Edmund Kemper galt als »Vorzeige-Serienkiller«. Alle Ermittler zeigten sich beeindruckt von seiner Intelligenz, seinem freundlichen Wesen, seiner Offenheit und seiner fast schon analytischen Einsicht in seine Verbrechen. Kempers Taten zeichneten ein anderes Charakterbild. Getrieben von einem unbändigen Hass auf Frauen empfand er Vergnügen am Manipulieren und Quälen seiner Opfer, die er über ihren Tod hinaus wieder und wieder demütigte.
Inhaltsverzeichnis
Eine Fantasie wird wahr
Edmund Kemper hatte sich lange Zeit auf dieses Ereignis vorbereitet. Und noch viel länger in seinem Kopf durchgespielt, was genau geschehen würde. Nun war der Zeitpunkt gekommen. »Zum ersten Mal hatte ich die Gewissheit gespürt, dass es jetzt so weit war«, erinnerte sich Kemper später während seines Geständnisses.
»Der Tag, nach dem ich mich mein Leben lang gesehnt hatte. Heute würde ich wieder nach einem hübschen Mädchen am Straßenrand Ausschau halten, wie schon so oft zuvor. Aber etwas war anders. Heute würde ich dieses Mädchen töten. Sie würde ganz allein mir gehören. Das stand für mich schon fest, bevor ich mich an diesem Sonntag ins Auto setzte.«
Es war Sonntag, der 7. Mai 1972. Edmund Kemper hatte keinen genauen Ort festgelegt, an welchem er sein Opfer treffen würde. Er wusste lediglich, wo er zu suchen hatte: An den Stellen, an denen Tramper auf eine Mitfahrgelegenheit hofften. Die besten Plätze befanden sich in der Nähe von Universitäten. Studentinnen liebten es, per Anhalter zu fahren. Das gehörte zu dem Lebensgefühl der damaligen Jahre dazu. Trampen bedeutete Mobilität. Trampen bedeutete Freiheit.
Mary Ann Pesce und Anita Luchessa
So kam Edmund Kemper an diesem Tag unter anderem durch die Universitätsstadt Berkeley in der Nähe von San Francisco. Da entdeckte er die beiden 18-jährigen Studentinnen Mary Ann Pesce und Anita Luchessa am Straßenrand. Die beiden Mädchen studierten am Fresno State College und wollten zu Freunden, die in einem Wohnheim an der Uni Stanford lebten.
Kemper erinnerte sich an die Begegnung: »Ich hatte nach einem Opfer Ausschau gehalten. Nun standen da plötzlich zwei Frauen. Egal. Es gab jetzt kein Zurück mehr. Die beiden Mädchen waren praktisch schon tot in dem Moment, in dem ich sie sah. Sie waren auch unglaublich naiv. Sie hielten sich für clever, weil sie zu zweit trampten. Sie dachten, ihnen könnte nichts passieren. Sie glaubten, sie hätten alles im Griff. Es tat fast schon weh, wie blauäugig die beiden durchs Leben gingen.«
Mary Pesce und Anita Luchessa konnten ihr Glück kaum fassen. Der Fremde bot ihnen nicht nur an, sie mitzunehmen. Er wollte sie sogar direkt bis nach Stanford bringen, das eine knappe Stunde Fahrtzeit entfernt lag. Er sagte, er wolle dafür Sorge tragen, dass sie sicher ans Ziel kämen. Man könne heute gar nicht vorsichtig genug sein. Er würde sich später lebenslang Vorwürfe machen, wenn er erfahren müsse, dass ihnen etwas passiert sei. Den Mädchen war so viel Fürsorge nur recht. Der Typ war zwar nicht gerade cool, eher ein Spießer, aber er schien vertrauenswürdig zu sein. Eine fatale Fehleinschätzung, die sie mit dem Leben bezahlen sollten.
Entsetzliches Martyrium
Edmund Kemper fuhr rund 15 Kilometer in Richtung Alameda, bis er vom Highway in einen einsamen Waldweg abbog. Die Studentinnen spürten instinktiv, dass ihnen Gefahr drohte. Und Kemper witterte ihre Angst. Er merkte, wie sie verstummten und die Gedanken in ihrem Kopf rasten. Er weidete sich an ihrer Angst. Er forcierte die Angst. Er erzählte ihnen frei heraus, dass er sie vergewaltigen werde. Er habe vor, sie in seine Wohnung zu verschleppen.
