Edmund Emil Kemper III war am 18. Dezember 1948 in Burbank, Kalifornien, geboren worden. Er war das zweite Kind von Clarnell und Edmund Emil Kemper Junior. Er hatte noch zwei Schwestern, die eine sechs Jahre älter, die andere zweieinhalb Jahre jünger. Edmund Kemper hatte ein enges Verhältnis zu seinem Vater. Dann reichte seine Mutter 1957 die Scheidung ein und nahm die Kinder mit nach Helena, Montana. Eine schwierige Zeit für den neunjährigen Jungen. Er hatte an der Trennung seiner Eltern und dem Verlust des Vaters schwer zu knabbern.
Inhaltsverzeichnis
Im finsteren Verlies
Seine Mutter hielt es für angebracht, den Jungen etwas abzuhärten. Sie schloss ihn häufiger im fensterlosen Keller bei den Ratten ein, wenn er sich nach ihrem Geschmack danebenbenahm. Dort musste Kemper ein ums andere Mal die gesamte Nacht verbringen. An diesem finsteren Ort entwickelte sich Kempers Wut auf seine Mutter und schließlich sein Hass auf alle Frauen. Seine Mutter vermittelte ihm das Gefühl, dass er gefährlich sei und man sich seiner schämen müsse. Je älter Kemper wurde, umso intensiver wurde sein Hass.
Edmund Kemper sah seinem leiblichen Vater sehr ähnlich. Er glaubte, dass darin das eigentliche Motiv seiner Mutter lag, ihn wieder und wieder zu bestrafen. Clarnell Strandberg gab Edmund Kemper Jr. die Schuld daran, die Familie zerstört zu haben und dass sie nun alleine für drei Kinder sorgen musste. Sie hasste ihren Ex-Mann dafür. Und weil ihr Sohn ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war, musste er als Ziel dieses Hasses herhalten. Für Edmund Emil Kemper wiederum war seine Mutter die Schuldige im Scheidungsdrama. Sie hatte ihm den Vater genommen. Da braute sich aus psychologischer Sicht ein hochexplosives Gemisch zusammen.
Abgrundtiefer Hass
Die Ermittler hatten keinen Zweifel daran, dass Kemper seine Mutter 15 Jahre später abgrundtief hasste. Gerade deshalb erstaunte sie, dass er bemüht war, sie in den Befragungen gewissermaßen in Schutz zu nehmen. Wenn er sich dazu äußerte, was diese prägende Gestalt in seinem Leben ihm angetan hatte, wie sie ihn beständig manipuliert hatte, versuchte er sich stets in ihre Person hineinzuversetzen. Warum hatte sie so gehandelt? Weshalb war sie so, wie sie war? Kemper ergründete ihre Motive, wollte ihr Handeln plausibel erscheinen lassen.
Mit neun Jahren dürfte Edmund Kemper noch nicht in der Lage gewesen sein, in dieser Form über das Verhalten seiner Mutter zu reflektieren. Stattdessen reagierte er emotional. Er verspürte Angst, er empfand Wut. Und in diesem Spannungsfeld entwickelten sich die ersten Gewaltfantasien. Was würde er tun, wenn er alles tun könnte, was ihm in den Sinn kam? Es fielen ihm eine Menge schreckliche Dinge ein.
Gewaltfantasien
»Als ich zur Schule ging«, äußerte Edmund Kemper in einem Interview, »nannte man mich einen chronischen Tagträumer. Sowohl in der Junior High School als auch in der High School schickte man mich mehrfach pro Schuljahr zum Schulpsychologen. Der fragte mich dann, was sich in meinem Kopf abspiele, wenn ich wieder mal Löcher in die Luft starrte. Der hätte sich gewundert, wenn ich ihm die Wahrheit offenbart hätte. In dieser Phase meines Lebens malte ich mir die härtesten, grausamsten und gewalttätigsten Fantasien aus, die ich mir je ausgedacht habe. Die Dinge, die ich später getan habe, reichten da in Sachen Brutalität nicht einmal ansatzweise heran.«
Mit zunehmendem Alter perfektionierte er diese Fähigkeit, nach außen hin wie ein harmloser Tagträumer zu wirken, während er im Innern düstersten Gedanken nachhing. Kemper drückte es einmal so aus: »Ich lebte die meiste Zeit das Leben einer stinklangweiligen gewöhnlichen Person, aber gleichzeitig bewegte ich mich in einem Paralleluniversum, das unglaublich brutal war.« Mit zehn Jahren hatte er bereits Fantasien über Frauen, die eindeutig sexueller Natur waren. Beides – die Gewalt und die Sexualität – verquickten sich in Kempers Kopf zunehmend miteinander.
