Der Krieg von Castellammare 1930/31 markiert den endgültigen Übergang von herkömmlicher Bandenkriminalität hin zum organisierten Verbrechen in den USA. Die damaligen Revierkämpfe zwischen verschiedenen Mafiagruppierungen in New York wirken sich bis in die Gegenwart aus. Seinerzeit entwickeln sich die grundlegenden Strukturen der Syndikate, die deren Macht bis heute sicherstellen.
Inhaltsverzeichnis
Steuerfahndung vor der Tür
Salvatore Maranzano war nervös. Nur fünf Monate zuvor hatte er sich zum capo di tutti capi, zum Boss aller Unterweltbosse in den USA ernannt. Doch dieser Ganovenkönig von eigenen Gnaden schwitzte nun Blut und Wasser, weil sich ein weit schlimmerer Feind angekündigt hatte als all die schießwütigen Gangster, die nach seinem Leben trachteten.
Die US-amerikanische Steuerbehörde IRS hatte Maranzanos Import/Export-Geschäft auf dem Kieker und eine Betriebsprüfung angeordnet. Der Laden war nur Fassade für seine illegalen Aktivitäten. Die Finanzbeamten würden ihm nur allzu gerne Steuerhinterziehung nachweisen. Damit hatten sie gerade Al Capone dran bekommen, dem nun eine lange Gefängnisstrafe drohte.
Maranzano hatte seinen Leibwächtern befohlen, an diesem 10. September 1931 alle Waffen zu Hause zu lassen, bevor sie in seinem Büro in der 230 Park Avenue erschienen. Wenn die Steuereintreiber die Knarren sahen, würden sie am Ende noch die Polizei rufen. Der Mafiaoberboss eingebuchtet wegen unerlaubten Waffenbesitzes – es wäre der Witz des Jahrhunderts.
Auch du mein Brutus
Tatsächlich tauchten an diesem Tag vier Männer auf, die sich als IRS-Finanzbeamte ausgaben. Dass er in die Falle getappt war, musste Cäsar-Bewunderer Maranzano spätestens geahnt haben, als die vermeintlichen Sachbearbeiter der Steuerbehörde Waffen zogen und die Leibwächter zwangen, sich an der Wand aufzureihen. Ein Gefolgsmann hatte ihn verraten und seinen Feinden ans Messer geliefert.
Einer der Eindringlinge führte Maranzano in sein angrenzendes Privatbüro und schloss die Tür. Die Zeugen im vollbepackten Nebenraum hörten Geräusche eines Kampfes. Dann mehrere Schüsse. Als die Bürotür aufging, lag Salvatore Maranzano tot in einer Blutlache, sein Körper durchsiebt von Kugeln und Messerstichen.
So weit bekannt existieren lediglich Fotos vom toten Maranzano – wie dieses vom Tatort
Maranzanos Traum von einem Verbrecher-Syndikat nach sizilianischem Vorbild war damit ausgeträumt. Doch seine Nachfolger sollten viele seiner Idee aufgreifen und den praktischen Gegebenheiten in den USA anpassen. Für mehr als fünf Jahrzehnte war die amerikanische Cosa Nostra dann für die Behörden nahezu unangreifbar und wuchs mit ungehemmter Wucht zu einem Multimilliarden-Business heran.
Zu Beginn der 1920er Jahre fielen zwei Ereignisse zusammen, die auf lange Sicht der organisierten Kriminalität unserer Tage den Boden ebnen sollten. Zum einen trat im Januar 1920 der 18. Zusatzartikel der US-Verfassung in Kraft. Ab sofort galten die Herstellung, der Vertrieb und der Verkauf von alkoholischen Getränken als Bundesverbrechen.
Zum anderen übernahm im Herbst 1922 Benito Mussolini die Regierungsmacht in Rom und verwandelte Italien in den folgenden Jahren in eine faschistische Diktatur. Ein Nebenprodukt dieser politischen Entwicklung war der Exodus zahlreicher erfahrener Mafiagrößen aus Sizilien in die USA.
Italiener in New York
In den Vereinigten Staaten konnten diese Kriminellen problemlos in den bestehenden Gemeinschaften italienischer Einwanderer untertauchen. So lebten in New York City um 1920 bereits eine Million Italo-Amerikaner, die meist aus Süditalien oder Sizilien zugewandert waren. Damit stellten sie rund 15 % der damaligen Stadtbevölkerung. Der Großteil von ihnen war zu dieser Zeit in den Stadtvierteln Little Italy und East Harlem (jeweils Manhattan) und Williamsburg (Brooklyn) beheimatet.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts – lange vor Mussolini – waren Schutzgelderpressungen oder Entführungen in diesen Vierteln an der Tagesordnung. Es waren Straftaten, die auch typisch für die sizilianische Mafia waren. Aber die amerikanischen Täter waren zu diesem Zeitpunkt noch Einzelgänger oder bestenfalls in losen Banden organisiert.
Zudem bekam die Gesamtbevölkerung in New York von diesen Verbrechen kaum etwas mit, weil sie in der Regel nicht betroffen war. Die italienischstämmigen Ganoven suchten sich ihre Opfer innerhalb der eigenen Ethnie. Ähnlich gingen auch die mitgliederstarken irischen Banden auf der West Side von Manhattan oder die jüdischen Banden auf der Lower East Side vor.
