Lizzie Borden: Doppelmord in der Second Street

Das 26-jährige Dienstmädchen Bridget Sullivan war erschöpft. Den ganzen Morgen hatte sie in dem dreistöckigen Anwesen der Familie Borden in der Second Street Nr. 92 Fenster geputzt. Ausgerechnet am heißesten Tag des Jahres. Bridget hörte die Glocke des Rathauses von Fall River, Massachusetts. Um 11.00 Uhr vormittags an jenem 4. August 1892 zeigte das Thermometer bereits 38 °C an.

Bridget hatte sich vor wenigen Minuten in ihr Zimmer im Dachgeschoss zurückgezogen. Sie wollte sich nur ein wenig auf ihrem Bett ausruhen. An Schlaf war ohnehin kaum zu denken. Die Hitze staute sich gnadenlos unterm Dach und trieb ihr den Schweiß auf die Stirn, obwohl sie reglos dalag.

Lizzie Borden 92 Second Street Fall River
Das Borden-Haus Ende des 19. Jhs.
Inhaltsverzeichnis

„Jemand hat ihn umgebracht“

„Maggie, komm runter!“ Der schrille Schrei einer Frau ließ Bridget im Bett aufschrecken. Nur die beiden Borden-Töchter riefen sie „Maggie“ nach einem früheren Hausmädchen der Familie. Sie erkannte die Stimme von Lizzie Borden, der jüngsten Tochter. Das Dienstmädchen schaute auf die Uhr. Es war 11.10 Uhr. Sie stand auf und ging zur Treppe: „Was ist los?“, rief sie zurück.

„Komm schnell runter! Vater ist tot! Jemand hat ihn umgebracht!“

Beim Vater handelte es sich um den 70-jährigen Andrew Borden. Er war einer der reichsten Männer in Fall River. Bridget eilte sofort nach unten. Im Erdgeschoss stand Lizzie Borden vor dem Eingang zum Wohnzimmer. Lizzie sagte nur: „Geh dort nicht rein. Lauf los und hol den Doktor. Lauf!“

Bridget lief über die Straße zum Nachbarn Dr. Bowen, der gleichzeitig der Hausarzt der Familie war. Doch seine Frau teilte ihr mit, dass der Arzt momentan einen Patienten besuche. Das Hausmädchen erzählte der Nachbarin aufgeregt, jemand habe Andrew Borden ermordet. Daraufhin rannte Bridget zu Lizzie zurück. Diese schickte die Magd als nächstes zu einer Freundin der Familie namens Alice Russell, die einige Querstraßen weiter wohnte.

Lizzie Borden - Bridget Sullivan
Bridget „Maggie“ Sullivan

Inzwischen hatte Adelaide Churchill mitbekommen, dass bei ihren Nachbarn etwas nicht stimmte. Ihr Haus grenzte nördlich an das Grundstück der Bordens an. Sie sah Lizzie am Hintereingang stehen und fragte, ob alles in Ordnung sei. Lizzie antwortete ihr: „Oh, Mrs. Churchill, kommen Sie bitte schnell herüber! Jemand hat meinen Vater umgebracht!“

Die verschwundene Mutter

Mrs. Churchill wollte wissen, wo sich Lizzies Mutter aufhalte. Lizzie entgegnete, sie habe keine Ahnung. Sie wisse nur, dass ihre Stiefmutter Abby Borden am Morgen von einer Bekannten eine Nachricht erhalten habe, jemand sei krank und sie solle sich melden.

Lizzie erzählte zudem, dass ihr Hausmädchen Dr. Bowen nicht habe antreffen können. Mrs. Churchill bot an, ihren Hausdiener loszuschicken, um nach dem Doktor zu suchen. Außerdem könne dieser zu einem Telefon rennen, um die Polizei zu benachrichtigen. So erfuhr die Polizeiwache von Fall City, die sich ungefähr 400 Meter entfernt vom Schauplatz des Verbrechens befand, erstmals um 11.15 Uhr von dem Mord in der Second Street.

