Am 16. November 1940 betrat der »Mad Bomber« das Verwaltungsgebäude der Consolidated Edison an der West 64th Street in Manhattan. Con Edison, wie die Firma auch genannt wurde, war damals – und ist es heute noch – einer der größten Energieversorger des Landes und insbesondere für den Großraum New York.
In dem Gebäude waren so viele Menschen beschäftigt, dass der fremde Eindringling gar nicht auffiel. Der Mann stellte einen hölzernen Werkzeugkasten auf einer Fensterbank ab. In dem Kasten befand sich der Sprengsatz. Anschließend ging der »Mad Bomber« in aller Seelenruhe zum Ausgang und verließ unerkannt das Gebäude.
Die kleine Rohrbombe entpuppte sich als Blindgänger und richtete keinerlei Schaden an. Mitarbeiter von Con Edison meldeten den mysteriösen Fund der Polizei. Die herbeigerufenen Streifenpolizisten verständigten sofort das Entschärfungskommando. Die Beamten fanden ein kurzes Stück Messingrohr vor, das mit Schießpulver befüllt war. Der simple Zündmechanismus, der versagt hatte, bestand aus Zucker und Batterien, wie man sie damals üblicherweise für Taschenlampen benutzte.
Inhaltsverzeichnis
George Metesky
Eine rätselhafte Botschaft
Die Ermittler konnten weder Fingerabdrücke noch sonstige Spuren sichern, die auf die Herkunft der Bauteile schließen ließen. Aber als die Beamten das explosive Stück genauer unter die Lupe nahmen, fiel ihnen einen Zettel auf, der dem Messinggehäuse anheftete. Der Attentäter hatte augenscheinlich eine Nachricht zurückgelassen. Sie war in äußerst akkuraten Blockbuchstaben abgefasst und lautete: »Nehmt das, ihr Ganoven von Con Edison.«
Die Kriminalbeamten waren verwirrt. Was hatte sich der Täter dabei gedacht? Der Bombenbastler musste doch davon ausgegangen sein, dass der Sprengsatz zündete und damit den Zettel vernichtete. Warum hatte er sich also die Mühe gemacht, die Nachricht zu schreiben? Hatte der Typ am Ende dermaßen einen an der Klatsche, dass er diese Möglichkeit gar nicht in Betracht gezogen hatte? Oder hatte er von vorneherein einen Blindgänger entworfen, damit die Polizei den Zettel fand, weil ihm die Nachricht so wichtig war?
Letztlich standen die Beamten trotz des Drohschreibens ohne konkreten Anhaltspunkt da. Sie überprüften routinemäßig ehemalige Beschäftigte des Unternehmens, denen man kürzlich gekündigt hatte. Sie hielten nach Personen Ausschau, die gerade mit der Firma im Rechtsstreit lagen und möglicherweise ein Motiv hatten, es dem Konzern heimzuzahlen. Die Ermittlungen verliefen ergebnislos, der Fall wanderte rasch zu den Akten. Der misslungene Anschlag schien so unbedeutend zu sein, dass er noch nicht einmal den Zeitungen eine Erwähnung wert war.
Mitten auf der Straße
Der Vorfall geriet sowohl bei der Polizei als auch beim betroffenen Unternehmen Consolidated Edison vollkommen in Vergessenheit. Dann tauchte im September 1941, knapp ein Jahr später, ein weiterer Sprengsatz auf. Dieses Mal hatte der Attentäter die Rohrbombe mehr oder weniger mitten auf der Straße abgelegt. Wieder hatte sich der »Mad Bomber« Manhattan als Ziel seiner Attacke ausgesucht: Passanten fanden den Sprengkörper in der 19th Street, gleich um die Ecke vom 13. Polizeirevier.
Die zuständigen Männer vom Bombenräumdienst erinnerte die Bauweise sofort an den Blindgänger aus dem Con Edison-Gebäude, auch wenn der Täter in diesem Fall einen einfachen Wecker für den Zündmechanismus verwendet hatte. Er hatte das mit Schießpulver befüllte Rohr in eine alte Wollsocke gestopft. Eine Nachricht lag dem explosiven Gemisch allerdings nicht bei.
Irgendwie hatte es der »Mad Bomber« auch dieses Mal – glücklicherweise – vermasselt, obwohl er nach Ansicht der Experten ganz offensichtlich über ausreichende Kenntnisse im Bombenbau verfügte. Denn der Sprengstoff hatte nicht gezündet.
Die Kriminalbeamten rätselten, warum der Täter die Rohrbombe mitten auf der Straße abgelegt hatte. Da der Fall Verbindungen zu dem missratenen Anschlag aus dem Vorjahr aufwies, betrachteten die Ermittler die Angelegenheit aus einem anderen Blickwinkel.
Nur fünf Blocks entfernt, am Irving Place, stand die Firmenzentrale von Consolidated Edison. Konnte es sein, dass der Attentäter ursprünglich dieses Ziel im Auge hatte und dann durch irgendein Ereignis davon abgebracht worden war? Vielleicht hatte es nur den strengen Blick eines Polizeibeamten aus dem benachbarten Polizeirevier gebraucht und der Kerl hatte weiche Knie bekommen.

Quelle: Beyond My Ken, en.wikipedia.org
Ein patriotisches Schreiben
Nun hatten die Kriminalbeamten es streng genommen mit einer Anschlagsserie zu tun, auch wenn noch keine Bombe hochgegangen war. Die Polizei und die Medien schenkten dem Vorfall dennoch herzlich wenig Beachtung. Angesichts der politischen Lage war das durchaus verständlich. In Europa tobte der Zweite Weltkrieg und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Vereinigten Staaten aktiv in diesen Konflikt verwickelt werden würden.
Der »Mad Bomber« zeigte vollstes Verständnis für das behördliche Desinteresse. Drei Monate nach dem fehlgeschlagenen Attentat – die Japaner hatten gerade Pearl Harbor bombardiert – schickte er an das Hauptquartier des NPYD einen anonymen Brief.
Der Wortlaut: »Solange der Krieg andauert, werde ich keine weiteren Sprengsätze bauen – meine patriotischen Überzeugungen haben mich zu diesem Schritt bewogen – doch danach werde ich Con Edison seiner gerechten Strafe zuführen – sie werden für ihre niederträchtigen Taten bezahlen.« Das Schreiben bestand aus ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben und war mit dem Kürzel »F.P.« unterschrieben.
Die Ruhe vor dem Sturm
»F.P.« aka der »Mad Bomber« hielt Wort. In den nächsten gut neun Jahren führte er keine weiteren Attentate aus. Was nicht bedeutete, dass er sich in dieser Zeit auf die faule Haut legte. Er vergnügte sich stattdessen damit, Dutzende von bizarren Drohbriefen an Con Edison, Kinoketten, Privatpersonen und schließlich auch die Polizei zu senden. Niemand sah die Zusammenhänge zwischen den Schreiben. Niemand kam der Verdacht, dass die Briefe denselben Ursprung haben könnten.
Für die Polizei von New York war die Attentatsserie beendet. Ein kurzer Spuk, nichts weiter. Der Typ hatte ja noch nicht mal ernst gemacht. Wahrscheinlich war ihm nur daran gelegen gewesen, den Leuten einen gehörigen Schrecken einzujagen. Aber wirklich jemanden töten wollte der »Mad Bomber« gar nicht.
Die Polizisten hätten mit ihrer Einschätzung nicht mehr danebenliegen können. Denn ab 1951 wurde New York von einer beispiellosen Anschlagsserie heimgesucht. Da flogen den Beamten des NYPD die Bomben gleich im Dutzend um die Ohren und richteten mitunter verheerenden Schaden an.
Bombenstimmung
Am 29. März 1951 ließ es der »Mad Bomber« dann zum ersten Mal richtig krachen. Er suchte sich als Anschlagsziel die belebte Grand Central Station inmitten von Manhattan aus. Der Attentäter hatte die Bombe auf der unteren Ebene des Bahnhofs in einem Ascher versteckt, der mit Sand gefüllt war. Die zahlreichen Pendler, die den Bereich wie jeden Tag frequentierten, kamen mit dem Schrecken davon. Der Sprengsatz explodierte, ohne irgendwelchen Schaden anzurichten.
Die nächsten drei Bomben versteckte er jeweils in einer Telefonzelle:
- im April 1951 in der New York Library
- im August 1951 wieder in der Grand Central Station
- im Oktober 1951 erneut in der Zentrale der Consolidated Edison am Irving Place. Gleichzeitig traf auch in einer Con Edison-Filiale in White Plains ein explosives Päckchen ein, das allerdings im Unterschied zu den anderen Sprengsätzen nicht zündete.

Quelle: Didier B Sam67fr, en.wikipedia.org
Vorliebe für Wollsocken
Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Opfer zu beklagen waren. Die Beamten des Entschärfungskommandos hatten die Bausätze genauer untersucht. Sie entsprachen zweifellos der Handschrift des Attentäters, der es in den 1940ern auf Consolidated Edison abgesehen hatte.
Es handelte sich ausschließlich um mit Schießpulver gefüllte Rohrbomben. Die Bombenbehälter waren zwischen 10 und 25 Zentimeter lang, der Durchmesser betrug 1-5 cm. In der Regel verwendete der »Mad Bomber« einen Zeitschalter, den er aus billigen Taschenuhren und Taschenlampenbatterien fertigte.
Bauteile der Bomben, welche die Polizei später beim Täter sicherstellte
Die Ermittler lernten auch rasch, wonach sie an einem Tatort Ausschau halten mussten, um einen Sprengsatz des »Mad Bomber« eindeutig zu identifizieren, nämlich nach einer Wollsocke. Der Täter benutzte die Socken, um die Bomben darin einzuwickeln und unauffällig transportieren zu können. Außerdem konnte er sie so leichter an einem Geländer oder einem Vorsprung anbringen.
Die Beamten bemerkten allerdings, dass der »Mad Bomber« die zurückliegenden neun Jahre genutzt hatte, um seine Fertigkeiten zu verbessern. Die Bomben waren nun raffinierter konzipiert und verfügten über eine wesentliche größere Zerstörungskraft – eine beunruhigende Entdeckung.
Das nächste Bekennerschreiben
Und am 22. Oktober 1951 meldete sich der »Mad Bomber« auch wieder persönlich zu Wort. Die »New York Herald Tribune« erhielt ein Bekennerschreiben, das ohne Zweifel aus seiner Hand stammte: »Es werden so lange weitere Bomben folgen, bis man die Firma Consolidated Edison wegen der heimtückischen Verbrechen, die sie mir angetan hat, zur Verantwortung zieht. Alle anderen Mittel habe ich ausgeschöpft. Die Bomben sollen andere Menschen dazu bringen, für meine Person Gerechtigkeit einzufordern.«
Am Ende des Briefes hatte der Unbekannte noch einen Hinweis an die Polizei von New York angefügt. Er habe zwei weitere Bomben in der Stadt versteckt. Eine fände sich im »Paramount Theater«, einem Kino am Times Square, und eine zweite in einer Telefonzelle an der Pennsylvania Station. Erstere konnte das Entschärfungskommando bergen, die zweite Bombe am Bahnhof blieb unentdeckt.
