Al Capone: Aufstieg und Fall von »Scarface«

Gabriele Capone wanderte 1894 mit seiner Frau Teresina, dem zweijährigen Sohn Vincenzo und dem Säugling Raffaele von Italien in die Vereinigten Staaten aus. Als sich die Familie auf die Überfahrt begab, war Gabrieles Frau bereits mit dem nächsten Kind schwanger.

Gabriele Capone stammte wie Teresina Raiola aus Angri, einer kleinen Hafenstadt im Süden Neapels. Capone war dort als Friseur tätig gewesen und hatte sich dank des Verkaufs seines Geschäfts die Bezahlung der Schiffspassage erlauben können. Dieser Umstand unterschied ihn von einer Vielzahl seiner Landsleute, die in ihre neue Heimat mit einem Haufen Schulden im Gepäck einreisten. Gabriele Capone schuldete niemandem etwas.

New York

95 Navy Street

Die Capones kamen zunächst in New Yorker Bezirk Brooklyn unter. Sie bezogen eine unmöblierte Wohnung 95 Navy Street, direkt neben der New York Naval Shipyard, der größten Schiffswerft der Stadt. Die Wohnung hatte weder Toilette noch fließendes Wasser. Das Gebäude lag mitten in einem Slum. Durch die Nähe zur Werft und dem Hafen hatten sich hier unzählige Schnapskaschemmen, schummrige Bars und mit Läusen verseuchte Bordelle angesiedelt.


Das Haus 95 Naval Street musste der Abfahrt des Brooklyn Queens Expressway weichen, der zur Brooklyn Bridge und Manhattan Bridge führt. Etwa an dieser Stelle befand sich das Gebäude.

Gabriele Capone konnte lesen und schreiben. Ein weiteres Detail, in dem er sich von anderen Einwanderern unterschied. Aufgrund dieser Fähigkeit fand er rasch Arbeit in einem Lebensmittelgeschäft. Es dauerte nicht lange, bis er wieder in seinem alten Job arbeitete. Der Friseurladen 29 Park Avenue lag direkt um die Ecke seiner Wohnung. Teresina Capone trug tatkräftig bei, die wachsende Kinderschar zu ernähren. Sie besserte mit Näharbeiten die Haushaltskasse auf.


Auch das Haus 29 Park Avenue, in dem der Friseursalon untergebracht war, fiel später dem Bau des Brooklyn Queens Expressway zum Opfer. Ungefähr an dieser Stelle befand sich das Geschäft.

Geburt von Alphonse »Al« Capone

Kurz nach der Ankunft in den Vereinigten Staaten kam 1895 der nächste Sohn Salvatore Capone zur Welt. Am 17. Januar 1899 erblickte dann das erste Kind des Paares die Welt, das in der neuen Heimat der Auswanderer gezeugt und geboren wurde: Alphonse Capone, den später jeder nur unter der Kurzform Al Capone in Erinnerung behalten sollte.

Innerhalb der Familie behielten die Kinder ihre meist italienischen Vornamen. Doch außerhalb der eigenen vier Wände benutzten sie amerikanische Namen. Vincenzo wurde zu James. Raffaele zu Ralph. Salvatore zu Frank. Und Alphonse zu Al Capone. Später kamen fünf weitere Geschwister zur Welt: Amadeo Ermino (John oder Mimi Capone), Umberto (Albert John), Matthew Nicholas, Rose und Malfalda.

Behütete Kindheit

Die Capones lebten zurückgezogen und blieben lieber unter sich. Beide Eltern galten als ruhige Zeitgenossen, die nicht zu unkontrollierten Wutausbrüchen neigten. Weder der Vater noch die Mutter schlugen jemals ihre Kinder. Wenn es Konflikte gab, lösten sie diese mit Gesprächen.

Die Familie Capone wies auch ansonsten keine Auffälligkeiten auf. Die Kinder wuchsen in einem behüteten Heim auf. Es gab in der Familie keine Fälle von schwerwiegenden psychischen Erkrankungen oder Geisteskrankheiten. Gabriel Capone hatte keinerlei Umgang mit Kriminellen, noch war er selber jemals mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Die Capones waren eine anständige, hart arbeitende italienische Einwandererfamilie, die sich an konservativen Werten orientierte.

Die Slums von Brooklyn

So behütet die Verhältnisse gewesen sein mögen, in denen Al Capone aufwuchs, so rau war die Umgebung, in der er seine ersten acht Lebensjahre verbrachte. Die Straßen waren von Horden zerlumpter Kinder bevölkert. Prügeleien und wilde Spiele waren an der Tagesordnung. Meistens spielten die Kinder den ganzen Tag Stickball, die Gossenvariante des Baseballs.

Die ärmlichen Verhältnisse des überbevölkerten Stadtteils boten dennoch ihre Reize. Das Leben war nie eintönig. Ständig passierte etwas. Alle paar Minuten ratterte ein Zug auf der Myrtle Avenue vorbei. Dann schüttelte es die Mietskasernen kräftig durch und die endlosen Reihen der Feuerleitern klirrten und quietschten. An den Bordsteinen standen den ganzen Tag die Obst- und Gemüsekarren, Rad an Rad. Von überall stiegen Düfte auf, verlockende und weniger appetitliche.

Pferdegespanne und die ersten Automobile bahnten sich ihren Weg durch das chaotische Gedränge. Und zwischendrin balancierten dunkelhaarige Frauen mit ausladenden Hüften große Körbe voller Lebensmittel. Sie schimpften laut auf Italienisch mit den ungezogenen Gören, die meist die eigenen waren, um sich in dem Treiben Platz zu verschaffen.

Mulberry Street in Little Italy, New York, 1900
Mulberry Street in Little Italy, New York, 1900

Mit harter Knute – Schulzeit auf der Public School 7 und 113

1904, im Alter von fünf Jahren, kam Al Capone auf die Public School 7 in der York Street. Die Bildungschancen für italienische Einwandererkinder waren damals sehr gering. Das Schulsystem hegte tiefe Vorurteile gegen sie und tat wenig, um ihr Interesse an einer höheren Bildung zu fördern.

Einwandererkinder waren dazu verdammt, auf ein Leben als Arbeiter und Tagelöhner vorbereitet zu werden. Die Eltern taten ihr Übriges. Auch sie hatten ein Interesse daran, dass ihre Kinder früh die Schule verließen. Sie sollten so schnell wie möglich zum spärlichen Familieneinkommen beitragen.


Links das ehemalige Schulgebäude PS 7, rechts hinter dem Hochhaus verläuft die bekannte Brooklyn Bridge.

Schulen wie die Public School 7 oder 113 in der Butler Street, auf die Capone 1907 wechselte, waren Institutionen mit starren, dogmatischen und strengen Regeln, in denen körperliche Züchtigungen fester Bestandteil des pädagogischen Konzepts waren. Die Lehrer waren in der Regel weiblich, sehr jung, von Nonnen ausgebildet und irisch-katholischer Abstammung.


Das Gebäude der Public School 113 in der Butler Street.

Der Schulalltag sah häufig wie folgt aus: Eine 16-Jährige mit einem Jahreseinkommen von 600 US-Dollar unterrichtete eine Rasselbande von Jungen und Mädchen, die nur unwesentlich jünger als sie selbst waren. Der Unterricht war lediglich Mittel zum Zweck. Hauptaufgabe der Lehrer war es, dem Nachwuchs Disziplin und Respekt vor den Autoritäten einzubläuen. Die Vermittlung von Bildung spielte eine untergeordnete Rolle.

Angesichts des aggressiven Reizklimas kam es immer wieder zu plötzlichen Gewaltausbrüchen. Prügeleien zwischen Schülern und Lehrern waren an der Tagesordnung, auch zwischen männlichen Jugendlichen und halbwüchsigen Lehrerinnen.

Bis zur 6. Klasse waren Al Capones schulische Leistungen überdurchschnittlich gut. In den meisten Fächern stand er auf einer Zwei. Doch dann zeigte seine Leistungskurve abwärts. Mit vierzehn Jahren flippte er im Unterricht aus. Er schrie und beleidigte seine Lehrerin. Sie schlug ihn. Er schlug zurück. Er flog von der Schule und suchte sich anschließend einen Job. Seine schulische Laufbahn war damit beendet.

Garfield Place

Bereits 1907 war die Familie Capone aus ihrem Haus nahe der Schiffswerft an den Garfield Place umgezogen. Dort lebten die Capones in den kommenden Jahren in mindestens drei verschiedenen Mietshäusern. Die erste Wohnung befand sich 38 Garfield Place. Später lauteten die Adressen 46 und 21 Garfield Place.


Das braune Backsteingebäude in der Mitte ist Haus Nummer 21 am Garfield Place, in dem die Capones zuletzt lebten.

Der Umzug sollte bleibenden Einfluss auf Al Capones zukünftiges Leben nehmen. Zum einen wohnten in diesem Viertel hauptsächlich Iren, Deutsche, Schweden und Chinesen. Capones kultureller Horizont weitete sich. Von dieser Erfahrung profitierte er noch als Strippenzieher der Mafia. Zum anderen lernte er hier die beiden Menschen kennen, die ihn in seinem weiteren Leben am meisten beeinflussten sollten – seine Frau Mae und den Gangster Johnny Torrio.

Johnny Torrio

Das Haus der Capones am Garfield Place lag nur drei Querstraßen entfernt von der Kreuzung Union Street und 4th Avenue. Dort hatte Johnny Torrio im ersten Stock eines unscheinbaren Gebäudes sein Hauptquartier eingerichtet. Den Gangstertreff über einem Restaurant tarnte er als »Geselligkeitsverein« – eine Masche, die mindestens noch bis zu Zeiten eines John Gotti in den 1980ern Bestand hatte. 

Neue Generation von Gangstern

Der unauffällige Torrio gehörte einer neuen Generation von Gangstern an. Seine kriminelle Energie konzentrierte sich darauf, mit illegalen Geschäften möglichst viel Geld zu machen. Die Schutzgelderpressung, quasi das Grundprinzip der Mafia, betrachtete er als eine Art soliden Businessplan. Damit waren regelmäßige Umsätze garantiert, doch die Gewinne waren beschränkt. Von den Einnahmen musste man eine Armee von Schlägern bezahlen, die die meiste Zeit nutzlos herumlungerten. Die Möglichkeiten, die Umsätze zu steigern, waren beschränkt.

Torrio reichte dies nicht. Er war der Überzeugung, dass man die Gewinne aus den Schutzgelderpressungen in neue kriminelle Aktivitäten investieren müsse, die lukrativere Renditen abwarfen. Torrio besaß das kaufmännische und organisatorische Talent, um dieses Vorhaben mit Leben zu erfüllen. So hielt er ständig nach Gelegenheiten Ausschau, sein kriminelles Imperium zu erweitern. Er beteiligte sich beispielsweise an Bordellen und Spielhöllen.

Al Capone - Johnny Torrio
Johnny Torrio, 1936

Laufburschen

Alsbald stieg er zu einem der einflussreichsten Gangster der Ostküste auf. Viele Halbwüchsige in der Nachbarschaft sahen in ihm ein Vorbild. Torrio stammte wie sie aus einer ärmlichen Einwandererfamilie und hatte es scheinbar ganz nach oben geschafft. Dass er den Aufstieg kriminellen Machenschaften verdankte, störte in dieser Gegend niemanden. Man redete sich Zuhälterei und Glücksspiel schön. Das seien doch »Verbrechen ohne Opfer«.

Die Jungen konnten sich bei Torrio ein Taschengeld hinzuverdienen. Sie erledigten kleinere Besorgungen für den Gangsterboss oder übernahmen einen Botengang. Zu dieser Gruppe von Laufburschen zählte auch Al Capone. Torrio mochte den cleveren, aufgeweckten Jungen. Möglicherweise entdeckte er in dem jungen Capone ein Abbild seiner selbst.

Johnny Torrio war wie Al Capone eher kleinwüchsig. Er hatte früh lernen müssen, dass ihm seine Fäuste nicht viel halfen, um sich gegen die größeren, stärkeren Jungs durchzusetzen. Aber Torrio besaß Köpfchen, Einfallsreichtum und ein Talent, Allianzen mit anderen zu schmieden. Damit sicherte er sein Überleben auf der Straße.

Bürgerliche Fassade

Im Laufe der Zeit vertraute Torrio dem jungen Capone immer mehr. Er betraute ihn mit anspruchsvolleren Aufgaben. Und er gewährte ihm Einblicke in den Aufbau seiner Verbrecherorganisation. Gleichzeitig lehrte Torrio seinen Protegé, wie wichtig es war, nach außen hin die bürgerliche Fassade zu wahren, um ungestört seinen kriminellen Geschäften nachgehen zu können.

Torrio trat stets als gepflegter Geschäftsmann auf. Bei seinen Auftritten in der Öffentlichkeit verhielt er sich höflich und bescheiden. Er legte viel Wert darauf, als treu sorgender und respektabler Familienvater wahrgenommen zu werden, der pünktlich zum Abendessen zu Hause erschien.

Torrio verwendete viel Energie darauf, dieses Trugbild aufrechtzuerhalten. Er ließ seine Nachbarn im Glauben, er führe ein völlig normales Leben wie alle anderen Menschen auch, obwohl er seinen Wohlstand in Wahrheit den Hurenhäusern und Spielhöllen verdankte. Diese Heuchelei war ihm zur zweiten Natur geworden.

Es steckte etwas mehr als nur Täuschung dahinter. Torrio schien fest daran zu glauben, dass seine bürgerliche Fassade die Tatsache entschuldigte, dass seine Schläger die Leute einschüchterten, verprügelten und notfalls töteten.

1909 verließ Johnny Torrio jedoch Brooklyn und ging nach Chicago. Der junge Al Capone musste sich vorläufig nach anderen Vorbildern umschauen.