Lizzie Borden - Adelaide Churchill
Adelaide Churchill

Im Schlaf überrascht

Die Suche nach Dr. Bowen hatte sich inzwischen erübrigt. Bridget hatte den Arzt auf dem Rückweg von Alice Russell getroffen. Er begab sich sofort in das Wohnzimmer und untersuchte Andrew Borden. Er lag mit dem Rücken auf dem Sofa. An den Füßen trug er noch seine Stiefel. Um die teuren, mit Mohair bedeckten Polster nicht zu beschmutzen, hatte der Mann seine Füße auf den Boden gestellt und war in dieser etwas unbequemen Haltung eingeschlafen.

Er hatte seinen Kopf nach rechts gewandt. Das Gesicht war von elf Schlägen mit einem scharfen Gegenstand entstellt, vermutlich einer Axt. Ein Augapfel war in zwei Hälften zerstückelt und quoll aus seinem Gesicht hervor. Die Nase war abgeschnitten worden. Die Wunden beschränkten sich auf einen Bereich zwischen Auge, Nase und Ohr. Für Dr. Bowen gab es keinen Zweifel: Andrew Borden war tot.

Das Blut sickerte immer noch aus den Wunden. Aus Sicht des Mediziners sprach dieser Umstand dafür, dass sich die tödliche Attacke erst vor wenigen Minuten ereignet hatte. Es gab Blutflecken auf dem Boden, an der Wand über dem Sofa und auf einem Bild an der Wand. Bowen schlussfolgerte daraus, dass der Mörder hinter dem Kopf von Andrew Borden gestanden hatte und von oben auf seinen Kopf eingeschlagen hatte, während das Opfer schlief.

Lizzie Borden - Andrew Borden Leiche Tatort
Der Leichnam von Andrew Borden

Noch eine Leiche

Dr. Bowen verließ kurz das Haus, um Lizzies Schwester Emma per Telegramm zu verständigen. Die älteste Tochter der Bordens hielt sich bei Freunden in der Nachbarstadt Fairhaven aus. Bridget bot derweil an, die Schwester von Abby Borden aufzusuchen. Vielleicht wisse sie, wo sich Lizzies Mutter aufhalte. Lizzie hielt das Hausmädchen zurück: „Maggie, ich bin mir fast sicher, dass ich sie heute Morgen gehört habe, wie sie die Treppe hinaufgegangen ist. Geh rauf und schau nach ihr.“

Adelaide Churchill bot Bridget an, sie zu begleiten. Die beiden nahmen die vordere Treppe. Noch bevor sie den Treppenabsatz zum ersten Stock erreicht hatten, sahen sie Abby Borden auf dem Boden des Gästezimmers liegen. Die Frau war offensichtlich tot. Adelaide Churchill schrie: „Da liegt noch eine!“

Kalter Leichnam

In diesem Moment kehrte Dr. Bowen zurück. In seinem Schlepptau traf auch Alice Russell ein, eine enge Freundin der beiden Borden-Töchter. Der Arzt begab sich sogleich zur nächsten Leiche. Er stellte fest, dass Abby Borden vermutlich aufrecht stand und den Täter frontal angeschaut hattee, als der erste Schlag sie seitlich am Kopf unmittelbar über dem Ohr traf. Danach drehte sie sich um und fiel mit dem Gesicht nach unten zu Boden. Entsprechende Sturzverletzungen an Nase und Stirn ließen diesen Schluss zu.

Die nächsten achtzehn Schläge trafen die wehrlose Frau allesamt auf den Hinterkopf. Vermutlich hatte sich der Täter dazu auf ihren Rücken gehockt. Die Wunden waren mit denen identisch, die Dr. Bowen bei Andrew Borden vorgefunden hatte. Offensichtlich hatte der Mörder für beide Verbrechen dieselbe Tatwaffe verwendet. Doch das Blut an Abby Bordens Leichnam war bereits dunkel und geronnen, der Körper schon erkaltet. Der Arzt mutmaßte deshalb, dass die Frau seit mindestens 90 Minuten tot war.

