Anna Marie Hahn

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Die Deutsche Anna Marie Hahn aus dem bayerischen Füssen ist 1938 die erste Frau, die im US-Bundesstaat Ohio hingerichtet wird. Sie verzockt ihr Geld bei Pferderennen. Als ihr die Spielschulden über den Kopf wachsen, erschleicht sie sich das Vertrauen alleinstehender, älterer Männer und ermordet mindestens vier von ihnen.

Rätselhafte Todesumstände

Die Ärzte des Memorial Hospital in Colorado Springs (Colorado) riefen die örtliche Polizei zur Hilfe. Georg Obendoerfer hatte die Klinik am 30. Juli 1937 aufgesucht und über starke Übelkeit geklagt. Das Ärzteteam fand keine Erklärung für die heftigen Symptome. Keine der Behandlungen schlug an. Zwei Tage später, am 1. August 1937, starb der 67-jährige Mann, ohne dass die Ärzte die eigentliche Ursache für die Erkrankung gefunden hatten. Hier ging etwas nicht mit rechten Dingen zu.

Die Ermittlungen der Polizei ergaben, dass Georg Obendoerfer eigentlich in Cincinnati (Ohio) lebte. Er war erst am 30. Juli in Colorado Springs angekommen und hatte sich zusammen mit zwei weiteren Personen im „Park Hotel“ ein Zimmer genommen.

Im Hotel erfuhren die Ermittler auch die Namen der Begleiter: Anna Marie Hahn und ihr 12-jähriger Sohn Oskar. Laut dem Hotelbesitzer hatte die Frau erzählt, sie lebe in Cincinnati und würde ihren Urlaub im Bundesstaat Colorado verbringen. Die Beamten ließen sich das Zimmer zeigen, das Hahn mit Obendoerfer bewohnt hatte. Aber keine Spur von Mutter und Sohn oder Hinweise auf ihren Verbleib.

In welchem Verhältnis standen die beiden verschwundenen Personen zu dem Toten? Waren sie Angehörige? Führte Hahn eine Beziehung mit Obendoerfer? Warum hatten sie das Weite gesucht, obwohl der Mann augenscheinlich sterbenskrank war? Während die Polizei über diese Fragen nachdachte, fiel den Beamten ein weiteres Detail ins Auge.

Die Spur der Diamanten

Der gleiche Hotelbesitzer, den sie befragt hatten, hatte nur kurz zuvor Anzeige wegen Diebstahl gestellt. Aus dem Hotel war Diamantschmuck im Wert von 300 Dollar verschwunden. Gab es hier möglicherweise einen Zusammenhang mit der überstürzten Flucht von Anna Marie Hahn und dem mysteriösen Tod des Hotelgastes?

Die Ermittler folgten zunächst der Spur der Diamanten. Sie klapperten die verschiedenen Pfandleihen vor Ort ab. Die Bemühungen zahlten sich rasch aus. Einer der Inhaber erzählte von einer Frau, die ihn in Begleitung eines kleinen Jungen aufgesucht habe und Schmuck verkaufen wollte. Er habe sich die Ware angesehen, aber sich dann gegen einen Ankauf entschieden. Die Zeugenbeschreibung der Frau deckte sich mit den Angaben des Hotelbesitzers zu Anna Marie Hahn.

Die Beamten in Colorado Springs schrieben die Flüchtige daraufhin im gesamten Bundesstaat Colorado zur Fahndung aus. Kurze Zeit später meldeten sich die Kollegen aus Denver. Eine Frau, die der Beschreibung entsprach, hatte versucht dort bei einer Bank 1.000 Dollar von einem Sparbuch abzuheben, das auf den Namen Georg Obendoerfer ausgestellt war. Die Frau hatte sich als Ehefrau des Kontoinhabers ausgegeben. Doch der zuständige Sachbearbeiter hatte Verdacht geschöpft und sich geweigert, die Zahlung freizugeben.

Lügengeschichten

Die Ermittler erwirkten nun bei einem Richter einen Haftbefehl gegen Anna Marie Hahn, zunächst nur wegen des Diebstahls von Schmuck im Hotel. Da es auf der Hand lag, dass Anna Marie Hahn wieder nach Cincinnati zurückkehren könnte, verständigte man die dortigen Behörden. Der Tipp war goldrichtig. Die Polizei von Cincinnati traf Anna Marie Hahn in ihrer Wohnung an und verhaftete sie sofort.

Die Beamten befragten sie in der ersten Vernehmung nach dem verstorbenen George Obendoerfer und ihrer Beziehung zu ihm. Anna Marie Hahn behauptete, dass ihr dieser Mann komplett unbekannt sei. Wie sei es dann möglich, fragten die Ermittler, dass sie den Namen des besagten Obendoerfers gemeinsam mit ihrem eigenen und den ihres Sohnes in die Hotelanmeldung eingetragen habe? Dies sei doch ihre Handschrift, oder etwa nicht?

