Die „Gips-Schultzen“ – Doppelmord am Anhalter Bahnhof

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Berlin, 1897. Die Polizei findet in der jetzigen Stresemannstraße die Leichen zweier Hausbesitzerinnen. Für heutige Berlinbewohner vielleicht überraschend: Die Frauen fallen nicht dem Mietwucher zum Opfer. Der Mörder hat es auf ihr beachtliches Vermögen abgesehen. Ein Tatverdächtiger ist schnell ausgemacht. Doch er taucht unter. Die Hatz beginnt.

Ein Bankier auf der Polizeiwache

Am 23. August 1897 erschien Bankier Gumpel auf einer Berliner Polizeiwache. Er sorgte sich um zwei Kundinnen, deren beträchtliches Vermögen er verwaltete. Seit mehr als einer Woche hatten sie sich nicht mehr bei ihm gemeldet. Das sei ansonsten überhaupt nicht ihre Art, erklärte Gumpel den Polizisten.

Vor einigen Tagen habe er selbst nach dem Rechten sehen wollen und die Königgrätzer Straße 35 aufgesucht. Das Mietshaus gehöre den beiden Damen. Dort lebten sie auch. Doch vor Ort habe er nur einen ihm unbekannten Mann angetroffen, der sich ihm als Josef Gönczi vorgestellt habe.

Seltsame Geschichten

Dieser Gönczi habe behauptet, die Hauseigentümerinnen seien nach Hannover verreist. Im Anschluss wollten sie Paris besuchen. Er selbst habe vier Wochen zuvor das Ladenlokal im Erdgeschoss angemietet, um dort ein Schuhgeschäft zu eröffnen. Die Besitzerinnen hätten ihn für die Zeit ihrer Abwesenheit zum Hausverwalter bestimmt. Unter anderem hätten sie ihn vor der Abreise gebeten, die Gaslampen und die dazugehörigen Leitungen in ihrer Wohnung zu reparieren. Daher hätten sie ihm auch ihren Wohnungsschlüssel anvertraut. Gönczi zeigte den entsprechenden Schlüsselbund vor.

Dem Bankier Gumpel kam die Geschichte aus mehreren Gründen spanisch vor. Zum einen waren die Witwe Schultze und ihre Tochter Klara schon seit vielen Jahren nicht mehr verreist. Zum anderen hätten sie ihn über ihre Pläne mit Sicherheit in Kenntnis gesetzt. Alleine schon, weil er ihnen die notwendigen Reisemittel hätte aushändigen müssen. Die Frauen hielten immer nur eine kleinere Menge Bargeld in ihrer Wohnung vorrätig.

Außerdem waren Mutter und Tochter allseits dafür bekannt, extrem misstrauisch zu sein. Dass sie einem neuen Mieter, den sie kaum kannten, zum Hausverwalter einsetzen sollten, kam ihm höchst zweifelhaft vor. Aber vollends unglaubwürdig war aus seiner Sicht, dass sie diesem Fremden auch noch freien Zutritt zu ihrer Wohnung gewährt haben sollten. Denn die durfte gewöhnlich auch niemand betreten, den die Damen schon lange kannten.

Verwesungsgeruch

Doch da die anderen Hausbewohner, mit denen sich Gumpel unterhielt, das Gleiche über den Verbleib der Vermieterinnen berichteten, habe er zunächst nichts unternommen. Aber jetzt sei ihm seitens der Nachbarn zu Ohren gekommen, dass dem Keller ein eigenartiger Gestank entströme. Es rieche nach Verwesung. Nun mache er sich Sorgen, dass seinen Kundinnen etwas zugestoßen sei. Deshalb habe er sich entschlossen, die Sache bei der Polizei zur Anzeige zu bringen.

Der Vorsteher des Reviers, Polizeileutnant Höpfner, nahm die Schilderungen des Bankiers Gumpel durchaus ernst. In den vergangenen Tagen war auf der Wache mehrfach die Rede davon gewesen, dass in der Königgrätzer Straße 35 irgendetwas nicht stimme.

Jeden Tag seien dort nämlich Zeitungsausträgerin, Bäcker sowie Kohlenmann erschienen und niemand hätte ihnen bei Schultze geöffnet. So etwas bestelle man doch ab, wenn man verreise, oder nicht? Leutnant Höpfner schnappte sich kurzerhand zwei Beamte, um dem Haus in der Königgrätzer Straße höchstpersönlich einen Besuch abzustatten.

Eine verdächtige Lieferung

Der Eingang zum besagten Kellerraum war mit einem Spezialschloss verriegelt. Höpfner ließ einen Schlosser herbeirufen, der aber an der Vorrichtung scheiterte. Der Polizeileutnant befahl seinen Leuten daraufhin, das Türfutter zu entfernen. Die beiden Beamten konnten sich durch den dadurch entstandenen Spalt in den Raum hineinzwängen.