Er wusste es besser. Wenn sie die Wohnung erreichten, wären sie bereits tot. Das hatten ihm seine Knastkumpane eingetrichtert. Niemals Zeugen hinterlassen. Lässt du sie laufen, zeigen sie dich an und du bist geliefert. Kemper sagte den Studentinnen nicht, dass er sie töten würde. Sollten sie noch einen Moment zwischen Hoffnung und Angst schweben. Dieses Spiel gefiel ihm.
Dann hielt Kemper an. Zunächst wandte er sich Mary Pesce zu, die auf dem Rücksitz saß. Er fesselte sie mit Handschellen und stülpte ihr eine Tüte über den Kopf. Anschließend zwang er Anita Luchessa, ihm zum Kofferraum zu folgen, in dem er sie einsperrte. Kemper kehrte zu Mary Ann Pesce zurück. Er versuchte, ihr mit der Tüte die Luft abzuschnüren. Das funktionierte nicht.
Er zückte ein Messer und stach auf sie ein. Die Klinge prallte an ihrem Rückenwirbel ab und drang nicht ein. Mary Pesce fühlte den Schmerz, geriet in Panik, biss sich durch die Tüte und kämpfte viele lange Minuten um ihr Leben. Am Ende vergeblich. Kemper bekam ihren Hals zu fassen und schnitt ihr die Gurgel durch.
Danach ging Edmund Kemper wieder zum Kofferraum. Anita Luchessa hatte den Todeskampf ihrer Freundin aus nächster Nähe mit angehört. Sie musste in diesem Moment unglaubliche Angst gehabt haben, denn sie wusste nun, was auf sie zukam. Sie wehrte sich verzweifelt gegen Kempers Attacken. Auch in ihrem Fall dauerte es lange, bis Kemper sie schließlich ermordet hatte. Die beiden 18-jährigen Mädchen hatten ein entsetzliches Martyrium zu erleiden, bevor sie starben.
Panik
Doch auch Kempers überhebliche Attitüde war inzwischen der nackten Panik gewichen. Er hatte nicht erwartet, dass das Töten eines Menschen solche Probleme bereitete. Er hatte sich »Spaß« und ein »Hochgefühl« versprochen. Er erntete wilde Schläge und Tritte, unkontrolliertes Zucken, Schmerzens- und Angstschreie, die ihn völlig kirre machten. Das selbstherrliche »Herr-über-Leben-und-Tod«-Gehabe war ihm zumindest vorübergehend abhandengekommen.
Edmund Kemper rannte in den angrenzenden Wald. Er wollte nur noch weg. Erst als er ein paar Hundert Meter gelaufen war, kam er wieder zu Verstand. Am Straßenrand lagen zwei Leichen in einem Wagen. Seinem Wagen. Er musste die Toten wegschaffen. Sonst würden sie ihn schnappen. Er musste so vorgehen, wie er es sich zuvor überlegt hatte.
Ein kaputtes Rücklicht
Es warteten jedoch weitere Schwierigkeiten auf Kemper. Er geriet auf der Rückfahrt zu seinem Apartment in eine Verkehrskontrolle. Der Streifenbeamte monierte ein kaputtes Rücklicht an seinem Fahrzeug. Anita Luchessa hatte den Scheinwerfer zertreten, als sie um ihr Leben kämpfte. Dieses Mal behielt Kemper die Kontrolle über sich, obwohl im Innern ein Sturm tobte, wie er später eingestand. Er gab sich nach außen hin völlig ruhig und antwortete höflich auf die Fragen des Polizisten. Kemper kam mit einer Verwarnung davon.
Edmund Kemper stellte später klar: Wenn sich der Beamte entschieden hätte, den Wagen einer Routinekontrolle zu unterziehen, und von ihm verlangt hätte, den Kofferraum zu öffnen, hätte er ihn auf der Stelle umgebracht. Aber dann hätte Kemper ein Problem gehabt. Denn ein im Dienst getöteter Polizeibeamter hätte zweifelsohne eine massive Fahndung zur Folge gehabt. Im Fall der beiden ermordeten Studentinnen passierte aus polizeilicher Sicht zunächst einmal gar nichts.