Benito Mussolini und die Mafia
Häufiger ist zu lesen, der sizilianische Mafiapate Vito Cascio Ferro habe frühzeitig erkannt, wie viel Saft sich aus dem „Big Apple“ New York noch herauspressen ließe. Er habe daraufhin in den 1920er Jahren seinen Schützling Salvatore Maranzano in die Staaten gesandt, um die Kontrolle über die dortige Unterwelt an sich zu reißen. Nach Ansicht anderer Experten wie etwa Selwyn Raab ist jedoch zu bezweifeln, dass die sizilianische Mafia jemals bewusst geplant hatte, die USA systematisch zu infiltrieren oder dort quasi eigene „Filialen“ zu errichten.
Das kriminelle Netzwerk, das sich seit dem 19. Jahrhundert vor allem in Sizilien ausgebreitet hatte, wurde schlichtweg von den politischen Entwicklungen im eigenen Land kalt erwischt. Die Mafia lehnte Benito Mussolini ab, weil sie jede Zentralregierung in Rom verabscheute, völlig egal ob faschistisch oder nicht. Und Mussolini verfolgte die Mafia, weil sie ihm die Gefolgschaft versagte und seinen Machtanspruch infrage stellte. Dass es sich um Kriminelle handelte, spielte dabei eine untergeordnete Rolle.
Benito Mussolini, November 1923
Der eiserne Präfekt
Er entsandte ein Heer von Spezialagenten und Polizeikräften nach Sizilien, um die Macht der Mafia zu brechen. Leiter der Operation war Cesare Mori, der wegen seines brutalen Regimes auf Sizilien als „Eiserner Präfekt“ in die Geschichtsbücher einging. Die Großgrundbesitzer und Geschäftsleute vor Ort unterstützten die Aktion, denn sie waren die bevorzugten Opfer des Verbrechersyndikats.
Um die Mafiosi zu demütigen, ließ Mori sie während des Prozesses in eiserne Käfige einsperren und dem Publikum im Gerichtssaal vorführen. Nach rund einem Jahr waren 1.200 Menschen zu oftmals langen Haftstrafen wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verurteilt worden.
Eingesperrte Mafia-Angeklagte vor Gericht
Nur ein Teil von ihnen gehörte allerdings tatsächlich der Mafia an. Mussolini nutzte die für ihn günstige Gelegenheit, um sich Linke, Liberale und andere oppositionelle Kräfte vom Hals zu schaffen, in dem er sie kurzerhand ebenfalls als Mafiosi brandmarken ließ.
Das Paradies auf Erden
Zweifelsohne führte der Druck durch das Mussolini-Regime zur Abwanderung vieler Mafiaangehöriger ins amerikanische Exil. Aber es war eine aus der Not geborene Flucht und keine von langer Hand geplante Übernahme der Unterwelt jenseits des Großen Teichs.
So waren auch Salvatore Maranzano und Joseph Bonanno, Marazanos rechte Hand, Mitte der 1920er Jahre in den Vereinigten Staaten gelandet. Der damals erst 19-jährige Bonanno wurde von Verwandten, Mafiamitglieder in Sizilien, beispielsweise über Kuba in die USA eingeschleust.
In Amerika erwartete sie dann – aus Verbrechersicht – ein wahres Paradies. „Als ich das erste Mal mit Alkoholschmuggel zu tun hatte, dachte ich, das ist zu gut, um wahr zu sein“, schrieb Bonanno später in seiner Autobiografie „A Man of Honor“. Die Prohibition war für die Kriminellen die „goldene Gans“, die dreizehn Jahre zuverlässig Eier legte.
Joseph Bonanno, 1966
Praktizierte Nächstenliebe
Über Nacht waren nach Einführung des Alkoholverbots in Privatwohnungen, in Schuppen, in Hinterräumen von Geschäftslokalen primitive Braustuben und Schnapsbrennereien entstanden. Das Risiko der Strafverfolgung ging gegen null. Ein Großteil der Bevölkerung sah im Schmuggel und Verkauf von Alkohol schlimmstenfalls ein Kavaliersdelikt, meist aber nur einen Akt praktizierter Nächstenliebe.
Unter diesen stillen Befürwortern gab es auch viele Polizisten, Richter und andere Amtspersonen, die öfters mal ein Auge zudrückten – vor allem wenn man sie noch kräftig schmierte. Einige Regierungen der US-Bundesstaaten teilten die laxe Einstellung gegenüber der nationalen Gesetzgebung.
Der Staat New York war da gewissermaßen in einer Vorreiterrolle. 1923 merkte die Regierung hinsichtlich der Umsetzung des Prohibition Act ausdrücklich an, dass die lokalen Polizeikräfte die Bundesagenten nicht unterstützen müssten, sollte es sich um Personen handeln, die gegen das Alkoholverbot verstießen.
Bundesagenten beschlagnahmen Brauutensilien
Enorme Profite
Die italienischen, irischen und jüdischen Banden von New York fühlten sich angesichts dieser Rahmenbedingungen regelrecht ermutigt, den Handel mit verbotenem Alkohol auf ein neues Niveau zu hieven. Zunächst einmal verdrängten sie alle kleineren Wettbewerber vom Markt. Sie beschränkten sich nicht mehr nur auf Eigenproduktion, sondern fanden auch Wege, qualitativ besseren Alkohol aus Kanada oder Großbritannien ins Land zu schmuggeln.
Die Profite waren enorm. Jedes Fass Bier kostete weniger als 5 Dollar in der Herstellung. Die Abnehmer zahlten hingegen bis zu 36 Dollar. Mit hochprozentigen Spirituosen ließ sich noch viel mehr Geld verdienen. Alle Einnahmen waren zudem steuerfrei.