Der Täter ließ gerade einmal einen Monat verstreichen, bis er am 28. November 1951 das nächste Attentat verübte. Es war inzwischen die siebte Bombe, die er 1951 hochgehen ließ. Dieses Mal versteckte er sie in einem Münzschließfach an einer U-Bahn-Station auf der 14th Street.
Verräterische Buchstaben
Kurz vor Jahresende erhielt der »New York Herald Tribune« einen weiteren Brief vom Phantom: »Haben Sie die Bomben in Ihrer Stadt bemerkt? Falls Sie sich Sorgen machen sollten, tut mir das leid. Das gilt auch, falls sich jemand verletzen sollte. Aber ich habe keine andere Wahl, solange mir nicht Gerechtigkeit widerfährt.“
„Mir geht es nicht gut und dafür werde ich Con Edison büßen lassen. Ja, sie werden ihre heimtückischen Taten noch bereuen. Ich werde sie vor die Schranken des Gerichts zwingen. Die Öffentlichkeit wird ihr schändliches Treiben verurteilen. Passen Sie gut auf, ich werde in naher Zukunft noch mehr Sprengsätze unter Kinositzen platzieren. F.P.«
Die meisten der Nachrichten verfasste der »Mad Bomber« inzwischen mit Bleistift und in Blockbuchstaben. Das Schriftbild war nach wie vor akkurat. Doch die Handschrift gab auch einige verräterische Details preis, die dem geübten Blick der Ermittler nicht entgingen.
Die Buchstaben W, G und Y wirkten fast schon schlampig im Vergleich zur übrigen Schrift. Sie waren auffällig gebogen und standen etwas schräg im ansonsten kerzengeraden Textbild. Nach Ansicht der Briefe äußerten Schriftsachverständige die Vermutung, dass der Täter in Europa aufgewachsen und zur Schule gegangen war.
Handschriftenprobe aus einem der Briefe des „Mad Bomber“
Gründung einer Sondereinheit
Dass der »Mad Bomber« einen speziellen Groll gegen das Unternehmen Consolidated Edison hegte, war schlichtweg nicht zu übersehen. Die Kripo konzentrierte daher ihre Untersuchung zunächst erneut auf die Personalakten der Firma.
Als die Suche fruchtlos verlief, dehnten die Ermittler ihre Suche auf Klageschriften von renitenten Bürgern aus, die am Gericht anhängig waren. Zusätzlich überprüfte man die Unterlagen der psychiatrischen Anstalten im Großraum New York sowie die Schülerverzeichnisse von Berufsschulen, an denen Material und Know-how vorhanden waren, um solche Bomben herzustellen.
Gleichzeitig bekam die Polizei Hunderte von Hinweisen, denen sie nachgehen musste. Bürger verpfiffen ihre Nachbarn, die ihnen irgendwie schräg vorkamen. Leute schwärzten ihre Kollegen an, weil die sich ein wenig zu gut mit Bomben auszukennen schienen. Innerhalb der New Yorker Polizei schuf man eigens eine Abteilung, die sich ausschließlich mit dem Fall des »Mad Bomber« beschäftigte – die »Bomb Investigation Unit«. Anders wäre die Vielzahl an Spuren nicht mehr abzuarbeiten gewesen.
Fehlalarm
Die Ermittlungen wurden zusätzlich erschwert, weil sich die Zahl der Fehlalarme und Bombenattrappen massiv erhöhte. Im Oktober 1951 musste das NYPD beispielsweise den Wartesaal der Grand Central Station räumen. Ein anonymer Anrufer hatte telefonisch vor einem Anschlag gewarnt. Die Beamten durchsuchten an diesem Tag insgesamt 3.000 Schließfächer, von denen 1.500 in Gebrauch waren. Und für diese benutzen Fächer gab es nur einen einzigen Generalschlüssel.
Der zuständige Beamte vom Entschärfungskommando ertastete in jedem Spind den Inhalt, während seine Kollegen einen tragbaren Röntgenapparat bereithielten. 35 Beamte des NYPD waren drei Stunden lang im Einsatz. Die Polizisten reagierten reichlich angesäuert, als sie feststellten, dass sich der Anrufer einen vermeintlichen Scherz mit ihnen erlaubt hatte.
Einer der Scherzkekse, die die Polizei von New York gehörig auf Trab hielten, ging ihnen noch 1951 in die Falle. Er hatte einem Personaldirektor der Con Edison eine Bombenattrappe mit der Post geschickt. Als der Bombenräumdienst den Inhalt überprüfte, stellte sich heraus, dass das Rohr nur Zucker enthielt.
Die Spuren führten zu einem gewissen Friedrich Eberhardt, der in früheren Jahren für Consolidated Edison gearbeitet hatte und im Unfrieden geschieden war. Wie die weiteren Ermittlungen ergaben, handelte es sich bei Eberhardt nicht um den berüchtigten »Mad Bomber«.
Der Staatsanwalt war dennoch mächtig angefressen und wollte ein Exempel statuieren. Eberhardt hatte mehrere dieser Attrappen in der Stadt herumgeschickt. Jedes Mal war ein aufwendiger Polizeieinsatz vonnöten. Der Ankläger forderte eine gesalzene Strafe, die potenzielle Nachahmer abschrecken sollte. Der Richter ordnete hingegen vorübergehende Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt an. Die Psychiater sollten Eberhardt zunächst einmal untersuchen, ob er überhaupt zurechnungsfähig war.
Nach wenigen Monaten wurde das Verfahren eingestellt. Der Verteidiger von Eberhardt hatte überzeugend dargelegt, dass überhaupt keine rechtliche Grundlage existierte, den Mann zu bestrafen. Schließlich hatte er lediglich ein Rohr mit Zucker verschickt. Ohne Drohschreiben à la »Dies ist eine Bombe«, ohne telefonische Bombenwarnung. Jeder Bürger durfte nach Lust und Laune Zucker verschicken, ohne eine Strafverfolgung befürchten zu müssen.
Juristisch gesehen mochte das stimmen. Aber der »Mad Bomber« manövrierte New York in den 1950ern in einen Zustand dauerhafter Angst. Dass ein Bürger da beim Anblick eines verdächtigen Stücks Rohr nicht gleich an eine gefährliche Bombe dachte, war praktisch ausgeschlossen. Denn der Täter sorgte in den kommenden Jahren dafür, dass die Stadt ihn nicht so schnell vergessen würde.
Der Spinner, dem es nach Publicity dürstet
1952 zündete der Unbekannte insgesamt drei Bomben. Die erste explodierte am 19. März 1952 in einer Telefonzelle am Port Authority Busbahnhof, die nächsten beiden Sprengsätze versteckte er im Juni und Dezember in den Sitzen eines Kinos an der Lexington Avenue. Der letzte Anschlag im Dezember bedeutete eine Zäsur im Verlauf der Anschlagsserie. Zum ersten Mal wurde tatsächlich ein Mensch verletzt.
1953 suchte sich der Attentäter zunächst die Radio City Music Hall und das Capitol-Kino für weitere Anschläge aus. Dann kehrte er wieder zur Grand Central Station zurück. Dort stellte er eine Bombe in ein Münzschließfach in der Nähe der Oyster Bar. Ein weiterer Sprengsatz, den er in einem Schließfach an der Pennsylvania Station versteckt hatte, explodierte nicht.
Oyster Bar in der Grand Central Station (2007)
Die Ermittler gaben daraufhin den Medien erstmals preis, nach welchem Tätertyp sie Ausschau hielten: »Ein Spinner, der die öffentliche Aufmerksamkeit sucht.« Bis dahin hatten die Behörden versucht, die Geschichte klein zu halten, und die Journalisten gebeten, keines der Bekennerschreiben zu veröffentlichen. Inzwischen erregten die Taten des »Mad Bomber« jedoch immer mehr Aufsehen in New York. Der Fall ließ sich nicht mehr aus den Medien heraushalten.
Gleich im darauffolgenden Jahr suchte der Attentäter erneut die Pennsylvania Station heim. Dieses Mal konnte Schlimmeres verhindert werden. Denn die Telefonzelle, in der er die Bombe versteckt hatte, schickte man zur Reparatur.
Die Arbeiter entdeckten dabei das verdächtige Rohrstück, bevor es explodierte. Weniger Glück war drei Besuchern einer Herrentoilette in der Grand Central Station beschieden. Sie wurden von den Splittern einer Bombe getroffen, die der Täter dort hinter einem Waschbecken angebracht hatte, und erlitten leichte Verletzungen.

Quelle: Detroit Publishing Co. Library of Congress, Prints and Photographs Division, LC-DIG-det-4a24546
Blutige Weihnachten
Das Attentat, das die bis dato meiste Aufmerksamkeit erregte, ereignete sich dann am 7. November 1954 in der Radio City Music Hall. Der Veranstaltungssaal war mit 6.200 Besuchern gerammelt voll. Die Leute waren gekommen, um sich den Film »Weiße Weihnachten« (OT: White Christmas) mit Bing Crosby in der Hauptrolle anzuschauen. In der 15. Reihe verwandelte der Attentäter das Kinoerlebnis in »Blutige Weihnachten«.
Dort hatte er zuvor die Unterseite eines Sitzes aufgeschlitzt und eine Rohrbombe hineingestopft. Der Sprengsatz explodierte mitten während der Vorstellung. Die Zuschauer hatten Glück im Unglück. Die Sitze waren dermaßen dick gepolstert, dass die Bombe kaum wirklichen Schaden anrichtete. Lediglich die Personen, die sich in unmittelbarer Nähe zum Explosionsherd aufhielten, verletzten sich leicht.
Radio City Music Hall, Zuschauerraum
»The Show must go on«, sagten sich der Veranstalter und die zuständige Polizei. Die Filmvorführung wurde nicht unterbrochen. Die Platzanweiser führten die verletzten Personen zu den Klängen von »Gee, I Wish I Was Back in the Army« in den Erste-Hilfe-Raum.
Weitere 50 Personen, die sich in der Sitzreihe aufhielten, mussten den Tatort verlassen und sich nach draußen begeben. Die Polizei wartete brav das Ende des Films und eine anschließende Bühnenshow mit den Hauptdarstellern ab. Erst anderthalb Stunden nach der Explosion, als die Besucher den Saal verlassen hatten, begann die Suche nach Beweismitteln.

