Es ist bereits 90 Jahre her, dass Al Capone als mächtigster Mafiapate der USA galt. Dennoch ist sein Name bis heute praktisch jedermann geläufig. Der rasante Aufstieg des kleinen Mannes aus einfachen Verhältnissen und seine mörderischen Machtkämpfe mit verfeindeten Verbrechersyndikaten in Chicago lassen Capone zum Inbegriff des modernen Gangsters werden.

Al Capone 1930

Al Capone im Mai 1930

Gabriele Capone wanderte 1894 mit seiner Frau Teresina, dem zweijährigen Sohn Vincenzo und dem Säugling Raffaele von Italien in die Vereinigten Staaten aus. Als sich die Familie auf die Überfahrt begab, war Gabrieles Frau bereits mit dem nächsten Kind schwanger.

Gabriele Capone stammte wie Teresina Raiola aus Angri, einer kleinen Hafenstadt im Süden Neapels. Capone war dort als Friseur tätig gewesen und hatte sich dank des Verkaufs seines Geschäfts die Bezahlung der Schiffspassage erlauben können. Dieser Umstand unterschied ihn von einer Vielzahl seiner Landsleute, die in ihre neue Heimat mit einem Haufen Schulden im Gepäck einreisten. Gabriele Capone schuldete niemandem etwas.

95 Navy Street

Die Capones kamen zunächst in New Yorker Bezirk Brooklyn unter. Sie bezogen eine unmöblierte Wohnung 95 Navy Street, direkt neben der New York Naval Shipyard, der größten Schiffswerft der Stadt. Die Wohnung hatte weder Toilette noch fließendes Wasser. Das Gebäude lag mitten in einem Slum. Durch die Nähe zur Werft und dem Hafen hatten sich hier unzählige Schnapskaschemmen, schummrige Bars und mit Läusen verseuchte Bordelle angesiedelt.


Das Haus 95 Naval Street musste der Abfahrt des Brooklyn Queens Expressway weichen, der zur Brooklyn Bridge und Manhattan Bridge führt. Etwa an dieser Stelle befand sich das Gebäude.

 

Gabriele Capone konnte lesen und schreiben. Ein weiteres Detail, in dem er sich von anderen Einwanderern unterschied. Aufgrund dieser Fähigkeit fand er rasch Arbeit in einem Lebensmittelgeschäft. Es dauerte nicht lange, bis er wieder in seinem alten Job arbeitete. Der Friseurladen 29 Park Avenue lag direkt um die Ecke seiner Wohnung. Teresina Capone trug tatkräftig bei, die wachsende Kinderschar zu ernähren. Sie besserte mit Näharbeiten die Haushaltskasse auf.


Auch das Haus 29 Park Avenue, in dem der Friseursalon untergebracht war, fiel später dem Bau des Brooklyn Queens Expressway zum Opfer. Ungefähr an dieser Stelle befand sich das Geschäft.

Geburt von Alphonse »Al« Capone

Kurz nach der Ankunft in den Vereinigten Staaten kam 1895 der nächste Sohn Salvatore Capone zur Welt. Am 17. Januar 1899 erblickte dann das erste Kind des Paares die Welt, das in der neuen Heimat der Auswanderer gezeugt und geboren wurde: Alphonse Capone, den später jeder nur unter der Kurzform Al Capone in Erinnerung behalten sollte.

Innerhalb der Familie behielten die Kinder ihre meist italienischen Vornamen. Doch außerhalb der eigenen vier Wände benutzten sie amerikanische Namen. Vincenzo wurde zu James. Raffaele zu Ralph. Salvatore zu Frank. Und Alphonse zu Al Capone. Später kamen fünf weitere Geschwister zur Welt: Amadeo Ermino (John oder Mimi Capone), Umberto (Albert John), Matthew Nicholas, Rose und Malfalda.

Behütete Kindheit

Die Capones lebten zurückgezogen und blieben lieber unter sich. Beide Eltern galten als ruhige Zeitgenossen, die nicht zu unkontrollierten Wutausbrüchen neigten. Weder der Vater noch die Mutter schlugen jemals ihre Kinder. Wenn es Konflikte gab, lösten sie diese mit Gesprächen.

Die Familie Capone wies auch ansonsten keine Auffälligkeiten auf. Die Kinder wuchsen in einem behüteten Heim auf. Es gab in der Familie keine Fälle von schwerwiegenden psychischen Erkrankungen oder Geisteskrankheiten. Gabriel Capone hatte keinerlei Umgang mit Kriminellen, noch war er selber jemals mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Die Capones waren eine anständige, hart arbeitende italienische Einwandererfamilie, die sich an konservativen Werten orientierte.

Die Slums von Brooklyn

So behütet die Verhältnisse gewesen sein mögen, in denen Al Capone aufwuchs, so rau war die Umgebung, in der er seine ersten acht Lebensjahre verbrachte. Die Straßen waren von Horden zerlumpter Kinder bevölkert. Prügeleien und wilde Spiele waren an der Tagesordnung. Meistens spielten die Kinder den ganzen Tag Stickball, die Gossenvariante des Baseballs.