Nun handelte es sich bei dem Keller nicht um den üblichen Verschlag für Kohlen und Kartoffeln. Das Zimmer war mit Holzdielen ausgestattet und früher als Wohnung vermietet worden. Umso überraschter waren die Polizisten, als sie jetzt einen großen Haufen Erde vorfanden, der auf dem Kellerboden ausgeschüttet worden war.

Die späteren Ermittlungen ergaben, dass der ominöse Josef Gönczi, dem Bankier Gumpel bereits begegnet war, am 16. August mehrere Fuhren Boden hatte anliefern lassen. Er ließ sie in den Kellerraum schütten, der genau unter seinem Ladenlokal lag. Sein Kompagnon, mit dem er den Laden angemietet habe, wolle einen kleinen Handel mit Weinen aus Ungarn betreiben, erklärte Gönczi gegenüber neugierigen Nachbarn. Um die Weinflaschen sachgerecht zu lagern, benötige er die kühlende Erde.

Neben dem Erdhaufen war ein Spaten zurückgeblieben. Ein Polizeibeamter schnappte sich die Schaufel. Zwei Kisten kamen alsbald zum Vorschein. Höpfner ließ die Behälter öffnen. In jeder Kiste befand sich eine Frauenleiche, die in schwarzes Wachstuch gehüllt war. Bei den Opfern handelte es sich zweifelsfrei um Mutter und Tochter Schultze. Polizeileutnant Höpfner verständigte die Kollegen von der Kriminalpolizei.

Klare Spuren

Die Leichen waren bereits teilweise verwest und lagerten vermutlich mehr als eine Woche in den Kisten. Beide Schädel waren eingeschlagen, das Stirn- und Nasenbein vollständig zertrümmert, bei der älteren Frauenleiche zusätzlich der Unterkiefer. Der Pathologe vermutete als Tatwaffe entweder ein Beil oder einen eisernen Totschläger.

Die Opfer hatten viel Blut verloren. Die Polizisten konnten einige Blutspuren sicherstellen, die direkt in das Ladenlokal hineinführten, das Gönczi angemietet hatte. Hinter der Ladentheke entdeckten sie einen Teppichläufer. Auf den ersten Blick waren keine Blutspuren zu erkennen. Doch eine Untersuchung durch das Kriminallabor ergab, dass dem Stoff einige Blutstropfen anhafteten. Die Ermittler gingen davon aus, dass der Mörder seine Opfer an dieser Stelle angegriffen hatte.

Angesichts dieser Spurenlage konzentrierten sich die Ermittlungen – wenig überraschend – von Anfang an auf Josef Gönczi, der inzwischen untergetaucht war. Auch hinsichtlich des Tatmotivs wurden die Beamten schnell fündig, sobald sie sich mit den Lebenshintergründen der Opfer vertraut gemacht hatten. Denn diese galten als sehr vermögend. Gönczi hatte es vermutlich auf ihr Geld abgesehen.

Im vornehmsten Teil Berlins

Das Wohnhaus in der Königgrätzer Straße lag in Kreuzberg nahe des Anhalter Bahnhofs und laut Gerichtsreporter Hugo Friedländer „im verkehrsreichsten und vornehmsten Teil Berlins“. Von dem einstigen Glanz ist heute nicht mehr so viel zu erkennen. Inzwischen wurde die Königgrätzer Straße in Stresemannstraße umbenannt.

Der Ausschnitt unten von Google Street View zeigt die heutige Stresemannstraße 35. Ich kann Ihnen allerdings nicht sagen, ob die Nummerierung der Grundstücke immer noch mit der Situation von Ende des 19. Jahrhunderts übereinstimmt. Vermutlich ja, aber wie gesagt: ohne Gewähr.

Sollte es so sein, dann ist der Schauplatz des Doppelmords in 1897 inzwischen durch einen Neubau ersetzt worden, wobei die Nr. 35 nur die linke Hälfte des Geschäfts- und Wohnkomplexes ausmacht. Die Nachbarhäuser linker Hand (Nr. 33 und 31) könnten hingegen schon 1897 an dieser Stelle gestanden haben.

Wenige Schritte in südöstlicher Richtung befindet sich heute das Willy-Brandt-Haus, die Parteizentrale der SPD. In nordwestlicher Richtung liegt der ehemalige Anhalter Bahnhof, der im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Heute existiert nur noch der gleichnamige U-Bahnhof. Oberirdisch stehen noch Überreste des Eingangsportals des Bahnhofs.