Lizzie Borden - Abby Borden Leiche Tatort
Der Leichnam von Abby Borden

Die Ermittlungen

Innerhalb von wenigen Minuten nach dem Anruf um 11.15 Uhr schickte Marshall Rufus B. Hilliard den Beamten George W. Allen zum Haus der Bordens. Der Polizist lief die vierhundert Meter bis zum Haus zu Fuß. Als er sah, dass Andrew Borden tot war, ernannte er den zufällig vorbeikommenden Passanten Charles Sawyer kurzerhand zum Hilfspolizisten. Er sollte den Tatort so lange bewachen, bis Allen Verstärkung angefordert hatte.

Der Polizist rannte zur Wache zurück. Wenige Minuten später kehrte er mit sieben Kollegen zurück. Um 11.45 Uhr traf zudem der zuständige Gerichtsmediziner William Dolan in der Second Street ein.

Den Beamten war von vorneherein klar, dass dieser Fall angesichts der Opfer zumindest in Fall River für großes Aufsehen sorgen würde. Andrew Jackson Borden zählte zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Stadt.

Andrew Borden

Borden war in sehr bescheidenden Verhältnissen aufgewachsen. Als junger Mann steckte er ständig in finanziellen Schwierigkeiten. Die erfolgreiche Gründung einer Möbelfabrik verhalf ihm schließlich zu Wohlstand. Er konnte seinen Reichtum noch mehren, indem er sein Kapital in verschiedene Textilfabriken und Geschäfte investierte.

Zum Zeitpunkt seines Todes saß er zudem im Aufsichtsrat zweier Banken seiner Heimatstadt, an denen er Anteile hielt. 1892 besaß Andrew Borden ein geschätztes Vermögen von 300.000 US-Dollar, was heute einer Kaufkraft von ungefähr 8 Millionen Dollar entsprechen würde.

Trotz seines Wohlstandes pflegte Borden einen bescheidenen Lebensstil. Das Haus in der Second Street befand sich nicht in einem der Stadtviertel, in denen die gehobene Schicht von Fall River lebte. Borden schätzte die kurzen Wege zu seinen Firmen. Zudem galt der Mann als äußerst sparsam, um nicht zu sagen geizig. In der Gemeinde wurde er zwar wegen seiner Geschäftstüchtigkeit respektiert, sonderlicher Beliebtheit erfreute er sich jedoch nicht.

Lizzie Borden - Andrew Borden
Andrew Borden

Abby Borden

Abby Gray Borden hatte er drei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau Sarah Morse Borden geheiratet, die 1863 verstorben war. Abby war eine kleine Frau von 64 Jahren mit fülliger Figur. Vor ihrer Ehe mit Andrew Borden war die schüchterne Frau ledig geblieben, bis sie mit 36 Jahren heiratete.

Lizzie Borden - Abby Borden
Abby Borden

Das Verhältnis zu ihren Stieftöchtern war eher distanziert. Lizzie hatte sie beispielsweise in den zurückliegenden Jahren stets mit „Mrs. Borden“ statt mit „Mutter“ angesprochen. Laut dem Dienstmädchen Bridget hatten beide Töchter selten gemeinsam mit ihren Eltern die Mahlzeiten eingenommen.

Es gab Aussagen über Lizzie Borden, dass sie ihrer Stiefmutter unterstellte, sie habe es nur auf das Geld ihres Vaters abgesehen. Die einzigen engeren Kontaktpersonen von Abby waren ihre Schwester Sarah Whitehead und deren Tochter Abby, die nach der Tante benannt war.

Lizzie Borden - Sarah Borden
Sarah Morse Borden und ihre Tochter Emma

Ein Giftanschlag?

In den Tagen vor dem Mord hatten sich seltsame Dinge in dem Haus der Bordens zugetragen. Alle Mitglieder des Haushalts – die später ermordeten Eltern, die Töchter und das Dienstmädchen Bridget – hatten über Übelkeit und Erbrechen geklagt und sich krank gefühlt.

