(2) Höllenfahrt durch Bayern

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Die Antoninis waren schon bei Reiseantritt nahezu abgebrannt. Obwohl sie bis Messina wollten, hatten sie gerade mal ein paar Taler in der Tasche. Nun trafen sie auf Dorothea Blankenfeld, die unverkennbar aus wohlhabendem Hause stammte, wie ihre teure Garderobe nahelegte.

Das Goldkorsett

Was die Gauner zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen konnten: Das wertvollste Stück ihrer Ausstattung trug sie als Unterwäsche. Denn in ihrem Korsett waren 2.000 Preußische Reichstaler in Gold eingenäht. Das war die für damalige Verhältnisse eine durchaus üppige Mitgift für ihre Hochzeit.

Auch ohne Kenntnis dieses Details reifte zu diesem Zeitpunkt bereits der Entschluss, die Reisebegleiterin zu töten und zu berauben. Für die mittellosen Antoninis war die kostbare Garderobe Grund genug, um zu morden. Kurz hinter Dresden weihte das Ehepaar Carl Marschall in den Plan ein.

Gasthaus in der Talschlucht

Im oberfränkischen Hof an der Saale unterbreitete Joseph Antonini den Vorschlag, Dorothea Blankenfeld im Schlaf durch Rauch zu ersticken. Seine Frau war skeptisch, ob es sich dabei im buchstäblichen Sinne des Wortes um eine todsichere Tötungsart handelte. Sie verschoben den Mordversuch.

Die Unterkunft in Berneck (heute: Bad Berneck im Fichtelgebirge) schien dann aus Sicht der Verbrecher besonders geeignet für einen Mord. Der Ort lag eingangs einer Talschlucht, das Gasthaus weit abseits der übrigen Gebäude. Man hätte die junge Frau töten und die Leiche noch im Schutze der Dunkelheit in den bewaldeten Hängen am Stadtrand verscharren können.

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Von FranzfotoEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Bad Berneck

Doch bei der Ankunft in Berneck trug Therese Antonini nicht ihre Postkutscher-Verkleidung, sondern ein Kleid. Wie sollten sie möglichen Zeugen erklären, dass zwei Frauen aus der Kutsche ausstiegen, aber am nächsten Morgen nur eine wieder einstieg? Sie ließen die scheinbar günstige Gelegenheit ungenutzt verstreichen.

Viel Rauch um nichts

Am nächsten Abend übernachtete die Gesellschaft in Bayreuth. Joseph Antonini schlug erneut vor, Dorothea Blankenfeld mittels Rauchvergiftung zu töten. Er wollte Löcher in den Ofen bohren und nasses Stroh aufs Feuer legen. Doch seine Frau war nach wie vor nicht von der Methode überzeugt.

Wenn das Opfer nun durch den Rauch aufwachen würde? Sie würde vermutlich die Fenster öffnen und den Anschlag unbeschadet überstehen. Aber dann würde der Gastwirt zweifelsohne den Ofen untersuchen und bemerken, dass er manipuliert worden war. Der Verdacht würde doch automatisch auf sie fallen.

Die Antoninis änderten den Plan. Sie wollten Dorothea Blankenfeld jetzt erschlagen. Das Paar schickte Carl Marschall los, einen geeigneten Knüppel zu besorgen. Außerdem sollte er Wasser beischaffen, damit man das Blut aufwischen könne. Doch auch in dieser Nacht kam es nicht zur Tatausführung. „Wegen äußerer Hindernisse“, wie Carl Marschall in seinem Geständnis erklärte.

Glühwein mit Opium

Den Antoninis dämmerte, dass der Mord nicht so einfach zu bewerkstelligen war, wie von ihnen ursprünglich angenommen. Sie wollten zunächst einmal herausfinden, ob sich der Aufwand überhaupt lohnen würde. Dazu mussten sie das Gepäck ihres Opfers durchsuchen. Die Gelegenheit dazu bot sich in Leupoldstein (heute Teil der Gemeinde Betzenstein).

Sie mischten Dorothea Blankenfeld abends etwas Opium in den Glühwein. Als sie eingeschlafen war, schlichen sich die Antoninis ins Zimmer. Den Schlüssel zu ihrem Koffer hatte die Frau unter ihrem Kopfkissen versteckt. Zwar fanden sich kein Geld (und auch nicht das Goldkorsett). Aber Schmuck, feine Wäsche, schöne Männer- und Frauenkleidung. „Allerdings verlohnt es sich der Mühe, sie umzubringen“, urteilte Joseph Antonini hernach laut seinem Schwager.

Glassplitter in der Suppe

Nächste Station der Reise war Nürnberg. Einerseits schien die Stadt den Verschwörern besonders geeignet, um das geplante Verbrechen in die Tat umzusetzen. Gleich mehrere Flüsse boten sich an, in denen man die Leiche versenken könnte. Doch gegenüber dem Gasthaus hatte ein Militärposten Stellung bezogen – zu gefährlich.