Seltsame Kinderspiele
Auch die Geschichten, die seine Schwestern über Kempers Kindheit zu erzählen hatten, zeichneten ein beunruhigendes Bild. Die ältere Schwester neckte ihn eines Tages damit, dass ihn eine seiner Lehrerinnen offensichtlich mochte. Er solle sie doch küssen. So was würde Erwachsenen gefallen, wenn sie jemanden gern hatten. Kemper antwortet darauf, dass er die Frau anschließend umbringen müsse, wenn er dies tun würde. Eine irritierende Antwort auf solch eine Bemerkung. Und fast unglaublich, wenn sie aus dem Mund eines Zehnjährigen stammte.
Kempers jüngere Schwester erinnerte sich, dass er häufig die Köpfe ihrer Puppen abgeschnitten habe. Eines von Kempers Lieblingsspielen, bei denen seine jüngere Schwester assistieren musste, war die eigene Hinrichtung. Die Schwester musste ihn zum vermeintlichen Hinrichtungsstuhl einer Gaskammer führen, ihm die Augen verbinden und schließlich einen imaginären Hebel betätigen, um das Gas freizugeben. Danach zuckte Edmund Kemper wild auf dem Stuhl herum, als würde er sterben.
Kemper räumte in den Befragungen seitens der Psychiater ein, seine Mutter habe ihn wohl unter anderem auch deshalb in den Keller eingesperrt, weil sie Angst gehabt habe, er könne sich an den Schwestern vergehen. Die Mutter musste gespürt haben, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmte. Als Edmund Kemper den Kopf seiner Mutter auf dem Kaminsims anschrie, sagte er unter anderem: »Du bist tot, weil du mich zu dem herangezogen hast, was ich bin.«
Gewaltsamer Tod zweier Katzen
Bereits in der Kindheit überschritt Kemper mehrfach die Linie zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Die Kempers hatten zwei Hauskatzen. Beide fielen dem Sohn des Hauses zu Opfer, als er herumexperimentierte und ein Ventil für seine Wut suchte. Die erste Katze vergrub er bei lebendigem Leib in einem Erdloch. Später buddelte er sie wieder aus, schnitt ihr den Kopf ab und legte diesen auf den Küchentisch. Er erinnerte sich, wie mächtig er sich damals gefühlt habe. Nicht nur wegen des Tötens, sondern weil die Leute ihm seine Lügengeschichten abkauften, auch seine Mutter.
Clarnell besorgte eine neue Katze. Als Edmund Kemper dreizehn war, schlachtete er das Tier mit einer Machete. Die Überreste stopfte er in seinen Kleiderschrank, wo die Mutter sie schließlich fand. Ihr wurde nun schlagartig klar, dass ihr Sohn auch die erste Katze getötet hatte. Der Junge war nicht nur schwer gestört, was sie immer schon gemutmaßt hatte. Er war inzwischen brandgefährlich. Von nun an bezeichnete Clarnell Edmund Kemper stets als Psychopathen.
Unerwünscht
Im selben Jahr, im Sommer 1963, riss Kemper von zu Hause aus und floh zu seinem leiblichen Vater, der in Van Nuys lebte, einem Vorort von Los Angeles. Er hoffte, dass es ihm dort besser ergehen würde. Doch er musste erfahren, dass sein Vater ganz und gar nicht erfreut über sein Kommen war. Der Mann hatte inzwischen ein zweites Mal geheiratet und mit seiner Frau einen gemeinsamen Sohn. Er ließ Edmund einige Zeit bei sich wohnen, aber schickte ihn dann wieder zurück nach Montana. Der Mann, den er fünf Jahre als seinen einzigen Verbündeten auf Erden angesehen hatte, verriet ihn.
Die Dinge verkomplizierten sich noch mehr für Edmund Kemper. Als er wieder bei seiner Mutter eintraf, war er dort ebenso wenig erwünscht. Clarnell Kemper hatte zwischenzeitlich ein zweites Mal geheiratet, sich erneut getrennt und plante nun Ehe Nummer drei. Und dieses Riesenbaby von einem Sohn bereitete nur Ärger, den sie gerade nicht gebrauchen konnte. Sie schob Edmund Kemper zu den Eltern ihres Ex-Mannes ab – fairerweise mit einem Warnhinweis versehen: Sie sollten sich nicht wundern, falls der Junge sie eines Tages umbringen würde.
