ausgeprägten Kinderwunsch. Seine erste Partnerin brachte ein Mädchen zur Welt, aber verließ ihn kurz nach der Geburt und nahm das Baby mit. Möglicherweise speiste sich aus diesem Erlebnis seine Besessenheit im Hinblick auf Kinder.

Dorothy Knight und Jeanette Perkins

Heidniks zweite Frau hieß Dorothy Mae Knight und war geistig schwer behindert. Heidnik schlug sie häufig, schloss sie ein und weigerte sich zeitweise, ihr etwas zu essen zu geben. Dorothy Knight konnte schließlich fliehen. Bekannte sahen sie Jahre später. Sie lebte inzwischen auf der Straße und befand sich in sehr schlechtem Zustand.

Die nächste Frau von Heidnik war Jeanette Perkins. Die Schwester des Mädchens, das Heidnik 1978 vergewaltigt hatte. Sobald man Heidnik 1983 entlassen hatte, war Jeanette Perkins verschwunden. Die Polizei stellte Ermittlungen an, ohne ihren Verbleib klären zu können. Heidnik stand im Verdacht, etwas mit ihrem Verschwinden zu tun zu haben. Dafür ließen sich allerdings keinerlei Beweise finden.

Betty Disto

Gary Heidnik begab sich auf die Suche nach einer neuen Partnerin. Dieses Mal schaltete er ein Heiratsvermittlungsinstitut ein. Der Grund war simpel. Heidnik wünschte sich eine Jungfrau zur Gemahlin. Sie sollte idealerweise aus dem Orient oder Asien stammen. Nur wenige Wochen später nahm er Briefkontakt zu einer jungen philippinischen Frau namens Betty Disto auf. Die Brieffreundschaft währte zwei Jahre. Ab und an telefonierten die beiden auch. Schließlich bat Heidnik Betty Disto, seine Frau zu werden. Betty akzeptierte seinen Antrag und reiste im September 1985 nach Philadelphia.

Heidnik holte Betty vom Flughafen ab. Er brachte sie anschließend in sein Haus in der Marshall Street. Dann zeigte er ihr das Gästezimmer. Dort erwartete Betty Disto der erste Schock. In ihrem Bett schlief eine andere Frau. Heidnik redete seiner Frau in spe ein, die Fremde sei eine Untermieterin von ihm. Betty Disto gab sich augenscheinlich mit der Erklärung zufrieden. Denn am 3. Oktober 1985 gab sie Gary Heidnik im Bundesstaat Maryland das Jawort.

Der American Way of Life

Die erste Woche der Ehe verlief gut. Heidnik behandelte Betty anständig und sprach mit ihr darüber, eine Familie zu gründen. Die darauffolgende Woche kehrte Betty Heidnik von einer Shoppingtour zurück und erwischte Heidnik in flagranti im Bett mit drei nackten Frauen.

Die Frischvermählte reagierte schockiert und verlangte von Heidnik, dass er ihr ein Flugticket bezahle. Sie wolle auf der Stelle zu ihren Eltern auf den Philippinen zurückkehren. Heidnik antwortete ihr lakonisch, sie solle sich nicht so anstellen. Das sei der in aller Welt berühmte »American Way of Life«. Er sei der Boss in einer Beziehung. Da sei es völlig normal, dass er mehrere Bettgespielinnen habe.

Von diesem Zeitpunkt an erlebte Betty ihren Mann nur noch in Begleitung weiterer Frauen. Heidnik zwang Betty häufiger, ihm beim Sex mit einer anderen Partnerin zuzuschauen. Wenn sie sich darüber beschwerte, schlug er sie und befahl ihr, für ihn und seine Geliebte zu kochen. Gab sie weiterhin keine Ruhe, vergewaltigte er sie. Mit jedem Tag wurde er aggressiver und gewalttätiger. Er warnte Betty wiederholt davor, ihn zu verlassen. Er würde sie finden und dann umbringen.

1986 hatte Betty Heidnik heimlich Mitglieder der philippinischen Gemeinde in Philadelphia ausfindig gemacht und kontaktiert. Außer Heidnik und seinen Freundinnen kannte sie ja niemanden. Ihre Landsleute überzeugten sie, dass sie Heidnik schleunigst verlassen musste. Vier Tage später log sie Heidnik vor, sie wolle Einkäufe erledigen. Sie nutzte die Gelegenheit zur Flucht.