Illegale Bar („Speakeasy“) während der Prohibition
Vor der Prohibition stammten die einzigen halbwegs regelmäßigen Einkünfte der größeren Banden aus Schutzgelderpressung, Glücksspiel und Prostitution. Die Erträge waren überschaubar, die Banden zudem vergleichsweise leicht zu zerschlagen, wenn die Polizei es ernst meinte. Mit den Gewinnen ließ sich nun mal nur eine begrenzte Zahl an Beamten wirkungsvoll bestechen.
Dank der Prohibition war Geld plötzlich im Überfluss vorhanden. Aus Banden wurden Verbrecher-Syndikate, die sich eine regelrechte Armee von Schlägern und Schmugglern leisten konnten. Darüber hinaus bauten sie jede Menge nützliches Know-how auf – über Schmuggelrouten, Vertriebsnetze, Geldwäsche und Bestechungsmöglichkeiten.
Die Gier obsiegt
Mit dem Erfolg ging jedoch die Gier nach immer mehr einher. Die irischen Banden verfügten über einen strategischen Vorteil gegenüber der italienischen Konkurrenz. Die Polizeikräfte in Städten wie New York oder Chicago rekrutierten sich in der damaligen Zeit vorwiegend aus irischstämmigen Amerikanern. Im Rathaus war der Einfluss ebenfalls nicht zu unterschätzen. Die italienischen Syndikate galten hingegen als straffer organisiert, gingen brutaler vor und schreckten auch nicht vor tödlicher Gewalt zurück.
Von diesen „Tugenden“ machten sie in der zweiten Hälfte der 1920er reichlich Gebrauch, als die Revierkämpfe eskalierten. Doch diese Taktik erwies sich beinahe als Bumerang. Denn die Leichen, die in der Folge die Straßen pflasterten, ließen die Stimmung in der Öffentlichkeit kippen. Die Ganoven waren plötzlich keine harmlosen Schnapslieferanten mehr, sondern eine gemeingefährliche Bedrohung des gesellschaftlichen Friedens. Der Druck auf Polizei und Politik stieg, dieses Problem zu beheben.
In Chicago mündeten die Streitigkeiten 1929 im sogenannten Valentintags-Massaker, in dem sich die Auseinandersetzung zwischen Al Capone von der South Side und den Iren von der North Side entschied. In New York gipfelte der Konflikt 1930 im berüchtigten Krieg von Castellammare, quasi eine inneritalienische Angelegenheit, bei der jüdischen Gangstern aber eine entscheidende Rolle zufiel.
Salvatore Maranzano und Joseph Bonanno stammten beide aus Castellammare del Golfo, einer damaligen Mafia-Hochburg im Nordwesten Siziliens. Eine der mächtigsten Verbrechergruppierungen von New York hatte sich nach diesem sizilianischen Ort benannt, da die Mitglieder alle Wurzeln in dieser Gemeinde oder der unmittelbaren Umgebung hatten. Ihr Kerngebiet war das Viertel Williamsburg im südöstlichen Stadtbezirk Brooklyn.
Don Turriddu
Anführer der „Castellammarese“ war Mitte der 1920er Jahre Cola Schiro. Doch sein Einfluss schwand, sobald Salvatore Maranzano 1925 die amerikanische Bühne betrat. Maranzo war bereits Anfang 40 und in Sizilien eine einschlägige Mafia-Größe gewesen.
Don Turriddu, wie man ihn in der Heimat genannt hatte, baute Destillerien in Pennsylvania und im ländlichen Bereich des Bundesstaats New York auf, die qualitativ sehr guten Whiskey produzierten. Um seine kriminellen Aktivitäten zu tarnen, betrieb er in Little Italy eine Im- und Exportfirma.
Er nahm den jungen Joe Bonanno unter seine Fittiche. Neben Bonanno waren die wichtigsten Mitglieder Giuseppe „Joe“ Aiello und Stefano Magaddino. Dazu kam der Verbündete Giuseppe „Joe“ Profaci, der eine eigene Bande befehligte, die Staten Island kontrollierte.
Maranzano betrachtete sich selbst als gebildeten Europäer und fühlte sich den eher einfach gestrickten Italo-Amerikanern kulturell überlegen. Seine Englischkenntnisse blieben zwar auch nach mehreren Jahren Aufenthalt in den Staaten auf äußerst bescheidenem Niveau. Dafür prahlte er mit seinen Kenntnissen in Latein und Altgriechisch. Er las den Untergebenen gerne aus klassischer Literatur vor und hielt ihnen Vorträge über sein Idol Julius Cäsar.
Der Gierschlund: Giuseppe Masseria
Sein Gegenspieler war Giuseppe „Joe“ Masseria, der New Yorks größte italienische Bande anführte, die in East Harlem beheimatet war. Er hatte mehrere Spitznamen, die er seinem Aussehen und seinen Essgewohnheiten zu verdanken hatte. Er spachtelte drei Portionen Pasta pro Mahlzeit in sich hinein. Von diesen opulenten Mahlzeiten gab es gleich mehrere am Tag. Wegen seiner fragwürdigen Tischmanieren hieß er „Joe der Gierschlund“.
Der Lebensstil hinterließ sichtbare Spuren. Masseria war eher kleingewachsen, der Körper hatte angesichts der beschriebenen Diät bereits reichlich Fett angesetzt. Das Gesicht war aufgedunsen, die Augen zu engen Schlitzen verquollen, was ihm seinen zweiten Spitznamen „der Chinese“ einbrachte. Er selbst bevorzugte für sich die Bezeichnung „Joe der Boss“.
