Gabriele Capone starb am 14. November 1920 im Alter von 55 Jahren an einer Herzerkrankung. Warum dieser Tod bei seinem Sohn Al Capone einen solch radikalen Wandel auslöste, ist unklar geblieben. Möglicherweise trieb ihn die Angst um, außer für seine eigene Familie nun auch für die Geschwister und die Mutter sorgen zu müssen. Vielleicht erlebte er den Moment auch als eine Art persönlicher Befreiung: Endlich konnte er sich der väterlichen Kontrolle entziehen. Wie auch immer: Capone schmiss seinen Job als Buchhalter und ließ sein bürgerliches Leben hinter sich.

Rückkehr zu Johnny Torrio

Er nahm seine Beziehung zu Johnny Torrio wieder auf, der in den zurückliegenden Jahren sein Gangsterimperium in Chicago weiter ausgebaut hatte. Anfang 1921 machte Torrio Capone ein Angebot, dass dieser nicht ablehnen konnte. Nach seiner Lehrzeit bei Frankie Yale war er reif für den nächsten Schritt. Chicago bot enorme Chancen, in kurzer Zeit zu viel Geld zu kommen: Glücksspiel, Bordelle und illegaler Alkohol. Das Beste daran: Es gab kaum Konkurrenz. Al Capone akzeptierte.

Der kühl kalkulierende Torrio hatte die Chancen, die in seinem Wechsel vom hart umkämpften Brooklyn ins vergleichsweise ruhige Chicago lagen, sofort erkannt. Die Bewohner dieser Stadt waren ein raues, rauflustiges und trinkfestes Völkchen, das überheblich auftretende Typen verabscheute. Mit den Schüchternen hatten sie keine Geduld. Nur wer imstande war, sich geistig und körperlich durchzusetzen, wurde respektiert. Und wer mit dicken Geldscheinbündeln wedelte, rannte offene Türen ein.

Chicago

Chicagos Mentalität gründete auf roher Gewalt. Die mitten in der Prärie errichtete Stadt lebte von ihrer Schlachthofindustrie, in der jährlich Millionen von Kühen, Schweinen und Schafen ihr Leben lassen mussten, während ihre Schlächter durch ihr Blut wateten. Chicago war die Stadt der Neureichen, in der Amerikas etablierter Geldadel verpönt war. Chicago war die Stadt der Laster, in der Sex, Glücksspiel und Alkohol nicht als Sünde geahndet, sondern freudig begrüßt wurden.

Und Chicago war geradezu berüchtigt für seine Korruption. Nirgendswo sonst gab es mehr bestechliche Politiker auf einem Haufen. Es war eine Tradition, an der keiner etwas zu verändern vermochte. Dieses Klima bot den idealen Nährboden für das ungestörte Wachstum der Kriminalität.

Big Jim Colosimo

»Big Jim« Colosimo war viele Jahre der ungekrönte König dieser Stadt. Zusammen mit seiner Frau Victoria Moresco, einer Tante von Johnny Torrio, hatte er ein hochprofitables Unternehmen aufgezogen, das auf allerlei illegalen Aktivitäten beruhte. Allein die Bordelle, die dem Paar gehörten, warfen im Monat 50.000 US-Dollar ab.

Big Jim trug an jedem seiner Wurstfinger dicke Klunker. Seine Gürtel und Hosenträger waren diamantenbesetzt. Big Jim scheute sich nicht, seinen plötzlichen Reichtum vorzuzeigen. Big Jim war das fleischgewordene Chicago: protzend, laut, geschmacklos, verschwenderisch und eine echte Type.

Niemand scherte es, dass er sein Geld als Zuhälter verdiente. Big Jim gehörte das »Colosimo Cafe«, einer der angesagtesten Nachtklubs in der Stadt, in dem sich die Prominenz die Klinke in die Hand gab. Alle schienen stolz darauf zu sein, zum illustren Freundeskreis von Big Jim zu zählen. Enrico Caruso war ein regelmäßiger Gast, ebenso der angesehene Anwalt Clarence Darrow, der 1924 als Verteidiger von Nathan Leopold und Richard Loeb zur nationalen Berühmtheit gelangte.

Colosimo hatte Johnny Torrio bereits 1909 engagiert. Damals bestand Big Jims ganzes Gangsterimperium im Wesentlichen aus zwei Bordellen. Torrio baute das Business immer weiter aus, diskret und unauffällig, ohne mit den Behörden in Konflikt zu geraten, bis Colosimo an der Spitze der Cosa Nostra in Chicago stand. Alle potenziellen Widerstände wurden mit üppigen Schmiergeldern bereinigt.

Der Untergang von Big Jim

Im Unterschied zu Torrio betrog Colosimo seine Frau nach Strich und Faden. Die Beziehung zu einer hübschen jungen Sängerin namens Dale Winter läutete sein Ende ein. Diese Affäre war anders. Big Jim ließ sich von seiner Frau Victoria scheiden und heiratete umgehend seine neue Freundin.

In den Augen des konservativen Johnny Torrio hatte Colosimo damit einen unverzeihlichen Fehler begangen. Er hatte Torrios Tante gedemütigt und bloßgestellt. Torrio sah keinen Grund mehr, seinem Boss länger loyal zu dienen. Die Geschäfte von Colosimos Syndikat lenkte er ohnehin schon.

