John List: Blutbad im Herrenhaus von Westfield

Seit einem Monat brannte ununterbrochen das Licht in „Breeze Knoll“, einem viktorianischen Herrenhaus in Westfield, New Jersey. Die dreistöckige Villa mit 19 Zimmern in der 431 Hillside Avenue galt als das teuerste Gebäude in der Nachbarschaft. Der Prachtbau verfügte gar über einen eigenen Tanzsaal.

Doch die Bewohner des Hauses, die Familie List, waren angeblich bereits seit längerem nach North Carolina verreist. Ab und an hielt ein fremder Wagen in der Auffahrt, war aber nach kurzer Zeit wieder verschwunden. Warum brannte also Tag und Nacht das Licht, fragte sich eine Nachbarin, ohne dass man die Bewohner zu Gesicht bekam?

Inhaltsverzeichnis

Eine düstere Prophezeiung

Der fremde Wagen in der Auffahrt, den die Nachbarin beobachtet hatte, gehörte Ed Illiano. Der Leiter eines Theaterkurses unterrichtete Patricia List, die 16-jährige Tochter des Hauses. Patricia hatte vor einigen Wochen eine seltsame Bemerkung geäußert. Ihr Vater würde Illiano vielleicht in naher Zukunft kontaktieren. Er würde behaupten, Patricia könne nicht zum Kurs erscheinen, weil die Familie eine längere Urlaubsreise antrete. Falls das passiere, solle Illiano sogleich die Polizei verständigen. Der Lehrer hatte die kuriose Bemerkung zunächst nicht ernst genommen.

Am 9. November 1971 erhielt er jedoch tatsächlich ein solches Entschuldigungsschreiben von John List, dem Vater seiner Schülerin. Die Familie müsse sich um seine schwer kranke Schwiegermutter in North Carolina kümmern. Patricia könne daher nicht zum Unterricht erscheinen. Am folgenden Tag war Illiano zum Anwesen der Lists gefahren.

Als er das voll erleuchtete Anwesen sah, war er jedoch gleich wieder umgekehrt. Scheinbar war mit der Familie alles in Ordnung. Doch als sich Patricia in den darauffolgenden Wochen nicht mehr bei ihm meldete, beschlichen ihn erneut Zweifel. Er kehrte mehrfach zum List-Haus in der Hillside Avenue zurück. Aber sein Klingeln an der Haustür blieb jedes Mal unbeantwortet.

Am 7. Dezember 1971 beschlossen Illiano und die Nachbarin fast zeitgleich, aber unabhängig voneinander, die Polizei einzuschalten. Irgendetwas in „Breeze Knoll“ stimmte nicht. Die herbeigerufenen Beamten klingelten, klopften und riefen nach den Bewohnern. Doch niemand meldete sich. Sie gingen um das Haus herum und entdeckten ein unverschlossenes Fenster, durch das sie sich Zutritt zum Hausinneren verschafften.

Vier Leichen im Tanzsaal

Den Beamten fiel zunächst auf, dass das Gebäude scheinbar unbeheizt war. Im Innern war es annähernd so kalt wie draußen. Aus den Lautsprechern der Haussprechanlage tönte unablässig Kirchenmusik. Ansonsten machte das Haus einen verlassenen Eindruck. Die Polizisten bewegten sich vom Esszimmer in die Küche.

Dort bemerkten sie mehrere dunkle Flecken an der Wand. Verwischte Schlieren auf dem schachbrettartigen Linoleumboden. Vollgesogene Handtücher und Zeitungen im Mülleimer. Den Polizisten schwante Übles. Bei der inzwischen getrockneten Flüssigkeit handelte es sich wahrscheinlich um Blut. Jemand hatte versucht, eine große Blutlache aufzuwischen, war aber kläglich gescheitert. Zudem waren Wände und Möbel mit etlichen Kerben versehen, die verdächtig nach Einschusslöchern aussahen.

Die Spuren am Boden führten in die Eingangshalle des Hauses. Dort schoss den Beamten ein scharfer Verwesungsgeruch in die Nase. Sie folgten dem Gestank, der einem angrenzenden Raum entströmte. Sie öffneten die Tür. Das Zimmer war sehr groß und sollte scheinbar einen Tanzsaal darstellen. In einer Saalecke, gleich neben einem kleinen Tisch, lagen vier Leichen. Bei drei Opfern handelte es sich um Teenager – ein Mädchen, zwei Jungen -, die parallel nebeneinander jeweils auf einem Schlafsack lagen. Oberhalb der Köpfe der Kinder lag die Leiche einer erwachsenen Frau quer zu den übrigen Opfern.