Quelle: UpstateNYer, en.wikipedia.org
Ein ausgekochter Täter
1955 zog es den Attentäter wieder an die Schauplätze früherer Anschläge. Zwei Bomben zündete er an der Pennsylvania Station; eine in einer Telefonzelle, die andere in einem Schließfach. Auch die Radio City Music Hall musste erneut dran glauben; er warnte die Betreiber dieses Mal aber telefonisch und der Sprengsatz konnte rechtzeitig geborgen werden.
Eine weitere Bombe ließ er in der Herrentoilette der Grand Central Station hochgehen. Zusätzlich deponierte er in einer U-Bahn-Station in Brooklyn und im Kaufhaus »Macy‘s« jeweils einen Sprengkörper. Im »Roxy-Kino« entdeckte man durch Zufall einen Sprengsatz, weil der Stuhl zur Reparatur bei einem Polsterer war. Die Rohrbombe kullerte auf die Werkbank, ohne zu explodieren.
Ein Besucher des »Paramount Theater« kam hingegen nicht mit dem bloßen Schrecken davon. Er hatte sich auf einem vom Täter präparierten Sitz niedergelassen. Wie durch ein Wunder verletzte sich der Mann lediglich am Fuß, an dem ihn ein Bombensplitter traf.
Bei der anschließenden Untersuchung entdeckten die Ermittler einen Gegenstand, der ihnen bereits an anderen Kino-Tatorten aufgefallen war. Der Täter hatte im Polster ein Taschenmesser zurückgelassen. Die Ermittler mutmaßten, dass der »Mad Bomber« sich Sorgen machte, in eine Kontrolle zu geraten. Lieber ließ er sein Werkzeug am Tatort zurück, als dass man ihn mit einem möglichen Beweisstück erwischte. Der Junge war ausgekocht.
Paramount Theater, 1955
Fahndungsgesuch
Im April 1956 verschickte die New Yorker Polizei an Behörden in verschiedenen Bundesstaaten ein Fahndungsgesuch. Gesucht wurde ein versierter Handwerker, der Zugang zu einer Bohrmaschine oder einer Drehbank hatte. Die Gewinde an den Rohren, an denen er die Verschlüsse aufschraubte, hatte der Täter selbst gefertigt.
Der gesuchte Mann war vermutlich jenseits der 40, lebte möglicherweise im Raum White Plains – einige Briefe trugen den Poststempel dieser Stadt – und er hegte einen »tief sitzenden Groll gegenüber der Firma Consolidated Edison«. Um die Täterbeschreibung zu illustrieren, fügte man eine naturgetreue Zeichnung einer der Rohrbomben an, die man geborgen hatte.
Zusätzlich gab die Polizei nun auch Ausschnitte aus den Bekennerschreiben zur Veröffentlichung frei. Man hoffte, dass jemand die markante Schrift des Täters wiedererkennen würde. Die Polizei in White Plains durchforstete daraufhin alle Antragsformulare für Führerscheine. Die Beamten verglichen das Schriftbild mit dem Täterschreiben. In 500 Fällen fanden sie zumindest gewisse Ähnlichkeiten vor. Die Polizisten übermittelten die fraglichen Namen ihren Kollegen in New York. Die Überprüfung der Personen brachte allerdings nichts ein.
Die Kacke ist am Dampfen
1956 brachte der „Mad Bomber“ die Kacke dann im buchstäblichen Sinne zum Dampfen. Ein junger Mann hatte die sanitären Einrichtungen an der Pennsylvania Station aufgesucht. Als er abzog, merkte er, dass der Abfluss verstopft war. Er benachrichtigte die Toilettenfrau.
Die 74-jährige Frau bewaffnete sich mit einem Pimpel und bemühte sich nach Leibeskräften, das Rohr freizukriegen. Dadurch löste sie die Explosion der versteckten Bombe aus und ihr flog die Porzellanschüssel um die Ohren.
Ein »Bombengeschäft«, dem die arme Frau da zum Opfer fiel. Neben dem Trauma trug sie schwerste Verletzungen davon. Die Ermittler konnten zweifelsfrei nachweisen, dass die Tat auf das Konto des »Mad Bomber« ging. Sie stellten in der zerbombten Kabine die Überreste einer Uhr und einer Wollsocke sicher – beides typische Erkennungsmerkmale des Attentäters.
Die „Penn Station“, 1955
Explosives Frühstück
Ähnliches Ungemach wie der Toilettenfrau widerfuhr beinahe einem Wachmann des RCA-Gebäudes im Rockefeller Center. Ein Kollege hatte tagsüber in einer der Telefonkabinen ein etwa zwölf Zentimeter langes Rohr gefunden und den Gegenstand ins Büro der Wachleute geschafft. Der junge Sicherheitsbedienstete sah im Laufe des Tages das Teil, wusste aber nicht, woher es stammte. Er renovierte in seiner Wohnung gerade das Bad und dachte, er könne das Stück vielleicht gebrauchen.

Quelle: Samuel Herman Gottscho; restored by Michel Vuijlsteke; Library of Congress, Digital ID: ppmsca 05853
Nach Feierabend nahm er das Rohr also mit nach Hause. Die gefährliche Bombe reiste mit dem Bus einmal quer durch New York bis nach New Jersey. Dort explodierte der Sprengkörper am folgenden Morgen auf dem Küchentisch. Zum Glück lag die Familie zu diesem Zeitpunkt noch in den Betten und niemand wurde verletzt.
Der »Mad Bomber« hatte die Stadt New York durch sein jahrelanges Dauerbombardement an den Rand einer Hysterie geführt. Die Polizei reagierte zunehmend hilflos. Mit seinem nun folgenden Anschlägen im Dezember 1956 sollte der Attentäter das Fass endgültig zum Überlaufen bringen. Nun kannte die Millionenmetropole kein anderes Thema mehr als den »Mad Bomber«, das Phantom, das niemand zu fassen bekam.
Der Druck wächst
Die Besucher kamen direkt aus dem Büro und hatten noch ihre Aktentaschen dabei. Sie suchten ein wenig Zerstreuung, bevor der Alltag sie wieder einholte. Die anderen hatten den Nachmittag genutzt, um Weihnachtsgeschenke zu besorgen, und betraten den Saal mit ihren Einkaufstaschen und Päckchen. Die Frühvorstellung im »Paramount-Kino« in Brooklyn war an diesem 2. Dezember 1956 gut besucht.
Um 19.55 Uhr zerstörte die Explosion einer Bombe jegliche vorweihnachtliche Stimmung. Es brach Panik aus. Sechs Menschen wurden bei diesem Bombenanschlag verletzt. Die Tatsache, dass niemand getötet worden war, sollte der Attentäter später in einem seiner Schreiben als »göttliche Fügung« bezeichnen. Die betroffenen Opfer sahen eher den Teufel am Werk.
Mit diesem verheerenden Attentat hatte es der »Mad Bomber« endgültig auf alle Titelseiten der New Yorker Gazetten geschafft. Die Kolumnisten forderten, dass die Behörden dem wahnsinnigen Täter endlich Einhalt geboten. Polizeichef Stephen P. Kennedy nannte die Taten »ein Verbrechen, das wir nicht tolerieren werden«. Er versprach jedem New Yorker Polizisten eine sofortige Beförderung, sofern er den Täter schnappen würde.
Kennedy versetzte alle Polizeikräfte der Stadt in erhöhte Alarmbereitschaft. Die größte Sonderkommission in der Geschichte New Yorks jagte von nun an den »Mad Bomber«. Zudem setzten die New Yorker Behörden eine Belohnung von 26.000 US-Dollar für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führten. Inflationsbereinigt würde das heute der stolzen Summe von rund 225.000 Dollar entsprechen.
Die Polizei birgt im Dezember 1956 eine der Bomben aus einem Kino
»Mad Bomber« terrorisiert New York
Der Täter ließ sich durch den gewachsenen Fahndungsdruck nicht aus der Ruhe bringen. An Heiligabend 1956 betrat ein Büroangestellter eine Telefonzelle in der New York Public Library. Ihm rutschte das Münzgeld aus der Hand. Als er sich bückte, um es aufzuheben, fiel sein Blick auf eine dunkelbraune Socke. Diese baumelte an der der Unterseite des Telefongehäuses und war mit einem Magneten befestigt. In der Socke steckte ein Eisenrohr mit einer Gewindekappe an beiden Enden.
Inzwischen waren die New Yorker durch die intensive Berichterstattung über den Fall vorgewarnt. Der Mann trug die Socke zunächst einmal vorsichtig zu einem Fenster und schmiss sie in den angrenzenden Bryant Park. Danach verständigte er die Polizei und das Entschärfungskommando.
Anschließend erschienen 60 Beamte vor Ort. In einem Brief, den der Attentäter vier Wochen später an das »New York Journal« einsandte, behauptete er, die Bombe in der Zentralbibliothek sowie eine weitere, die man in derselben Woche in einem Kino am Times Square entdeckt hatte, wären bereits monatelang an Ort und Stelle gewesen.

Quelle: lngfbruno, en.wikipedia.org
Nur zwei Tage später forderte die Serie ihr erstes Todesopfer. In einer Telefonzelle an der Grand Central Station fand man einen Zettel, auf dem vor einer Bombe im Empire State Building gewarnt wurde. Die Polizei evakuierte daraufhin alle 102 Stockwerke des New Yorker Wahrzeichens und durchkämmte den Bahnhof nach verdächtigen Personen. Ein 63-jähriger Eisenbahnarbeiter geriet dabei in die Fänge der Polizei. Als man den Mann auf der Wache ins Verhör nahm, starb er unvermittelt an einem Herzinfarkt.

Quelle: Psongco, en.wikepedia.org
Man würde niemanden für diesen tragischen Tod belangen können. Aber jeder New Yorker wusste, wer für das Unglück verantwortlich war: der »Mad Bomber« oder »F.P.«, wie er sich in seinen bizarren Briefen selber nannte. Seit 16 Jahren zehrte er nun schon mit seiner beispiellosen Anschlagsserie an den Nerven der New Yorker Bevölkerung.
Die Bewohner der Stadt hatten inzwischen den Glauben verloren, dass ihre Polizei diesen Kerl jemals schnappen würde. Wenn es ihr 16 Jahre lang nicht gelungen war, warum dann jetzt? Man würde mit dem »Mad Bomber« leben müssen wie mit einer Naturgewalt. Der Attentäter hatte es geschafft, sich eine der mächtigsten und reichsten Städte der Welt zur Geisel zu machen.
Ratlose Ermittler
Die Ermittler waren ähnlich deprimiert und ratlos wie die übrigen New Yorker, auch wenn sie dies niemals öffentlich eingestanden hätten. Die Briefe des Bombenlegers ließen die zum damaligen Zeitpunkt wahrscheinlich modernste Polizeibehörde der Welt zusätzlich verdammt alt aussehen. Er verspottete seine Häscher in aller Öffentlichkeit. Er machte sich über ihre Inkompetenz lustig. Aber sie hatten keinen blassen Schimmer, wie sich dagegen zur Wehr setzen konnten.
