(2) Der Stein kommt ins Rollen

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Kurz darauf traf die Gruppe um Oliver Loutsenhizer in der Indianeragentur Los Piños ein. Der Leiter der Agentur, General Charles Adams, begrüßte die Überlebenden und erzählte ihnen vom Schicksal ihres Kameraden Alfred Packer.

Loutsenhizer konnte nicht glauben, was er da zu hören bekam. Er hielt es für undenkbar, dass die fünf Verschollenen einen Mann zurückgelassen hätten, egal wie bedrohlich die Lage auch gewesen sein mochte.

Loutsenhizer bat Adams, Packer unter einem Vorwand in die Agentur zu locken, damit man ihn dort eingehender befragen könnte. Wie wäre es, wenn man ihn bitten würde, eine Suchexpedition nach den vermissten Männern anzuführen? Diese Bitte konnte er kaum ausschlagen, wenn er sich nicht verdächtig machen wollte. General Adams ließ sich von dem Vorschlag überzeugen und entsandte einen Boten nach Saguache, der Packer dort noch kurz vor seiner geplanten Abreise nach Pennsylvania erwischte.

Neue Erkenntnisse

Der Kurier, der Packer zurück in die Indianeragentur begleitete, hatte auch Preston Nutter kennengelernt. Der erzählte ihm brühwarm vom neuen Reichtum Packers. Dass er sich unter anderem auch ein Pferd und einen Sattel gekauft hatte. Und dass er sich im Besitz von Gegenständen befand, die wohl ursprünglich den verschollenen Expeditionsmitgliedern gehörten.

Als General Adams von diesen Details erfuhr, stellte er Packer zur Rede. Dieser wiederholte seine Aussage, die er auch bei der ersten Befragung durch Adams abgegeben hatte. Er zeigte sich erstaunt und zugleich besorgt, dass man bisher noch nichts vom Schicksal der vermissten fünf Kameraden in Erfahrung gebrachte hatte.

Loutsenhizer wollte wissen, woher Packers plötzlicher Reichtum kam. Packer gab an, dass er in Saguache ein privates Darlehen aufgenommen habe. General Adams bot an, einen Mann in die Stadt zu schicken, um den Kreditgeber zu befragen. Wenn dies der Wahrheit entspräche, habe Packer doch bestimmt nichts dagegen. Packer zögerte kurz, erklärte sich dann aber einverstanden.

Der entsandte Bote benötigte nicht lange. Doch was er zu berichten hatte, schürte dass Misstrauen gegenüber Packers Erzählungen. Er habe mehrere Zeugen gesprochen. Sie alle hätten übereinstimmend berichtet, dass Packer bereits mit viel Bargeld in Saguache eingetroffen sei. Zudem hätten sie beobachtet, dass sich mehrere Geldbörsen in seinem Besitz befanden. Niemand aus der Stadt habe ihm Geld geliehen.

Streifen getrockneten Menschenfleischs

Während General Adams sich noch mit der Gruppe um Loutsenhizer über das weitere Vorgehen beriet, trafen zwei Angehörige des Ute-Stammes in der Indianeragentur ein. Sie seien auf der Jagd gewesen. Dabei hätten sie auf einem Hügel in der Nähe der Stadt Menschenfleisch gefunden. Fleisch von „weißen Männern“. Zum Beweis hielten sie Streifen getrockneten Menschenfleischs in Händen.

Den Berichten zufolge fiel Packer daraufhin in Ohnmacht. Als er wieder zu Sinnen kam, bettelte er um Gnade. Er schwor, ein umfassendes Geständnis abzulegen. Dieses eröffnete er mit der Bemerkung: „Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Menschen gezwungen waren, sich gegenseitig aufzuessen.“

Das erste Geständnis

Herman Lauter arbeitete für die Agentur. Er protokollierte das Geständnis, das Alfred Packer am 8. Mai 1874 ablegte und zum Abschluss mittels Unterschrift bestätigte. Packer behauptete, seine Gruppe habe das Lager von Häuptling Ouray mit einem Vorrat an Lebensmitteln für 14 Tage verlassen. Doch das unwegsame Gelände, die widrigen Witterungsbedingungen und der damit einhergehende höhere Energieverbrauch hätten dafür gesorgt, dass die Vorräte bereits viel früher aufgebraucht waren.

Angesichts der extremen Kälte hätten sie keine Wildtiere gesichtet. Die Bäche und Seen seien zugefroren gewesen, angeln nicht möglich gewesen. Ihr Nahrungsangebot beschränkte sich in den nächsten Tagen auf Kiefernharz, Rosenknospen und einige wenige Wurzeln, die genießbar waren. Der Hunger nahm immer mehr zu. Die Männer hätten sich gegenseitig beäugt, „auf beunruhigende Weise“, wie es Packer ausdrückte.

