Im März 1930, als Al Capone aus der Haft entlassen wurde, tüftelte Elmer Irey zusammen mit Eliot Ness einen Schlachtplan aus, wie man schneller an Informationen herankam, um den Mafiaboss endgültig zu Fall zu bringen. Denn würde man so fortfahren wie bisher, konnten sich die Ermittlungen noch Jahre hinziehen.

Ein Insider-Job

Die beiden Beamten spielten mit dem Gedanken, einen Undercover-Agenten in Capones Organisation einzuschleusen. Elmer Irey tarnte sich als Handelsvertreter und lungerte zwei Tage in der Hotellobby des »Lexington« herum. Er wollte ein Gespür dafür bekommen, mit welchem Menschenschlag sich Capone umgab. Ihm wurde rasch klar, dass nur waschechte Kriminelle in diesem Zirkel akzeptiert wurden.

Doch wer kam für diesen Part infrage? Die Wahl fiel schließlich auf den Agenten Michael J. Malone. Er galt als begnadeter Schauspieler, der sich praktisch jeder Umgebung und jedem Milieu anzupassen vermochte. Zudem hatte der Bursche Nerven wie Drahtseile und einen messerscharfen Verstand.

Malone kam zupass, dass er einen südländischen Teint besaß. Man würde ihm den Italoamerikaner abkaufen. Die Bundesbeamten strickten an einer glaubhaften Scheinidentität. Demnach war Malone ein kleiner Schutzgeldeintreiber aus Brooklyn namens De Angelo, der sich nach neuen lukrativen Möglichkeiten umschaute.

Malone alias De Angelo mietete sich im »Hotel Lexington« ein und setzte sich an die Bar. Er wartete ab, bis ein paar von Capones Schlägern von sich aus das Gespräch mit ihm suchten. Sie horchten ihn aus. Woher er kam. Was er vorhatte. De Angelo lieferte die richtigen Antworten.

Ein paar Tage später luden ihn seine neuen Bekannten zu einer Party ein. Al Capone war ebenfalls anwesend. Capone bildete sich viel auf seine Menschenkenntnis ein. Er checkte den Neuankömmling und fiel auf dessen Maskerade herein. Man schusterte ihm einen Job als Croupier in einem von Capones Spielklubs zu.

Der tote Doppelagent

Wie lebensgefährlich dieser Undercover-Einsatz sein konnte, erlebten die Agenten um Elmer Irey wenig später. Sie hatten vorsichtig Kontakt zu einem Reporter der »Chicago Tribune« aufgenommen, der mit Al Capone freundschaftlich verkehrte. Weder der Reporter Alfred „Jake“ Lingle noch Capone machten öffentlich einen Hehl daraus, dass sie sich gut kannten. Im Gegenteil, sie brüsteten sich sogar damit.

Dennoch ließ Lingle erkennen, dass er zur Kooperation mit den Steuerfahndern bereit war. Vermutlich war dies für ihn weniger eine Gewissensfrage. Ihn reizte schlichtweg der Gedanke, als Spion in geheimer Mission tätig zu sein. Am 10. Juni 1930 war ein Treffen zwischen Lingle und Agenten der Steuerfahndung anberaumt. Am Tag zuvor fand man die Leiche des Reporters. In seinem Kopf steckte eine Kugel.

Wie üblich weilte Al Capone weit entfernt vom Tatort in Miami. Seine Botschaft kam dennoch an. Capone sah alles, wusste alles und handelte ohne jegliche Skrupel. Die Steuerfahnder vermuteten, dass Lingle seinen Kontakt zu den Behörden selber ausgeplaudert und sich Capone als Doppelagent angedient hatte. Freundschaft war für Capone jedoch gleichbedeutend mit absoluter Loyalität. Gegen diesen Kodex hatte Lingle verstoßen und war damit zur akuten Gefahr geworden.

