Richard Ramirez: Highway to Hell

Richard Ramirez wurde am 29. Februar 1960 als Sohn von Julian und Mercedes Ramirez, zweier mexikanischen US-Immigranten, geboren. Das Paar hatte noch drei weitere Söhne und eine Tochter. Richard war das fünfte und letzte Kind. Die Familie lebte zu dieser Zeit in El Paso (Texas), wo der Vater einen Job bei der Santa Fe Railroad hatte. Die Mutter war ebenfalls berufstätig. Sie arbeitete in einer Schuhfabrik, in der sie Chemikalien und Pigmente für Stiefelleder mischte.

Biografie Richard Ramirez

Auch während sie mit Richard schwanger war, ging sie weiterhin zur Arbeit. Erst im fünften Monat der Schwangerschaft gab sie die Tätigkeit auf. Die Dämpfe der Chemikalien sowie eine schlechte Belüftung in der Fabrik verursachten ihr Übelkeit. Sie fühlte sich benommen und schwach.

Richards Schwangerschaft war nicht geplant. Dennoch wurde das Kind von allen Familienmitgliedern geliebt. Insbesondere seine Schwester Ruth war in das Baby vernarrt und kümmerte sich häufig um den kleinen Bruder. Julian und Mercedes Ramirez bemühten sich nach Kräften, den Kindern ein gutes Zuhause zu bieten. Ihr Einkommen war begrenzt und reichte oftmals nur aus, um über die Runden zu kommen.

Inhaltsverzeichnis

Kindheitsprobleme

Von dem wenigen Geld bezahlten sie auch noch 15 Operationen, die ihr ältester Sohn Joseph über sich ergehen lassen musste. Joseph kränkelte seit Kindesbeinen und litt an schwerwiegenden Knochenproblemen. Ärzte hatten die Vermutung geäußert, dass seine Missbildungen eine Folge radioaktiven Niederschlags bzw. erhöhter radioaktiver Strahlung sein könnten. Die Familie hatte geraume Zeit im Bundesstaat New Mexico verbracht, in dem das US-Militär seinerzeit Atomwaffentests durchführte.

Die beiden jüngeren Brüder Ruben und Robert bereiteten auf andere Art und Weise Probleme. Beide waren schon in der Schule verhaltensauffällig und offenbarten Lernschwierigkeiten. Sie schnüffelten Klebstoff, stahlen Autos und brachen in Häuser ein. Mehrfach gerieten sie mit dem Gesetz in Konflikt.

Richard Ramirez wiederum erlitt als Kind zwei ernsthafte Kopfverletzungen. Während des ersten Unfalls war der Junge zwei Jahre alt. Eine Kommode stürzte um und begrub das Kind unter sich. Die Kopfwunde musste mit 30 Stichen genäht werden. Als Ramirez fünf war, wurde er auf einem Spielplatz von einem Schaukelsitz am Kopf getroffen. Er blieb vorübergehend bewusstlos. In der Folge traten bei ihm wiederholt epileptische Anfälle auf, die bis zur Pubertät anhielten.

Cousin Mike

Bis zur siebten Klasse waren seine schulischen Leistungen überdurchschnittlich gut. Im Alter von 13 Jahren baute er jedoch zunehmend ab. Ein Jahr zuvor war er unter den Einfluss seines Cousins Mike geraten. Der Cousin hatte über zwei volle Dienstzeiten als Green Beret im Vietnam-Krieg gedient und dabei vier Auszeichnungen erhalten. Gleichzeitig hatte er bizarre Andenken aus dem Krieg heimgebracht: Unzählige Polaroids, die Folteropfer, Verstümmelungen und Vergewaltigungen zeigten. Die Fotos hinterließen mächtig Eindruck bei Richard Ramirez.

Mikes Frau Jessie war hingegen überhaupt nicht angetan von der Wesensveränderung ihres Mannes nach seiner Rückkehr. Er prahlte mit seinen sexuellen Eroberungen in Asien, erzählte Geschichten, die nur so von Brutalitäten strotzten, und kiffte die übrige Zeit Joints. Die Konflikte zwischen dem Ehepaar schaukelten sich zunehmend hoch, bis die Situation eines Tages eskalierte. Mike schoss seiner Frau am 4. Mai 1973 mit einem Revolver ins Gesicht. Richard Ramirez war Augenzeuge der Tat.

Der Staatsanwalt klagte den Kriegsveteranen wegen Mordes an. Mikes Anwalt plädierte auf vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit. Kriegshelden genossen in der US-amerikanischen Gesellschaft seit jeher einen Sonderstatus. Das Gericht ließ Milde walten. Der Mordvorwurf war vom Tisch. Der Richter ordnete eine Therapie an und eine Zwangseinweisung in eine psychiatrische Anstalt. Sollte die Therapie nach Einschätzung der Ärzte erfolgreich verlaufen, war Mike wieder ein freier Mann.