Er habe dann ihr notdürftiges Lager verlassen, um nach trockenem Brennholz zu suchen. Als er zurückgekehrt sei, hätten vier Männer aus der Gruppe um den toten Israel Swan herumgestanden. Swan sei mit einem Beil erschlagen worden. Die anderen hätten begonnen, den Leichnam zu zerlegen. Er habe sich ihnen dann angeschlossen. Bei der Leiche hätten sie zudem mehrere tausend Dollar gefunden, die sie untereinander aufgeteilt hätten.

Gemeinsame Sache

Sie hätten dann gemeinsam die essbaren Teile von Swans Körper verzehrt. Er selbst habe zudem Swans Gewehr an sich genommen. In den nächsten beiden Tagen sei ihnen jedoch erneut kein Jagdglück vergönnt gewesen, sodass sie erneut hungern mussten.

Er, Noon, Humphrey und Bell hätten sich dann heimlich abgesprochen, Frank Miller zu töten. Miller sei ein untersetzter Typ gewesen, „mit noch etwas mehr Fleisch auf den Rippen“. Ein Beilhieb habe ihn niedergestreckt, als er sich gerade nach Feuerholz bückte.

Anschließend hätten ihn seine Kameraden „geschlachtet“ und gegessen. Packer behauptete, bei dieser Gelegenheit in den Besitz von Millers Messer gekommen zu sein. Zudem habe man seinen Anteil an Swans Barschaft unter den übrigen vier aufgeteilt.

Die verbliebenen Männer hätten sich wieder in Bewegung gesetzt. Doch der Winter in den Rocky Mountains sei unerbittlich gewesen. Sie seien kaum vorangekommen, hätten fast nichts sehen können vor lauter Schnee und peitschendem Wind. Als Nächstes hätte Humphrey dran glauben müssen, dann Noon. Schließlich seien nur noch Bell und er übrig geblieben, so Packer.

Der Pakt

Sie hätten sich beim Namen des Allmächtigen geschworen, sich niemals zu töten und aufzuessen. Beide hätten zu diesem Zeitpunkt jeweils ein Gewehr und mehrere tausend Dollar aus Swans Besitz besessen. Sie seien zuversichtlich gewesen, zu zweit mit dem kleinen Angebot an Wild, das sich ab und an zeigte, über die Runden zu kommen.

Und sie hätten sich geschworen, niemals darüber zu sprechen, dass sie angesichts der Umstände zu Kannibalen geworden seien. Niemand würde verstehen, dass ihr Vorgehen überlebensnotwendig gewesen sei. Stattdessen würden sie den Leuten erzählen, dass ihre vier Kameraden den widrigen Witterungsbedingungen zum Opfer gefallen seien.

Doch der Friede währte nur wenige Tage, in denen sie sich von Wurzeln und einem Hasen, den sie erlegen konnten, ernährten. Erschöpft errichteten sie ein Lager an einem großen See, dessen Ufer mit Hemlocktannen dicht bewachsen war. Nach mehreren Tagen sei Bell plötzlich ausgerastet und habe geschrieen, dass er es nicht mehr länger aushalten könne.

Vollgeschlagen

Er habe Packer gesagt, dass einer von beiden nun sterben müsse, damit wenigstens einer noch eine Überlebenschance habe. Bell habe sich eine Flinte geschnappt und sei auf Packer zugestürmt. Er habe ihm mit dem Gewehr den Schädel einschlagen wollen, doch er habe dem Hieb rechtzeitig abwehren können. Packer habe den Augenblick genutzt, sich das Beil genommen und den Angreifer am Kopf getroffen.

Er habe den Toten dann zerlegt und alles über dem Feuer gebraten, was ihm essbar erschien. Er habe sich im Lager den Bauch regelrecht vollgeschlagen, dann den Rest als Proviant eingepackt. Schließlich habe er sich wieder auf den Weg begeben, auch wenn er nicht so recht wusste, wo er sich genau befand. Und natürlich habe er zuvor Bells Taschen geplündert und dessen Beuteanteil eingesteckt.

Nach einer Weile habe er einen Hügel erklommen, von dem aus er die Indianeragentur erkennen konnte. Er habe dort die Fleischstücke, die er noch bei sich führte, einfach weggeschmissen und gehofft, dass sich Wildtiere darüber hermachen würden. Es sei ihm jedoch schwergefallen, dies zu tun. Denn er müsse zugeben, dass ihm das Menschenfleisch gemundet habe und insbesondere die Bruststücke „vorzüglich“ geschmeckt hätten.

Loutsenhizer und die anderen Mitglieder der Expedition glaubten Packer kein Wort. Bell sei zum Beispiel jemand gewesen, der bereitwillig sein Leben für andere geopfert hätte, wenn es die Situation erfordert hätte. So jemand würde doch in einer Notlage nicht plötzlich losziehen und Menschen abschlachten.