In einem Interview beschrieb Kemper, was damals in ihm vorging: »Ich flüchte, um mit meinem Vater zu leben und er schickt mich weg. Am Ende lande ich bei meiner Großmutter. Die Frau war davon besessen, all die Dinge ungeschehen zu machen, die mir diese schreckliche Frau – ihre Schwiegertochter – angetan hatte. Aber nicht, weil sie Mitleid mit mir hatte. Ich war bloß ein Demonstrationsobjekt. Meine Großmutter wollte aller Welt beweisen, dass sie die bessere Mutter war und meine Mama eine unfähige Rabenmutter. Ich fühlte mich wie eine Schachfigur, die in diesem Machtspiel zweier Frauen hin- und hergeschoben wurde.«
Edmund Kemper kam Weihnachten 1963 zu seinen Großeltern auf deren sieben Hektar große Ranch in North Fork, Kalifornien. Er hielt sich dort für den Rest des Schuljahrs auf. Die Sommerferien verbrachte er vorübergehend wieder bei seiner Mutter, die inzwischen Clarnell Starnberg hieß, und ihrem neuen Mann. Danach kehrte er erneut zu den Großeltern zurück.
Edmund Emil Kemper III war alles andere als glücklich über dieses Arrangement. Seine Familie schob ihn von einem Ort zum anderen. Edmund Kemper war inzwischen 15 Jahre alt, bereits 1,93 Meter groß und verhaltensauffällig. Edmund Kemper war eine tickende Zeitbombe. Sein Frust und seine Wut wuchsen täglich. Aber niemand wusste, wie man mit dieser Wut umgehen sollte. Im Gegenteil. Die Personen in seinem direkten Umfeld schienen geradezu erpicht darauf zu sein, diese alles verzehrende Wut noch weiter zu befeuern.
Maude Kemper
Kemper missfiel die Art und Weise, wie ihn seine Mutter behandelte. Man könnte nun annehmen, dass er sich bei seiner Großmutter geborgen fühlte, weil er in ihr eine Verbündete entdeckte. Auch sie konnte Clarnell nicht ausstehen. Weit gefehlt. Denn in Wirklichkeit legte seine Großmutter ähnliche Verhaltensweisen wie seine Mutter an den Tag. Sie mäkelte dauernd an ihm herum. Sie sagte ihm, was er zu tun und was er zu lassen hatte. Sie machte ihm unmissverständlich klar, was für ein Nichtsnutz er war.
Kempers Tötungsfantasien bekamen Zuwachs. Nun sinnierte er nicht mehr nur darüber, wie er seine Mutter töten und verstümmeln würde. Jetzt war auch seine Großmutter in den erlauchten Kreis aufgenommen. Nicht nur das. Wenn alle Welt ihn hasste, wie sich Edmund Kemper inzwischen einbildete, dann sollte auch der gesamte Planet zum Teufel gehen. Er malte sich nun in Gedanken aus, wie er die Bewohner seiner Heimatstadt massakrierte und ihre Leichen schändete. Die Mordserie, die Edmund Kemper 1972 begann, wurde acht Jahre vorher von einem 15-Jährigen ausgedacht.
Am Nachmittag des 27. August 1964 stritt Edmund Kemper mit seiner 66-jährigen Großmutter Maude Kemper. Die Wut, die sich eigentlich gegen seine Mutter richtete, hatte er inzwischen auf seine Großmutter übertragen. Es reichten ein paar Bemerkungen und bei Kemper flogen alle Sicherungen raus. Er schnappte sich das Gewehr, das ihm sein Großvater zu Weihnachten geschenkt hatte.
Maude Kemper interpretierte die Situation falsch. Sie hielt ihrem Enkel weiterhin Vorträge. Er solle bloß nicht wagen, wieder auf Vögel zu schießen. Tu dies nicht, tu das nicht. Edmund Kemper wollte keine Vögel schießen. Heute würde er die Jagdsaison auf Menschen eröffnen. Kemper drehte sich um und schoss seiner Großmutter mitten ins Gesicht. Als sie auf dem Küchenboden lag, feuerte er ihr zwei weitere Kugeln in den Rücken. Dann schnappte er sich ein Küchenmesser und stach wie von Sinnen auf sie ein.