Unfassbares Glück

Zwei Wochen später verhaftete die Polizei Gary Heidnik wegen häuslicher Gewalt, Körperverletzung, sexueller Nötigung und Vergewaltigung in der Ehe. Der Beschuldigte hatte unfassbares Glück. Nur einen Tag vor seiner Festnahme war die Bewährung für seine Verurteilung aus dem Jahre 1978 abgelaufen. Heidniks Glückssträhne hielt vor Gericht an. Betty erschien nicht zur Anhörung. Damit fehlte die einzige Zeugin in dem Fall und die Klage war hinfällig.

1987 reichte Betty Disto jedoch Zivilklage ein, also zu einem Zeitpunkt, während Heidnik bereits seine Gefangenen im Keller folterte. Der Grund für das Verfahren dürfte Heidnik verblüfft und betroffen gemacht haben. Denn Betty war ohne sein Wissen von ihm schwanger geworden. Im Prozessverlauf fiel dem Richter auf, dass Heidnik lange Zeit in psychiatrischer Behandlung gewesen war. Er entschied, dass der Beschuldigte zunächst von Fachärzten untersucht werden sollte. Am Ende war der Mann ja gar nicht Herr seiner Sinne und damit juristisch gesehen nicht geschäftsfähig.

Der Prozess

Die Frage, ob Gary Heidnik zurechnungsfähig war, sollte auch den Strafprozess gegen ihn prägen, der am 20. Juni 1988 begann. Heidnik konnte sich einen eigenen Rechtsbeistand leisten und engagierte den bekannten Prozessanwalt Charles Peruto.

Dem Verteidiger war angesichts der Beweislage schnell klar, dass es nur eine Erfolg versprechende Strategie gab, um seinem Mandanten zumindest die Todesstrafe zu ersparen. Peruto musste dem Gericht überzeugend darlegen, dass Gary Heidnik zum Zeitpunkt seiner Verbrechen nicht zurechnungsfähig war. Denn bereits die ersten beiden Prozesstage würden den Geschworenen unmissverständlich klarmachen, was sein Klient den Opfern angetan hatte.

Verheerende Zeugenaussagen

Die Anklage rief zu Beginn des Verfahrens nacheinander die überlebenden Opfer, ihre Angehörigen, die leitenden Ermittler der Mordkommission und die Beamten der Gerichtsmedizin in den Zeugenstand. Die erste Zeugin war Lisa Thomas, die in allen Einzelheiten schilderte, wie Gary Heidnik sie angekettet, geschlagen und vergewaltigt hatte.

Als nächste Zeugin trat Josefina Rivera auf, die gleichermaßen anschaulich wie drastisch den Tod von Sandra Lindsay und Deborah Dudley beschrieb. Sie verschwieg auch nicht, dass sie Heidnik bei mehreren Bestrafungen und insbesondere bei der Ermordung von Deborah Dudley tatkräftig unterstützt hatte. Die Zeugin Jacquelyn Askins stellte klar, dass Josefina Rivera diese Dinge nur getan habe, wenn Heidnik ihr mit Bestrafung oder dem Tod gedroht habe.

Der Gerichtsmediziner Dr. Paul Hoyer unterrichtete die Geschworenen darüber, welche Leichenteile die Ermittler in Heidniks Küche sichergestellt hatten. So nüchtern, wie er die Liste herunterratterte, konnte man meinen, er lese vom Einkaufszettel für den Metzger vor: zwei Unterarme; ein Oberarm, zwei Knie, zwei Reststücke Oberschenkel. Alle mit einer Säge zerteilt. Bänder, Muskeln und Haut noch intakt. Alles in allem gut zehn Kilo Menschenfleisch, die man sorgfältig verpackt in Heidniks Kühlschrank gefunden hatte.

Abgelehnt

Verheerende Aussagen für Perutos Mandanten. Der Anwalt ging zum Gegenangriff über. Er verlangte von Richterin Lynne Abraham, die Geschworenen darüber in Kenntnis zu setzen, dass Josefina Rivera möglicherweise als Komplizin von Heidnik zu betrachten sei.