Die Abstellkammer

Die Beamten forderten Verstärkung an. Weitere Polizisten rückten an, darunter auch der Gerichtsmediziner des Union County. Die Gesichter der Toten waren jeweils mit einem Geschirrtuch verhüllt. Die blutigen Schleifspuren sprachen dafür, dass keiner von ihnen in diesem Raum gestorben war. Die Körper waren aufgebläht und von Maden übersät. Sie lagen hier offensichtlich bereits seit längerer Zeit.

Die erwachsene Frau war augenscheinlich infolge einer Schussverletzung an der linken Kopfseite gestorben. Ihre Arme waren stark mit Blut bedeckt. Das Nachthemd war bis über den aufgedunsenen Bauch hochgeschoben, ihre Oberschenkel freigelegt. Auch die übrigen Opfer wiesen allesamt Schusswunden auf, trugen jedoch normale Straßenkleidung. Bei zwei Jugendlichen waren die Mäntel sogar noch geschlossen.

Beim dritten Kind war die Winterjacke geöffnet. Am Oberkörper und Kopf waren etliche Schusswunden zu erkennen. Außerdem hatte der Junge Verletzungen davongetragen, die den Gerichtsmediziner auf einen heftigen Kampf schließen ließen. Die anderen Opfer waren durch einen einzelnen Schuss gestorben.

Andere Beamte durchsuchten das Gebäude nach weiteren Opfer. Sie wurden im ausgebauten Dachgeschoss fündig. In einem schmalen Abstellraum neben einer Küche lag eine ältere Frau mit dem Rücken auf dem Boden, die Beine weit gespreizt, die Unterschenkel unter dem übrigen Körper eingeklemmt. Die seltsam verdrehten Beine deuteten darauf hin, dass sie zunächst auf die Knie gesunken und dann rückwärts umgekippt war. Als die Polizisten ihr das Tuch vom Gesicht zogen, bemerkten sie eine Schusswunde über dem linken Auge.

Ein Familiendrama

Die Beamten baten einen Arzt, der in der Nachbarschaft wohnte, die Opfer zu identifizieren. Die drei toten Teenager waren Patricia List (16) sowie ihre Brüder John Jr. (15) und Frederick (13). Bei der erwachsenen Frau neben ihnen handelte es sich um ihre Mutter Helen List (45). Die Tote im Dachgeschoss war zweifelsfrei Helens Schwiegermutter Alma List (85), die dort eine eigene Wohnung bezogen hatte. Nur ein Familienmitglied befand sich nicht unter den Opfern: Hausherr und Familienvater John Emil List (46). Damit hatte die Polizei gleichzeitig einen dringend Tatverdächtigen. Doch die Suche nach ihm sollte sich schwieriger gestalten als zunächst gedacht.

Embed from Getty Images

John List

In einem Raum, der offensichtlich als Arbeitszimmer diente, machten die Ermittler eine weitere wichtige Entdeckung. Auf einem Sekretär lagen mehrere Briefe, die an unterschiedliche Personen adressiert waren, alle auf den 9. November 1971 datiert. Es handelte sich um Kopien von Entschuldigungsschreiben, wie sie List beispielsweise an den Leiter des Theaterkurses, Ed Illiano, verschickt hatte.

Ein loses Blatt enthielt zudem konkrete Anweisungen, wo man den Schlüssel für den Sekretär finden konnte. Die Beamten öffneten den Schrank. In der obersten Schublade waren zwei Pistolen verstaut: eine 9-mm-Halbautomatik der Marke Steyr und ein Colt-Revolver Kaliber .22. Dazu die passende Munition.

In einer weiteren Schublade lagerte ein großer Briefumschlag, der an Eugene A. Rehwinkel adressiert war. Er war Pfarrer der Kirchengemeinde, der die Familie List angehörte. In dem Brief äußerte sich List ausführlich dazu, was am 9. November in „Breeze Knoll“ vorgefallen war. Es war ein Tatgeständnis.

Der Sekretär enthielt darüber hinaus Scheckbücher, Sparbücher, Versicherungspolicen und Steuerunterlagen. Es gab auch eine Art Haushaltsbuch, in dem John List penibel seinen Schuldenstand aufgeführt hatte. Außerdem fünf kürzere Schreiben, adressiert u.a. an seinen Arbeitgeber, in denen er sich zu den Gründen für das Verbrechen äußerte.

