(2) Um Kopf und Kragen

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Im Zuge der Ermittlungen tauchten erste Beweise auf, die Josef Gönczi direkt mit der Straftat in Verbindung brachten. Tischlermeister Stiller bezeugte, der Gesuchte habe ihm für die Ladeneinrichtung in der Königgrätzer Straße noch rund 1.400 Mark geschuldet. Zuvor habe er ihm bereits den Laden in der Mühlenstraße eingerichtet. Gönczi hatte zudem weitere Filialeröffnungen in der Prenzlauer Allee und der Potsdamer Straße in Aussicht gestellt.

Am 15. August 1897 habe ihn der Schuhhändler aufgesucht, um die ausstehenden Schulden zu begleichen. Dazu habe er ihm mehrere Aktien der Scazer Werke (Kohlebergwerk) und eines Münchner Brauhauses angeboten. Diese Wertpapiere waren den Toten gestohlen worden. Man habe sich gemeinsam zu einer Bank begeben. Dort wollte man die Papiere jedoch nicht aufkaufen.

Am Abend des 18. August sei Gönczi gegen 22 Uhr erneut bei ihm aufgetaucht. Nun habe er um ein weiteres Darlehen in Höhe von 500 Mark gebeten. Er müsse dringend verreisen. Tischlermeister Stiller ließ sich jedoch verleugnen und wimmelte den lästigen Besucher ab.

Flucht über Umwege

Obwohl ihm die nötigen Barmittel augenscheinlich fehlten, war der Tatverdächtige noch am selben Abend gemeinsam mit seiner Frau aus Berlin getürmt. Das ergaben die späteren Ermittlungen.

Der Eisenbahnbremser Kiersche lebte in der Mühlenstraße und kannte das Ehepaar Gönczi. Als er am Abend des 18. August zur Arbeit ging, hatte er beide Personen noch vor ihrem Ladengeschäft beobachtet. Seine Überraschung war groß, als er das Paar um 2 Uhr morgens auf dem Bahnsteig in Frankfurt (Oder) entdeckte. Der Mann habe erst so getan, als sei Kiersche ihm vollkommen fremd. Aber Frau Gönczi habe ihn sofort begrüßt.

Die beiden seien noch bis mindestens 6 Uhr in Frankfurt verblieben und dann in einen Zug nach Cottbus gestiegen. Weitere Bahnbedienstete konnten sich an die gesuchten Personen erinnern. So habe sich Gönczi auf dem Frankfurter Bahnhof nach dem schnellsten Zug nach Paris oder Brüssel erkundigt. Angeblich wollte er die Weltausstellung in Brüssel besuchen.

Das Bahnpersonal habe ihn dann darauf aufmerksam gemacht, dass er in der völlig falschen Richtung unterwegs sei. Gönczi habe daraufhin erklärt, er habe vorher noch eine Schwester in Frankfurt (Oder) besuchen wollen.

Trotz dieser Zeugen verlor sich Gönczis Spur für die Polizei am Frankfurter Bahnhof. Die Beamten erstellten eine Personenbeschreibung, die sie nicht nur innerhalb Deutschlands verschickten, sondern auch an zahlreiche deutsche Konsulate, Polizeibehörden und Zeitungen im Ausland. Ausdrücklich wiesen die Ermittler in dem Fahndungsaufruf darauf hin, dass das Ehepaar einen auffälligen Wolfsspitz namens „Butzi“ mit sich führe.

Wolfsspitz
Von ТомасинаEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Ein Schuhmacher aus Siebenbürgen

Die Polizei untersuchte derweil das Vorleben des mutmaßlichen Mörders. Der Flüchtige war 45 Jahre alt und stammte ursprünglich aus Târgu Mureș in Siebenbürgen (deutsch: Neumarkt am Mieresch oder Pflugstadt). Er hatte in Hermannstadt (heute: Sibiu) und Klausenburg (heute: Cluj-Napoca, beide in Rumänien) die Schule besucht, bevor er eine Lehre als Schuhmacher antrat.

1872 zog man ihn zum Militär ein. Er diente beim 62. Infanterie-Regiment der kaiserlich-habsburgischen Armee (Österreich-Ungarn), das in Karlsburg (heute: Alba Iulia, ebenfalls Rumänien) stationiert war. Nach drei Jahren desertierte er, weil er mit einem Feldwebel in Streit geriet. Zudem stahl er Armeeigentum. Nach seiner Festnahme verurteilte ihn ein Gericht zu vier Jahren schwerem Kerker auf der Festung Theresienstadt.

Nach seiner Entlassung trat er im April 1884 eine Gesellenstelle beim Hofschuhmacher Lürmitz in Budapest an. Anschließend wechselte er zu den Hofschuhmachern Ristel (Wien) sowie Bayer und Weidinger (beide in München). In München lernte er auch seine aus dem bayerischen Mindorf stammende, drei Jahre ältere Ehefrau kennen, die er 1891 in Budapest heiratete.