Experten für Fingerabdrücke, Schriftanalysen und Bomben hatten sich an dem Fall abgearbeitet, ohne irgendwelche relevanten Ergebnisse zutage zu fördern. Der »Mad Bomber« hatte in all den Jahren keine verwertbaren Spuren zurückgelassen, die zu ihm geführt hätten.
Die traditionellen Methoden der polizeilichen Ermittlungsarbeit hatten auf der ganzen Linie versagt. Die Beamten konnten nur noch auf Kommissar Zufall hoffen. Jemand würde den »Mad Bomber« vielleicht auf frischer Tat überraschen. Ein Nachbar würde den »Mad Bomber« möglicherweise beobachten, wie er eine Bombe präparierte.
Die Polizei von New York begab sich damit auf ein reichlich schmales Brett. Denn die Sprengsätze, die der »Mad Bomber« fertigte, wurden immer gefährlicher. Die zunehmende Verzweiflung aufseiten der Ermittler führte dazu, dass die Behörde für jeden Vorschlag offen war, der auf die Spur eines Tatverdächtigen führte. Hellseher, Astrologen, Paraypsychologen, Wünschelrutengänger – immer nur hereinspaziert beim NYPD. Den Beamten war inzwischen alles egal.
Der Hirnklempner
So reagierte Inspector Howard Finney vom zuständigen Kriminallabor auch keinesfalls abwehrend, als ihm ein befreundeter Kollege den Vorschlag machte, einen Psychiater zu konsultieren. Normalerweise war es vollständig ausgeschlossen, dass solche Leute eine beratende Funktion während einer laufenden Ermittlung übernahmen.
Das waren »Hirnklempner«, wie die damals gängige Sichtweise lautete. Die durften begutachten, ob ein Angeklagter zurechnungsfähig war, ja. Und sie durften einem Irren, den die Polizei auf den Straßen auflas, ein paar Spritzen reinjagen, damit der endlich Ruhe gab. Aber kein Polizist würde sich von einem Psychiater in seine Arbeit reinquatschen lassen. Normalerweise. Doch der »Mad Bomber« hatte längst alle normalen Regeln außer Kraft gesetzt.
So hörte sich Inspector Finney den Vorschlag von Captain Cronin, der die Fahndungsabteilung für vermisste Personen leitete, aufmerksam an. Cronins Hauptargument: Psychiater kannten sich mit Verrückten aus. Und der »Mad Bomber« wurde nun mal gemeinhin – auch von den Ermittlern – für verrückt gehalten.
Ein erfahrener Psychiater konnte doch auf Grundlage der Fakten vielleicht eine genauere Analyse treffen, was mit dem Kerl nicht stimmte. Er konnte klarere Kriterien liefern, nach welchem Typus Mensch die Beamten Ausschau halten sollten. Vielleicht hatten die Ermittler Glück und sie wurden mit dieser präzisen Beschreibung in den vorhandenen Akten von psychisch Kranken fündig.
Dr. James Brussel
Kurzum: Der Psychiater sollte ein Profil des Täters fertigen. Cronin nannte Finney auch sogleich einen konkreten Arzt, an den er sich wenden könne: Dr. James Brussel. Dem Mann seien polizeiliche Ermittlungen nicht gänzlich unbekannt. Er sei nicht nur ein anerkannter Psychiater mit eigener Praxis, sondern habe auch ein Studium in Forensik abgeschlossen.
Brussel habe zudem bei einigen weniger spektakulären Fällen erste Gehversuche in diese Richtung unternommen. Er sei den beteiligten Beamten – darunter auch Cronin selbst – als äußerst scharfsinnig und kompetent in Erinnerung geblieben.
Finney teilte zwar die grundsätzliche Skepsis seiner Kollegen hinsichtlich der Einmischung von Zivilisten in laufende Ermittlungen. Aber als Leiter des Kriminallabors nahm er sich selbst als Mann der Wissenschaft wahr, der sich modernen Entwicklungen nicht verschloss.
Zudem genoss er innerhalb des Polizeiapparats hohe Anerkennung und galt als durchsetzungsfähiger Vorgesetzter. Wenn er den anderen Ermittlern verklickerte, dass nun ein Hirnklempner Teil des Teams war, würden die das schlucken.
Aber das würde nicht geschehen, bevor ihn Dr. Brussels nicht in einem persönlichen Gespräch überzeugt hatte. Wenn sich Brussels dabei als Schwätzer entpuppen sollte, konnte er die Sache gleich abblasen.
Inspector Howard Finney schnappte sich seine Aktentasche und machte sich auf den Weg zu einem Gespräch, das einerseits den Wendepunkt im »Mad Bomber«-Fall brachte, andererseits weltweit die Arbeitsweise aller Mordkommissionen für immer verändern sollte.
Die Geburtsstunde des modernen Profiling
Dr. James Brussel hatte natürlich die Zeitungsberichte über den »Mad Bomber« wie jeder New Yorker interessiert verfolgt. Er hatte sich schon mehr als einmal die Frage gestellt: Was war das für ein Mensch, der solche Anschläge beging? Was versprach er sich davon? Welchem inneren Antrieb gehorchte er? Warum war er so hartnäckig? Doch über Insiderwissen hinsichtlich der Ermittlungen verfügte James Brussel bis dahin nicht. Das sollte sich nun also ändern.
Nervöser Beginn
In seinen Memoiren »Das ungezähmte Böse. Die berühmtesten Fälle des Sherlock Holmes unter den Psychiatern« (Link zu Bücher über George Metesky) erinnerte sich James Brussel noch sehr genau an diese erste Begegnung mit Inspector Howard Finney.
Er sei ungewöhnlich nervös gewesen. Er habe vor dem Gespräch erhebliche Zweifel gehegt, ob er dem NYPD in diesem Fall eine Hilfe sein könne. James Brussel hatte durchaus Zutrauen in seine eigenen Fähigkeiten. Aber ihm war auch bewusst, dass das NYPD in 16 Jahren bestimmt jeden erdenklichen Ermittlungsansatz bereits verfolgt hatte.
Zudem habe ihn Howard Finney durch sein Auftreten eingeschüchtert. Finney und seine beiden Beamten hätten ihn von Anfang an mit abschätzigen Blicken gemustert, so als nähmen sie ihn nicht für voll. Während des Gesprächs habe er mehr als einmal beobachtet, wie die Polizisten mit den Augen gerollt hätten. James Brussel war sich bewusst, dass er die altgedienten Mordermittler nur mit plausiblen Schlussfolgerungen überzeugen konnte. Das würde ein zäher Kampf werden.
Dabei hatte Dr. James Brussel eigentlich kaum Grund für Selbstzweifel. Bevor er seine psychiatrische Praxis eröffnete, war er während des Zweiten Weltkriegs Chef der Neuropsychiatrie in Fort Dix. Im Koreakrieg vertraute man ihm die Leitung der Abteilung für die gesamte Armee an. Während dieser Zeit war er auch als Profiler in der Spionageabwehr für das FBI und den CID tätig. James Brussel hatte in diesem Bereich also bereits praktische Erfahrungen vorzuweisen.
Zudem war ihm wohl nicht ganz klar, wie sehr die Polizei von New York auf frischen Input angewiesen war. Ein Täterprofil existierte bisher allenfalls in Bruchstücken. Dr. James Brussel las sich zunächst einmal gründlich die Zusammenfassung der Ermittlungsakten durch, betrachtete die Tatortfotos und Bekennerschreiben. Dann hörte er sich an, über welche Fähigkeiten der »Mad Bomber« im Bereich Metallverarbeitung und Elektronik nach den Erkenntnissen der Ermittler verfügte.
Das Profil
Auf Grundlage dieser Fakten entwickelte James Brussel ein »Porträt« des Täters, wie er es selber nannte. Heute würde man von einer operativen Fallanalyse sprechen. Seine ersten Schlussfolgerungen bestätigten zunächst nur die Thesen, denen die Ermittler bereits nachgegangen waren:
- Der Täter war wütend auf die Firma Consolidated Edison. Wahrscheinlich handelte es sich um einen ehemaligen Mitarbeiter. Nach den Inhalten der Briefe zu urteilen, hatte der Mann vermutlich einen Arbeitsunfall erlitten und gab dafür dem Unternehmen die Schuld. Seit 1940 hatte er sich auf einen Rachefeldzug begeben, weil Con Edison zuvor seine Ansprüche abgeschmettert hatte.
- Der Attentäter war männlich. Der Grund war simpel. In der Kriminalgeschichte waren bis dato praktisch keine weiblichen Bombenattentäter in Erscheinung getreten.
Paranoia
So weit, so bekannt. Im Folgenden trug James Brussel jedoch Aspekte bei, welche die Ermittler bisher nicht in Erwägung gezogen hatten oder wo es ihnen an dem entsprechenden Fachwissen mangelte. So diagnostizierte der Facharzt: Der »Mad Bomber« war tatsächlich verrückt, und zwar auch im klinischen Sinne.
Medizinisch betrachtet hatte die Polizei es mit einem wachechten Paranoiden zu tun. Der »Mad Bomber« lebte in dem Wahn, Opfer einer gewaltigen Verschwörung zu sein, deren Drahtzieher die Consolidated Edison und alle staatlichen Institutionen seien.
James Brussel erklärte den Beamten in einfachen Worten, welches Krankheitsbild Paranoia umschrieb. Die Krankheit sei durch dauerhafte und unverrückbare Wahnvorstellungen gekennzeichnet, die einen stringenten, logischen Aufbau besäßen – der sich nur leider nicht mit dem decke, was die meisten anderen Mitmenschen als Realität empfänden. Die Erkrankung sei chronisch, entwickle sich aber gewöhnlich eher langsam.
Angesichts des schleichenden Verlaufs der Paranoia sei der Täter zum jetzigen Zeitpunkt vermutlich zwischen 40 und 50 Jahre alt. Der Mann war von durchschnittlicher Größe und kräftiger Statur. James Brussel gab zu, dass er diesen Teil des Profils nicht aus den Fakten geschlussfolgert habe. Die Mehrzahl der Paranoiapatienten würden nun mal diesem äußeren Erscheinungsbild entsprechen.
Kann Kritik nicht ertragen
Der »Mad Bomber« war ein handwerklich geschickter Mensch, der auch in anderen Lebensbereichen äußerst penibel veranlagt sei. Dafür spreche seine Sorgfalt beim Bau der Bomben sowie die akkurate Handschrift. Als Arbeitnehmer war der Junge ein richtiger Prachtbursche. Erschien immer pünktlich zur Arbeit, führte jede Aufgabe, die man ihm auftrug, ohne Widerspruch aus.
Paranoide neigten dazu, von sich selber Perfektion zu verlangen, damit sie erst gar nicht Gefahr liefen, sich Kritik anhören zu müssen. Denn nichts hassten Paranoide mehr als Kritik. Seine Mitmenschen würden den »Mad Bomber« vermutlich als höflich, aber nicht sonderlich freundlich bezeichnen.