Rekonstruktion der Ereignisse

Zusammen mit den zahlreichen Spuren im Haus konnten die Ermittler sich dadurch ein präzises Bild machen, wie die Bluttat im Einzelnen abgelaufen war. Offenbar hatte John List das Verbrechen bereits längere Zeit im Voraus geplant. Er hatte pünktlich zum 10. November die tägliche Belieferung mit Zeitung, Milch und Post abbestellt, ohne dass seine Familie davon etwas ahnte.

Die Kinder verließen am Morgen des 9. November wie üblich das Haus, um zur Schule zu gehen. List begab sich in sein Arbeitszimmer im ersten Stock und wartete zunächst ab. Er hörte, wie seine Frau die Treppe hinunterging, um in der Küche zu frühstücken. Er folgte ihr leise.

Helen List trug noch ihr rotes Satin-Nachthemd und einen Bademantel. Sie saß auf einem Küchenstuhl, aß einen Toast und blickte zum Fenster hinaus. Ihr Mann näherte sich unbemerkt von hinten, zielte mit der Steyr-Halbautomatik auf ihren Kopf und drückte aus einem halben Meter Entfernung ohne Vorwarnung ab.

Vielleicht traf er sie nicht gleich mit dem ersten Schuss. Die Spurensicherung pulte mehrere Projektile aus der Wand hinter dem Tisch. Ein Querschläger war bis in den Nebenraum geprallt. Möglicherweise war John List bei seinem ersten Mord aber auch so nervös, dass er unnötigerweise weitere Patronen abfeuerte, obwohl seine Frau bereits tot war.

Denn Helen List starb, als sie noch auf dem Stuhl saß. Sie schlug mit dem Kopf auf den Tisch, fiel auf den Boden und war sofort tot. Der Pathologe fand später einen Bissen Toastbrot, der noch in ihrem Rachen steckte.

Geröstete Toastscheiben

List ließ seine Frau auf dem Küchenboden zurück. Er stieg die hintere Treppe hinauf in den dritten Stock. Ohne anzuklopfen, betrat er die Wohnung seiner Mutter. Er überraschte sie in der Küche. Sie hielt einen Teller in der Hand und wartete darauf, dass der Toaster die gerösteten Brotscheiben ausspuckte. Sie fragte ihn, was der Lärm zu bedeuten hatte, den sie aus dem Erdgeschoss gehört hatte. Statt einer Antwort schoss ihr Sohn ihr aus nächster Nähe ins Gesicht.

Die Polizei fand zwei weitere Projektile in der Küchenwand. Vermutlich hatte List auch hier in einer Art Reflex weiter gefeuert, als er seine Mutter bereits getroffen hatte. Ursprünglich wollte er die Leiche seiner Mutter ins Erdgeschoss tragen. Doch sie war zu schwer für ihn.

Er legte sie auf einen Teppichläufer und zog diesen in die Abstellkammer der Küche. Anschließend wischte er mit einem Küchentuch und einer angefeuchteten Zeitung über den Boden, um die Blutlache zu beseitigen.

List ging danach nach unten und schleifte seine Frau an den Füßen von der Küche durch die Eingangshalle in den Tanzsaal. Er hinterließ dabei eine 12 Meter lange Blutspur am Boden. Er holte mehrere Schlafsäcke, die den Kindern gehörten, und breitete sie nebeneinander aus. Auf einen der Schlafsäcke rollte er die Leiche seiner Frau. Er bedeckte ihren Kopf mit einem Küchentuch. Zu diesem Zeitpunkt erkannte er, dass seine eigene Kleidung über und über mit Blut verunreinigt war.

Er ging in das Schlafzimmer seiner Frau, setzte sich auf das ungemachte Bett und wischte sich die blutverschmierten Hände am Laken ab. Dann suchte er das Bad auf, übergab sich und hinterließ einen blutigen Handflächenabdruck auf dem Toilettendeckel. Er duschte, zog sich einen frischen Anzug sowie eine Krawatte an. Die schmutzigen Kleidungsgegenstände und blutbespritzten Schuhe warf er im Schlafzimmer auf einen Haufen.

Ein wenig Gartenarbeit

Nun rief er im Büro an und ließ seinem Chef ausrichten, dass er zu einem anberaumten Treffen nicht erscheinen könne. Er müsse zu seiner Schwiegermutter in North Carolina fahren, die schwer erkrankt sei. Er wisse nicht, wann er wieder zur Verfügung stehe. Die Schwiegermutter war tatsächlich erkrankt. Eigentlich hatte sie geplant, Anfang November ihre Tochter und Enkelkinder zu besuchen. Hätte sie ihren Plan in die Tat umgesetzt, wäre sie ihrem Schwiegersohn vermutlich ebenfalls zum Opfer gefallen.

