Am 5. Juli 1985 wählte der Killer das Haus der Bennetts in Sierra Madre, einer Nachbargemeinde von Arcadia, als Ziel aus. Der Familienvater Steve Bennett arbeitete als Manager und hatte mit seiner Frau zwei Kinder: den 18-jährigen Sohn James und die 16-jährige Tochter Whitney, die beide noch bei ihren Eltern lebten.
Der Täter brach dieses Mal die Vordertür auf. Er schlich durch das Gebäude, um sich einen Überblick zu verschaffen, wo die Hausbewohner jeweils schliefen. Sein Interesse galt zunächst der Tochter Whitney Bennett. Aus dem gestohlenen Fahrzeug, mit dem er unterwegs war, hatte er zuvor einen Reifenmontierhebel entwendet. Mit dem Eisen schlug er dem schlafenden Mädchen zehn Mal auf den Kopf. Anschließend würgte er den Teenager mit einem Telefonkabel.
Überraschenderweise verließ der Eindringling danach das Haus der Bennetts. An der Identität des Täters gab es aus Polizeisicht jedenfalls keinen Zweifel. Die herbeigerufenen Beamten entdeckten auf der Bettdecke den Abdruck eines Avia Aerobic Sneakers. Die Polizei hatte für das von der üblichen Vorgehensweise abweichende Verhalten keine plausible Erklärung.
Der Täter vergewaltigte das Mädchen nicht. Er attackierte keines der übrigen Familienmitglieder. Er durchwühlte nicht die Habseligkeiten der Bennetts. Whitney Bennett hatte zudem das Verbrechen überlebt, wenn auch schwer verletzt. Es waren angeblich 478 Stiche nötig, um die Kopfwunden zu versorgen. Die Zahl kommt mir ein wenig hoch vor. Aber ich bin auch kein Arzt.
Inhaltsverzeichnis
Schuhabdruck im Gesicht
Am 7. Juli kehrte der Mörder nach Monterey Park zurück, wo er zuvor bereits Bill Doi und Veronica Yu getötet hatte. Er entschied sich für das Haus der 61-jährigen Joyce Nelson und drang durch ein Fenster ein. Die Hausbesitzerin schlief auf der Couch vor dem Fernseher. Der Fremde hielt der Frau eine Pistole an den Kopf und packte sie an den Haaren.
Die Frau wehrte sich gegen ihren Peiniger. Das machte ihn nur noch wütender. Er warf sie zu Boden und schlug mit den Fäusten auf sie ein, bis sie bewusstlos war. Dann zerrte er sie ins Schlafzimmer. Er trat sie so fest ins Gesicht, dass die Polizei später dort den Abdruck des Avia-Schuhs erkennen konnte. Joyce Nelson verstarb noch in der gleichen Nacht an den Folgen ihrer schweren Verletzungen.
Bevor der Mörder das Haus durch die Eingangstür verließ, raubte er noch alle Wertgegenstände, die ihm in die Hände fielen. Er trieb sich weiterhin in Monterey Park herum und hatte gegen 3 Uhr früh ein weiteres Objekt ausbaldowert, in das er einbrach. Dieses Mal traf es die 63-jährige Sophie Dickman, die als Krankenschwester in der Psychiatrie arbeitete.
Gefährlicher Täuschungsversuch
Alle Türen und Fenster waren verschlossen, aber der Täter suchte hartnäckig nach einem Weg ins Haus. Ihm gelang es, unbemerkt das Haustürschloss zu knacken. Als er sich überzeugt hatte, dass die Frau allein im Haus war, zog er seine Pistole, knipste das Licht an und stürmte auf ihr Bett zu. Er hielt ihr mit der Hand den Mund zu, bedrohte sie mit der Waffe und sagte zu Sophie Dickman: „Schau mich nicht an! Mach keinen Mucks oder ich bring dich um!“
Die Krankenschwester hatte die Zeitungsartikel über den vergewaltigenden und mordenden Einbrecher in den Vororten von L.A. gelesen. Sie ahnte, wer ihr in diesem Moment gegenüberstand. Sie vermied jeglichen Widerstand. Der Täter könnte die geringste Provokation zum Anlass für einen Gewaltausbruch nehmen, so ihre Einschätzung. Der Mann legte Sophie Dickman Handschellen an und verdeckte sein Gesicht hinter einem Kissenbezug.
Er wollte von seiner Geisel wissen, wo sie ihren Schmuck und ihr Bargeld aufbewahre. Sie sagte ihm, ihr Schmuck sei im Badezimmer versteckt. Er zerrte sie hinüber. Sie zeigte ihm das Versteck. Während er ihre Wertsachen betrachtete, zog sie sich heimlich einen Diamantring vom Ringfinger und versteckte ihn in der Kleidung. Doch der Täter bemerkte ihren Täuschungsversuch.