Früh übt sich

Mikes Einfluss auf Richard Ramirez war nachhaltig. Dessen Interesse an der Schule war vollkommen erloschen. Der 13-Jährige hatte dank seines Cousins Geschmack an Marihuana gefunden. Doch das Gras gab es nicht kostenlos. Sein Bruder Ruben, der inzwischen in Los Angeles lebte, brachte ihn auf die Idee, wie er sein neues Hobby finanzieren konnte. Ruben war heroinsüchtig. Das nötige Geld beschaffte er sich mithilfe von Einbrüchen. Richard Ramirez riss von zu Hause aus und ließ sich von seinem Bruder anlernen.

Die Eltern fanden schließlich heraus, wo sich ihr jüngster Sohn aufhielt, und zwangen ihn zur Rückkehr nach El Paso. Der Junge war bockig, ließ sich nichts sagen und lehnte sich gegen seinen Vater auf, den er als Tyrannen wahrnahm. Beide waren von hitzigem Temperament. Als die Lage eskalierte, zog Richard Ramirez bei seiner Schwester Ruth ein, die mittlerweile geheiratet hatte.

Richard Ramirez kam vom Regen in die Traufe. Ruths Ehemann Roberto war ein Voyeur, der nachts um die Häuser zog und die Frauen in der Nachbarschaft ausspionierte. Sein minderjähriger Schwager begleitete ihn auf seinen nächtlichen Spanner-Exkursionen. „Mein Bruder hat kaum geschlafen“, sagte Ruth später. „Er war einer jener Menschen, die mit sehr wenig Schlaf auskommen. Er konnte die ganze Nacht auf Beinen sein und es machte ihm nichts aus.“

Vorfall im Holiday Inn

In dieser Zeit experimentierte Richard Ramirez mit LSD und anderen halluzinogenen Drogen. Als er auf die High School kam, nahm er einen Job in einem Holiday Inn an. Der Hauptschlüssel verschaffte ihm Zutritt zu allen Zimmern im Gebäude. Er nutzte den Vorteil für sich aus, um hier und da Wertgegenstände zu entwenden. Er war vorsichtig genug, dass der Verdacht dabei nicht auf ihn fiel.

Es blieb nicht bei Diebstählen. Er versteckte sich hinter den schweren Vorhängen und beobachtete weibliche Hotelgäste, wie sie sich auszogen, wie sie duschten, wie sie schliefen. Das bloße Schauen reichte ihm eines Tages nicht mehr. Er überwältigte eine der Frauen von hinten, fesselte und vergewaltigte sie. Überraschend kehrte der Mann der Frau ins Zimmer zurück. Er verdrosch Ramirez und rief die Polizei.

Die Sache kam zur Anzeige. Richard Ramirez behauptete, die Frau habe ihn zum Sex verführt. Als ihr Mann unerwartet zurückgekehrt sei, habe sie Angst vor den Konsequenzen bekommen und ihn der Vergewaltigung bezichtigt. Seine Familie glaubte ihm die Geschichte. Der Junge war doch erst fünfzehn. Das Paar stammte aus einem anderen Bundesstaat und weigerte sich, den weiten Weg in Kauf zu nehmen, um gegen Richard Ramirez vor Gericht auszusagen. Die Klage wurde fallen gelassen. Ramirez ging straffrei aus.

Zwei Jahre später, Ende 1977, wurde Ramirez‘ Cousin Mike aus der Psychiatrie entlassen. Die beiden trafen sich wieder häufig. Jetzt tauschten sie weit mehr als nur Kriegsgeschichten und Polaroids aus. Richard Ramirez erklärte seinem Cousin, wie man einen Einbruch durchführte, ohne Spuren zu hinterlassen. Mike brachte seinem Zögling im Gegenzug Nahkampftechniken bei.

AC/DC und Satanismus

1978 wurde Richard Ramirez achtzehn. Er brach die High School in der neunten Klasse ab, verließ mit Anfang 20 El Paso und zog nach Los Angeles um. Dort kam er zunächst bei seinem Bruder Ruben unter, geriet aber immer wieder mit dessen Frau in Konflikt. Ruben warf den Bruder raus, der zu diesem Zeitpunkt bereits kokainsüchtig war. Er stieg später auf Phencyclidin um (kurz: PCP oder auch Angel Dust genannt). Einer regelmäßigen Arbeit ging er nicht nach. Er finanzierte seine Sucht nach wie vor mit Einbruchdiebstählen.