Gestelzte Sprache
Der Attentäter war entweder Ausländer oder verbrachte viel Zeit in der Umgebung von Menschen, die im Ausland geboren waren. James Brussel zog diesen Schluss aufgrund der Wortwahl des »Mad Bomber«. Er benutzte ein altmodisches Vokabular, frei von jeglicher zeitgemäßer Umgangssprache. Die Sprache wirkte eigentümlich gestelzt. James Brussel führte dies darauf zurück, dass der Briefeschreiber in einer anderen Muttersprache dachte und seine Gedanken dann in ein recht formell klingendes, vordergründig korrektes Englisch übersetzte.
Der Täter hatte vermutlich einen höheren Schulabschluss, aber nie eine Universität besucht. Die saubere Handschrift sprach für eine längere Schulbildung. Aber die Art und Weise, wie der Mann seine Bomben baute, und sein gestelzter Sprachstil deuteten darauf hin, dass er Autodidakt war.
Der »Mad Bomber« war ethnisch vermutlich slawischer Herkunft und darüber hinaus katholisch. Laut James Brussel griffen Menschen aus Ost- und Zentraleuropa bei Attentaten weitaus häufiger zu Bomben denn zu Schuss- oder Stichwaffen – historisch gesehen. Falls der Täter diesem Kulturraum entstammte, war er aller Wahrscheinlichkeit nach Slawe. Die meisten Slawen wiederum waren katholisch.
Der »Mad Bomber« lebte nach Auffassung von James Brussel nicht in New York selbst, sondern in Connecticut. Einige der Briefe waren im Westchester County abgestempelt worden. Der Bezirk lag genau in der Mitte zwischen den beiden Bundesstaaten. Zudem lebten in Connecticut sehr viele Einwanderer aus Ost- und Mitteleuropa.
Ödipuskomplex
Der »Mad Bomber« litt unter einem Ödipuskomplex. In der Praxis hieß das: Der Mann war Einzelgänger und hatte keine Freunde. Mit Frauen verabredete er sich nicht, wahrscheinlich war er noch nie mit einer intim gewesen. Er war vermutlich unverheiratet und lebte mit einer weiblichen Verwandten zusammen, allerdings nicht seiner Mutter. Die Mutter war aller Voraussicht nach bereits verstorben, und zwar als der »Mad Bomber« noch sehr jung war. Er hatte sie als liebevolle Mutter in Erinnerung und hasste seinen Vater sowie andere Autoritätspersonen.
James Brussel gelangte zu dieser Schlussfolgerung aufgrund der Form der Bomben. Der »Mad Bomber« baute immer »phallische« Rohrbomben. Außerdem sprach aus seiner Sicht das seltsam geformte »W«, das der Täter in seinen Schreiben verwandte, für diese Theorie. »Das W erinnert an zwei weibliche Brüste«, meinte James Brussel.
»Ödipuskomplex«. Bei dem Reizwort schrillten bei Howard Finney und seinen beiden Kollegen die Alarmglocken. Das war genau die Art von Psychologengewäsch, die sie insgeheim befürchtet hatten. Das andere, was Brussel zuvor geäußert hatte, klang alles so seriös und nachvollziehbar, dass sie fast schon vergessen hatten, dass sie einem Psychiater gegenübersaßen. Aber jetzt: »Ödipuskomplex«. »W‘s wie Brüste«. »Phallische Rohrbomben«. Schon klar.
Doch James Brussel beharrte auf seiner Analyse. Trotz der Zweifel der Polizisten war er sich gerade in diesem Punkt sehr sicher, dass er voll ins Schwarze treffen würde. Howard Finney wägte ab, was ihm James Russell geliefert hatte. Insgeheim war er beeindruckt. Etliche der Schlussfolgerungen, die augenscheinlich auf der Hand gelegen hatten, hatten die Beamten bisher nicht auf dem Schirm gehabt. Dieser Psychoheini war tatsächlich gut.
Offensive Öffentlichkeitsarbeit
James Brussel hatte die Eintrittskarte für die Aufnahme in die Ermittlungen gelöst. Er war ab nun Mitglied der Sonderkommission. Die erste Frage, die die Beamten an ihn hatten: Wie sollten sie nun mit dem Profil umgehen? Wie sollten sie es am effektivsten nutzen? James Brussel empfahl ihnen, das Profil an die Medien herauszugeben. Presse, Fernsehen, Radio – je mehr Publicity, umso besser.
Dieses Vorgehen lief jeder Polizeilogik zuwider. Immer so wenig wie möglich herausgeben, um Beweise in der Hinterhand zu behalten, lautete die Devise der Ermittler. Entsprechend defensiv hatten sie ihre Öffentlichkeitsarbeit in diesem Fall betrieben. Zudem stand zu befürchten, dass mehr Berichterstattung auch mehr falsche Bombenalarme und Geständnisse zur Folge hätte. Das würde epidemische Ausmaße annehmen und den gesamten Polizeiapparat lahmlegen. Ganz zu schweigen von der zunehmenden Panik unter der Bevölkerung.
Täter provozieren
Dr. James Brussel beharrte auf seinem Standpunkt. Sie sollten das Profil in vollem Umfang an die Medien weitergeben. Der »Mad Bomber« sei süchtig nach öffentlicher Anerkennung. Es ärgere ihn ungemein, dass die Zeitungen seit Jahren seine Briefe ignorierten und der Öffentlichkeit vorenthielten. Wenn er nun auch noch erfahren würde, dass ein Haufen Psychiater sein Hirn einer Ferndiagnose unterzögen, würde ihn das unglaublich fuchsig machen.
Der »Mad Bomber« würde sich begierig auf die Punkte im Profil stürzen, die seiner Meinung nach falsch waren. Er würde sich bei der Polizei oder der Presse melden und diese Dinge klarstellen wollen. Genau hier würde die Falle zuschnappen. Erst verwickelten sie den Täter in eine Kommunikation. Dann gab er immer mehr Informationen über sich preis. Und schließlich würden sie ihn zu fassen bekommen.
Zudem wies James Brussel darauf hin, dass der »Mad Bomber« seiner Einschätzung nach insgeheim den Wunsch hege, geschnappt zu werden. Denn die Anschlagsserie bedeutete auch für ihn Stress, mit dem er ganz alleine klarkommen musste.
Täterprofil in den Medien
Howard Finney grummelte noch etwas in seinen Bart von wegen: Wie sollten sie einen Paranoiden in New York festnageln? Seiner beruflichen Erfahrung nach gehörten gefühlte zwanzig Prozent der Bevölkerung dieser Spezies an. Doch James Brussel setzte sich in der Diskussion durch.
Was hatten die Ermittler schon zu verlieren? Am 25. Dezember 1956 veröffentlichten die New Yorker Zeitungen das Profil unter der Schlagzeile »16-jährige Suche nach einem Verrückten«. Die Beschreibung des mutmaßlichen Täters lautete in der Zusammenfassung:
»Junggeselle, zwischen 40 und 50 Jahre alt, introvertiert. Einzelgänger, aber kein Asozialer. Erfahrener Mechaniker. Schlau. Handwerklich geschickt. Bildet sich etwas auf seine Fähigkeiten als Mechaniker ein. Hat für andere Menschen bloß Verachtung übrig. Reagiert verärgert auf Kritik an seiner Arbeit. Sieht sich selbst als moralisches Vorbild. Ehrlich. Zeigt kein Interesse an Frauen. Höherer Schulabschluss.“
„Experte für militärische oder zivile Sprengmittel. Religiös. Könnte bei der Arbeit zu Wutausbrüchen neigen, wenn man ihn kritisiert. Fühlt sich jedem Kritiker überlegen. Wachsende Verbitterung. Arbeitet momentan für Consolidated Edison oder hat dort in der Vergangenheit gearbeitet. Leidet wahrscheinlich an einer fortschreitenden Paranoia.«
Als das Meeting beendet war und Howard Finney aufbrach, konnte Dr. James Brussel nicht widerstehen, seinem Affen Zucker zu geben. »Noch ein letztes Detail zum Täter«, rief ihnen Brussel hinterher. Der Mann lege Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild, würde stets saubere Kleidung tragen und einen konservativen Stil bevorzugen.
„Und da ist eine weitere Sache, die ich nun ganz deutlich vor meinem inneren Auge erkennen kann“, sagte Dr. James Brussel, als Finney und seine Kollegen bereits in der Tür standen. Brussel schloss die Augen. Jetzt sah er wirklich wie der Scharlatan aus, den die Polizeibeamten erwartet hatten. „Wenn Sie ihn schnappen, wird er mit hundertprozentiger Sicherheit einen zweireihigen Anzug tragen. Und er wird zugeknöpft sein.“ Die Ermittler schauten sich an: Bloß raus hier!
Die Jagd beginnt
Alle großen New Yorker Zeitungen veröffentlichten eine Zusammenfassung des Täterprofils von Dr. James Brussel. Wie sagt man in so einem Fall? Der Artikel schlug ein wie eine Bombe. Inspector Howard Finney hatte es vorhergesagt. Die massive Berichterstattung wirkte wie ein Weckruf für Spinner aller Art.
In den wenigen Tagen bis zum Jahresende explodierte die Zahl der falschen Geständnisse und Fehlalarme in New York. Allein am 28. Dezember registrierte die Polizei 50 Meldungen von angeblichen Bombenfunden, am nächsten Tag nochmals zwanzig weitere.
Die Polizeireviere waren überfüllt mit Leuten, die sich selbst bezichtigten, der gesuchte »Mad Bomber« zu sein. Die Sonderkommission hatte wohlweislich an die Presse keine detaillierten Darstellungen der Rohrbomben weitergereicht. Als die reuigen Sünderlein vorführen sollten, wie sie die Sprengsätze gefertigt hatten, rasselten sie ausnahmslos alle durch die Aufnahmeprüfung.
Zu den Geständigen gesellten sich Scharen von hilfsbereiten Bürgern, die ihre Kollegen, Nachbarn oder Freunde verpfiffen. Jeder kannte irgendjemanden, der dem Täterprofil ähnelte. Und nach der Lektüre des Artikels waren die Leute felsenfest davon überzeugt, dass diese Person der gesuchte »Mad Bomber« war. Die Belohnung von 26.000 US-Dollar mochte ihr Übriges zur plötzlichen Erkenntnis beitragen.
Der verrückte Katzenmann
Da war zum Beispiel ein älterer Mann von der Upper West Side, der sich bei der Polizei meldete und die Beamten über einen polnischen Nachbarn in Kenntnis setzte. Der Nachbar lebe bei seiner Tante und hantiere häufiger mit Metall herum. Er verließe zu ungewöhnlichen Zeiten das Haus und schleppe häufiger Pakete mit sich herum, die eigentümliche Formen hätten.