Suppenküche

Ende 1930 versuchte Capone nochmals, die öffentliche Stimmung für sich zu gewinnen. Er eröffnete in Chicago eine kostenlose Suppenküche für Bedürftige, die dreimal täglich Mahlzeiten ausgab. Die Stadt litt wie das gesamte Land unter den Folgen des Börsencrashs und der Wirtschaftskrise.

Capone hoffte, durch diese Aktion die einfachen Leute auf seine Seite zu ziehen. Schließlich hatte er vielen Tausenden von ihnen in den vergangenen Jahren Arbeit verschafft. Die hungrigen Menschen nahmen sein Essen, sahen in ihm inzwischen aber nur noch einen weiteren reichen Geldsack, der den Hals nie voll genug bekam, während sie und ihre Familien darben mussten.

Ralph Capone vor Gericht

Der Mafiaboss von Chicago musste einen weiteren empfindlichen Rückschlag hinnehmen. Die Steuerbehörde IRS hatte im Sommer 1930 gegen seinen Bruder Ralph Capone Anklage wegen Steuerhinterziehung erhoben. Sie hatten ihn mitten während eines Boxkampfes in Handschellen aus dem Publikum abführen lassen.

Ralph war nicht annähernd so clever wie sein Bruder, wenn es darum ging, sein Vermögen zu verschleiern. Ralph Capone war schlampig, gierig und dumm. Damit war er ein natürliches Ziel für Eliot Ness, der seine Telefone abhörte, und für die Agenten der Steuerfahndung. Auch Capones Vertraute Frank Nitti und Jake Guzik mussten sich aufgrund dieser umfassenden Untersuchung vor einem Finanzgericht verantworten.

Unmittelbar vor Prozessbeginn im Oktober 1930 bekam Malone alias De Angelo Wind davon, dass die Mafia Anschläge auf Zeugen der Anklage plante. Auch einzelne Agenten des Bundesschatzamtes und der Steuerfahndung waren Al Capone inzwischen namentlich bekannt. Er hatte hohe Kopfgelder ausgesetzt.

Elmer Irey ließ den Personenschutz der Bundeszeugen massiv verstärken. Alle Agenten bewegten sich von nun an nur noch bewaffnet in der Öffentlichkeit. Der Prozess gegen Ralph Capone fand schließlich ohne Zwischenfälle statt und mündete in seiner Verurteilung.

Der entscheidende Hinweis

Den entscheidenden Hinweis, der Capone schließlich zu Fall bringen sollte, stammte wiederum vom Undercover-Agenten De Angelo. Er hatte sich mit einem von Capones Helfern angefreundet, der eines Tages über die »Deppen« von der Steuerfahndung lästerte. Sie hätten längst schon alle Beweise gegen Capone in der Hand, um den Boss fertigzumachen. Doch sie wären zu blöd, sie zu deuten, behauptete der Mann.

Es stellte sich heraus, dass den Behörden bei einer Razzia im »Hawthorne Hotel« in Cicero unter anderem mehrere Kontobücher von Capones Organisation in die Hände gefallen war. Die Bücher dokumentierten für die Jahre 1924 bis 1926 lückenlos die Einnahmen und Ausgaben einer Reihe illegaler Aktivitäten in Cicero, nachdem Capone die Stadt übernommen hatte.

Die Kontobücher befanden sich tatsächlich im Besitz des IRS, wie Elmer Irey feststellte. Doch die Unterschriften der Buchhalter waren unleserlich. Die Handschriften ließen sich auch keinem der Männer zuordnen, die aktuell in Diensten von Capone standen.

Irey war deprimiert. Vermutlich hatte Capone die Buchhalter sofort beseitigen lassen, als die Razzien stattgefunden hatten. So viel stand fest: Capone verlor keine Zeit, wenn es um seine Interessen ging.

Die Buchhalter

Als Michael Malone von dem Problem erfuhr, beschloss er, aufs Ganze zu gehen. Er sprach seinen Bekannten erneut auf die Bücher an. Er fragte ihn geradeheraus, ob man sich seinerzeit um die Buchhalter »gekümmert« habe. Malones Leben hing an einem seidenen Faden. Falls der Ganove misstrauisch wurde, war sein Leben keinen Pfifferling mehr wert.