Er schlug ihr ins Gesicht. Er versuchte, sie zu vergewaltigen. Er bekam keine Erektion. Er wollte wissen, ob sie weitere Wertgegenstände vor ihm verberge. Sie versicherte ihm, dass sie keinen anderen Schmuck besitze. Er ließ sie auf Satan schwören. Er fesselte sie ans Bett und warnte sie, nicht zu schreien: „Denk daran: Ich weiß, wo du wohnst“, sagte er zu ihr. Er stellte das ganze Haus auf den Kopf. Dann ging er und ließ die Frau gefesselt, aber lebendig zurück.
Sophie Dickman konnte sich eigenhändig befreien. Sie verständigte umgehend ihre Nachbarin Linda Arthur, eine Polizistin. Als Arthur von den Tatdetails erfuhr, rief sie Detective Carrillo an, mit dem sie befreundet war. Zunächst waren die Ermittler nicht sicher, ob die Krankenschwester tatsächlich dem gesuchten Serientäter zum Opfer gefallen war. Nirgends im Haus fanden sich die verräterischen Schuhabdrücke. Lediglich die Täterbeschreibung von Sophie Dickman deckte sich mit den bisherigen Erkenntnissen: ein großer, hagerer Mann mit auffallend schlechtem Gebiss.
Die Medien riechen Lunte
Dann entdeckte man jedoch in Monterey die Leiche von Joyce Nelson, in deren Gesicht sich der besagte Schuhabdruck abzeichnete. Die Nähe der beiden Tatorte legte nahe, dass der gleiche Täter in dieser Nacht an beiden Orten zugeschlagen hatte. In diesem Moment erfuhr der Fall jedoch eine entscheidende Wendung. Die Medien hatten bereits Wind von den neuesten Verbrechen bekommen. Als Carrillo und Salerno am Haus von Joyce Nelson eintrafen, tummelten sich schon zahlreiche Kameraleute der Fernsehstationen, Pressefotografen und Reporter vor Ort.
Satanistische Symbole, Vergewaltigungen, Morde gemischt mit jeder Menge Brutalität versprachen hohe Auflagen und Einschaltquoten. Neben den lokalen Medien interessierten sich inzwischen auch die nationalen wie internationalen Zeitungen und Fernsehsender für die Mordserie. Wie üblich überboten sich die Presseleute mit schaurigen Beinamen für den unbekannten Mörder. Am Ende setzte sich „Night Stalker“ durch.
Die Medienpräsenz wirkte sich störend auf die Polizeiarbeit aus und erhöhte den Druck, unter dem die erst jüngst gegründete Sonderkommission stand. Bei den Behörden meldeten sich unzählige Anrufer, die vermeintlich sachdienliche Hinweise gaben. Die Polizei musste jedem Hinweis nachgehen. Dazu war sie verpflichtet. Dies band Unmengen an Ressourcen.
Der Verkauf von Waffen, Alarmanlagen und Wachhunden stieg rapide an. Die Menschen achteten verstärkt darauf, dass ihre Fenster und Türen verschlossen waren. Der Täter war vermutlich gewarnt. Er wusste jetzt, dass ihn die Polizei jagte, wenn er die Medien verfolgte. Gleichzeitig musste man annehmen, dass der Mörder die massive Medienpräsenz genießen würde. Vermutlich würde ihn dieser Umstand animieren, noch mehr Taten zu begehen. Und er würde schnell verstehen, dass seine Verbrechen umso mehr Aufmerksamkeit hervorriefen, je brutaler, abartiger und „spektakulärer“ sie im Sinne der Medienmacher waren.
Nur ein verkauftes Paar Schuhe
Immerhin gab es für die Polizeibeamten zu diesem Zeitpunkt auch gute Nachrichten. Die eigentliche Ermittlungsarbeit hatte Fortschritte gemacht. Das Sheriffbüro hatte einige wichtige Informationen über den Avia Aerobic Schuh eingeholt. Die Herstellerfirma hatte von dem Modell relativ wenige Schuhe produzieren lassen. In ganz Los Angeles waren lediglich sechs Paare verkauft worden und nur eines mit der Größe 11 ½. Das Sheriffdepartment schickte an alle Polizeibehörden der Umgebung ein Foto dieses seltenen Schuhs.
Auch den zurückgelassenen Beweisstücken im gestohlenen Toyota waren die Beamten mittlerweile nachgegangen. Sie kontaktierten Dr. Leung, dessen Visitenkarte der Täter im Wagen vergessen hatte. Der Zahnarzt erinnerte sich an einen Patienten namens Richard Mena, als er von der Täterbeschreibung hörte. Der Mann habe über starke Zahnschmerzen geklagt und dringend eine Behandlung benötigt.