Anna Hahn änderte ihre Aussage ab. Sie habe den Mann auf der Zugfahrt von Denver nach Colorado Springs kennen gelernt. Er sei Schweizer gewesen und habe über Übelkeit geklagt. Sie habe Mitleid mit ihm gehabt und nur helfen wollen. Da Obendoerfer bekanntermaßen ebenfalls aus Cincinnati stammte, hegten die Polizisten nach wie vor Zweifel, ob Anna Marie Hahn dieses Mal die Wahrheit sagte, wann und wo sie den Verstorbenen getroffen hatte.

Rendezvous mit dem Tod

Die Befragung von Bekannten und Verwandten des Toten brachte dann etwas Licht in die Angelegenheit. Obendoerfer war 1892 aus Russland in die Vereinigten Staaten eingewandert. Er war Schuster von Beruf, aber inzwischen in Rente. Er hatte sich kürzlich von seiner Frau getrennt, aus der Ehe waren drei Söhne hervorgegangen. Die Verwandten konnten nicht verstehen, warum er so plötzlich verstorben war. Als sie ihn zuletzt gesehen hatten, erfreute er sich noch bester Gesundheit.

Die Nachforschungen ergaben darüber hinaus, dass sich Anna Hahn mit dem Toten bereits mehrfach in Cincinnati getroffen hatte. Sie waren auch miteinander ausgegangen. Gemäß eines Verwandten von Obendoerfer war der Ausflug nach Colorado gar die Idee der neuen Bekannten. Sie habe behauptet, sie besäße eine Ranch in Colorado Springs, die sie ihm zeigen wolle.

Die Ermittler konfrontierten die Verdächtige mit den Aussagen. Nun gab Anna Marie Hahn endlich zu, Obendoerfer bereits vor der Reise gekannt zu haben. Sie behauptete, ihn erstmals einige Wochen zuvor in einem Schuhladen getroffen zu haben. Aber sie leugnete nach wie vor, mit ihm eine Beziehung unterhalten zu haben.

Eine Zufallsbegegnung?

Sie hätten die Reise auch nicht gemeinsam geplant. Sie sei ihm nur ganz zufällig im Zug begegnet. Wie sich bei dieser Gelegenheit herausgestellt habe, sei er mit dem gleichen Reiseziel unterwegs gewesen. Laut Hahn seien sie auf der Bahnfahrt gut miteinander ausgekommen, sodass sie schließlich spontan beschlossen hätten, sich ein Hotelzimmer in Colorado Springs zu teilen. Dies wäre doch billiger gewesen.

Doch kurz nach der Ankunft im Hotel sei Obendoerfer plötzlich erkrankt und habe sich ins Krankenhaus begeben. Hahn behauptete, danach keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt zu haben.

Die Dame hatte bereits zweimal gelogen. Warum sollte sie ausgerechnet jetzt mit der vollen Wahrheit herausgerückt sein? Die Ermittler blieben skeptisch. Sie beschlossen, die Lebensumstände von Anna Marie Hahn genauer unter die Lupe zu nehmen, um sich ein besseres Bild machen zu können.

Schande im Allgäu

Die Frau stammte ursprünglich aus Deutschland und war dort am 7. Juli 1906 unter dem Namen Anna Marie Filser im bayerischen Füssen geboren worden. Sie war das jüngste von insgesamt zwölf Kindern eines Möbelfabrikanten, von denen drei im Kindesalter und zwei als Soldaten im Ersten Weltkrieg gefallen waren.

Als kleines Mädchen hatte sie aufgrund einer Blutvergiftung fünf Monate in einem Hospital verbracht. Kurz darauf musste sie sich einer Operation an der Schilddrüse unterziehen.

Als Jugendliche brach sie die Schule ab, bevor sie einen Abschluss in der Tasche hatte. Sie schlich sich nachts häufiger aus dem Elternhaus, um mit Freunden zu feiern. Die Eltern schickten die Tochter schließlich zu einer erwachsenen Schwester, die inzwischen in Holland lebte. Sie hofften, dass sie in der fremden Umgebung zur Vernunft kam.

Aber dann bekam Anna Filser mit 18 Jahren ein Kind. Der Vater des Jungen war unbekannt. Die Tochter hatte der Familie Schande bereitet, so die damalige Sichtweise. Die Eltern erwägten, Anna Filser nach Cincinnati in die USA abzuschieben, wo Onkel und Tante von ihr lebten. Doch der Plan ließ sich nicht so leicht in die Tat umsetzen. Die USA hatten 1924 die Einwanderungsgesetze verschärft. Die Tochter musste mehrere Jahre auf ein Visum warten.