1892 verschlug es das Ehepaar nach Berlin, wo Josef Gönczi eine Stelle als Werksführer bei der Firma Müller & Schlitzweg ergatterte, einem Schuhfabrikanten. Im Mai 1897, also vier Monate vor den Morden, machte sich Gönczi mit einem Geschäft für „Wiener Schuhwaren“ in der Mühlenstraße 45 in Friedrichshain selbstständig.

Zu der Aufnahme von Google Street View weiter unten: Die Hausnummer 45 gehört zur rechten Hälfte des umzäunten Brachgeländes. Die Aufnahme von Google stammt aus dem Juni 2008. Gut möglich also, dass das Grundstück inzwischen wieder bebaut ist. Direkt gegenüber Hausnummer 45 verlief im Übrigen die Berliner Mauer, entlang der Spree.

Die Spur führt nach Brasilien

Erst zwei Jahre nach dem Doppelmord gelang es den Behörden, das flüchtige Ehepaar festzunehmen. Im August 1899 fiel einem Besucher des deutschen Generalkonsulats in Rio de Janeiro der Steckbrief ins Auge, dem auch Bilder der Tatverdächtigen beigefügt waren. Der Mann lebte in Curitiba, einer Stadt im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná. Das Ehepaar Gönczi war ihm dort häufiger begegnet.

Das Konsulat informierte umgehend die örtliche Polizei. Doch die Gesuchten waren erneut verschwunden. Im darauffolgenden Monat gingen sie jedoch der Polizei in Rio de Janeiro ins Netz. Möglicherweise hatte Gönczi Wind von der Fahndung bekommen und wollte schon wieder außer Landes fliehen.

So verschiffte man ihn allerdings zurück nach Deutschland, wo er sich gemeinsam mit seiner Frau vor Gericht verantworten musste. Der Wolfsspitz befand sich zu diesem Zeitpunkt immer noch im Besitz der Gönczis und wurde vom Konsulat in Rio verhökert.

Wie sich herausstellte, war das Ehepaar am 19. August 1897 tatsächlich von Frankfurt (Oder) über Cottbus, Köln und Aachen nach Brüssel weitergereist und dort für mehrere Wochen untergetaucht. Erst Ende September 1897 bestiegen sie in Antwerpen ein Schiff, das sie nach Brasilien brachte.

Nichts als Lügen

Der Prozess fand vom 3.-7. April 1900 statt, verhandelt wurde vor dem Schwurgericht des Landgerichts Berlin I. Die Ehefrau saß ebenfalls als Beklagte im Gerichtssaal. Die Beschuldigungen lauteten in ihrem Fall auf Beihilfe und Begünstigung zweier Morde. Gönczi stritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe ab, die beiden Opfer ermordet zu haben. Seine Frau gab an, von etwaigen Verbrechen, in die ihr Mann möglicherweise verstrickt war, nichts bemerkt zu haben.

Die Staatsanwaltschaft hatte jedoch inzwischen zahlreiche Indizien zusammengetragen, die den Schluss nahelegten, dass Josef Gönczi der Mörder von Auguste und Klara Schultze war. Sie konnte zudem beweisen, dass er die verschwundenen Wertgegenstände aus dem Besitz der Toten an sich gebracht und zum Kauf angeboten hatte. Und seine Frau sagte vor Gericht aus, dass er am Morgen des Tattages die Wohnung sehr früh verlassen hatte – mit einem Beil. Laut Gerichtsmedizin hatte der Täter mutmaßlich ein Beil als Mordwaffe benutzt.

Darüber hinaus überführten Richter und Staatsanwalt den Hauptangeklagten zahlreicher Lügen vor Gericht. Seine Glaubwürdigkeit nahm weiteren Schaden. Dies wirkte sich auf seine Darstellung der Geschehnisse aus. Gönczi behauptete nämlich, Gastwirt Hinz aus der Königgrätzer Straße 35 und der Hausverwalter der Prenzlauer Allee, ein gewisser Habermann, hätten die beiden Damen im Affekt getötet.

Gott bewahre

Dann sei sein Kompagnon Johann Löwy, ein Schuhhändler aus Brüssel, aufgetaucht und habe dabei geholfen, die Sache zu vertuschen. Der Löwy hätte ja im Übrigen auch ein Verhältnis mit der Tochter Klara Schultze unterhalten. Seit 17 Jahren. Habe es mit ihr immer Kellerraum getrieben, der zu seinem Laden gehörte. Deswegen wollte er ja auch unbedingt der Kompagnon vom Gönczi werden, als er hörte, dass der ein Schuhgeschäft in der Königgrätzer Straße 35 eröffnete.

Das Ende vom Lied: Die drei durchtriebenen Ganoven hätten ihn sogleich als perfekten Sündenbock für ihre Missetaten ausgemacht. Eine echte Chance hätte er in diesem abgekarteten Spiel nie besessen. Wer hätte ihm die Geschichte schon geglaubt? Eben. Löwy habe ihm die Sache schmackhaft gemacht, indem er ihm 10.000 Mark geboten habe, falls er aus Berlin verschwinde. Von dem Geld habe er natürlich nie etwas gesehen, Pechvogel, der er war.