Giuseppe „Joe the Boss“ Masseria
Der Mafia-Pate mochte kein Modellathlet sein. Doch seine Fähigkeit, feindlichen Kugeln auszuweichen, war legendär. Im Unterschied zu Maranzano machte er sich erst gar nicht die Mühe, den verkappten Feingeist heraushängen zu lassen. Masseria hatte nicht nur unersättlichen Appetit auf Pasta. Um sich einzuverleiben, was er begehrte, tötete er oder ließ in seinem Auftrag töten. Mehr als 30 einstige Gegner hatte er so bereits auf dem Gewissen.
Kriminelle Talente
Er hatte zudem ein Auge für kriminelle Talente. Drei seiner Entdeckungen sollten in die Geschichte des organisierten Verbrechens eingehen: Salvatore Lucania, Francesco Castiglia und Gaetano Lucchese, alle besser bekannt unter ihren anglisierten Namen Charles „Lucky“ Luciano, Frank Costello und Tommy „Three-Finger Brown“ Lucchese.
Zu Masserias Unterstützern gehörten darüber hinaus Vito Genovese, Albert Anastasia, Joe Adonis, Willie Moretti sowie Al Mineo und Gaetano Reina. Die beiden Letztgenannten führten in New York jeweils eigene Clans an.
Nadelstiche
Bereits ab 1928 waren zwischen den beiden Gruppen zunehmende Spannungen zu verzeichnen. Maranzano strebte danach, sein Imperium auf die Hauptinsel Manhattan auszudehnen, wo die größten Profite lockten. Das war jedoch das Terrain von Joe Masseria.
Die „Castellammarese“ setzten dabei auf eine Strategie der Nadelstiche. Sie überfielen wiederholt Alkohollieferungen ihres Konkurrenten. Sie machten Besitzern illegaler Kneipen klar, dass sie ihren Nachschub in Zukunft bei Maranzano statt bei Masseria zu beziehen hatten.
Joe Masseria konterte die Übergriffe mit hohen Geldforderungen, die er an die Anführer der verschiedenen New Yorker Clans richteten. „Joe the Boss“ verlangte mit anderen Worten ein Zeichen ihrer uneingeschränkten Loyalität.
Maranzano verweigerte ihm diese jedoch. Gaetano Reina, bisher ein getreuer Gefolgsmann Masserias, folgte dem Beispiel und wechselte auf die Seite Maranzanos. Damit war ein offener Konflikt nunmehr unausweichlich.
Gaetano Reina
Den Auftakt machte am 26. Februar 1930 die Ermordung von Gaetano „Tom“ Reina, aus Sicht von Masseria ein Verräter. Am Abend verließ Reina die Wohnung seiner Geliebten Marie Ennis in der Sheridan Avenue in der Bronx.
Zwei Killer lauerten ihm mit einer doppelläufigen Schrotflinte auf und schossen ihm in den Kopf. Die Mörder ließen die Tatwaffe unter einem abgestellten Fahrzeug zurück und flohen. Auf der Leiche Reinas entdeckte die Polizei eine Pistole und 804 Dollar in bar.
Die Beamten konnten nie klären, wer den Abzug in dieser Nacht betätigte – wie so häufig bei Verbrechen der organisierten Kriminalität. Man spekuliert, dass Masseria Lucky Luciano mit der Planung des Attentats betraute. Als Auftragskiller vermutet man Vito Genovese und/oder Joseph Pinzolo.
Vito Genovese, 1937
Stangeneis
Masseria ernannte auf jeden Fall besagten Pinzolo zum Nachfolger von Reina, was für böses Blut unter den Mitgliedern dieser Bande sorgte. Denn der neue Boss war ihnen mehr oder weniger unbekannt und hatte obendrein keinerlei Bezüge zu East Harlem, wo der Clan ansässig war.
Zu den Einnahmequellen der Bande gehörte beispielsweise die Kontrolle über den Stangeneisverkauf im gesamten Stadtgebiet. Seinerzeit ein lukratives Geschäft, da die wenigsten Haushalte über elektrische Kühlschränke verfügten. Insbesondere Tommy Lucchese, Tommaso Gagliano und Dominick Petrilli waren von Masserias Entscheidung alles andere als angetan. Vorläufig hielten sie die Füße jedoch noch still.
Gaspar Milazzo
Nächstes Opfer von Masseria war Gaspar Milazzo, ein Cousin von Stefano Magaddino, der zu den wichtigsten Unterstützern Maranzanos zählte. Milazzo war von New York nach Detroit umgezogen. Dort vermittelte er in einem Streit zwischen den lokalen Mafiagrößen. Doch er unterstützte nach dem Geschmack von Masseria die falsche Seite in dem Konflikt.
Für den 31. Mai 1930 war ein Treffen der Konfliktparteien auf einem Fischmarkt in Detroit vereinbart worden. Der Vermittler Gaspar Milazzo traf zusammen mit seinem Fahrer Sam Parrino als erster am Treffpunkt ein. Während sie auf die anderen warteten, aßen sie zu Mittag.
Zwei Männer näherten sich ihnen und schossen mit Schrotflinten auf sie. Milazzo wurde tödlich im Kopf getroffen. Parrino erlag seinen schweren Verletzungen in Brust und Unterleib wenig später.
Vito Bonventre und Giuseppe Morello
Am 15. Juli 1930 geriet Vito Bonventre ins Fadenkreuz von Masserias Leuten. Der „Castellammarese“ Bonventre war der Anführer einer Gruppe von Auftragskillern, die in der Vergangenheit zahlreiche vom Syndikat angeordnete Morde ausgeführt hatte. Er wurde vor seine Garage erschossen.