Am Mittwoch, dem 3. August, suchte Abby Borden deshalb um 7.00 Uhr vormittags den Hausarzt Dr. Bowen auf. Sie äußerte ihm gegenüber die Befürchtung, die Familie sei vergiftet worden. Dr. Bowen untersuchte seine Nachbarin, kam jedoch zu dem Schluss, dass die Übelkeit und das Erbrechen keine ernsteren Ursachen hatte. Er schickte Abby Borden wieder nach Hause.

Lizzie Borden - Dr Seabury Bowen
Dr. Seabury Bowen

Später suchte er auch noch Andrew Borden zu Hause auf, um sich nach seinem Zustand zu erkundigen. Der gab ihm unmissverständlich zu verstehen, dass er nicht krank sei und deshalb auch nicht für den unaufgeforderten Hausbesuch des Arztes zahlen würde.

Bei der Obduktion wurde auch der Mageninhalt der beiden Toten sowie die Milch aus dem Haushalt gesondert überprüft. Es fanden sich keine Hinweise auf Giftrückstände. Ein Bekannter der Familie äußerte den Verdacht, dass die Übelkeit durch verdorbenes Hammelfleisch hervorgerufen worden sei. Auf dem Herd stand ein Topf mit Fleisch herum, das offenbar über mehrere Tage hinweg für die Mahlzeiten benutzt wurde.

Blausäure

Angesichts dieser Ereignisse unmittelbar vor den Morden wurden die Ermittler sofort hellhörig, als sich bei ihnen ein Verkäufer aus dem Smith Drug Store meldete. Er berichtete, dass Lizzie Borden bei ihm am Morgen des 3. August, also einen Tag vor der Gewalttat, Blausäure im Wert von 10 Cent habe erwerben wollen. Sie habe ihm gegenüber erklärt, sie brauche das Gift, um einen Mantel aus Seehundfell von Insektenbefall zu befreien. Der Angestellte Bence hatte sich jedoch geweigert, ihr das verschreibungspflichtige Mittel zu verkaufen.

Ein Kollege von Bence sowie ein Kunde des Geschäfts sagten aus, dass sie Lizzie Borden zwischen 10.00 und 11.30 Uhr in dem Laden gesehen hätten. Die junge Frau hingegen stritt den Vorfall ab. Dabei machte sie jedoch voneinander abweichende Aussagen. Zunächst gab sie zu, an diesem Morgen außer Haus gewesen zu sein, leugnete aber, den Smith Drug Store aufgesucht zu haben. Später wandelte sie ihre Aussage dahin gehend ab, dass sie bis zum Abend des 3. August nicht ihr Elternhaus verlassen habe.

Die Episode hatte dennoch nur bedingt Relevanz. Zum einen klagte ja Abby Borden bereits Stunden zuvor bei Dr. Bowen über Vergiftungserscheinungen. Zum anderen dürfte es ihr schwergefallen sein, andernorts unbemerkt Blausäure oder andere Gifte zu besorgen. Dazu war der Fall viel zu sehr bekannt. Es ist anzunehmen, dass sich Zeugen umgehend bei der Polizei gemeldet hätten.

Um Lizzie Borden einen Strick aus dieser Geschichte zu drehen, müsste man wie folgt argumentieren: Sie hat Tage vorher mit einer anderen Substanz versucht, die Familie zu vergiften. Weil dies nur zu Übelkeit führte, wollte sie ein zuverlässigeres Gift besorgen. Als dieser Plan schief ging, griff sie am darauffolgenden Tag zur Axt.

Der Onkel

Am frühen Nachmittag des 3. August traf John Vinnicum Morse im Haus der Bordens ein. Er war ein Bruder von Lizzies und Emmas leiblicher Mutter Sarah Morse Borden. Der Onkel reiste ohne Gepäck an, wollte aber bei den Bordens übernachten, um am nächsten Tag andere Verwandte in der Stadt zu besuchen. Sowohl er als auch seine Nichte Lizzie Borden sagten aus, dass sie sich erst nach den Morden am folgenden Tag gesehen hätten, obwohl Lizzie von seiner Anwesenheit im Haus wusste.