Richterin Lynne Abraham antwortete, das könne sie wohl tun. Doch Peruto müsse sich klar machen, was dies für seinen Mandanten bedeuten würde. Wenn Heidnik Rivera um Mithilfe gebeten habe, sei dies ein Indiz dafür, dass er zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig gewesen sei. Peruto verzichtete nach dem Wink mit dem Zaunpfahl auf seine Forderung.

Danach stellte er den Antrag, den Vorwurf »vorsätzlicher Mord« aus der Anklage zu streichen. Die Schilderungen der Zeuginnen würden doch den Schluss nahelegen, dass Heidnik nicht geplant habe, Sandra Lindsay und Deborah Dudley zu töten. Speziell im Fall Sandra Lindsay sei er wohl davon ausgegangen, dass sie schwanger gewesen sei und deshalb aus seiner Sicht nicht sterben durfte. Der tragische Tod der beiden Frauen sei also bestenfalls als Mord im Affekt zu werten, wenn man davon ausginge, dass Deborah Duley ihn mit ihrem aufsässigen Verhalten zuvor wütend gemacht habe. Richterin Abraham lehnte den Antrag ab.

Keine klaren Antworten

Perutos Verteidigung beruhte im Wesentlichen auf zwei Entlastungszeugen: den Psychiatern Dr. Clancy McKenzie und Dr. Jack Apsche. Doch gleich der erste Zeuge der Verteidigung entpuppte sich als Reinfall. Dr. McKenzie hatte Heidnik über hundert Stunden befragt. Er kannte Heidnik in- und auswendig. Aber die Geschworenen bekamen nichts davon zu hören.

Dr. McKenzie äußerte zwar, dass er der Meinung sei, Gary Heidnik habe nicht begriffen, dass sein Verhalten unrecht gewesen sei. Aber bei der übrigen Befragung gab McKenzie nie konkrete Antworten auf konkrete Fragen. Stattdessen verlor er sich in allgemeinen und weitschweifigen Erörterungen des Krankheitsbildes Schizophrenie. Die Geschworenen waren nach einer Weile komplett verwirrt. Worum ging es hier? Sie verstanden nur Bahnhof.

Krankheitsgeschichte irrelevant

Am nächsten Tag steckte die Verteidigung eine weitere Niederlage ein. Richterin Abraham ließ einen Großteil der Aussage von Dr. Apsche, dem zweiten Gutachter, wieder aus dem Protokoll streichen. Dies betraf in erster Linie seine Schilderung von Heidniks Krankengeschichte. Sie hielt die Vorgeschichte als irrelevant für den Fall.

Die Entscheidung traf Peruto völlig unvorbereitet. Seine ganze Strategie hatte auf den Aussagen dieser beiden Experten beruht. Nun hatte der eine selbst seine Glaubwürdigkeit untergraben und der andere durfte die Ergebnisse seiner wochenlangen Recherchen nicht vortragen. Peruto war überzeugt gewesen, nahezu lückenlos nachweisen können, dass Heidnik praktisch sein gesamtes Erwachsenenleben über psychisch krank gewesen war.

»Er wusste genau, was er tat«

Peruto spielte seine letzte Trumpfkarte aus. Er rief einen weiteren Psychiater, Dr. Kenneth Kool, in den Zeugenstand. Wieder intervenierte die Richterin. Sie ließ die Aussage zwar zu, verwies aber die Geschworenen des Gerichtssaals. Lynne Abraham war der Ansicht, dass seine Aussage die Jury »verwirren« könne.

Staatsanwalt Gallagher hatte zuvor den Zeugen befragt. Dabei hatte sich herausgestellt, dass Dr. Kool sich lediglich zwanzig Minuten mit Heidnik unterhalten hatte. Genau genommen hatte Heidnik ihn zwanzig Minuten angeschwiegen, bevor Dr. Kool entnervt aufgegeben hatte. Worauf denn dann sein Gutachten gründe, fragte Gallagher. Auf Heidniks Krankenakte, antwortete Dr. Kool.