Doch bisher war der angebliche Richard Mena noch nicht bei ihm aufgetaucht, um sich auf den Behandlungsstuhl zu begeben. Eine Recherche in den Melderegistern ergab nichts. Der Patient hatte vermutlich einen Falschnamen benutzt. Die Polizei stellte einen Beamten ab, der ab sofort die Praxis von Dr. Leung überwachte.
Machetenhiebe
Die erhöhte Aufmerksamkeit verschreckte den „Night Stalker“ nur kurze Zeit. Am 20. Juli trat er erneut in Erscheinung. Einzige Änderung in seinem Vorgehen: Jetzt führte er neben einer Pistole auch noch eine Machete mit sich. Dieses Mal wählte er sich die Gemeinde Glendale als Ziel aus. Er stieg in das Haus von Max und Lela Kneidling ein, einem Ehepaar in den Sechzigern.
Das Paar schlief bereits und bemerkte den Einbrecher vermutlich erst, als es schon zu spät war. Der Täter hieb mit der Machete auf Max Kneidling ein und traf ihn am Hals. Die Polizei spekulierte später, dass der Mörder sein Opfer mutmaßlich enthaupten wollte. Doch die Klinge war offenbar zu stumpf. Der „Night Stalker“ schoss Max Kneidling in den Kopf, dann seiner Frau Lela. Anschließend verstümmelte er mit der Machete die Leichname.
Noch in derselben Nacht fuhr er weiter nach Sun Valley, wo ihm das Haus der Khovananths, einer thailändischen Einwandererfamilie, ins Auge fiel. Kurz nach 4 Uhr morgens drang er durch eine unverschlossene Terrassentür in das Gebäude ein. Als Erstes traf er auf die Ehefrau Somkid Khovananth, die auf der Couch im Wohnzimmer eingeschlafen war. Er hielt ihr seine Pistole an den Kopf. Die Frau schreckte hoch. „Kein Mucks, Schlampe, oder ich knall dich ab!“, flüsterte der Eindringling.
Der „Night Stalker“ schlich ins Schlafzimmer, in dem Somkids Mann Chainarong Khovananth schlief. Er schoss dem ahnungslosen Mann direkt in den Kopf. Er kehrte zur Ehefrau ins Wohnzimmer zurück. Ihm fiel auf, dass ihr Ehering verschwunden war. „Spiel keine Spielchen mit mir, Schlampe! Wo ist der Ring?“, herrschte er die verängstigte Frau an. Sie gab ihm das diamantbesetzte Schmuckstück.
Reiche Beute
Dann riss er ihr das Nachthemd vom Leib und zerrte sie ins Badezimmer. Er durchtrennte das Kabel des Haarföhns und fesselte der Frau mit der Schnur die Hände auf den Rücken. Er führte sie zurück ins Schlafzimmer. Dort vergewaltigte er sie neben ihrem toten Ehemann. Er nötigte sie, ihn oral zu befriedigen, und zwang sie anschließend zu Analverkehr.
Aus einem der beiden Kinderzimmer im Haus ertönte das Klingeln eines Weckers. Der Täter stürmte die Räume, fesselte die Kinder und stopfte ihnen jeweils eine Socke in den Mund. Er kehrte zu Somkid Khovananth zurück und setzte die Vergewaltigung fort.
Schließlich verlangte er zu wissen, wo sie Schmuck oder andere Wertgegenstände aufbewahrte. Er drohte, sie und ihre Kinder zu töten, falls sie ihn belog. Sie händigte ihm Diamanten und weitere Edelsteine aus, die sie als Geschenk von ihrem Bruder, einem Juwelier, erhalten hatte, sowie Bargeld in Höhe von 30.000 Dollar. Er band ihre Knöchel zusammen, vergewaltigte sie erneut, durchwühlte ihre Wohnung und verließ endlich das Haus.
Noch immer belastete die mangelnde Kooperation zwischen den Polizeibehörden die Ermittlungen. Erst im Laufe des nächsten Tages erfuhren Carrillo und Salerno von den Verbrechen. Am Tatort in Sun Valley konnten die Beamten einen Abdruck des Avia Sportschuhs sicherstellen. Somkid Khovananth half bei der Erstellung eines Phantombilds des Täters, dessen Kopie an jeden Polizisten im Großraum Los Angeles und die Presse verteilt wurde.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt verfiel die Bevölkerung von Los Angeles in Panik. Niemand war vor diesem Täter sicher. Zahllose Hinweise auf Typen, die sich schwarz kleideten, gingen bei der Polizei ein. Ältere Frauen hatten Angst davor, allein zu sein. Mädchen mussten früh zu Hause sein. Die Ehemänner und Väter hielten zu Hause mit Baseballschlägern und Gewehren nachts Wache. In den Gemeinden liefen spontan gegründete Bürgerwehren Patrouille. Kinder bestanden darauf, im Bett ihrer Eltern zu schlafen. Viele Menschen fanden in diesen Tagen überhaupt keinen Schlaf.