Der Richter konfrontierte Gastwirt Hinz, der in dem Fall auch als Augenzeuge geladen war, mit den Vorwürfen. „I Jott bewahre. Det is allens Schwindel; der Mensch lügt sich noch unterm Jalgen durch“, war seine Reaktion. Er stritt alles ab. Weitere Zeugen sprangen ihm zur Seite.

Berliner Charme

Insbesondere den Kaufmann Löwy hatte noch nie jemand in der Königgrätzer Straße leibhaftig gesehen. Gönczi hatte den Namen zwar öfters erwähnt. Aber es gab keinerlei Beleg dafür, dass dieser Mann tatsächlich existierte. Ähnlich verhielt es sich mit der Geschichte, dass die Tochter Schultze über 17 Jahre eine Liebschaft unterhalten habe.

Oder wie es der Richter formulierte, ganz der Charmeur alter Berliner Schule: „Das Fräulein Klara Schultze war eine 56-jährige alte Person, die von Gesichtszucken und Speichelfluss geplagt war und sehr »schlunzig« ging. Wie wollen Sie uns glauben machen, dass sie unter diesen Umständen einen Liebhaber gefunden haben sollte?“

Obgleich keiner der Nachbarn jemals besagten Löwy zu Gesicht bekommen hatte, stellte die Staatsanwaltschaft eigene Nachforschungen an. So erfuhr sie schließlich von einem Geschäftsreisenden Levy, der sich häufiger als Gast in der Wirtschaft Schinke aufgehalten hatte. Der Mann sprach mehrere Fremdsprachen, darunter auch Französisch, stammte aber eigentlich aus Hessen.

Doch die Beschreibung Levys passte nicht annähernd zu den Schilderungen des Angeklagten. Und auch Gönczi selbst gab vor Gericht zu, dass es sich ganz offensichtlich nicht um jenen Kompagnon handelte, von dem er erzählt hatte.

Letzter Trumpf

Der Beklagte hatte jetzt nur noch eine Trumpfkarte im Ärmel. Bei der Polizei war ein Bekennerschreiben eingetroffen, in dem ein Mann namens Louis Schulz die beiden Morde gestanden hatte.

Wortwörtlich hieß es in dem Brief: „Ich habe einen schweren Mord auf dem Gewissen, den ich mit dem Gönczi’schen Ehepaar in Berlin verübt habe. Herr Gönczi hat sein Wort mir gegenüber nicht gehalten. Der Berliner Magistrat hatte auf meine Person keinen Steckbrief erlassen, aber meine Reue lässt es nicht zu, dass ich schweige. Sie werden die Reue eines schwer beladenen Herzens nicht aufgeben und mein Gewissen aufhelfen.“

Doch auch diesen vermeintlichen Entlastungszeugen bügelte der Staatsanwalt ab. Bei der Berliner Polizei seien insgesamt 18 solcher „Geständnisse“ eingetroffen. Allesamt verfasst von Wichtigtuern und psychisch gestörten Menschen, die regelmäßig von der Berichterstattung über spektakuläre Mordfälle angelockt würden. Zudem habe man das Alibi des fraglichen Mannes überprüft. Louis Schulz lebe nämlich in Brasilien und habe sich dort auch nachweislich zum Tatzeitpunkt aufgehalten.

Der unbekannte Komplize

Die einzige offene Frage im Prozess war zum Schluss nur noch, ob Frau Gönczi von den Morden wusste und ob sie ihrem Mann bei der Tatdurchführung geholfen hatte. Nach dem Kreuzverhör war sich der Staatsanwalt sicher, dass sie nichts mit den Verbrechen zu tun hatte. Die Geschworenen kamen zum gleichen Schluss.

Die Polizei hatte allerdings aufgrund der Spurenlage vermutet, dass zwei Täter den Doppelmord begangen hatten. Einfache Fragestellung: Warum war das zweite Opfer nicht geflüchtet, als der Mörder die erste Frau attackierte und niederschlug? Naheliegende Antwort: Ein zweiter Täter war vor Ort und hatte das zweite Opfer in seine Gewalt gebracht.

Diese offene Frage ließ das Gericht letztlich unter den Tisch fallen. Sie hätte mitunter impliziert, dass doch ein Gastwirt Hinz, Hausverwalter Habermann oder eben jener mysteriöse Löwy an der Tat beteiligt gewesen waren. Und davon wollte man in Berlin anno 1900 nichts mehr hören, wo man doch zumindest einen Schuldigen ausgemacht hatte. Das Gericht verurteilte Josef Gönczi wegen zweifachen Mordes in Tateinheit mit Raub zweimal zum Tode.

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Der Gerichtsreporter Hugo Friedländer beschreibt den Fall ausführlich im Band 2 seiner „Interessanten Kriminal-Prozesse“.

 

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