Richard Ramirez hatte bereits in der Jugend ein aufbrausendes Temperament gehabt. Der Drogenkonsum verstärkte seine Aggressionen noch und führte zu mehreren Verhaftungen wegen Besitzes illegaler Betäubungsmittel. In Kalifornien wurde er zudem zweimal wegen Autodiebstahls verhaftet, 1981 in Pasadena und 1984 in Los Angeles. Ansonsten lebte er in den Tag hinein und ernährte sich vorwiegend von Junkfood aus dem Supermarkt. Die stark zuckerhaltige Nahrung hatte binnen weniger Jahre sein Gebiss zerstört.

Sein einziges Hobby war die Musik. Genauer gesagt: Heavy Metal. In den Texten ging es häufig um Sex, Drogen und Satan. Insbesondere die australische Band AC/DC und deren Album „Highway to Hell“ hatten es ihm angetan. Eines der Lieder auf der Platte enthielt einige Textstrophen, die im Rückblick wie eine Blaupause für Ramirez‘ spätere Taten wirkten. Im Song „Night Prowler“ hieß es sinngemäß übersetzt: „War da ein Geräusch vor dem Fenster? Was ist das für ein Schatten auf der Jalousie? Du liegst nackt da wie eine Leiche im Grab, kannst dich nicht regen, während ich in dein Zimmer schlüpfe.“

Zu dieser Zeit begann Ramirez über Anton LaVey, den Gründer der Church of Satan in San Francisco, zu lesen. Er schloss sich zwar nicht dem Kult an, teilte aber die Glaubenssätze. Als seine Schwester Ruth ihn in Los Angeles besuchte, versuchte er ihr zu erklären, wieso er, der einer streng katholischen Familie entstammte, jetzt ausgerechnet den Teufel anbetete: „Weil Satan für all das steht, was ich in mir fühle. Ich bin nicht wie die übrigen Menschen. Ich bin anders. Ich habe eine Berufung. Ich bin ein Dieb, Ruth, und zwar ein verdammt guter. Ich will aber nicht im Gefängnis enden. Und das werde ich auch nicht. Denn ich stehe unter dem Schutz von Luzifer.“

Es gibt keine Hinweise darauf, dass Richard Ramirez bereits vor seinem Umzug nach Los Angeles gemordet hat. Über seine ersten Jahre in der kalifornischen Metropole ist allerdings bis auf die eben genannten Details wenig bekannt. Polizei und Staatsanwalt mutmaßten deshalb, dass sich sein Wandel vom Dieb und Einbrecher zum Serienvergewaltiger und -mörder langsam vollzog. Mit jedem Einbruch wurde er geübter und selbstbewusster. Er nahm mehr Risiken in Kauf. Zum Beispiel, indem er länger in einer Wohnung verweilte, als notwendig war.

Vielleicht schlich er sich bei diesen Gelegenheiten in die Schlafzimmer der Opfer, beobachtete sie nur, genoss die Macht und spielte Fantasien in seinem Kopf durch. Möglicherweise nahm er neben den Wertgegenständen auch persönliche Gegenstände an sich, die er behielt. Mithilfe der Souvenirs konnte er seine Fantasien erneut durchleben. Aber irgendwann reichte ihm die Erregung, die er aus der Fantasie bezog, nicht mehr aus. Er wollte mehr. So zumindest die Theorie der Ermittlungsbehörden. Tatsache ist: Man ist sich nicht sicher, wann die Verbrechensserie genau begann. Der früheste Mord, der dem Night Stalker heute zur Last gelegt wird, datiert auf April 1984 (dazu in Kapitel 6 mehr). Ramirez hat nie ein Geständnis abgelegt.

Aussichtsloses Unterfangen

Normalerweise rissen sich in den USA ehrgeizige Anwälte darum, einen Mandanten wie Richard Ramirez zu vertreten, auch gerne unter Verzicht auf ein Anwaltshonorar. Denn solch ein Fall versprach maximale Aufmerksamkeit der Medien. Die Publicity wiederum ließ sich später in bare Münze umwandeln, wenn Klienten von dem Staranwalt vertreten werden wollten, den jeder aus dem Fernsehen und den Zeitungen kannte.

Doch der Fall Ramirez ließ die Anwaltsriege kalt. Die Beweislage vor Prozesseröffnung war schlichtweg erdrückend. Und der Klient trat nicht gerade auf wie das sprichwörtliche Unschuldslamm. Als Staranwalt konnte sich nur jemand profilieren, der dank geschickter Prozessführung und Argumentation für seinen Klienten vor Gericht mehr herausschlug, als vorab zu erwarten gewesen wäre. In diesem Fall schien das Unterfangen aussichtslos.