John List musste nun auf die Rückkehr der Kinder warten. Er setzte sich in sein Arbeitszimmer und verfasste die Entschuldigungsschreiben an Schulen, Sportvereine etc., die das plötzliche Verschwinden der Familie vertuschen sollten. Um sich die übrige Wartezeit zu vertreiben, ging er in den Garten. Dort harkte er in Anzug und Krawatte Laub zusammen. Eine Nachbarin beobachtete ihn dabei. Doch er tat so, als würde er die Frau nicht bemerken.

Dann stärkte er sich mit einem Mittagsmahl. Das Massaker war noch lange nicht beendet. Gemäß seinem Plan sollten an diesem Tag noch drei weitere Opfer den Tod finden – seine eigenen Kinder.

Anruf der Tochter

Das Klingeln des Telefons unterbrach John Emil List beim Mittagessen. Seine Tochter Patricia war am Apparat. Sie sagte, sie fühle sich nicht wohl. Sie bat ihren Vater, sie von der Schule abzuholen. Dies war nicht in seinem Plan vorgesehen. Er musste improvisieren. Er fuhr zur Westfield High School und sammelte seine Tochter ein.

Zu Hause angekommen eilte er unter einem Vorwand zur Haustür und stürmte ins Gebäude. Sobald Patricia List die Blutspuren im Flur bemerken würde, würde sie Verdacht schöpfen. Das musste er verhindern. List hockte sich hinter die Eingangstür. Als Patricia eintrat, schoss er dem Mädchen aus nächster Nähe in den Hinterkopf.

List zog sie an den Füßen bis in den Tanzsaal auf einen der Schlafsäcke. Er säuberte sich erneut und erledigte danach einige Besorgungen. Er brachte die Schreiben zum Briefkasten und suchte anschließend die Bank auf. Er löste seine Konten auf und hob das verbliebene Geld ab, insgesamt 2.500 Dollar.

Am späten Nachmittag holte er seinen jüngsten Sohn Frederick von einem Aushilfsjob ab, mit dem er sich nach der Schule etwas Taschengeld hinzuverdiente. Wieder eilte List als erster ins Haus. Er griff nach der Waffe, die er zuvor hinter der Küchentür versteckt hatte. Fred kam nicht einmal dazu, seinen Mantel auszuziehen. Der Schuss in den Kopf tötete den Jungen sofort. List brachte ihn in den Tanzsaal und legte Frederick neben seine Schwester auf einen Schlafsack.

Todeskampf

Der Sohn John Jr. trainierte am Nachmittag mit dem Fußball-Team seiner Schule. Doch er kehrte früher vom Training zurück, als sein Vater erwartet hatte. List bemerkte ihn erst, als er das Haus schon durch einen Nebeneingang betrat, der in die Waschküche führte. Er stellte sich in den Flur, mit einer Pistole in jeder Hand. Als John Jr. die Tür öffnete, muss er sofort begriffen haben, dass sein Leben in Gefahr war.

Bevor sein Vater auf ihn schießen konnte, packte John Jr. nach dessen Händen und rang mit ihm um die Waffen. Eine Kugel durchbohrte die Decke. Zwei weitere Schüsse gingen in den Boden. Ein viertes Projektil durchschlug einen Schrank, ein fünftes einen Fensterrahmen im Esszimmer.

Inzwischen war es List Senior aber gelungen, sich aus der Umklammerung zu lösen. Sein Sohn versuchte vergeblich, den nächsten Schüssen auszuweichen. Das sechste Geschoss traf ihn im Rücken, direkt unterhalb des Nackens. Eine weitere Kugel im Kopf.

John Jr. fiel auf den Boden und brach sich den Kiefer. List feuerte erneut auf ihn. Doch der Junge lebte noch. John Jr. kroch schwer verwundet über den Fußboden, um sich in Sicherheit zu bringen. List drehte den Kopf seines Sohnes nach oben und schoss ihm direkt in die Augen. Der Teenager war immer noch nicht tot. List feuerte jetzt Kugel um Kugel auf ihn.

Der Pathologe zählte später zehn Projektile, die den Jungen getroffen hatten. List zerrte die Leiche in den Tanzsaal zu den anderen. Er bedeckte die Gesichter seiner Kinder mit einem Tuch. Schließlich kniete er neben seinen Angehörigen nieder, deren Leben er soeben ausgelöscht hatte, und betete für ihr Seelenheil, wie er in seinem Brief an Pastor Rehwinkel betonte.