As die Mädchen nicht wie vereinbart in Stanford auftauchten, benachrichtigten die Freunde die Familie und diese die Polizei. Doch die Beamten behandelten die Anzeige wie jeden anderen Vermisstenfall. Es gab keinen Hinweis auf eine Gewalttat. Die beiden Studentinnen waren volljährig. Erwachsene verschwanden in Kalifornien an jedem Tag des Jahres und kehrten danach wieder wohlbehalten zurück. So war das eben in Zeiten der Hippie-Kultur und sexuellen Revolution. Es gab keinen Grund, knappe Polizeiressourcen auf solche sinnlosen Fahndungen zu verschwenden.
Horror in Alameda
So traf Edmund Kemper an diesem Sonntagabend im Mai unbehelligt mit zwei Leichen im Gepäck in der Union Street in Alameda ein. Dort bewohnte er zusammen mit einem Freund eine Mietwohnung. Er wusste, dass sein Mitbewohner an diesem Tag nicht zu Hause war. Kemper war völlig ungestört. Er wickelte die Frauen in Decken ein und schleppte sie in sein Zimmer, wo er sie auf den Boden legte. Was dann geschah, weiß man aus Kempers detaillierten Geständnissen.

Edmund Kemper fotografierte zunächst die Leichname, bevor er die toten Frauen vergewaltigte. Dann zerstückelte er die Leichen. Methodisch und langsam trennte er ein Körperglied nach dem anderen ab. Bei jedem Schnitt legte er eine Pause ein und machte neue Fotos. Er schändete erneut die Körper, genauer gesagt die einzelnen Leichenteile. An diesem Detail ließ Kemper später keinerlei Zweifel aufkommen. Das Zerteilen der Leichen hatte ihn sexuell hochgradig erregt. Was sich dort in dieser Mainacht in der Wohnung in Alameda abspielte, davon hatte Edmund Kemper fünfzehn Jahre lang geträumt.
Leichenverstecke
Nachdem er seine Fantasien in die Tat umgesetzt hatte, verpackte Kemper die Leichenreste in Müllsäcke und fuhr mit ihnen zum Loma Prieta, einem Berg in der Umgebung von Santa Cruz. Er verscharrte die Säcke in unwegsamem Gelände und markierte die Stellen. Denn er plante, zu den Leichen zurückzukehren.
Die Körper waren nun sein Eigentum, mit dem er tun und lassen konnte, was er wollte. Niemand würde ihm irgendetwas verbieten können. Insbesondere die Schädel hatten es ihm angetan. Er hatte die beiden Mädchen enthauptet, und jedes Mal, wenn er zu seinem geheimen Versteck hinausfuhr, verging er sich an den Köpfen, solange die Natur mitspielte. Dann warf er die Schädel in eine Schlucht.
Einen der beiden fand die Polizei am 15. August 1972. Er konnte Mary Ann Pesce zugeordnet werden. Die Beamten konnten keine weiteren Knochen entdecken. Kemper hatte sie in einiger Entfernung in den Bergen verscharrt. Aber spätestens ab diesem Zeitpunkt musste die Polizei davon ausgehen, dass die beiden Anhalterinnen Mary Ann Pesce und Anita Luchessa einem Mord zum Opfer gefallen waren. Nun musste sie ermitteln.
»Ihr Leben in meinen Händen«
Edmund Kemper vertrieb sich die Sommermonate währenddessen mit endlosen Autotouren durch Kalifornien, auf denen er zahllose Anhalterinnen mitnahm. Er tötete sie nicht. Der Rausch des Doppelmordes hielt noch vor. Er brachte die jungen Frauen sicher ans Ziel, wo immer sie hinwollten.
Kemper unterhielt sich mit seinen Fahrgästen sogar über die verschwundenen Studentinnen und darüber, was mit ihnen wohl passiert war. Er schwadronierte über einen geheimnisvollen Mörder, der es gezielt auf unvorsichtige Anhalterinnen abgesehen habe. Er gab ihnen den »gut gemeinten« Ratschlag, das Trampen tunlichst zu meiden.
Während der zwanglosen Gespräche beobachtete er die Frauen genau. Wie sie reagierten. Wie sie sich vor Grusel schüttelten. Wie sie die Gefahr weglachten. Wie sie atmeten. Er taxierte sie als potenzielle Opfer. »Sobald eine von ihnen die Tür zu meinem Wagen öffnete, war ihr Leben in meinen Händen.« Dieses Wissen genügte ihm vorläufig – bis zum 14. September 1972. An diesem Tag ließ die nächste junge Frau für diesen Irrsinn ihr Leben.