Edmund Emil Kemper Senior
Kemper hatte zwar schon etliche Jahre über das Töten von Menschen fantasiert. Dennoch war sein erster Mord eine eher spontane Tat, die er nicht wirklich geplant hatte. Doch was danach passierte, zeigte im Ansatz schon, aus welchem Holz dieser Edmund Kemper geschnitzt war. Ihm wurde nämlich klar, dass sein Großvater wohl oder übel nach der Oma suchen würde. Und wenn er dann ihre Leiche fände, hätte Edmund Emil Kemper III eine Menge Ärger am Hals. Just in diesem Moment fuhr Edmund Emil Kemper Senior in der Einfahrt vor.
Der 15-jährige Enkelsohn ging zum Fenster und beobachtete ihn. Als Kemper Senior aus dem Wagen stieg, schoss ihn Kemper III nieder. Später behauptete Edmund Kemper gegenüber der Polizei, er habe seinem Großvater den Schmerz ersparen wollen, die eigene Frau tot aufzufinden, zudem erschossen vom Enkel. Wieder so ein »gnadenvoller« Akt der Marke Kemper. Die Psychologen hingegen sahen das Verbrechen als die symbolische Tat par excellence. Fast schon lehrbuchhaft. Denn eigentlich habe Kemper seine Eltern dafür bestrafen wollen, wie sie mit ihm umgesprungen waren. Nun mussten seine Großeltern als Ersatz herhalten, um sich für die ständigen Zurückweisungen zu rächen.
Ein relaxter Doppelmörder
Man kann die Situation aber auch pragmatisch interpretieren. Zunächst beseitigte Edmund Kemper mit seinem Großvater einen potenziellen Zeugen. Dann versteckte er die Leiche seiner Oma im Schlafzimmer und den Leichnam seines Opas in der Garage. Das klingt eher danach, als habe er seine Tat ursprünglich vertuschen wollen. Danach war der jugendliche Doppelmörder aber erst einmal mit seinem Latein am Ende. Er rief schließlich seine Mutter an. Er schilderte ihr, welches unglaubliche Verbrechen er gerade begangen hatte. Er fragte sie, was er tun solle. Clarnell drängte ihren Sohn, die Polizei zu benachrichtigen und sich zu stellen. Es gab keinen anderen Weg.
Edmund Kemper tat, wie ihm geheißen. Er verständigte die Polizei. Als die Beamten die Ranch erreichten, erwartete sie ein völlig entspannter Edmund Kemper auf der Veranda des Hauses. Die Polizisten zogen jemanden vom Jugendamt hinzu, um den Jungen zu vernehmen. Fast schon unbeteiligt schilderte er, was geschehen war. Ein Satz aus diesem Verhör blieb lebenslang an ihm haften. Er habe seine Großmutter getötet, um zu sehen, wie sich das anfühle. Das klang nach dem Inbegriff des eiskalten, empfindungslosen Mörders, insbesondere weil ein 15-Jähriger diese Bemerkung machte. Angesichts der Familienverhältnisse bei den Kempers war die Sache natürlich weitaus komplizierter.
In der Klapse – Atascadero State Hospital
Das kalifornische System war überfordert mit so einem frühreifen Mörderfrüchtchen. Die Behörden hatten keine Ahnung, wie sie mit dem Jungen umgehen sollten. Zunächst ließ man ihn von Psychiatern begutachten. Diese diagnostizierten eine paranoide Schizophrenie. Das war in gewisser Hinsicht eine gute Nachricht. Man verstand zwar immer noch nicht, warum er die Verbrechen begangen hatte. Aber das musste man auch nicht länger. Denn der Junge galt ja nun offiziell als bekloppt. Auch wenn dieser irre Edmund Kemper einen IQ von 145 hatte, wie die Tests ergaben. Genie und Wahnsinn lagen bekanntlich häufig nah beieinander. Eine Binsenweisheit, die sich wieder einmal bestätigte.

So landete der 15-jährige Edmund Kemper statt in einem Jugendknast oder einer Erziehungsanstalt für verhaltensauffällige Jugendliche im Atascadero State Hospital, einer geschlossenen forensischen Klinik. Dort saß die Crème de la Crème der kalifornischen Schwerstkriminellen mit amtlich beglaubigtem Dachschaden ein. Auf dieser Kaderschmiede für angehende Perverse bekam Edmund Kemper das Rüstzeug eines Serienkillers vermittelt. Zum Beispiel, wie man Autotüren so manipulierte, dass sie sich von innen nicht mehr öffnen ließen. Oder dass man tunlichst keine Zeugen hinterließ.