Die Beamten befragten den verdächtigen Nachbarn. Es stellte sich heraus, dass der Mann ein aufstrebender Bildhauer war, der seine modernen Plastiken auf den Straßen des Greenwich Village verkaufte.
Ein anderer Zeuge informierte die Polizei über einen exzentrischen Kumpel, den er aus Army-Zeiten kannte. Der Mann sei beim Militär Sprengstoffexperte gewesen und habe früher für Con Edison gearbeitet. In seiner Freizeit füttere er umherstreunende Katzen. Sei das nicht verrückt? Die Polizei beschattete den geheimnisvollen Katzenfütterer ein paar Tage lang. Ergebnis der Observation: Der Mann mochte für sein Leben gerne Katzen. Mehr war da nicht.
Der Fußfetischist
Ein Pendler aus Darien (Connecticut) erzählte der Polizei von einem Nachbarn. Der Mann habe für Consolidated Edison gearbeitet und sei darüber hinaus einige Zeit in einer psychiatrischen Klinik wegen Verfolgungswahn behandelt worden. Der Mann sei ein fähiger Mechaniker und lebe mit einer älteren Frau zusammen – seiner zehn Jahre älteren Gattin. Der letzte Fakt entsprach nicht dem Profil, aber der Rest klang in der Tat vielversprechend.
Die Ermittler fragten Dr. Brussel nach seiner Einschätzung. Er wolle nicht ausschließen, dass die Beziehung zu einer älteren Ehefrau ebenfalls auf einen ödipalen Komplex hindeuten könne. Zudem berichtete der Zeuge, dass er den fraglichen Mann häufig mit einem blauen Koffer beobachtet habe. Den habe er immer mit sich geführt, wenn er nach New York gefahren sei.
Seit Jahren habe er schon vergeblich versucht herauszubekommen, was der Nachbar in diesem mysteriösen blauen Koffer verstecke. Nachdem er den Bericht über den »Mad Bomber« in der Zeitung gelesen habe, sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen.
Die Polizei stellte dem Verdächtigen nach und erwischte ihn mit dem blauen Koffer in flagranti. Die Beamten ließen sich den Kofferinhalt zeigen. Der Mann präsentierte ihnen ein Paar hochhackiger Damenschuhe. Er war Fußfetischist und suchte regelmäßig Prostituierte in New York auf, um seiner Passion zu frönen.
Auch Dr. James Brussel ging einer falschen Fährte auf den Leim. Ein Kollege erzählte ihm von einem Patienten, der einen irrationalen Hass gegen die Firma Con Edison empfinde. Brussel besorgte sich die Krankenakte. Der Mann stimmte in vielen Punkten mit dem Profil überein. Nur ein entscheidendes Detail passte nicht. Der Verdächtige besaß für einige Anschläge ein wasserdichtes Alibi. Denn da saß er in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Anstalt.
»Hier ist F.P.«
Die Sonderkommission fischte im Trüben und kam dem »Mad Bomber« kein Stück näher. Das erledigte der Täter dann selbst. Er meldete sich kurzerhand persönlich bei Dr. Brussel und machte ihm gleich klar, was für ein gerissener Bursche er war. Denn er rief Brussel auf einem Apparat an, dessen Nummer in keinem einzigen öffentlichen Verzeichnis auftauchte.
»Hallo?«, fragte der verdutzte Dr. Brussel.
»Spreche ich mit Dr. Brussel, dem Psychiater?«
»Ja, hier spricht Dr. Brussel.«
»Hier ist F.P. Halten Sie sich aus dem Fall raus oder Sie werden es bereuen.« Sprach‘s und hängte im nächsten Moment schon wieder auf.
Brussel wusste, dass er mit dem wirklichen Täter gesprochen hatte. Die Zeitungen hatten das Kürzel »F.P.«, mit dem er seine Briefe seit 1940 immer signiert hatte, in keinem Artikel erwähnt. Brussel wertete das Telefonat als positives Zeichen. Der »Mad Bomber« war überheblich. Er wollte jedem beweisen, wie clever er war. Genau diese Arroganz würde ihm eines nicht mehr allzu fernen Tages zum Verhängnis werden, war Brussel überzeugt.
Zeit der Verständigung
Am Tag nach der Veröffentlichung des Täterprofils legte die Polizei nach. Sie hatte die Zeitung »New York Journal« dazu überreden können, einen Artikel aufzunehmen, der den »Mad Bomber« dazu drängte, sich den Behörden zu stellen. Der Text war in enger Absprache mit Dr. James Brussel entstanden. Der Verfasser versprach dem Attentäter ein faires Verfahren, in dem er auch die Gründe für seine Anschlagsserie öffentlich machen dürfe.
Der Attentäter schrieb tatsächlich gleich am folgenden Tag zurück. Er würde sich nicht freiwillig stellen. Aber er verspüre nach wie vor das Verlangen, Consolidated Edison vor Gericht zu bringen. Um der Zeitung und der Polizei zu demonstrieren, dass er ihre Geste zu schätzen wusste, listete er alle Bombenverstecke auf, die er 1956 genutzt hatte. Ihn treibe die Sorge um, so der „Mad Bomber“, dass die Polizei noch nicht alle Sprengsätze entschärft habe.
Das Schreiben beendete er wörtlich wie folgt: »Meine Tage auf Erden sind gezählt. Den Großteil meines Erwachsenenlebens habe ich im Bett verbracht. Mein einziger Trost ist, dass ich die heimtückischen Anschläge auf mich vergelten kann – auch noch aus meinem Grab.«
Die Polizei nahm einige kleinere Änderungen an Meteskys Brief vor und gab ihn dann zur Veröffentlichung frei. Der Brief wurde am 10. Januar 1957 abgedruckt. Dem Artikel war die Bitte an den Verfasser angefügt, ihnen mehr über seine körperlichen Beschwerden mitzuteilen.
Ein Arbeitsunfall mit Folgen
Der „Mad Bomber“ ging auf das Spiel ein. Sein nächster Brief enthielt Details über die Zusammensetzung der Bomben. Er gab zum Beispiel an, dass er das Schießpulver für Pistolen dem für Gewehre vorziehen würde, weil es mehr Sprengkraft besäße. Er versprach zudem eine »Waffenpause« bis mindestens zum 1. März 1957. Dann äußerte er sich zu den Ereignissen, die bei Con Edison vorgefallen waren.
Er habe einen Arbeitsunfall erlitten und sei seitdem vollständig arbeitsunfähig geschrieben. »Wenn ein Autofahrer einen Hund anfährt, muss er den Unfall melden. Nicht so, wenn sich ein Arbeiter verletzt. Der wird offensichtlich geringer eingestuft als ein Hund. Ich habe mich mit meiner Geschichte an die Presse gewendet. Nicht nur an eine Zeitung, sondern an hunderte. Ich habe unzählige Worte geschrieben (es waren um die 800.000). Niemand hat das gekümmert. Ich hatte mir vorgenommen, dieses hinterhältige Handeln offenzulegen. Dann blieb mir viel Zeit nachzudenken. Ich entschied mich für die Bomben.«
Der zweite Brief ging am 15. Januar 1957 in Druck. Der Artikelverfasser forderte den »Mad Bomber« auf, weitere Details zu dem Arbeitsunfall und dem anschließenden Prozess zu benennen. Man könne dafür sorgen, dass der Fall neu aufgerollt würde und er endlich ein faires Verfahren bekomme.
Der »Mad Bomber« macht einen entscheidenden Fehler
Der Attentäter schrieb am 19. Januar zurück. Er beschwerte sich darin, dass man ihn zum Zeitpunkt des Unfalls stundenlang auf dem kalten Betonboden habe liegen lassen, ohne Erste Hilfe zu leisten. Er habe deswegen eine Lungenentzündung davongetragen, die sich in der Folge zu einer Tuberkulose ausgewachsen habe.
Der Mann lieferte auch Details zum Gerichtsverfahren. Er beklagte, dass seine Kollegen damals »Meineide« zu seinen Ungunsten geschworen hätten. Dann offenbarte der »Mad Bomber« endlich die entscheidende Information, auf die die Ermittler gehofft hatten. Er nannte das konkrete Datum, an dem sich der Arbeitsunfall ereignet hatte: der 5. September 1931. Der Attentäter hatte darauf spekuliert, dass ein Stromriese wie Con Edison viel zu borniert sei, um Akten von einem 25 Jahren alten Vorfall noch aufzubewahren.
Der Brief, der schließlich zur Verhaftung führte
Der Schreiber deutete zudem an, dass er bereit wäre, sich zu stellen, wenn er die Chance auf ein neues Verfahren bekäme. Doch er müsse Rücksicht auf seine Familie nehmen. Sie wäre für immer gebrandmarkt, wenn herauskäme, was er angestellt habe.
Er dankte der Zeitung ausdrücklich dafür, dass sie seinen Fall nun der Öffentlichkeit bekannt gemacht habe. Er sähe infolgedessen in Zukunft von weiteren Anschlägen ab. Der Brief wurde am Dienstag, dem 22. Januar, abgedruckt – einen Tag nachdem man den »Mad Bomber« endlich nach all den Jahren dingfest gemacht hatte.
George Metesky
Seit dem Dezember 1956 hatte Consolidated Edison mehrere Mitarbeiter der Verwaltung abgestellt, damit diese der Sonderkommission des NYPD zuarbeiteten. Sie durchforsteten alle Aktenbeständen nach ehemaligen Angestellten, die dem Konzern in der Vergangenheit Ärger bereitet hatten. Die Aufgabe war anspruchsvoll. Denn der Stromriese war erst durch die Fusion und Übernahme zahlreicher kleinerer Betriebe Ende der 1920er, Anfang der 1930er entstanden.
Alle Akten, die nach dem Zusammenschluss angelegt worden waren, waren sorgfältig geführt und in erstklassigem Zustand. Die Dokumente, die zuvor entstanden waren, gehorchten keinem einheitlichen Ordnungssystem. Die Sachbearbeiter mussten sich mühsam durch diesen Wust an Unterlagen durchkämpfen. Denn das Profil von Dr. Brussel wies explizit darauf hin, dass der »Mad Bomber« vermutlich genau in jenen Jahren der Fusion bei Con Edison angestellt war und für einen der kleineren Betrieb gearbeitet hatte.
George P. Metesky aus Waterbury, Connecticut
Eine Sachbearbeiterin namens Alice Kelly stieß am 18. Januar 1957 im Stapel dieser Papiere auf eine Akte über einen ehemaligen Angestellten namens George P. Metesky aus Waterbury, Connecticut. Auf dem Dokument waren zwei Begriffe rot markiert: »Ungerechtigkeit« und »arbeitsunfähig«. Diese Worte waren Alice Kelly auch in dem an Weihnachten veröffentlichten Täterprofil aufgefallen.