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1949: In der Bildmitte der zerstörte Anhalter Bahnhof. Rechts davon verläuft die Stresemannstraße. Das Grundstück Nr. 35 befindet sich außerhalb des Bildes im Südosten.

Millionäre

Bankier Gumpel schätzte das Gesamtvermögen der Mordopfer auf 1,5 Millionen Mark, davon etwa 500.000 Mark als Barvermögen. Der 1892 verstorbene Ehemann der Auguste Schultze, geborene Lutze, war Bauunternehmer und besaß zudem mehrere Gipsbrüche im Raum Spremberg in der Niederlausitz. Spremberg liegt etwa auf halber Strecke zwischen Cottbus und Bautzen nahe der heutigen deutsch-polnischen Grenze.

Die Gipsbrüche befanden sich immer noch im Eigentum der beiden Hinterbliebenen, weshalb man die Damen in Berlin auch die „Gips-Schultzen“ nannte. Abgesehen von den Gipsbrüchen gehörten den Erben auch noch 180 Morgen Wiesenland sowie drei Grundstücke in Berlin, darunter das Gebäude in der Königgrätzer Straße und ein weiteres Mietshaus auf der Prenzlauer Allee.

Angesichts dieser Vermögensverhältnisse lag Raub als Tatmotiv auf der Hand. Doch der Täter dürfte schwer enttäuscht gewesen sein. Denn das gesamte Geld lag auf der Bank. In der Wohnung befand sich lediglich ein kleinerer Barbetrag, etwas Schmuck sowie Aktien im Wert von wenigen tausend Mark. Den Nachbarn war dieser Umstand bekannt. Beide Opfer galten als geizig und ausgesprochen misstrauisch.

Geiz ist die Wurzel allen Übels

Die „Thorner Presse“ vom 29. August 1897 schreibt zwar, dass zur Beerdigung, die am 26. August stattfand, „eine vieltausendköpfige Menge“ erschienen sei. Doch Hofprediger Schniewind rechnete mit den Toten gnadenlos ab und gab ihnen gewissermaßen eine Mitschuld am Verbrechen. Mit dem Zitat „Geiz ist die Wurzel alles Übels“ aus dem 1. Timotheusbrief leitete er seine Grabrede ein.

„Ihr Mann habe der Witwe ein bedeutendes Vermögen hinterlassen“, so die „Thorner Presse“ über den Wortlaut der weiteren Predigt, „an welches sie früher nicht gewohnt war. Mit rastlosem Fleiße und unermüdlichem Geschäftssinn suchte sie es zu vermehren, ohne an die Zukunft zu denken. Gerade des Geldes wegen, welches den Mörder lockte, ist die furchtbare That geschehen.“

Einsiedler

Die Witwe Auguste Schultze war am 20. November 1823 geboren und bei ihrem Tod 73 Jahre alt. Die Stieftochter Klara Schultze, geboren am 7. Januar 1841, stammte aus der ersten Ehe des verstorbenen Bauunternehmers. Sie war unverheiratet und ohne Kinder. Die Frauen bewohnten gemeinsam eine Wohnung im zweiten Geschoss der Königgrätzer Straße 35 und „führten ein förmlich einsiedlerisches Leben“ laut Friedländer.

Zutritt zur Wohnung gewährten sie nur der Zeitungsfrau, dem Kohlenmann und einer Aufwärterin. Andere Besucher ließen sie nicht ein und pflegten ihrerseits auch keine gesellschaftlichen Kontakte außerhalb. Die Königgrätzer Straße verließen sie in der Regel nur, wenn sie ihren Vermögensverwalter Gumpel am Alexanderplatz aufsuchten oder die Mieten im zweiten Wohnhaus in der Prenzlauer Allee kassierten.

Der letzte Zeuge

Die Hausbewohner hatten die beiden Opfer zuletzt am Samstag, dem 14. August 1897, zwischen zehn und elf vormittags lebend gesehen. Gastwirt Hinz, der in Hausnummer 35 wohnte und neben Gönczis Laden eine sogenannte »Droschkenkutscher-Kneipe« betrieb, konnte sich an den Morgen noch gut erinnern. Gönczi, der sich ihm zunächst als Mieter des Ladens nebenan vorgestellt habe, sei in den Wochen zuvor öfters in seinem Lokal gewesen. So auch an diesem Tag.

Gönczi habe zum Kneipenfenster hinausgeschaut und Klara Schultze erblickt, die gerade die Straße überquerte. Der Schuhhändler habe sofort die Kneipe verlassen und erklärt, „er müsse mit dem Fräulein noch etwas wegen des Gases besprechen“. Zwei Stunden später sei Gönczi zurückgekehrt. Er habe auf den Zeugen „sehr erregt“ und „erhitzt“ gewirkt. Gönczi habe ein Glas Bier bestellt und sei anschließend in einer Kutsche nach Hause gefahren.