Ein wissbegieriger Bursche
Edmund Kemper galt in Atascadero als pflegeleichter Insasse. Aufgrund seines Alters und seiner hervorstechenden Intelligenz zählte er zu den Lieblingen der behandelnden Ärzte. Er wusste diesen Umstand zu seinem Vorteil zu nutzen. Er zeigte Interesse an der Arbeit der Ärzte. Die Psychiater waren angenehm überrascht. Normalerweise betrachteten die Patienten sie als natürliche Feinde. Bereitwillig erklärten die Ärzte dem wissbegierigen Jungen, wie sie methodisch vorgingen. Sie erläuterten ihm detailliert, wie sie einen psychologischen Test oder ein komplettes Gutachten erstellten.
Kemper durfte ihnen dabei sogar assistieren und bekam dadurch erstklassige Informationen aus erster Hand. Er prägte sich ein, wie unterschiedliche Antworten zu bestimmten Testfragen von den Psychiatern bewertet wurden. Als er dann selbst begutachtet wurde, bestand er alle psychologischen Evaluationen mit Bravour. Mit 21 Jahren verließ Edmund Kemper die geschlossene Anstalt von Atascadero und war sechs Jahre nach dem Doppelmord wieder in Freiheit – angeblich geheilt.
Als die Bewährungskommission Edmund Kemper 1969 aus Atascadero entließ, empfahlen die Psychiater ausdrücklich, dass der entlassene Patient nicht zu seiner Mutter Clarnell zurückkehren sollte. Diese Frau war Gift für den Jungen. Sie löste Aggressionen bei ihm aus, die er nicht kontrollieren konnte. Clarnell Strandberg litt nach Einschätzung der Ärzte selber unter gravierenden psychischen Störungen.
Psychisch schwer gestörte Mutter
Die Alkoholikerin, die zu Depressionen neigte, vermittelte gegenüber Kollegen und Bekannten das Bild einer umgänglichen und geselligen Frau. In engen persönlichen Beziehungen war sie das komplette Gegenteil davon. Da lernten speziell Männer die manipulative, kränkende und herrische Seite von Clarnell Strandberg kennen, der es scheinbar große Lust bereitete, nahezu pausenlos bösartig zu sein. Mit Vorliebe stellte sie die Männlichkeit ihrer Bezugspersonen infrage oder redete ihnen ein, dass sie vollkommen nutzlose Individuen seien.
Nachdem die Bewährungskommission ihre Entscheidung getroffen hatte, kümmerte sich niemand mehr darum, was aus Edmund Kemper wurde. Es gab keine psychologische Nachbetreuung. Die Behörden halfen ihm auch nicht in den ersten Tagen und Wochen nach seiner Entlassung, wieder auf die Beine zu kommen und einen Job zu finden. Kemper stand erst einmal mittellos auf der Straße. Ihm blieb letztlich gar keine andere Wahl, als wieder bei der verhassten Mutter einzuziehen, wenn er nicht in der Gosse landen wollte. Und damit gingen die Konflikte vor vorne los.
Clarnell Strandberg hatte inzwischen Ehemann Nummer drei verlassen. Sie hatte einen neuen Job als Verwaltungsassistentin an der Universität von Santa Cruz gefunden. Sie bewohnte eine Doppelhaushälfte am Ord Drive in Aptos. Sobald der Sohn dort einzog, flogen regelmäßig die Fetzen. Die Nachbarn wurden öfters unfreiwillige Zeugen der lautstarken Auseinandersetzungen, die sich aus den ständigen Sticheleien und Demütigungen seiner Mutter ergaben.
Typisches Beispiel: Nach seiner Entlassung aus Atascadero hätte Kemper gerne junge Frauen kennengelernt, ganz ohne den Hintergedanken sie zu töten. Er fragte seine Mutter, ob sie ihm nicht vielleicht ein paar der Studentinnen vorstellen könne. »Sie weigerte sich. Sie hielt diese Frauen einfach zurück. Sie sagte, sie seien zu gut für mich. Sie sagte, ich sei wie mein Vater. Ich verdiente es gar nicht, sie kennenzulernen«, erinnerte sich Kemper.
Edmund Kemper entdeckt die Lust am Fahren
Edmund Kemper flippte bei solchen Sprüchen regelmäßig aus. Seine Mutter freute sich derweil, dass sie mit ihren Bemerkungen wieder voll ins Schwarze getroffen hatte. Um seine Wut abzureagieren, fuhr Kemper immer öfters in der Gegend herum. Dann hielt er Ausschau nach den Mädchen, die er nicht haben durfte.