Staatsanwalt Gallagher berief anschließend einen Zeugen, der die Strategie der Verteidigung endgültig ad absurdum führte. Robert Kirkpatrick war Heidniks Börsenmakler bei Merrill Lynch. Kirkpatrick beschrieb Heidnik als einen »scharfsinnigen Investor, der genau wusste, was er tat.« Und dieser gewiefte Geschäftsmann sollte unzurechnungsfähig sein? Never ever.

Das Urteil

Die Beweislage gegen Gary Heidnik war erdrückend. Dennoch benötigten die Geschworenen zweieinhalb Tage, um sich zu beraten. Peruto schöpfte wieder Hoffnung. Vielleicht hatte die Jury doch in Betracht gezogen, dass sein Mandant im wahrsten Sinne des Wortes krank war. Obwohl die Richterin alles dafür getan hatte, ihnen diesen Fakt vorzuenthalten.

Peruto ahnte, was dahintersteckte. Abraham wollte für das Amt des Bezirksstaatsanwalts kandidieren. Da wurde man nur gewählt, wenn man knallharter Verfechter der Todesstrafe war. Aber die Geschworenen scherte das vielleicht nicht. Sie sahen die kranken Taten von Heidnik und schlussfolgerten, dass sie nur einem kranken Kopf entsprungen sein konnten.

Perutos Hoffnungen zerschlugen sich, sobald die Sprecherin der Geschworenen das Urteil verlas. Die Geschworenen befanden den Angeklagten des zweifachen Mordes für schuldig und einer Reihe anderer Vergehen obendrein: Entführung, Freiheitsberaubung, widerrechtliche Fixierung, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, unsittliche Entblößung, diverse Sittlichkeitsvergehen, schwere und einfache Körperverletzung. Aber vor allen Dingen hielten sie Gary Heidnik für voll zurechnungsfähig. Angesichts der besonderen Schwere der Schuld zog dies gemäß dem Gesetz eine Verurteilung zum Tode nach sich.

Gary Heidnik zeigte keinerlei Emotionen, als das Urteil verkündet wurde. Es dauerte elf Jahre, bis der Staat das Urteil nach zahlreichen Berufungsverhandlungen und Aufschiebungsgesuchen vollstreckte. Heidnik unternahm zuvor mehrere Selbstmordversuche, die alle misslangen, weil die Wärter ihn rechtzeitig entdeckten. Der Staat wollte die Kontrolle darüber behalten, wann Heidnik sein Leben verlor. Am 6. Juli 1999 gegen 22.30 Uhr starb Gary Heidnik durch eine Giftspritze.

Ein Leben nach Gary Heidnik

Die überlebenden Opfer Josefina Rivera, Lisa Thomas, Jacquelyn Askins und Agnes Adams verklagten gemeinsam Heidnik noch zu dessen Lebezeiten vor einem Zivilgericht. Sie forderten, dass ihnen sein noch bestehendes Vermögen als Schmerzensgeld zugesprochen wurde. Auch der Staat streckte die Hand aus. Die Steuerbehörde IRS behauptete, Heidnik habe Steuern hinterzogen. Die Kirche, auf deren Namen sein Investmentkonto lief, sei nur Fassade gewesen. Er habe von Anfang an damit das Finanzamt austricksen wollen.

Bis zum heutigen Tag leiden die Opfer Jacquelyn Askins, Lisa Thomas und Agnes Adams an den Folgen des Kidnappings. Die drei bleiben lebenslang hörgeschädigt nach Heidniks brutaler Misshandlung mit dem Schraubenzieher. Noch schlimmer sind die psychischen Folgen. »Ich komme an einer Baustelle vorbei, wo ein paar Bauarbeiter ein Loch graben. In dem Moment denk ich an gar nichts. Aber in der gleichen Nacht befällt mich plötzlich ein Gefühl der Panik, das mir die Luft abschnürt. Das Bild hat unterbewusst irgendeine Erinnerung in mir wachgerufen, die ich tagsüber noch unterdrückt habe«, so beschreibt es Josefina Rivera.