Scharlach und ein erfundener Arzt

Am 31. Januar 1929 reiste sie an Bord der „S.S. München“ von Bremen und traf in New York am 10. Februar 1929 ein. In den USA erzählte Anna Hahn später, sie habe sich Jahre vor ihrer Ausreise in einen Arzt aus Wien verliebt. Aus dieser Beziehung sei der gemeinsame Sohn Oskar hervorgegangen. Angeblich habe sie den Arzt noch vor ihrer Abreise aus Europa geheiratet. Ihr Mann sei dann kurz nach der Ankunft in Cincinnati gestorben.

Die Geschichte ist vermutlich weitestgehend frei erfunden. In der Passagierliste von der „S.S. München“ wird Anna Marie Hahn jedenfalls unter ihrem Mädchennamen Anna Filser aufgeführt. Es findet sich kein Hinweis auf einen Ehemann, aber auch kein Eintrag zu dem Sohn, der zunächst bei den Großeltern verblieb. Lediglich der Onkel Max Doeschel ist als Ziel der Reise angegeben, wohnhaft unter der Adresse 3540 Evanston Avenue in Cincinnati.

Auszug der Passagierliste 1929

Kurz nach ihrer Ankunft in Ohio erkrankte Anna Filser an Scharlach. Ob die drei Wochen in ärztlicher Behandlung sie auf neue Ideen brachte? Zumindest behauptete sie kurze Zeit später, sie sei eine ausgebildete Krankenschwester. Sie tischte diese Lügengeschichte unter anderem dem pensionierten Bänker Charles Oswald (71) auf. Sie durfte bei ihm einziehen, um ihm im Haushalt zu helfen.

Heirat

Der ältere Herr verliebte sich in die 22-jährige Frau und bot ihr die Heirat an. Sie ging zum Schein auf seine Avance ein, hatte aber nicht wirklich vor, den Mann zu heiraten. Stattdessen bestahl sie ihn. In dieser Zeit platzierte sie auch erstmals eine Pferdewette – mit zwei Dollar Einsatz gewann sie 260 Dollar. Der Erfolg dürfte dafür gesorgt haben, dass sie später noch häufiger ihr Glück bei den Wetten versuchen würde.

Im Frühling 1929 ergatterte sie einen Job als Zimmermädchen im Hotel Alms in Cincinnati. Dort lernte sie im Sommer auf einer Tanzveranstaltung ihren künftigen Ehemann Philip Hahn kennen. Das Paar heiratete knapp ein Jahr später am 3. Mai 1930 in Buffalo (New York).

Im Juli des gleichen Jahres überwies Charles Oswald 700 Dollar auf das Konto von Anna Hahn und händigte ihr 27 Aktien der Union Gas and Electric aus, die sie ein halbes Jahr später verkaufte. Es ist nicht klar, ob Oswald ihr dieses Geschenk tatsächlich freiwillig zukommen ließ oder ob Anna Hahn in irgendeiner Form „nachhalf“.

Oswald verstarb am 14.8. 1935 und hinterließ seiner einstigen Haushaltshilfe den gesamten Besitz. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt kein Erbe mehr vorhanden – möglicherweise hatte Anna Hahn bereits alle Wertgegenstände an sich gebracht.

Wiedervereint mit dem Sohn

Im Herbst 1930 reiste Anna Hahn nach Deutschland, um ihren Sohn wieder zu sich zu nehmen. Am 3. November 1930 kehrte sie an Bord der „S.S. Stuttgart“ nach New York zurück. In der zugehörigen Passagierliste sind eine Anna Hahn (24) aus Füssen sowie ihr 5-jähriger Sohn Oskar Filser erwähnt, letzterer geboren in München.

Laut dem Dokument ist Anna Hahn inzwischen mit Philip Hahn aus Cincinnati verheiratet (siehe weiter unten), der auch als Vater des Kindes angegeben ist. Oskar ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht der leibliche Sohn Philip Hahns gewesen, sondern vermutlich bei Eheschließung „legitimiert“ worden, wie es früher hieß.

Anna Hahns Onkel in Cincinnati verstarb und hinterließ ihr ein Haus in der 2970 Colerain Avenue. Im Februar 1931 hatte er ein neues Testament aufgesetzt, in dem er den gesamten Besitz „seiner geliebten Nichte Anna Filser Hahn“ vermachte, obwohl er selber leibliche Kinder hatte.