Er hatte sich nach der Entlassung ein Motorrad besorgt, mit dem er zweimal einen Unfall baute. Der zweite Unfall brachte ihm 15.000 US-Dollar Schmerzensgeld ein. Sehr viel Geld für einen jungen Mann Anfang der 1970er. Kemper kaufte sich von dem Geld unter anderem einen gelben Ford Galaxy. Exakt den gleichen Wagen fuhr im Übrigen der New Yorker Serienkiller David Berkowitz.
Die ziellose Herumfahrerei entwickelte sich zu Kempers großer Leidenschaft. Dazu brauchte es nicht länger einen Streit mit seiner Mutter. Er legte am Tag oftmals mehrere Hundert Kilometer zurück. Edmund Kemper erklärte das später wie folgt: Nachdem er den Großteil seiner Jugend eingesperrt gewesen sei, habe er einen großen Freiheitsdrang verspürt. Die Fahrten kreuz und quer durch Kalifornien hätten ihm genau dieses Gefühl vermittelt. Bei seinen Ausflügen fiel ihm auf, dass am Straßenrand jede Menge junger Anhalterinnen standen. An der Westküste war diese Fortbewegungsart gerade unter Studenten äußerst beliebt.
Trainingsprogramm eines Serienmörders
Edmund Kemper musterte die attraktiven Frauen aufmerksam. Er malte sich auf seinen langen Fahrten aus, welche Dinge er mit ihnen anstellen könnte. Die Fantasien wurden mit der Zeit immer konkreter, immer gewalttätiger. Er beschloss, seine Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Dieser Schritt vollzog sich allerdings langsam. Zunächst präparierte er lediglich seinen Wagen. Er bunkerte Müllsäcke im Kofferraum. Er legte eine Decke griffbereit auf die Rückbank. Er versteckte Messer und Handschellen im Fahrzeug. Von jetzt an stieg er in dem Bewusstsein in den Wagen, optimal vorbereitet zu sein. Nun musste er nur noch eine passende Gelegenheit abwarten.
Er nahm über einen längeren Zeitraum Anhalterinnen mit, ohne ihnen ein Haar zu krümmen oder sie in irgendeiner Weise zu belästigen. Er wollte lernen, wie diese Begegnungen typischerweise abliefen. Wie die Mädchen reagierten. Welches Verhalten sie abschreckte, welches sie Vertrauen schöpfen ließ. Womit man auf der Fahrt zu rechnen hatte. Nach Kempers Schätzungen chauffierte er mehr als 150 Tramperinnen durch die Gegend, bevor er im Mai 1972 seinen ersten Anhalterinnen-Mord beging.
Gespieltes Desinteresse
Die Ermittler hatten während der Untersuchung der Mordserie keinen blassen Schimmer, dass Edmund Kemper der gesuchte Serienkiller war. Deshalb interessierte sie insbesondere die Frage, wie es ihm gelungen war, die Frauen in seinen Wagen zu locken. Das war der schwierigste Teil in seinem Plan. Es stellte sich heraus, dass Kemper mit der Zeit eine erfolgreiche Strategie entwickelt hatte, den Mädchen vorzugaukeln, sie seien in seiner Gegenwart sicher. Er tat zunächst, als habe er überhaupt kein Interesse daran, die Mädchen mitzunehmen. Er schaute auf die Uhr, stellte laut Berechnungen an, wie viel Umweg er auf sich nehmen müsse, und schien sich erst langsam dazu durchzuringen, die Anhalterinnen einsteigen zu lassen. Das gespielte Desinteresse überzeugte mehr als jede willfährige Hilfsbereitschaft.
»Jeder, der als Anhalter fuhr, handelte entsetzlich dumm«, sagte Edmund Kemper. »Die jungen Leute dachten, es sei ein Riesenspaß. Vielleicht fanden sie es sogar ein bisschen aufregend, weil sie sich potenziell in eine gefährliche Situation brachten. In Wahrheit war es, als würden sie ihr eigenes Todesurteil unterzeichnen. Wenn du sie erst einmal im Auto hattest, saßen sie unweigerlich in der Falle.«
Wachsende Erregung
»Ich habe diese jungen Frauen aufgelesen«, beschrieb Edmund Kemper seine Vorbereitungsphase in einem Interview, »und jedes Mal bin ich ein kleines bisschen weitergegangen. Das war wahnsinnig aufregend für mich. Erst bin ich einfach nur mit ihnen umhergefahren. Dann habe ich mir eine Waffe besorgt und im Auto versteckt. Dann bin ich mit ihnen zu einer einsamen Stelle rausgefahren, wo es keine Zeugen mehr gab und die Mädchen verwundbar waren.«
»Ich ging alles, was ich mir vorgestellt hatte, im Kopf durch. Ich könnte jetzt zuschlagen. Es wäre ganz leicht. Ich hatte diese Waffe im Auto versteckt und ich konnte sie spüren. Ich musste sie nur herausziehen. Und dann sagte ich mir: ‚Nein, das kannst du nicht tun.‘ Dieses Gefühl machte mich fast verrückt. Aber auf eine gute Art verrückt. Das fühlte sich wahnsinnig aufregend an. Es erregte mich. Es hat mich geradezu überwältigt. Es war wie mit Drogen oder Alkohol. Irgendwann reicht es dir nicht mehr, nur davon zu nippen. Irgendwann willst du den totalen Rausch.« Dieser Punkt war für Edmund Kemper am 7. Mai 1972 erreicht.