Phantombild des Täters (zunächst handschriftlich auf den 21.7.1985 datiert, dann auf den 26.8.1985)
Blindgänger
Dies alles hinderte den Täter nicht daran, erneut zuzuschlagen. Als nächstes Ziel wählte der Night Stalker am 6. August die Gemeinde Northridge aus, wo er in das Haus der Familie Petersen eindrang. Die Hausbewohner hatten zwar alle Fenster und Türen fest verschlossen, dabei aber eine Glasschiebetür übersehen. So betrat der Täter das Schlafzimmer von Chris und Virginia Petersen.
Die Ehefrau bemerkte als erste den Eindringling und schrie laut auf. Der Night Stalker schoss umgehend auf sie und traf sie unter dem linken Auge. Ihr Ehemann Chris schreckte hoch und sah seine blutüberströmte Frau neben sich. Im nächsten Moment spürte er den Lauf einer Pistole an seiner rechten Schläfe. Der Täter drückte ab. Anschließend feuerte er eine weitere Kugel in Richtung Virginia Petersen ab, verfehlte sie jedoch dieses Mal.
Doch irgendetwas stimmte mit der Munition nicht. Das Projektil konnte den Schädelknochen von Chris Petersen nicht durchdringen und prallte ab. Der bullige Lastwagenfahrer stürzte sich auf den Schützen und rang mit ihm um die Waffe. Ein weiterer Schuss löste sich, ohne ein Ziel zu treffen. Dann war das Magazin leer. Der Täter floh. Wie sich später herausstellte, hatte auch Virginia Petersen Glück im Unglück. Das Projektil, das sie traf, war durch den Nacken wieder ausgetreten und hatte das Gehirn nicht beschädigt.
Der Junge in der Tür
Am 8. August tauchte der Night Stalker in der Gemeinde Diamond Bar, östlich von Los Angeles gelegen, auf. Er drang in das Heim von Elyas und Sakina Abowath ein, die dort mit ihrem dreijährigen Jungen und einem Säugling lebten. Der Täter schlich sich ins Elternschlafzimmer und schoss dem schlafenden Elyas Abowath mit seiner .25 Automatik in den Kopf. Der Mann war auf der Stelle tot.
Er kletterte über den Leichnam und kniete sich auf Sakina Abowath, die er in Gesicht und Bauch schlug. Sollte sie schreien, töte er sie und ihre Kinder, drohte er der Frau. Er wollte von ihr wissen, wo sie ihren Schmuck aufbewahre. Als sie nicht schnell genug antwortete, schlug er ihr erneut mit der Faust ins Gesicht. Sie zeigte ihm eine Tasche, in der sie ihre Wertgegenstände verstaute.
Der Mörder riss der Frau anschließend das Nachthemd und den Still-BH vom Leib. Er zwang sie zu Oralverkehr. Dann vergewaltigte er sie vaginal und anal. Im Kinderzimmer nebenan begann der kleine Sohn zu weinen. Die Mutter flehte ihren Peiniger an, sich um das Kind kümmern zu dürfen. Er ließ sie gewähren, während er sie nicht aus den Augen ließ. Er zerrte sie wieder ins Schlafzimmer. Er fiel erneut über sie her und setzte die Tortur fort.
Nach geraumer Zeit öffnete sich die Schlafzimmertür und der Sohn von Sakina Abowath kam herein. Der Night Stalker fesselte den Jungen ans Bett und legte ihm ein Kissen aufs Gesicht. Die Mutter wollte ihren Jungen beruhigen, aber der Fremde schlug sie. Danach vergewaltigte er sie wieder und wieder im Beisein des Kindes. Schließlich ließ er von der Frau ab. Er ging in die Küche, nahm sich eine Melone aus dem Kühlschrank und stopfte die Wertsachen in einen Kissenbezug. Dann floh er aus dem Haus. Seine Opfer blieben gefesselt zurück.
Am Tatort konnte die Polizei Schuhabdrücke des Täters sicherstellen. Sie ließen sich zwar nicht einem Avia-Sportschuh zuordnen, hatten aber die gleiche Größe wie die anderen im Night Stalker-Fall sichergestellten Spuren. Zudem sprach die Vorgehensweise des Täters dafür, dass derselbe Serienmörder am Werk war. Der Mörder hatte beispielsweise Elyas Abowath an exakt der gleichen Stelle in den Kopf geschossen wie das vormalige Opfer Chainarong Khovananth.