Edmund Kempers Spitzname lautete »Big Ed«. Wer ihn sah, wusste warum. Kemper maß 2,06 Meter und wog 140 Kilogramm. Der Mann war ein Riese. Der 23-jährige Riese kehrte am 14. September 1972, einem Donnerstag, wieder nach Berkeley zurück und hielt nach Anhalterinnen Ausschau. Er ließ eine Frau mit ihrem 12-jährigen Sohn einsteigen. Man kann nur mutmaßen, aber Kemper hätte aller Voraussicht nach keine Skrupel gehabt, auch den Jungen zu töten. Als er losfuhr, blickte er in den Rückspiegel. Kemper erkannte, dass ein Begleiter der Frau sein Nummernschild notierte. Er setzte die beiden wieder ab, ohne dass ihnen etwas geschah.
Aiko Koo
Aiko Koo war weniger Glück beschieden. Das zierliche Mädchen stand Ecke University Avenue und Shattuck Avenue an einer Bushaltestelle. Sie hatte gerade ihren Bus nach San Franciso verpasst. Sie wollte zum Tanzunterricht. Der Termin war ihr so wichtig, dass sie alle Vorsicht fahren ließ und den Daumen raushielt. Im nächsten Moment tauchte schon »Big Ed« Kemper auf.
Kemper spürte, wie ihn beim Anblick des Mädchens die gleiche Energie durchströmte, die er am 7. Mai gefühlt hatte. Die Energie, die ihn dazu animiert hatte, seine Fantasie in die Tat umzusetzen. Die Frau schien perfekt zu sein für seinen nächsten Vorstoß. Kemper war überrascht, als Aiko Koo ihm sagte, sie sei erst fünfzehn Jahre alt. Egal. Er hatte sich bereits entschieden. Wie beim Doppelmord im Mai hieß es nunmehr für ihn: Es gab kein Zurück mehr.
Über das, was im Wagen geschah, äußerte Kemper später: »Irgendwann zog ich meine Pistole hervor. Dieses Mal wollte ich kein langes Schreien, keinen Kampf. Ich wollte bloß töten. Also hatte ich mir eine Schusswaffe besorgt. Ich zeigte ihr das Teil. Hielt sie ihr vors Gesicht. Sie flippte total aus. Dann legte ich die Pistole wieder unter meinen Sitz. Das zeigte noch mehr Wirkung. Nun hatte sie endgültig Todesangst vor mir.«
Fatale Entscheidung
Edmund Kemper hielt an einer abgelegenen Stelle an und stieg aus dem Wagen. Doch er machte einen Fehler. Er vergaß den Schlüssel im Auto und schloss sich aus. Die Pistole lag zudem immer noch unter dem Fahrersitz. Aiko Koo hielt nun plötzlich alle Trümpfe in der Hand. Aber sie war zu sehr in Panik, um noch klar zu denken und ihre Chance wahrzunehmen.
»Sie hätte bloß rübergreifen müssen, um sich die Waffe zu schnappen«, sagte Kemper, »aber ich glaube, es ist ihr noch nicht mal in den Sinn gekommen.« Stattdessen öffnete sie ihrem Mörder sogar noch die Tür. Eine Entscheidung, die sich als fatal erweisen sollte. Von »Big Ed« Kemper, der nun wieder zustieg, war keine Dankbarkeit zu erwarten.
Edmund Kemper ging sofort zum Angriff über. Er drückte Aiko Koo die Nasenlöcher zusammen und hielt ihr mit seinen riesigen Händen den Mund zu. Aiko Koo bekam keine Luft mehr und verlor das Bewusstsein. Dann vergewaltigte und erdrosselte Kemper das 15-jährige Mädchen. Er warf ihren Leichnam in den Kofferraum und fuhr ziellos in der Gegend herum.
Er machte an einer Bar Halt und genehmigte sich ein paar Drinks. Dann schaffte er die Leiche in seine Wohnung und zerstückelte sie. Aiko Koo widerfuhr das gleiche Schicksal wie Mary Pesce und Anita Lucchessa zuvor. Und es würden weitere Opfer folgen. Denn Edmund Kemper gefiel das Gefühl der Allmacht über diese Frauen, das er verspürte.