By U.S. Government – The Origin of Organized Crime in America: The New York City Mafia, 1891-1931 by David Critchley. New York: Routledge. (2009) p. 220, Originally from U.S. National Archives and Records Administration – Microfilm #M1490, Passport Applications – Roll 871 August 1919 Certificate # 106534, Public Domain, Link
Vito Bonventre, 1919
Den Wendepunkt im Bandenkrieg von Castellammare datiert man aus der Rückschau auf den 15. August 1930. An diesem Tag töteten unbekannte Täter Giuseppe Morello zusammen mit seinem Buchhalter Joseph Perriano in Morellos Büro in East Harlem.
Morello war bis zu einer langjährigen Haftstrafe, die er ab 1910 antreten musste, der erste Mafiaboss einer sizilianischen Mafia in New York gewesen. Nach seiner Haftentlassung musste er sich den veränderten Machtverhältnissen fügen und seinen Widersacher Joe Masseria als neue Führungsfigur der Unterwelt anerkennen. Vor diesem Hintergrund gab es die Theorie, Masseria habe den Tod seines einstigen Konkurrenten befehligt.
Doch Morello war in Wahrheit ein wichtiger Berater für Masseria und fungierte gewissermaßen als „Kriegsminister“, der die Taktiken im Konflikt mit Maranzano vorgab. Lucky Luciano gab später zu, dass Albert Anastasia und Francesco Scalice die Tat zu verantworten hatten. Beide unterstützten Maranzano.

By Unknown author – La Cosa Nostra Database (accessed October 30, 2010), Public Domain, Link
Giuseppe Morello, 1902
Im Dauerstress
Masseria und Maranzano bewegten sich inzwischen nur noch in Begleitung von Leibwächtern durch die Stadt. Maranzano hatte sich einen Cadillac fertigen lassen, der an den Seiten mit dicken Metallplatten gepanzert war und über kugelsichere Fensterscheiben verfügte.
Er nahm immer auf dem Rücksitz Platz. Neben ihm war ein Maschinengewehr fest montiert, um etwaige Verfolger unter Beschuss nehmen zu können. Außerdem führte er stets zwei großkalibrige Handfeuerwaffen und einen Dolch bei sich.
Joseph Pinzolo
Am 5. September 1930 erwischte es schließlich Joseph Pinzolo, der erst ein halbes Jahr zuvor die Nachfolge des ermordeten Gaetano Reina angetreten hatte. Pinzolo starb in einem Büro auf dem Broadway, das vier Monate zuvor Tommy Lucchese angemietet hatte.
Daher vermutete man, dass hinter dem Attentat Pinzolos eigene Leute steckten, die ihren ungeliebten Boss beseitigen wollten. Möglicherweise hatten Lucchese und Gagliano bereits vor dem Mord heimlich die Seiten gewechselt, weil sie nicht mehr mit dem Führungsstil von Masseria einverstanden waren. Das Attentat wäre dann quasi ihre Mitgift für Maranzano gewesen.
Joe Aiello
Einige Historiker behaupten, dass Masseria am 23. Oktober 1930 mit der Ermordung von Joe Aiello zurückschlug. Doch an dieser Theorie bestehen berechtigte Zweifel. Aiello war zwar ein mächtiger Verbündeter von Maranzano, aber eigentlich in Chicago ansässig.
Dort galt der Präsident der örtlichen Unione Siciliane als einer der letzten Gegenspieler von Al Capone. Er hatte mehrfach zusammen mit George Moran Attentate auf Capone verübt, die alle gescheitert waren. Der Gangsterboss aus der South Side sann auf Rache. Aiello starb im Kreuzfeuer dreier Maschinengewehre mitten in Chicago. Der Mordanschlag trug Capones Handschrift.
Collage mit drei Verbrechergrößen aus Chicago: Dean O’Banion, Hymie Weiss und Joe Aiello (von links nach rechts)
Al Mineo
Am 5. November 1930 starben der Massaria-Verbündete Al Mineo und seine rechte Hand Steve Ferrigno im Hinterhof eines Wohngebäudes im Pelham Parkway in der Bronx. Einige Tage zuvor hatten mehrere Männer, die auf Maranzanos Lohnliste standen, eine Wohnung im Erdgeschoss dieses Gebäudes angemietet.
Eigentlich hatten sie es auf Masseria selbst abgesehen, der zuvor mehrfach beim Betreten des Hauses beobachtet worden war. Als dann Mineo und Ferrigno auftauchten, nutzten sie die Gelegenheit, zwei seiner hochrangigen Untergebenen zu töten.
Auf Al Mineo folgte Frank Scalice, der sogleich die Seiten wechselte und mit seiner Bande zu Maranzano überlief. Um Masseria wurde es zunehmend einsam. Denn auch sein wichtigster Mann, Lucky Luciano, zweifelte zunehmend, ob sein Boss richtig handelte.
Luckys Frust
Kein Bandenmitglied konnte sich mehr frei bewegen, ohne zu befürchten, das nächste Opfer zu sein. Darunter litt das Geschäft. Die Einnahmen versiegten. Die vielen Toten hatten außerdem zu viel Aufmerksamkeit erzeugt und die Polizei auf den Plan gerufen. Und Polizei war immer Gift fürs Geschäft.
Charles „Lucky“ Luciano, 1935
Luciano war auch anderweitig von Masseria frustriert. Es war absehbar, dass die Aufhebung der Prohibition nur noch eine Frage der Zeit war. Die mächtigen Verbrechersyndikate mussten jetzt an die Zeit danach denken und entsprechend weitsichtig handeln, um ihre Macht nicht zu verlieren.
Lucianos hatte Masseria konkrete Pläne unterbreitet, wie sie ihre Gewinne maximieren konnten. Kooperation beim Alkoholschmuggel mit anderen italienischstämmigen Banden, aber auch mit Iren und Juden. Das würde die gegenseitigen Überfälle beenden und damit zum Profit aller beitragen.