Lizzie Borden - John Morse
John Morse

Einige Buchautoren haben spekuliert, dass es am Abend vor den Morden zu einem heftigen Streit zwischen John Morse und Andrew Borden kam. Der Anlass seien die Übertragungen von Immobilien- und Grundstücksrechten gewesen, die Andrew Borden zugunsten seiner jetzigen Frau vornehmen wollte.

Wie gesagt: Es handelt sich um Spekulationen. Die einzige Bestätigung dafür, dass zumindest eine lautstärkere Auseinandersetzung an diesem Abend stattgefunden hatte, stammte aus der Vernehmung von Lizzie Borden vor dem Haftrichter. Dort berichtete sie, sie sei am Abend des 3. August gegen 21.00 Uhr nach Hause zurückgekehrt. Bei dieser Gelegenheit habe sie gehört, wie ihre Eltern und ihr Onkel John sich im Wohnzimmer laut miteinander unterhalten hätten. Sie sei jedoch sofort in ihr Schlafzimmer gegangen, ohne ihren Onkel zu begrüßen.

Die gute Freundin

Lizzie Borden hatte unmittelbar zuvor ihre Freundin Alice Russell besucht. Auch dieses Gespräch barg aus polizeilicher Sicht interessante Erkenntnisse. Denn Russell sagte aus, Lizzie Borden habe an diesem Abend äußerst aufgewühlt gewirkt. Lizzie habe angekündigt, bald verreisen zu wollen. Sie fühle sich, als würde sie etwas schwer belasten, ohne die eigentliche Ursache benennen zu können.

Lizzie Borden - Alice Russell
Alice Russell

Dann sei sie laut Russell auf die schweren Magenverstimmungen ihrer Eltern zu sprechen gekommen, die sie auf verschimmeltes Brot zurückgeführt habe. „Ich fürchte, dass bald etwas passieren wird“, habe sie wörtlich gesagt. Sie könne nachts nicht mehr ruhig schlafen, weil sie Angst habe, jemand zünde das Haus an oder könne ihrem Vater wehtun. Er habe sich so unhöflich gegenüber anderen Menschen benommen.

Für Bridget Sullivan begann der 4. August um 6.15 Uhr mit den ersten Hausarbeiten. John Morse war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls schon auf den Beinen. Abby Borden erschien um 7.00 Uhr im Erdgeschossbereich. Andrew folgte wenige Minuten später. Das Ehepaar frühstückte gemeinsam. Nach dem Frühstück begaben sich Andrew und sein Schwager John in das Wohnzimmer, wo sie sich etwa eine Stunde lang unterhielten. Um 8.45 Uhr verließ Morse das Haus, um seinen Verwandten den versprochenen Besuch abzustatten.

Hausarbeiten

Wenige Minuten später kam Lizzie ins Erdgeschoss. Ihre Stiefmutter gab Bridget den Auftrag, die Fenster des Hauses zu putzen. Sie selbst begab sich zu diesem Zeitpunkt ins erste Obergeschoss, um das Bett im Gästezimmer neu zu beziehen, obwohl dies normalerweise zu den Aufgaben von Lizzie und Emma gehörte.

Punkt 9.00 Uhr verließ Andrew Borden das Haus, um seine tägliche Runde in der Stadt zu drehen. Zunächst suchte er die Banken auf, bei denen er Teilhaber war. Anschließend ging er zu einem Ladenlokal, dessen Eigentümer er war. Dort fanden gerade Umbauarbeiten statt, die er begutachten wollte. Laut der anwesenden Handwerker verließ er das Geschäft um 10.40 Uhr, um nach Hause zurückzukehren.

Keine Spur einer Nachricht

Aufgrund der Körpertemperatur des Leichnams gingen die Ermittler davon aus, dass Abby Borden ihrem Mörder vermutlich um 9.30 Uhr zum Opfer gefallen war, auf jeden Fall zwischen 9.00 und spätestens 10.00 Uhr. Deshalb war es ausgeschlossen, dass sie zwischenzeitlich noch das Haus verlassen hatte, um eine kranke Freundin zu besuchen, wie Lizzie behauptet hatte. Die Polizisten fanden trotz intensiver Suche auch kein Benachrichtigungsschreiben, von dem die Tochter gesprochen hatte. Lizzie vermutete, ihre Mutter habe die Notiz möglicherweise verbrannt.