Die Gangs von Brooklyn

Die Kinder, die in den Einwanderervierteln von Brooklyn aufwuchsen, organisierten sich damals in Banden. Es gab italienische, jüdische und irische Straßengangs. Sie bildeten sich aus den Kids, die in einem Straßenblock oder einem bestimmten Wohnviertel lebten. Die erste Gang, der Capone angehörte, nannte sich »South Brooklyn Ripper«. Später war er noch Mitglied der »Forty Thieves Juniors« und der »Five Point Juniors«.

Diese Jugendbanden waren nicht annähernd so brutal und mit Waffen hochgerüstet wie heutige Gangs in den amerikanischen Metropolen. Die Banden wurden von ein paar älteren, durchsetzungsfähigen Jungen angeführt. Meistens hingen sie nur gemeinsam herum, vertrieben sich die Zeit mit Spielen und Unfug.

Ab und an prügelten sie sich mit anderen Gangs, begingen einige kleinere Diebstähle oder Sachbeschädigungen. Sie zogen heimlich an ihrer ersten Zigarette. Sie probierten Alkohol. Sie machten ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Und sie dachten sich das eine oder andere geheime Ritual aus, das sie noch enger zusammenschweißte.

Einer Straßengang anzugehören, bot den Kindern eine Möglichkeit, dem eher trostlosen Alltag zu entkommen und ein Ventil für die aufgestauten Energien zu finden. Teil solch einer Gruppe zu sein, bedeutete auch ein Stück weit Freiheit. Die Banden grenzten sich bewusst von der Erwachsenenwelt und ihren Regeln ab.

Schulen und Kirchen, deren Aufgabe es gewesen wäre, sich um Jugendliche in diesem Alter zu kümmern, fehlten die finanziellen Mittel, um dem gerecht zu werden. So verfügten in den Slums von Brooklyn beispielsweise nur wenige Schulen über einen Sport- oder Spielplatz.

Ein umgänglicher und wohlerzogener Junge

Doch obwohl Al Capone bei den Straßenbanden mitmischte und für den Gangsterboss Johnny Torrio gearbeitet hatte, hieß dies noch lange nicht, dass er unweigerlich auf die schiefe Bahn geraten musste. Die meisten Jungen in Capones Nachbarschaft verbrachten ihre Kindheit ganz ähnlich und entwickelten sich als Erwachsene völlig anders als Capone.

Auch Al Capone war bestimmt nicht das, was man heute unter einem jugendlichen Intensivtäter versteht. Und niemand hätte sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen können, dass er sich eines Tages zu einem der gefürchtetsten Gangsterbosse aller Zeiten entwickeln würde. Er galt zwar trotz seiner geringen Größe als rauflustig. Doch wegen solcher Prügeleien unter Kindern wandte sich damals niemand an die Polizei oder ans Jugendamt.

Die meisten seiner Zeitgenossen sahen in Al Capone eher einen umgänglichen, wohlerzogenen Jungen, der noch bei seinen Eltern lebte. Es drängte ihn nicht nach Aufmerksamkeit. Wenn er sprach, redete er mit leiser Stimme, in der keinerlei Feindseligkeit mitschwang. Er verhielt sich freundlich und respektvoll gegenüber anderen. Er kehrte jeden Abend brav nach Hause zurück, ohne um die Häuser zu ziehen.

Seine einzige Leidenschaft galt dem Tanzen. Ansonsten verdingte er sich tagsüber als tüchtiger, zuverlässiger Lohnarbeiter. Zunächst arbeitete er in einer Munitionsfabrik, dann als Zuschneider in einer Papierfabrik. Kurzum: Bis zu seinem 21. Lebensjahr führte der gefürchtete Al Capone ein nahezu unscheinbares Leben.

Frankie Yale

Wie vollzog sich also der Wandel von Al Capone, dem unscheinbaren Mann der leisen Töne, zu »Scarface«, dem Über-Gangster schlechthin? Ein entscheidender Faktor auf dem Weg dahin war Capones Bekanntschaft mit Frankie Yale. Francesco Ioele, so sein eigentlicher Name, stammte ursprünglich wie die Capones aus Kalabrien.

Der Gegentwurf zu Johnny Torrio

Er war der Gegenentwurf zu Johnny Torrio. Ein brutaler, verschlagener, rücksichtloser Krimineller, dessen Auftreten bereits Furcht einflößend war. Im Unterschied zu Torrio hatte er keine Ideen, die er zu Geld hätte machen können. Stattdessen sah er das Geld und räumte skrupellos alles beiseite, was zwischen ihm und dem Mammon stand. Das war Yales kriminelles Geschäftsmodell.

Al Capone - Frankie Yale
Francesco Ioele alias Frankie Yale

Frankie Yale eröffnete auf Coney Island eine Bar, die er »Harvard Inn« nannte. Auf Empfehlung von Johnny Torrio heuerte er den mittlerweile 18-jährigen Al Capone als Barkeeper und Rausschmeißer an. Anfangs war Capone bei seinem Chef und den Kunden gleichermaßen beliebt. Nach einem Jahr wendete sich sein Glück. 

Scarface

Eines Tages bediente er ein junges Paar. Das Mädchen war sehr schön. Der junge Al Capone war ganz hin und weg. Er beugte sich zu ihr herab und sagte laut und vernehmlich: »Schätzchen, du hast einen hübschen Arsch und ich meine das als Kompliment.«

Al Capone - Frank Gallucio
Frank Gallucio, 1940

Der männliche Begleiter des Mädchens war ihr Bruder Frank Gallucio. Gallucio sprang auf und verpasste dem Mann, der seine Schwester Lena beleidigt hatte, einen Fausthieb. Al Capone geriet in Rage und stürzte sich auf Gallucio, der ein Messer herauszog, um sich zu verteidigen. Er zog Capone die Klinge dreimal durchs Gesicht. Dann schnappte sich Gallucio seine Schwester und floh mit ihr aus der Kneipe. Die Wunden heilten zwar, aber Capone behielt sein Leben lang deutlich sichtbare Narben zurück. Sein Spitzname »Scarface« war geboren.

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Capone und die klar erkennbare Narbe, der er seinen Spitznamen verdankte

Lektionen

Capones Verhalten hatte noch weitere Konsequenzen. Gallucio wandte sich zunächst an Lucky Luciano und beschwerte sich über den frechen Kellner. Luciano redete wiederum mit Frankie Yale. Yale rief Luciano, Gallucio und Capone an einen Tisch, um den Streit beizulegen. Er zwang Al Capone dazu, sich bei Gallucio zu entschuldigen. Capone lernte seine Lektion. Er musste sein Temperament in Zukunft zügeln, wenn es ihm im Weg stand.

Trotz des Ärgers nahm Frankie Yale Capone unter seine Fittiche. Yale lebte von Schutzgelderpressung, Kreditwucher, Buchmachern und Zuhältern. Um seine Ansprüche geltend zu machen, hatte er sich mit einer Schar von brutalen Schlägern umgeben, die auch nicht vor Mord zurückschreckten. Capone bekam Einblicke, wie die schmutzigste Seite des Geschäfts funktionierte.

Mae Coughlin

So stark Yales Einfluss auf Capones zukünftige Entwicklung auch gewesen sein mag, er machte zu dieser Zeit auch andere Erfahrungen, die sich eher mäßigend auswirkten. Im Alter von neunzehn Jahren lernte er ein hübsches blondes Mädchen irischer Abstammung namens Mae Coughlin kennen, die zwei Jahre älter war als er.

Ihre Familie stammte aus der Mittelschicht. Sehr unwahrscheinlich, dass Maes Familie von der Beziehung ihrer Tochter angetan war. Dafür spricht, dass die beiden erst nach der Geburt ihres ersten Kindes heirateten.

Der Sohn Albert Francis Capone kam am 4. Dezember 1918 zur Welt. Sein Pate war Johnny Torrio. Sonny, wie er sein ganzes Leben lang genannt wurde, schien bei seiner Geburt kerngesund zu sein. Doch später stellte sich heraus, dass er unter angeborener Syphilis litt. Al Capone gestand den Ärzten, dass er sich mit Schanker infiziert hatte, bevor er mit seiner Frau Mae zusammenkam. Er hatte geglaubt, die Krankheit sei vollkommen ausgeheilt.

Mit der Frau an seiner Seite und dem Baby, für das er sorgen musste, machte sich Al Capone auf die Suche nach einem legalen Job, der die Familie ernähren konnte. Er kündigte bei Frankie Yale und zog nach Baltimore. Dort fand er bei der Baufirma von Peter Aiello eine Anstellung als Buchhalter.

Capone war gut in seinem Job. Er war intelligent, konnte gut mit Zahlen umgehen und erwies sich als zuverlässiger Mitarbeiter. Doch der plötzliche Tod seines Vaters sollte eine grundlegende Veränderung in seinem Leben bewirken.

»Big Jim« Colosimo

Gabriele Capone starb am 14. November 1920 im Alter von 55 Jahren an einer Herzerkrankung. Warum dieser Tod bei seinem Sohn Al Capone einen solch radikalen Wandel auslöste, ist unklar geblieben. Möglicherweise trieb ihn die Angst um, außer für seine eigene Familie nun auch für die Geschwister und die Mutter sorgen zu müssen. Vielleicht erlebte er den Moment auch als eine Art persönlicher Befreiung: Endlich konnte er sich der väterlichen Kontrolle entziehen. Wie auch immer: Capone schmiss seinen Job als Buchhalter und ließ sein bürgerliches Leben hinter sich.

Rückkehr zu Johnny Torrio

Er nahm seine Beziehung zu Johnny Torrio wieder auf, der in den zurückliegenden Jahren sein Gangsterimperium in Chicago weiter ausgebaut hatte. Anfang 1921 machte Torrio Capone ein Angebot, dass dieser nicht ablehnen konnte. Nach seiner Lehrzeit bei Frankie Yale war er reif für den nächsten Schritt. Chicago bot enorme Chancen, in kurzer Zeit zu viel Geld zu kommen: Glücksspiel, Bordelle und illegaler Alkohol. Das Beste daran: Es gab kaum Konkurrenz. Al Capone akzeptierte.

Der kühl kalkulierende Torrio hatte die Chancen, die in seinem Wechsel vom hart umkämpften Brooklyn ins vergleichsweise ruhige Chicago lagen, sofort erkannt. Die Bewohner dieser Stadt waren ein raues, rauflustiges und trinkfestes Völkchen, das überheblich auftretende Typen verabscheute. Mit den Schüchternen hatten sie keine Geduld. Nur wer imstande war, sich geistig und körperlich durchzusetzen, wurde respektiert. Und wer mit dicken Geldscheinbündeln wedelte, rannte offene Türen ein.

Chicago

Chicagos Mentalität gründete auf roher Gewalt. Die mitten in der Prärie errichtete Stadt lebte von ihrer Schlachthofindustrie, in der jährlich Millionen von Kühen, Schweinen und Schafen ihr Leben lassen mussten, während ihre Schlächter durch ihr Blut wateten. Chicago war die Stadt der Neureichen, in der Amerikas etablierter Geldadel verpönt war. Chicago war die Stadt der Laster, in der Sex, Glücksspiel und Alkohol nicht als Sünde geahndet, sondern freudig begrüßt wurden.

Und Chicago war geradezu berüchtigt für seine Korruption. Nirgendwo sonst gab es mehr bestechliche Politiker auf einem Haufen. Es war eine Tradition, an der keiner etwas zu verändern vermochte. Dieses Klima bot den idealen Nährboden für das ungestörte Wachstum der Kriminalität.

Der ungekrönte König

»Big Jim« Colosimo war viele Jahre der ungekrönte König dieser Stadt. Zusammen mit seiner Frau Victoria Moresco, einer Tante von Johnny Torrio, hatte er ein hochprofitables Unternehmen aufgezogen, das auf allerlei illegalen Aktivitäten beruhte. Allein die Bordelle, die dem Paar gehörten, warfen im Monat 50.000 US-Dollar ab.

Big Jim trug an jedem seiner Wurstfinger dicke Klunker. Seine Gürtel und Hosenträger waren diamantenbesetzt. Big Jim scheute sich nicht, seinen plötzlichen Reichtum vorzuzeigen. Big Jim war das fleischgewordene Chicago: protzend, laut, geschmacklos, verschwenderisch und eine echte Type.

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James Colosimo

Niemand scherte es, dass er sein Geld als Zuhälter verdiente. Big Jim gehörte das »Colosimo Cafe«, einer der angesagtesten Nachtklubs in der Stadt, in dem sich die Prominenz die Klinke in die Hand gab. Alle schienen stolz darauf zu sein, zum illustren Freundeskreis von Big Jim zu zählen. Enrico Caruso war ein regelmäßiger Gast, ebenso der angesehene Anwalt Clarence Darrow, der 1924 als Verteidiger von Nathan Leopold und Richard Loeb zur nationalen Berühmtheit gelangte.

Colosimo hatte Johnny Torrio bereits 1909 engagiert. Damals bestand Big Jims ganzes Gangsterimperium im Wesentlichen aus zwei Bordellen. Torrio baute das Business immer weiter aus, diskret und unauffällig, ohne mit den Behörden in Konflikt zu geraten, bis Colosimo an der Spitze der Cosa Nostra in Chicago stand. Alle potenziellen Widerstände wurden mit üppigen Schmiergeldern bereinigt.

Der Untergang von Big Jim

Im Unterschied zu Torrio betrog Colosimo seine Frau nach Strich und Faden. Die Beziehung zu einer hübschen jungen Sängerin namens Dale Winter läutete sein Ende ein. Diese Affäre war anders. Big Jim ließ sich von seiner Frau Victoria scheiden und heiratete umgehend seine neue Freundin.

In den Augen des konservativen Johnny Torrio hatte Colosimo damit einen unverzeihlichen Fehler begangen. Er hatte Torrios Tante gedemütigt und bloßgestellt. Torrio sah keinen Grund mehr, seinem Boss noch länger loyal zu dienen. Die Geschäfte von Colosimos Syndikat lenkte er ohnehin schon.

Er beauftragte Frankie Yale, dessen Gesicht niemand in Chicago kannte, Colosimo aus dem Weg zu räumen. Am 11. Mai 1920 kam es zum großen Showdown im »Colosimo Cafe«, wo Yale Big Jim tötete.