Das gesamte Los Angeles County war im Aufruhr. Die zeitlichen Abstände zwischen den Taten verkürzten sich immer mehr. Ein Mord war für den Täter längst zur Routine geworden. Dennoch wirkten sich der zunehmende Fahndungsdruck, die veröffentlichte Phantomzeichnung und die Belohnung in Höhe von 80.000 US-Dollar augenscheinlich auf das Verhalten des Täters aus. Denn das nächste Mal trat der Night Stalker in der nordkalifornischen Metropole San Francisco in Erscheinung – immerhin rund 600 km entfernt von seinen eigentlichen Jagdgründen in Los Angeles.
Mord an Barbara und Peter Pan
Am Abend des 17. August steuerte der Täter zunächst das Chinatown-Viertel an. Dort folgte er einer älteren Frau nach Hause und verprügelte sie, ohne sie anschließend zu berauben oder zu vergewaltigen. Am frühen Morgen des 18. August brach er in das Haus von Peter und Barbara Pan ein, einem wohlhabenden Einwandererpaar aus Hongkong, das in dem Vorort Lake Merced lebte. Er erschoss zunächst den 66-jährigen Buchhalter Peter Pan in seinem Bett.
Den Tatortspuren zufolge versuchte er anschließend, die 62-jährige Barbara Pan zu vergewaltigen. Ihre Gegenwehr fiel offenbar so heftig aus, dass der Täter sich entschloss, die Frau ebenfalls mit seiner Pistole zu töten. Sie überlebte die schweren Verletzungen, trug allerdings bleibende Schäden davon.
Der Night Stalker hinterließ mit einem Lippenstift noch eine Nachricht an der Wand des Schlafzimmers. „Jack the Knife“ stand dort geschrieben. Darunter skizzierte er ein Pentagramm. Die Worte tauchten in einem Song namens „The Ripper“ der Heavy-Metal-Band Judas Priest auf, wie die Recherchen der Polizei ergaben. Er durchwühlte das Haus und ging.
Kommunikations-Panne
Als Salerno und Carrillo von dem Doppelmord in San Francisco erfuhren, kontaktierten sie die örtliche Polizeibehörde. Unter anderem erwähnten die Kollegen eine Patronenhülse, die am Tatort zurückgeblieben war. Der Täter hatte offenbar die gleiche Munition verwendet wie ihr gesuchter Serienmörder. Ballistische Untersuchungen sollten dies später bestätigen. Die beiden Beamten nahmen den nächsten Flieger nach San Francisco. Dort legten sie der zuständigen Mordkommission ihre bisherigen Erkenntnisse vor.
Kurze Zeit später berief San Franciscos Bürgermeisterin Dianne Feinstein eine Pressekonferenz ein. Bei dieser Gelegenheit erzählte sie den anwesenden Medienvertretern brühwarm, was die Ermittler aus Los Angeles bisher zum Fall zusammengetragen hatten. Unter anderem berichtete sie über die gefundenen Abdrücke des Avia-Sportschuhes sowie die ballistischen Untersuchungen.
Salerno und Carrillo waren entsetzt. Damit hatte die Bürgermeisterin Informationen preisgegeben, die dem Täter nur nutzen konnten. Er bräuchte lediglich die entsprechenden Beweismittel zu vernichten und schon sank die Wahrscheinlichkeit drastisch ab, ihm jemals die bisher begangenen Taten noch nachweisen zu können. Gemäß den späteren Ermittlungserkenntnissen hatte der Täter genau dies getan. Er schmiss seine Turnschuhe noch in derselben Nacht von der Golden Gate Bridge.
Zeugen melden sich
Der Patzer der Bürgermeisterin hatte jedoch auch positive Folgen. Die Polizei in San Francisco durchforstete ihre offenen Mordakten und fand darin zwei Fälle, die zur Vorgehensweise des Night Stalker passten. Am 20. Februar 1985 waren die beiden 50 und 70 Jahre alten Schwestern Mary und Christina Caldwell in ihrer Wohnung im Stadtviertel Telegraph Hill erstochen aufgefunden worden. Die Tat ereignete sich rund ein Monat vor den Anschlägen auf Dale Okazaki, Victoria Yu und Maria Fernandes, die bisher als Auftakt zur Mordserie galten.
Ein weiteres ungeklärtes Verbrechen in San Francisco passte ins Raster. Am 2. Juni hatte ein unbekannter Täter die 25-jährige Nancy Brien in ihrer Wohnung vergewaltigt. Zuvor hatte er ihren gleichaltrigen Lebensgefährten Theodore Wildings mit einem Schuss in den Kopf getötet, während er schlief. Die Tat ereignete sich kurz nach dem Überfall auf die Schwestern Mabel Bell und Florence Lang in Monrovia.