So bekam Richard Ramirez zunächst einen Pflichtverteidiger zugeteilt. Alan Adashek sah nur eine realistische Chance für seinen Mandanten, der Todesstrafe zu entkommen: Er musste auf geistige Unzurechnungsfähigkeit plädieren. Davon wollte Richard Ramirez aber nichts wissen. Im Gegenteil: Anfänglich wollte er sich sogar schuldig bekennen, was er aber später verwarf. Er wollte jedoch keinesfalls als „Irrer“ wahrgenommen werden, der nicht wusste, was er tat.

Was war das Motiv für die taktische Herangehensweise? War Ramirez in Wahrheit ein grundehrlicher Charakter, den die Gewissensbisse zur Aufrichtigkeit trieben? Wohl kaum. Bei seinen Taten drehte sich alles um die Macht, die er über seine Opfer ausüben konnte. Dieses Machtgefühl war die entscheidende Triebfeder seiner Verbrechen. Ramirez merkte schnell, dass er auf diesen speziellen Kick auch nach seiner Verhaftung nicht verzichten musste, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Serienkiller mit Groupies

Denn seine Selbstinszenierung als Satanist machte ihn in der öffentlichen Wahrnehmung erst interessant. Der Loser mit den kaputten Zähnen, der in seinem Leben nie etwas auf die Reihe bekommen hatte, verwandelte sich plötzlich in eine schillernde Figur, die die Schlagzeilen beherrschte. Ähnliches hatte man bereits bei Typen wie Charles Manson oder Ted Bundy erlebt.

Seine Unangepasstheit, sein trotziges Verhalten, das ihm bisher nur Ärger eingehandelt hatte, erregte Aufmerksamkeit. Viele Beobachter fanden die Auftritte widerlich, insbesondere vor dem Hintergrund der ihm vorgeworfenen Taten und dem Leid, das er anderen Menschen zugefügt hatte. Aber eine Minderheit fühlte sich von dieser Ausgeburt der Hölle, wie er sich selber gerne sah, unwiderstehlich angezogen.

Plötzlich interessierten sich sogar Frauen für ihn, ohne dass er ihnen eine Knarre an den Kopf halten musste. Ramirez war nie in einer festen Beziehung mit einer Frau gewesen. Sexuelle Kontakte unterhielt er allenfalls zu Prostituierten. Jetzt erhielt er reihenweise Post von weiblichen Fans, die an seine Unschuld glaubten, ihn anhimmelten und ihm ganz offen sexuelle Avancen machten. Später saßen viele dieser „Groupies“, wie die Medien über die Frauen urteilten, regelmäßig im Gerichtssaal und verfolgten die Verhandlung.

Verachtung für das „System“

Ramirez dürfte also durchaus das Gefühl gehabt haben, weiterhin Macht über Menschen auszuüben. Um in den Genuss dieses Kicks zu kommen, durfte er jedoch nicht aus der Rolle fallen, der er seinen zweifelhaften Ruhm verdankte. Also bediente er permanent die Erwartungshaltung von Medien und „Groupies“.

Er starrte mit finsterem Blick in die Kameras. Er machte das Teufelszeichen. Er malte sich ein Pentagramm auf die Handinnenfläche und reckte die Hand hoch. Und er drückte permanent seine Verachtung für das „System“ und seine Vertreter aus. Sie würden ihn ja ohnehin zum Tode verurteilen. Da musste er auch keine Rücksicht auf seine Außendarstellung nehmen und konnte sich so geben, wie ihn die Gesellschaft seiner Ansicht nach wahrnehmen sollte. Sie sollten sich vor Angst in die Hosen machen.

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Richard Ramirez, 24.10.1985

Die Konsequenz war, dass Richard Ramirez seinen Pflichtverteidiger Adashek feuerte, der seinen Plänen im Weg stand. Stattdessen engagierte er über seine Familie das Anwaltsduo Arturo Hernandez und Daniel Hernandez, trotz Namensgleichheit nicht miteinander verwandt.

Beide Anwälte waren nahezu unerfahren im Bereich Kapitalverbrechen. Es gab ernsthafte Zweifel an ihrer Qualifikation für ein Verfahren, bei dem es um die Todesstrafe ging. Dennoch ließ das Gericht die Ernennung zu und ordnete dem Angeklagten – allerdings erst sehr viel später – noch einen dritten, in diesem Bereich des Strafrechts erfahrenen Verteidiger zu.

Die vorläufige Anhörung wurde für den 6. März 1986 anberaumt. Bei dieser Gelegenheit sollte das Gericht klären, ob genügend Indizien vorlagen, die ein Verfahren gegen Ramirez rechtfertigten. Für die Staatsanwaltschaft ein leichtes Unterfangen. Sie erhob Anklage wegen insgesamt 14 Morden und 31 weiterer Straftaten. Zusätzlich drohten dem Beschuldigten mindestens eine Mordanklage in San Francisco sowie ein Verfahren wegen Vergewaltigung und versuchten Mordes im Orange County. Diese Fälle sollten nicht im Los Angeles County verhandelt werden.