Gleichzeitig galt es, neue Einnahmenquellen zu erschließen. Glücksspiel, Prostitution, Drogenhandel und die Unterwanderung der Gewerkschaften boten sich an. Die Gewerkschaften waren der Schlüssel, um die wirklich großen Firmen zu erpressen, statt bloß die Pizzeria oder den Obsthändler an der nächsten Ecke. Außerdem verfügten Gewerkschaften über prall gefüllte Pensionskassen, die sich plündern ließen.
Doch Masseria blockte alle Vorschläge ab. Er misstraute schon Italienern, die nicht aus dem Süden des Landes stammten. Erst recht Iren und Juden. Außerdem liefen die Geschäfte mit dem Alkoholschmuggel doch hervorragend. Wenn der Krieg erst einmal gewonnen wäre, würde sich wieder alles einrenken. Und die Gewinne würden kräftiger sprudeln als je zuvor.
Ein Generationenkonflikt
Für Masseria war Luciano ein junger Kerl mit lauter Flausen im Kopf. Nichts war gut genug. Immer musste es irgendetwas Neues sein. Aber nur weil etwas neu war, war es doch nicht automatisch besser. Genau um diesen Generationenkonflikt ging es im Kern im Krieg von Castellammare – ohne dass seine Protagonisten Masseria und Maranzano vermutlich davon etwas ahnten.
Denn in Wahrheit verlief die Konfliktlinie zwischen der jungen Generation von Italo-Amerikanern, die in den USA aufgewachsen war, und den alten Anführern aus Sizilien, die an die althergebrachten Traditionen glaubten und sich nie auf ihre neue Heimat einließen.
Sie wollten so weitermachen, wie sie es zu Hause gelernt hatten. Neuerungen waren für sie bedrohlich, weil sie nicht wirklich verstanden, wie sie funktionierten. Weil die Jungen ihnen in diesen Bereichen etwas voraushatten.
Und dies zuzulassen, hätte einen Kontrollverlust bedeutet. Das ließen die „Mustache Petes“, wie die alten Knochen wegen ihrer antiquierten Schnurrbärte von den jungen Bandenmitgliedern gerufen wurden, nicht zu.
Luciano wechselt die Seiten
Lucky Luciano fasste einen folgenschweren Entschluss. Er traf sich mit Maranzanos Unterhändler Joe Bonanno und bot ihm die Beseitigung von Masseria an. Im Gegenzug verlangte er, dass Maranzano seine Männer zurückpfiff und ihn als gleichgestellten Boss anerkannte. Bonanno erklärte sich einverstanden.
Luciano lud Masseria am 15. April 1931 zu einem Arbeitsessen in seinem Lieblingslokal nach Coney Island ein. Im „Nuovo Villa Tammaro“ wollte man sich bei Hummer über die nächsten Schritte im Konflikt mit Maranzano unterhalten.
Restaurant „Nuovo Villa Tammaro“
Masseria fuhr in einer gepanzerten Limousine vor, begleitet von drei Leibwächtern. Während sie nach dem Essen entspannt Karten spielten, entschuldigte sich Luciano und suchte die Toilette auf. Die drei Bodyguards verdrückten sich still und heimlich aus dem Lokal.
Derweil betraten vier Mietkiller das Lokal und erschossen den überraschten Masseria. Bei den Tätern soll es sich um Albert Anastasia, Vito Genovese, Joe Adonis und Benjamin Siegel gehandelt haben. Das Fluchtfahrzeug fuhr Ciro Terranova.
Auf nüchternen Magen
So weit die Legende. Laut Autopsiebericht war der Magen des Mordopfers leer, was natürlich gegen die Schilderung spricht, er habe in der Trattoria Hummer gespeist. Die Polizei ging nach der Spurenlage davon aus, dass Masseria mit zwei oder drei anderen Männern an einem Tisch saß und Karten spielte.
Der Täter näherte sich ihm von hinten, ohne dass das Opfer es bemerkte, und schoss ihm in den Kopf, in den Rücken und in die Brust. Zeugen hatten zudem „zwei oder drei Männer“ beobachtet, die nach den Schüssen das Restaurant verließen. Luciano hatte ein Alibi für die Tatzeit. Wie auch immer: Der Krieg von Castellammare war damit offiziell beendet. Doch der Schein trügte.
Maranzano hielt zunächst sein Versprechen. Er ernannte Charles Luciano zum neuen Anführer der Masseria-Gang. Doch dann hatte der Kriegsgewinnler noch eine Überraschung in petto. Maranzano berief ein Treffen in Wappinger Falls ein, etwa 75 Meilen von New York City entfernt. Dazu lud er neben den New Yorker Bossen auch Al Capone und andere wichtige Größen der organisierten Kriminalität aus den USA ein.
Römische Legionen
Er hatte sich eine klare Strategie zurechtgelegt. Maranzano war nun nach dem Tod von Joe Masseria der unangefochtene Chef der New Yorker Unterwelt. Und da die Metropole im Osten gleichzeitig die Hauptstadt des organisierten Verbrechens war, verlangte er von den anderen Anführer, ihn als ihren capo di tutti capi, als Boss der Bosse anzuerkennen.
Zusätzlich verlangte er eine grundlegende Reform der Bandenstrukturen. Dem Cäsar-Bewunderer schwebte ein Modell vor, das sich an dem Vorbild der römischen Legionen orientierte. Auf dieser Grundlage hatte sich bereits die sizilianische Mafia organisiert.