Nachdem die Zeitungsartikel erschienen waren, meldete sich zudem ein Zeuge bei der Polizei von San Francisco, der den Mann auf dem Phantombild zu erkennen glaubte. Dem Zeugen gehörte eine billige Absteige im Stadtviertel Tenderloin. Er behauptete, der Gesuchte sei in den letzten anderthalb Jahren mehrfach als Gast bei ihm abgestiegen. Der Hotelier erinnerte sich, dass der Mann faule Zähne und schlecht gerochen habe. Die Polizei überprüfte das Zimmer, in dem er zuletzt untergebracht war. An der Badezimmertür entdeckten die Beamten die Zeichnung eines Pentagramms. Der Gast war am 17. August ausgezogen. In der darauffolgenden Nacht ereignete sich der Angriff auf die Familie Pan.
Die Polizisten stießen bei ihren Ermittlungen zudem auf einen Händler aus dem Viertel El Sobrante. Der Mann behauptete, kürzlich von einem Fremden mehrere Schmuckstücke angekauft zu haben – einen Diamantring und ein Paar Manschettenknöpfe. Wie die weiteren Untersuchungen ergaben, stammten die Gegenstände aus dem Besitz der Pans. Der Zeuge erkannte im Phantombild große Ähnlichkeiten mit dem Verkäufer des Diebesguts.
Der Night Stalker war hier
Wann der Night Stalker aus San Francisco verschwand, konnte die Polizei nicht klären. Doch am 25. August nahmen die Ermittler seine Fährte wieder in Mission Viejo auf, einer Kleinstadt südlich von Los Angeles. In den frühen Morgenstunden drang der Täter durch ein unverschlossenes Wohnzimmerfenster in das Haus von William Carns Jr. und Inez Erickson ein.
Sobald er das Schlafzimmer betreten hatte, schoss er dem 29-jährigen Informatiker Carns drei Mal in den Kopf. Der Schütze packte die verwirrte Verlobte Carns an den Haaren und zerrte sie in ein anderes Schlafzimmer. Dort band er ihre Knöchel und Handgelenke mit Krawatten am Bettgestell fest. Anschließend durchsuchte er das Haus nach Schmuck und Bargeld. Doch das junge Paar besaß kaum etwas von Wert.
Der Mann kehrte zu der gefesselten Frau zurück, schlug sie, trat sie, vergewaltigte sie vaginal und anal. Anschließend fragte er sie, wo sie ihre Wertsachen aufbewahre. Inez Erickson fürchtete um ihr Leben. Sie verriet ihm, in welcher Schublade ihr Verlobter normalerweise etwas Bargeld hinterlegte. Dort befanden sich zu dem Zeitpunkt 400 Dollar. „Genau so viel ist dein Leben wert – 400 Dollar. Ich hätte dich getötet, wenn es dieses Geld nicht gegeben hätte“, sagte der Täter. „Sag ihnen, dass der Night Stalker hier war.“
„Das werde ich“, versprach sie.
„Sag, dass du Satan liebst!“
„Ich liebe Satan“, antworte sie. Er lachte. Dann ging er. Die Frau konnte sich rasch von ihren Fesseln befreien. Sie ging zum Fenster und erhaschte noch einen Blick auf einen orangefarbenen Toyota-Kombi älteren Baujahrs, der davonfuhr.
Der Toyota
Inez Erickson wählte den Notruf. Der herbeigerufene Arzt erklärte Bill Carns zunächst für klinisch tot. Doch in der Notfallambulanz erwachte das Opfer aus der Bewusstlosigkeit und war mithilfe von Gesten in der Lage, mit den Ärzten zu kommunizieren. Zwei der drei Kugeln, die ihn getroffen hatten, konnten operativ entfernt werden. Das dritte Projektil verblieb im Schädel, weil eine Operation zu gefährlich erschien. Carns überlebte dennoch.
Als das Verbrechen publik wurde, meldete sich umgehend ein Zeuge bei der Polizei. James Romero berichtete den Beamten von einem merkwürdigen Vorfall in der Tatnacht. Gegen ein Uhr habe ihn sein 13-jähriger Sohn geweckt, weil er verdächtige Geräusche vor dem Haus gehört hatte. Romero überprüfte die Fenster. Ihm fiel ein älterer orangefarbener Toyota auf, der unweit des Hauses geparkt war und mit hohem Tempo davonfuhr. Romero konnte sich nur drei Ziffern des Nummernschildes einprägen.
Die Beschreibung passte zu einem in Los Angeles als gestohlen gemeldeten Fahrzeug. Der Besitzer hatte den Diebstahl nach einem Restaurantbesuch in Chinatown bemerkt. Die Polizei schrieb den Wagen nun mit dem vollständig vorliegenden Kennzeichen zur Fahndung aus. Zwei Tage später entdeckten Streifenbeamten den geparkten Toyota im Stadtviertel Wilshire Center von Los Angeles. Die Ermittler ließen den Wagen 24 Stunden observieren. Sie hofften, der Täter würde zum Fahrzeug zurückkehren. Vergeblich.