Welthauptstadt des Mordes
Kempers Mordserie war für sich genommen übel genug. Aber ab dem 13. Oktober 1972 verschlimmerten sich die Dinge um ein Vielfaches, ohne dass Edmund Kemper diesbezüglich die alleinige Schuld traf. Kemper kam eigentlich aus Santa Cruz, einem Küstenstädtchen rund 100 Kilometer südlich von Alameda. Nach dem Mord an Aiko Koo kehrte er dorthin zurück.
Santa Cruz war eine Touristenstadt mit Traumstränden, Palmen und riesigen Mammutbäumen. Die Pazifikstadt gehörte zu den Topwohnlagen in den Vereinigten Staaten. Die University of California hatte hier gerade einen Standort eröffnet, was die Attraktivität zusätzlich steigerte. Viele junge Leute strömten in die Stadt. Einziger Wermutstropfen: In ihrem Gefolge tauchten jede Menge Hippies auf, die das gepflegte Stadtbild aus Sicht der alteingesessenen Bewohner verschandelten.
Das Idyll wurde Anfang der 1970er-Jahre innerhalb von zwei Jahren zerstört. Denn zu dieser Zeit terrorisierten drei Serienmörder Santa Cruz, die teilweise parallel operierten. Einer von ihnen war Edmund Kemper. Die Mordserien forderten zusammen 26 Menschenleben – das in einer Stadt, die gerade einmal 50.000 Einwohner zählte. Plötzlich war Santa Cruz nicht mehr das Traumziel vieler Amerikaner, sondern die »Welthauptstadt des Mordes«, wie die Zeitungen titelten.
Was in Santa Cruz passierte, war nicht bloß dem Zufall geschuldet. Die Häufung der Morde war Teil einer allgemeinen Entwicklung, die in jenen Jahren die gesamten USA mit voller Wucht traf. In den früheren Dekaden gab es über einen Zeitraum von zehn Jahren gesehen durchschnittlich zwischen 30 und 50 Mordserien. In den 1970ern explodierte diese Zahl. Auf einmal waren in den USA rund 450 Serienmörder am Werk. Und Kalifornien führte mit großem Abstand diese Statistik des Horrors an, was die Zahl der Täter und Mordopfer betraf.
John Linley Frazier
Der erste Serienmörder, mit dem sich Santa Cruz in diesem Jahrzehnt konfrontiert sah, tötete Ende 1970 in einer Nacht fünf Menschen. John Linley Frazier drang in das Haus des Augenarztes Victor Ohta ein und ermordete dessen Familie mit zwei kleinen Kindern sowie eine Praxisangestellte. Frazier behauptete, er habe mit den Morden ein Zeichen setzen wollen gegen die zunehmende Zerstörung der Natur auf Kosten des Fortschritts. Die Familie Ohta war ihm völlig unbekannt gewesen. Psychiater diagnostizierten bei dem bekennenden Hippie paranoide Schizophrenie. Das änderte nichts an der Tatsache, dass die Geschworenen ihn für zurechnungsfähig hielten und für seine Taten verurteilten.
Herbert Mullin
Dann verschwanden ab Frühjahr 1972 die Studentinnen, wofür Edmund Kemper verantwortlich war. Schließlich tauchte am 13. Oktober 1972 Herbert Mullin auf. Zwischen Oktober und Januar beging er 13 rätselhafte Morde. Mal tötete er vier harmlose Camper in einem Zelt, mal erschoss er einen Hobbygärtner in seinem Vorgarten. Herb Mullin hatte ebenfalls vermeintlich hehre Ziele, für die er tötete.
Er wollte die Bevölkerung von Kalifornien vor einem Supererdbeben bewahren. Dazu musste er seiner Überzeugung nach zuvor 13 Menschen als Opfer darbringen. Er bemühte sich zunächst telepathisch darum. Per Gedankenübertragung wollte er die Auserwählten davon überzeugen, sich selbst als Opfer für die heilige Mission anzubieten, sprich umzubringen. Als das nicht funktionierte, griff Mullin zu Messer, Pistole und Baseballschläger und schritt selbst zur Tat.