Er beauftragte Frankie Yale, dessen Gesicht niemand in Chicago kannte, Colosimo aus dem Weg zu räumen. Am 11. Mai 1920 kam es zum großen Showdown im »Colosimo Cafe«, wo Yale Big Jim tötete.


Drive-Thru-Imbiss statt Restaurant: „Colosimo Cafe“ befand sich an der Stelle, wo heute die Bäume zu sehen sind. Frankie Yale hatte Colosimo gleich im Eingangsbereich des Restaurants erschossen. Den Laden gab es unter dem gleichen Namen im Übrigen noch mindestens bis 1958. Von 1920 existiert ein beeindruckendes Foto, das den Trauerzug zeigt, der über die South Wabash Avenue direkt am „Colosimo Cafe“ vorbeizieht. Die Straße ist überfüllt mit Abertausenden von Trauergästen.

 

Der Polizei gelang es, den Mörder zu ermitteln. Sie verhaftete Frankie Yale in New York. Doch der einzige Zeuge des Mordes war ein Kellner, der sich weigerte, gegen den berüchtigten Yale auszusagen. Der Auftragskiller wurde niemals angeklagt.

Johnny Torrio der neue Mafiaboss von Chicago

Währenddessen verleibte sich der wahre Strippenzieher des Mordes Big Jims Besitztümer ein. Johnny Torrio gehörte mit einem Mal ein Geschäftsimperium, das für ihn persönlich mehrere Millionen Dollar pro Jahr abwarf. Doch Torrio hatte längst ein neues lohnendes Geschäft im Blick: die Prohibition.

An diesem Punkt kam Al Capone ins Spiel. Torrio installierte ihn zunächst als Manager seiner zahlreichen Bordelle, während er sich selbst um den Aufbau von Schmuggelrouten für illegal gebrannten Schnaps und die Einrichtung zahlreicher Flüsterkneipen in Chicago kümmerte, um den verbotenen Alkohol an die Kundschaft zu bringen.

Capone wurde unter anderem Manager des »Four Deuces«, in dem Torrio sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Das »Four Deuces« repräsentierte quasi das gesamte Torrio-Entertainmentpaket. Es war Speakeasy, Spielhölle und Hurenhaus in einem. Der 22-jährige Capone stieg alsbald zur rechten Hand von Torrio auf. Er holte seinen Bruder Ralph Capone nach Chicago und verschaffte ihm einen Job im Syndikat. Weitere Geschwister sollten folgen.

Jake Guzik

In dieser Zeit lernte Al Capone einen Mann kennen, mit dem er sein Leben lang eng befreundet blieb: Jake Guzik. Guzik entstammte einer Familie orthodoxer Juden, die ihr Geld mit Prostitution verdiente. So etwas war vermutlich nur in Chicago denkbar. Guziks Lebensstil ähnelte dem von Torrio. Er gab sich nach außen hin bescheiden und als treu sorgender Familienvater. Das Auftreten färbte auf Al Capone ab.

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Jake Guzik

Die Beziehung zu Guzik zeigte, dass Capone durchaus in der Lage war, jenseits seines italienischen Umfeldes enge Kontakte zu knüpfen. Es war eine Fähigkeit, die ihn von anderen Größen der Cosa Nostra unterschied, die grundsätzlich nur Italoamerikanern oder gebürtigen Süditalienern trauten. Capone hegte keine sonderlichen Vorurteile. Diese Eigenschaft sollte ihm schließlich den Weg nach ganz oben ebnen. Er umgab sich stets mit Verbündeten, die seinen Interessen nützten, ungeachtet von Rasse, Ethnie und Religion.

Der Familienmensch

Sein Status als rechte Hand von Johnny Torrio war mit finanziellem Wohlstand verknüpft. Al Capone bezog das Haus 7244 Prairie Avenue inmitten einer angesehenen Wohngegend von Chicago. Gegenüber seinen Nachbarn gab sich Capone als Händler antiker Möbel aus. Dort lebte nicht nur seine eigentliche Familie. Er bewog seine Mutter und die übrigen Geschwister dazu, zu ihm zu ziehen. Al Capone, der Familienmensch. Er hatte Torrios Täuschereien verinnerlicht.


Es ist tatsächlich noch das Originalhaus (links) erhalten, in dem Al Capone zusammen mit seiner Familie wohnte.

 

Einerseits machte er sich häufig über Leute lustig, die viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legten und etwas Besseres darstellen wollten, als sie in Wirklichkeit waren. Andererseits war es ihm sehr wichtig, wie ihn seine Nachbarn und schließlich auch die gesamte Öffentlichkeit seiner Wahlheimat Chicago wahrnahmen. Je mehr Capone sich in kriminelle Machenschaften verstrickte, umso mehr idealisierte er seine Familie. Als würde die Tatsache, dass er die Familienwerte in hohen Ehren hielt, Zeugnis davon ablegen, dass er nicht das brutale Monster war, zu dem ihn die Presse erklärte.

 

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(4) »Big Jim« Colosimo was last modified: Februar 21st, 2018 by Richard Deis