Fahndungserfolg
Dennoch konnte die Polizei den Fund als Fahndungserfolg verbuchen. Im Innern des Toyota stellten die Beamten einen Fingerabdruck auf der hinteren Seite des Rückspiegels sicher, der nicht vom Besitzer stammte, sondern mutmaßlich vom Täter. Dabei hatte dieser sich offenbar sehr viel Mühe gegeben, keine Spuren zurückzulassen. Lenkrad, Armaturen, Türen und andere Bereiche im Auto waren gründlich abgewischt worden.
Ein Vergleich mit Fingerabdrücken, die an einem Fensterbrett der Familie Pan in San Francisco sichergestellt worden waren, ergab eine Übereinstimmung. Die Beamten schickten das Beweismaterial in die kalifornische Hauptstadt Sacramento. Die dortigen Behörden hatten bereits zu diesem Zeitpunkt eine Computerdatenbank mit den Fingerabdrücken kalifornischer Straftäter aufgebaut.
Binnen weniger Stunden meldete das System einen Treffer. Die Fingerabdrücke gehörten eindeutig zu einem aktenkundigen Einbrecher und Autodieb. Sein Name: Ricardo Leyva Muñoz Ramirez, der sich selbst meist Richard Ramirez nannte. Nun hatten die Ermittler endlich eine konkrete Person, nach der sie fahnden konnten. Es kam noch besser.
Der Hehler
Bei der Polizei meldete sich eine junge Frau. Ihr Vater Jesse Perez hatte ihr anvertraut, dass die Täterbeschreibung in den Medien auf einen seiner Bekannten passte. Der Mann hatte sich ihm als „Rick“ vorgestellt. Perez hatte sich nicht getraut, zur Polizei zu gehen, weil er selber in zwielichtigen Kreisen verkehrte. So pflegte er Kontakt zu einem Hehler, an den besagter Rick häufiger Diebesgut vertickt habe. Die Ermittler sicherten Perez Straffreiheit zu, wenn er ihnen den Namen des Hehlers verriet. Perez willigte ein. Der Schieber hieß Felipe Solano.
Die Polizei konfrontierte Solano mit den Vorwürfen. Der Hehler gab zu, besagten Rick zu kennen, wusste aber weder seinen vollen Namen noch wo er wohnte. Die Ermittler beschlagnahmten die Hehlerware in Solanos Wohnung. Darunter befanden sich auch mehrere Wertgegenstände, die der Night Stalker seinen Opfern geraubt hatte. Die Beamten hatten also konkretes Beweismaterial, das Richard Ramirez mit der Verbrechensserie in direkte Verbindung brachte – ein wichtiger Durchbruch, sollte es eines Tages zu einem Gerichtsverfahren gegen den Mörder kommen.
Die Absteige in der Mason Street
Die Polizei klapperte nun systematisch alle Motels, Pensionen und Absteigen im Großraum Los Angeles ab. In der Innenstadt von Los Angeles wurde man schließlich fündig. Der Rezeptionist im Bristol Hotel auf der Mason Street erkannte Richard Ramirez anhand des erkennungsdienstlichen Fotos wieder. Der Gast war in Zimmer 315 untergebracht, befand sich derzeit aber nicht im Hotel.
Die Beamten durchsuchten das Zimmer. Die Badezimmertür zierte die Zeichnung eines Pentagramms – wie in den Häusern der Tatopfer Mabel Bell und Peter Pan. Die sichergestellten Fingerabdrücke brachten endgültige Gewissheit: Bei dem Hotelgast handelte es sich definitiv um den gesuchten Ramirez.
Was die Polizisten zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen konnten: Ramirez hatte am 30. August spontan die Stadt verlassen, um einen Bruder zu besuchen, der in Tucson (Arizona) lebte. Er nahm den Bus. Als er in Tucson vor verschlossenen Türen stand, setzte er sich in den nächsten Bus und kehrte nach Los Angeles zurück. Der zentrale Busbahnhof von Los Angeles wurde zu dieser Zeit von starken Polizeikräften überwacht, die alle Ausschau nach Ramirez hielten. Dennoch gelang es dem flüchtigen Täter, unbemerkt durch die Kontrollen zu schlüpfen. Es sollte das letzte Mal sein, dass ihm das Glück hold war.