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Von Carl Schindler; Die Schildwache in das Gewehr rufend – Wien, Österreichische Galerie, Gemeinfrei, Link

Carl Marschall schlug vor, dem Opfer Glassplitter unter die Suppe zu rühren. Doch dieses Mal äußerte Joseph Antonini Zweifel. Denn er habe mehrfach „aus Kurzweil“ Gläser zerbissen und die Scherben verschluckt. Und ihm sei nie etwas passiert. Der Typ war in mehr als nur einer Hinsicht wunderlich.

Zum Totschlagen gut

Am folgenden Tag hielt die Gruppe in Roth, rund 20 km südlich von Nürnberg. Therese Antonini entdeckte auf dem Speicher des Gasthofs eine Hacke mit drei spitzen Zähnen aus Eisen. „Die ist zum Totschlagen gut“, äußerte sie gegenüber ihrem Mann und Bruder.

Carl Marschall sollte die Tat ausführen. Dazu versteckte er das Werkzeug hinter dem Ofen in der Schlafstube. Seine Schwester erklärte ihm, er solle mit dem breiten Ende der Harke zuschlagen. Das Paar verabreichte Dorothea Blankenfeld wieder einen Schlaftrunk. Außerdem baldowerte man die Umgebung nach einem Ort aus, an dem man die Leiche verschwinden lassen konnte.

Doch an diesem Abend stiegen außergewöhnlich viele Fuhrleute in dem Gasthof ab. Die Antoninis brachen die Vorbereitungen ab. Zu viele potenzielle Zeugen. Die folgenden beiden Nächte in Weißenburg und Donauwörth verliefen ähnlich.

Unter Zeitdruck

Dadurch gerieten die Verschwörer unter Zeitdruck. Denn in Augsburg wollte sich Dorothea Blankenfeld von ihrer Reisegruppe trennen. Letzte Station vor Augsburg war Meitingen.

Auf der Fahrt in die Stadt wollte Joseph Antonini die junge Frau aushorchen. Hielt sie vielleicht noch weitere Schätze verborgen, von denen sie bisher nichts wussten? Er erzählte ihr dazu Gräuelgeschichten über die Tiroler, die seit vier Jahren zum Königtum Bayern gehörten und 1809 einen Volksaufstand angezettelt hatten.

Freischärler aus Tirol hätten sich bis nach Schwaben und Bayern durchschlagen, so Antonini. Dort würden sie nun die Gegend unsicher machen und brave Bürger ausrauben und hinmetzeln. Das sei höchst gefährliches Terrain, das sie in den nächsten Tagen durchqueren wolle.

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Von Joseph Anton Koch: Tiroler Landsturm 1809http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Koch,+Joseph+Anton%3A+Der+Tiroler+Landsturm+im+Jahre+1809, Gemeinfrei, Link

Dem Ganoven gelang es tatsächlich, die junge Frau zu verängstigen. Sie verriet ihm, dass sie eine große Menge Bargeld in ihrem Korsett versteckt hatte. Und dass sie dieses Korsett bereitwillig herschenken würde im Tausch gegen ihr Leben. Damit war ihr Schicksal quasi besiegelt. Die Gier der Antoninis war jetzt so groß, dass sie in dieser Nacht so ziemlich jedes Risiko eingegangen wären, um an die Beute zu gelangen.

Die Mangrolle

Carl Marschall suchte im Posthaus von Meitingen nach einem geeigneten Mordwerkzeug. Er stieß auf eine zwei Kilogramm schwere Mangrolle. Das Holzwerkzeug war eigentlich zum Glätten von Leinenstoffen gedacht. Es ähnelte vom Aussehen einem heute noch gebräuchlichen Nudelholz, verfügte jedoch nur an einer Seite über einen Griff.

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Von GodeNehlerEigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Mangelholz (Mangrolle) und Mangelbrett

Das Ehepaar hatte sich bewusst dafür entschieden, Carl Marschall frühzeitig in die Mordplanung einzubeziehen und ihn nach Möglichkeit zum Alleintäter zu machen. Sie spekulierten darauf, dass die Behörden einen 14-jährigen Jungen nicht zum Tode verurteilen würden. Außerdem könnten sie alle Schuld auf ihn schieben, wenn die Sache auffliegen würde – so die Überlegung.

Joseph Antonini organisierte derweil Kerzen und Branntwein. Mit dem Alkohol wollte er Dorothea Blankenfeld nach dem Abendessen betrunken machen. Um auf Nummer sicher zu gehen, mischte er wieder etwas Opium bei. Um 20.00 Uhr legte sich die so abgefüllte Frau bereits schlafen. Die Antoninis gaben vor, noch ein Fußbad nehmen zu wollen, und schafften so warmes Wasser auf ihr Zimmer.