Unzählige Anträge

Recht bald wurde klar, worin die juristische Strategie von Ramirez‘ Anwälten bestand. Sie stellten fleißig Antrag um Antrag, um den eigentlichen Prozess so lange wie möglich hinauszuzögern. Die Auswahl der Geschworenen, die unmittelbar vor der Beweisaufnahme stattfand, konnte erst ab dem 22. Juli 1988 abgehalten werden. Seit Ramirez‘ Verhaftung waren da fast schon drei Jahre verstrichen. Und bis zum Prozessauftakt verging noch ein weiteres halbes Jahr.

Die Anträge der Verteidigung zielten vor allem auf den Gerichtsort, die angebliche Befangenheit der Richter und den Klageumfang. Zudem monierten die Anwälte immer wieder, dass man mehr Zeit für eine angemessene Vorbereitung auf den Prozess brauche. Die Verteidiger argumentierten zum Beispiel, dass mehr als 90 % der Bevölkerung in Los Angeles die Berichterstattung über den Fall in den Medien verfolgt hätten. Ein fairer Prozess sei unter diesen Umständen nicht zu erwarten, da schon längst eine Vorverurteilung ihres Klienten stattgefunden habe.

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Richard Ramirez, 9.10.1985

Hinsichtlich des Klageumfangs wollte die Verteidigung erreichen, dass die zusammenhängende Gesamtklage in ein halbes Dutzend Einzelverfahren aufgeteilt wurde. Die Anwälte spekulierten darauf, vor diesem Hintergrund leichter Beweise in Zweifel ziehen zu können.

Einfaches Beispiel: Im Sammelverfahren würde die Staatsanwaltschaft die identischen Abdrücke des Avia-Sportschuhs präsentieren. Für die Geschworenen ein Indiz, dass derselbe Täter die verschiedenen Verbrechen begonnen hatte. In einem Einzelverfahren wäre aber möglicherweise nur ein einziger Abdruck präsentiert worden.

Dass dieser auch an anderen Tatorten aufgetaucht war, durfte dann höchstwahrscheinlich nicht im Gericht erwähnt werden. Die Spur bewies dann in dem Fall gar nichts, weil die Polizei beim Beschuldigten keine zu den Abdrücken passenden Schuhe vorgefunden hatte.

Ab November 1987 stand schließlich fest, an welchem Gericht der Fall verhandelt würde. Zuständig war der Oberste Gerichtshof Kaliforniens. Zum vorsitzenden Richter wurde Michael Tynan ernannt. Bezirksstaatsanwalt Phil Halpin reichte nun offiziell Anklage ein. Die Ermittlungsakten enthielten mehrere Hunderttausend Seiten Papier. Ein Zeuge der Anklage war bereits verschieden.

Mordkomplott gegen den Staatsanwalt?

Am 21. Juli 1988 begann die Auswahl der Geschworenen, die sich bis zum 10. Januar 1989 hinzog. Die zwölfköpfige Jury bestand schließlich aus sechs Afroamerikanern und sechs Latinoamerikanern. Dazu kamen zwölf Ersatz-Geschworene.

Am 3. August berichtete die L.A. Times, dass Gefängnisangestellte von einem Mordkomplott erfahren haben wollten. Ramirez plane angeblich, den Staatsanwalt während des Prozesses zu erschießen. Vor dem Eingangsbereich ließ man einen Metalldetektor aufstellen. Der täglichen Kontrolle mussten sich alle Besucher des Gerichtssaals unterziehen, einschließlich der Anwälte. Es ergaben sich jedoch nie konkrete Hinweise, dass die Bedrohung real war.

Am 30. Januar 1989 eröffnete Richter Tynan schließlich die Beweisaufnahme. Während der Staatsanwalt ein Eröffnungsplädoyer hielt, verzichtete die Verteidigung von Ramirez darauf. Die konkrete Prozessstrategie blieb zunächst im Unklaren. Bis zum 14. April 1989 rief die Anklage 137 Zeugen auf und präsentierte 521 Beweismittel. Die Verteidigung begann mit ihrer Beweisaufnahme am 9. Mai. Nun wurde deren Stoßrichtung klar.

Zeugenaussagen in Zweifel gezogen

Die Anwälte zweifelten die Aussagen einiger Tatzeugen an. Die Ereignisse lagen bereits vier Jahre zurück. Manche Erinnerung war da schon verblasst. Und nicht alle Tatopfer waren noch in der Lage, Richard Ramirez eindeutig als ihren Peiniger zu identifizieren. Die Mehrzahl aber doch. Die Verteidigung rief die Psychologin Elizabeth Loftus als Sachverständige in den Zeugenstand. Loftus arbeitete an der Universität von Washington und galt als Expertin für Zeugenaussagen.