Jedem Clan sollte zukünftig ein Boss oder „Vater der Familie“ – im deutschen Sprachraum landläufig „Pate“ genannt – vorstehen. Die „Soldaten“ – also die einfachen Mafia-Mitglieder – sollten sich in Zellen von zehn oder mehr Personen gruppieren und weitestgehend eigenständig agieren, angeführt jeweils von einem Capo, der vom Paten ernannt wurde.
Als Schnittstelle zwischen Paten und Capos sollte ein sottocapo oder Unterboss fungieren, sodass eine hierarchische Befehlskette gewahrt blieb. Anders ausgedrückt: Der Unterboss war eine Art Geschäftsführer der Organisation, die Capos die Abteilungsleiter, die ihm zuarbeiteten.
Über den Tisch gezogen
Maranzano wollte außerdem den Kodex, der für die sizilianische Mafia galt, auch verbindlich in den USA einführen. Zu diesen Regeln zählte etwa die bekannte omertà, das Schweigegelübde der Mafia. Zudem durften aufgenommene Mitglieder nicht beleidigt, körperlich angegriffen oder gar getötet werden. Über allem stand jedoch die uneingeschränkte Loyalität zum Boss und zu den von ihm ernannten Capos. Zuwiderhandlungen gegen den Kodex waren mit dem Tod zu ahnden.
Luciano sah sich von Maranzano über den Tisch gezogen. Dieser wollte ähnlich wie Masseria die gesamte Macht an sich reißen. Neue Konflikte waren damit vorprogrammiert. Das war das genaue Gegenteil von dem, was Luciano mit seinem Frontenwechsel beabsichtigt hatte.
Zudem hing Maranzano den alten Traditionen mindestens ebenso hartnäckig wie sein Vorgänger an. Neuerungen, wie sie Luciano vorschwebten, rückten damit in weite Ferne. Darüber hinaus hatte Lucianos Freund Tommy Lucchese beunruhigende Nachrichten. Maranzano hatte den irischen Killer Vincent „Mad Dog“ Coll angeheuert, um den widerspenstigen Luciano aus dem Weg zu räumen.
Schneller als die Polizei erlaubt
Lucky Luciano blieb keine Zeit mehr. Er musste Maranzano zuvorkommen, wollte er überleben. Gut möglich, dass die anderen Bosse ihn wegen dieses Coups töten lassen würden, weil er damit gegen die ungeschriebenen Gesetze der Mafia verstieß. Doch dieses Risiko musste er eingehen, um überhaupt eine Überlebenschance zu haben.
Lucchese konnte ihn mit nützlichen Informationen versorgen. Maranzano hatte sein Hauptquartier von Littly Italy in ein Gebäude an der Grand Central Station verlegt. Just in diesem Augenblick rechnete er praktisch stündlich mit dem Auftauchen von Finanzbeamten, die seine Bücher prüfen wollten.
Luciano schickte Lucchese vor. Er sollte sich unter einem Vorwand in Maranzanos Büro begeben. Dann rief er bei seinem engen Kumpel Meyer Lansky an. Er sollte ein Team von Auftragskillern zusammenstellen, die sich als IRS-Agenten ausgeben würden. Lansky entsandte Bugsy Siegel, Bo Weinberg und Samuel Levine. Tommy Lucchese, der sich wie verabredet im Büro aufhielt, identifizierte für sie das Ziel des Anschlags.
Rachegelüste
Die New Yorker Mafia hegte wenig Zweifel, dass Lucky Luciano hinter dem Mord an Maranzano steckte. Luciano ließ wiederum die Botschaft verbreiten, er habe handfeste Beweise dafür, dass Maranzano ihn umbringen lassen wollte. Vor diesem Hintergrund sei der Anschlag gerechtfertigt gewesen.
Unmittelbare Gefahr drohte ihm vor allem vom Clan der Castellammarese. Insbesondere Maranzanos Protegé Joe Bonanno konnte auf Rache sinnen. Doch auch dieser hatte seinen Boss zunehmend kritisch betrachtet.
In seiner Autobiografie schrieb Bonanno viele Jahre später: „Maranzano war durch und durch ein Sizilianer, was sein Auftreten und seine Denkweise betraf. Aber er lebte nicht mehr in Sizilien. In New York musste er nicht nur die Interessen von Sizilianern, sondern auch von Italo-Amerikanern wahrnehmen.“
Maranzano hatte den Rückhalt seiner Leute verloren. Er war nicht fähig und willens gewesen, sich an die Kultur und Besonderheiten seiner neuen Heimat anzupassen. Obwohl er bereits sechs Jahre im Land war, sprach er immer noch kein Englisch und konnte sich mit jüngeren Bandenmitgliedern kaum unterhalten. Geschweige denn, dass er ihren Straßenslang verstand.
Sieg der jungen Generation
Bonanno schloss Frieden mit Luciano und wurde neuer Anführer des Clans aus Castellammare. Der gleichnamige Krieg war endgültig beendet. Mit Masseria und Morello waren gleichzeitig die wichtigsten Vertreter der alten Garde verschwunden, die bereits vor der Prohibition die bestimmenden Persönlichkeiten der New Yorker Unterwelt waren.
Die Zukunft gehörte einer neuen Generation Mafiosi, die wie Lucky Luciano, Tommy Lucchese, Al Capone oder Joe Bonanno alle um 1900 geboren wurden und in Amerika aufgewachsen waren oder – im Falle Bonannos – als sehr junge Männer eingewandert waren.