Der Mann war zwischen 1929 und 1931 bei der United Electric & Power Company beschäftigt gewesen, eine der kleinen Firmen, die vom Stromkonzern geschluckt worden waren. George Metesky war nach einem Arbeitsunfall am 5. September 1931 an Tuberkulose erkrankt. Er hatte deshalb finanzielle Entschädigung von Con Edison eingefordert, konnte seine Ansprüche aber nicht ausreichend belegen.
Nach dem abschlägigen Bescheid hatte George Metesky mehrere bitterböse Briefe an das Unternehmen verfasst. In einem der Schreiben drohte er mit Vergeltung. Er verwendete dabei eine Formulierung, wie sie für den »Mad Bomber« typisch war: Con Edison würde noch für seine »heimtückischen Taten« büßen. Gegen 17.00 Uhr verständigte Alice Kelly an diesem 18. Januar 1957 die New Yorker Polizei über ihren Fund.
Ein Hinweis unter vielen
Die Sonderkommission behandelte die Meldung von Alice Kelly zunächst nur als einen Hinweis unter vielen. Sie setzten aber die Kollegen in Waterbury darüber in Kenntnis und baten sie, den Mann diskret zu überprüfen. Seine Adresse lautete: 17 Fourth Street. Die Polizisten befragten Nachbarn des Verdächtigen. Übereinstimmender Tenor: Die Leute wussten nicht, was sie von George Metesky halten sollten.
George Metesky bewohnte das Haus in der 17 Fourth Street mit zwei unverheirateten Schwestern. Die drei Meteskys lebten sehr zurückgezogen. George Metesky verhielt sich zwar stets höflich und legte Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild, aber er wahrte Distanz. Niemand wusste etwas Persönliches über den Mann zu berichten. Den Nachbarn war zudem ein Rätsel, wie er seinen Lebensunterhalt verdiente. Denn George Metesky ging offensichtlich keiner geregelten Arbeit nach.
Das Haus, in dem George Metesky mit seinen Schwestern lebte
Das verrückte Haus
Die Kinder der Nachbarschaft fürchteten sich vor dem exzentrischen Typen. Sie nannten 17 Fourth Street nur das »verrückte Haus«. Allerdings gab es keinerlei Hinweise darauf, dass dort tatsächlich irgendwelche seltsamen Dinge vor sich gingen. Den Spitznamen verdankte das Gebäude wohl ausschließlich der Fantasie der Kinder.
Einige Anwohner erzählten, dass George Metesky häufiger nach New York fuhr. Sie hatten mitbekommen, dass er dort unter anderem den Gottesdienst in der St. Patrick-Kirche besuchte, aber das erklärte nicht die Vielzahl seiner übrigen Fahrten. Andere Nachbarn fragten sich, was er die ganze Zeit in seinem kleinen Holzschuppen trieb, in dem er eine Werkstatt eingerichtet hatte.
Etwa um Weihnachten herum war den Menschen aus der Fourth Street eine Veränderung an George Metesky aufgefallen. Plötzlich war der einsilbige Nachbar freundlich zu seinen Mitmenschen, ja, regelrecht gesprächig. Er reparierte einem Jungen aus der Nachbarschaft sogar sein kaputtes Modellflugzeug.
Das schien bei den anderen Kindern mächtig Eindruck hinterlassen zu haben. George Metesky galt nun nicht mehr länger als bekloppter Kauz, sondern als ein freundlicher, älterer Herr von nebenan. Auch die Erwachsenen fragten sich, ob sie den Mann all die Jahre vielleicht falsch eingeschätzt hatten.
Volltreffer
Am 21. Januar 1957 trudelte dann der Brief von George Metesky ein, in dem er das präzise Datum seines Arbeitsunfalls erwähnte. Großer Fehler. Ein Beamter der Sonderkommission erinnerte sich sofort an den Hinweis von Alice Kelly, der erst drei Tage zuvor eingetroffen war. Das Datum war identisch.
Aber wer weiß: Vielleicht wollte George Metesky auch gefasst werden, wie es James Brussel prognostiziert hatte. Sein verändertes, gelöstes Verhalten nach Weihnachten deutete zumindest darauf hin. Endlich schenkte ihm die Öffentlichkeit Gehör – damit war der Zweck, den er mit seinen Anschlägen verfolgt hatte, erfüllt.
Am Montag, dem 21. Januar 1957, begaben sich vier Kriminalbeamte des NYPD zusammen mit Kollegen der örtlichen Polizei kurz vor Mitternacht zum Haus in der 17 Fourth Street in Waterbury. Sie hatten einen Haftbefehl und einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss in der Tasche. George Metesky, lediglich im Bademantel bekleidet, öffnete den Beamten die Haustür. Er verhielt sich freundlich und kooperativ.
Fair Play
Die Polizisten baten George Metesky um eine Schriftprobe. Während er schrieb, blickte er auf und sah den Beamten direkt in die Augen: »Ich weiß, warum ihr Burschen hier seid. Ihr denkt, ich sei der Mad Bomber.« Einer der Beamten konterte, weshalb Metesky denn dann seine Briefe immer mit »F.P.« signiert habe. Das seien ja schließlich nicht seine Initialen. »F.P. steht für Fair Play«, antwortete Metesky.
Anschließend führte George Metesky die Ermittler auf seinem Grundstück herum. Er zeigte ihnen seinen Schuppen, in dem eine Drehbank stand. Im Haus stießen die Beamten auf Rohre und Verbindungsstücke, die Metesky in der Speisekammer versteckt hatte.
Zudem entdeckten sie drei billige Taschenuhren, Batterien für Taschenlampen, Elektroklemmen aus Messing und einen Packen Wollsocken. Alle Gegenstände entsprachen exakt den Einzelteilen, die der »Mad Bomber« für den Bau seiner Sprengsätze benutzt hatte.
Die Polizei forderte George Metesky auf, sich anuziehen. Er würde sie zur Wache begleiten müssen. Er war verhaftet. Der freundliche, ältere Herr kam der Aufforderung nach und kehrte im Anzug zurück – ein Zweireiher, zugeknöpft.
Die Polizei verhaftet den „Mad Bomber“ – im Zweireiher
Das Verhör von George Metesky
Im Verlauf des Verhörs gingen die Ermittler mit George Metesky eine Liste von 32 bekannten Anschlägen durch, die sie dem »Mad Bomber« zurechneten. Metesky erinnerte sich exakt an jedes einzelne Attentat. Er nannte das präzise Datum, das genaue Versteck und die Beschaffenheit der jeweiligen Rohrbombe. Allerdings sprach er immer bloß von »Bauteilen«, die er platziert habe. Das Wort »Bombe« nahm er kein einziges Mal in den Mund.
Zur Überraschung der Beamten gab George Metesky zu, fünfzehn weitere Sprengkörper gelegt zu haben. Diese Bomben habe er allesamt vor 1951 in Gebäuden versteckt, die zu Con Edison gehörten. Nachdem die Zeitungen darüber aber nicht berichtet hätten, habe er sich darauf verlegt, die Sprengsätze an öffentlichen, stark frequentierten Bereichen anzubringen. Er habe keine andere Möglichkeit gesehen, auf sein Anliegen hinzuweisen. Offensichtlich waren die 15 Bomben entweder niemals entdeckt oder aber zumindest nicht gemeldet worden. Vielleicht fürchtete Con Edison ja die schlechte Publicity.

Der Stromriese mauert
Das Verhalten des Stromkonzerns während der polizeilichen Untersuchungen sprach jedenfalls dafür. Natürlich versuchten die Beamten des NYPD im Nachlauf des Ermittlungsverfahrens herauszubekommen, woran es gelegen hatte, dass sie den »Mad Bombe« so viele Jahre vergeblich gejagt hatten. Ein wichtiger Grund war, dass Consolidated Edison über Jahre hinweg behauptet hatte, dass die Aufzeichnungen bezüglich Mitarbeitern, die vor 1940 entlassen wurden, längst vernichtet worden seien.
Dass diese Akten sehr wohl noch existierten, erfuhren die Beamten erst am 14. Januar 1957 durch einen Insidertipp. Das NYPD verlangte sofortigen Zugang zu den Dokumenten. Doch der Konzern mauerte weiterhin. Man berief sich darauf, dass es sich um vertrauliche Papiere handele.
Eine Herausgabe der Unterlagen könne gegen geltendes Recht verstoßen. Diese Frage müsse erst die Rechtsabteilung des Unternehmens klären, bevor man der Polizei Einblick in die Akten gewähren könne. Später bezeichnete der Vorstandssprecher von Consolidated Edison diese Darstellung seitens des NYPD als ein »Missverständnis«.
Zum Glück hatte sich eine fähige Mitarbeiterin des Konzerns über diese Bedenken hinweggesetzt, den entscheidenden Hinweis geliefert und damit möglicherweise größeres Unheil abgewendet. Denn die Ermittler stießen bei der Hausdurchsuchung auf Bauteile einer Bombe, die an Sprengkraft alles übertroffen hätte, was der »Mad Bomber« bisher zum Einsatz gebracht hatte.
Als man George Metesky nach dem Verwendungszweck befragte, äußerte er, dass er die Bombe im New York Coliseum, dem internationalen Kongresszentrum, habe verstecken wollen. Spätestens dann hätten die Medien in aller Welt über den »Mad Bomber« berichtet.
George Metesky: Lebenslauf
George Metesky war 1903 geboren und diente nach dem Ersten Weltkrieg bei den U.S. Marines. Dort machte er eine Ausbildung zum Elektriker. Nach Ende der Militärzeit kehrte er in seine Heimatstadt Waterbury zurück und nahm einen Job als Mechaniker bei einer Tochterfirma des Energiekonzerns Consolidated Edison an. Bereits zu dieser Zeit lebte der ledige Metesky mit seinen beiden ebenfalls unverheirateten Schwestern zusammen.
1931 arbeitete George Metesky als Maschinist an einem Generator im New Yorker Stadtteil Hell Gate. Eines Tages stand er just neben einem Heizkessel, als dieser infolge einer Fehlzündung einen Strahl heißer Gase ausstieß. Der Strahl war so stark, dass er Metesky zu Boden riss und ihm Verbrennungen zufügte. Zudem atmete er die heißen Dämpfe ein. George Metesky war ein halbes Jahr arbeitsunfähig geschrieben und kassierte in dieser Zeit Krankengeld. Nach 26 Wochen Krankschreibung kündigte ihm sein Arbeitgeber Consolidated Edison.
Ausgetrickst
Wie es George Metesky bereits zuvor in den Briefen beschrieben hatte, erkrankte er zunächst an einer Lungenentzündung, die sich anschließend zu einer chronischen Tuberkulose auswuchs. Metesky betrachtete die Erkrankung als unmittelbare Folge seines Arbeitsunfalls. Sein ehemaliger Arbeitgeber bestritt diesen Zusammenhang und verweigerte die Auszahlung einer Unfallversicherung.