Beziehungsgestört
Die Psychiater wollten von Edmund Kemper auch wissen, warum er denn nicht versucht habe, eine normale Beziehung zu einer jungen Frau aufzubauen. Schließlich stellte er sich ja augenscheinlich recht geschickt im Umgang mit anderen Menschen an. Sie schöpften leicht Vertrauen zu ihm und unterhielten sich gerne mit dem intelligenten Mann. Wieso musste Kemper diese Studentinnen unbedingt töten?
Kemper erklärte seine Motive wie folgt: »Zum einen: Was sollte ich ihnen über mich erzählen? Dass ich sechs Jahre in einer Anstalt verbracht hatte? ‚Ach, und übrigens, bevor ich es vergesse: Meine Großeltern habe ich auch noch gekillt.‘ Aber entscheidender noch war mein Frust, den mir meine Mutter eingepflanzt hatte. Ich hatte Riesenängste, in einer Beziehung zu einer Frau zu versagen. Ich war nicht impotent. Aber einfach unfähig, auf dieser Ebene mit Frauen zu kommunizieren. Ich wäre lieber gestorben, als einer zu gestehen, dass ich sie toll fand, dass ich sie begehre. Das hat mich zutiefst frustriert. Dieses Wissen, dass ich mein ganzes Leben in dieser Falle gefangen sein würde.«
Seine Vorstellung einer befriedigenden Beziehung zu einer Frau bestand darin, sie zu töten. Damit erlangte er die vollständige Kontrolle und Dominanz. Darin erschöpfte sich Kempers Definition von einer zwischenmenschlichen Beziehung. Sie war einseitig, der Beziehungspartner existierte nur als Objekt eigener Wünsche. Sich einem anderen Menschen zu öffnen, Dinge zu teilen, waren in dieser Definition nicht vorgesehen.
Der Psychologe Donald Lunde, der neben Kemper auch die Serientäter Frazier und Mullin begutachtet hatte, hielt es deshalb nicht für plausibel, dass die Morde an den Studentinnen lediglich die Generalprobe für das finale Töten der Mutter waren. Zum einen war der Hass auf die Mutter ein Gemeinplatz unter Serienmördern. Das Meucheln der Mutter gehörte in deren Fantasiewelt zum festen Ritual dazu.
Laut Lunde waren die Morde an den Studentinnen Selbstzweck. Der Akt des Tötens hatte Edmund Kemper hochgradig sexuell stimuliert. Es war die Erfüllung seiner Fantasien, die ihn seit Jahren beschäftigten. In Atascadero hatte sich Kemper bereits Methoden überlegt, wie er am besten eine menschliche Leiche zerstückeln und beseitigen könnte. Dort kam ihm auch die Idee, die sterblichen Überreste an mehreren Orten zu verteilen, um damit eine Identifizierung der Opfer zu erschweren. Die Verbrechen waren also von langer Hand geplant und gewollt.
Der Traum von einer Karriere als Polizist
Teil von Kempers Bewährungsauflagen war der Besuch eines sogenannten Community College. Ein Community College entspricht im Deutschen etwa den Fachoberschulen. Die Absolventen bereiten sich zwei Jahre entweder auf die Aufnahmeprüfung an einer Universität oder den Einstieg in die Arbeitswelt vor. Dem hochbegabten Kemper fielen die schulischen Anforderungen leicht.
Am Anfang machte er sich Hoffnungen, dass das Community College seine Eintrittskarte für einen Job bei der Polizei war. Diese Arbeit faszinierte ihn. In seiner Freizeit verschlang er die damals populären Detektiv- und True-Crime-Magazine, die im Groschenromanstil über diese spannende Welt berichteten. Doch bei einem Beratungsgespräch stellte sich heraus, dass »Big Ed« zu groß für den Polizeidienst war. Er verschaffte sich dann wie erwähnt dennoch Zugang zu diesen Kreisen. Am Anfang war dieser Kontakt jedoch nicht taktisch geprägt, sondern lag einfach in der Faszination Kempers für diesen Beruf begründet.