Verschlossene Türen

Als Andrew Borden gegen 10.45 Uhr zurückkehrte, putzte Bridget nach wie vor die Fenster. Die Haustür war von innen verriegelt, sodass sich Andrew nicht mit seinem Schlüssel hereinlassen konnte. Er klopfte. Bridget erschien und öffnete ihm. Wer die Tür in der Zwischenzeit von innen verriegelt hatte, konnte nie geklärt werden.

Ein Lacher

Das Dienstmädchen sagte aus, just in diesem Augenblick habe sie das Lachen von Lizzie Borden vernommen. Sie konnte die Tochter nicht sehen. Doch sie nahm an, dass das Gelächter vom oberen Treppenabsatz im Eingangsflur gekommen sei. Das Problematische an dieser Aussage: Von dieser Stelle hätte Lizzie die mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits ermordete Stiefmutter im Vorübergehen sehen können.

Pantoffelheldin

Lizzie bestritt jedoch, sich zu diesem Zeitpunkt im Obergeschoss aufgehalten zu haben. Sie sagte gegenüber der Polizei aus, sie sei beim Eintreffen des Vaters in der Küche gewesen. Dort habe sie einige Taschentücher gebügelt. Ihr Vater sei erschienen und habe sie gefragt, wo Abby sei. Sie habe ihm von dem Boten mit der Nachricht von einer kranken Freundin erzählt. Sie habe dann ihrem Vater die Stiefel ausgezogen und ihm in seine Pantoffeln geholfen, bevor er es sich auf dem Sofa zu einem Nickerchen bequem gemacht habe.

Lizzie Borden
Lizzie Borden

Als nächstes habe sie Bridget von einem Ausverkauf in einem Kaufhaus erzählt und ihr erlaubt, hinzugehen. Doch das Hausmädchen habe sich nicht wohlgefühlt und lieber kurz hinlegen wollen. Um 10.55 Uhr hatte Bridget ihre Putzsachen zusammengeräumt und suchte ihre Kammer im Dachgeschoss auf.

Wo war Lizzie Borden?

Darüber, wo sich Lizzie Borden in den nächsten fünfzehn Minuten aufhielt, gibt es widersprüchliche Aussagen. Lizzie behauptete gegenüber der Polizei, sie sei in die Scheune gegangen. Dort habe sie nach Metallstücken Ausschau gehalten, mit denen sie eine Angelrute beschweren konnte. Sie habe vorgehabt, ihre Schwester Emma in Fairhaven zu besuchen, um mit ihr dort fischen zu gehen.

Als sie um 11.10 Uhr ins Haus zurückgekehrt sei, habe sie ihren Vater tot vorgefunden. Doch zwei Zeugen – Simon Robinski und Charles Garnder – sagten aus, sie hätten Lizzie bereits um 11.03 Uhr die Scheune verlassen sehen.

Zudem hatte die Polizei natürlich auch die Scheune in Augenschein genommen. Zum einen war es in dem Gebäude brütend heiß. Zum anderen war der Boden mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Fußspuren waren darin keine zu erkennen. Sie zweifelten deshalb Lizzies Aussage stark an, in dem Schuppen ausgiebig nach Gegenständen gesucht zu haben.

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Das Originalhaus existiert im Übrigen nach wie vor, auch wenn die Hausnummer inzwischen Nr. 230 lautet. Die heutigen Besitzer betreiben darin eine Pension mit kleinem Museumsteil. 