List aß zu Abend und schlug anschließend sein Nachtlager auf. Er schlief im Billard-Zimmer, das sich neben dem Tanzsaal mit den Leichen befand. Als der Morgen graute, stand er auf und stellte den Thermostat der Klimaanlage auf 10° Celsius ein. Dann schaltete er in jedem Raum das Licht an. Er suchte im Radio einen Kirchensender heraus und stellte das Gerät direkt vor die Hausprechanlage. Er packte etwas Kleidung in einen Koffer, verließ das Haus und brach in eine ungewisse Zukunft auf.

Gott würde ihn verstehen

Warum ermordete John Emil List fünf Menschen? Er rechtfertigte seine Tat in den Briefen, die er zurückgelassen hatte, vorwiegend mit religiösen Gründen. Er glaubte deshalb, dass Reverend Eugene Rehwinkel seine Entscheidung am ehesten nachvollziehen könne. So behauptete List, seine Frau habe sich bereits vor vielen Jahren von Gott abgewandt. Bei seinem ältesten Kind, der Tochter Patricia, habe er in letzter Zeit leider eine ähnliche Entwicklung feststellen müssen.

Er machte dafür die Zeitumstände und die Gesellschaft als Ganzes verantwortlich. Mit anderen Worten: Die weitreichenden Veränderungen, welche die 1960-er Jahre mit sich brachten, hatten John List nicht gefallen. Oder wie er es selbst ausdrückte: Ein gottgefälliges Leben sei unter diesen Rahmenbedingungen kaum noch möglich.

List stellte die Tat so dar, als habe er seine Familie in Wahrheit vor noch viel größerem Schaden beschützen wollen. Außerdem wies er darauf hin, dass alle einen „schmerzfreien“ Tod gestorben seien. Zumindest im Falle seines Sohnes John Jr. hatte er diese Wahrnehmung exklusiv. Die Spurenlage deutete auf einen längeren Todeskampf hin. Und der Junge starb im vollen Bewusstsein, dass ihn sein eigener Vater töten würde.

John List war nichtsdestotrotz überzeugt, dass Gott ihn verstehen und seine Taten vergeben würde. Jesus Christus würde es schon richten. Gottes Sohn sei ja schließlich für ihn am Kreuz gestorben, um alle menschliche Sünde auf sich zu nehmen.

Im Brief an seinen Chef schimmerte dann ein doch eher weltliches Problem durch, das an List genagt zu haben schien: „Es tut mir leid, dass alles so enden musste. Aber mit einem so geringen Einkommen konnte ich die Familie einfach nicht weiter versorgen. Und ich wollte nicht, dass sie in Armut leben muss.“

Das Geständnis an den Pfarrer schloss mit konkreten Anweisungen für die Opferbestattung. Auch bei diesem Detail ließ List durchblicken, dass er nur das Seelenheil seiner Angehörigen im Sinne hatte. Die Leichen sollten eingeäschert werden. Denn dies würde garantieren, dass ihre Seelen auf dem schnellsten Weg in den Himmel gelangen könnten. Diesem Ritual hätte auch die gesamte Familie vor den Morden ausdrücklich zugestimmt.

Die Spur endet am Flughafen

Leiter der Ermittlung war zunächst James Moran von der örtlichen Polizei. Er war zuversichtlich, dass man den Schuldigen für dieses Massaker binnen kurzer Zeit schnappen würde. Binnen einer Stunde nach Entdeckung der Leichname ging ein Telex mit der Fahndung nach John List an alle Polizeibehörden hinaus.

Den blauen Chevrolet Impala des Flüchtigen fand man schließlich am Kennedy International Airport in New York City. Er war auf einem Langzeitparkplatz abgestellt. Das Parkticket war auf den 10. November datiert. Lists Name war jedoch auf keiner Passagierliste verzeichnet. Seinen Reisepass hatte er allerdings eingesteckt, wie die Durchsuchung des Hauses ergeben hatte. Weitere vielversprechende Hinweise kamen nicht herein. Am New Yorker Flughafen verlor sich also jegliche Spur von John List.

Kapitelübersicht zum Fall John List

  1. Kapitel 1: Blutbad im Herrenhaus
  2. Kapitel 2: Massiv verschuldet
  3. Kapitel 3: 18 Jahre auf der Flucht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert