Categotry Archives: Berühmte Mordfälle

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(4) Ende der Flucht

Categories: John List

John List machte sich als Finanzberater selbstständig. Der Versuch scheiterte. Rund 15 Jahre nach seiner Flucht geriet er erneut in einen Strudel, der seinerzeit ein fatales Ende genommen hatte. Inzwischen war er 55 Jahre alt. Der Arbeitsmarkt war angespannt. Er galt als altes Eisen, kaum noch vermittelbar. Zeitgleich erlebte das Viertel, in dem er mit seiner Frau wohnte, einen unaufhaltsamen Niedergang.

Der Wert der Immobilie sank. Der Hund des Paares lag eines Tages tot vor dem Eingangstor, erschlagen von einem Passanten. Sie mussten verschwinden, hatten aber kein Geld, um irgendwo anders von vorne anzufangen. Delores begann, ihre Partnerwahl zu bereuen. Sie sprach davon, ihn zu verlassen.

In dieser Phase verbrachte er viel Zeit zu Hause und lernte seine Nachbarin Wanda Flannery näher kennen. Sie hörte ihm zu. Wanda Flannery las gerne Boulevardzeitungen. Im Februar 1987 blätterte sie in der „World Weekly News“. Dort entdeckte sie einen Artikel über einen Mann namens John List, der vor vielen Jahren seine gesamte Familie ermordet hatte und entkommen war.

Ein erster Verdacht

Das abgedruckte Foto wies eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zu ihrem Nachbarn Robert Clark auf. Und dann die Merkmale. Die Verhaltensweisen. Der flüchtige Täter war Buchhalter gewesen. Hatte Schwierigkeiten, seinen Job nicht zu verlieren. Und er hatte eine Narbe hinter dem rechten Ohr. Bob Clark hatte ebenfalls so eine Narbe. War es wirklich denkbar, dass der Mann von gegenüber zu solch einem brutalen Verbrechen fähig war?

Wanda Flannery zeigte Delores Clark den Zeitungsartikel, als ihr Mann nicht zu Hause war. Die Nachbarin reagierte verunsichert. Flannery forderte sie auf, ihren Mann mit den Vorwürfen zu konfrontieren. Sie versprach es zwar, aber verwarf schließlich den Gedanken und schmiss die Zeitung weg. Dann fand ihr Mann eine neue Anstellung in Richmond (Virginia). Die Clarks zogen fort. Wanda Flannery blieb zurück, ohne dass sie die Polizei von ihrem Verdacht unterrichtete.

Die Hellseherin

Mittlerweile war der Fall auf dem Schreibtisch von Detective Jeffrey Paul Hummel gelandet, der für die Staatsanwaltschaft in Union County (New Jersey) arbeitete. Er las die Akte, in der Hoffnung nach so vielen Jahren neue Ansatzpunkte für eine Ermittlung zu finden. Eine Spur, die seine Kollegen übersehen hatten. Vergeblich.

In seiner Ratlosigkeit wandte er sich an eine Hellseherin. Er hatte von einer Elizabeth Lerner gehört, die in anderen aussichtslosen Fällen nützliche Hinweise geben konnte. Die Frau lebte ebenfalls in New Jersey. Also kontaktierte er sie.

Er verbrachte rund zwei Stunden bei ihr, in denen er ihr Tatortfotos zeigte. Sie berührte während der Séance deren Rückseite. Sie konnte ihm zwar keinen konkreten Hinweis auf den aktuellen Aufenthaltsort von List geben. Aber überraschenderweise bewahrheiteten sich später einige ihrer Voraussagungen.

  • So behauptete Elizabeth Lerner unter anderem, dass John List noch lebe und nicht mit einem Flugzeug geflüchtet sei. Er sei stattdessen mit Zug oder Bus geflohen. Das stimmte.
  • Außerdem gebe es eine neue Frau in seinem Leben sowie eine Verbindung nach Baltimore (Maryland). Ebenfalls richtig. Er hatte Delores in Baltimore geheiratet.
  • List sei nach Südwesten geflüchtet. Der Bundesstaat Colorado, der erste Zufluchtsort von List, lag im Südwesten der USA.
  • Die Bundesstaaten Florida und Virginia würden ebenfalls eine Rolle in dem Fall spielen. Zumindest bei Virginia lag sie richtig. List war dorthin mittlerweile umgezogen.

In einem Punkt irrte sich Elizabeth Lerner allerdings. Sie prophezeite, dass John List an seinem Geburtstag, dem 17. September, die Gräber seiner getöteten Familie aufsuchen würde. Detective Jeffrey Hummel legte sich zwei Nächte und einen Tag vergeblich auf die Lauer.

America’s Most Wanted

Hummel musste den Fall anschließend wieder abgeben, da man ihn in eine Sonderkommission versetzte. 1988 sah er ein neues Fernseh-Format im US-Fernsehen: „America’s Most Wanted“. Die Sendung war an den deutschen Fernsehklassiker Aktenzeichen XY angelehnt und zeigte bei jeder Ausstrahlung mehrere ungelöste Kriminalfälle als Kurzfilme, in denen Schauspieler echte Verbrechen nachspielten.

Er beriet sich mit seinem Kollegen Captain Frank Marranca von der Mordkommision in Elizabeth (New Jersey). Marranca war der List-Fall inzwischen zugeteilt worden. Machte es Sinn, sich bei „America’s Most Wanted“ mit dem List-Fall zu bewerben? Einen Versuch war es wert. Man hatte nichts mehr zu verlieren.

Die Produzenten der Sendung reagierten zunächst skeptisch. Der Fall lag mittlerweile 18 Jahre zurück. Das Hauptproblem aus ihrer Sicht: Es gab kein aktuelles Foto von John List. Ihren bisherigen Erfahrungen zufolge hatte aber die Bild-Fahndung die größte Aussicht auf Erfolg. Bei allen anderen Fällen kamen kaum brauchbare Hinweise herein.

Da kam den Produzenten eine Idee. Sie kontaktierten Frank Bender, einen Bildhauer und Fotografen aus Philadelphia. Bender hatte sich darauf spezialisiert, Gesichter von unbekannten Toten zu rekonstruieren, die durch Verwesung bereits bis zur Unkenntlichkeit entstellt waren. Er willigte ein, eine Büste auf Grundlage der alten Fotografien herzustellen, die den natürlichen Alterungsprozess berücksichtigte.

Der entscheidende Hinweis

Die Sendung lief am 21. Mai 1989 im US-Fernsehen. 22 Millionen Zuschauer schalteten ein. Der Beitrag über List hatte eine Länge von zehn Minuten. Der Gesuchte selbst zählte normalerweise zu den Stammzuschauern. Doch ausgerechnet an diesem Abend war er mit seiner Frau zu einer Veranstaltung eingeladen.

Dafür verfolgte seine ehemalige Nachbarin Wanda Flannery „America’s Most Wanted“. Die gezeigte Büste wies für sie zwar keine Ähnlichkeit zu Robert Clark auf. Doch ihr bereits bestehender Verdacht wurde dadurch nicht zerstreut. Sie bat ihren Schwiegersohn, bei der eingeblendeten Telefonnummer anzurufen. Er sollte ihnen den Namen und die neue Adresse des Ehepaars Clark in Virginia mitteilen.

Es war einer von 300 Anrufen, die an diesem Abend den Sender erreichten. Das FBI-Büro in Richmond (Virginia) überprüfte den letztlich entscheidenden Hinweis von Wanda Flannery am 1. Juni 1989, knapp zwei Wochen nach der Ausstrahlung von „America’s Most Wanted“. Zwei FBI-Agenten suchten die angegebene Adresse auf. Dort öffnete ihnen Delores Clark die Tür.

Sie zeigten ihr das Fahndungsplakat mit einem alten Foto von John List. Die Beamten fragten die Frau, ob sie den Mann darauf erkenne. Delores Clark wurde blass. Sie gab zu, dass die abgebildete Person gewisse Ähnlichkeiten mit ihrem Mann habe. Doch es könne sich unmöglich um ihren Gatten handeln.

Die Agenten baten die Frau daraufhin um ein aktuelles Foto von Robert Clark. Sie suchte ein Hochzeitsfoto heraus. Für die Ermittler war klar: Das war ihr Mann. Sie wollten von Delores Clark wissen, woher ihr Mann stamme, was er beruflich mache, ob er Narben habe. Ein Puzzlestück fügte sich zum nächsten.

Die Flucht hat ein Ende

Die Agenten forderten Verstärkung an und trafen sich mit den Kollegen an Clarks Arbeitsplatz. John List alias Robert Clark stand gerade am Kopierer, als sie das Gebäude betraten. Sie wiesen sich als FBI-Beamte aus und verlangten von ihm seinerseits ein Ausweisdokument. Dann fragten sie ihn direkt, ob er John Emil List sei. Er verneinte. Er zeigte aber auch keinerlei Verunsicherung oder Verwirrung angesichts der Frage. Die Beamten nahmen ihn fest.

Sobald die Polizei Fingerabdrücke genommen hatte, war klar, dass sie den richtigen Mann verhaftet hatten: Robert Clark war John List, der 18 Jahre zuvor seine Familie ermordet hatte. List war inzwischen 63 Jahre alt. Trotz der Beweislage plädierte List bei der Anhörung vor Gericht auf nicht schuldig, stimmte aber überraschenderweise sofort einer Auslieferung an den Bundesstaat New Jersey zu.

Die Beamten mussten annehmen, dass er sich gegen eine Überstellung sträubte. In Virginia wusste kaum jemand etwas über den Fall. Seine Chancen waren angesichts der erdrückenden Beweislage ohnehin gering. Aber der Gerichtsort New Jersey, wo sich nahezu jeder noch an die Geschichte erinnern konnte, verschlechterte seine Perspektive nochmals.

Ab dem 16. Februar 1990, noch vor dem Prozessauftakt, stritt der Beschuldigte nicht mehr ab, dass es sich bei ihm in der Tat um John List höchstpersönlich handelte. Das späte Geständnis machte es für Elijah Miller, seinen Verteidiger, nicht leichter, eine überzeugende Strategie zu finden. Miller versuchte es mit der Wahrheit.

Er konnte nicht anders

Er nahm Lists schriftliches Geständnis aus dem Jahr 1971, um mithilfe eines Sachverständigen nachzuweisen, dass sein Klient unter einer obsessiv-zwanghaften Persönlichkeitsstörung litt. Angesichts der aussichtslosen Situation, in der er sich zum Zeitpunkt der Morde befunden habe, habe ihm seine kranke Psyche gar keine andere Wahl gelassen.

List sei der festen Überzeugung gewesen, dass ein Leben in einer gottlosen Welt keinen Sinn ergebe. Noch schlimmer aus Sicht von List: Seine Familie habe nur dann ein Anrecht auf das versprochene Paradies im Jenseits erlangen können, wenn er sie durch Mord vor einem Leben in Sünde bewahren konnte.

Die einzige denkbare Alternative wäre ein Leben in Abhängigkeit von der Wohlfahrt gewesen. Das war für seinen Mandanten keine akzeptable Option. Denn sie hätte seine Familie der Lächerlichkeit preisgegeben. Und sie hätte allem widersprochen, was ihn sein Vater gelehrt hatte. Als Haushaltsvorstand musste er seine Angehörigen ernähren können.

Schuldig

Selbst im frommen Amerika verfing diese Argumentation nicht. Staatsanwältin Eleanor Clark rief einen Psychiater in den Zeugenstand, der Lists Zustand lediglich als depressive Phase beschrieb, vergleichbar mit einer Midlife Crisis. Es habe sich bei ihm angesichts des umfassenden Kontrollverlusts ein gewaltiger Frust angestaut. Er habe den eigenen Ansprüchen irgendwann nicht mehr gerecht werden können. Sobald die Wut in einen konkreten Plan mündete und die erste Person sterben musste – seine Frau –, habe es kein Zurück mehr gegeben.

Für die Urteilsfindung spielte das Tatmotiv letztlich eine untergeordnete Rolle. Die Fingerabdrücke, Ballistikberichte, Autopsien und Lists eigene Briefe bewiesen eindeutig, dass er fünf Menschen umgebracht hatte. Der Prozess dauerte daher lediglich sieben Tage. Das Gericht sprach ihn am 12. April 1990 in allen Anklagepunkten für schuldig. Er erhielt fünf Mal lebenslänglich. In den USA bedeutete dieses Urteil, dass er keine Chance hatte, jemals wieder in Freiheit zu gelangen.

John List reichte Berufung gegen das Urteil ein. Einerseits argumentierte er, dass sein Geständnis Teil einer vertraulichen Kommunikation mit Pastor Eugene Rehwinkel gewesen sei. Ähnlich wie eine Beichte hätte es niemals als Beweismaterial vor Gericht zugelassen werden dürfen.

Andererseits berief er sich auf eine posttraumatische Störung infolge seines Wehrdienstes, die ihn zur Bluttat getrieben habe. Wohlgemerkt: John List hatte weder im Zweiten Weltkrieg noch im Korea-Krieg Fronterfahrungen gemacht. Er hielt sich immer in einem Büro auf, weit weg von jeglichem Kriegsgeschehen. Der Stress in der Buchhaltung dürfte sich überschaubaren Grenzen gehalten haben. Sein Widerspruch wurde abgeschmettert.

„So war das halt“

Im März 2002 erhielt die Fernsehjournalistin Connie Chung die Erlaubnis, John List für die Sendung „Downtown“ vom Sender ABC zu interviewen. Es war das erste Mal, dass List sich öffentlich zu den Morden äußerte, wenn man von den Briefen 1971 absah. Er beschrieb in dem Interview auch, wie er genau vorgegangen war.

So schilderte er zum Beispiel, wie er sich am Morgen seiner Frau von hinten genähert hatte und sie in den Kopf schoss, während sie gerade ein Toastbrot aß. Anschließend habe er seine Mutter aufgesucht und sie geküsst, bevor er sie getötet und sich ein Mittagessen zubereitet habe. „Ich hatte Hunger“, sagte er lapidar. „So war das halt.“

Die Reporterin befragte List unter anderem zu dem Detail, warum er mehrfach auf seine Frau, Mutter und seinen Sohn John Jr. geschossen hatte. Ein Sachverständiger hatte in diesem Verhalten einen Overkill vermutet, was für ein hohes Maß an aufgestauter Wut sprach. List wiegelte ab. Er begründete die Schüsse anderweitig. In dem Moment habe sich bei ihm einfach bloß die Anspannung gelöst, „nachdem ich meinen Auftrag erfüllt hatte.“

„Welchen Auftrag?“, fragte Chung. „Nun, den Auftrag, den ich mir selbst erteilt hatte.“

Keine Reue

Chung wollte schließlich wissen, warum List nicht Selbstmord begangen hatte, um einen Schlussstrich zu ziehen, wenn Tod die einzige denkbare Lösung für ihn war, um aus der ausweglosen Situation herauszufinden.

Er berief sich erneut auf die Religion. Selbstmord sei eine Sünde, die ihn von der Aufnahme in den Himmel ausgeschlossen hätte. Im Falle eines Mords habe er allerdings beste Chancen, dass Gott ihm seine Taten vergebe. Tatsächlich ging er im Interview davon aus, dass ihm seine Familie die Tat längst verziehen und den Grund für sein Vorgehen verstanden habe. Er vermutete, dass sie sich wieder bestens verstehen würden, wenn sie alle eines Tages im Himmel wiedervereint seien.

Das Interview machte klar: John List empfand weder Reue für seine Tat, noch schmerzte ihn der Verlust seiner Angehörigen. Dass seine minderjährigen Kinder noch das ganze Leben vor sich hatten und er ihnen die Möglichkeit auf eine Zukunft genommen hatte? Darüber machte er sich gar keine Gedanken. Stattdessen argumentierte er, er habe seinem Vater versprochen, sich um die Mutter zu kümmern und sie nicht leiden zu lassen. Er habe seinen Teil der Abmachung eingehalten.

Tod und D.B. Cooper

John List starb am 21. März 2008 infolge einer Lungenentzündung. Zuvor war er noch in Verdacht geraten, jener geheimnisvolle D.B. Cooper zu sein, der 1972 ein Flugzeug entführt hatte und mit der Lösegeldsumme unerkannt entkommen war. Das FBI war diesem Verdacht nachgegangen.

List stritt ab, mit diesem Verbrechen irgendetwas zu tun zu haben. Der beste Beweis für seine Unschuld in diesem Fall war sein Leben nach den Morden 1971. Er war augenscheinlich nicht in der Lage, ein Leben zu führen, was seinen eigenen Ansprüchen genügt hätte. Die erpresste Summe hätte ihm das – zumindest zeitweise – zweifelsohne ermöglicht. Stattdessen musste er sich mit dem begnügen, wozu ihn seine Anlagen befähigten.

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(3) Vertreibung aus dem Paradies

Categories: John List

Helen Morris Taylor schuf Fakten. Sie behauptete, schwanger zu sein. Für John List stand fest, dass er die Frau jetzt heiraten musste. So traten die beiden am 1. Dezember 1951, nur zwei Monate nach ihrer ersten Begegnung, vor den Traualtar. Bald darauf entpuppte sich die vermeintliche Schwangerschaft als Fehlalarm – oder Finte, um John List zu einer Hochzeit zu bewegen. Wie auch immer: Alma List verzieh ihrem Sohn nie, dass er diese Heirat gegen ihren ausdrücklichen Ratschlag eingegangen war.

Das frisch vermählte Paar verschlug es zunächst nach Kalifornien. Die US Army versetzte John List in die dort ansässige Abteilung für Rechnungswesen. Nach der Entlassung aus dem Militärdienst siedelten die beiden nach Detroit über. Eine renommierte Firma hatte John List einen Job als Buchhalter angeboten. Ihr erstes Kind Patricia kam dort im Januar 1955 zur Welt. Nächste Station war die Kleinstadt Kalamazoo im Südwesten des Bundesstaats Michigan, wo er für eine Papierfirma als Leiter der Revision arbeitete.

Seine Frau, gerade mit dem dritten gemeinsamen Kind schwanger, wirkte deprimiert und entfremdete sich mehr und mehr von ihrem Mann. Als der jüngste Sohn Frederick 1958 schließlich auf der Welt war, pumpte sie sich mit Beruhigungsmitteln voll und griff zur Flasche. Das führte dazu, dass sie sich immer weniger um ihre Kinder kümmerte. Die Erziehungsarbeit blieb nun fast gänzlich am Vater hängen.

Zwar suchte sie in dieser Zeit Hilfe bei einem Psychiater. Das änderte aber nichts an ihrem Zustand. Im Gegenteil. Sie weigerte sich fortan, ihren Mann zum Kirchgang zu begleiten. John List war wie vor den Kopf gestoßen. Ihre älteste Tochter Brenda aus erster Ehe hielt die angespannte Situation im Elternhaus nicht länger aus. Sie heiratete 1960 mit 18 Jahren und verließ den Haushalt.

Ein seltener Wutausbruch

John List fraß den Ärger vorläufig in sich hinein und beklagte sich selten. In seltenen Momenten trieb ihn seine Frau so weit, dass er vor Wut am ganzen Körper zitterte und das Gesicht fleckig anlief. Aber er schrie nicht. Und erst recht wurde er nicht gewalttätig.

Die extremste Reaktion, zu der er sich jemals hinreißen ließ: Er schmiss den Küchentisch um. Seine Frau beeindruckte der ungewohnte Wutausbruch nicht. Sie sagte ihm, sie würde das Chaos bestimmt nicht aufräumen, und ließ ihn einfach stehen. Er kniete nieder und sammelte das zerbrochene Geschirr ein.

Die schlechten Nachrichten im Leben von John List häuften sich. Sein Arbeitgeber fusionierte mit einem anderen Unternehmen und entließ ihn. Er fand eine neue Stelle als Leiter des Rechnungswesens bei Xerox in Rochester (New York), auf der er sich aber nicht lange halten konnte. Dieses Mal blieb er zunächst arbeitslos. Zum ersten Mal hatte er akute Geldsorgen. Seine Frau entfremdete sich immer weiter von ihm und strafte ihn nur noch mit Missachtung.

John List schien nochmals den Kopf aus der Schlinge ziehen zu können, als er eine relativ gut dotierte Stelle als Buchprüfer bei der First National Bank von Jersey City (New Jersey) angeboten bekam. Die Familie zog 1965 nach Westfield. John bat seine Mutter um eine Anzahlung für die Hypothek, damit die Familie „Breeze Knoll“, das Herrenhaus an der Hillside Avenue, kaufen konnte. Alma List erklärte sich einverstanden, allerdings unter einer Bedingung: Sie bekam eine eigene Wohnung in dem Haus.

Schiffbruch

Doch John List hatte seine beruflichen Fähigkeiten maßlos überschätzt. Bei der First National Bank erlitt er nach nur einem Jahr Schiffbruch. Sein Job verlangte nämlich von ihm, dass er Kundenkontakte pflegte und neue Geschäfte an Land zog. Doch List ging jegliches Verkaufsgeschick ab. Seine Social Skills, wie es neudeutsch heißt, waren gänzlich unterentwickelt.

Jetzt sah er sich mit einer gewaltigen Hypothek auf das Haus und hohen Ausgaben konfrontiert. Er wagte es nicht, seiner Frau das erneute berufliche Scheitern zu beichten. Stattdessen verließ er jeden Morgen das Haus, als würde er zur Arbeit gehen. Er verbrachte dann den den ganzen Tag im Bahnhof und las Zeitung oder ein Buch. Er tat dies sechs volle Monate lang.

Das Geld für die Rechnungen entnahm er vom Konto seiner Mutter, auf das er inzwischen Zugriff hatte. Alma List ahnte nichts davon. Als ihr Sohn 1971 die Familie tötete, hatte er fast die gesamten 200.000 Dollar aufgebraucht, die sich ursprünglich auf dem Sparbuch seiner Mutter befanden.

Seine nächste Festanstellung war deutlich schlechter bezahlt. Sein Arbeitgeber war zudem im Bundesstaat New York ansässig. Entsprechend länger war er jeden Tag unterwegs. Auch diesen Job verlor er nach nur einem Jahr. Um flüssig zu bleiben, nahm er eine zweite Hypothek auf.

Pflegefall

1969 diagnostizierte ein Arzt eine zerebrale Atrophie bei Helen List. Mit anderen Worten: Sie war unheilbar an Syphilis erkrankt und die Krankheit war in fortgeschrittenem Stadium. Ihr Gehirngewebe schrumpfte bereits. Der Alkohol- und Medikamentenmissbrauch hatte den körperlichen Verfall zusätzlich beschleunigt. Für irgendeine Art von Behandlung war es zu spät. Der Arzt riet John List, sie in ein Pflegeheim zu geben. Aber er lehnte dies ab.

Um die Alltagssorgen auszublenden, verlor er sich stattdessen zunehmend in seine Hobbys. Er las Bücher über Waffen und wahre Kriminalfälle. Und er entwickelte eine Leidenschaft für Strategiespiele, die sich zur Besessenheit steigerte. Wenn ihm schon in der realen Welt kein Erfolg vergönnt war, dann wenigstens auf dem Spielbrett. Das FBI stieß außerdem auf ein Postfach, das List eröffnet hatte. Dorthin hatte er sich pornografische Werke schicken lassen. Ganz der Saubermann, der er nach außen hin immer vorgab zu sein, war er also nicht.

Seine letzte Tätigkeit war quasi von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Er sollte auf Provisionsbasis neue Anleger für Investmentfonds gewinnen. Bei seinem augenscheinlich nicht vorhandenen Verkaufstalent war es kein Wunder, dass er im letzten Jahr nur 5.000 Dollar eingenommen hatte. Inzwischen schliefen er und seine Frau in getrennten Schlafzimmern. Hauptsache, er konnte ihrer scharfen Zunge ausweichen, die sie trotz Krankheit behalten hatte.

Sodom und Gomorrha

Auch an einer anderen Front entglitt ihm zunehmend die Kontrolle. Die Kinder kamen in die Pubertät und stellten seine strengen Regeln immer häufiger infrage. Die Tochter Patricia ging dabei als ältestes Kind am weitesten. Sie probierte Drogen aus. Sie nahm an okkulten Praktiken teil. Ihr Vater ahnte nichts davon.

So viel brauchte es auch gar nicht, um ihn nachhaltig zu erschüttern. Die 16-Jährige trug die Mode jener Tage und entwickelte ein starkes Interesse an Theater. Beides galt in der begrenzten Vorstellungswelt von John List vermutlich bereits als Teufelswerk.

Dann griff die Polizei seine Tochter im September 1971 auf und lieferte sie bei ihren Eltern zu Hause ab. Was war passiert? Sie war nachts alleine auf den Straßen von Westfield unterwegs gewesen. Unbegleitet und rauchend. Sodom und Gomorrha waren nicht weiter.

So stellte es John List zumindest in seinem Geständnis dar. Seine Frau war schon verloren. Die Tochter befand sich auf Schussfahrt direkt in die Hölle. Richtig ist, dass in dieser Zeit sein Plan, die gesamte Familie auszulöschen, endgültig Gestalt annahm. Und möglicherweise war Patricias Begegnung mit der Polizei tatsächlich so etwas wie ein Startsignal für List.

Abgebrannt

Aber man darf natürlich nicht außer Acht lassen, dass der Mann zu diesem Zeitpunkt bereits völlig abgebrannt war. Schulden bis weit über die Halskrause; Mamas Konto bis auf den letzten Cent geplündert; praktisch schon arbeitslos ohne Aussicht auf weiteres Einkommen; die Zwangsversteigerung vor der Tür. Die Fassade, die John List ein Leben lang um sich herum aufgebaut hatte, drohte nicht nur zu bröckeln. Das ganze Haus würde binnen weniger Monaten vom Erdboden verschluckt werden.

Am 5. November 1971, vier Tage vor den Morden, versammelte er seine Kinder nach dem Abendessen in der Küche. Er erklärte ihnen, dass sie sich auf ihren Tod vorbereiten müssten. Er fragte, ob sie lieber begraben oder verbrannt würden. Man weiß nicht, ob alle Kinder die Botschaft hinter den Worten verstanden hatten. Mit Sicherheit musste aber Patricia spätestens ab diesem Moment geahnt haben, dass ihr Vater ihre Ermordung ernsthaft in Erwägung zog. Die unheilvolle Warnung gegenüber Ed Illiano, dem Leiter ihrer Theatergruppe, bewies es.

Alma Lists Leichnam hatte man in ihren Heimatort Frankenmuth in Michigan gebracht. Die vier anderen Familienmitglieder bekamen ein Armenbegräbnis in billigen Särgen aus Metall auf dem Fairview Cemetery in Westfield. Das letzte Geld hatte schließlich der flüchtige Mörder mitgenommen. Mutter und Schwester von Helen List hatten auf einer Erdbestattung bestanden, obwohl List in den Briefen die Einäscherung der Leichen gefordert hatte. Auf der Internetseite findagrave.com finden sich Fotos der Grabstätten und Familienmitglieder.

Hämorrhoiden und Kurzsichtigkeit

Da der Reisepass fehlte, musste das FBI die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass John List sich ins Ausland abgesetzt hatte. Dennoch überwachte die Polizei mit rund einem Dutzend Beamten die Beerdigung der List-Familie. Doch List ließ sich am Tag der Beerdigung nicht blicken.

Das FBI veröffentlichte ein Fahndungsplakat mit einem aktuellen Foto und mehreren Hinweisen zum Gesuchten. Neben den üblichen Angaben zu Größe, Gewicht, Alter, Haar- und Augenfarben etc. veröffentlichte man auch die Hinweise, dass List an Hämorrhoiden und extremer Kurzsichtigkeit litt. Das FBI verschickte die Fahndungsplakate deshalb auch gezielt an Apotheken und Augenärzte im ganzen Land.

Doch es kamen keine brauchbaren Hinweise auf Lists Verbleib herein. Neun Monate nach dem Verbrechen, am 30. August 1972, brannte die Villa „Breeze Knoll“ nieder. Ursache war eindeutig Brandstiftung, wie die Ermittlung der zuständigen Polizei ergab. Wer das Feuer legte, blieb bis heute ein ungelöstes Rätsel.

Flucht nach Denver

John List hatte in den ersten beiden Wochen nach seiner Flucht fest mit seiner Verhaftung gerechnet, wie er später zugab. Die Festnahme blieb aus. Er war nach wie vor ein freier Mann. Er begann, sich ein neues Leben aufzubauen. Nachdem er das Auto am Flughafen abgestellt hatte, war er zunächst mit dem Zug von New York nach Michigan geflüchtet. Dann fuhr er weiter bis nach Denver (Colorado), wo er sich einen Wohnwagen mietete.

Er änderte seinen Namen in Robert P. Clark um. Ob er dabei an einen ehemaligen Kommilitonen von der Uni gedacht hatte, ist unklar. Der echte Robert Clark konnte sich später jedenfalls nicht erinnern, jemals mit John List in Kontakt gestanden zu haben.

List fälschte eine Sozialversicherungsnummer, die in den USA eine vergleichbare Bedeutung hat, um sich gegenüber Behörden und Unternehmen zu legitimieren, wie hierzulande ein Personalausweis. Damit fand er zunächst einen Job als Koch in einem Holiday Inn Hotel.

Nach einiger Zeit zog er in die kleine Gemeinde The Pinery um, an die Peripherie von Denver. Dort ergatterte er einen Job als Buchhalter und stellvertretender Geschäftsführer. 1975 wagte er sich noch mehr aus der Deckung heraus. Er schloss sich wieder einer Kirchengemeinde an, der St. Paul’s Lutheran Church in Denver. Im folgenden Jahr beantragte er einen Führerschein und legte sich ein Auto zu. Er machte sich nützlich, indem er ältere Mitglieder der Kirchengemeinde zu Arztterminen oder ähnlichen Verabredungen chauffierte. Schließlich berief man ihn in den Kirchenrat der Gemeinde.

Neue Liebe

Dort verliebte er sich in eine geschiedene Frau namens Delores Miller, die er während einer Kirchenveranstaltung kennenlernte. Delores fragte ihn nach seiner Vergangenheit. Er erzählte ihr, seine Frau sei an Krebs verstorben. 1985 heirateten die beiden.

Seine Abneigung gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen hatte offensichtlich abgenommen. Statt in Anzug und Krawatte sah man ihn nun immer häufiger in Jeans und mit offenem Hemd. Er stimmte sogar zu, bei einem Square-Dance-Kurs teilzunehmen. Zehn Jahre zuvor wäre man dafür gemäß dem List’schen Regelwerk vermutlich noch im Fegefeuer verschmort.

Aber so einfach ließ sich die Vergangenheit nicht abstreifen. Denn kurz danach verlor List seine Arbeit. Er konnte nicht mehr mit den Entwicklungen in seiner Branche und den Herausforderungen an seinen Job Schritt halten. Zudem bat ihn die Kirchengemeinde, seinen Posten als Lehrer der Sonntagsschule aufzugeben. Es hatte Beschwerden von Eltern gegeben. Er ging nach dem Geschmack der Eltern zu streng mit den Kindern um und verlangte von ihnen zu viel. Die Geschichte schien sich zu wiederholen.

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Weitere Kapitel zum Fall John List 

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(2) Fünf Morde für das Seelenheil

Categories: John List

Das Klingeln des Telefons unterbrach John Emil List beim Mittagessen. Seine Tochter Patricia war am Apparat. Sie sagte, sie fühle sich nicht wohl. Sie bat ihren Vater, sie von der Schule abzuholen. Dies war nicht in seinem Plan vorgesehen. Er musste improvisieren. Er fuhr zur Westfield High School und sammelte seine Tochter ein.

Zu Hause angekommen eilte er unter einem Vorwand zur Haustür und stürmte ins Gebäude. Sobald Patricia List die Blutspuren im Flur bemerken würde, würde sie Verdacht schöpfen. Das musste er verhindern. List hockte sich hinter die Eingangstür. Als Patricia eintrat, schoss er dem Mädchen aus nächster Nähe in den Hinterkopf.

List zog sie an den Füßen bis in den Tanzsaal auf einen der Schlafsäcke. Er säuberte sich erneut und erledigte danach einige Besorgungen. Er brachte die Schreiben zum Briefkasten und suchte anschließend die Bank auf. Er löste seine Konten auf und hob das verbliebene Geld ab, insgesamt 2.500 Dollar.

Am späten Nachmittag holte er seinen jüngsten Sohn Frederick von einem Aushilfsjob ab, mit dem er sich nach der Schule etwas Taschengeld hinzuverdiente. Wieder eilte List als erster ins Haus. Er griff nach der Waffe, die er zuvor hinter der Küchentür versteckt hatte. Fred kam nicht einmal dazu, seinen Mantel auszuziehen. Der Schuss in den Kopf tötete den Jungen sofort. List brachte ihn in den Tanzsaal und legte Frederick neben seine Schwester auf einen Schlafsack.

Todeskampf

Der Sohn John Jr. trainierte am Nachmittag mit dem Fußball-Team seiner Schule. Doch er kehrte früher vom Training zurück, als sein Vater erwartet hatte. List bemerkte ihn erst, als er das Haus schon durch einen Nebeneingang betrat, der in die Waschküche führte. Er stellte sich in den Flur, mit einer Pistole in jeder Hand. Als John Jr. die Tür öffnete, muss er sofort begriffen haben, dass sein Leben in Gefahr war.

Bevor sein Vater auf ihn schießen konnte, packte John Jr. nach dessen Händen und rang mit ihm um die Waffen. Eine Kugel durchbohrte die Decke. Zwei weitere Schüsse gingen in den Boden. Ein viertes Projektil durchschlug einen Schrank, ein fünftes einen Fensterrahmen im Esszimmer.

Inzwischen war es List Senior aber gelungen, sich aus der Umklammerung zu lösen. Sein Sohn versuchte vergeblich, den nächsten Schüssen auszuweichen. Das sechste Geschoss traf ihn im Rücken, direkt unterhalb des Nackens. Eine weitere Kugel im Kopf.

John Jr. fiel auf den Boden und brach sich den Kiefer. List feuerte erneut auf ihn. Doch der Junge lebte noch. John Jr. kroch schwer verwundet über den Fußboden, um sich in Sicherheit zu bringen. List drehte den Kopf seines Sohnes nach oben und schoss ihm direkt in die Augen. Der Teenager war immer noch nicht tot. List feuerte jetzt Kugel um Kugel auf ihn.

Der Pathologe zählte später zehn Projektile, die den Jungen getroffen hatten. List zerrte die Leiche in den Tanzsaal zu den anderen. Er bedeckte die Gesichter seiner Kinder mit einem Tuch. Schließlich kniete er neben seinen Angehörigen nieder, deren Leben er soeben ausgelöscht hatte, und betete für ihr Seelenheil, wie er in seinem Brief an Pastor Rehwinkel betonte.

List aß zu Abend und schlug anschließend sein Nachtlager auf. Er schlief im Billard-Zimmer, das sich neben dem Tanzsaal mit den Leichen befand. Als der Morgen graute, stand er auf und stellte den Thermostat der Klimaanlage auf 10° Celsius ein. Dann schaltete er in jedem Raum das Licht ein. Er suchte im Radio einen Kirchensender heraus und stellte das Gerät direkt vor die Hausprechanlage. Er packte etwas Kleidung in einen Koffer, verließ das Haus und brach in eine ungewisse Zukunft auf.

Gott würde ihn verstehen

Warum ermordete John Emil List fünf Menschen? Er rechtfertigte seine Tat in den Briefen, die er zurückgelassen hatte, vorwiegend mit religiösen Gründen. Er glaubte deshalb, dass Reverend Eugene Rehwinkel seine Entscheidung am ehesten nachvollziehen könne. So behauptete List, seine Frau habe sich bereits vor vielen Jahren von Gott abgewandt. Bei seinem ältesten Kind, der Tochter Patricia, habe er in letzter Zeit leider eine ähnliche Entwicklung feststellen müssen.

Er machte dafür die Zeitumstände und die Gesellschaft als Ganzes verantwortlich. Mit anderen Worten: Die weitreichenden Veränderungen, welche die 1960-er Jahre mit sich brachten, hatten John List nicht gefallen. Oder wie er es selbst ausdrückte: Ein gottgefälliges Leben sei unter diesen Rahmenbedingungen kaum noch möglich.

List stellte die Tat so dar, als habe er seine Familie in Wahrheit vor noch viel größerem Schaden beschützen wollen. Außerdem wies er darauf hin, dass alle einen „schmerzfreien“ Tod gestorben seien. Zumindest im Falle seines Sohnes John Jr. hatte er diese Wahrnehmung exklusiv. Die Spurenlage deutete auf einen längeren Todeskampf hin. Und der Junge starb im vollen Bewusstsein, dass ihn sein eigener Vater töten würde.

John List war nichtsdestotrotz überzeugt, dass Gott ihn verstehen und seine Taten vergeben würde. Jesus Christus würde es schon richten. Gottes Sohn sei ja schließlich für ihn am Kreuz gestorben, um alle menschliche Sünde auf sich zu nehmen.

Im Brief an seinen Chef schimmerte dann ein doch eher weltliches Problem durch, das an List genagt zu haben schien: „Es tut mir leid, dass alles so enden musste. Aber mit einem so geringen Einkommen konnte ich die Familie einfach nicht weiter versorgen. Und ich wollte nicht, dass sie in Armut leben muss.“

Das Geständnis an den Pfarrer schloss mit konkreten Anweisungen für die Opferbestattung. Auch bei diesem Detail ließ List durchblicken, dass er nur das Seelenheil seiner Angehörigen im Sinne hatte. Die Leichen sollten eingeäschert werden. Denn dies würde garantieren, dass ihre Seelen auf dem schnellsten Weg in den Himmel gelangen könnten. Diesem Ritual hätte auch die gesamte Familie vor den Morden ausdrücklich zugestimmt.

Die Spur endet am Flughafen

Leiter der Ermittlung war zunächst James Moran von der örtlichen Polizei. Er war zuversichtlich, dass man den Schuldigen für dieses Massaker binnen kurzer Zeit schnappen würde. Binnen einer Stunde nach Entdeckung der Leichname ging ein Telex mit der Fahndung nach John List an alle Polizeibehörden hinaus.

Den blauen Chevrolet Impala des Flüchtigen fand man schließlich am Kennedy International Airport in New York City. Er war auf einem Langzeitparkplatz abgestellt. Das Parkticket war auf den 10. November datiert. Lists Name war jedoch auf keiner Passagierliste verzeichnet. Seinen Reisepass hatte er allerdings eingesteckt, wie die Durchsuchung des Hauses ergeben hatte. Weitere vielversprechende Hinweise kamen nicht herein. Am New Yorker Flughafen verlor sich also jegliche Spur von John List.

Massiv verschuldet

Das FBI übernahm von da an die Ermittlungen. Die Morde in Westfield galten immerhin als das spektakulärste Verbrechen, das im Bundesstaat New Jersey seit der Entführung des Lindbergh-Babys im Jahre 1932 geschehen war. Die Bundesbehörde untersuchte zunächst Lists persönliche Verhältnisse. Die Ermittlungsergebnisse warfen ein anderes Licht auf die Geschichte, die John List in seinem Geständnis zum Besten gegeben hatte.

Die Aufzeichnungen belegten, dass er hochgradig verschuldet war. Er war mit seinen Hypothekenzahlungen im Rückstand. Er konnte seine Versicherungsbeiträge nicht mehr zahlen. Und er schuldete seiner Mutter einen hohen Betrag. Die Hausbank hatte bereits die Zwangsversteigerung der Villa „Breeze Knoll“ beantragt. Die Agenten konnten auch die Ursache für die massiven Geldprobleme rasch ausmachen. List hatte im aktuellen Jahr gerade einmal 5.000 Dollar eingenommen.

Hier hatte also jemand auf zu großem Fuß gelebt, der sich diesen Lebensstil schlichtweg nicht leisten konnte. Andere Menschen in seiner Situation hätten sich der Lage gestellt und zum Beispiel von sich aus, einen Verkauf des Hauses angestrebt. Die Lebenshaltungskosten zurückgefahren. Mit Gläubigern verhandelt.

Einige wenige Zeitgenossen hätten vielleicht auch drastischere Reaktionen ins Auge gefasst. Wären einfach abgehauen. Oder hätten Selbstmord begangen. Doch List löschte stattdessen seine ganze Familie aus und verschwand dann von der Bildfläche. Das FBI grub tiefer in der Lebensgeschichte des Mörders. Irgendwo mussten doch Gründe zu finden sein, die den Wahnsinn von Westfield erklärten.

Deutsche Vorfahren

John Emil List kam am 17. September 1925 in Bay City (Michigan) zur Welt. Sein Vater John Frederick war bei seiner Geburt bereits 64 Jahre alt, ein Vierteljahrhundert älter als seine Frau Alma. Das Paar war zu diesem Zeitpunkt seit einem Jahr verheiratet.

Sie gehörten beide der Missouri-Synode der deutsch-lutherischen Kirche an. Der Großvater väterlicherseits, John George List, stammte aus dem fränkischen Roßtal, Landkreis Fürth, die Großmutter Maria Barbara Lotter aus Weissenbronn im benachbarten Landkreis Ansbach.

Alma List wiederum war eine Enkeltochter von John Adam List, ebenfalls aus Roßtal eingewandert. Er war ein Bruder vom erwähnten Großvater John George. Das machte John Lists Eltern zu Cousin und Cousine zweiten Grades.

Insgesamt umfasste die Immigrantengruppe aus Deutschland rund 90 Personen, die 1845/46 in die USA kamen, angeführt von einem Pastor Johann Konrad Wilhelm Loehe. Sie ließen sich in der Gemeinde Frankenmuth (Michigan) nieder. Die starke Bindung an die Kirchengemeinde und ihre religiösen Ansichten sollte auch für die Nachfahren der Einwanderergeneration prägend bleiben.

Kindheit ohne Privatsphäre

Die Familie List lebte in einem viktorianischen Haus, hatte das Obergeschoss allerdings vermietet. Der Sohn John hatte deshalb kein eigenes Zimmer, sondern musste im Wohnzimmer schlafen. Er lernte früh, seine persönlichen Gegenstände ordentlich wegzuräumen, damit seine Anwesenheit erst gar nicht auffiel. Raum für Privatsphäre blieb ihm nicht.

Johns Vater betrieb ein Ladengeschäft und galt seinem Umfeld als wunderlicher Kauz. Das Verhältnis zu seinem Sohn war bestenfalls distanziert. Er sprach von ihm immer nur als „dem Jungen“. Die beiden verbrachten kaum Zeit miteinander. Die Erziehung überließ er weitestgehend seiner Frau. Für ihn war nur wichtig, dass sich John in der Schule und Kirche zu benehmen wusste.

Johns Mutter Alma verhielt sich hingegen überfürsorglich. Sie fürchtete ständig, ihr Sohn könne erkranken oder sich verletzen. Sie beobachtete ihn deshalb auf Schritt und Tritt, zog ihm stets etwas zu dicke Kleidung an, damit er sich nicht verkühlte, und verbot ihm, mit anderen Kindern zu spielen. Für John List musste die Welt außerhalb der geschützten Mauern des Elternhauses wie ein bedrohlicher Ort voller Gefahren wirken.

Das soziale Umfeld des Jungen war daher, abseits von Familie und Schule, im Wesentlichen auf die Kirchengemeinde reduziert. Sein Vater war dort im Kirchenvorstand tätig und kümmerte sich um die Verwaltung der Gemeindegelder. Alma List redete ihrem Sohn zu, eines Tages in dessen Fußstapfen zu treten. In vielen Nächten las sie mit ihrem Sohn gemeinsam in der Bibel. An dieser Gepflogenheit hielt John List bis zum Mord an seiner Mutter fest.

Zarter Widerstand

Auf der High School hatte John zwar einige Freunde, aber keine Freundinnen. Nach seinem Abschluss schien er sich vorübergehend gegen sein Elternhaus „aufzulehnen“. Er trat 1943 freiwillig in die Armee ein, obwohl seine Mutter vehement dagegen war. Die USA waren nach dem Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 ohnehin als Kriegspartei in den Zweiten Weltkrieg verwickelt. List wäre also über kurz oder lang eingezogen worden. Aber immerhin traf er einmal in seinem Leben eine Entscheidung, die nicht dem Willen seiner Eltern entsprach.

Ein Jahr später starb sein Vater. Während des Zweiten Weltkriegs beschaffte er sich auch die Steyr-Pistole, die er rund 25 Jahre später als Mordwaffe einsetzen sollte. Den Colt erbte er von seinem Vater.

Nach Kriegsende drängte ihn seine Mutter zu einer Ausbildung als Buchhalter. Der Beruf sei krisensicher und angesehen. Ob John List andere Pläne für seine Zukunft hatte, lässt sich nicht sagen. Er studierte jedenfalls Betriebswirtschaft und Rechnungswesen an der Universität von Michigan in Ann Arbor.

Alma List besuchte ihren Sohn einmal im Monat. Die Besuche liefen immer nach dem gleichen Ritual ab. Sie gingen zusammen essen und anschließend zum Gottesdienst. Dann lasen sie in der Bibel und diskutierten über die gelesenen Textstellen.

Verliebt

List schloss sein Studium zunächst mit einem Bachelor ab und bestand auch den anschließenden Master-Studiengang. Als er gerade seine erste Stelle angetreten hatte, rief ihn das Militär erneut zum Wehrdienst ein. Inzwischen tobte der Korea-Krieg. List hatte Glück im Unglück. Er musste nicht nach Übersee an die Front, sondern blieb im Bundesstaat Virginia stationiert. Dort lernte er seine zukünftige Frau Helen Morris Taylor beim Bowling kennen.

Sie war Kriegerwitwe und Mutter einer neunjährigen Tochter. John List war sofort verliebt. Helen Morris Taylor zeigte sich seinen Avancen weniger aus romantischen Gefühlen aufgeschlossen. Die alleinerziehende Mutter mit kleiner Witwenrente sorgte sich schlichtweg um ihre Zukunft. Immerhin schien ihr Verehrer ein freundlicher und verlässlicher Mann zu sein, wenn er auch nach ihrem Geschmack noch zu sehr am Rockzipfel der Mutter hing.

Alma List war strikt gegen die Beziehung. Sie misstraute der neuen Frau im Leben ihres Sohnes. Sie hatte das Kind eines anderen ausgetragen. Sie hatte im Alter von 24 Jahren bereits mehrere Fehlgeburten erlitten. Zudem gehörte sie nicht der deutsch-lutherischen Kirche an. Helen Morris Taylor war keine von ihnen.

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Weitere Kapitel zum Fall John List 

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John List – Blutbad im Herrenhaus

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John Emil List, Nachfahre streng religiöser Einwanderer aus Franken, tötet Mutter, Frau und seine drei Kinder. Der Buchhalter begründet das Massaker mit Angst um das Seelenheil seiner Familie. Er selbst entzieht sich aber der Verantwortung und taucht zwei Jahrzehnte unter, bevor ihm die Polizei endlich auf die Spur kommt.

Seit einem Monat brannte ununterbrochen das Licht in „Breeze Knoll“, einem viktorianischen Herrenhaus in Westfield, New Jersey. Die dreistöckige Villa mit 19 Zimmern in der 431 Hillside Avenue galt als das teuerste Gebäude in der Nachbarschaft. Der Prachtbau verfügte gar über einen eigenen Tanzsaal.

Doch die Bewohner des Hauses, die Familie List, waren angeblich bereits seit längerem nach North Carolina verreist. Ab und an hielt ein fremder Wagen in der Auffahrt, war aber nach kurzer Zeit wieder verschwunden. Warum brannte also Tag und Nacht das Licht, fragte sich eine Nachbarin, ohne dass man die Bewohner zu Gesicht bekam?

Eine düstere Prophezeiung

Der fremde Wagen in der Auffahrt, den die Nachbarin beobachtet hatte, gehörte Ed Illiano. Der Leiter eines Theaterkurses unterrichtete Patricia List, die 16-jährige Tochter des Hauses. Patricia hatte vor einigen Wochen eine seltsame Bemerkung geäußert. Ihr Vater würde Illiano vielleicht in naher Zukunft kontaktieren. Er würde behaupten, Patricia könne nicht zum Kurs erscheinen, weil die Familie eine längere Urlaubsreise antrete. Falls das passiere, solle Illiano sogleich die Polizei verständigen. Der Lehrer hatte die kuriose Bemerkung zunächst nicht ernst genommen.

Am 9. November 1971 erhielt er jedoch tatsächlich ein solches Entschuldigungsschreiben von John List, dem Vater seiner Schülerin. Die Familie müsse sich um seine schwer kranke Schwiegermutter in North Carolina kümmern. Patricia könne daher nicht zum Unterricht erscheinen. Am folgenden Tag war Illiano zum Anwesen der Lists gefahren.

Als er das voll erleuchtete Anwesen sah, war er jedoch gleich wieder umgekehrt. Scheinbar war mit der Familie alles in Ordnung. Doch als sich Patricia in den darauffolgenden Wochen nicht mehr bei ihm meldete, beschlichen ihn erneut Zweifel. Er kehrte mehrfach zum List-Haus in der Hillside Avenue zurück. Aber sein Klingeln an der Haustür blieb jedes Mal unbeantwortet.

Am 7. Dezember 1971 beschlossen Illiano und die Nachbarin fast zeitgleich, aber unabhängig voneinander, die Polizei einzuschalten. Irgendetwas in „Breeze Knoll“ stimmte nicht. Die herbeigerufenen Beamten klingelten, klopften und riefen nach den Bewohnern. Doch niemand meldete sich. Sie gingen um das Haus herum und entdeckten ein unverschlossenes Fenster, durch das sie sich Zutritt zum Hausinneren verschafften.

Vier Leichen im Tanzsaal

Den Beamten fiel zunächst auf, dass das Gebäude scheinbar unbeheizt war. Im Innern war es annähernd so kalt wie draußen. Aus den Lautsprechern der Haussprechanlage tönte unablässig Kirchenmusik. Ansonsten machte das Haus einen verlassenen Eindruck. Die Polizisten bewegten sich vom Esszimmer in die Küche.

Dort bemerkten sie mehrere dunkle Flecken an der Wand. Verwischte Schlieren auf dem schachbrettartigen Linoleumboden. Vollgesogene Handtücher und Zeitungen im Mülleimer. Den Polizisten schwante Übles. Bei der inzwischen getrockneten Flüssigkeit handelte es sich wahrscheinlich um Blut. Jemand hatte versucht, eine große Blutlache aufzuwischen, war aber kläglich gescheitert. Zudem waren Wände und Möbel mit etlichen Kerben versehen, die verdächtig nach Einschusslöchern aussahen.

Die Spuren am Boden führten in die Eingangshalle des Hauses. Dort schoss den Beamten ein scharfer Verwesungsgeruch in die Nase. Sie folgten dem Gestank, der einem angrenzenden Raum entströmte. Sie öffneten die Tür. Das Zimmer war sehr groß und sollte scheinbar einen Tanzsaal darstellen. In einer Saalecke, gleich neben einem kleinen Tisch, lagen vier Leichen. Bei drei Opfern handelte es sich um Teenager – ein Mädchen, zwei Jungen -, die parallel nebeneinander jeweils auf einem Schlafsack lagen. Oberhalb der Köpfe der Kinder lag die Leiche einer erwachsenen Frau quer zu den übrigen Opfern.

Die Abstellkammer

Die Beamten forderten Verstärkung an. Weitere Polizisten rückten an, darunter auch der Gerichtsmediziner des Union County. Die Gesichter der Toten waren jeweils mit einem Geschirrtuch verhüllt. Die blutigen Schleifspuren sprachen dafür, dass keiner von ihnen in diesem Raum starb. Die Körper waren aufgebläht und von Maden übersät. Sie lagen hier offensichtlich bereits seit längerer Zeit.

Die erwachsene Frau war augenscheinlich infolge einer Schussverletzung an der linken Kopfseite gestorben. Ihre Arme waren stark mit Blut bedeckt. Das Nachthemd war bis über den aufgedunsenen Bauch hochgeschoben, ihre Oberschenkel freigelegt. Auch die übrigen Opfer wiesen allesamt Schusswunden auf, trugen jedoch normale Straßenkleidung. Bei zwei Jugendlichen waren die Mäntel sogar noch geschlossen.

Beim dritten Kind war die Winterjacke geöffnet. Am Oberkörper und Kopf waren etliche Schusswunden zu erkennen. Außerdem hatte der Junge Verletzungen davongetragen, die den Gerichtsmediziner auf einen heftigen Kampf schließen ließen. Die anderen Opfer waren durch einen einzelnen Schuss gestorben.

Andere Beamte durchsuchten das Gebäude nach weiteren Opfer. Sie wurden im ausgebauten Dachgeschoss fündig. In einem schmalen Abstellraum neben einer Küche lag eine ältere Frau mit dem Rücken auf dem Boden, die Beine weit gespreizt, die Unterschenkel unter dem übrigen Körper eingeklemmt. Die seltsam verdrehten Beine deuteten darauf hin, dass sie zunächst auf die Knie gesunken und dann rückwärts umgekippt war. Als die Polizisten ihr das Tuch vom Gesicht zogen, bemerkten sie eine Schusswunde über dem linken Auge.

Ein Familiendrama

Die Beamten baten einen Arzt, der in der Nachbarschaft wohnte, die Opfer zu identifizieren. Die drei toten Teenager waren Patricia List (16) sowie ihre Brüder John Jr. (15) und Frederick (13). Bei der erwachsenen Frau neben ihnen handelte es sich um ihre Mutter Helen List (45). Die Tote im Dachgeschoss war zweifelsfrei Helens Schwiegermutter Alma List (85), die dort eine eigene Wohnung bezogen hatte. Nur ein Familienmitglied befand sich nicht unter den Opfern: Hausherr und Familienvater John Emil List (46). Damit hatte die Polizei gleichzeitig einen dringend Tatverdächtigen. Doch die Suche nach ihm sollte sich schwieriger gestalten als zunächst gedacht.

In einem Raum, der offensichtlich als Arbeitszimmer diente, machten die Ermittler eine weitere wichtige Entdeckung. Auf einem Sekretär lagen mehrere Briefe, die an unterschiedliche Personen adressiert waren, alle auf den 9. November 1971 datiert. Es handelte sich um Kopien von Entschuldigungsschreiben, wie sie List beispielsweise an den Leiter des Theaterkurses, Ed Illiano, verschickt hatte.

Ein loses Blatt enthielt zudem konkrete Anweisungen, wo man den Schlüssel für den Sekretär finden konnte. Die Beamten öffneten den Schrank. In der obersten Schublade waren zwei Pistolen verstaut: eine 9-mm-Halbautomatik der Marke Steyr und ein Colt-Revolver Kaliber .22. Dazu die passende Munition.

In einer weiteren Schublade lagerte ein großer Briefumschlag, der an Eugene A. Rehwinkel adressiert war. Er war Pfarrer der Kirchengemeinde, der die Familie List angehörte. In dem Brief äußerte sich List ausführlich dazu, was am 9. November in „Breeze Knoll“ vorgefallen war. Es war ein Tatgeständnis.

Der Sekretär enthielt darüber hinaus Scheckbücher, Sparbücher, Versicherungspolicen und Steuerunterlagen. Es gab auch eine Art Haushaltsbuch, in dem John List penibel seinen Schuldenstand aufgeführt hatte. Außerdem fünf kürzere Schreiben, adressiert u.a. an seinen Arbeitgeber, in denen er sich auch zu den Gründen für das Verbrechen äußerte.

Rekonstruktion der Ereignisse

Zusammen mit den zahlreichen Spuren im Haus konnten die Ermittler sich dadurch ein präzises Bild machen, wie die Bluttat im Einzelnen abgelaufen war. Offenbar hatte John List das Verbrechen bereits längere Zeit im Voraus geplant. Er hatte pünktlich zum 10. November die tägliche Belieferung mit Zeitung, Milch und Post abbestellt, ohne dass seine Familie davon etwas ahnte.

Die Kinder verließen am Morgen wie üblich das Haus, um zur Schule zu gehen. List begab sich in sein Arbeitszimmer im ersten Stock und wartete zunächst ab. Er hörte, wie seine Frau die Treppe hinunterging, um in der Küche zu frühstücken. Er folgte ihr leise.

Helen List trug noch ihr rotes Satin-Nachthemd und einen Bademantel. Sie saß auf einem Küchenstuhl, aß einen Toast und blickte zum Fenster hinaus. Ihr Mann näherte sich unbemerkt von hinten, zielte mit der Steyr-Halbautomatik auf ihren Kopf und drückte aus einem halben Meter Entfernung ohne Vorwarnung ab.

Vielleicht traf er sie nicht gleich mit dem ersten Schuss. Die Spurensicherung pulte mehrere Projektile aus der Wand hinter dem Tisch. Ein Querschläger war bis in den Nebenraum geprallt. Möglicherweise war John List bei seinem ersten Mord aber auch so nervös, dass er unnötigerweise weitere Patronen abfeuerte, obwohl seine Frau bereits tot war.

Denn Helen List starb, als sie noch auf dem Stuhl saß. Sie schlug mit dem Kopf auf den Tisch, fiel auf den Boden und war sofort tot. Der Pathologe fand später einen Bissen Toastbrot, der noch in ihrem Rachen steckte.

Geröstete Toastscheiben

List ließ seine Frau auf dem Küchenboden zurück. Er stieg die hintere Treppe hinauf in den dritten Stock. Ohne anzuklopfen, betrat er die Wohnung seiner Mutter. Er überraschte sie in der Küche. Sie hielt einen Teller in der Hand und wartete darauf, dass der Toaster die gerösteten Brotscheiben ausspuckte. Sie fragte ihn, was der Lärm zu bedeuten hatte, den sie aus dem Erdgeschoss gehört hatte. Statt einer Antwort schoss ihr Sohn ihr aus nächster Nähe ins Gesicht.

Die Polizei fand zwei weitere Projektile in der Küchenwand. Vermutlich hatte List auch hier in einer Art Reflex weiter gefeuert, als er seine Mutter bereits getroffen hatte. Ursprünglich wollte er die Leiche seiner Mutter ins Erdgeschoss tragen. Doch sie war zu schwer für ihn.

Er legte sie auf einen Teppichläufer und zog diesen in die Abstellkammer der Küche. Anschließend wischte er mit einem Küchentuch und einer angefeuchteten Zeitung über den Boden, um die Blutlache zu beseitigen.

List ging danach nach unten und schleifte seine Frau an den Füßen von der Küche durch die Eingangshalle in den Tanzsaal. Er hinterließ dabei eine 12 Meter lange Blutspur am Boden. Er holte mehrere Schlafsäcke, die den Kindern gehörten, und breitete sie nebeneinander aus. Auf einen der Schlafsäcke rollte er die Leiche seiner Frau. Er bedeckte ihren Kopf mit einem Küchentuch. Zu diesem Zeitpunkt erkannte er, dass seine eigene Kleidung über und über mit Blut verunreinigt war.

Er ging in das Schlafzimmer seiner Frau, setzte sich auf das ungemachte Bett und wischte sich die blutverschmierten Hände am Laken ab. Dann suchte er das Bad auf, übergab sich und hinterließ einen blutigen Handflächenabdruck auf dem Toilettendeckel. Er duschte, zog sich einen frischen Anzug sowie eine Krawatte an. Die schmutzigen Kleidungsgegenstände und blutbespritzten Schuhe warf er im Schlafzimmer auf einen Haufen.

Ein wenig Gartenarbeit

Nun rief er im Büro an und ließ seinem Chef ausrichten, dass er zu einem anberaumten Treffen nicht erscheinen könne. Er müsse zu seiner Schwiegermutter in North Carolina fahren, die schwer erkrankt sei. Er wisse nicht, wann er wieder zur Verfügung stehe. Die Schwiegermutter war tatsächlich erkrankt. Eigentlich hatte sie geplant, Anfang November ihre Tochter und Enkelkinder zu besuchen. Sie wäre ihrem Schwiegersohn vermutlich ebenfalls zum Opfer gefallen.

John List musste nun auf die Rückkehr der Kinder warten. Er setzte sich in sein Arbeitszimmer und verfasste die Entschuldigungsschreiben an Schulen, Sportvereine etc., die das plötzliche Verschwinden der Familie vertuschen sollten. Um sich die übrige Wartezeit zu vertreiben, ging er in den Garten. Dort harkte er in Anzug und Krawatte Laub zusammen. Eine Nachbarin beobachtete ihn dabei. Doch er tat so, als würde er die Frau nicht bemerken.

Dann stärkte er sich mit einem Mittagsmahl. Das Massaker war noch lange nicht beendet. Gemäß seinem Plan sollten an diesem Tag noch drei weitere Opfer den Tod finden – seine eigenen Kinder.

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Weitere Kapitel zum Fall John List 

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(4) Schlecht verteidigt

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Der „New York Daily Mirror“ bot Hauptmann an, ihm einen erfahrenen Prozessanwalt zu stellen und dessen Honorar zu übernehmen. Natürlich geschah dies aus Eigennutz. Für 25.000 US-Dollar – so viel verlangte der Anwalt – hatte sich das „New York Journal“ exklusiven Zugang zur Verteidigung erkauft. Das wird sich gerechnet haben, denn schließlich sprechen wir vom „Verbrechen des Jahrhunderts“, das nach wie vor gewaltiges öffentliches Interesse nach sich zog.

Ob Hauptmann mit dieser Abmachung gut beraten war, steht auf einem anderen Blatt. Nahezu alle Prozessbeobachter stimmten darin überein, dass der Angeklagte schlecht verteidigt wurde. Der Rechtsanwalt Edward J. Reilly mag in New York zwar damals eine bekannte Größe gewesen sein. Mit zunehmender Prozessdauer stellte sich aber die Frage, ob dieser Ruf auf seinen Fähigkeiten als Rechtsverteidiger gründete.

Edward J. Reilly

Reilly präsentierte sich den Geschworenen bei seinen Auftritten vor Gericht als eitler Gockel, der in gestreiften Hosen und Schwalbenschwanz-Frack vor ihnen auf und ab stolzierte. Zudem hatte der Anwalt wohl ein ernsthaftes Alkoholproblem. Die Mittagspause der Verhandlung nutzte er regelmäßig, um sich reichlich „Erfrischungen“ zuzuführen. Was dazu führte, dass er am Nachmittag dösend und lustlos dem Geschehen vor Gericht folgte. Abends gaben sich dann in seinem Hotelzimmer zahllose „Stenografinnen“ die Klinke in die Hand. Kurzum: Der Mann schien nicht im Geringsten auf seinen Job fokussiert zu sein.

Bei seiner Verteidigungsführung versuchte er mehrfach, die Geschworenen in die Irre zu führen. Er erfand vermeintliche Entlastungszeugen, die gar nicht existierten. Er nahm Zeugen der Anklage ins Kreuzverhör, bei denen dieses Vorgehen völlig sinnlos erschien. Und ließ im Gegenzug Beweise und Aussagen zu, bei denen kritische Nachfragen dringend angebracht gewesen wäre.

Beispiel Fontanelle: Es war aus Sicht des Angeklagten völlig legitim, die Identität des aufgefundenen Babyleichnams aufgrund des widersprüchlichen pathologischen Befunds infrage zu stellen. Damit hätte zumindest der Anklagepunkt Mord erschüttert werden können. Doch Reilly akzeptierte unwidersprochen die Identität des Babys und ließ diese Chance verstreichen. Gleiches galt für die fragwürdige Durchführung der Autopsie.

Mit seinem Mandanten Richard Hauptmann konferierte Edward Reilly gerade einmal 15 Minuten während des Verfahrens. Und obwohl er bereits 25.000 Dollar Honorar von der Zeitung erhalten hatte, forderte er nach Prozessende weitere 25.000 von Hauptmanns Frau ein. Er entblödete sich sogar nicht, die Frau auf diesen Betrag später noch zu verklagen. Seine Begründung: Sie habe Spenden für die Gerichtskosten erhalten, auf die er ein Anrecht habe. Da stellt sich die Frage: Aufgrund welcher Leistung?

Hauptmann im Kreuzverhör

Denn das Team um den 38-jährigen Generalstaatsanwalt David Wilentz spielte vor Gericht schlichtweg die besseren Karten aus. Da waren zum einen die 14.600 Dollar in Goldzertifikaten aus dem Lösegeld, die Hauptmann in seiner Garage versteckt hatte. Reilly beging den Fehler, seinen Mandanten als Zeugen auftreten zu lassen. Wilentz ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen und nahm den Angeklagten in einem 11-stündigen Kreuzverhör auseinander.

Hauptmanns Erklärung für das gefundene Geld: Er habe es in einem Schuhkarton gefunden, den sein Geschäftspartner Isidor Fisch zurückgelassen habe. Da Fisch ihm Geld schuldete, habe er sich berechtigt gefühlt, von diesem Betrag auch Rechnungen zu bezahlen. Dummerweise war Fisch bereits im März 1934 in Leipzig verstorben und konnte diese Geschichte nicht bestätigen. Außerdem konnte Hauptmann im Kreuzverhör nicht plausibel darlegen, wo er sich in der Nacht vom 1. auf den 2. März 1932 aufgehalten hatte.

Den zweiten Hauptvorwurf – der zur Leiter passende Holzsparren, den man auf Hauptmanns Dachboden gefunden hatte – wollte Anwalt Reilly damit entkräften, dass er der Polizei Verschwörung zu Lasten seines Klienten vorwarf. Die Ermittler hätten derart unter Druck gestanden, dass sie dieses Beweisstück im Haus seines Mandanten platziert hätten. Zugegeben: Im Fall O.J. Simpson hat eine ähnliche Argumentation 60 Jahre später verfangen. Aber Edward Reilly war nun mal nicht Eddie Cochran.

Indizienkette schließt sich

Drittens konnte die Staatsanwaltschaft eine Reihe von Graphologen präsentieren, die aussagten, dass die Handschriftenproben von Richard Hauptmann mit den Entführungsschreiben übereinstimmten. Darüber hinaus hatte der Verfasser der Schreiben einige Fehler begangen, wie sie für deutsche Muttersprachler typisch waren. Beispiel: Im ersten Erpresserbrief hieß es wörtlich „The child is in gut care“ = deutsch „gut“ statt englisch „good“. Reilly prahlte zwar, dass er zahlreiche Gutachter benennen könnte, welche die Analyse widerlegen würden. Am Ende erklärten sich aber nur zwei Experten zur Aussage bereit, die wiederum vor Gericht eine schwache Vorstellung boten.

Darüber hinaus traten mehrere Zeugen der Anklage auf, die Hauptmann im Vorfeld der Entführung in der Nähe des Lindbergh-Anwesens gesehen haben wollten, teilweise sogar in der Tatnacht samt mitgeführter Leiter, die er mit einem Wagen transportiert habe. Zudem bezeugte John Condon vor Gericht, dass es sich bei Hauptmann um den ominösen „Friedhofs-John“ handele. Und Lindbergh erkannte den Beschuldigten an seiner Stimme wieder.

Das Urteil

Nach 381 Beweisstücken, 162 Zeugen und 29 Verhandlungstagen oblag das Urteil den zwölf Geschworenen. Im ersten Anlauf entschieden sich nur sieben Mitglieder der Jury für einen Schuldspruch. Elfeinhalb Stunden später fiel die Entscheidung einstimmig aus. Richard Hauptmann wurde der Entführung und Ermordung von Charles Lindbergh Jr. schuldig gesprochen.

Richter Trenchard verhängte die Todesstrafe und beraumte als Vollstreckungstermin zunächst den 18. März 1935 an. Hauptmann legte jedoch Berufung ein. Das zuständige Gericht entschied schließlich, dass das Urteil rechtsgültig war. Die Hinrichtung wurde für den 3. April 1936 festgesetzt. Richard Hauptmann starb auf dem elektrischen Stuhl durch die Hände von Robert G. Elliott, der bereits Sacco und Vanzetti neun Jahre zuvor hingerichtet hatte.

Stimmungswechsel

Doch nach der Hinrichtung kamen immer mehr Fragen auf, ob Bruno Richard Hauptmann einen fairen Prozess erhalten hatte. Ob es nicht weitere Mittäter gab. Hauptmann stritt bis zu seinem Ende ab, dass er an der Entführung beteiligt war. Dabei bot eine Zeitung ihm bzw. seiner Familie viel Geld für ein Geständnis.

Seine Witwe Anna Hauptmann beharrte in zahlreichen Interviews darauf, dass ihr Mann nicht in das Verbrechen verwickelt war. Sie strengte sogar mehrere Prozesse gegen den Staat New Jersey an, wegen ungerechtfertigter Tötung ihres Mannes. Sie blieb ihrer Meinung bis zu ihrem Tod 1994 treu – sie wurde stolze 95 Jahre alt. Je mehr Zeit verging, umso mehr wurde aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung aus Hauptmann der Sündenbock in einem abgekarteten Spiel. Wie konnte es zu diesem Stimmungswechsel kommen?

Im Exil

Am 22. Dezember 1935, noch vor der Hinrichtung, verließ Charles Lindbergh mit seiner Familie die Vereinigten Staaten. Zunächst hatte es den Anschein, als flüchteten die Lindberghs nur vor dem nach wie vor anhaltenden Medienrummel. Charles Lindbergh galt bereits in seinen ruhmreichen Fliegerjahren als medienscheuer Mensch, der sich durch das plötzliche Medieninteresse völlig überfordert fühlte. Man kann sich ausmalen, wie der jahrelange Zirkus nach der Entführung und Ermordung seines Kindes auf ihn gewirkt haben mochte. Wahrscheinlich wie ein nicht enden wollender Albtraum.

Aber die Lindberghs kehrten zunächst nicht in die USA zurück, sondern verblieben längere Zeit im europäischen „Exil“. Sie waren für die Presse nicht mehr greifbar. Das ließ das Verhältnis der Amerikaner zu ihrem Nationalhelden abkühlen. Dann bandelte Lindbergh auch noch mit Hitler-Deutschland an. Er ließ sich von Hermann Göring eine Auszeichnung überreichen und lobte die deutsche Luftwaffe über den grünen Klee.

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Das Ehepaar Lindbergh auf Deutschland-Besuch, rechts Hermann Göring

America First

Nach Kriegsbeginn war Lindbergh einer der prominentesten Vertreter der sogenannten Isolationsbewegung. „America First“ hieß es auch schon damals. Ziel der Isolationisten war es, dass sich die USA aus dem Krieg zwischen Achsenmächten und Alliierten heraushielt. Mit dem japanischen Luftangriff auf den US-Stützpunkt in Pearl Harbor war die „Amerika zuerst“-Politik Geschichte.

Doch Lindberghs jahrelanges Trommeln für die Nazis hatte seinem Ruf enorm geschadet. Gerade für die jüngere Generation, die im Zweiten Weltkrieg an der Front gekämpft hatte, war er nicht länger der Nationalheld früherer Tage, sondern ein Verräter, der mit dem Feind sympathisierte. Es dauerte seine Zeit, bis Lindbergh wieder Fuß in den USA fassen und sich eine neue berufliche Existenz aufbauen konnte. Er unterhielt im Übrigen auch nach dem Krieg noch enge Beziehungen nach Deutschland. Lindbergh führte u.a. mit zwei Schwestern, die in München lebten, ein außereheliches Verhältnis, aus dem insgesamt fünf Kinder hervorgingen, wie eine DNA-Analyse im Jahre 2003 bewies.

Diese Umstände wirkten sich auch auf die Wahrnehmung der Lindbergh-Entführung aus. Plötzlich erschienen Bücher, die nachzuweisen versuchten, dass in Wahrheit der kalte, unpatriotische „Herrenmensch“ Lindbergh sein Kind ermordet habe. Und Hauptmann sei nur das unschuldige Opfer einer Vertuschung geworden.

Ungeklärte Fragen

Aber nicht jede Neudeutung des Falls ging so extrem vor. Die Polizei hatte Richard Hauptmann schließlich mit der Hand im Honigtopf erwischt, wie es im Englischen so treffend heißt. Die 14.600 Dollar aus dem Lösegeld, die er in seiner Garage versteckt hatte, ließen sich nicht wegdiskutieren. Aber es blieben auch wichtige Fragen im Prozess unbeantwortet.

Woher wusste Hauptmann, wo sich das Kinderzimmer befand? Wie hatte er von den veränderten Plänen der Familie Lindbergh am Montag, dem 1. März 1932, erfahren? Wer war der mysteriöse „J.J. Faulkner“, der eine Adresse hinterließ, unter der zwanzig Jahre zuvor eine Frau namens Jane Faulkner lebte? Reiner Zufall? Oder hatte der Einzahler zur gleichen Zeit in der Nachbarschaft der Frau gewohnt? Dann konnte es nicht Hauptmann gewesen sein. Denn der hielt sich 1913 nachweislich noch nicht in den USA auf.

Mit anderen Worten: Es ist kaum vorstellbar, dass Bruno Richard Hauptmann nicht in die Lindbergh-Entführung verstrickt war. Aber gleichzeitig fällt es schwer, zu glauben, dass er dieses Verbrechen ganz ohne Hilfe durchgeführt haben soll. Und vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass bis heute Menschen nach Antworten suchen.

*****

Die British Pathé hat rund 15 Minuten Original-Filmmaterial aus den 1930-er Jahren über den Lindbergh-Fall veröffentlicht. Das Newsmaterial zeigt die entscheidenden Personen, wichtige Schauplätze des Entführungsfalls und Eindrücke aus dem Prozessgeschehen. Der Kommentar ist zwar in Englisch. Aber mit dem Vorwissen aus dem Artikel lässt sich leicht nachvollziehen, welche Person, welcher Schauplatz etc. gerade gezeigt wird. Die beiden Filme können Sie sich auf dem offiziellen Account der British Pathé bei YouTube anschauen. Hier die Links:

Film 1

Film 2

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(3) Die Falle schnappt zu

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Die Polizei verfügte also nur über wenige Ansatzpunkte für ihre Ermittlungen:

  • eine kaputte Leiter, ein Meißel und ein paar Reifenspuren am Tatort
  • die Briefe der Entführer
  • die rudimentäre Beschreibung von „Friedhof-John“

Das vielversprechendste Indiz war zunächst die Leiter. Norman Schwarzkopf hatte mehrere Experten angeschrieben und um Rat gebeten. Der Holzfachmann Arthur Koehler vom Forest Products Laboratory in Madison (Wisconsin) erwies sich dabei als Volltreffer. Anhand der Holzsplitter, die man ihm schickte, konnte er zunächst die Holzarten identifizieren, die man zum Bau verwendet hatte: Douglastanne, Birke und Gelb-Kiefer. Zudem konnte Koehler den Lieferweg eines Teils des verwendeten Holzes von einer Mühle in South Carolina bis zu einem Holzhändler in der Bronx nachverfolgen.

Auffällig war laut Koehler, dass die Leiter aus Holzsorten unterschiedlicher Herkunft aufgebaut war. Das wirkte wie die Arbeit eines Heimwerkers, der sich zum Bau alles genommen hatte, was ihm gerade in die Hände fiel. Die Verbindungen der Einzelstücke waren hingegen das Werk eines Profis, vermutlich eines erfahrenen Tischlers.

Profis oder Amateure?

Bei der Suche nach den Tätern tappte die Polizei allerdings weiterhin im Dunkeln. Lindbergh war der Meinung, die Entführer seien höchst professionell vorgegangen und stammten aus dem Umfeld der organisierten Kriminalität. Diese Einschätzung teilten die Ermittler nicht.

Die Polizei war vielmehr der Ansicht, dass die Kidnapper im näheren Umfeld der Familie zu suchen waren. Sie verfügten über genaue Ortskenntnisse und wussten sogar, wo sich das Kinderzimmer befand. Auf der anderen Seite verlangten sie ein relativ bescheidenes Lösegeld. Beides zusammen sprach dafür, dass sie es mit Amateuren zu tun hatten.

Violet Sharpe

Konkret gerieten die Hausangestellten unter Verdacht. Namentlich das Kindermädchen Betty Gow und das Hausmädchen Violet Sharpe. Denn am Tag der Entführung, einem Montag, gab es eine Besonderheit. Normalerweise verbrachte die Familie die Wochenenden in Hopewell und fuhr dann zu Beginn der Woche in ein rund 100 km entferntes Anwesen in Englewood nahe New York City. Doch da das Baby erkältet war, verschob man die Abreise an diesem 1. März um ein bis zwei Tage. Außer den Hausangestellten hatte niemand von dieser Planänderung gewusst. Hatten sie also Komplizen darüber informiert?

Insbesondere das 28-jährige Dienstmädchen Violet Sharpe erregte vor diesem Hintergrund das Misstrauen der Ermittler. Sie hatte bei ihrer polizeilichen Vernehmung eine seltsame Geschichte aufgetischt, als die Beamten von ihr wissen wollten, wie sie den Abend des 1. März verbracht hatte.

Sie behauptete, sie habe zum fraglichen Zeitpunkt gemeinsam mit einem Mann und einem Paar eine Gaststätte aufgesucht. Doch ihren männlichen Begleiter kannte sie angeblich nur beim Vornamen, von dem Paar wisse sie gar keinen Namen. Sie konnte auch keinerlei Angaben dazu machen, wo und wie die Polizei die ominösen Zeugen finden konnte. Nach dem Fund der Leiche reagierte sie zunehmend ängstlicher, nahezu hysterisch, wenn die Ermittler sie ansprachen.

Blausäure

Schwarzkopf war zunehmend überzeugt, dass die Frau etwas zu verbergen hatte. Er meldete sich im Juni telefonisch bei den Lindberghs und kündigte an, das Dienstmädchen am anderen Tag erneut verhören zu wollen. Als Violet Sharpe davon erfuhr, erklärte sie, dass sie es nicht mehr ertragen könne. Dann ging sie auf ihr Zimmer und leerte eine Flasche mit Silberpolitur, die Kaliumcyanid enthielt, ein Blausäuresalz. Innerhalb weniger Minuten war sie tot.

Wenig später meldete sich der Mann bei der Polizei, mit dem Violet Sharpe am Tatabend ausgegangen war. Er wurde von dem Paar begleitet, das Sharpe in ihrer Zeugenaussage erwähnt hatte. Die Leute bestätigten zunächst, dass sie gemeinsam mit Sharpe den Abend des 1. März verbracht hatten. Dann erklärten sie den Beamten, warum sich Violet Sharpe so seltsam verhalten hatte. Das Dienstmädchen sei mit dem Butler Olly Whateley verlobt gewesen und habe um ihre Beziehung sowie ihre Stellung im Hause Lindbergh gefürchtet. Der Butler hätte es wohl kaum hingenommen, wenn er erfahren hätte, dass seine Verlobte nachts mit ein paar Bekannten um die Häuser zieht.

Condon unter Verdacht

Die Ermittler wandten sich nach dem Debakel einem anderen Verdächtigen zu: John F. Condon. Der Mann hatte sich nach Polizeigeschmack viel zu einfach mitten in den Verhandlungen mit den Entführern eingefunden. War es nicht denkbar, dass er selbst Teil der Entführer-Bande war? Und seine Vermittlungsdienste angeboten hatte, um die Kontrolle über die Ereignisse zu haben? Wenige Tage nach dem Selbstmord von Violet Sharpe lud die Polizei Condon zur Befragung vor. Doch Condon überstand das stundenlange Kreuzverhör unbeschadet und verließ die Wache als freier Mann.

Schwarzkopf war aber nicht bereit, so schnell aufzugeben. Im Juli und August hörte die Polizei Condons Telefon ab. Man las seine Post. Man grub seinen Garten um. Man riss ihm die Tapeten von den Wänden. Alle Maßnahmen verpufften ergebnislos. Schließlich kamen die Ermittler zu dem Schluss, dass Condon wohl exzentrisch sei, aber vermutlich nichts mit der Entführung zu tun habe. Condon ließ sich nicht anmerken, ob ihn das Misstrauen gekränkt hatte. Anderthalb Jahre arbeitete er sich stoisch durch die Abertausende von Fotos umfassende Verbrecher-Kartei der Polizei von New York. Er hoffte, darin „Friedhofs-John“ identifizieren zu können.

Die letzte Hoffnung

Den Beamten verblieb eine letzte Hoffnung: das Lösegeld. Die Behörden hatten 250.000 Broschüren mit den gesuchten Seriennummern drucken lassen, um sie an Banken und Geschäfte im ganzen Land zu verteilen. Dennoch hielt sich die Zuversicht in Grenzen. Wenn die Täter vorsichtig agierten, drohte ihnen kaum Gefahr. Kein Geschäftsinhaber würde bei kleineren Geldbeträgen Verdacht schöpfen und zunächst die Seriennummern nachschlagen, bevor er das Geld nahm.

So kam es zunächst auch. Die ersten Goldzertifikate tauchten bereits kurz nach der Lösegeldübergabe im April 1932 auf. Doch immer handelte es sich nur um wenige Scheine, die zunächst nicht auffielen. Immerhin ergab sich ein Muster. Der oder die Täter hatten vielfach Geschäfte aufgesucht, die sich in unmittelbarer Nähe derselben U-Bahnstrecke befanden. Die Bahn verband die östliche Bronx mit dem östlichen Manhattan und durchschnitt unter anderem den Stadtteil Yorkville, in dem viele deutsche und österreichische Einwanderer lebten.

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By National Museum of American History – Image by Godot13, Public Domain, Link

Goldzertifikat im Wert von 10 Dollar

Der Druck erhöht sich

Dann spielte der Zufall den Ermittlungsbehörden in die Hände. Anfang der 1930-er Jahre steckten die USA – wie die gesamte Weltwirtschaft – in einer langanhaltenden Krise. Die Politik versuchte mithilfe von Reformen gegenzusteuern. Unter anderem wollte US-Präsident Roosevelt der Spekulation auf den Goldpreis ein Ende bereiten, die in jenen Jahren massiven Schaden anrichtete.

Im Zuge dieser Maßnahme ordnete er kurz nach seinem Amtsantritt an, dass alle Goldzertifikate im Wert von mehr als einhundert Dollar bis zum 1. Mai 1933 eingelöst werden müssten. Ein Teil der Lösegeldsumme im Lindbergh-Fall bestand aus solchen Zertifikaten. Die Täter mussten also bis zum Mai 1933 handeln, wollten sie nicht zusehen, wie ihr erpresstes Geld plötzlich zu wertlosem Papier wurde.

J.J. Faulkner

Und pünktlich zum 1. Mai 1933 tauchte tatsächlich ein größerer Betrag aus dem Lösegeld auf. Fragliche Goldzertifikate im Wert von 2.980 US-Dollar wurden bei der Federal Reserve Bank in New York City eingezahlt. Der Einzahlschein war mit dem Namen J.J. Faulkner unterschrieben. Die angegebene Adresse lautete 537 West 149th Street.

Doch der Kassierer konnte sich unglücklicherweise nicht an den Kunden erinnern. Die Überprüfung der Angaben auf dem Einzahlschein verlief im Leeren. Zwar hatte zwanzig Jahre zuvor eine Jane Faulkner in dem Haus gewohnt. Doch sie stritt vehement ab, irgendetwas mit den Zertifikaten zu tun zu haben. Auf die Polizei wirkte die Frau offenbar glaubwürdig. Bis heute weiß man nicht, wer dieser ominöse „J.J. Faulkner“ war.

Ein verdächtiger Kunde

Am 15. September 1934, zweieinhalb Jahre nach der Entführung, bezahlte ein Kunde an einer New Yorker Tankstelle seine Rechnung über 98 Cent mit einem 10-Dollar-Goldzertifikat. Der Tankstelleninhaber Walter Lyle wunderte sich. Solche Zertifikate hatte er seit längerer Zeit nicht mehr in Händen gehalten.

Der Mann versicherte ihm, dass alles seine Ordnung habe. Goldzertifikate mit einem Wert von weniger 100 Dollar seien nach wie vor ein reguläres Zahlungsmittel. Der Kunde sprach mit einem deutschen Akzent. Doch Lyle war misstrauisch. Als der Fremde fortfuhr, notierte er sich das Kennzeichen und benachrichtigte die Polizei.

Die Halterabfrage ergab, dass das Nummernschild zu einem blauen, viertürigen Dodge gehörte, Baujahr 1930. Der Besitzer lebte in der Bronx, 1279 East 222nd Street. Aus der Registrierung ging auch hervor, dass der Besitzer ursprünglich aus Deutschland stammte und Schreiner von Beruf war. Sein Name war Bruno Richard Hauptmann.

Bruno Richard Hauptmann

Weitere polizeiliche Überprüfungen ergaben: Hauptmann war 1923 im Alter von 23 Jahren illegal in die USA eingereist und in Kamenz, einer Kleinstadt in der Lausitz, geboren. In Deutschland war er kurz nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Soldat gedient hatte, wegen Wohnungseinbruch und Raubes verhaftet worden. Er verbüßte vier Jahre Haft im Zuchthaus Bautzen. Kurz nach seiner Entlassung schnappte ihn die Polizei erneut mit gestohlener Ware. Er konnte jedoch aus der U-Haft fliehen und flüchtete in die Vereinigten Staaten.

Dort heiratete er 1925 eine deutschstämmige Kellnerin namens Anna Schoeffler. Das Paar bekam 1933 einen Sohn Manfred, benannt nach dem berühmten deutschen Flieger Manfred von Richthofen, dem „Roten Baron“. Hauptmann spielte Mandoline, reiste gerne und war beliebt bei den Mitgliedern der deutsch-amerikanischen Gemeinde in der Bronx. Seit Frühjahr 1932 arbeitete er nicht mehr als Schreiner, sondern war seitdem angeblich als Aktieninvestor tätig.

Beweise

Die Polizei verhaftete Hauptmann. Als die Beamten ihn durchsuchten, fanden sie in seiner Brieftasche ein 20-Dollar-Goldzertifikat. Der Schein stammte aus dem Lindbergh-Lösegeld. Der wirkliche dicke Fisch ging der Polizei aber ins Netz, als sie Hauptmanns Garage auf den Kopf stellten. Zwischen den Wandbalken versteckt fanden sie Goldzertifikate aus der Beute im Wert von 14.600 US-Dollar. Im anschließenden Verhör behauptete Richard Hauptmann, das Geld habe ihm sein ehemaliger Geschäftspartner Isidor Fisch ausgehändigt, bevor dieser im Dezember 1933 nach Deutschland zurückgekehrt sei.

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Teile des versteckten Lösegelds; links Hauptmanns Haus, ganz rechts die Garage (2. Bild der Dia-Show)

Ein Beamter der New Jersey State Police entdeckte zudem auf Hauptmanns Dachboden Holzbohlen, die mit dem Holz der Leiter identisch zu sein schienen. Der Sachverständige Arthur Koehler bestätigte die Übereinstimmung. Das Holz passte zum unteren Teil der Leiter.

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Die dreiteilige Leiter und Hauptmanns Dachboden

Darüber hinaus fand man in Hauptmanns Besitz einen Notizblock mit der Zeichnung einer Leiter, die dem Fundstück am Tatort ähnelte. Auf einer Schrankwand in Hauptmanns Haus hatte jemand eine Telefonnummer und Adresse gekritzelt. Wie sich herausstellte, waren es John Condons Nummer und Anschrift.

Die Polizei forderte Hauptmann in einer Gegenüberstellung auf, die Worte von „Friedhofs-John“ zu wiederholen, die er während der Geldübergabe geäußert hatte. Sowohl Charles Lindbergh als auch John Condon waren der Ansicht, die Stimme des Täters wiederzuerkennen. Außerdem musste Hauptmann Handschriftenproben abliefern.

Zunächst entschied eine Grand Jury in New York darüber, ob die bisherigen Verdachtsmomente gegen Richard Hauptmann ausreichten, um ihn an den Bundesstaat New Jersey auszuliefern, wo ihn ein Gerichtsverfahren wegen Entführung und Mords erwartete. Neben den besagten Indizien präsentierte der Staatsanwalt einen Nachbarn der Lindberghs als Zeugen. Millard Whited behauptete, Hauptmann bereits in den Tagen vor der Entführung in der Nähe des Lindbergh-Anwesens gesehen zu haben. Die Grand Jury stimmte schließlich am 19. Oktober 1934 einer Überstellung nach Hunterdon County, New Jersey, zu.

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Bruno Richard Hauptmann

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Weitere Kapitel zum Fall Charles Lindbergh 

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(2) Eine Leiche im Unterholz

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Als sich John F. Condon, ein pensionierter Lehrer aus der Bronx, in den Lindbergh-Fall einschaltete, deutete zunächst alles darauf hin, dass ein weiterer Wichtigtuer und Glücksritter die Gunst der Stunde nutzen wollte. Er schrieb einer New Yorker Zeitung einen Leserbrief, in dem er den Tätern zunächst weitere 1.000 Dollar aus eigener Tasche anbot und sich dann als Vermittler andiente. Die Zeitung druckte den Text eine Woche nach dem Verbrechen ab, am 8. März 1932.

Die Überraschung folgte am nächsten Tag. Condon erhielt tatsächlich ein Antwortschreiben. Der oder die Täter erklärten sich einverstanden, dass Condon zukünftig als Mittelsperson auftrat. Dem Brief lag ein kleinerer, verschlossener Umschlag bei, der an Charles Lindbergh adressiert war. Condon rief umgehend Lindbergh an und erklärte ihm die Situation. Lindbergh forderte ihn auf, ihm das beigefügte Schreiben vorzulesen:

„Sehr geehrter Herr, Mr. Condon darf als Mittelsmann auftreten. Sie händigen ihm die 70.000 $ aus. Fertigen Sie ein Paket an von der Größe …“

Es folgte die Zeichnung einer Schachtel, die 18 x 15 x 36 Zentimeter maß. Condon beschrieb die Abbildung am Telefon. Dann las er den Rest der Mitteilung vor:

„Wir haben Sie bereits über die Stückelung der Geldscheine in Kenntnis gesetzt. Wir warnen Sie, uns irgendeine Form der Falle zu stellen. Wenn Sie oder jemand anders die Polizei benachrichtigen, wird sich die Angelegenheit weiter verzögern. Nachdem wir das Geld in Händen halten, werden wir Ihnen mitteilen, wo Sie Ihren Jungen finden können. Sie sollten ein Flugzeug bereithalten, weil der Ort rund 250 Kilometer entfernt liegt. Aber bevor wir Ihnen die Stelle verraten, werden zunächst 8 Stunden verstreichen.“

„Ist das alles?“, fragte Lindbergh. Condon fügte an, dass sich rechts unten auf der Seite eine Art Signatur befinde: zwei sich überschneidende Kreise mit drei kleinen Löchern. Jetzt hatte er Lindberghs volle Aufmerksamkeit. Das Schreiben schien tatsächlich von den Entführern zu stammen. Lindbergh lud Condon nach Hopewell ein.

Zuvor rückte dieser noch eine Anzeige mit dem Text „Geld liegt bereit“in die nächste Ausgabe des „New York American“. Das Entführerschreiben hatte ihn dazu aufgefordert, sollte Lindbergh mit seinen Vermittlerdiensten einverstanden sein. Die Anzeige signierte John Condon mit dem Codenamen „Jafsie“, der auf seinen Initialen JFC basierte.

Friedhofs-John

Am 12. März sprach ein Taxifahrer Condon an. Er überreichte ihm schriftliche Anweisungen der Entführer. Lindbergh mochte Condon trauen. Blauäugig war jedoch nicht. Folglich hatte er ihm die 70.000 US-Dollar Lösegeld auch nicht ausgehändigt. Dennoch begab sich Condon ohne Geld an den von den Tätern vorgeschlagenen Übergabeort, den Woodland Cemetery, ein Friedhof im New Yorker Stadtteil Bronx.

Dort traf er in der Tat auf einen der Entführer. Der Mann behauptete, er heiße John, sei ein skandinavischer Seemann und gehöre einer Bande an, die aus drei Männern und zwei Frauen bestehe. Er sprach mit einem Akzent, der für Condon tatsächlich nordeuropäisch klang. Sein Gesicht konnte der Unterhändler nicht erkennen. Der Mann achtete darauf, im Schatten zu bleiben, wo ihn kein Mond- oder Laternenstrahl traf.

Er verlangte die Herausgabe des Lösegelds. Condon sagte ihm, dass er ihm die Summe erst aushändigen dürfe, wenn er das Baby gesehen habe. Das sei nicht möglich, antwortete „Friedhofs-John“, wie ihn Condon später nannte. Und: „Nummer eins wird ausrasten!“ Aber „Friedhofs-John“ versprach, Condon einen Beweis zu schicken, dass man das Kind in seiner Gewalt habe. Er werde ihm bis spätestens Montagmorgen den Schlafanzug des Babys zukommen lassen.

Goldzertifikate

Der Nachweis traf wie versprochen am 16. März ein. Nachdem Condon mit den Entführern einige weitere Anzeigen und Briefe ausgetauscht hatte, stand schließlich ein konkreter Übergabetermin fest: der 2. April 1932. Lindbergh verwendete für das Lösegeld nicht nur Dollarnoten, sondern auch Goldzertifikate. Äußerlich ähnelten sich beide Zahlungsmittel. In den USA waren solche Goldzertifikate seit 1863 im Umlauf und quasi als Parallelwährung zum US-Dollar erlaubt. Vermutlich hatte Lindbergh von einem seiner Berater den Tipp erhalten, den Kidnappern diese Zertifikate unterzujubeln. Sie fielen eher auf, wenn sie in großer Zahl eingetauscht wurden.

Lindbergh stellte aus den Scheinen zwei Pakete zusammen. Das erste Päckchen, eine eigens angefertigte Holzkiste, wies exakt die im Entführerbrief erwähnten Maße auf und enthielt Zertifikate im Wert von 50.000 Dollar. Das zweite Päckchen bestand aus den übrigen 20.000 Dollar. Die Scheine waren zwar nicht markiert. Aber die Polizei hatte die Seriennummern notiert.

Die Geldübergabe

Lindbergh begleitete Condon zum verabredeten Übergabeort – entgegen den Anweisungen der Entführer. Wieder hatten sich die Täter einen Friedhof als Treffpunkt ausgesucht. Dieses Mal den St. Raymond’s Cemetery in der Bronx. Lindbergh wartete im Auto. Condon begab sich auf den Friedhof. Er ging zwischen den Grabsteinen entlang, ohne jemanden im Dunkel der Nacht zu sehen. Schließlich kehrte er zum Wagen zurück. „Hey, Doktor!“ Sowohl Condon als auch Lindbergh bestätigten später, dass sie die Stimme gehört hatten. Der Entführer rief erneut: „Hier, Doktor! Hier drüben! Hier drüben!“

Condon kehrte auf den Friedhof zurück und erkannte schemenhaft eine Gestalt, der er folgte. Es war der ihm bereits bekannte „Friedhofs-John“, wie sich alsbald herausstellte. Condon zettelte wieder eine Diskussion um den Verbleib des Babys an. Vergeblich. „Friedhofs-John“ schickte ihn zum Wagen zurück, um das Lösegeld zu holen. Immerhin war es Condon gelungen, den Entführer auf eine Auszahlung von lediglich 50.000 Dollar herunterzuhandeln. Er überreichte ihm das entsprechend präparierte Päckchen.

Das Boot Nelly

Im Gegenzug erhielt er einen Brief, in dem der Aufenthaltsort des Lindbergh-Kindes und weitere Instruktionen enthalten seien, wie ihm „Friedhofs-John“ versicherte. Er dürfe den Umschlag aber erst nach sechs Stunden öffnen, um die Sicherheit des Babys nicht zu gefährden, fügte er hinzu. Der Mann verschwand schließlich im Dunkel der Nacht, während Condon zu Lindberghs Wagen zurückkehrte. Als sie rund einen Kilometer vom Friedhof entfernt waren, einigten die Männer sich darauf, den Brief zu lesen. Die Drohung von „Friedhofs-John“ war vermutlich nur ein Bluff.

Der Text lautete wie folgt: „Der Junge ist auf dem Boot Nelly. Es ist ein kleines Boot, 8,50 Meter lang. Zwei Personen sind auf dem Boot. Die sind unschuldig. Sie finden das Boot zwischen Horseneck Beach und Gay Head in der Nähe von Elizabeth Island.“

Die beschriebene Stelle lag an der Südküste des Bundesstaates Massachusetts, rund 100 Kilometer südlich der Metropole Boston. Dort fand sich weder ein Boot namens „Nelly“, geschweige denn das entführte Baby. War etwas schiefgegangen? War Lindbergh auf einen Schwindler hereingefallen? Lebte das Kind noch? Die Ungewissheit sollte für die Familie noch mehr als einen weiteren quälenden Monat andauern.

Eine Leiche im Unterholz

Am 12. Mai hielt der Lieferfahrer William Allen an einer Straße nahe dem Weiler Mount Rose an, um auszutreten. Das kleine Dorf lag direkt südlich von Hopewell und nur 7 Kilometer vom Anwesen der Lindberghs entfernt. Der Lkw-Fahrer entdeckte im Unterholz den Leichnam eines kleinen Kindes. Der Körper lag mit dem Kopf nach unten auf dem Waldboden und war nur notdürftig mit einigen Blättern bedeckt. Die Leiche war schon zu großen Teilen skelettiert. William Allen verständigte die Polizei in Hopewell.

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Die Fundstelle

Bezirksarzt Dr. Charles H. Mitchell war für die Autopsie des Leichnams zuständig. Doch der Mediziner litt unter schwerer Arthritis. Er bat deshalb den örtlichen Leichenbeschauer Walter Swayze darum, die Sektion vorzunehmen. Mitchell würde derweil die Obduktion überwachen und notwendige Anweisungen erteilen. Denn Swayze war kein ausgebildeter Arzt, sondern von Beruf einfacher Bestattungsunternehmer.

Diese Vorgehensweise wäre bei jeder Autopsie höchst fragwürdig gewesen. Aber ausgerechnet beim vermeintlichen „Verbrechen des Jahrhunderts“? Da war es nicht nur fragwürdig, sondern extrem fahrlässig. Normalerweise ein gefundenes Fressen für jeden Anwalt. Vor einem Geschworenengericht, wie es in den USA üblich ist, kann solcher Pfusch verheerende Folgen für den Ausgang des Verfahrens haben.

Todesursache

Der Leichnam befand sich in einem fortgeschrittenen Verfallszustand. Linke Hand und rechter Arm fehlten komplett, das linke Bein ab Knie. Außerdem waren die meisten innere Organe verschwunden. Die entsprechenden Körperteile waren aller Wahrscheinlichkeit Opfer von Wildfraß geworden. Die Zerstörung war so weit vorangeschritten, dass eine Geschlechtsbestimmung nicht mehr möglich war.

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Der Leichnam von Charles Lindbergh Jr.

Bei der Autopsie lag das besondere Augenmerk auf zwei Aspekten. Erstens wollte Dr. Mitchell möglichst eindeutig nachweisen, dass es sich bei dem toten Kind tatsächlich um Charles Lindbergh Jr. handelte. Darüber hinaus galt sein Hauptinteresse der Todesursache. Letzteres ließ sich zügig klären. Der Schädel des Babys wies eine massive Fraktur auf. Sonstige Verletzungen, die auf Gewalteinwirkung zurückzuführen waren, ließen sich nicht feststellen.

Dr. Mitchell mutmaßte, dass der Tod bereits am 1. März, also in der Nacht der Entführung eingetreten war. Dafür sprach einerseits der Verwesungsgrad, andererseits die Art der Schädelverletzung. Möglicherweise hatte einer der Täter das Baby noch im Kinderzimmer auf den Boden fallen lassen. Oder es war während des Abtransports über die Leiter zu Fall gekommen.

Die Überlegungen von Dr. Mitchell zum Tathergang setzten aber voraus, dass es sich bei der Leiche in der Tat um das verschwundene Lindbergh-Kind handelte. Die Identifizierung gelang schließlich anhand zweier körperlicher Merkmale: Anzahl der Zähne und eine spezifische Fehlstellung der Zehen. Dr. Mitchell hatte nicht nur den Vater und das Kindermädchen in die Pathologie gebeten, sondern auch den behandelnden Kinderarzt von Charles Lindbergh Jr. Sie alle bestätigten aufgrund der genannten Merkmale die Identität des Kindes. Außerdem klebten an der Leiche noch Überreste eines Hemds, das Betty Gow für Charles Jr. genäht hatte und das sie wiederzuerkennen glaubte.

Zweifel an der Identität

Zwei weitere Ergebnisse der Autopsie weckten jedoch später Zweifel an der Identität. Die große Fontanelle auf dem Kopf des Säuglings hatte noch einen Durchmesser von 2,5 cm, was nach Ansicht von Medizinern bei einem 20 Monate alten Säugling wohl ungewöhnlich war. Die Größe des Lochs deutete eher auf ein Alter von zwölf Monaten hin.

Zweiter Punkt: Auf dem offiziellen Fahndungsplakat war die Größe des Babys mit 29 Inch (= 73,5 cm) angegeben. Die Vermessung der Leiche ergab jedoch eine Länge von 33 Inch (= 84 cm). Einige Autoren führen diese Abweichung auf einen Schreibfehler zurück. Die ursprüngliche Angabe habe wohl 2 Fuß 9 Inch gelautet, was 33 Inch entsprechen würde (1 Fuß = 12 Inch). Die amerikanische Schreibweise für 2 Fuß 9 Inch lautet 2’9‘‘. Die kleinen Anführungszeichen könnten auf dem Weg zur Drucklegung irgendwo übersehen worden sein.

Wanted poster for missing child
Public Domain, Link

Fahndungsplakat des gesuchten Kindes

Zweifler beriefen sich immer wieder auf diese Befunde, wenn sie in Abrede stellten, dass es sich bei dem aufgefundenen Leichnam um Charles Lindbergh Jr. handelte. Dabei gibt es nur ein Problem: Beide Befunde passen nicht zueinander. Sprich: Ein 12 Monate alter Säugling wäre mit 84 cm ungewöhnlich groß gewesen. Heutiger Durchschnittswert für ein Kind dieses Alters sind 74 cm. In den 1930-er Jahren fiel die durchschnittliche Körpergröße von Erwachsenen noch deutlich niedriger aus als heute. Ob dieser Umstand auch abweichende Körpergrößen bei Säuglingen zur Folge hatte, vermag ich allerdings nicht zu sagen.

Dr. Mitchell ließ während der Obduktion keine Fotos des Schädels anfertigen. Sein Autopsiebericht umfasste lediglich eine Textseite, die einige wenige Messdaten enthielt. Eine Stunde nach Ende der Untersuchung wurden die sterblichen Überreste des Kindes eingeäschert.

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Weitere Kapitel zum Fall Charles Lindbergh 

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Die Entführung von Charles Lindbergh Jr.

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Das „Verbrechen des Jahrhunderts“ titelte die US-Presse, als Entführer das Kind des Nationalhelden Charles Lindbergh in einer kalten Märznacht 1932 raubten und töteten. Erst Jahre später konnte die Polizei einen Tatverdächtigen ermitteln: Bruno Richard Hauptmann, illegaler Einwanderer aus Deutschland. Bis heute gibt es jedoch Zweifel, ob Hauptmann der (Allein-)Täter war.

Um 19.30 Uhr am 1. März 1932 brachte das Kindermädchen Betty Gow den 20 Monate alten Charles A. Lindbergh Jr., erstgeborener Sohn des berühmten Luftfahrtpioniers, zu Bett. Um 22.00 Uhr begab sich die Amme erneut in das Kinderzimmer, um nach dem schlafenden Jungen zu schauen. Die Krippe war leer. Sie suchte nach der Mutter. Anne Morrow Lindbergh hatte gerade ein Bad genommen. Der Junge war nicht bei ihr.

Der mutmaßliche Zeitpunkt der Kindesentführung ließ sich später noch genauer eingrenzen. Zwischen 21.00 und 21.30 Uhr hielt sich Charles Lindbergh in der Bibliothek auf, die sich genau unter dem Kinderzimmer befand. Er bemerkte ein Geräusch, das er in der Küche verortete. Dort stand an diesem Abend eine vollbepackte Holzkiste herum. Für Lindbergh hörte es sich in diesem Moment so an, als sei eine der Kistenlatten unter dem Druck auseinandergebrochen, wie er später bei der polizeilichen Befragung aussagte.

Nachdem das Kindermädchen Lindbergh vom Verschwinden seines Sohnes unterrichtet hatte, eilte er umgehend in das Kinderzimmer. Er sah die leere Krippe. Und einen Briefumschlag, der auf dem Fensterbrett lag. Manche Quellen behaupten, er habe den Umschlag sofort geöffnet. Anderen Quellen zufolge ließ er den Brief zunächst unberührt liegen.

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Charles Lindbergh Jr.

Charles Lindbergh rannte anschließend ins Erdgeschoss, schnappte sich sein Springfield-Gewehr und verließ gemeinsam mit dem Butler Olly Whateley das Haus. Die beiden Männer suchten in der kalten, regnerischen Nacht das Anwesen nach Hinweisen ab, was mit dem Kind geschehen war. Unter dem Fenster des Kinderzimmers entdeckten sie die Schlafdecke des Babys. Außerdem zwei tiefe Abdrücke im regendurchweichten Boden, die von einer Leiter herrühren konnten.

H. Norman Schwarzkopf

Der Butler verständigte zunächst die nächstgelegene Polizeistation in der Gemeinde Hopewell. Wenige Minuten später rief Charles Lindbergh die Staatspolizei von New Jersey an. Schließlich auch seinen Freund und Anwalt Henry Breckinridge. Innerhalb von zwanzig Minuten trafen die ersten Polizisten am Anwesen der Lindberghs ein. Es war schnell klar, dass die Staatspolizei für die weiteren Ermittlungen verantwortlich war. Das Kommando hatte H. Norman Schwarzkopf inne.

Wer sich noch an den ersten Golfkrieg von 1991 erinnert („Operation Desert Storm“) , wird dieser Name vermutlich bekannt vorkommen. Damaliger Oberbefehlshaber der US-amerikanischen Streitkräfte war eine gewisser H. Norman Schwarzkopf Jr. – der Sohn des besagten Polizeichefs von New Jersey. Und wie der Sohn war auch der Vater von Hause aus ein Militär, der während des Ersten Weltkriegs gedient hatte. Nach dem Krieg hatte man den 26-jährigen Schwarzkopf zum ersten Leiter der Staatspolizei von New Jersey ernannt.

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By Walter Albertin, World Telegram staff photographer – Library of Congress. New York World-Telegram & Sun Collection. http://hdl.loc.gov/loc.pnp/cph.3c15940, Public Domain, Link

Herbert Norman Schwarzkopf

Spurensuche

Die Beamten der Staatspolizei untersuchten den Außenbereich. Sie fanden Fußabdrücke auf dem matschigen Boden unter dem Fenster. Sie versäumten es jedoch, die Spuren zu vermessen oder Gipsabdrücke zu nehmen. Zudem waren, wie bereits erwähnt, tiefe Eindrücke im Boden zu erkennen, die vermutlich von einer Leiter stammten. Außerdem sammelte ein Polizist in unmittelbarer Nähe einen Holzmeißel auf. In weniger als hundert Metern Entfernung entdeckte man schließlich die Leiter. Sie bestand aus drei Teilen. Der untere Abschnitt – der breiteste – war zerbrochen. Auf einem unbefestigten Feldweg, der am Anwesen vorbeiführte, stießen die Beamten auf frische Reifenspuren eines Pkws.

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Das Kinderzimmer und die Leiter

Inzwischen war auch Lindberghs Freund und Anwalt Henry C. Breckinridge eingetroffen. Zudem der Spurenexperte der Polizei von New Jersey, Frank Kelly. Der Tross zog in das Kinderzimmer weiter. Kelly staubte den Umschlag auf dem Fensterbrett, den Lindbergh zuvor bemerkt hatte, auf Fingerabdrücke ab, ebenso andere Bereiche im Raum. Kelly fand nur einen einzigen Abdruck auf dem Umschlag, der allerdings so verwischt war, dass er nicht zu einer Identifizierung taugte.

Später untersuchte Kelly den Raum auch noch nach Schuhabdrücken. Angesichts der Witterung war es sehr wahrscheinlich, dass die Entführer das Zimmer mit verdreckten Profilen betraten. Aber sie hatten keine verräterischen Spuren hinterlassen. Die Polizei mutmaßte, dass die Täter Handschuhe getragen und irgendeine Form von Stulpen über die Schuhe gezogen hatten. Möglicherweise hatten sie nur ein Stück Stoff um die Treter gewickelt. Auf jeden Fall waren sie planvoll vorgegangen.

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Innenansicht Kinderzimmer

Das Erpresserschreiben

Dann schlitzte Kelly den Umschlag mit einem Taschenmesser auf. Er entnahm dem Kuvert ein einzelnes gefaltetes Blatt Papier, auf dem sich ebenfalls keinerlei Fingerabdrücke feststellen ließen. Der Brief war mit blauer Tinte geschrieben worden und enthielt viele Rechtschreib- und Grammatikfehler. Der Text lautete:

„Sehr geehrte Herr!

Halten Sie 50.000 $ bereit, davon 25.000$ in 20-Dollar-Scheinen und 15.000$ in 10-Dollar-Scheinen und 10.000$ in 5-Dollar-Scheinen. Nach 2-4 Tagen werden wir Sie darüber informieren, wohin Sie das Geld liefern sollen.

Wir warnen Sie, irgendetwas publik zu machen oder die Polizei einzuschalten. Das Kind ist in guter Obhut. Kennzeichen für alle Briefe sind die Signatur und 3 Löcher.“

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By Lindbergh Kidnapper – www.fbi.gov, Public Domain, Link

Das Entführungsschreiben

Die besagte Signatur sollte wohl als eindeutiges Erkennungsmerkmal für den zukünftigen Schriftverkehr mit den Entführern dienen. Sie sah wie folgt aus: In der rechten unteren Ecke des Blattes befanden sich zwei einander überlappende Kreise mit einem Durchmesser von jeweils etwa 2,5 Zentimeter. Der Bereich, in dem sich die Kreise überschnitten, war rot eingefärbt. In die Signatur waren drei kreisrunde Löcher eingestanzt, darunter eines mitten in der roten Färbung.

Lindbergh Kidnapping Note Signature.png
By SGT141Own work, CC0, Link

Die Signatur

Das Verbrechen des Jahrhunderts

So viel stand bereits kurz nach dem Verbrechen fest: Der oder die Kidnapper waren reichlich naiv anzunehmen, die Entführung des Lindbergh-Babys ließe sich geheim halten. Innerhalb weniger Stunden bevölkerten Dutzende Reporter das abgeschiedene Lindbergh-Anwesen. Am Morgen trampelten neugierige Gaffer über das Grundstück und vernichteten alle Spuren, die noch nicht gesichert waren. Und am nächsten Tag war die Nachricht einmal um den Erdball gegangen.

Es war das „Verbrechen des Jahrhunderts“, wie die Zeitungen titelten. Das lag natürlich weniger an der Straftat an sich, sondern am Status der Eltern. Charles Lindbergh war es fünf Jahre zuvor gelungen, im Mai 1927, als erster Mensch den Atlantik alleine in einem Flugzeug zu überqueren. Der Nonstop-Flug von New York nach Paris schrieb Weltgeschichte. Lindbergh war in den USA seitdem ein Nationalheld und weit über die Landesgrenzen hinaus eine Berühmtheit.

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Nationalheld Charles Lindbergh

Auch Lindberghs Frau Anne Morrow entstammte einer prominenten US-amerikanischen Familie. Ihr kurz zuvor verstorbener Vater Dwight Morrow war seit 1913 Teilhaber der bekannten Investmentbank J.P. Morgan gewesen, was ihn zu Lebzeiten zu einem der reichsten Menschen im Bundesstaat New Jersey machte. Außerdem war er für sein Land als Botschafter in Mexiko tätig gewesen und ein Jahr vor seinem Tod zum US-Senator gewählt worden. Der Schauplatz des Verbrechens, das knapp 160 Hektar umfassende Anwesen nahe Hopewell, hatte die Frau von Charles Lindbergh in die Ehe eingebracht.

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Anne Morrow und Charles Lindbergh

Wer hat das Kommando?

Den Lindberghs mangelte es also weder an Geld noch an Einfluss. Und sie ließen sich ungern von anderen Menschen sagen, wo es lang ging. Das bekam auch der Chefermittler H. Norman Schwarzkopf rasch zu spüren. Er durfte zwar in Lindberghs großer Garage, in der drei Wagen Platz fanden, einen Kommandoposten einrichten, für den er zusätzliche Telefonanschlüsse verlegen ließ. Doch Schwarzkopf blieb vorerst lediglich Dirigent des Chaos, das durch das gesteigerte öffentliche Interesse entstanden war. Eine Art überqualifizierter Schülerlotse, wenn man so will.

Während der folgenden Wochen hatten Lindbergh und sein Anwalt Breckinbridge das Heft des Handelns inne. Sie hörten sich zwar Schwarzkopfs Vorschläge an. Aber sie entschieden letztlich, wie weiter vorzugehen war. Die Polizei war somit aus den Verhandlungen mit den Entführern komplett ausgeschlossen. Schwarzkopf konnte lediglich darauf hinweisen, dass etwaige Zugeständnisse an die Entführer seitens Lindbergh – etwa die Zusicherung von Straffreiheit – rechtlich keinerlei Relevanz besaßen.

So verstrich die Zeit zwischen Anfang März und Anfang Mai 1932, ohne dass die Polizei wirkliche Ermittlungen anstellte – obwohl inzwischen auch andere nationale Behörden wie das Bureau of Investigation (das spätere FBI), das US-Justizministerium, die Küstenwache, das Zollamt und die Einreisebehörde (das heutige Ministerium für Innere Sicherheit) ihre volle Unterstützung auf Geheiß von Präsident Herbert Hoover zugesagt hatten.

Am 4. März traf bei den Lindberghs eine zweite Lösegeldforderung ein, abgestempelt im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn. Der Verfasser des Briefes beschimpfte darin Lindbergh, weil er die Polizei verständigt hatte. Er verlangte deshalb nun 70.000 statt der ursprünglichen 50.000 US-Dollar. Der Brief war mit der gleichen Signatur versehen wie das erste Schreiben und galt daher als authentisch. Nur einen Tag später erhielt Lindberghs Anwalt Breckinridge eine Nachricht mit nahezu identischem Inhalt. Konkrete Anweisungen für eine Übergabe des Lösegeldes fehlten in beiden Schreiben.

Gaston Bullock Means

Dieser Leerlauf lockte einige dubiose Figuren auf den Plan, die das schnelle Geld witterten. Der erste Trittbrettfahrer betrat am 4. März die Bildfläche, als die zweite Lösegeldforderung eintraf. Gaston Bullock Means hatte mehrere einflussreiche Persönlichkeiten in New York und Washington kontaktiert. Er erzählte ihnen, die Entführer hätten ihn ursprünglich für die Lindbergh-Entführung anheuern wollen. Er habe sich aber geweigert. Doch nun könne er dank seines Insider-Wissens nützlich machen.

Means war ein ehemaliger FBI-Agent, der seit seiner Entlassung 1924 mehrfach wegen Betrugs mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Er hatte bereits eine Gefängnisstrafe abgesessen. Evalyn Walsh McLean, Tochter eines der reichsten Männer der Welt und Gattin des Verlegers der „Washington Post“, glaubte ihm seine Geschichte. Sie wollte den Lindberghs auf eigene Faust helfen.

Means behauptete, dass er den Anführer der Entführer-Bande nur unter seinem Spitznamen „Der Fuchs“ kenne. Der Mann verlange 100.000 US-Dollar für die Herausgabe des Babys. Zudem bestehe er darauf, das Kind an einen katholischen Priester zu übergeben, nachdem er das Lösegeld erhalten habe. Evalyn McLean stellte die geforderte Summe bereit und bat Pater J. Francis Hurley um Unterstützung. Außerdem zahlte sie Means 3.500 US-Dollar an Spesen, die er für seine „Auslagen“ und Bemühungen reklamierte.

Allein, es geschah nichts. Weder meldeten sich die Entführer, noch tauchte das Lindbergh-Baby auf. McLean forderte schließlich ihr Geld zurück. Doch Means beteuerte weiterhin, den gesamten Betrag einem Mitglied der Kidnapper-Bande ausgehändigt zu haben. Die Angelegenheit ging vor Gericht. Der Richter verurteilte Means und einen Komplizen zu einer langjährigen Haftstrafe.

Mickey Rosner und Al Capone

Der zweite Schwindler wandte sich direkt an Lindbergh und seinen Anwalt. Mickey Rosner verfügte nach eigener Aussage über hervorragende Kontakte zum organisierten Verbrechen, das seiner Einschätzung zufolge hinter der Entführung steckte. Rosner war tatsächlich als Schwarzbrenner in Erscheinung getreten.

1931 war noch der sogenannte „Probition-Act“ in Kraft, der in den USA Herstellung und Verkauf von Alkohol unter Strafe stellte. Die Mafia hatte sich an dieser Entwicklung dumm und dämlich verdient. Die kriminellen Syndikate der damaligen Zeit waren aber auch bekannt dafür, wohlhabende Personen zu entführen, um hohe Lösegelder zu erpressen.

Lindbergh und Breckinridge hielten Rosners Ausführungen offensichtlich für glaubwürdig genug, um ihm 2.500 US-Dollar für seine Vermittlerdienste zu zahlen. Schließlich schaltete sich sogar der berüchtigte Gangsterboss Al Capone aus Chicago höchstpersönlich ein, den man gerade wegen Steuerhinterziehung hinter Gittern gebracht hatte. Sollte es Lindbergh gelingen, so Capones Angebot, ihm zwei Wochen lang Freigang zu verschaffen, könne er die Hintermänner ausfindig machen und die Freigabe des Babys erreichen.

Doch so weit reichte auch Lindberghs Einfluss nicht. Elmer Irey von der US-Steuerbehörde IRS, der die langwierigen und schwierigen Ermittlungen gegen Capone koordiniert hatte, sah gar nicht ein, dass man dem einstigen „Staatsfeind Nr. 1“ eine Möglichkeit zur Flucht einräumen sollte. Mickey Rosner ging dennoch im Haus der Lindberghs ein und aus – zumindest solange, bis die weiteren Ereignisse zeigten, dass er vollkommen nutzlos für die Klärung des Falls war.

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Weitere Kapitel zum Fall Charles Lindbergh 

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(6) Neue Beweise

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Richard Eberling behauptete, Sam Sheppard habe ihm die Wahrheit über den Mord gesagt, weil sie so gut befreundet gewesen seien. Dabei sagten Sheppards Verwandte unisono, dass Sam den Fensterputzer möglicherweise nie in seinem Leben zu Gesicht bekommen oder allenfalls mal flüchtig gesehen hatte. Denn wenn der Fensterputzer arbeitete, war Sheppard in der Regel längst in der Klinik. Eberlings Glaubwürdigkeit bröckelte. Weiterlesen →

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(5) Der Fensterputzer

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Steve Sheppard und seine Frau nahmen ihren Neffen Sam Reese Sheppard – genannt „Chip“ – bei sich auf und zogen ihn groß, nachdem seine Mutter ermordet und sein Vater zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden waren. Er verbrachte eine normale Kindheit, wenn man von dem Stigma absieht, dass viele Leute mit dem Finger auf ihn zeigten und tuschelten: „Das ist der Sohn des Arztes, der seine Frau getötet hat.“ Weiterlesen →