Anfang 1973 konnte die Polizei Herbert Mullin quasi auf frischer Tat erwischen. Die Behörden brachten es fertig, der Öffentlichkeit den Bären aufzubinden, dass Mullin auch für die Morde an den Studentinnen verantwortlich war. Alle Probleme schienen damit aus der Welt geschafft. Ihr könnt wieder ruhig schlafen, lieber Bürger von Santa Cruz, sollte das heißen. Das geschah wider besseres Wissen. Denn die Ermittler wussten, dass Mullin und der sogenannte »Co-ed Butcher« – der »Studentinnen-Schlächter«, wie ihn die Medien tauften – einen völlig unterschiedlichen Modus Operandi benutzten.
Der große Schwindel
Doch die verantwortlichen Politiker hatten einfach Angst, dass ihnen die Lage ansonsten vollends außer Kontrolle geriet. Die Vielzahl der ungeklärten Morde hatte Panik in der Bevölkerung geschürt. Die Waffenhändler von Santa Cruz machten das Geschäft ihres Lebens. Jeder Bürger besorgte sich eine Knarre. Überall bildeten sich Bürgerwehren.
Es würde nicht mehr lange dauern, bis sich ein harmloser Fremder zur falschen Zeit an den falschen Ort verirrte. Den würde man dann vom Baum abschneiden können, wo ihn die aufgebrachten Bürger aufgeknüpft hatten. Der Schwindel flog den Behörden allerdings um die Ohren, als Kemper weitere Studentinnen verschwinden ließ.
Edmund Kemper war für eine Weile unsichtbar geblieben und hatte seine Aktivitäten vorübergehend eingestellt. Aber in seiner Fantasie tötete er wieder und wieder seine Opfer. Er hatte Trophäen und Fotos zurückbehalten, um seine Erinnerungen neu zu entfachen. Inzwischen war er wieder bei seiner Mutter eingezogen. Das Zusammenleben mit seiner Mutter bedeutete für Kemper emotionalen Stress, Frust, Wut – alles Gefühle, aus denen sich sein Drang zu töten speiste.
Cindy Schall
Am 7. Januar 1973 erblickte Edmund Kemper die 19-jährige Studentin Cindy Schall am Straßenrand. Sie hatte in der Nähe des Cabrillo College in Aptos auf eine Mitfahrgelegenheit gehofft. Edmund Kemper schlug nun verdammt nahe an seinem Zuhause zu, denn in Aptos lebte seine Mutter.
Kemper fuhr mit Cindy Schall bis zu einem einsamen Stück Landstraße. Dieses Mal erschoss er die Studentin sofort, ohne langen Kampf. Bei Mary Pesce und Anita Lucchessa war ihm die Situation außer Kontrolle geraten. Bei Aiko Koo hatte er herumexperimentiert. Jetzt war er sicher, dass er seine Opfer gar nicht foltern wollte. Ihn erregten ausschließlich die Dinge, die er danach mit ihnen anstellte.
Edmund Kemper nahm den Leichnam mit in das Haus seiner Mutter. Er zerteilte ihn dort in der Badewanne, enthauptete die Tote und behielt die Leichenteile über Nacht in seinem Zimmer. Den Kopf vergrub er im Garten unter seinem Schlafzimmerfenster. Am nächsten Tag fuhr er zum Pazifik und warf die übrigen Körperglieder von den Klippen ins Meer.
Der Co-ed Killer
Zwei Tage später entdeckte ein Jogger am Strand Arme und Beine der Leiche. Kurz darauf wurde der Torso an Land getrieben, später folgte der Unterleib. Ein Surfer fischte die linke Hand aus der Brandung. Die Röntgenaufnahmen der Lunge bestätigten, dass es sich um die sterblichen Überreste von Cindy Schall handelte. In Santa Cruz drehten die Leute durch. Die Zeitungen publizierten jeden Tag neue Artikel über den schrecklichen Schlächter von Santa Cruz, der die hübschen Mädchen der Umgebung grausam zerstückelte.
Nur einer behielt die Ruhe. Edmund Kemper wusste, dass man ihm den Mord nicht würde anhängen können. Auch wenn die Leiche dieses Mal schneller aufgetaucht war, als er geplant hatte. Es gab keine Zeugen. Er hatte die Kugel aus dem Körper entfernt. Es gab keine Beweise. Er hatte an alles gedacht. Und er lag mit der Einschätzung richtig. Die Polizei hatte keinen blassen Schimmer, wer der schreckliche »Co-ed Killer« war. Die Ermittlungen liefen komplett ins Leere.