Der Polizei gelang es, den Mörder zu ermitteln. Sie verhaftete Frankie Yale in New York. Doch der einzige Zeuge des Mordes war ein Kellner, der sich weigerte, gegen den berüchtigten Yale auszusagen. Der Auftragskiller wurde niemals angeklagt.

Johnny Torrio der neue Mafiaboss von Chicago

Währenddessen verleibte sich der wahre Strippenzieher des Mordes Big Jims Besitztümer ein. Johnny Torrio gehörte mit einem Mal ein Geschäftsimperium, das für ihn persönlich mehrere Millionen Dollar pro Jahr abwarf. Doch Torrio hatte längst ein neues lohnendes Geschäft im Blick: die Prohibition.

An diesem Punkt kam Al Capone ins Spiel. Torrio installierte ihn zunächst als Manager seiner zahlreichen Bordelle, während er sich selbst um den Aufbau von Schmuggelrouten für illegal gebrannten Schnaps und die Einrichtung zahlreicher Flüsterkneipen in Chicago kümmerte, um den verbotenen Alkohol an die Kundschaft zu bringen.

Capone wurde unter anderem Manager des »Four Deuces«, in dem Torrio sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Das »Four Deuces« repräsentierte quasi das gesamte Torrio-Entertainmentpaket. Es war Speakeasy, Spielhölle und Hurenhaus in einem. Der 22-jährige Capone stieg alsbald zur rechten Hand von Torrio auf. Er holte seinen Bruder Ralph Capone nach Chicago und verschaffte ihm einen Job im Syndikat. Weitere Geschwister sollten folgen.

Jake Guzik

In dieser Zeit lernte Al Capone einen Mann kennen, mit dem er sein Leben lang eng befreundet blieb: Jake Guzik. Guzik entstammte einer Familie orthodoxer Juden, die ihr Geld mit Prostitution verdiente. So etwas war vermutlich nur in Chicago denkbar. Guziks Lebensstil ähnelte dem von Torrio. Er gab sich nach außen hin bescheiden und als treu sorgender Familienvater. Das Auftreten färbte auf Al Capone ab.

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Jake Guzik

Die Beziehung zu Guzik zeigte, dass Capone durchaus in der Lage war, jenseits seines italienischen Umfeldes enge Kontakte zu knüpfen. Es war eine Fähigkeit, die ihn von anderen Größen der Cosa Nostra unterschied, die grundsätzlich nur Italoamerikanern oder gebürtigen Süditalienern trauten. Capone hegte keine sonderlichen Vorurteile. Diese Eigenschaft sollte ihm schließlich den Weg nach ganz oben ebnen. Er umgab sich stets mit Verbündeten, die seinen Interessen nützten, ungeachtet von Rasse, Ethnie und Religion.

Der Familienmensch

Sein Status als rechte Hand von Johnny Torrio war mit finanziellem Wohlstand verknüpft. Al Capone bezog das Haus 7244 Prairie Avenue inmitten einer angesehenen Wohngegend von Chicago. Gegenüber seinen Nachbarn gab sich Capone als Händler antiker Möbel aus. Dort lebte nicht nur seine eigentliche Familie. Er bewog seine Mutter und die übrigen Geschwister dazu, zu ihm zu ziehen. Al Capone, der Familienmensch. Er hatte Torrios Täuschereien verinnerlicht. 

Einerseits machte er sich häufig über Leute lustig, die viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legten und etwas Besseres darstellen wollten, als sie in Wirklichkeit waren. Andererseits war es ihm sehr wichtig, wie ihn seine Nachbarn und schließlich auch die gesamte Öffentlichkeit seiner Wahlheimat Chicago wahrnahmen.

Je mehr Capone sich in kriminelle Machenschaften verstrickte, umso mehr idealisierte er seine Familie. Als würde die Tatsache, dass er die Familienwerte in hohen Ehren hielt, Zeugnis davon ablegen, dass er nicht das brutale Monster war, zu dem ihn die Presse erklärte.

Auf nach Cicero

Anfang der 1920er Jahre war Chicago unter verschiedenen Verbrechersyndikaten aufgeteilt. Nennenswerte Konflikte gab es zu dieser Zeit nicht. Doch dann wurde 1923 der selbst für Chicagoer Verhältnisse sensationell korrupte Bürgermeister »Big Bill« Thompson überraschend abgewählt. Sein Nachfolger war William E. Dever, der sich den Kampf gegen das organisierte Verbrechen auf die Fahnen geschrieben hatte.

Dever erschwerte den Banden das Leben. Das simple Prinzip der Bestechung funktionierte unter seiner Ägide längst nicht mehr so reibungslos wie in früheren Jahren. Johnny Torrio und Al Capone beschlossen, den Problemen in Chicago aus dem Weg zu gehen, indem sie einfach einen der Vororte inklusive Polizei und Stadtverwaltung übernehmen würden. Das notwendige Geld stand ihnen dank der glänzenden Geschäfte, die sie während der Prohibition tätigten, im Überfluss zur Verfügung. Ihre Wahl fiel auf die Kleinstadt Cicero.

Die beiden eröffneten dort zunächst ein Bordell. Kurz darauf begleitete Torrio seine Mutter nach Italien. Sie wollte ihren Lebensabend in der alten Heimat verbringen. Torrio übertrug Capone während seiner Abwesenheit die Verantwortung über alle Geschäfte. Dazu zählte auch, Cicero für die Mafia zu erobern. Es war Capones Chance, sich zu beweisen.

Zunächst schleuste er seinen älteren Bruder Frank Capone als Strohmann innerhalb der Stadtregierung von Cicero ein. Seinem Bruder Ralph betraute er mit der Errichtung eines weiteren Bordells, dass sich »Stockade« nannte. Al Capone eröffnete währenddessen das Kasino »Ship« und übernahm die Kontrolle über die Rennbahn in Hawthorne.

Stürmische Wahlen

Capones Eroberung von Cicero ging rasend schnell vonstatten und stieß gewöhnlich auf keinerlei Widerstand. Nur der junge Reporter Robert St. John, der bei der »Cicero Tribune« beschäftigt war, ließ sich auf eine Fehde mit dem fremden Eroberer ein.

Praktisch jede Ausgabe seiner Zeitung enthielt einen Artikel über die krummen Geschäfte des Mafiosi. St. John führte detailliert auf, in welche Händel Al Capone verstrickt war. Capone hatte 1924 einige Kandidaten für die Vorwahlen zum Stadtrat ins Rennen geschickt, deren Ruf durch die permanente Berichterstattung beschädigt wurde.

Am Wahltag wurde es deshalb hässlich. Capones Schläger entführten Wahlhelfer und Wähler der gegnerischen Kandidaten und drohten ihnen Gewalt an, sofern sie ihr Kreuzchen an der falschen Stelle machten.

Der Tod von Frank Capone

Der Polizeichef von Chicago erfuhr von den Vorfällen in Cicero. Er trommelte 79 Beamte zusammen und machte sich auf den Weg in die Nachbarstadt. Die Cops erschienen in Zivil und fuhren in nicht gekennzeichneten Fahrzeugen. Offiziell waren sie unterwegs, um einige Streikbrecher einer Fabrik von Western Electric vor Übergriffen zu schützen. Doch in Wahrheit wollten sie auf ihre Art für geordnete Wahlen in Cicero sorgen. Alle Beamten hielten geladene Schrottflinten griffbereit.

Al und Frank Capone befanden sich zu diesem Zeitpunkt in einem Wahllokal neben dem Fabrikgebäude von Western Electric. Als sie den Konvoi von neun Zivilfahrzeugen sahen, glaubten sie an einen Überfall konkurrierender Banden aus Nord-Chicago. Was sich dann im Einzelnen abspielte, ist umstritten.

Die beteiligten Polizisten sagten aus, dass Frank Capone das Feuer auf sie eröffnet habe. Andere Zeugen beteuerten, Frank Capone sei nicht einmal die Zeit geblieben, die Waffe zu ziehen. Wie auch immer: Binnen Sekunden war sein Körper von Schrotkugeln durchsiebt. Al Capone hingegen konnte unverletzt entkommen.

Der Tod seines Bruders versetzte Al Capone in Rage. Die Lage in Cicero eskalierte. Capone ließ Politiker und Beamte der Stadt entführen und stahl die Wahlurnen. Einer der Politiker wurde ermordet. Als alles vorüber war, hatte Capone in Cicero gesiegt. Doch der Preis, den er dafür zahlte, war hoch. Der Tod seines Bruders würde ihn sein Leben lang verfolgen.

Collins, der Polizeichef von Chicago, setzte die Provokationen fort. Zur Beerdigung von Frank Capone erschienen dieselben 79 Polizisten, die an seiner Ermordung beteiligt waren. Al Capone war wütend. Er stand kurz davor, einen Krieg gegen den gesamten Polizeiapparat von Chicago anzuzetteln. In letzter Sekunde zügelte er sein Temperament.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Capones Selbstkontrolle währte fünf Wochen. Dann schlug Joe Howard, ein Kleinkrimineller, Capones Freund Jake Guzik übel zusammen. Guzik hatte Howard einen Kredit verweigert. Als Capone von dem Überfall erfuhr, ließ er nach Howard fahnden. Seine Männer spürten den Mann in einer Bar auf. Al Capone ging alleine hinein.

Al Capone - Joe Howard
Joseph W. Howard

Joe Howard hatte sich einen denkbar schlechten Moment ausgesucht für seinen Wutausbruch. Und er beging einen weiteren fatalen Fehler. Von Capone zur Rede gestellt nannte er diesen einen spaghettifressenden Zuhälter. Capone schoss Howard ohne Vorwarnung vor allen Leuten in den Kopf.

William H. McSwiggin übernahm als Staatsanwalt die Ermittlungen. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um Al Capone wegen Mordes hinter Gitter zu bringen. Doch die Augenzeugen klagten plötzlich über riesige Erinnerungslücken. Das Ende vom Lied: Obwohl die Bar an diesem Abend gut besucht gewesen war, bestätigte keiner der anwesenden Gäste, Al Capone dort gesehen zu haben. McSwiggin musste die Anklage fallen lassen.

Ein Mann, mit dem zu rechnen ist

Gleichzeitig rückte die Presseberichterstattung über die Ermittlungen den aufstrebenden Mafiosi erstmals ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Tage des diskret im Hintergrund operierenden Capones waren endgültig vorüber.

Al Capone war nun 25 Jahre alt und erst seit vier Jahren in Chicago. Inzwischen war aus ihm ein Mann geworden, mit dem zu rechnen war. Er hatte es zu Wohlstand gebracht, er war einflussreich und er sagte, wo es in Cicero langging. Sowohl für die Ermittlungsbehörden als auch für seine Konkurrenten war er damit zur wandelnden Zielscheibe geworden.

Die Prohibition warf für alle Nutznießer unglaubliche Gewinne ab. Der Profit weckte die Gier auf mehr. Der Frieden unter den Verbrechersyndikaten von Chicago, den Johnny Torrio eingefädelt hatte, bröckelte gewaltig.

Die Ganoven beäugten sich gegenseitig, neideten sich ihre Erfolge, witterten Schwächen beim Gegner, schmiedeten heimliche Allianzen. Alsbald mündeten die Feindseligkeiten in einen offenen Bandenkrieg. Auf den Straßen starben die Gangster, als wäre in Chicago gerade die Pest ausgebrochen.

Dean O’Banion

Chicago glich ab 1924 einem Bürgerkriegsgebiet, in dem es teilweise täglich zu wilden Schießereien auf offener Straße kam. Die rivalisierenden Banden hatten jegliche Hemmungen verloren. Für die Öffentlichkeit war Al Capone der Hauptschuldige an der eskalierenden Gewalt. In Wahrheit mischten eine Reihe anderer zwielichtiger Gestalten in diesem unerbittlichen Kampf um die Vorherrschaft in Chicago mit.

Der Blumenhändler mit dem Dauergrinsen

Zu ihnen zählte Dean O’Banion oder auch Dion O’Banion, es finden sich beide Schreibweisen des Vornamens. O’Banion kontrollierte in weiten Teilen der Stadt sowohl die Produktion als auch den Handel mit illegal gebrautem Bier. Nach außen hin trat er jedoch als Blumenhändler auf. Das Geschäft war nicht bloß Fassade. O‘Banion belieferte beispielsweise alle Beerdigungen von Mafiagrößen mit Kränzen und Blumengebinden.

Im Gegensatz zu vielen anderen Kriminellen seiner Zeit ließ Dean O‘Banion nie den toughen Kerl heraushängen. Er hatte äußerlich etwas Jungenhaftes an sich und er schlug maximal Kapital daraus. Seine penetrant zur Schau gestellte Heiterkeit und übertriebene Höflichkeit wirkte weitaus enervierender als jeder knöchelknackende Finsterling. Jeder wusste, dass O‘Banion ohne den geringsten Anlass einen Menschen tötete. Einfach, weil ihm danach war.

Deshalb besaß sein strahlendes Lächeln, sein ständiges Schultergeklopfe und Händegeschüttel stets etwas Gefährliches. Der Mann konnte jederzeit explodieren und man ahnte nie, wann es einen traf. Der Mann grinste einen an, schüttelte einem die Hand und zog mit der freien Hand einen seiner drei Revolver hervor, die er stets mit sich herumtrug. Sein Schneider hatte ihm für alle Anzüge Extrataschen nähen müssen, in denen er die Waffen unauffällig verstecken konnte.

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Dean O’Banion (links), Hymie Weiss und Joe Aiello

O‘Banion überspannt den Bogen

Doch O‘Banion überspannte zunehmend den Bogen. Er brachte einen Mann um, den er kurz zuvor im »Four Deuces« getroffen hatte. Torrios Hauptquartier. Kurz darauf tauchten die Mordermittler bei Torrio und Capone auf und stellten den Laden auf den Kopf. Johnny Torrio und Al Capone kochten vor Wut.