Sie sagte sinngemäß aus, dass Opfer einer Gewalttat hohem Stress ausgesetzt seien, der ihre Wahrnehmung gravierend beeinträchtigen könne. Sie behauptete zudem, dass die Wahrscheinlichkeit für Fehler noch steige, wenn Opfer und Täter unterschiedlichen Ethnien oder Rassen angehörten. Denn dann trete – salopp formuliert – verstärkt der Effekt auf: Die sehen irgendwie alle gleich aus.

Während des Kreuzverhörs musste die Expertin jedoch einräumen, dass solche verzerrten Zeugenaussagen vornehmlich dann zustande kommen, wenn die Beobachtung nur von kurzer Dauer war. Etliche der Tatopfer waren ihrem Martyrium jedoch über Stunden ausgesetzt gewesen. Sie hatten den Täter dabei aus nächster Nähe beobachten können und der Polizei detaillierte Täterbeschreibungen geliefert, die mehrere Phantomzeichnungen hervorbrachten. Diese Skizzen wiesen durchaus Ähnlichkeit mit den hervorstechenden äußeren Merkmalen von Richard Ramirez auf.

Ein fragwürdiges Alibi

Eine weitere Trumpfkarte der Verteidiger: Julian Ramirez, der Vater des Angeklagten, bezeugte vor Gericht, dass sein Sohn ab dem 24. Mai 1985 für acht Tage in El Paso, Texas, weilte. Während dieser Phase waren mehrere Verbrechen geschehen, die die Behörden Ramirez zu Last legten. Die Anklage lud daraufhin den Reporter David Hancock vor.

Er hatte im August 1985 Julian Ramirez interviewt, als noch nach seinem Sohn gefahndet wurde. Seinerzeit hatte der Mann noch behauptet, den Jungen seit mindestens zwei Jahren nicht mehr gesehen zu haben. Zudem war es den Ermittlern gelungen, einen Zahnarzt aufzutreiben, der Ramirez in der besagten Zeitspanne behandelt hatte. Die dabei angefertigten Röntgenbilder bewiesen eindeutig, dass es sich bei dem Patienten um Richard Ramirez gehandelt hatte.

Die ermordete Geschworene

Nach einer zweitägigen Einweisung durch den Richter begannen die Geschworenen schließlich am 26. Juli mit ihrer Urteilsberatung. Diese Prozessphase wurde jedoch von einem ungewöhnlichen Ereignis überschattet. Am 14. August erschien die Geschworene Phyllis Singletary nicht zum vereinbarten Zeitpunkt im Gericht. Die Frau war in der Nacht zuvor in ihrer Wohnung erschossen worden.

Die Nachricht sprach sich in Windeseile unter den übrigen Geschworenen herum. Ihr erster Gedanke: Eines von Ramirez‘ „Groupies“ hatte den Mord begangen, um die Verhandlung zu sabotieren. Die Jury-Mitglieder fürchteten um ihr Leben.

Richter Tynan versammelte am nächsten Tag alle Geschworenen vor Gericht und erläuterte ihnen den bisherigen Erkenntnisstand in dem Fall. Demnach war der Mörder der Lebensgefährte von Phyllis Singletary. Gegen den Mann hatte schon früher eine Anzeige vorgelegen, weil er seine Freundin körperlich misshandelt hatte. Tynan versicherte den Jury-Mitgliedern, dass der Vorfall in keinem Zusammenhang zu dem Prozess stünde.

Das war allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn wenig später entdeckte die Polizei die Leiche des Lebensgefährten in einem Hotelzimmer. Der Mann hatte sich selbst erschossen und ein schriftliches Geständnis für den Mord an seiner Freundin Phyllis Singletary hinterlassen. Daraus ging hervor, dass das Paar häufiger über den Ramirez-Fall gestritten habe. Insbesondere ihre negative Einstellung gegenüber den Verteidigern des Mordverdächtigen habe ihn wütend gemacht.

Abgefuckt

Wenig überraschend versuchte die Verteidigung, das Geschehen für ihre Zwecke auszunutzen. Sie verlangte einen neuen Prozess, da das Geschehen Einfluss auf die Beurteilung des Angeklagten durch die Geschworenen nehmen könnte. Der Sprecher der Geschworenen versicherte dem Gericht jedoch, dass der Vorfall keinerlei Auswirkungen auf die Entscheidungsfindung haben werde.