Die ärmlichen Verhältnisse des überbevölkerten Stadtteils boten dennoch ihre Reize. Das Leben war nie eintönig. Ständig passierte etwas. Alle paar Minuten ratterte ein Zug auf der Myrtle Avenue vorbei. Dann schüttelte es die Mietskasernen kräftig durch und die endlosen Reihen der Feuerleitern klirrten und quietschten. An den Bordsteinen standen den ganzen Tag die Obst- und Gemüsekarren, Rad an Rad. Von überall stiegen Düfte auf, verlockende und weniger appetitliche.

Pferdegespanne und die ersten Automobile bahnten sich ihren Weg durch das chaotische Gedränge. Und zwischendrin balancierten dunkelhaarige Frauen mit ausladenden Hüften große Körbe voller Lebensmittel. Sie schimpften laut auf Italienisch mit den ungezogenen Gören, die meist die eigenen waren, um sich in dem Treiben Platz zu verschaffen.

Mulberry Street in Little Italy, New York, 1900

Mulberry Street in Little Italy, New York, 1900

Mit harter Knute – Schulzeit auf der Public School 7 und 113

1904, im Alter von fünf Jahren, kam Al Capone auf die Public School 7 in der York Street. Die Bildungschancen für italienische Einwandererkinder waren damals sehr gering. Das Schulsystem hegte tiefe Vorurteile gegen sie und tat wenig, um ihr Interesse an einer höheren Bildung zu fördern. Einwandererkinder waren dazu verdammt, auf ein Leben als Arbeiter und Tagelöhner vorbereitet zu werden. Die Eltern taten ihr Übriges. Auch sie hatten ein Interesse daran, dass ihre Kinder früh die Schule verließen. Sie sollten so schnell wie möglich zum spärlichen Familieneinkommen beitragen.


Links das ehemalige Schulgebäude PS 7, rechts hinter dem Hochhaus verläuft die bekannte Brooklyn Bridge.

 

Schulen wie die Public School 7 oder 113 in der Butler Street, auf die Capone 1907 wechselte, waren Institutionen mit starren, dogmatischen und strengen Regeln, in denen körperliche Züchtigungen fester Bestandteil des pädagogischen Konzepts waren. Die Lehrer waren in der Regel weiblich, sehr jung, von Nonnen ausgebildet und irisch-katholischer Abstammung.


Das Gebäude der Public School 113 in der Butler Street.

 

Der Schulalltag sah häufig wie folgt aus: Eine 16-Jährige mit einem Jahreseinkommen von 600 US-Dollar unterrichtete eine Rasselbande von Jungen und Mädchen, die nur unwesentlich jünger als sie selbst waren. Der Unterricht war lediglich Mittel zum Zweck. Hauptaufgabe der Lehrer war es, dem Nachwuchs Disziplin und Respekt vor den Autoritäten einzubläuen. Die Vermittlung von Bildung spielte eine untergeordnete Rolle.

Angesichts des aggressiven Reizklimas kam es immer wieder zu plötzlichen Gewaltausbrüchen. Prügeleien zwischen Schülern und Lehrern waren an der Tagesordnung, auch zwischen männlichen Jugendlichen und halbwüchsigen Lehrerinnen.

Bis zur 6. Klasse waren Al Capones schulische Leistungen überdurchschnittlich gut. In den meisten Fächern stand er auf einer Zwei. Doch dann zeigte seine Leistungskurve abwärts. Mit vierzehn Jahren flippte er im Unterricht aus. Er schrie und beleidigte seine Lehrerin. Sie schlug ihn. Er schlug zurück. Er flog von der Schule und suchte sich anschließend einen Job. Seine schulische Laufbahn war damit beendet.

Garfield Place

Bereits 1907 war die Familie Capone aus ihrem Haus nahe der Schiffswerft an den Garfield Place umgezogen. Dort lebten die Capones in den kommenden Jahren in mindestens drei verschiedenen Mietshäusern. Die erste Wohnung befand sich 38 Garfield Place. Später lauteten die Adressen 46 und 21 Garfield Place.


Das braune Backsteingebäude in der Mitte ist Haus Nummer 21 am Garfield Place, in dem die Capones zuletzt lebten.

 

Der Umzug sollte bleibenden Einfluss auf Al Capones zukünftiges Leben nehmen. Zum einen wohnten in diesem Viertel hauptsächlich Iren, Deutsche, Schweden und Chinesen. Capones kultureller Horizont weitete sich. Von dieser Erfahrung profitierte er noch als Strippenzieher der Mafia. Zum anderen lernte er hier die beiden Menschen kennen, die ihn in seinem weiteren Leben am meisten beeinflussten sollten – seine Frau Mae und den Gangster Johnny Torrio.

 

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Al Capone – »Scarface« was last modified: Mai 14th, 2016 by Richard Deis