Dann verfeindete sich Dean O‘Banion obendrein noch mit den Genna-Brüdern, zwei engen Verbündeten von Torrio. Die Gennas hatten billigen Schnaps an Kunden von O‘Banion verkauft. Der finanzielle Schaden für O‘Banion war gering und tat ihm nicht weh. Ihm ging es ums Prinzip. Er ließ eine Wagenladung Fusel verschwinden, die den Genna-Brüdern gehörte. Torrio bemühte sich, die Wogen zu glätten und zwischen den beiden Parteien zu schlichten.

Dean O’Banion bot eine Lösung an. Er würde sich komplett aus dem Schwarzhandel zurückziehen und nach Colorado in den Ruhestand verabschieden – unter einer Bedingung. Johnny Torrio müsse ihm seine »Sieben«-Brauerei zu einem fairen Preis abkaufen.

Was Torrio zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte: O‘Banion hatte Wind davon bekommen, dass die Behörden die illegale Brauerei in naher Zukunft hochgehen lassen würden. Er verabredete mit Torrio, den Kauf direkt vor Ort in der Brauerei abzuwickeln. Als Torrio den Koffer mit dem Geld übergeben hatte, erschien die Polizei und verhaftete alle Anwesenden. Das Geld wurde ebenso wie das Fabrikgebäude beschlagnahmt. 

O‘Banion hatte den großen Johnny Torrio aufs Kreuz gelegt. Er machte die Sache noch schlimmer, als er jedem von der Geschichte erzählte und mit seinem Coup prahlte. Damit war sein Schicksal besiegelt. O‘Banion war untragbar geworden. Erst gefährdete er die Geschäfte, nun betrog er auch noch seine Partner. O‘Banion musste verschwinden.

Der Tod von Dean O‘Banion

Zur selben Zeit verstarb Mike Merlo an Krebs. Merlo war der Vorsitzende der »Unione Siciliana« in Chicago. Die »Unione Sicilana« war eigentlich ein Interessensverband italienischer Einwanderer, aber in Wirklichkeit längst von der Cosa Nostra unterwandert. Zu Merlos Ehren plante man eine große Beerdigung. Die Mafiabosse bestellten Lkw-weise Blumen und Kränze bei O‘Banion.

Al Capone - Mike Merlo
Mike Merlo

Am 10. November 1924, zwei Tage nach Merlos Tod, befand sich O‘Banion in seiner Blumenhandlung und arbeitete an dem Großauftrag. Drei Männer, die verdächtig nach Gangster aussahen, betraten den Laden. O‘Banions Angestellte verließen auf ein Zeichen ihres Chefs hin das Geschäft.

Dean O‘Banion hatte die Besucher erwartet. Er glaubte, sie seien gekommen, um einen Kranz abzuholen. Als er ihnen zur Begrüßung die Hand entgegenstreckte, zog ihn einer der Männer am Arm und brachte ihn zu Fall. Die draußen wartenden Angestellten von O‘Banion hörten sechs Schüsse. Sie rannten in den Laden. Ihr Boss lag in einer Blutlache am Boden. Von den drei Besuchern fehlte jede Spur. 

Heute gilt als gesichert, dass zwei der Attentäter die gefürchteten sizilianischen Auftragskiller John Scalise und Albert Anselmi waren. Unklarheit herrscht nach wie vor darüber, ob es sich bei dem dritten Täter um Frankie Yale handelte. Er befand sich anlässlich der Beerdigung von Mike Merlo in Chicago. Doch möglicherweise war auch Mike Genna, einer der Genna-Brüder, an dem Mordanschlag beteiligt. Keiner der Männer wurde jemals wegen des Verbrechens angeklagt.

Übernahme von O‘Banions Anteilen

Johnny Torrio und Al Capone übernahmen im Handstreich O‘Banions gesamte Beteiligungen an illegalen Machenschaften. Zudem hatten sie sich eines unberechenbaren Konkurrenten entledigt. Sie schienen allen Grund zum Feiern zu haben.

Jedoch lauerte, noch unbemerkt von ihnen, bereits die nächste Gefahr auf sie. Denn während die Polizei noch ratlos grübelte, wer für den Tod von Dean O‘Banion verantwortlich war, wusste O‘Banions Geschäftspartner Hymie Weiss längst Bescheid, wer hinter dem Attentat steckte. Und er schwor den Mördern seines engen Freundes Dean O‘Banion tödliche Rache.

Hymie Weiss

Hymie Weiss hieß eigentlich Henry Earl Wojciechowski. In den USA hatte er seinen Namen zu Weiss verkürzt. Der Spitzname »Hymie« war irgendwie an ihm hängen geblieben. Jeder ging davon aus, dass Weiss ein jüdischer Gangster war. In Wirklichkeit handelte es sich bei Weiss um einen streng gläubigen Katholiken aus Polen.

Al Capone - Hymie Weiss
Hymie Weiss alias Henry Earl J. Wojciechowski

Hymie Weiss wurde in seinem Kampf gegen die italienische Mafia von George »Bugs« Moran unterstützt. Ein labiler und extrem gewaltbereiter Mensch, der seinen Spitznamen der Tatsache verdankte, dass jeder dachte, er sei komplett irre – oder »buggy«, wie es im Englischen hieß.

Im Schutz der Leibwächter

Johnny Torrio war ernsthaft besorgt um sein Leben. Er beschloss, Chicago für eine Weile zu verlassen, und ging nach Hot Springs in Arkansas. Al Capone umgab sich stattdessen mit einer Vielzahl von Leibwächtern und ergriff weitere Sicherheitsmaßnahmen.

Sobald er ein Gebäude verließ, begleiteten ihn zwei Leibwächter, einer auf jeder Seite. Längere Wegstrecken legte er stets im Auto zurück. Er saß auf der Mitte der Rückbank. Die Sitze links, rechts und vor ihm besetzten bewaffnete Bodyguards. Die Fahrten fanden fast ausschließlich im Schutze der Dunkelheit statt. Und dennoch unternahmen Weiss und Moran mehrere Versuche, Capone zu töten.

Der Anschlag auf Johnny Torrio

Im Januar 1925 kehrte Johnny Torrio nach Chicago zurück. Eines Abends erledigte er zusammen mit seiner Frau einige Einkäufe. Er parkte den Wagen vor seiner Wohnungstür 7011 South Clyde Avenue. Seine Frau stieg als Erste aus. Johnny Torrio folgte ihr mit den Einkaufstaschen.

Plötzlich traten zwei Männer aus der Dunkelheit: Hymie Weiss und Bugs Moran. Sie feuerten wild auf das Fahrzeug, in dem sich noch der Chauffeur befand, der das Attentat wie durch ein Wunder überleben sollte. Dann bemerkten Weiss und Moran ihren Irrtum. Sie erkannten Torrio im Licht der Straßenlaterne.

Sie schossen ihm in den Hals und in die Brust, dann in den rechten Arm und die Leistengegend. Schließlich hielt Moran die Waffe an Torrios Schädel und drückte ab. Doch die Patronenkammer war leer. Alles, was zu hören war, war ein lautes metallisches Klicken. Weiss und Moran flüchteten. 

Man brachte den schwer verletzten Johnny Torrio ins Krankenhaus. Aber eine Klinik war ein gefährlicher Ort für einen Gangster. Zu dem Gebäude konnte sich jedermann Zutritt verschaffen. Al Capone riegelte alle Eingänge ab und ließ insbesondere den Flur rund um die Uhr bewachen, auf dem Torrio untergebracht war. Er selbst baute sich ein Feldbett in Torrios Krankenzimmer auf, um an seinem Krankenbett Wache zu schieben.

Torrio macht den Weg frei

Nur vier Wochen später war Johnny Torrio wieder auf den Beinen. Er musste sich wegen des Kaufs der illegalen Brauerei vor Gericht verantworten. Torrio wirkte gebrechlich. Der Anschlag schien ihn verändert zu haben. Seine Selbstsicherheit war wie weggewischt.

Johnny Torrio bekannte sich schuldig. Das Gericht verurteilte ihn zu neun Monaten Haft. Die Gefängnisstrafe war nicht das Problem für Torrio. Er kannte den Sheriff. Ein paar Schmiergelder sorgten dafür, dass der Aufenthalt im Gefängnis eher einem Urlaub in einem Luxushotel glich. Nur der Ausblick war etwas trübseliger.

Doch Torrios Sicht auf die Dinge hatte sich grundlegend verändert. Er sah das Geld, das er im Laufe seines Gaunerlebens angehäuft hatte. Ein wertloses Vermögen, wenn er tot in der Gosse lag. Er wollte aussteigen, solange er seinen Reichtum noch genießen konnte.

Im März 1925 besuchte ihn Al Capone im Gefängnis. Torrio unterrichtete ihn von seinen Plänen. Er würde ins Ausland gehen. Capone würde alle Anteile am Geschäft erben: Nachtklubs, Bordelle, Spielhöllen, Schnapsbrennereien und Flüsterkneipen. Al Capone war mit einem Schlag zum mächtigsten Gangsterboss in Chicago aufgestiegen.

Auf dem Gipfel der Macht

Al Capone trug seinem neuen Status Rechnung. Er bezog sein neues Hauptquartier im luxuriösen »Metropole Hotel«. Die Suite mit fünf Zimmern kostete ihn am Tag 1.500 US-Dollar. Torrios alten Grundsatz, das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen, hatte er längst aufgegeben. Die Erfahrungen mit der Presse in Cicero ließen ihn noch offensiver werden.

Public Relations

Er hatte sich mit dem Zeitungsredakteur Harry Read angefreundet. Dieser riet ihm, wie er den Prominentenstatus am besten für seine Zwecke instrumentalisieren konnte. Niemals verstecken. Immer freundlich zu den Menschen sein. Al Capone zeigte sich in der Folge häufig in der Oper, bei Sport- oder Wohltätigkeitsveranstaltungen. Er gab sich äußerst spendabel und war nahezu omnipräsent.

Die öffentliche Wahrnehmung wandelte sich. So schlimm, wie ihn Polizei, Justiz und Presse immer darstellten, konnte der Mann doch gar nicht sein. Was machte er schon? Er verdiente sein Geld mit schwarz gebranntem Schnaps.

Der Großteil der erwachsenen Bevölkerung trank mehr oder weniger heimlich Alkohol und pfiff auf die Prohibition. Dieser Gesetzesverstoß war in den Augen der meisten Bürger nicht einmal ein Kavaliersdelikt, sondern Zeichen von Zivilcourage wider die staatliche Bevormundung.

Der amerikanische Traum

Doch Capone verwandte seine Energie nicht nur darauf, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Fast täglich fuhr er vor dem Sitz der Stadtverwaltung vor. Er unternahm alles, um für die Politiker greifbar zu sein und ihre Vorbehalte zu zerstreuen. Seht her, ich bin ein ganz vernünftiger Mann. Natürlich flossen nebenbei reichlich Barmittel, um diesen Meinungsumschwung zügig voranzutreiben.

Capone definierte das Rollenbild des Kriminellen völlig um. Die meisten Gangster waren plumpe Schläger wie Frankie Yale, um den jeder, der bei halbwegs klarem Verstand war, einen weiten Bogen machte. Einige wenige waren diskrete Strippenzieher wie Johnny Torrio. Keiner von ihnen würde jemals von der normalen Gesellschaft anerkannt werden.

Doch nun kam ein selbstbewusster Capone in seinen feinen Anzügen und mit seinen gepflegten Manieren um die Ecke. Und er tat alles dafür, dass das Establishment ihn mit offenen Armen empfing. Als wäre er nur ein weiterer neureicher Unternehmer, der den amerikanischen Traum lebte.

Ein Trip nach New York

Im Dezember 1925 kehrte Al Capone in seine Geburtsstadt New York zurück. Eigentlicher Anlass der Reise war eine medizinische Behandlung für seinen Sohn, der unter einer chronischen Mittelohrentzündung litt. Capone verband das Private mit dem Geschäftlichen. Er stattete seinem ehemaligen Boss Frankie Yale einen Besuch ab.

Frankie Yale hatte eine Schmuggellinie aufgebaut, über die er Whiskey von Kanada nach New York einführte. In Chicago war Whiskey knapp. In New York gab es ihn im Überfluss. Capone schlug Yale vor, ihm seine überschüssigen Kontingente abzukaufen und sich einen Weg auszudenken, wie er das Zeug sicher nach Chicago transportierte.

Das Massaker im »Adonis Club«

Nach Abschluss des Geschäfts lud Yale Capone zu einer Weihnachtsparty ein, die im »Adonis Social and Athletic Club« stattfinden sollte. Ein schicker Name für eine weitere Schnapsspelunke. Kurz vor Partybeginn bekam Yale Wind davon, dass ein rivalisierender Gangster namens Richard »Peg-Leg« Lonergan die Feier zusammen mit einigen seiner Schläger sprengen wollte. Yale wollte die Party absagen. Doch Capone beharrte darauf, dass alles wie geplant ablief.

Al Capone - Richard Lonergan
Richard „Peg-Leg“ Lonergan

Als Lonergan mit seinen Leuten gegen drei Uhr morgens auftauchte und seine Show abzog, erlebte er sein blaues Wunder. Von überall stürzten sich in einer konzertierten Aktion Capones Männer auf ihn. Lonergan und seine Schläger hatten keine Chance. Ihnen blieb nicht einmal die Zeit, ihre Waffen zu ziehen. 

Die Schießerei im »Adonis Club« war ein kühl kalkuliertes Massaker. Al Capone wollte in seiner alten Heimat Brooklyn die Muskeln spielen lassen. Auf diese Art teilte er der Unterwelt von New York mit, dass ab nun Chicago an der Spitze der Hierarchie stand. New York kam nur eine untergeordnete Rolle zu. Bisher hatte er als der unangefochtene Mafiaboss von Chicago gegolten. Nun hatte sich Al Capone zum mächtigsten Gangster des gesamten Landes aufgeschwungen.