Das Gericht lehnte das Ansinnen der Anwälte ab. Als Ramirez von der Entscheidung erfuhr, rastete er im Gerichtssaal aus. Alles sei „abgefuckt“. Der Mann beruhigte sich auch nach Ermahnungen seitens des Richters nicht. Den Rest des Verfahrens durfte er deshalb aus einer Arrestzelle im Gericht heraus verfolgen, wo man ihm einen Fernseher aufstellte, der die Verhandlung übertrug.

Einstimmiges Urteil

Nach fast zwei Monaten Beratung verkündeten die Geschworenen, dass sie zu einem einstimmigen Urteil gelangt seien. Sie erachteten Richard Ramirez in allen 43 Anklagepunkten für schuldig, darunter 13 Morde, fünf Mordversuche, 11 Vergewaltigungen und 14 Einbruchdiebstähle. Bei 19 Anklagepunkten sahen sie es zudem als erwiesen an, dass die besonderen Merkmale für die Verhängung der Todesstrafe erfüllt seien.

Als Ramirez anschließend die Arrestzelle verließ, zeigte er den anwesenden Reportern das Teufelszeichen – eine Faust mit emporgerecktem kleinen Finger und Zeigefinger. Sein einziger Kommentar lautete: „Evil“ (böse). Rund zwei Wochen später, am 3. Oktober, bestätigten die Geschworenen auch das bereits im Vorfeld erwartete Strafmaß: die Todesstrafe. Ramirez selbst hatte zuvor darauf verzichtet, mildernde Umstände für ein geringeres Strafmaß anzuführen.

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Richard Ramirez, 22.10.1985

Letzte Worte

Abgesehen von dem erwähnten Gefühlsausbruch machte Ramirez die meiste Zeit den Eindruck, als würde ihn der Prozess eher langweilen. Er erschien meist in schwarzer Kleidung, trug eine Sonnenbrille, trommelte mit den Fingern auf den Tisch, wippte mit dem Kopf, als hätte er Kopfhörer auf und würde laute Rockmusik hören.

Als Richter Tynan ihn aber am 9. November offiziell 19 Mal zum Tode verurteilte, zeigte er erstmals so etwas wie ernsthaftes Interesse am Prozess. Wie üblich durfte der Angeklagte vor Anklageverlesung noch letzte Worte an das Gericht richten. Ramirez nutzte die Gelegenheit für eine Rede, in der er sich der Welt zu erklären versuchte – oder auch nicht.

„Ihr versteht mich nicht. Das erwarte ich von euch auch gar nicht. Dazu seid ihr überhaupt nicht in der Lage. Ich bin jenseits eures Erfahrungshorizonts. Ich stehe jenseits von Gut und Böse […] Ich werde gerächt werden. Luzifer wohnt in uns allen […] Ich glaube nicht an das heuchlerische, moralistische Dogma dieser sogenannten zivilisierten Gesellschaft […] Ihr Würmer macht mich krank! Heuchler, einer wie der andere […] Ich muss mir nicht die Erklärungen der Gesellschaft anhören. Ich habe sie alle schon mal gehört […] Legionen der Nacht, Saat der Nacht, wiederholt nicht die Fehler des nächtlichen Herumtreibers* und zeigt keine Gnade.“

* Anm. d. Autors: im englischen Original „Night Prowler“ wie im AC/DC-Song

Richard Ramirez kam nach seiner Verurteilung nach San Quentin in den sogenannten Todestrakt. Damals war er knapp 30 Jahre alt. Irgendjemand hat mal ausgerechnet, das er dort gemäß den Erfahrungen mit dem kalifornischen Berufungsrecht vermutlich bis zu seinem 70. Lebensjahr einsitzen würde, bevor das erste von neunzehn Todesurteilen vollstreckt werden würde.

Todeskandidat auf Freiersfüßen

Die Wartezeit verkürzte sich der Häftling mit einer Heirat. Die gleichaltrige Doreen Lioy stand etwa seit seiner Verhaftung in Kontakt zu Richard Ramirez. Sie arbeitete als freischaffende Journalistin für mehrere Magazine, hatte einen Hochschulabschluss in englischer Literatur und angeblich einen IQ von 152. Sie schickte ihm in den ersten Jahren seiner Inhaftierung rund 75 Briefe zu. Er schlug ihr bereits 1988 eine Heirat vor. Aber es dauerte bis 1996, bis die Hochzeit tatsächlich vollzogen wurde.

Andere Frauen buhlten ebenso um die Aufmerksamkeit von Richard Ramirez. Mindestens eine Konkurrentin drohte ihr körperliche Gewalt an, sofern sie ihr Objekt der Begierde nicht aufgab. Hinzu kam, dass die Heirat eines Gefängnisinsassen mit hohen bürokratischen Hürden verbunden war.