Scheitern
Als sich der Traum von einer Polizistenkarriere zerschlug, nahm Kemper verschiedene Jobs an und blieb schließlich beim kalifornischen Straßenbauamt hängen, das für die Instandhaltung und Bewirtschaftung der Highways zuständig war. Für Kemper war der Job auch das Ticket, um seiner verhassten Mutter zu entkommen. Als er genügend Geld gespart hatte, verließ er deren Haus. Er zog nach Alameda in der Nähe von San Francisco. Dort teilte er sich ein Apartment mit einem Freund.
Von Anfang an hatte er Angst, dass er versagen könnte und wieder bei seiner Mutter einziehen müsste. So kam es dann auch. Er verlor seine Anstellung, war bald pleite und kehrte zurück zum »Hotel Mama« – Hölle mit Vollpension. Aber dieses Mal trug seine Mutter allenfalls bedingt Schuld für das Scheitern ihres Sohnes. Denn Kemper hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Mary Pesce, Anita Lucchessa und Aiko Koo getötet. Schwer vorstellbar, dass sich der bekennende Tagträumer Kemper da noch gedanklich mit so banalen Dingen wie Arbeit und Geldverdienen beschäftigte.
Professor für angewandte Perversionen
Edmund Kemper wirkte in seinem Auftreten stets sachlich und analytisch. Emotional wurde er nur, wenn man auf seine Mutter zu sprechen kam. Weil er in seiner Jugend den Ärzten von Atascadero genau zugehört hatte, beherrschte er alle psychologischen Fachbegriffe aus dem Effeff. Wenn sich die Ermittler mit ihm unterhielten, kam es ihnen häufig so vor, als würde ihnen ein Professor für Psychiatrie – im Nebenberuf als Serienkiller tätig – ganz nüchtern die Abgründe menschlichen Verhaltens darlegen und analysieren. Kemper war darin so gut, dass er mit dieser Masche sogar die Profis aufs Kreuz gelegt hatte.
Am Tag nach dem Mord an Aiko Koo war Edmund Kemper nämlich vor einer Psychiaterkommission erschienen. Der Ausschuss sollte prüfen, wie Kemper sich in den vergangenen drei Jahren nach seiner Entlassung aus Atascadero entwickelt hatte. Es ging um die Frage, ob man die Bewährung aufheben konnte. Kempers Schulnoten waren gut. Die Kommission wertete seine unsteten Beschäftigungen als redliches Bemühen, Arbeit zu finden. Soweit der Ausschuss dies beurteilen konnte, hatte sich Kemper in den vergangenen Jahren auch nichts zuschulden kommen lassen. Die Psychiater stellten ihm noch ein paar Fragen. Kemper lieferte wie gehabt die Antworten, die Psychiater hören wollten.
Der erste Arzt äußerte abschließend, dass er keinen Grund erkennen könne, Kemper weiterhin als Gefahr für die Gesellschaft einzustufen. Der zweite Arzt benutzte wortwörtlich die Begriffe »normal« und »sicher« im Zusammenhang mit Kemper. Beide Ärzte empfahlen, dass man seine Strafakte versiegelte, um ihm seinen weiteren Lebensweg nicht zu verbauen. Die Psychiater gratulierten sich gegenseitig, dass sie einen psychisch Kranken geheilt und der Gesellschaft wieder als nützliches Mitglied zurückgeführt hatten. Was gab es Schöneres im Beruf. So bekam Edward Kemper acht Jahre nach dem Mord an seinen Großeltern die Freiheit wieder.
Während er in entspannter Atmosphäre mit den Ärzten darüber plauderte, ob er geistig völlig normal sei, wartete draußen im Kofferraum der abgeschnittene Kopf eines 15-jährigen Mädchens auf ihn, das er am Tag zuvor getötet hatte. Im Anschluss an das Gespräch fuhr Edmund Kemper zum Boulder Creek hinaus und feierte den Erfolg auf seine perverse Art und Weise.
Kapitelübersicht zum Fall Ed Kemper
- Kapitel 1: Die Mordserie
- Kapitel 2: Ermittlungen und Festnahme
- Kapitel 3: Kindheit, Psychologie und Modus Operandi
- Kapitel 4: Prozess und Folgen