Capone kehrte Anfang 1926 bester Stimmung nach Chicago zurück. In New York hatte er zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Er hatte seinen Machtanspruch zementiert und er hatte eine neue Schmuggelroute ins Leben gerufen, die alle bisherigen Gewinne nochmals in den Schatten stellen würde.

Der Tod von Billy McSwiggin

Am 27. April 1926 verabredete sich Billy McSwiggin zu einer Partie Poker mit einem Kumpel namens »Red« Duffy. McSwiggin war der Staatsanwalt, der 1924 vergeblich versucht hatte, Capone des Mordes an Joe Howard zu überführen.

Massaker vor dem »Pony Inn«

McSwiggin und Duffy verbrachten den Abend in einer von Capones Spielhöllen. Auf der Rückfahrt hatte ihr Wagen eine Panne. Ein Schnapsbrenner namens »Klondike« O‘Donnell und sein Bruder Myles kamen zufällig vorbei. Sie boten den beiden gestrandeten Männern an, sie mitzunehmen. Die vier Burschen mit irischen Wurzeln fanden, der Abend sei eigentlich noch zu jung für eine Heimkehr zu Frau und Kind. Sie fuhren rüber nach Cicero, um sich in einer Bar volllaufen zu lassen.

Al Capone - William Klondike O'Donnell
William „Klondike“ O’Donnell

Dummerweise waren die O‘Donnell-Brüder von der North Side zutiefst verfeindet mit Al Capone. Ihr Trip nach Cicero auf Mafiagebiet stellte eine Todsünde dar. Die Männer kehrten in einer Kneipe namens »Pony Inn« ein. Al Capone saß ein paar Häuser weiter beim Abendessen. Seine Leute unterrichteten ihn davon, wer in der Stadt aufgekreuzt war.

Al Capone - Myles O'Donnell
Myles O’Donnell

Capone und seine Männer bezogen vor dem »Pony Inn« Stellung. Es war ein wenig wie im Krieg. Sie legten Maschinengewehrnester für ihre Thompson Guns an. Dann warteten sie. Capone ahnte in diesem Moment nicht, dass sich unter den ungeladenen Gästen auch ein Staatsanwalt befand, mit dem er in der Vergangenheit zusammengerasselt war.

Hätte er über dieses Detail Bescheid gewusst, hätten sich die Dinge an diesem Abend vielleicht anders entwickelt. So wurden die Betrunkenen von mehreren Maschinengewehren empfangen, als sie zur Bar hinausschwankten. Al Capone befand sich vermutlich unter den Schützen. Die O’Donnell-Brüder konnten sich retten, doch Billy McSwiggin war tot. 

Die Stimmung kippt

Jeder in Chicago wusste, wer für das feige Attentat die Verantwortung trug. Es war eine Sache, wenn sich ein Staatsanwalt mit einer Bande Ganoven einen hinter die Binde kippte. Es war unpassend, ja. Aber nichts, was den korruptionsgewohnten Einwohnern von Chicago den Schlaf raubte.

Auf einem gänzlich anderen Blatt stand der kaltblütige Mord an einem Vertreter der Ermittlungsbehörden. Das Gesetz und seine ausübenden Organe waren die letzte Bastion, die den Normalbürger vor den schießwütigen Gangstern schützte. Verlor die Mafia den Respekt vor den Gesetzeshütern, war Chicago dem Untergang geweiht.

Al Capone hatte sich mühsam das Image eines sympathischen Wohltäters aufgebaut. Die Ermordung von McSwiggin riss mit einem Schlag die gesamte Fassade nieder. Die Öffentlichkeit verlangte empört, diesem Monster endlich das Handwerk zu legen. Und mit ihm allen anderen mordenden Ganoven, die die Straßen von Chicago in den Schauplatz eines Bürgerkriegs verwandelt hatten.

Doch obwohl die Dinge klar auf der Hand zu liegen schienen, fand die Polizei keinerlei Beweise, die Al Capone mit der Tat in Verbindung brachten. Die aufwendige Untersuchung entwickelte sich zum Desaster. Die Polizeibehörden waren blamiert, die Beamten frustriert. Sie rächten sich auf ihre Weise. Beinahe täglich unterzogen sie Capones Bordelle und Flüsterkneipe einer Razzia. Ein paar der Läden gingen in Flammen auf.

Auf Tauchstation

Al Capone war derweil untergetaucht. 300 Polizisten fahndeten nach ihm. Die Behörden dehnten die Ermittlungen sogar bis ins Ausland nach Kanada und Italien aus. Sie fanden keine Spur von Capone. So weit entfernt hätten sie gar nicht zu suchen brauchen. Zunächst versteckte sich Capone bei einem Freund in Chicago Heights, dann schlüpfte er bei Bekannten in Lansing, Michigan, unter.

Die drei Monate im Untergrund veränderten Al Capone. Von Reue keine Spur. Den Tod von McSwiggin betrachtete er als eine Art Kollateralschaden. McSwiggin war es selber schuld, wenn er sich mit den falschen Leuten am falschen Ort herumtrieb. Al Capone sah sich selbst als eigentliches Opfer.

Hatte er sich nicht als großzügiger Mäzen erwiesen, von dem die Gesellschaft profitierte? Hatte er sich nicht für die Probleme vieler seiner Mitbürger eingesetzt und ihnen tatkräftig geholfen, wo kein anderer ihnen helfen konnte oder wollte? Hatte er nicht Tausenden von Menschen Arbeit verschafft, darunter vielen bettelarmen italienischen Einwanderern, die ansonsten auf der Straße herumgelungert hätten? Und wie dankten die Menschen ihm nun sein selbstloses Engagement?

Al Capone stellt sich

Al Capone züchtete sich sein eigenes Selbstbildnis. Er war nun nicht länger mehr »Scarface«, der erfolgreiche Kriminelle. Er war Märtyrer, visionärer Unternehmer, Patriarch der italo-amerikanischen Gemeinde, Troubleshooter, Friedensstifter und Führungspersönlichkeit in einem. Eine überlebensgroße Figur, reich gesegnet mit Talenten, an denen die Gesellschaft teilhaben sollte.

Capone war sich bewusst, dass er sich nicht den Rest seines Lebens verstecken konnte. So entschied er sich zu einem riskanten, aber kalkulierten Risiko. Er würde sich den Behörden freiwillig stellen. Über Mittelsmänner verhandelte er mit der Polizei von Chicago die Bedingungen aus.

Er würde vor Gericht ziehen und sich eine Armada von Anwälten leisten, die ihn gegen die Vorwürfe verteidigen würden. So wie es jeder andere erfolgreiche amerikanische Geschäftsmann machte, wenn er vom Gesetz verfolgt wurde. Die Menschen würden bald merken, dass die Behörden nur ein Exempel an ihm statuieren wollten und voller Vorurteile gegen Italoamerikaner waren. Die Stimmung würde zu seinen Gunsten kippen, egal wie die Anklage lautete.

Am 28. Juli 1926 kehrte Al Capone nach Chicago zurück. Und wieder verließ er den Ring als Sieger. Denn die Polizei hatte nach wie vor nichts gegen ihn in der Hand. Trotz des öffentlichen Aufschreis kam es zu keinem Prozess. Al Capone verließ das Polizeigebäude als freier Mann. Die Behörden waren machtlos. Capone schien unangreifbar zu sein.

Am Scheidepunkt

Hymie Weiss und Bugs Moran von der North Side trachteten Al Capone immer noch nach dem Leben. Capone unterbreitete Hymie Weiss ein letztes Friedensangebot. Er köderte ihn mit einem lukrativen Geschäft und verlangte im Gegenzug Waffenstillstand. Hymie Weiss lehnte ab. Damit war sein Schicksal besiegelt.

Der Tod von Hymie Weiss

Capone hatte bereits alle Vorkehrungen für ein Attentat getroffen. Mehrere von Capone angeheuerte Auftragskiller hatten zwei Wohnungen in einem Haus neben und gegenüber von »Schofield‘s Blumenladen« bezogen. Hier war Dean O‘Banion gestorben. Hier sollte Hymie Weiss sterben.

Am 11. Oktober 1926, nur einen Tag nachdem er Capones Angebot zurückgewiesen hatte, nahmen die gedungenen Schützen Hymie Weiss ins Kreuzfeuer, sobald er das Geschäft verließ. Weiss wurde von zehn Schüssen getroffen. Er erlag im Krankenhaus seinen schweren Schussverletzungen und verstarb im Alter von 28 Jahren.

Waffenstillstand

Wie üblich konnte die Polizei nur die Leichen einsammeln, ohne einen Tatverdächtigen dingfest zu machen. In der Öffentlichkeit brodelte es. Als Capone der Westküste einen Besuch abstattete, verfolgten Polizeibeamte ihn auf Schritt und Tritt. Der Polizeipräsident von Los Angeles diktierte den Reportern in ihre Schreibblöcke: »Al Capone ist hier nicht willkommen, weder als ‚Geschäftsmann‘ noch als Privatperson.«

Zurück in Chicago musste Capone dort ähnliche Schikane erdulden. Die Polizei machte ihm den Alltag so unangenehm wie möglich. Selbst kleinste Regelverstöße wurden nun geahndet. Capone versuchte, die Wogen zu glätten. Um Weihnachten herum lud er Reporter zu sich nach Hause ein. Bei Spaghetti erläuterte ihnen seine Sicht der Dinge.

Er kündigte ein Ende der Bandenkriege an. Keinen weiteren Schießereien auf den Straßen. Keine neuen Toten. Die Morde, die bereits geschehen waren, würden nicht mehr gerächt. Einige Wochen blieb es tatsächlich still. Dann fand man die Leiche von »Tony dem Griechen«, mit bürgerlichen Namen Theodore Anton. Anton war einer der engsten Freunde von Capone gewesen.

Im Würgegriff der bösen Jungs

Al Capone war deprimiert. Niemand würde dem Morden Einhalt gebieten können, auch er nicht. Er äußerte gegenüber Reportern, dass er darüber nachdenke, sich komplett zurückzuziehen. Capone dämmerte, dass auch er sich wie seine Konkurrenten jederzeit eine Kugel einfangen könnte. Er suchte sich einen Rückzugsraum, der ihn aus der unmittelbaren Schusslinie brachte, und fand ihn in Florida.

Von dort aus zog er weiterhin an den Strippen der Macht. 1927 standen in Chicago Bürgermeisterwahlen an. Der korrupte »Big Bill« Thompson trat erneut gegen William Dever an. Das organisierte Verbrechen unterstützte die Wahlkampagne des Herausforderers mit üppigen Spendengeldern.

Thompson siegte schließlich. Devers Reformprogramm war am Ende. Capone konnte aufatmen. Die Schikanen der Polizei hatten ein Ende. Chicago gehörte wieder ihm. Die Mafia konnte ungestört ihren Geschäften nachgehen. Es sah so aus, als würden die bösen Jungs die Stadt für immer im Würgegriff behalten.

Manny Sullivan

Doch im Mai 1927 zeigte sich ein schmaler Hoffnungsschimmer am Horizont. Der Oberste Gerichtshof entschied, dass ein Alkoholpanscher namens Manny Sullivan eine ordentliche Steuererklärung abzugeben habe, die auch seine Einnahmen aus illegalen Geschäften umfasste.

Eigentlich garantierte die amerikanische Verfassung jedem Bürger das Recht, die Aussage zu verweigern, sofern er sich dadurch selbst einer Straftat bezichtigte. In diesem Fall sahen die Bundesrichter es aber augenscheinlich anders. Dieses Recht durfte nicht dafür missbraucht werden, Papa Staat Steuergelder vorzuenthalten.

In der amerikanischen Steuerbehörde IRS formierte sich unter der Leitung von Elmer Irey eine kleine Gruppe von Steuerfahnder, die genau diese Rechtssprechung nutzen wollte, um all den Profiteuren der Prohibition auf den Leib zu rücken. Und das lohnendste Ziel war zweifelsohne Al Capone, der zu diesem Zeitpunkt keinen blassen Schimmer hatte, wer Manny Sullivan oder Elmer Irey waren.

Miami

Al Capone baute sich ab 1927 ein neues Refugium in Miami auf. Die Winter waren deutlich angenehmer als in Chicago, der Empfang dennoch unterkühlt. Capones Ruf war ihm längst bis ans andere Ende des Landes vorausgeeilt. In den folgenden Jahren bemühte er sich dennoch, in die Gesellschaft von Miami aufgenommen zu werden. Immerhin pflasterten hier keine Leichen seinen Weg. Die Schießereien fanden nach wie vor in Chicago statt, nicht in Florida.

93 Palm Island

Capone bezog zunächst zusammen mit Frau und Kind ein riesiges Anwesen zur Miete. Dann schaute er sich nach einem eigenen Haus um. Über einen Strohmann kaufte er eine Villa mit 14 Zimmern auf Palm Island. Der bekannte Bierbrauer Clarence Busch hatte das Haus ursprünglich errichtet.

In den kommenden Monaten investierte Capone ein kleines Vermögen, um das Anwesen zur Festung auszubauen. So ließ er die Mauern mit Betonwänden verstärken und überall zentimeterdicke Holztüren einsetzen. Wer einen Blick auf die nach wie vor existierende Villa werfen will: Spiegel-Online hat einen Bericht mit einer ausführlichen Fotostrecke veröffentlicht.

Der Kauf der teuren Immobilie weckte das Interesse der Steuerfahnder. Elmer Irey setzte seinen Mitarbeiter Frank J. Wilson auf Capone an. Er sollte Capones Einnahmen und Ausgaben dokumentieren. Die Aufgabe war alles andere als einfach. Al Capone wickelte praktisch alle Geschäfte in bar oder über Mittelsmänner ab.

Es gab eine Ausnahme: die Immobilie auf Palm Island. Hier wurden etliche größere Beträge per Vertrag und Rechnung erledigt. Die Summen, um die es dabei ging, setzten voraus, dass Capone ein beträchtliches Einkommen zur Verfügung stand. Für die Steuerfahndung ergab sich daraus ein guter Ansatzpunkt, um weitere Ermittlungen anzustellen.