Die Hochzeitszeremonie fand am 3. Oktober 1996 im Hauptbesuchssaal des Gefängnisses statt. Die Braut trug ein wadenlanges, weißes Brautkleid mit langen Spitzenärmeln. Der Bräutigam war in einem gestärkten Gefängnisdrillich gewandet. Die Hose ein wenig zu lang, das Hemd über der Hose. Sie hatte Ringe aus Platin besorgt. Denn Ramirez hatte ihr eingeschärft: „Satanisten tragen kein Gold“.

Ebenfalls anwesend waren Ramirez‘ Schwester Ruth, sein Bruder Joseph und Josephs Tochter. Nach der Trauung war Schluss mit weiteren Intimitäten. Irgendwelche „Begegnungszellen für Paare“ waren nach kalifornischem Recht für Insassen des Todestrakts schlichtweg nicht vorgesehen.

Der erste Mord

Zudem ist unklar, wie diese unter ungewöhnlichen Umständen geschlossene Ehe letztlich endete. Es gibt Quellen, die behaupten, Lioy habe sich etwa 2009 von Ramirez getrennt. Damals tauchten Berichte in den Medien auf, Ramirez sei auch der Mörder eines 9-jährigen Mädchens in San Francisco gewesen.

Dort war am 10. April 1984 die Leiche von Mei Leung im Keller eines Apartmentgebäudes 765 O’Farrell Street gefunden worden. Der oder die Täter hatten das Kind geschlagen und vergewaltigt, bevor sie es mit einer Stichwaffe töteten. Der Leichnam hing über einem Rohr.

2009 glich die Polizei DNA-Spurenmaterial, das von einem am Tatort sichergestellten Taschentuch stammte, mit der Computerdatenbank ab. Die Probe stimmte mit dem DNA-Profil von Richard Ramirez überein. Der Schauplatz des Verbrechens befand sich im Tenderloin-Viertel.

Dort war Ramirez bekanntlich in den Jahren 1984/1985 mehrfach in einem Hotel abgestiegen. Das Verbrechen datierte noch vor dem Mord an der 79-jährigen Jennie Vincow im Juni 1984 und markiert damit nach heutigem Kenntnisstand den Beginn von Ramirez‘ Mordserie.

Im Prozess 1989 hatte der DNA-Beweis noch keinerlei Rolle gespielt. Das DNA-Verfahren war im Jahr zuvor überhaupt zum ersten Mal in einem Strafprozess zugelassen worden. Im Ramirez-Fall gab es auch keine Notwendigkeit für einen DNA-Beweis angesichts der Indizienkette. Möglicherweise hatte sich Doreen Lioy bis dahin eingeredet, Richard Ramirez sitze zu Unrecht im Gefängnis, weil sie die Beweiskraft von Schuhabdrücken, Munition und Augenzeugenberichten bezweifelte.

Die DNA ihres Mannes am Tatort eines vergewaltigten, misshandelten und getöteten 9-jährigen Kindes könnte aber auch bei ihr zu einem Umdenken geführt haben. Wie auch immer: Die Spur der Frau verliert sich in dieser Zeit.

Tod

Richard Ramirez verstarb am 7. Juni 2013 im Alter von 53 Jahren an Leberversagen. Eigentliche Ursache war eine Krebserkrankung. Zudem litt Ramirez an Hepatitis C infolge seines Drogenkonsums. Ein Termin für die Vollstreckung der Todesstrafe war zu diesem Zeitpunkt noch nicht anberaumt worden. Ebenso forderte niemand die Freigabe seines Leichnams für eine Beerdigung an – weder seine Familie noch seine Frau. Ramirez‘ Leiche endete letztlich im Krematorium.

*****

 

Bücher und Filme zum Fall Richard Ramirez

Sachbücher (englisch)

Clifford L. Linedecker: Night Stalker (1991)
Philip Carlo: The Night Stalker. The Life and Crimes of Richard Ramirez (1996)
Jack Smith: The Night Stalker Killer. Life of Serial Killer Richard Ramirez (2016)

Zusammenstellung von Original-Zeitungsartikeln aus der Los Angeles Times zum Fall

Fotostrecke der Los Angeles Times zu Richard Ramirez

Karte mit markierten Tatorten (Scott Wilson/Los Angeles Times):

 

Dokus (deutsch)

Amerikas Albtraum – Die gefährlichsten Serienkiller der USA: Richard Ramirez (2009)

 

Spielfilme (deutsch)

Manhunt – Eine Stadt jagt einen Mörder (1989)
Regie: Bruce Seth Green

Nightstalker – Die Bestie von L.A. (2002)
Regie: Chris Fisher

 

Spielfilme (englisch)

The Valley Intruder/Nightstalker (2009)
Regie: Ulli Lommel

Kapitelübersicht zum Fall Richard Ramirez

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