Stattdessen antwortete ihm der Gangster, dass die Buchhalter im Anschluss an die Razzia nur die Stadt hätten verlassen müssen. Es kam noch besser. Er verriet seinem vermeintlichen Kumpel De Angelo sogar ihre Namen: Leslie Shumway und Fred Reis.

Anfang 1931 konnte die Steuerfahndung schließlich Shumway und Reis auftreiben. Fred Reis lebte in Peoria, Illinois. Shumway hatte es nach Miami verschlagen, wo er auf einer Rennbahn arbeitete. Witzigerweise suchte Capone diese Rennbahn regelmäßig auf, ohne zu ahnen, dass sich sein ehemaliger Buchhalter dort aufhielt.

Elmer Irey konnte die beiden Kronzeugen davon überzeugen, mit den Behörden zu kooperieren. Man brachte die Männer in sicheren Verstecken unter und stellte mehrere Beamte ab, die sie rund um die Uhr bewachten. Die Schlinge um Capones zog sich immer weiter zu.

Eliot Ness

Auch Eliot Ness war in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben. Es war zwar wie erwartet schwierig, Beweise zu finden, die Al Capone persönlich direkt mit Gesetzesverstößen in Verbindung brachten. Doch Ness und seine Agenten, die als »die Unbestechlichen« in die Geschichte eingehen sollten, setzten dem Mafiapaten anderweitig schwer zu.

Al Capone - Eliot Ness

Eliot Ness

Dank der massiven Telefonüberwachung sammelten sie jede Menge Erkenntnisse über Capones geschäftliches Netzwerk. Sie erfuhren die genauen Standorte von Brauereien, Destillerien und Lagerhäusern sowie die Lieferrouten.

Die Informationen genügten den Beamten, um Durchsuchungsbeschlüsse für die verschiedenen Objekte zu erwirken. Jede Schließung bedeutete empfindliche finanzielle Einbußen für Capones Organisation. Er musste die Schmiergelder für die Polizei kürzen und war die meiste Zeit damit beschäftigt, für neuen Nachschub zu sorgen, damit seine Kneipen nicht auf dem Trocknen saßen.

Die Sache zwischen Eliot Ness und Al Capone wurde zunehmend persönlich. Ness schwang sich auf einen Lkw, der mit einem Schneepflug zum Rammbock umfunktioniert worden war. Während die Presse Fotos machte, rammte er die Tore von Capones Hauptbrauhaus in der South Wabash Avenue nieder. Capone revanchierte sich und schickte ihm seine Killer auf den Hals. Einer der »Unbestechlichen« kam dabei ums Leben.

Eine öffentliche Demütigung

Ness schäumte vor Wut und wollte Capone im Gegenzug vor aller Öffentlichkeit demütigen. Bei den Razzien hatten die Beamten 45 Lkws aus Capones Besitz sichergestellt. Bei den meisten Fahrzeugen handelte es sich um Neuwagen. Die Behörden planten, die Wagen in einer öffentlichen Auktion zu versteigern. Ness nutzte den Transfer zum Auktionsplatz für ein großes Spektakel.

Er ließ alle Wagen auf Hochglanz polieren. Als die Fahrer die Lkws bestiegen, rief Ness im »Hotel Lexington« an. Er teilte Capone mit, dass er um Punkt elf Uhr einen Blick aus seinem Fenster werfen sollte.

Al Capone musste ohnmächtig mit ansehen, wie seine Fahrzeugflotte vorüberparadierte. Sie stand stellvertretend für all die Millionen Dollar, die er in den vergangenen Monaten verloren hatte. Doch die Jäger hatten noch längst nicht genug.

 

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(14) Eliot Ness und die »Unbestechlichen« was last modified: Februar 21st, 2018 by Richard Deis