Bomben in Chicago

Auch an anderer Front formierte sich neuer Widerstand. Die US-Regierung ernannte George Emmerson Johnson zum neuen Bundesanwalt in Chicago. Johnson war Teil eines Netzwerkes der etablierten Familien im Mittleren Westen. Denen war der Emporkömmling aus einer italienischen Zuwandererfamilie ein Dorn im Auge. Er war keiner von ihnen und sollte es auch niemals werden. George Johnson setzte Al Capone in den kommenden Jahren unerbittlich nach.

Gründe für Ermittlungen lieferte ihm das organisierte Verbrechen in Chicago zur Genüge. Im Frühjahr 1928 standen wieder einmal Wahlen an, die in Chicago von einer neuerlichen Eskalation der Gewalt begleitet wurden. Es gab zahlreiche Anschläge und Bombendrohungen. Doch dieses Mal zählten nicht Gangster, sondern hochrangige Politiker wie beispielsweise der US-Senator Charles Deneen zu den Opfern.

Vermutlich steckte der korrupte Bürgermeister Bill Thompson hinter der Anschlagsserie, da die Opfer der Attentate alles Personen waren, die zu seinen erbitterten Gegnern zählten. Al Capone, der zu der Zeit in Florida weilte, war da nur der willkommene Sündenbock, dem man die Morde in die Schuhe schieben konnte.

Der Tod von Frankie Yale

Al Capone war mit anderen Problemen beschäftigt. Sein langjähriger Geschäftspartner und ehemaliger Frankie Yale betrog ihn. Zu diesem Schluss kam zumindest Al Capone, als auf der Schmuggelroute von New York nach Chicago immer mehr Lkws mit Schnaps verschwanden. Capone gab den Mord an seinem Kompagnon in Auftrag.

Am 1. Juli 1928, einem Sonntag, hielt sich Frankie Yale im »Sunrise Club« Ecke 14th Avenue und 65th Street auf. Ihm gehörte die Bar. Gegen Mittag erhielt er dort einen mysteriösen Anruf. Der Anrufer behauptete, Yales neuer Ehefrau ginge es nicht gut. Yale schlug das Angebot eines seiner Männer aus, ihn zu fahren. Stattdessen eilte er zu seinem brandneuen, kaffeebraunen Lincoln Coupé.

Als er auf der New Utrecht Avenue an einer Ampel hielt, kam neben ihm eine schwarze Buick-Limousine zum Stehen. In dem Wagen befanden sich vier Männer. Die Männer waren bewaffnet. Sie trugen Revolver, abgesägte Schrotflinten und eine Maschinenpistole, eine sogenannte Tommy Gun. Yale hatte sich zwar eine Panzerplatte in den Lincoln einbauen lassen, aber auf kugelsichere Fensterscheiben verzichtet. Frankie Yale trat das Gaspedal durch.

Die Wagen lieferten sich auf der New Utrecht Avenue eine Verfolgungsjagd. Yale bog in die 44th Street ab. Der Buick war ihm dicht auf den Fersen und konnte ihn schließlich überholen. Die Männer durchsiebten den Lincoln. Der tödlich getroffene Frankie Yale verlor die Kontrolle über den Wagen und raste in die Veranda des Sandsteinhauses Nummer 923. 

Lexington Hotel

Im selben Sommer kehrte Al Capone wieder nach Chicago zurück. Er verlegte sein Hauptquartier ins luxuriöse Lexington Hotel. Dort mietete er für sich und seine Männer zwei komplette Etagen an. Er selbst lebte wie ein Fürst in einer Suite mit sechs Zimmern und einer eigenen Küche. Er ließ Geheimtüren einbauen, sodass er im Bedarfsfall das Hotel unbemerkt verlassen konnte.

Al Capone wurde zunehmend klar, dass die Prohibition sich ihrem Ende zuneigte. Die Zeit des großen Geldverdienens war vorbei. Wer in Zukunft überleben wollte, musste sich neue einträgliche Einnahmequellen schaffen.

Doch noch war die alte Quelle nicht versiegt. Und Capone plante seinen nächsten Coup, um die alleinige Kontrolle über dieses Kapital zu erlangen. Die Planungen sollten schließlich in einem der berühmtesten Verbrechen der amerikanischen Kriminalgeschichte münden – dem Valentinstag-Massaker.

Bugs Moran und das Massaker am Valentinstag

In Chicago war Al Capone noch ein letzter Konkurrent um die Vormachtstellung in der Stadt verblieben. George »Bugs« Moran hatte bereits zwei Versuche unternommen, seinen Widersacher zu töten. Capone beschloss, sich dieses Problem vom Hals zu schaffen – so nimmt man zumindest an.

Denn zum Mythos dieses Verbrechens gehört dazu, dass man bis heute nicht weiß, wer bei diesem Massaker die Schützen waren und wer das Verbrechen genau geplant hat. Was man kennt, sind die Opfer, der Tatort, die Durchführung der Tat sowie den mutmaßlichen Auftraggeber – Al Capone.

Eine tödliche Falle

Im Vorfeld des Anschlags hatte jemand Bugs Moran ein verlockendes Angebot unterbreitet. Der Strohmann hatte eine große Menge besten Whiskeys zu einem sehr günstigen Preis zu verkaufen. Moran willigte ein und wollte das Geschäft in einer Garage 2122 North Clark Street durchziehen. Offiziell residierte hier die »S.M.C. Cartage Company« – eine Scheinfirma, die Moran gehörte.

Die Übergabe war für Donnerstag, den 14. Februar 1929, vereinbart. Zum verabredeten Termin morgens um halb elf fuhren zwei Wagen vor der Garage vor. Zwei Streifenbeamten in Uniformen und zwei Beamte in Trenchcoats stürmten in die Halle. Die sieben anwesenden Alkoholschmuggler gingen von einer Razzia aus.

Die vermeintlichen Polizeibeamten wiesen sie an, sich nebeneinander vor einer Mauer aufzustellen, mit erhobenen Händen und Gesicht zur Wand. Die Schmuggler gehorchten. Im nächsten Moment griffen die angeblichen Polizisten zu zwei Maschinengewehren und zwei abgesägten Schrotflinten. Die sieben Männer starben an Ort und Stelle.

Um die Scharade komplett zu machen, hoben die zwei Männer in Trenchcoats nun ihre Arme und ließen sich von ihren »Kollegen« nach draußen abführen. Jeder, der die Szene beobachtete, musste zu dem Schluss kommen, dass die Polizei nach einem Schusswechsel zwei Alkoholschmuggler verhaftet hatte. 

Das eigentliche Ziel verfehlt

Wie sich später herausstellte, waren die Uniformen und die Polizeifahrzeuge, mit denen die Täter entkamen, zuvor gestohlen worden. Das Massaker war nach einem minutiösen Plan abgelaufen. Doch ein entscheidendes Detail hatten die Täter dabei übersehen.

Die Polizei, die Presse und die Öffentlichkeit gingen davon aus, dass George Moran das eigentliche Ziel des Anschlags gewesen war. Doch dieser befand sich nicht unter den Toten. »Bugs« Moran hatte sich an diesem Tag einige Minuten verspätet. Als er die beiden vermeintlichen Polizeifahrzeuge vorfahren sah, wendete er sofort und flüchtete.

Es brauchte bei der Polizei keinen Sherlock Holmes, um herauszufinden, wer von einem Tod Morans am meisten profitiert hätte. Doch es war wie bei so vielen Ermittlungen gegen Capone zuvor: Es gab keinerlei Beweise, die ihn mit dem Verbrechen in Verbindung brachten.

Wasserdichte Alibis

Während der Tat weilte Capone etliche Tausend Kilometer entfernt in seinem Haus in Miami Beach. Auch sein Vertrauter Jack McGurn, den die Polizei als Drahtzieher des Anschlags im Verdacht hatte, konnte ein wasserdichtes Alibi vorweisen.

Er hatte sich an dem Tag mit seiner Freundin Louise Rolfe in einem Hotel eingemietet. McGurn war clever genug, seine Geliebte anschließend zu heiraten. So konnte sie nicht gezwungen werden, gegen ihren Mann auszusagen.

Erneut kam es zu keiner Anklage. Die Mörder konnten nie zweifelsfrei identifiziert, geschweige denn gefasst werden. Und Capone stand mit lupenreiner Weste als großer Profiteur dar. Denn auch wenn Moran nicht tot war – er büßte nach dem Anschlag deutlich an Macht ein.

Doch die spektakuläre Bluttat läutete auch Capones Untergang ein. Al Capone war den entscheidenden Schritt zu weit gegangen. Das Valentintags-Massaker bestimmte die Schlagzeilen im gesamten Land. Der mutmaßliche Drahtzieher des Verbrechens wurde von nun an als Staatsfeind Nummer eins betrachtet.

Staatsfeind Nummer eins

Das Valentinstag-Massaker katapultierte Al Capone über Nacht ins Bewusstsein der gesamten amerikanischen Öffentlichkeit. Die Zeitungen im ganzen Land schrieben über ihn. So einen Gangster hatte Amerika nie zuvor gesehen. Die Menschen waren brutale Schlägervisagen, tumbe Taugenichtse und kaputte Außenseitertypen gewohnt. Nun trat ihnen ein elegant gekleideter, gewitzter Bursche entgegen, der einen erlesenen Geschmack pflegte und von bemerkenswerter Dreistheit war.

Während seine Leute reihenweise Menschen abmurksten, hockte er seelenruhig zu Hause bei Frau und Kind in einer der teuersten Villengegenden von Miami und tat so, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. In seinen Interviews ließ er den Selfmade-Millionär heraushängen, der es alleine dank Fleiß und Disziplin bis ganz nach oben geschafft hatte. Nebenbei erklärte er den Jungs von der Wall Street noch, wie die Dinge im richtigen Geschäftsleben liefen. Dieser Bursche ließ niemanden kalt. Jeder hatte alsbald eine Meinung zu Al Capone.

Der Präsident greift ein

Capone genoss seinen Ruhm in vollen Zügen. Er engagierte sogar einen Presseagenten, um die unzähligen Medienanfragen zu koordinieren. Doch er schätzte die Lage vollkommen falsch ein. Die meisten Menschen bewunderten ihn nicht. Sie hatten für ihn ähnlich viele Sympathien übrig wie für ein tollwütiges Tier. Und er rief mit seiner eitlen Selbstdarstellung nun endgültig die falschen Gegner auf den Plan.

US-Präsident Herbert Hoover war so angewidert, dass er alle Bundesbehörden anwies, Mr. Capone und seine Verbündeten so schnell wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen. Anfang März 1929 fragte Hoover seinen Finanzminister Andrew Mellon, wie die Ermittlungen der Steuerbehörde im Fall Capone vorankamen. Noch reichten die Beweise nicht für eine Anklage. Doch der Finanzminister nahm die Frage als Anlass, den Druck zu erhöhen.

Al Capone - Herbert Hoover
Präsident Herbert Hoover

Neue Ermittlungsgruppe um Eliot Ness

Elmer Irey und die Steuerfahndung blieb weiter an dem Fall dran. Doch darüber hinaus setzte Andrew Mellon ein Team junger ehrgeiziger Agenten des Bundesschatzamtes auf Al Capone an. Sie sollten Beweise dafür finden, dass Capone gegen die Bestimmungen des Prohibitions-Gesetzes verstieß. Zum Leiter dieser Ermittlungsgruppe ernannte er Eliot Ness. Die Koordination beider Ermittlungsgruppen vertraute er US-Bundesanwalt George Johnson an, Capones Erzfeind.

Al Capone - Eliot Ness
Eliot Ness

Finanzminister Mellon hegte insgeheim Zweifel, dass man dem cleveren Capone irgendwelche schwerwiegenden Verstöße gegen das Strafrecht nachweisen konnte. Seine Hoffnungen ruhten vielmehr darauf, dass sich so ein immenses Vermögen, wie es Capone durch die Prohibition angehäuft hatte, kaum verschleiern ließ.

Mellon war überzeugt, dass dem mächtigen Mafiaboss letztlich die Rechtssprechung im Fall Manny Sullivan zum Verhängnis würde. Steuerhinterziehung wurde zwar nicht wie Mord geahndet. Die Strafen, die das Gesetz vorsah, waren aber dennoch sehr empfindlich. Sie würden Capone lange hinter Gittern bringen.

Al Capone - Andrew Mellon
Finanzminister Andrew Mellon

Das Treffen von Atlantic City

Al Capone hatte von diesen Entwicklungen keinen blassen Schimmer. Erst im Mai 1929 bekam er eine Ahnung, welche Gegner er sich inzwischen eingehandelt hatte. In diesem Monat reiste er zu einem Treffen nach Atlantic City, wo sich Vertreter der mächtigsten Verbrechersyndikate des Landes trafen. Hier wurde die Zeit nach der Prohibition geplant.

Dazu teilten sie die USA in »Interessensgebiete« auf. Jeder Clan bekam eine Region zugeschlagen, in dem er das alleinige Sagen hatte. Eine Kommission, die sich aus den einflussreichsten Mafiabossen zusammensetzte, sollte zukünftig Konflikte zwischen den verschiedenen Syndikaten schlichten und eventuell notwendige Sanktionen verhängen.

Wer sich nicht an die Maßgaben der Kommission hielt, legte sich von nun an mit der gesamten Cosa Nostra an. Bandenkriege gehörten damit der Vergangenheit an. Sie schadeten dem Geschäft. Die amerikanische Mafia fusionierte, um ihre erreichte Machtposition zu stärken und auszubauen.

Die anwesenden Mitglieder ernannten Johnny Torrio zum ersten Vorsitzenden der Kommission. Torrio war inzwischen wieder aus seinem italienischen Exil zurückgekehrt. Seit der Machtergreifung von Benito Mussolini machte das faschistische Regime Jagd auf die sizilianische Mafia. Torrio war nicht länger erwünscht in Italien gewesen.