Ein Suchtrupp wird entsandt

General Adams beschloss, einen Suchtrupp zusammenzustellen. Vielleicht würde man sich mehr Klarheit verschaffen, sobald man endlich die Leichen gefunden hätte. Er fragte die beiden Ute-Stammesmitglieder, ob sie einen See kennen würden, der Packers Beschreibung entsprach. Sie beschrieben eine Stelle, die etwa 80 Kilometer von der Agentur entfernt lag.

Herman Lauter führte den Suchtrupp an. Er bestand neben fünf Goldschürfern aus Utah aus mehreren Mitarbeitern der Agentur sowie Alfred Packer, der die Gruppe durch die Berge geleiten sollte. Nach zwei Wochen erreichten sie Lake Fork am Gunnison River. Dort vermuteten die Ute das fragliche Lager.

Doch Packer behauptete, er erkenne die Gegend nicht wieder. Loutsenhizer beschimpfte ihn daraufhin als Lügner und Mörder. Er verlangte, dass man den Mann direkt am nächsten Baum aufknüpfe. Vorläufig blieb Packer aber auf freiem Fuß.

Der Suchtrupp konnte keine Spur der Vermissten finden und kehrte schließlich um. Auf dem Rückweg unternahm Packer dann einen Mordanschlag auf Lauter. Irgendwie war es ihm gelungen, ein großes Messer in seiner Kleidung zu verstecken, mit dem er nun den Anführer angriff. Die übrigen Männer konnten ihn jedoch überwältigen.

Neues Geständnis

Als General Adams von dem Attentat hörte, ließ er Packer nach Saguache bringen und dort ins Gefängnis sperren. Bisher hatte er Packers Schilderungen noch Glauben schenken wollen. Doch der scheinbar unmotivierte Angriff auf seinen Angestellten Lauter warf ein anderes Licht auf die Vorfälle.

Während der Inhaftierung revidierte Alfred Packer sein Geständnis. Er behauptete nun, seine Gruppe sei in einen schweren Schneesturm geraten. Eine Orientierung im Gelände sei nicht mehr möglich und die Vorräte rasch aufgebraucht gewesen. Sie hätten kein Wild entdecken können, auch das Angeln sei unmöglich gewesen.

Ihnen seien zudem die Streichhölzer ausgegangen. Sie hätten sich beholfen, indem sie Holzkohleglut in einer Kaffeekanne aus Stahl transportiert hätten. Am Ende hätten sie aus Verzweiflung ihre Schuhe über dem Feuer geröstet und versucht das Leder zu essen.

Schutz in einer Senke

Das sei der Punkt gewesen, an dem die Männer einen Pakt geschlossen hätten. Wenn einer von ihnen an Hunger versterben würde, dürften die anderen seine Leiche verspeisen. Sie seien weitergezogen, hätten aber praktisch keine weitere Nahrung gefunden. Nach mehreren Tagen sei Israel Swan zusammengebrochen, die anderen ebenfalls völlig erschöpft gewesen.

Sie hätten Schutz in einer Senke nahe einem See gesucht, die von Kiefern umstanden war. Kurz darauf sei Swan an Hunger und Kälte gestorben. Sie hätten gemeinsam seinen Leichnam verspeist. Das sei etwa zehn Tage nach dem Aufbruch aus dem Lager der Ute geschehen.

Vier oder fünf Tage später sei James Humphrey erfroren, dessen Leiche den anderen ebenfalls als Nahrung gedient habe. Packer behauptete, bei dieser Gelegenheit eine Geldbörse mit 133 Dollar in Humphreys Kleidung entdeckt zu haben, die er heimlich an sich genommen habe.

Erschossen

Einige Zeit später sei er Holz sammeln gegangen. Als er zurückgekehrt sei, habe Frank Miller tot dagelegen. Die anderen beiden hätten behauptet, es sei ein Unfall gewesen. Miller wurde auch gegessen. Dann habe Shannon Bell George Noon erschossen, dieses Mal in voller Absicht, um an sein Fleisch zu gelangen.

Packer blieb bei seiner ursprünglichen Version, dass er und Bell eine Art Waffenstillstand vereinbart hätten, den Bell jedoch gebrochen habe, als er ihn mit einem Gewehr angriff. Doch er habe ausweichen können, der Schaft sei gegen einen Baumstamm gekracht und die Flinte zerstört worden. Da habe er Bell mit seinem Revolver erschossen. In seinem ersten Geständnis hatte er noch angegeben, Bell mit dem Beil erschlagen zu haben.

Er gab nun auch zu, die Toten beraubt zu haben, weil sie die Sachen doch eh nicht mehr gebrauchen konnten. Abgesehen von den 133 Dollar, die er Humphrey abgenommen haben wollte, machte er jedoch keine konkreten Angaben dazu, was er den Toten gestohlen hatte.

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