Werner Hartmann – der Stereo-King

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Werner Hartmann lebt den amerikanischen Traum: Vom mittellosen deutschen Einwanderer hat er sich zum Millionär in der Elektro-Branche hochgearbeitet. Der Traum zerplatzt jäh in einer lauen Sommernacht 1982, als Hartmann von 14 Schüssen getroffen in seiner Villa in Chicago stirbt. Doch wer hat ihn ermordet?

Werner Hartmann

Eva Hartmann kehrte in den frühen Morgenstunden des 9. Juni 1982 um 4.30 Uhr in das elterliche Haus in Northbrook, einem Vorort von Chicago, zurück. Sie fürchtete, dass zu Hause ein wütender Vater auf sie wartete, der ihr eine Standpauke halten würde. Denn Eva war erst 14 Jahre alt.

Sie hatte sich am Vorabend von ihrer Stiefmutter Debra, die sie auch nach Hause begleitete, zu einem spontanen Zug durch die Gemeinde überreden lassen. Zusammen mit Debra sowie ihrer leiblichen Mutter hatte sie in dieser Nacht ein Restaurant und mehrere Diskotheken aufgesucht.

In der Auffahrt parkte ein Rolls Royce, ein Geschenk ihres Vaters an die Stiefmutter. Das war merkwürdig. Der teure Wagen stand normalerweise in der Garage. Eva und ihre Stiefmutter Debra Hartmann betraten das Haus. Aus dem Inneren schallte ihnen laute, klassische Musik entgegen. Werner Hartmann, den alle nur den „Stereo-King von Chicago“ nannten, war nirgends zu sehen. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Die beiden ging leise die Treppe zum Obergeschoss hinauf, in dem sich das elterliche Schlafzimmer befand. Die Tür stand offen. Auf dem Boden lag Werner Hartmann, inmitten einer Blutlache. Die geschockte Tochter bat ihre Stiefmutter, den Notarzt anzurufen. Debra Hartmann bestand jedoch darauf, sofort das Haus zu verlassen und gemeinsam die nächste Polizeiwache aufzusuchen.

Den Polizisten im anderthalb Kilometer entfernten Northbrook Police Department erzählte sie, ihr Mann habe Selbstmord begangen. Die Beamten baten Debra und Eva Hartmann, auf der Wache zu warten, während die Kollegen nach dem Rechten schauen würden.

Maschinenpistolen-Feuer

Die Leitung über die Ermittlungen übernahm Sergeant James Wilson, der gegen 4.50 Uhr am Tatort eintraf. Werner Hartmann war augenscheinlich tot. Der Leichnam war vollständig unbekleidet und lag mit dem Rücken auf dem Boden. Die Spuren sprachen dafür, dass Hartmann gerade aus der Dusche gekommen war, bevor er am Boden zusammenbrach.

Rund um den Körper des Toten entdeckte Wilson mehrere Patronenhülsen vom Kaliber .45 ACP, insgesamt zehn an der Zahl. Kopf und Oberkörper wiesen mehrere Schussverletzungen auf. Alleine im Gesicht zählte Wilson fünf Eintrittswunden: Eine in der Stirn, eine jeweils im rechten Auge sowie Kiefer, eine weitere in der linken Wange und schließlich eine letzte im Mundwinkel.

Die Autopsie sollte später ergeben, dass Werner Hartmann insgesamt 14 Mal von einer Kugel getroffen wurde. Mit anderen Worten: Selbstmord ließ sich als Ursache definitiv ausschließen. Tatwaffe war laut der ballistischen Untersuchung eine MAC-10 – eine kleine Maschinenpistole des US-amerikanischen Herstellers Military Armament Corporation (MAC), die der ungleich bekannteren Uzi ähnelte.

MAC10.jpg
By Mcumpston at English Wikipedia
(Original text: Mike Cumpston) – Own work (Original text: self-made), Public Domain, Link

Beziehungstat

Abgesehen von den Hülsen konnten die Beamten keinerlei Hinweise auf den oder die Täter entdecken, weder im Haus selbst noch im Garten. Türen und Fenster wiesen keine Einbruchsspuren auf. Aus Sicht der Ermittler gab es nur eine plausible Erklärung für die Spurenlage: Hartmann hatte seine(n) Mörder entweder gekannt oder der Täter besaß einen Schlüssel zu dem Haus. Alles sprach also für eine Beziehungstat. Infolgedessen konzentrierten sich die Ermittlungen zunächst auf das unmittelbare Umfeld des Opfers.

In den folgenden Stunden vernahmen die Ermittler Eva und Debra Hartmann getrennt voneinander, später auch noch Hartmanns Ex-Frau Vasiliki. Die Polizisten befragten sie, wo sie den Vortag verbracht hatten, was sie getan hatten und wen sie getroffen hatten. Die Aussagen stimmten im Hinblick auf den Ablauf der Tatnacht in weiten Teilen überein.