Al Capone - Johnny Torrio
Johnny Torrio, 1936

Für Al Capone lief das Treffen weniger zufriedenstellend als für Torrio. Die übrigen Mafiabosse fürchteten seine Macht und neideten ihm seinen Erfolg. Sie verlangten von ihm, dass er sein kriminelles Imperium an Torrio übergeben solle, damit dieser es nach seinem Gutdünken aufteile. Capone hatte allerdings nicht die Absicht, dem nachzukommen. Der erste Streitfall, mit dem sich die Kommission auseinanderzusetzen hatte, war also bereits vorprogrammiert.

Im Räderwerk der Justiz

Nach dem Treffen reiste Al Capone nach Philadelphia weiter und besuchte am Abend eine Kinovorstellung. Als der Film vorüber war, empfingen ihn draußen zwei Polizeibeamte. Sie durchsuchten ihn und fanden eine Handfeuerwaffe – ein ausreichender Grund für eine Festnahme.

Al Capone
Al Capone bei seiner Verhaftung

Nun ging alles rasend schnell. Der Staatsanwalt reichte sofort Anklage ein. Nur 16 Stunden nach seiner Verhaftung hatte das Gericht Al Capone zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, die er im Eastern Penitentiary in Philadelphia absitzen musste. Spätestens zu diesem Zeitpunkt musste es Capone dämmern, dass die Ermittlungsbehörden es auf ihn abgesehen hatten. Hier hatte das ansonsten komplizierte Räderwerk der Strafverfolgung nur allzu reibungslos funktioniert.

Al Capone - Gefängnis
Gefängniszelle von Al Capone in Philadelphia

Capone betraute seinen Bruder Ralph, Jake Guzik und Frank »The Enforcer« Nitti mit der Leitung seiner Geschäfte. Am 16. März 1930 wurde Capone nach neun Monaten Haft vorzeitig wegen guter Führung entlassen. Nur eine Woche später veröffentlichte die Chicago Crime Commission eine Liste mit den Namen von Al Capone und seinen Verbündeten Ralph Capone, Frank Rio, Jack McGurn und Jake Guzik.

Most Wanted

Bei der Chicago Crime Commission handelte es sich um eine Bürgerinitiative, die sich dem Kampf gegen Korruption und das organisierte Verbrechen in ihrer Heimatstadt verschrieben hatte. J. Edgar Hoover, Direktor des FBI, war immer interessiert daran, das Image seiner jungen Behörde durch medienwirksame Inszenierungen aufzupolieren. Als er die Liste zu Gesicht bekam, brachte sie ihn auf eine folgenreiche Idee.

Al Capone - J. Edgar Hoover
J. Edgar Hoover, 1924

Er fertigte mit den Konterfeis von Al Capone und seinen Kumpanen einen Steckbrief an, den er »Die zehn meistgesuchten Verbrecher des Landes« nannte – bis heute eine Institution in den USA. Nun hing Capones Porträt in jedem öffentlichen Gebäude in den Vereinigten Staaten aus.

Eliot Ness und die „Unbestechlichen“

Ausgerechnet Al Capone galt nun als »Staatsfeind Nummer eins«, obwohl er so viel Mühe darauf verwendet hatte, als angesehenes Mitglied dieser amerikanischen Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Capone fühlte sich gedemütigt und zutiefst beleidigt. Doch dies war alles nur das Vorgeplänkel. Zum wirklich vernichtenden Schlag holten seine Gegner gerade erst aus.

Im März 1930, als Al Capone aus der Haft entlassen wurde, tüftelte Elmer Irey zusammen mit Eliot Ness einen Schlachtplan aus, wie man schneller an Informationen herankam, um den Mafiaboss endgültig zu Fall zu bringen. Denn würde man so fortfahren wie bisher, konnten sich die Ermittlungen noch Jahre hinziehen.

Ein Insider-Job

Die beiden Beamten spielten mit dem Gedanken, einen Undercover-Agenten in Capones Organisation einzuschleusen. Elmer Irey tarnte sich als Handelsvertreter und lungerte zwei Tage in der Hotellobby des »Lexington« herum. Er wollte ein Gespür dafür bekommen, mit welchem Menschenschlag sich Capone umgab. Ihm wurde rasch klar, dass nur waschechte Kriminelle in diesem Zirkel akzeptiert wurden.

Doch wer kam für diesen Part infrage? Die Wahl fiel schließlich auf den Agenten Michael J. Malone. Er galt als begnadeter Schauspieler, der sich praktisch jeder Umgebung und jedem Milieu anzupassen vermochte. Zudem hatte der Bursche Nerven wie Drahtseile und einen messerscharfen Verstand.

Malone kam zupass, dass er einen südländischen Teint besaß. Man würde ihm den Italoamerikaner abkaufen. Die Bundesbeamten strickten an einer glaubhaften Scheinidentität. Demnach war Malone ein kleiner Schutzgeldeintreiber aus Brooklyn namens De Angelo, der sich nach neuen lukrativen Möglichkeiten umschaute.

Malone alias De Angelo mietete sich im »Hotel Lexington« ein und setzte sich an die Bar. Er wartete ab, bis ein paar von Capones Schlägern von sich aus das Gespräch mit ihm suchten. Sie horchten ihn aus. Woher er kam. Was er vorhatte. De Angelo lieferte die richtigen Antworten.

Ein paar Tage später luden ihn seine neuen Bekannten zu einer Party ein. Al Capone war ebenfalls anwesend. Capone bildete sich viel auf seine Menschenkenntnis ein. Er checkte den Neuankömmling und fiel auf dessen Maskerade herein. Man schusterte ihm einen Job als Croupier in einem von Capones Spielklubs zu.

Der tote Doppelagent

Wie lebensgefährlich dieser Undercover-Einsatz sein konnte, erlebten die Agenten um Elmer Irey wenig später. Sie hatten vorsichtig Kontakt zu einem Reporter der »Chicago Tribune« aufgenommen, der mit Al Capone freundschaftlich verkehrte. Weder der Reporter Alfred „Jake“ Lingle noch Capone machten öffentlich einen Hehl daraus, dass sie sich gut kannten. Im Gegenteil, sie brüsteten sich sogar damit.

Dennoch ließ Lingle erkennen, dass er zur Kooperation mit den Steuerfahndern bereit war. Vermutlich war dies für ihn weniger eine Gewissensfrage. Ihn reizte schlichtweg der Gedanke, als Spion in geheimer Mission tätig zu sein. Am 10. Juni 1930 war ein Treffen zwischen Lingle und Agenten der Steuerfahndung anberaumt. Am Tag zuvor fand man die Leiche des Reporters. In seinem Kopf steckte eine Kugel.

Wie üblich weilte Al Capone weit entfernt vom Tatort in Miami. Seine Botschaft kam dennoch an. Capone sah alles, wusste alles und handelte ohne jegliche Skrupel. Die Steuerfahnder vermuteten, dass Lingle seinen Kontakt zu den Behörden selber ausgeplaudert und sich Capone als Doppelagent angedient hatte. Freundschaft war für Capone jedoch gleichbedeutend mit absoluter Loyalität. Gegen diesen Kodex hatte Lingle verstoßen und war damit zur akuten Gefahr geworden.

Suppenküche

Ende 1930 versuchte Capone nochmals, die öffentliche Stimmung für sich zu gewinnen. Er eröffnete in Chicago eine kostenlose Suppenküche für Bedürftige, die dreimal täglich Mahlzeiten ausgab. Die Stadt litt wie das gesamte Land unter den Folgen des Börsencrashs und der Wirtschaftskrise.

Capone hoffte, durch diese Aktion die einfachen Leute auf seine Seite zu ziehen. Schließlich hatte er vielen Tausenden von ihnen in den vergangenen Jahren Arbeit verschafft. Die hungrigen Menschen nahmen sein Essen, sahen in ihm inzwischen aber nur noch einen weiteren reichen Geldsack, der den Hals nie voll genug bekam, während sie und ihre Familien darben mussten.

Ralph Capone vor Gericht

Der Mafiaboss von Chicago musste einen weiteren empfindlichen Rückschlag hinnehmen. Die Steuerbehörde IRS hatte im Sommer 1930 gegen seinen Bruder Ralph Capone Anklage wegen Steuerhinterziehung erhoben. Sie hatten ihn mitten während eines Boxkampfes in Handschellen aus dem Publikum abführen lassen.

Ralph war nicht annähernd so clever wie sein Bruder, wenn es darum ging, sein Vermögen zu verschleiern. Ralph Capone war schlampig, gierig und dumm. Damit war er ein natürliches Ziel für Eliot Ness, der seine Telefone abhörte, und für die Agenten der Steuerfahndung. Auch Capones Vertraute Frank Nitti und Jake Guzik mussten sich aufgrund dieser umfassenden Untersuchung vor einem Finanzgericht verantworten.

Unmittelbar vor Prozessbeginn im Oktober 1930 bekam Malone alias De Angelo Wind davon, dass die Mafia Anschläge auf Zeugen der Anklage plante. Auch einzelne Agenten des Bundesschatzamtes und der Steuerfahndung waren Al Capone inzwischen namentlich bekannt. Er hatte hohe Kopfgelder ausgesetzt.

Elmer Irey ließ den Personenschutz der Bundeszeugen massiv verstärken. Alle Agenten bewegten sich von nun an nur noch bewaffnet in der Öffentlichkeit. Der Prozess gegen Ralph Capone fand schließlich ohne Zwischenfälle statt und mündete in seiner Verurteilung.

Der entscheidende Hinweis

Den entscheidenden Hinweis, der Capone schließlich zu Fall bringen sollte, stammte wiederum vom Undercover-Agenten De Angelo. Er hatte sich mit einem von Capones Helfern angefreundet, der eines Tages über die »Deppen« von der Steuerfahndung lästerte. Sie hätten längst schon alle Beweise gegen Capone in der Hand, um den Boss fertigzumachen. Doch sie wären zu blöd, sie zu deuten, behauptete der Mann.

Es stellte sich heraus, dass den Behörden bei einer Razzia im »Hawthorne Hotel« in Cicero unter anderem mehrere Kontobücher von Capones Organisation in die Hände gefallen war. Die Bücher dokumentierten für die Jahre 1924 bis 1926 lückenlos die Einnahmen und Ausgaben einer Reihe illegaler Aktivitäten in Cicero, nachdem Capone die Stadt übernommen hatte.

Die Kontobücher befanden sich tatsächlich im Besitz des IRS, wie Elmer Irey feststellte. Doch die Unterschriften der Buchhalter waren unleserlich. Die Handschriften ließen sich auch keinem der Männer zuordnen, die aktuell in Diensten von Capone standen.

Irey war deprimiert. Vermutlich hatte Capone die Buchhalter sofort beseitigen lassen, als die Razzien stattgefunden hatten. So viel stand fest: Capone verlor keine Zeit, wenn es um seine Interessen ging.

Die Buchhalter

Als Michael Malone von dem Problem erfuhr, beschloss er, aufs Ganze zu gehen. Er sprach seinen Bekannten erneut auf die Bücher an. Er fragte ihn geradeheraus, ob man sich seinerzeit um die Buchhalter »gekümmert« habe. Malones Leben hing an einem seidenen Faden. Falls der Ganove misstrauisch wurde, war sein Leben keinen Pfifferling mehr wert.

Stattdessen antwortete ihm der Gangster, dass die Buchhalter im Anschluss an die Razzia nur die Stadt hätten verlassen müssen. Es kam noch besser. Er verriet seinem vermeintlichen Kumpel De Angelo sogar ihre Namen: Leslie Shumway und Fred Reis.

Anfang 1931 konnte die Steuerfahndung schließlich Shumway und Reis auftreiben. Fred Reis lebte in Peoria, Illinois. Shumway hatte es nach Miami verschlagen, wo er auf einer Rennbahn arbeitete. Witzigerweise suchte Capone diese Rennbahn regelmäßig auf, ohne zu ahnen, dass sich sein ehemaliger Buchhalter dort aufhielt.

Elmer Irey konnte die beiden Kronzeugen davon überzeugen, mit den Behörden zu kooperieren. Man brachte die Männer in sicheren Verstecken unter und stellte mehrere Beamte ab, die sie rund um die Uhr bewachten. Die Schlinge um Capones zog sich immer weiter zu.

Eliot Ness

Auch Eliot Ness war in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben. Es war zwar wie erwartet schwierig, Beweise zu finden, die Al Capone persönlich direkt mit Gesetzesverstößen in Verbindung brachten. Doch Ness und seine Agenten, die als »die Unbestechlichen« in die Geschichte eingehen sollten, setzten dem Mafiapaten anderweitig schwer zu.

Al Capone - Eliot Ness
Eliot Ness

Dank der massiven Telefonüberwachung sammelten sie jede Menge Erkenntnisse über Capones geschäftliches Netzwerk. Sie erfuhren die genauen Standorte von Brauereien, Destillerien und Lagerhäusern sowie die Lieferrouten.

Die Informationen genügten den Beamten, um Durchsuchungsbeschlüsse für die verschiedenen Objekte zu erwirken. Jede Schließung bedeutete empfindliche finanzielle Einbußen für Capones Organisation. Er musste die Schmiergelder für die Polizei kürzen und war die meiste Zeit damit beschäftigt, für neuen Nachschub zu sorgen, damit seine Kneipen nicht auf dem Trocknen saßen.

Die Sache zwischen Eliot Ness und Al Capone wurde zunehmend persönlich. Ness schwang sich auf einen Lkw, der mit einem Schneepflug zum Rammbock umfunktioniert worden war. Während die Presse Fotos machte, rammte er die Tore von Capones Hauptbrauhaus in der South Wabash Avenue nieder. Capone revanchierte sich und schickte ihm seine Killer auf den Hals. Einer der »Unbestechlichen« kam dabei ums Leben.

Eine öffentliche Demütigung

Ness schäumte vor Wut und wollte Capone im Gegenzug vor aller Öffentlichkeit demütigen. Bei den Razzien hatten die Beamten 45 Lkws aus Capones Besitz sichergestellt. Bei den meisten Fahrzeugen handelte es sich um Neuwagen. Die Behörden planten, die Wagen in einer öffentlichen Auktion zu versteigern. Ness nutzte den Transfer zum Auktionsplatz für ein großes Spektakel.