Widersprüchliche Angaben erregen Verdacht

Mit ihren widersprüchlichen und teilweise seltsamen Aussagen erweckte Lizzie Borden automatisch das Misstrauen der ermittelnden Beamten. Zum Beispiel äußerte sie bei ihrer ersten Aussage, sie habe ein Stöhnen, ein schabendes Geräusch oder einen Angstschrei aus dem Innern des Hauses vernommen, bevor sie hineingegangen sei. Aber zwei Stunden später behauptete sie, sie habe gar nichts gehört und auch anderweitig nichts Ungewöhnliches beim Betreten des Hauses wahrgenommen.

Die meisten Beamten, die sich an diesem Tag mit Lizzie Borden unterhielten, fanden ihr Verhalten unangebracht. Sie habe sich zu ruhig und gelassen benommen. Doch trotz ihrer widersprüchlichen Angaben und ihres „unangebrachten“ Verhaltens kam keiner der Polizisten am Tattag auf die Idee, sie auf Blutflecken zu untersuchen. Zwar durchsuchten die Beamten ihr Zimmer. Aber die Überprüfung war bestenfalls oberflächlich. Vor Gericht sagten die Polizisten aus, sie hätten auf eine gründliche Durchsuchung verzichtet, weil Lizzie sich nicht wohl gefühlt habe. Dieser Mangel an Sorgfalt führte im Nachhinein zu viel Kritik an der Polizeiarbeit in diesem Fall.

Lizzie Borden
Lizzie Borden

Vier Äxte und keine Mordwaffe

Auch bei der Suche nach der Mordwaffe taten sich die Ermittler schwer. Sie hatten Lizzie Borden gefragt, ob sich im Haus irgendwelche Äxte oder Beile befinden würden. Sie bejahte die Frage und führte die Männer in den Keller. Dort zeigte sie ihnen vier Äxte.

Die Beamten glaubten, einen Volltreffer gelandet zu haben. Der Klinge eines Beils hafteten noch getrocknetes Blut und Haare an. Spätere Untersuchungen ergaben jedoch zweifelsfrei, dass es sich dabei um Rinderblut und -haare handelte.

Von den anderen drei Werkzeugen war ein Axtkopf staubig, einer rostig und einer mit Asche verschmiert. Bei letzterem Beil war zudem der Stiel direkt unter dem Kopfauge abgebrochen. Die Bruchstelle schien noch frisch zu sein. Von dem Griff fehlte jede Spur. War dies die Mordwaffe? Das mutmaßten zumindest die Ermittler. Doch letzten Endes ließen sich auf dem Klingenblatt keine Blutspuren sicherstellen.

Lizzie Borden - Axt
Die Mordwaffe?

Obduktion im Esszimmer

Um 15.00 Uhr ließ der Gerichtsmediziner Dr. Dolan die Leichen der Mordopfer in das Esszimmer bringen und dort auf dem Esstisch aufbahren. Er nahm die Obduktion gleich vor Ort vor. Er entfernte die Mägen und ließ sie von einem Boten zu Dr. Wood nach Harvard bringen.

Am Mittag traf der Onkel John Morse am Tatort ein, um 19.00 Uhr die Schwester Emma aus Fairhaven. Beide wurden sogleich von der Polizei vernommen, konnten aber wenig Nützliches zu den Ermittlungen beitragen.

Schließlich verließ die Polizei das Haus und brachte eine weiträumige Absperrung an. Es hatten sich im Laufe des Tages viele Schaulustige um das Gebäude versammelt. Bridget Sullivan verbrachte die Nacht bei Nachbarn. Alice Russell übernachtete im Schlafzimmer des Ehepaars Borden. Emma und Lizzie zogen sich in ihre eigenen Räume zurück. John Morse schlief im Gästezimmer – allerdings nicht in jenem, in dem Abby Borden umgebracht wurde. Dies behaupten zwar einige Quellen, doch im Dachgeschoss gab es wohl noch ein weiteres freies Zimmer.

Seltsame Beobachtung

Mehrere Polizeibeamte sorgten in der Nacht dafür, dass sich kein Neugieriger heimlich auf das Grundstück schlich. Einer der Polizisten machte eine seltsame Beobachtung. Er sah, wie Lizzie Borden den Keller aufsuchte. Dort beugte sie sich über einen Haufen mit Kleidern. Es war die blutige Bekleidung, die man ihren Eltern vor der Obduktion ausgezogen hatte. Was Lizzie suchte, konnte niemals aufgeklärt werden.