Die letzten Stunden

Am 8. Juni 1982 verließ Werner Hartmann kurz nach 19.00 Uhr sein Büro. Er äußerte gegenüber seiner Ex-Frau Vasiliki, die für ihn arbeitete, dass er Debra am Abend in seinem Haus treffen wolle. Beide würden dort die endgültigen Details ihrer Trennungsvereinbarung besprechen. Hartmanns zweite Ehe stand kurz vor der Scheidung.

Kurz darauf beendete auch Vasiliki ihren Arbeitstag und fuhr zum „Pinocchio’s Pizza Pub“. Sie hatte sich in dem Restaurant mit ihrer Tochter Eva zum Abendessen verabredet.

Beide waren überrascht, als dann Debra Hartmann bereits am verabredeten Treffpunkt auf sie wartete. Vasiliki fragte sie, warum sie sich nicht wie geplant mit Hartmann getroffen habe. Ihr Mann habe noch duschen wollen, entgegnete Debra Hartmann. Sie hätten das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt am Abend vertagt.

Nach dem Abendessen schlug Debra Hartmann vor, dass sie alle gemeinsam noch tanzen gehen sollten. Vasiliki war über die Einladung überrascht: „Sie mochte mich nicht. Dass wir diesen Abend zusammen verbrachten, war sehr seltsam“, erklärte sie den Beamten.

Die drei Frauen suchten mehrere Nachtclubs und Diskotheken auf, bevor sich ihre Wege trennten. Debra Hartmann begleitete ihre Stieftochter Eva nach Hause, wo sie dann die Leiche von Werner Hartmann fanden.

Auf der Suche nach einem Motiv

Im Laufe einer Befragungspause legte sich Debra Hartmann kurzerhand auf den Boden und hielt ein Nickerchen. Die Polizisten hatten ohnehin bereits das Gefühl gewonnen, dass sie der gewaltsame Tod ihres Mannes vergleichsweise kalt ließ. Nun legte sich die Frau auch noch in aller Seelenruhe schlafen, während die Polizei unter Hochdruck nach dem Mörder ihres Gatten fahndete. In den Augen der Polizei machte sie sich mit ihrem Verhalten verdächtig.

Der Verdacht wuchs, als die Ermittler erfuhren, dass Debra Hartmann seit Monaten ein außereheliches Verhältnis mit einem gewissen John Korabik führte. Korabik war ein Möchtergern-Tennisprofi, der noch bei seinen Eltern lebte und gelegentlich als Verkäufer in einem Waffengeschäft arbeitete.

Doch dummerweise verfügte nicht nur Debra Hartmann über ein Alibi für die Tatnacht, sondern auch ihr Geliebter John Korabik. Sein Arbeitgeber James Pappas, Inhaber des Geschäfts „Gun World“, sagte aus, dass Korabik ihn am 8. Juni gegen 20.00 Uhr in seinem Haus in Bensenville besucht habe. Dort seien sie bis etwa 23.00 Uhr verblieben, bevor sie noch ein Restaurant in Wood Dale aufgesucht hätten. Die Ehefrau Elizabeth Pappas bestätigte die Aussage.

Zudem stellte sich natürlich die Frage: Welches Motiv hätte das Liebespaar für den Mord gehabt? Werner Hartmann wusste über die Affäre Bescheid und hatte in die Scheidung eingewilligt. Zwei Tatverdächtige mit einem Alibi, keine Tatwaffe, kein Motiv – die Ermittlungen schienen rasch in einer Sackgasse angelangt zu sein. Doch zumindest hinsichtlich des Motivs ergaben sich neue Anhaltspunkte, sobald die Polizei die Lebenshintergründe des Mordopfers einer genaueren Überprüfung unterzog.

Einwanderer aus dem Schwarzwald

Josef Werner Hartmann, so sein Geburtsname, war gemäß US-Sozialversicherungsindex am 25. März 1944 in Deutschland zur Welt gekommen. Als Geburtsort ist „Blackforst“ in der Bundesrepublik angegeben. Nach solch einer Gemeinde sucht man natürlich vergeblich. Vermutlich handelt es sich um einen Schreibfehler und gemeint ist Black Forest = Schwarzwald.

Dass Hartmann nur die Landschaftsbezeichnung und nicht den konkreten Geburtsort angegeben hat, ist etwas merkwürdig. Vielleicht stammte er aus einem kleinen Dorf und dachte, mit dem Namen weiß in den USA ohnehin niemand etwas anzufangen. Ich kann nur spekulieren.