Laut den Anwälten der Firma hatte George Metesky ohnehin die Frist für einen ordnungsgemäßen Antrag versäumt, um in den Genuss der Versicherungssumme zu kommen. Metesky wehrte sich gegen diese Entscheidung vor Gericht. Seine Klage wurde aber dreimal abgewiesen, zuletzt 1936.
George Metesky fühlte sich ungerecht behandelt – ausgetrickst von cleveren Anwälten, über den Tisch gezogen von einem mächtigen Konzern. So war er beispielsweise überzeugt, dass Consolidated Edison drei ehemalige Kollegen, die vor Gericht gegen ihn ausgesagt hatten, entweder massiv unter Druck gesetzt oder aber mit Bestechungsgeldern geschmiert hatte.
Er witterte einen groß angelegten Komplott, dem er zum Opfer gefallen war. Der Gedanke an eine Verschwörung entwickelte seine Eigendynamik. Nach einigen Jahren litt Metesky an ernsthaftem Verfolgungswahn, wie die psychiatrischen Gutachter bestätigten.
Der Prozess gegen George Metesky
Die Festnahme und das Geständnis von George Metesky hätten Alice Kelly eigentlich zur wohlhabenden Frau machen müssen. Sie hatte den entscheidenden Tipp gegeben und deshalb Anspruch auf die stattliche Belohnung von 26.000 US-Dollar – inflationsbereinigt eine knappe Viertelmillion Dollar. Doch es kam anders.
Nach der Verhaftung hieß es in den Ermittlungsakten, dass der Hinweis einem New Yorker Polizeibeamten zu verdanken sei. Das war schön für die Behörden. Es bedeutete nämlich, dass sie kein Geld auszuzahlen brauchten. Erst später, als das NYPD eine Untersuchung in Gang setzte, wer die Belohnung verdient hatte, stellte sich heraus, dass Alice Kelly, einer Mitarbeiterin von Con Edison, dieser Verdienst gebührte.
Keiner will die Belohnung
Die Polizei entschuldigte sich und sprach von einem Missverständnis. Im ursprünglichen Bericht habe es geheißen, dass ein Beamter des NYPD die betreffende Akte zu Metesky am Montag, dem 21. Januar 1957, besorgt habe – besorgt im Sinne von »abgeholt« aus dem Büro von Con Edison. In den weiteren Berichten, die danach entstanden, sei diese Bemerkung aber fehlinterpretiert worden. Man sei davon ausgegangen, dass der Beamte den Hinweis auch tatsächlich beschafft habe, sprich selbstständig in dem Aktenwust gefunden habe.
Also sprach man Alice Kelly letzten Endes das Geld dann doch zu. Die Begünstigte wollte nun aber gar nichts von der Belohnung wissen. Sie habe lediglich ihre Arbeit getan, äußerte sie. Ein Vorbild an Bescheidenheit, dem der Vorstand von Consolidated Edison nicht nachstehen wollte. Der Vorstand der Firma lehnte gleichfalls die Belohnung ab.
Da dürfte aber auch eine Rolle gespielt haben, dass die Polizei sich zuvor öffentlich beschwert hatte, dass der Stromkonzern die Ermittlungen behindert und damit die Festnahme verzögert habe. Man stelle sich vor, Con Edison hätte nun auch noch Geld dafür entgegengenommen. Da musste man kein Prophet sein, um vorherzusagen, was die Presse aus dieser Geschichte machen würde.
Einige Kapitalanleger, die Aktienpakete des Unternehmens hielten, hatten weniger Skrupel. Sie reichten Klage ein und verlangten, dass der Betrag der Firma gutgeschrieben würde, auch entgegen dem Vorstandswunsch. Was aus dieser Klage wurde, ist mir leider nicht bekannt.
Erfolg für James Brussel
Der Fall »Mad Bomber« kannte jedoch einen klaren Gewinner: Dr. James Brussel. Jeder Punkt seines Täterprofils hatte voll in Schwarze getroffen. Der Erfolg seiner Methode und die öffentliche Berichterstattung darüber bedeuteten, dass er in den nächsten Jahren bei zahlreichen weiteren Kriminalfällen als Berater fungierte wie etwa bei den Morden an Emily Hoffert and Janice Wylie (»Career Girls Murders«), dem Mordfall Carmela Coppolino oder dem sogenannten »Sonntags-Bomber«. Das berühmteste Verbrechen, in dem James Brussel als Profiler zum Einsatz kam, war sicherlich die Suche nach dem »Boston Strangler« Albert DeSalvo.
Nicht immer war Brussel dabei der gleiche Erfolg beschieden wie im Fall »Mad Bomber«. Dennoch hinterließ James Brussel, als er 1972 in den Ruhestand trat, der Kriminalistik ein Vermächtnis. Er hatte der Ermittlungsarbeit eine neue Facette hinzugefügt, die heute zum festen Bestandteil moderner Polizeiarbeit zählt.
Was geschah mit George Metesky?
Der Fall George Metesky gelangte im April 1957 zu einer Anhörung vor einer Grand Jury, die darüber entscheiden musste, ob die vorgelegten Beweise reichten, um ein Verfahren zu eröffnen. Insgesamt 35 Zeugen sagten aus, darunter auch die Opfer der Anschläge. George Metesky selbst gestand 32 Bombenanschläge ein. Von ursprünglich 47 Anklagepunkten wurden im Endeffekt sieben zugelassen, bei denen es sich allerdings um die gravierendsten handelte. Metesky musste sich wegen Mordversuchs in sieben Fällen vor Gericht verantworten.
Zu Beginn des Prozesses bat der zuständige Richter Samuel S. Liebowitz die psychiatrischen Sachverständigen um ihr Gutachten. George Metesky hatte sich in den zurückliegenden Monaten zahlreichen psychiatrischen Untersuchungen unterziehen müssen. Nach Anhörung der Experten erklärte Richter Liebowitz den Angeklagten für unzurechnungsfähig.
Die Gutachten stimmten darin überein, dass George Metesky an paranoider Schizophrenie leide, sprich Wahnvorstellungen und Halluzinationen, zudem an unheilbarer Tuberkulose. Der Mann sei weder geistig noch körperlich in der Lage, sich einem Gerichtsverfahren zu stellen. Auf Anordnung des Gerichts wurde George Metesky am 18. April 1957 in die Anstalt Matteawan eingewiesen, einer forensischen Klinik in Beacon (New York).
George Metesky in Haft
Forensische Klinik Matteawan
Als George Metesky in die Klinik eingeliefert wurde, hatte sich sein Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert. Schuld war die fortgeschrittene Tuberkulose. Die Ärzte rechneten damit, dass der Patient nur noch wenige Wochen zu leben hatte. Wie durch ein Wunder erholte sich Metesky dank der Behandlung in der Klinik wieder.
Vielleicht trug zu seiner Genesung auch bei, dass die Zeitschrift »Journal American« ihr Versprechen wahr machte, das sie Metesky gegeben hatte, und einen neuen Prozess wegen des Arbeitsunfalls von 1931 anstrebte. Die Anwälte, die die Zeitschrift angeheuert hatte, reichten Klage gegen Con Edison ein.
Sie argumentierten, George Metesky sei zum damaligen Zeitpunkt bereits geistig unzurechnungsfähig gewesen und habe nicht um seine Rechte gewusst. Die Firma habe diesen Umstand widerrechtlich zu ihren Gunsten ausgenutzt. Die Klage wurde allerdings abgewiesen.
Natürlich unterzog man George Metesky in Matteawan einer psychiatrischen Therapie, auf die er jedoch nicht ansprach. Er glaubte, seine behandelnden Ärzte seien Teil einer Verschwörung. Ansonsten verhielt sich Metesky in der forensischen Klinik stets wie ein Vorzeigepatient und verursachte keinerlei Probleme. Seine Schwestern besuchten ihn regelmäßig. Gelegentlich kam auch Dr. Brussel auf einen Sprung vorbei, wenn er in der Klinik zu tun hatte.
James Brussel fand den Patienten gesprächig und durchaus charmant. Metesky betonte gegenüber Brussel, dass er seine Bomben absichtlich so konzipiert habe, dass niemand getötet wurde. Einmal fragte Dr. Brussel Metesky ganz direkt, ob er selber glaube, verrückt zu sein. George Metesky lächelte lediglich und antwortete nicht.
Entlassung
Im 1973 entschied der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, dass ein psychisch Kranker nicht ohne Verurteilung durch ein Geschworenengericht in einer Einrichtung des Justizvollzugssystems eingesperrt werden könne. Bei der forensischen Klinik in Matteawan handelte es sich um genau solch eine Einrichtung. Hier saßen ausschließlich Straftäter ein. So überführte man George Metesky, der ja formal nie für seine Taten verurteilt worden war, in das Creed Psychiatric Center, einer gewöhnlichen psychiatrischen Klinik.
Dort stellten die behandelnden Ärzte fest, dass von dem Patienten keinerlei Bedrohung ausginge. Für die Vergehen, derer Metesky angeklagt war, betrug die gesetzlich zulässige Höchststrafe 25 Jahre. Metesky hatte davon bereits zwei Drittel in Matteawan abgesessen.
Dieser Umstand und die günstige Prognose bewegten die Ärzte schließlich dazu, George Metesky am 13. Dezember 1973 aus der Klinik zu entlassen. Die einzige Auflage, die Metesky erfüllen musste: Er hatte sich regelmäßig bei einer Klinik in der Nähe seines Wohnortes zu melden und dort untersuchen zu lassen.
George Metesky am 12. Dezember 1973
George Metesky kehrte in seine Heimatstadt Waterbury zurück. Ein Reporter stöberte ihn hier nach seiner Entlassung auf und führte ein Interview mit ihm. Metesky äußerte zwar, dass er inzwischen der Gewalt vollkommen abgeschworen habe. Aber gleichzeitig erklärte er auch, dass er nach wie vor Wut auf Consolidated Edison verspüre.
Dennoch ließ er sich nie wieder etwas zuschulden kommen. Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte George Metesky völlig zurückgezogen in Waterbury, bevor er 1994 im Alter von 90 Jahren verstarb. Die Zeitungen nahmen keinerlei Notiz von seinem Tod.
Nachahmer
George Metesky selbst geriet in Vergessenheit, aber dafür fanden seine Taten Nachahmer. Die Ermittler gehen davon aus, dass sowohl der »Unabomber« Ted Kaczynski als auch der Bombenattentäter Sam Melville und der Zodiac Killer sich den »Mad Bomber« zum Vorbild nahmen. Der Zodiac Killer beeinflusste vermutlich wiederum den »Son of Sam«-Killer David Berkowitz. Berkowitz und Melville sollten in den 1960ern und 1970ern neues Ungemach über New York und seine Bewohner bringen. George Metesky warf lange Schatten über die Millionenmetropole.
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