Überdruss

Philip Hahn arbeitete als Telegrafist, war seines Jobs jedoch inzwischen überdrüssig. Das Ehepaar schmiss seine Ersparnisse zusammen und eröffnete 1932 zwei Feinkostgeschäfte. Beide Partner leiteten jeweils eines der Ladenlokale.

Nach außen hin führten die beiden eine solide Ehe. Doch in Wahrheit kriselte es zwischen den beiden schon zu einem frühen Zeitpunkt. Anna Hahn war mit ihrer Aufgabe und der damit verbundenen Arbeit unzufrieden. Zudem liefen die Geschäfte schlecht. Es musste doch einfachere Möglichkeiten geben, Geld zu verdienen. Brandstiftung war aus ihrer Sicht eine probate Lösung, dem Dilemma zu entkommen.

Das erste Feuer legte sie in einer der beiden Geschäftsfilialen in der 3007 Colerain Avenue. Obwohl der Brand kaum Schaden anrichtete, erhielt Anna Hahn immerhin 300 Dollar von der Versicherung. Die weiteren Feuer brachen im Wohnhaus der Familie aus – das erste am 2.6. 1935, das zweite am 20.5. 1936. Für beide Brände zusammen strich Anna Hahn eine Entschädigung von 2.000 Dollar ein.

Lebensversicherungen

Doch der Brandstifterin schwebten möglicherweise noch andere Ideen vor, mit deren Hilfe sie an das große Geld zu gelangen hoffte. So versuchte sie 1935 und 1936 zweimal ihren Ehemann zu überreden, zu ihren Gunsten eine Lebensversicherung mit einer Deckungssumme von 10.000 bzw. 5.000 Dollar abzuschließen – im letzteren Fall auch erfolgreich.

Philip Hahn erkrankte er kurz darauf ernsthaft. Gegen den Willen der Ehefrau brachte Hahns Mutter ihren Jungen ins Krankenhaus. Dort konnten die Ärzte sein Leben schließlich retten, ohne die Ursache der Krankheit zu finden. Die Ehe kriselte nach dem Zwischenfall stärker denn je. Das Paar trennte sich schließlich.

Nach der Trennung von ihrem Mann verdingte sich Anna Hahn als ambulante Pflegerin für ältere Menschen, obwohl sie in diesem Bereich keinerlei Ausbildung oder Berufserfahrung vorzuweisen hatte. Für die Ermittler war dies ein interessanter Ansatzpunkt. Sie forschten nach, was mit den Patienten von Anna Hahn geschehen war.

Herzversagen

Einer ihrer Schützlinge war der 78-jährige Jacob Wagner, der zwei Monate zuvor unter mysteriösen Umständen verstorben war. Der deutsche Einwanderer war ehemals als Gärtner tätig und hatte seinen gesamten Besitz testamentarisch an Anna Hahn vermacht.

Der zuständige Arzt hatte im Totenschein als Todesursache Herzversagen vermerkt. Die Ermittler hörten sich in der Nachbarschaft von Jacob Wagner um. Die Nachbarn erzählten, Anna Marie Hahn sei eines Tages aufgetaucht und habe dem älteren Mann einzureden versucht, sie sei eine lange verschollen geglaubte Nichte von ihm.

Der Mann kaufte ihr die Geschichte zwar nicht ab, ließ sich alsbald aber dennoch von ihr um den Finger wickeln. Er nahm ihre Hilfe an, als sie sagte, sie wolle sich um die täglich anfallenden Aufgaben im Haushalt kümmern. Die Nachbarn bezeugten außerdem, dass sich Hahn noch mehrere Stunden in der Wohnung Wagners aufgehalten habe, nachdem dieser bereits verstorben sei.

Eiskalt

Die Beamten lernten darüber hinaus Olive Luella Koehler kennen. Die ältere Frau lebte im gleichen Gebäude wie Jacob Wagner. Sie erzählte, Hahn habe sich auch mit ihr angefreundet und ihr zweimal Eistüten gebracht. Doch nach dem Verzehr der zweiten Eiswaffel sei ihr plötzlich speiübel geworden. Man habe sie ins Krankenhaus bringen müssen.

Während ihres Aufenthalts in der Klinik sei jemand in ihre Wohnung eingedrungen und habe eine Tasche gestohlen, in der sie Bargeld und Schmuck aufbewahrte. Die Schilderung dieses Vorfalls erregte erneut den Verdacht der Beamten.

Die Polizei beantragte daraufhin eine Exhumierung der Leiche Jacob Wagners. Möglicherweise fanden sich ja Hinweise, dass er nicht eines natürlichen Todes gestorben war, sondern jemand mit Gift nachgeholfen hatte – wie zum Beispiel seine selbsternannte Betreuerin Anna Hahn.

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