Rosalind Thorpe und Alice Liu
Clarnell Strandberg, die Mutter von Edmund Kemper, arbeitete als Verwaltungsangestellte an der University of California in Santa Cruz. Sie bat das Sekretariat der Uni, ihrem Sohn einen Universitätsaufkleber auszuhändigen, obwohl er kein eingeschriebener Student war. Er fuhr sie hin und wieder zur Arbeit. Es war lästig, wenn die Wachen am Eingangstor zum Campus ihn jedes Mal anhielten und kontrollierten. Clarnell Strandberg wurde als Kollegin und Mitarbeiterin geschätzt. Sie galt als freundlich, warmherzig und hilfsbereit. So jemandem half man doch gerne, wenn er um einen Gefallen bat.
Am 5. Februar 1973 hatte Edmund Kemper einen fürchterlichen Streit mit seiner Mutter. Kemper ließ auf seine Art und Weise Dampf ab. Er fuhr zum Arbeitsplatz seiner Mutter hinaus und hielt auf dem Campus der University of California nach potenziellen Opfern Ausschau. Er würde sich an ihr rächen, indem er seinen nächsten Mord quasi direkt vor ihren Augen beging.
Kemper musste sich nicht lange gedulden. Zunächst traf er auf die 24-jährige Anhalterin Rosalind Thorpe. Als sie in seinem Wagen Platz genommen hatte, entdeckte Kemper eine weitere Tramperin: die 23-jährige Alice Liu. Das Misstrauen der Studentin verflog, sobald sie die andere Frau im Fahrzeug bemerkte.
»Miss Liu stieg auf den Rücksitz und setzte sich auf die rechte Seite direkt hinter Miss Thorpe«, erzählte Kemper später im Verhör. »Ich fuhr ein wenig kreuz und quer übers Campusgelände. Dann verlangsamte ich das Tempo an einer Stelle, an der sonst niemand zu sehen war. Ich sagte zu den beiden: ‚Was für eine schöne Aussicht!‘
„Ich hielt einen Moment an. Die beiden blickten zum Fenster hinaus. In der Zeit hatte ich meine Pistole unterm Sitz hervorgekramt. Ich legte auf den Kopf von Miss Thorpe an und zog den Abzugbügel. Sie fiel mit dem Gesicht gegen das Fenster. Miss Liu geriet in Panik. Sie riss die Hände hoch, um ihr Gesicht zu schützen. Ich drückte ab. Aber sie bewegte sich. Ich verfehlte sie. Ich schoss insgesamt zweimal daneben.«
Die dritte Kugel traf Alice Liu in die Schläfe. Kemper zielte nochmals und feuerte. Aber Alice Liu lebte noch, auch wenn die Verwundungen letztlich tödlich waren. Sie stöhnte und machte laute Atemgeräusche. Edmund Kemper hüllte die beiden Frauen notdürftig in zwei Decken ein, ließ sie aber vorne im Wagen.
Er fuhr zum Tor der Uni, das von zwei Leuten bewacht wurde. Er rief ihnen aus dem heruntergekurbelten Fenster zu, dass er zwei betrunkene Studentinnen nach Hause bringe. Die Wachmänner sahen seinen Uniaufkleber und winkten ihn durch. Edmund Kemper fühlte sich, als sei er unsichtbar: »Es wurde immer einfacher. Ich wurde besser und besser in dem, was ich tat.«
Zerstückelung im Haus seiner Mutter
Er schaffte die Leichen der Frauen zum Haus seiner Mutter. Er zerlegte und enthauptete sie, während sich seine Mutter in der Nähe aufhielt. Draußen war noch helllichter Tag und in der Ord Street in Aptos, in der die Kempers lebten, standen die Einfamilienhäuser dicht an dicht. Edmund Kemper war bewusst, dass jederzeit ein Nachbar vor seinem Fenster im Erdgeschoss auftauchen konnte. Er hätte bloß einen Blick hineinwerfen müssen, um ihn auf frischer Tat zu erwischen. Aber nichts dergleichen geschah. Ausgerechnet »Big Ed« Kemper war unsichtbar. Am nächsten Tag verteilte er die Körperteile im Pazifik und in den Hügeln ringsum. Die Köpfe schaffte er in eines seiner speziellen Verstecke.