El Matador
Im direkten Anschluss begab Ramirez sich in einen Gemischtwarenladen in East L.A., wo er sich einen Kaffee bestellte. Die Bevölkerung des Stadtteils bestand zu fast 100 % aus Latino-Amerikanern. Ramirez sah, wie einige ältere Frauen im Laden die Köpfe zusammensteckten, aufgeregt tuschelten und in seine Richtung blickten. Er hörte jemanden von ihnen „El Matador“ sagen – „der Mörder“. Dann sah er das Titelblatt einer Tageszeitung, auf dem sein Foto prangte. Ramirez stürmte aus dem Laden.
Der Geschäftsinhaber verständigte per Telefon die Polizei. Aus dem gesamten Stadtgebiet rückten Streifenwagen an. Ramirez hielt nach einem Fahrzeug Ausschau, das er stehlen konnte. Doch für diesen Plan hatte er sich die falsche Umgebung ausgesucht. Die Menschen, die im 3700er Block der East Hubbard Street lebten, verteidigten ihren hart erarbeiteten Besitz mit ihrem Leben, wenn es ihnen nötig erschien. Diese Erfahrung machte Ramirez spätestens, als er den roten Mustang von Faustino Pinon rauben wollte.
Der rote Mustang
Ramirez war durch die Hinterhöfe der Häuser geschlichen und hatte den Mustang in der Auffahrt der Pinons entdeckt. Der Schlüssel steckte in der Zündung. Ramirez stieg ein und startete den Motor. Aber er hatte nicht bemerkt, dass der Besitzer des Autos unter dem Wagen lag und am Getriebe arbeitete.
Sobald der 56-jährige Pinon hörte, wie der Motor ansprang, rollte er unter dem Wagen hervor. Er griff durch das offene Fahrerfenster in den Wagen hinein und packte den Dieb am Hals. Ramirez drohte dem wütenden Wagenhalter, ihn zu erschießen. Pinon ließ sich nicht einschüchtern. Ramirez legte den Gang ein und trat aufs Gaspedal. Pinon griff ins Lenkrad. Das Auto krachte gegen einen Zaun und dann in die Garage. Pinon öffnete die Tür, zog Ramirez heraus und warf ihn zu Boden.
Ramirez rappelte sich auf und rannte über die Straße. Just in diesem Moment stieg gegenüber die 28-jährige Angelina de la Torres in ihren Ford Granada. Er rannte zu ihrem Auto und steckte den Kopf durch das Fahrerfenster. Er verlangte, dass sie ihm die Schlüssel gab. Er drohte sie zu töten, wenn sie sich weigerte. Ihre lauten Hilfeschreie alarmierten ihren Ehemann Manuel. Er sah, wie seine Frau im Wagen mit einem fremden Mann kämpfte, der sie in den Bauch boxte.
Auf der Hatz
Manuel de la Torres schnappte sich eine Metallstange, die in seinem Hof herumlag, und drosch auf Ramirez ein. Ramirez konnte sich zwar zunächst befreien und floh zu Fuß die Straße entlang. Doch Manuel de la Torres und weitere Nachbarn nahmen die Verfolgung auf. Und viele Jäger sind bekanntlich des Hasen Tod. Ein gut gezielter Hieb mit der Metallstange streckte Ramirez schließlich nieder. Die Männer hielten den berüchtigten Night Stalker so lange am Boden fest, bis die verständigte Polizei eintraf.
Richard Ramirez bei seiner Festnahme am 31.8.1985
Bei seiner Durchsuchung fanden die Polizisten einen Schlüssel, der zu einem Schließfach am Busbahnhof gehörte. Dort hatte Ramirez eine Ledertasche zurückgelassen, die unter anderem Munition enthielt, die der Night Stalker bei seinen Überfällen benutzt hatte. Ein weiteres wichtiges Glied der Beweiskette.
Schließlich führten die Ermittler noch eine Gegenüberstellung mit Tatzeugen durch. Jedes Mal mussten Ramirez und die anderen Männer den Satz aufsagen: „Schau mich nicht an, Schlampe, oder ich werde dich töten.“ Die meisten Zeugen identifizierten Richard Ramirez als den fraglichen Täter.
Nach der Gegenüberstellung führten die Beamten die Opfer in einen separaten Raum. Dort hatte man auf mehreren großen Tischen rund 2.000 Gegenstände – vornehmlich Schmuck – ausgestellt, die man zuvor beim Hehler Felipe Solano beschlagnahmt hatte. Auch hier gab es viele Identifizierungen.
Schon im Vorfeld der Gerichtsverhandlung waren die Beweise für Ramirez‘ Schuld damit so umfassend, dass jeder mit einer Verurteilung rechnete, einschließlich des Beschuldigten selbst. Nach kalifornischem Recht drohte Ramirez angesichts der zur Last gelegten Verbrechen die Todesstrafe.
Kapitelübersicht zum Fall Richard Ramirez
- Kapitel 1: Der Night Stalker
- Kapitel 2: Los Angeles in Panik
- Kapitel 3: Highway to Hell