»Oder ich sehe einen Schraubenzieher oder eine Kette. Gewöhnliche Dinge des Alltags für die meisten Menschen, denen sie keine Beachtung schenken. Bei mir kann der Anblick im schlimmsten Fall eine monatelange Depression auslösen.«

Nachdem Josefina Rivera wieder in Freiheit war, wurde sie erneut drogenabhängig. Sie verlor auch das Sorgerecht für die beiden Kinder, die ihr geblieben waren. »Meine Zeit in dem Kellerverlies hat mich für immer verändert. Ich habe versucht, wieder die Person zu werden, die ich war, bevor ich Heidnik traf. Aber das war einfach nicht möglich.« Seit etlichen Jahren ist Josefina Rivera nun clean und seit 2010 hat sie auch wieder Kontakt zu ihrer Familie. Ihre Töchter haben selber Kinder bekommen. Inzwischen sind es bereits sechs Enkel.

»Lange Zeit haben mich die Erinnerungen an Heidnik verfolgt. Die Erinnerungen an die Frauen, die neben mir starben. Man kommt nie ganz darüber hinweg, wenn man so etwas erlebt hat. Ich musste akzeptieren, dass es Teil meines Lebens ist. Es bleibt dennoch ein täglicher Kampf«, sagt Josefina Rivera, die heute in Atlantic City lebt. »Dass ich nun täglich das Meer sehen darf, wenn ich aufwache, hat mir sehr geholfen – hier fühle ich mich endlich frei und sicher.«

* * * * *

Bücher zum Fall Gary Heidnik

Sachbücher (englisch)

Josefina Rivera: Cellar Girl (2013)

Die Autorin hat die Hölle in der North Marshall Street selbst kennengelernt. Josefina Rivera war die Frau, die am längsten in der Gewalt von Gary Heidnik war und die ihn am Ende auch der Polizei auslieferte und damit drei weitere Opfer rettete. Sie schildert in dem Buch detailliert, was ihr widerfuhr, nachdem sie Gary Heidnik begegnete. Sie erzählt aber darüber hinaus über ihr Leben vor und nach dem Verbrechen.

 

Josefina Rivera: Kälter als die Nacht. Gefangen im Keller eines Serienkillers (2015)

Den Buchttitel gibt es inzwischen auch in deutscher Übersetzung:

 

Ken Englade: Cellar of Horror (1989)

Das Sachbuch ist unmittelbar im Anschluss an den Prozess gegen Gary Heidnik entstanden, ist aber inzwischen auch als Neuauflage sowohl als Taschenbuch als auch als E-Book erhältlich. Ken Englade schildert detailliert die Vorgänge, die sich im Haus in der North Marshall Street in Philadelphia zugetragen haben. Er beschäftigt sich auch eingehend mit der Biografie des Täters, um zu erklären, wie es zu den Verbrechen kommen konnte. Was fehlt, sind nähere Angaben über die Opfer. Welches Leben führten diese Menschen, bevor sie in die Hände von Gary Heidnik fielen? Warum hat niemand ernsthaft nach ihnen gesucht? Warum konnten Heidniks Verbrechen so lange unentdeckt bleiben?

 

Romane (deutsch)

Dan Wells: Mr. Monster (2010)

Das Buch ist Teil einer Thriller-Reihe rund um den jugendlichen Soziopathen John Cleaver, der sich dagegen wehrt ein Serienkiller zu werden (von der Grundidee ähnelt das Konzept der Fernsehserie „Dexter“). Als Vorlage des 2. Bandes dieser Reihe dient Gary Heidnik und seine Verbrechensserie.

Anmerkung: Das Buch ist in deutscher Sprache scheinbar nur als Kindle E-Book erhältlich. (Deshalb wird kein Preis angezeigt, das funktioniert irgendwie noch nicht bei Kindle). Es gibt bei Amazon auch eine Gebundene Ausgabe und Taschenbuch des Romans, aber jeweils nur in englischer Sprache.

 

Thomas Harris: Das Schweigen der Lämmer (1988)

Für die Figur des Serienkillers „Buffalo Bill“ benutzte Autor Thomas Harris drei reale Vorbilder: Ted Bundy, Ed Gein und Gary Heidnik. Das versiffte Haus mit Keller und Grube, in der „Buffalo Bill“ die Tochter der Senatorin gefangenhält, geht eindeutig auf Gary Heidnik und seine Verbrechen zurück, die seinerzeit die amerikanische Öffentlichkeit erschreckten, als „Schweigen der Lämmer“ gerade entstand.

Kapitelübersicht zum Fall Gary Heidnik

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