Am 4. März 1973 stolperte im Eden Canyon nahe San Francisco eine Gruppe Wanderer über einen Wangenknochen und einen Schädel menschlichen Ursprungs. Die Überreste lagen unweit des Highway 1. Die Untersuchungen ergaben, dass beide Knochenteile nicht von derselben Person stammten. Die Polizei durchkämmte daraufhin großflächig das Gelände. Die Beamten entdeckten ein weiteres Paar Wangenknochen sowie einen Schädel. Die Gebeine passten zu den ersten Fundstücken.
Die Beamten durchforsteten die aktuellen Vermisstenanzeigen. Es stellte sich heraus, dass man Teile der Leichen von Rosalind Thorpe und Alice Liu geborgen hatte. Der Gerichtsmediziner bemerkte am Schädel von Liu zwei Einschusslöcher, am Kopf von Thorpe eines. Nun besaßen die Ermittler zumindest einen Anhaltspunkt, wie der »Co-ed Butcher« seine Opfer tötete.
Vergebliche Appelle
Natürlich hatte es in den zurückliegenden Monaten zig Aufrufe an die Bevölkerung gegeben, die dringend davon abrieten, als Anhalter durch die Gegend zu reisen. Nur fruchteten sie augenscheinlich wenig. Der Wahnsinn ging weiter, auch weil viele Studentinnen ohne eigenes Fahrzeug praktisch aufgeschmissen waren.
Die Wege in Kalifornien waren zu weit, um mal eben zu Fuß oder mit dem Fahrrad an die Uni oder in die Stadt zu kommen. Und der öffentliche Nahverkehr war eine einzige Katastrophe. Zumindest die University of California reagierte. Sie richtete kurzfristig einen Bus-Shuttle ein, um ihre Studentinnen sicher vom Campus nach Hause zu bringen.
Insbesondere die Fernsehreporterin Marilyn Baker heizte in dieser Phase die Ängste der Bevölkerung zusätzlich an. Sie fertigte reißerische Berichte, übertrieb schamlos, berief sich auf Gerüchte und verkaufte ihrem Publikum Dinge als Fakten, die sie nie überprüft hatte. Sie behauptete beispielsweise, bei Cindy Schall sei die Achillessehne durchtrennt gewesen. Oder es gebe Beweise, dass mehrere der Opfer längere Zeit gefangen gehalten wurden. Nichts davon stimmte.
Medien heizen die Stimmung an
Baker äußerte vor laufender Kamera: »Die Morde des ‚Co-ed Butcher‘ sind einzigartig. Die Enthauptung und Zerstückelung der Leichen wurde von jemandem vorgenommen, der nach Meinung der Polizei aller Voraussicht nach über medizinische Fachkenntnisse oder eine Ausbildung als Fleischer verfügte. Das war – ich zitiere – ‚die Arbeit eines absoluten Profis‘. Der Täter hat die Körper der Frauen an einem Haken aufgehangen, mit dem Kopf nach unten, und dann seine Schnitte ausgeführt. Dadurch konnte das Blut sauber ablaufen, was ihm das Zerlegen erheblich vereinfachte.« Niemand von der Polizei hatte jemals auch nur ansatzweise solch eine Aussage getätigt.
Baker suggerierte den Zuschauern, dass der Täter entweder eine lesbische Ärztin oder ein Metzger-Transvestit sei. Sie warnte ihr Publikum davor, sich vor Montagen in acht zu nehmen. Denn der Killer habe immer montags nach Einbruch der Dunkelheit während einer Vollmondnacht zugeschlagen. Das war komplett gelogen. Marilyn Baker war es egal. Sie baute auf diesen vorgeblichen »Fakten« ihre eigene Theorie auf. Die Studentinnen-Morde seien in Wahrheit Teil eines satanistischen Rituals eines irren Kults à la Charles Manson. Die Polizei sei bloß zu unfähig, um diese glasklaren Zusammenhänge zu begreifen.
Die Polizei war wütend über diese Art von Berichterstattung, welche mit der Angst der Bevölkerung spielte. Aber die Beamten konnten nichts dagegen tun. Sie hatten keinen Tatverdächtigen. Sie wussten nicht einmal, wie der Täter vorging. Vor allen Dingen hatten sie keine Ahnung, wo sie nach ihm suchen sollten und wie sie die Mordserie beenden könnten. Diese Aufgabe übernahmen dann Kommissar Zufall und der Mörder gemeinsam.