Er ließ alle Wagen auf Hochglanz polieren. Als die Fahrer die Lkws bestiegen, rief Ness im »Hotel Lexington« an. Er teilte Capone mit, dass er um Punkt elf Uhr einen Blick aus seinem Fenster werfen sollte.

Al Capone musste ohnmächtig mit ansehen, wie seine Fahrzeugflotte vorüberparadierte. Sie stand stellvertretend für all die Millionen Dollar, die er in den vergangenen Monaten verloren hatte. Doch die Jäger hatten noch längst nicht genug.

Ein letzter Deal

Die Ermittler gerieten im Frühjahr 1931 unter Zeitdruck. Am 15. März 1931 lief die Verjährungsfrist für Steuervergehen aus dem Jahre 1924 ab. Zwei Tage vor Ablauf der Frist erhob die Steuerbehörde Anklage gegen Al Capone wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 32.488,81 US-Dollar.

Die Klage wird zugelassen

Eine Grand Jury hielt die vorgelegten Beweise für überzeugend genug, um die Anklageerhebung zuzulassen. Die Grand Jury tagte in geheimer Sitzung. Über die Abstimmung wurde Stillschweigen vereinbart. Denn die Ermittlungsbehörden sollten zunächst Gelegenheit bekommen, auch die Jahre 1925 bis 1929 näher unter die Lupe zu nehmen.

Am 5. Juni 1931 trat die Grand Jury erneut zusammen. Sie befand, dass sich in 22 Anklagepunkten ausreichende Verdachtsmomente ergeben hatten, die auf eine Steuerhinterziehung weiterer 200.000 US-Dollar hinwiesen.

Eine Woche später wurde einer Klage stattgegeben, die auf dem Beweismaterial gründete, das Eliot Ness und seine Agenten zusammengetragen hatten. Sie legten Indizien vor, die insgesamt 5.000 Verstöße gegen das Prohibitions-Gesetz seitens Al Capone und 68 Mitglieder seiner Bande dokumentierten. Die Vorfälle reichten bis ins Jahr 1922 zurück. Zunächst würde Bundesanwalt Johnson aber nur Anklage wegen der Steuervergehen einreichen.

Capone handelt einen Deal aus

Al Capone drohte eine Verurteilung zu maximal 34 Jahren Haft, falls das Gericht alle Anklagepunkte als erwiesen ansah. Die Verteidiger von Capone wandten sich an Bundesanwalt George Johnson und unterbreiteten ihm einen Vorschlag.

Capone würde sich vor Gericht für schuldig erklären, wenn der Ankläger im Gegenzug für ein mildes Strafmaß plädieren würde. Johnson beriet sich über das Angebot gemeinsam mit Elmer Irey und dem neuen Finanzminister Ogden Mills. Schließlich willigte er ein. Beide Parteien einigten sich auf eine Gefängnisstrafe, die zwischen zwei und fünf Jahren betragen sollte. Bei guter Führung würde Capone vermutlich weitaus früher wieder auf freiem Fuß sein.

Warum ließ sich die Bundesanwaltschaft auf diesen Deal ein? Immerhin hatte man zuvor mit einem gewaltigen Aufwand gegen den Beschuldigten ermittelt und ihn zum Staatsfeind Nummer eins erklärt. Weshalb also dieser Sinneswandel?

Zum einen fürchtete die Anklage trotz aller Sicherheitsmaßnahmen nach wie vor um das Leben ihrer Kronzeugen. Al Capone hatte auf jeden von ihnen ein Kopfgeld von 50.000 Dollar ausgesetzt. Außerdem würde die Mafia versuchen, die Geschworenen zu bestechen. Wenn dies nicht fruchtete, würden sie die Jury und ihre Angehörigen bedrohen.

Es bestanden zudem aus juristischer Sicht Zweifel daran, ob die Verjährungsfrist für Steuervergehen tatsächlich sechs Jahre betrug, wie die Steuerbehörde IRS argumentierte. Diese Sichtweise basierte auf einem Grundsatzentscheid des Obersten Gerichtshofs.

Doch ein Berufungsgericht hatte kürzlich entschieden, dass lediglich Steuervergehen geahndet werden konnte, die maximal drei Jahre zurücklagen. Sollte das Gericht dieser Argumentation folgen, würden viele Beweise in dem Verfahren jegliche Bedeutung verlieren.

Überraschung

Entsprechend selbstsicher und siegesgewiss beschritt Al Capone am 30. Juni 1931 das Gerichtsgebäude. Gut gelaunt gab er den Pressevertretern Interviews. Er befinde sich in Verhandlungen mit Hollywood, erzählte der Mafiapate. Man wolle seine Lebensgeschichte verfilmen.

Doch Richter Wilkerson hielt für den Angeklagten eine unangenehme Überraschung in petto. Wilkerson machte unmissverständlich klar, dass ihn der Deal zwischen Capone und dem Bundesanwalt einen feuchten Kehricht scherte. Weder der Staatsanwalt noch die Verteidiger würden über das Strafmaß bestimmen, sondern alleine er. Der Bundesanwalt könne allenfalls eine Empfehlung aussprechen, doch die Entscheidung obliege dem Gericht.

Capone war geschockt. Der Deal war damit hinfällig. Capone sah möglicherweise einer langen Gefängnisstrafe entgegen. Immerhin erlaubte ihm der Richter angesichts der veränderten Umstände, sein Schuldanerkenntnis zurückzuziehen. Der Prozess wurde für den 6. Oktober 1931 anberaumt.

Al Capone verbrachte den Sommer in seinem alten Zufluchtsort Lansing in Michigan. Dort war er bereits einmal abgetaucht, als ihn die Chicagoer Polizei gejagt hatte. Hinter den Kulissen arbeiteten seine Leute die Liste der Geschworenen ab. Jeder wusste, was das bedeutete. Vermutlich war bereits die halbe Jury gekauft.

Eliot Ness ging zu Bundesanwalt Johnson und Richter Wilkerson. Er setzte sie über die Bestechungsversuche in Kenntnis. Wilkerson zeigte sich weder überrascht noch besorgt. »Bringen Sie den Fall wie geplant vor Gericht. Um den Rest werde ich mich kümmern.«

Aufs Kreuz gelegt

Am 6. Oktober 1931 geleiteten 14 Polizeibeamte Al Capone zum Gerichtsgebäude. Sie brachten ihn durch den Keller und über einen Lastenaufzug in den Verhandlungssaal. Rund um das Gericht galt die höchste Sicherheitsstufe.

Austausch der Geschworenen

Al Capone strahlte wieder Zuversicht aus. Er äußerte gegenüber der Presse Verständnis für die Anklageseite. Die Jungs von der Regierung würden nur ihren Job machen. Er sei ihnen nicht böse. Er glaubte, sich den Großmut leisten zu können. Seine Leute hatten genügend Geschworene geschmiert, um den Prozess platzen zu lassen.

Doch Richter James Wilkerson erwischte Capone erneut auf dem falschen Fuß. Als er den Saal betrat, sprach er zunächst den Gerichtsdiener an: »Begeben Sie sich zum Verhandlungssaal von Richter Edwards. Dort beginnt heute ebenfalls ein Prozess. Nehmen Sie die hier versammelten Geschworenen mit. Und bringen Sie mir die komplette Jury von Richter Edwards zurück.«

Damit hatte nun wahrlich niemand gerechnet. Der gesamte Gerichtssaal stand unter Schock, allen voran Capone. Schließlich nahmen die neuen Geschworenen Platz – ausnahmslos weiße Farmer aus dem landwirtschaftlich geprägten Umland von Chicago.

Keiner von ihnen war von der Mafia geschmiert worden. Richter Wilkerson ordnete sofort an, dass die Männer für die gesamte Dauer des kurzen Verfahrens ohne jegliche Kontaktmöglichkeit zur Außenwelt blieben. Wilkerson hatte Capone aufs Kreuz gelegt.

Das Urteil

Am 17. Oktober 1931 zog sich die Jury zur Beratung zurück. Nach neun Stunden hatten die Geschworenen ein Urteil gefällt. Es fiel gemischt aus. Sie erklärten Al Capone nur in einigen Anklagepunkten für schuldig.

Eine Woche später verkündete Richter James Wilkinson das Strafmaß. Er verurteilte den Angeklagten zu elf Jahren Haft und einer Geldbuße in Höhe von 50.000 US-Dollar. Außerdem musste er die Kosten des Verfahrens übernehmen, die 30.000 Dollar betrugen.

Als Capone den Gerichtssaal verließ, nahm ein Mitarbeiter der Steuerfahnder eine Taschenpfändung vor. Capone musste seine diamantbesetzten Hosenträger und seine dicken Klunker abgegeben. Bei Capone, der sich vor Gericht stets höflich und respektvoll gegeben hatte, fiel die Maske. Er ging wutentbrannt auf den Beamten los. Die Wachen konnten gerade noch einschreiten, um Schlimmeres zu verhindern.

Capone ging in Berufung. Wilkinson lehnte jedoch ein Kautionsgesuch ab. Die Zeit bis zu seinem nächsten Prozess musste Capone im Gefängnis verbringen. Capone scheiterte mit seiner Berufung. Die Bundesanwaltschaft sah danach davon ab, ein weiteres Verfahren gegen den Mafiaboss aus Chicago wegen der Verstöße gegen das Prohibitions-Gesetz zu eröffnen. Capone war nun für etliche Jahre aus dem Verkehr gezogen und würde aller Voraussicht nach seine einstige Macht einbüßen.

Ein bescheidener König

Man verbrachte Al Capone zunächst in die Justizvollzugsanstalt von Atlanta im Bundesstaat Georgia. Der Transport fand unter größten Sicherheitsvorkehrungen statt. Eliot Ness und die »Unbestechlichen« ließen es sich nicht nehmen, ihre wertvolle Fracht persönlich abzuliefern.

Schon bald machten Geschichten die Runde, Capone würde wie ein König im Gefängnis behandelt. Richtig war, dass er Vergünstigungen erhielt, die anderen Mitinsassen nicht zuteilwurden. Capone war es gelungen, im hohlen Schaft eines Tennisschlägers mehrere Tausend Dollar in bar ins Gefängnis zu schmuggeln. Damit ließen sich einige Extraleistungen finanzieren.

In der Realität fielen die Vorteile, die er sich dadurch verschaffte, jedoch recht bescheiden aus. Er bekam mehr Socken, Unterwäsche und Bettlaken als andere Gefangene. Vom Lebensstandard eines Königs war er damit weit entfernt.

Alcatraz

Im August 1934 war auch mit diesen Vergünstigungen Essig. Man verlegte Al Capone in das berühmt-berüchtigte Gefängnis Alcatraz nach Kalifornien. Er wurde dort von der Außenwelt komplett abgeschottet. Zeitungen waren generell verboten. Zeitschriften waren nur erlaubt, sofern sie älter als sieben Monate waren.

Das Gefängnispersonal überprüfte alle an Capone adressierten Briefe. Dann zensierten die Beamten jeden Hinweis mit geschäftlichem Bezug oder Informationen über ehemalige Mitarbeiter und Geschäftspartner. Schließlich tippten sie den verbleibenden Text neu ab und reichten ihn an Capone weiter.

Einzig die direkten Familienangehörigen von Capone bekamen ein Besuchsrecht erteilt, das sie vor jedem einzelnen Besuch schriftlich beantragen mussten. Pro Monat durfte der Mafiaboss maximal zweimal Besucher empfangen.

Ein direkter Kontakt zwischen Häftling und Besuchern war dabei untersagt. Capone musste sich mit seiner Familie durch eine Trennscheibe unterhalten. So konnte man ihm auch keinerlei Dossiers oder Geld zustecken. Letzteres hätte ihm eh nichts genutzt, weil es in Alcatraz schlichtweg nichts zu kaufen gab.

Dennoch schien Al Capone den Verlust seiner einstigen Macht und dem damit verbundenen Status gut zu verkraften. Er passte sich seinen neuen Lebensumständen an, ohne jemals negativ auffällig zu werden.

In geistiger Umnachtung

Allerdings verschlechterte sich sein Gesundheitszustand während seines Gefängnisaufenthalts. Die Syphilis, mit der er sich in seiner Jugendzeit infiziert hatte, trat ins tertiäre Stadium. Er wirkte zusehends verwirrt und desorientiert.

Al Capone 1939
Al Capone 1939

Im Herbst 1938 verlegte man Al Capone deshalb auf die Krankenstation. Dort blieb er bis zum November 1939. Die Behörden hatten entschieden, Al Capone wegen guter Führung bereits vorzeitig aus der Haft zu entlassen. Dieser schwerkranke Mann stellte nicht länger eine Bedrohung für die Gesellschaft dar.

So kam Capone nach nur sechs Jahren und fünf Monaten in Haft wieder auf freien Fuß. Seine Frau Mae brachte ihn zunächst in einer Klinik in Baltimore unter, wo er bis zum März 1940 behandelt wurde.

Die letzten Jahre seines Lebens lebte Al Capone in seiner Villa auf Palm Island, die ihm und seiner Familie verblieben war. Von seiner Krankheit sollte er sich jedoch nie mehr erholen. Bis zu seinem Tod war er pflegebedürftig. Am 25. Januar 1947 verstarb Al Capone an Herzversagen.

Sein Sohn Alphonse »Sonny« Capone war nie direkt mit dem organisierten Verbrechen in Berührung gekommen. Er änderte seinen Namen in Albert Francis Brown, besuchte die Universität von Miami, heiratete insgesamt dreimal und hatte gemeinsam mit seiner ersten Frau vier Töchter. Er behielt seinen Lebensmittelpunkt in Miami, wo er 2004 verstarb. Drei der Enkeltöchter von Capone leben nach wie vor. 

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Überblick zum Fall Al Capone

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