Am Samstag, dem 6. August, sollten Andrew und Abby Borden beerdigt werden. Die geplante Trauerfeier fand auch statt, doch auf die eigentliche Beisetzung mussten die Trauergäste verzichten. In letzter Minute hatte der Gerichtsmediziner Dr. Wood aus Harvard sein Veto eingelegt. Offensichtlich hatten ihn nicht alle Details der Obduktion seines Kollegen Dr. Nolan überzeugt und er bestand auf einer zweiten Autopsie. Bei dieser Gelegenheit entfernte er die Köpfe der Leichen. Die Totenschädel sollten später nochmals im Prozess eine Rolle spielen.

Erst zwei Tage nach der Tat gründliche Durchsuchung

Am Tag der Beerdigung führte die Polizei erstmals eine gründliche Durchsuchung des Tatorts in der Second Street durch. Sie nahmen die Kleider der beiden Schwestern genauer in Augenschein und beschlagnahmten die zerstörte Axt im Keller. Die Geschwister Borden und ihre Freundin Alice Russell hielten sich an diesem Wochenende immer noch im Haus der Bordens auf. Das Dienstmädchen Bridget Sullivan war nicht mehr dorthin zurückgekehrt, John Morse inzwischen abgereist.

Offiziell tatverdächtig

Am Samstagabend erschienen der Bürgermeister und ein Polizeibeamter im Haus. Sie teilten Lizzie Borden offiziell mit, dass sie in beiden Mordfällen als Tatverdächtige galt. Vorläufig blieb sie jedoch noch auf freiem Fuß. Emma Borden benachrichtigte daraufhin Andrew Jennings, den Anwalt ihres Vaters. Er vertrat fortan Lizzie Borden.

Lizzie Borden - Andrew Jennings
Andrew Jennings

Verbranntes Kleid

Als Alice Russell am Sonntagmorgen die Küche betrat, sah sie, wie Lizzie Borden ein Kleid im Küchenofen verbrannte. Lizzie behauptete, dass sie sich das Kleid mit Farbe verschmutzt habe und es deshalb unbrauchbar sei. Es konnte niemals eindeutig geklärt werden, ob es sich um das Kleid handelte, das Lizzie Borden am Tag der Morde trug. Aber die Polizei bewertete die Zeugenaussage als weiteres Indiz dafür, dass sie die richtige Verdächtige im Visier hatten. Nachdem bekannt wurde, was Alice Russell der Polizei erzählt hatte, brachen Lizzie und Emma Borden im Übrigen den Kontakt zur einstmals besten Freundin komplett ab.

Lizzie Borden
Lizzie Borden

Kapitelübersicht zum Fall Lizzie Borden

  1. Kapitel 1: Doppelmord in der Second Street
  2. Kapitel 2: Ein Insider-Job

Weiterführende Dossiers

2 Kommentare

  1. Auszug aus Kapitel (2) „Doppelmord in der Second Street“, Unterkapitel „Noch eine Leiche“:
    „Adelaide Churchill bot Bridget an, sie zu begleiten. Die beiden nahmen die vordere Treppe. Noch bevor sie den Treppenabsatz zum ersten Stock erreicht hatten, sahen sie Abby Borden auf dem Boden des Gästezimmers liegen. Die Frau war offensichtlich tot. Adelaide Churchill schrie: „Da liegt noch eine!““

    Kommentar:
    Sollte die Auffindung von Abby Borden wie im 2. Kapitel beschrieben erfolgt sein, wusste Adelaide Churchill (und vermutlich auch Bridget „Maggie“ Sullivan) schon vorher das/wo im Gästezimmer eine Leiche liegt.
    Denn nach Tatortfoto aus Kapitel (2) und dem Grundriss aus Kapitel (4) „Rekonstruktion des Tattages“, kann vom Treppenabsatz aus kein liegender Körper hinter dem Bett entdeckt werden.

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