Gegen Mittag des 14. August klingelte der Kohlenmann an der Tür der beiden Damen. Niemand öffnete ihm. So erging es in den folgenden Tagen auch Zeitungsbotin, Aufwärterin, Bäcker und Briefträger. Die Polizei schlussfolgerte daraus, dass die Frauen am späten Vormittag des 14. August dem Täter zum Opfer fielen.

Der Mörder kehrt zurück

Was merkwürdig war: Der mutmaßliche Mörder kehrte bis zum 18. August noch mehrfach zurück an den Tatort. Durch den Mord war er an den Schlüsselbund der Toten gelangt. Ihm musste klar gewesen sein, dass für ihn dort wenig zu holen war, nachdem er die Wohnung einmal durchsucht hatte. Was hatte er sich von seinen weiteren Besuchen erwartet? Warum war er das Risiko eingegangen, dass ihn jede Menge Zeugen im Haus sahen?

Zum einen wollte er offenbar die Leichen verschwinden lassen, wenn der Plan letztlich auch scheiterte. Aber er dachte wohl, er könne die Opfer endgültig unter einem Erdhaufen begraben. Und möglicherweise hatte er geglaubt, die Leute würden ihm die Hausverwalter-Lüge tatsächlich abnehmen. Dann hätte er bequem die Miete kassieren können, um dadurch an eine nennenswerte Beute zu gelangen.

Misstrauen

Doch da hatte er sich getäuscht. Die Leute stellten Fragen und gaben sich mit seinen Antworten nicht zufrieden. So zum Beispiel die Zeugin Franz, die als Wirtschafterin für Geheimrat Thür in der Nachbarwohnung der „Gips-Schultzen“ arbeitete. Ihr war aufgefallen, dass seit Samstag mehrere Lieferanten vor verschlossener Tür gestanden hatten.

Gönczi erzählte ihr einen ähnlichen Schmu wie den übrigen Hausbewohnern. Die beiden Damen seien nach Brüssel und Paris verreist. Sie wollten eine Villa kaufen. Er sei jetzt der Hausverwalter, da er die Frau Schultze schon fünf Jahre kenne und sie eine entfernte Verwandte seiner Frau sei. Wirtschafterin Franz glaubte dem Mann kein Wort.

Der angebliche Hausverwalter spürte das Misstrauen, das er unbedingt zerstreuen wollte. Er forderte Frau Franz am 17. August auf, mit ihm die Wohnung der Vermieterinnen zu betreten. Sie sollte sich mit eigenen Augen überzeugen, dass die beiden Frauen abgereist seien.

Sein Plan ging nach hinten los. Die Betten waren nicht gemacht. Die Hüte der Damen lagen noch in der Wohnung. Und laut Frau Franz besaßen die geizigen „Gips-Schultzen“ jeweils nur einen Hut. So hätten sie niemals ihre Wohnung zurückgelassen, wenn sie tatsächlich verreist wären, da war sich die Zeugin sicher.

Zwei Telegramme

Die Wirtschafterin wollte noch weniger als zuvor glauben, dass die Frauen abgereist seien. Sie besprach sich mit anderen Nachbarn. Am nächsten Tag wollte man der Polizei das Verschwinden der Hausbesitzerinnen anzeigen. Doch überraschenderweise trafen am 18. August zwei Telegramme aus Hannover ein.

Eines erhielt der Verwalter des Gebäudes auf der Prenzlauer Allee. Das andere richtete sich an einen langjährigen Mieter der Königgrätzer Straße 35. Absender war jeweils Auguste Schultze. Der Inhalt schien alle Angaben von Gönczi zu bestätigen. Die kritischen Stimmen verstummten vorläufig. Daher dauerte es bis zum 23. August, bis der Fall endlich bei der Polizei zur Anzeige gelangte.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte später, dass Gönczi seine Wohnung an besagtem 18. August bereits um 7 Uhr verlassen hatte. Er kehrte erst am Abend gegen 19 Uhr 45 zurück. Nach Abgleich mit dem Kursbuch der Bahn wäre es ihm möglich gewesen, nach Hannover zu reisen, dort die Depeschen aufzugeben und gegen 19 Uhr wieder zurück in Berlin zu sein.

Ein Schriftsachverständiger erklärte, dass beide Telegramme die gleichen Rechtschreibfehler und besondere Ausdrucksweisen aufwiesen, wie sie auch in Briefen von Gönczi typisch waren. Die Polizei konnte entsprechende Vergleichsstücke besorgen. Und es tauchten weitere Beweise auf, die für die Schuld des angeblichen Hausverwalters sprachen.

 

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Weitere Kapitel zum Fall Josef Gönczi 

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