Blackstone Hotel
Luciano berief kurz darauf ein Treffen im „Blackstone Hotel“ in Chicago ein, zu dem Al Capone und zwanzig weitere Mafiabosse aus den gesamten USA geladen waren. New York entsandte neben Luciano und Bonanno mit Tommy Gagliano, Vincent Mangano und Joe Profaci gleich fünf Anführer. Diese Aufteilung in die sogenannten „fünf Familien“ von New York hat bis in die Gegenwart Bestand, auch wenn die Namen der jeweiligen Organisationen sich im Laufe der Zeit noch veränderten:
- Genovese-Familie (Lucky Luciano)
- Bonanno-Familie (Joe Bonanno)
- Lucchese-Familie (Tommy Gagliano)
- Gambino-Familie (Vincent Mangano)
- Colombo-Familie (Joe Profaci)
Keine andere amerikanische Stadt bot mehr als eine „Familie“ auf. Und kein anderer Clan war annähernd so bedeutend, einflussreich und reich wie die New Yorker Organisationen. Dennoch sollten auch sie nur jeweils eine Stimme haben in dem nationalen Verbrechens-Syndikat, das Luciano nun den Bossen schmackhaft machen wollte.
Die Kommission
Dies war die größte Neuerung, die er den verschiedenen Anführern vorstellte. Es würde in Zukunft keinen Boss der Bosse mehr geben. Stattdessen sollte eine „Kommission“, in der alle Mitglieder gleichberechtigt waren, die künftige Strategie festlegen und etwaige Konflikte lösen. Luciano übernahm vieles von dem, was Maranzano bereits vorgeschlagen hatte. Regeln wie die Omertà oder die bereits beschriebenen Organisationsstrukturen würden die amerikanische Cosa Nostra auf lange Zeit prägen.
Luciano passte dieses Konzept pragmatisch den Gegebenheiten der Zeit an und ergänzte sie hier und da um ein paar Details. Beispielsweise schuf er die Position eines consigliere. Dieser sollte den Paten bei seinen Entscheidungen beraten und im Fall eines Konfliktes innerhalb einer Familie oder zwischen zwei Clans diplomatisch vermitteln.
Die neuen Regeln
Mitglied der Mafia konnten nur Männer werden, deren Eltern beide aus Sizilien oder Süditalien stammten. Die ethnische Zugehörigkeit blieb das wichtigste Kriterium, nach dem sich Vertrauen und Akzeptanz bemaßen.
Eine enge Zusammenarbeit mit Verbrechern anderer Herkunft war aber nach den neuen Spielregeln problemlos möglich. Sie würden nur nie Aufnahme im inneren Kreis finden und in den Genuss der damit verbundenen Privilegien kommen. Spätere Mafiagenerationen weichten allerdings die Aufnahmebedingungen auf, weil sie schlichtweg nicht mehr der Realität entsprachen.
Doch neben den Rechten gab es für die Mitglieder auch Pflichten zu erfüllen. So bedeutete die Aufnahme in die Cosa Nostra, dass man dieser Organisation ein Leben lang dienen musste. Ein Austritt oder eine vorzeitige „Pensionierung“ war nicht vorgesehen. „Der einzige Weg raus ist in einem Sarg“, äußerte Lucky Luciano.
Zudem sollte die aktive Mitgliederzahl auf den Stand von 1931 beschränkt bleiben. Eine Neuaufnahme war nur möglich, wenn zuvor ein Clanmitglied verstorben war. Luciano wollte damit zukünftigen Dominanzbestrebungen einen Riegel vorschieben, die wieder unweigerlich zu blutigen Revierkämpfen führen würden. Wenn Wachstum nicht möglich war, würde man sich nicht mehr mit Typen wie Masseria oder Maranzano herumschlagen müssen, die sich alles einverleiben wollten.
Vorausschauendes Konzept
Das war der eigentliche springende Punkt an Lucianos Vorschlägen. Sein Konzept markierte den tatsächlichen Übergang von der Bandenkriminalität vergangener Tage in die organisierte Kriminalität moderner Prägung. Die Familie stand über allem. Die Mitglieder waren austauschbar. Es war ab nun egal, wer die Organisation befehligte, wer verhaftet wurde, wer starb. Was immer auch passierte, die Organisation existierte weiter, die Geschäfte liefen wie gehabt.
Wie vorausschauend Lucianos Konzept war, zeigte sich in den folgenden Jahrzehnten. Fünfzig Jahre lang konnte die amerikanische Cosa Nostra fast ungehindert wachsen. In den 1980er und 1990er Jahren zogen die Strafverfolgungsbehörden dann spürbar die Zügel an.
Viele Paten, Capos und einfache Mafiamitglieder landeten für viele Jahre im Gefängnis. Doch schlug man dem Ungeheuer den Kopf ab, wuchsen zwei neue nach. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die fünf Familien von New York existieren nach wie vor.
Bücher
Mike Dash: The First Family. Terror, Extortion, Revenge, Murder and The Birth of the American Mafia. (2010)
David Critchley: The Origin of Organized Crime in America. (2008)
Selwyn Raab: Five Families. The Rise, Decline, and Resurgence of America’s Most Powerful Mafia Empires. (2006)
Carl Sifakis: The Mafia Encyclopedia (2005)
Joseph Bonanno: A Man of Honor. (1983)
Hallo!
Ich muss sagen, dass mich überrascht hat, wie qualitativ hochwertig Sie schreiben. Besonders die Auswahl an weniger bekannten Fällen ist interessant. Die habe die Webseite markiert.
Vielen Dank!
Herzliche Grüße
Richard Deis
Hallo Richard, vielen Dank für die Aufarbeitung der Fälle! Sehr interessant!
Ich gehöre der neuen Generation an. Bin der letzte Sizilianer meiner Art. Vieles stimmt aber die Geheimnisse nehmen ich mit ins Grab.