Am 2. Oktober 1961 wanderte der 27-jährige Werner Hartmann an Bord der „Hanseatic“ über Cuxhaven, Southampton und New York City in die USA ein. Er besaß zwar kaum Geld, dafür jede Menge Ehrgeiz. Er nahm jede Arbeit an, die er finden konnte.

So verkaufte er beispielsweise Krimskrams auf Flohmärkten oder verdingte sich als Zeitungsvertreter. Als er 1964 wieder einmal den Leuten Zeitungsabonnements aufschwatzen wollte, lernte er eine junge Kellnerin namens Vasiliki kennen. Die beiden verabredeten sich, verlobten sich alsbald und heirateten im nächsten Jahr. Aus der Ehe gingen die beiden Töchter Stephanie und Eva hervor.

Der richtige Riecher

Mit dem wenigen Geld, das er als Hilfsarbeiter verdiente, konnte er kaum dauerhaft eine Familie ernähren. Hartmann suchte nach einem Ausweg. In Deutschland hatte er als Elektroverkäufer gearbeitet. Der Umgang mit der Technik hatte im Spaß gemacht. Warum die Leidenschaft nicht zum Beruf machen?

Anfang der 1970-er Jahre gründete er schließlich die Chicago Music Corporation (CMC). Geschäftszweck: Handel und Einbau von Stereo-Autoradios. Hi-Fi-Anlagen in Autos waren damals noch neu auf dem Markt, begeisterten aber von Anfang an die Kunden. Werner Hartmann war einer der Branchen-Pioniere.

In der Anfangszeit konnte er sich noch keine eigene Werkstatt leisten, sodass er den Einbau der Stereoanlagen häufig bei seinen Kunden vor Ort vornahm. Die harte Arbeit zahlte sich aus. 1977 war aus dem einst mittellosen Einwanderer ein Millionär geworden. Privat war ihm hingegen weniger Glück beschieden. Im selben Jahr ließ sich nämlich seine erste Frau Vasiliki von ihm scheiden.

Das Partygirl

Der frischgebackene Single suchte Trost in den Nacht- und Stripklubs auf der West Side von Chicago. Eine der Bars hieß „The Smoker’s Lounge“. Hartmann traf dort auf die 24-jährige Debra Stover. Er lud sie in den VIP-Raum ein. Es folgten weitere Verabredungen. Wenige Monate später heirateten die beiden. Hartmann war ernsthaft verliebt und und tat alles, um seine junge Braut zufrieden zu stellen.

Debra Hartmann ließ jedoch von Anfang an niemanden – einschließlich ihres Ehemanns – im Unklaren darüber, dass es sich von ihrer Seite keinesfalls um eine Liebesheirat gehandelt hatte. Für sie war das viele Geld ausschlaggebend gewesen, das ihr Mann in die Ehe einbrachte und mit dessen Hilfe sie sich alle Träume zu erfüllen hoffte.

Hartmann glaubte zunächst, seine Frau würde die Liebe irgendwann erwidern, wenn er sie weiterhin mit Geschenken überhäufte. Er schenkte ihr Pelzmäntel, Halsketten, Diamanten und teure Autos wie den Rolls Royce. An ihrer Einstellung änderte das nichts. Und das ließ sie ihn deutlich spüren.

Debra Hartmann blieb immer häufiger über Nacht von zu Hause weg, trieb sich auf Partys rum, hatte Affären und nahm Drogen. Nach zwei Jahren Ehe platzte Werner Hartmann der Kragen.

Stürmische Nächte

Als Werner Hartmanns Frau eines Morgens von einer weiteren langen Partynacht zurückkehrte, lediglich bekleidet mit einem Nerz und High Heels, kam es zunächst zum handgreiflichen Streit. Dann bedrohte er seine Frau mit einer Pistole. Sie flüchtete zum Rolls Royce. Er stürmte ihr nach und feuerte mehrere Schüsse auf den Wagen ab, als seine Frau davonfuhr.

In einer anderen Nacht stoppte die Polizei Debra Hartmann im Rolls Royce. Auf dem Weg durch die Innenstadt von Chicago hatte sie zuvor mehrere Champagnerflöten aus dem Wagen geschmissen. Die Überprüfung der Personalien ergab, dass sie in Begleitung eines polizeibekannten Drogenhändlers unterwegs war. Unter ihrem Sitz stellten die Beamten zudem eine Handfeuerwaffe sicher.

Im Oktober 1981 begann Debra Hartmann ihre Beziehung mit John Korabik. Sie gab sich inzwischen gar nicht mehr die Mühe, die Affäre zu verheimlichen. Es war der Tropfen, der für Werner Hartmann das Fass zum Überlaufen brachte. Er entschloss sich, die Scheidung einzureichen.

 

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