Flüssiges Zinn

Gegen Mitternacht schlich sich Carl Marschall durch die Verbindungstür in das Zimmer der Dorothea Blankenfeld. Diese lag mit dem Gesicht nach unten im Bett, den Kopf in Richtung Wand gedreht. Die Schlafposition kam dem jugendlichen Haudrauf nun gar nicht zupass. Er kehrte zurück. Die Antoninis diskutierten mal wieder alternative Tötungsmethoden.

Joseph Antonini hatte den spontanen Einfall, dem unglückseligen Opfer in spe flüssiges Zinn ins Ohr zu träufeln. Carl Marschall hingegen hielt es für effektiver, das Zinn in die Augen zu kippen. Sie zerkleinerten tatsächlich einen Zinnlöffel und schmolzen ihn über einer Kerzenflamme. Ein Tropfen fiel zu Boden und härtete sofort aus. Das Zinn erkaltete zu schnell, so dass Resümee der Mörderbrut. Sie wechselten wieder zu Plan A über.

Um 4 Uhr früh huschte Carl Marschall erneut ins Nebengemach. Dieses Mal schlief Dorothea Blankenfeld auf dem Rücken. Joseph Antonini forderte seinen Schwager auf, zuzuschlagen. Jetzt oder nie.

Zitternde Hände

Der Junge holte mit dem schweren Holzstück aus. Der Arm begann zu zittern und er senkte ihn wieder. Der Schwager flüsterte einen Schwall von Schimpfwörtern. Er packte seinen Schwager bei den Händen, hievte sie in die Höhe und schlug der Schlafenden auf die Stirn.

Dorothea Blankenfeld schreckte hoch und schrie. Joseph Antonini warf sich auf sie und drückte ihre Brust nach unten. Therese Antonimi stürmte ins Zimmer und hielt die Füße der Unglücklichen fest.

Dorothea Blankenfeld wimmerte vor Schmerzen und flehte um ihr Leben. Carl Marschall ließ die Keule zu Boden fallen und wollte fliehen. Seine Schwester setzte ihm nach, bekam ihn zu fassen und schob ihn zurück ans Bett. Sie drückte ihm den Holzprügel in die Hand. Der Junge schlug ein zweites Mal zu, ließ die Mangrolle aber sogleich wieder fallen.

Schlag um Schlag

Joseph Antonini war so überrascht, dass er den Griff um Dorothea Blankenfeld lockerte. Sie sprang aus dem Bett, stieß einen schrillen Schrei aus und stürmte auf die Tür zu. Doch ihr Häscher war schneller. Joseph Antonini verpasste ihr wütend Schlag um Schlag auf den Schädel, bis sie zu Boden fiel. Und immer noch hieb er auf sie ein.

Dorothea Blankenfeld röchelte nur noch. Joseph Antonini riss ihr das Nachthemd und das Korsett vom Leib. Dann wollte er die Sterbende schultern und zum Misthaufen hinunter schaffen, um sie dort zu verscharren. Aber sie war ihm zu schwer. Er schleppte sie zurück in die Stube.

Das Opfer lebte immer noch. Joseph Antonini sprang so lange auf ihrem Rumpf herum, bis sie verstummte. Anschließend schnürte er einen Strick um ihren Hals und zog zu. Therese Antonini steckte den Leichnam in einen Sack und umwickelte diesen mit einer Bettdecke, die sie verschnürte. Sie wischte notdürftig das Blut auf, ohne alle Flecken beseitigen zu können.

Vergebliche Winkelzüge

Schließlich zog sie sich das Kleid der Ermordeten an, das diese am Vortag getragen hatte. Aber wie eingangs beschrieben: Diese Maskerade verpuffte wirkungslos. Die Zeugen fielen nicht darauf rein. Die Mörder wurden nur wenige Stunden nach der Tat gefasst.

Das königliche Appellationsgericht zu Neuburg verurteilte Maria Therese und Joseph Antonini zum Tode durch das Schwert. Das Urteil wurde in zweiter Instanz bestätigt. Laut „Münchener Politische Zeitung“ vom 6.6. 1811 starb Joseph Antonini jedoch wenige Tage vor Urteilsvollstreckung an „Vereiterung der Lunge“ im Gefängnis. Therese Antonini richtete man am 1. Juni 1811 hin. Carl Marschall blieb aufgrund seines jugendlichen Alters tatsächlich von der Todesstrafe verschont. Das Gericht verurteilte ihn stattdessen zu einer zehnjährigen Strafe im Arbeitshaus.

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Bücher

 

  • Anselm Ritter von Feuerbach: Aktenmäßige Darstellung merkwürdiger Verbrechen.
  • Dr. J.C. Hitzig & Dr. W. Häring/W. Alexis (Hrsg.): Der neue Pitaval.

 

Weitere Kapitel zum Fall Dorothea Blankenfeld 

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